Dev Tag in UJovt und Bild
Aus dem „Phönix"-Sumpf
Wiener Liste bestochener Personen — Bedeutsame Aemteruiederlegnnge«
Noch nicht alles bekannt
Die amtliche Nachrichtenstelle in Wien be
gann mit der Ausgabe der Listen der von der
Lebensversicherungsgesellschaft Phönix be
stochenen Personen. In der amtlichen Mit
teilung heißt es:
„Die in der Oeffentlichkeit vielgenannte Liste
wurde bei der Direktion der Lebensversiche
rungsgesellschaft vorgefunden und befindet sich
in den Händen der Behörden. Es handelt sich
um eine Liste, bestehend aus 24 Blättern, die
lückenlos vom Januar 1931 bis zum 17. Fe
bruar 1936 geführt wurde. Die Gesamtsumme
der darin verzeichneten Beträge beläuft sich
auf 2 814 009 Schilling und 7000 tscheschische
Kronen.
Bon dem in der Liste enthaltenen Gesamt
betrag entfallen 600 000 Schilling auf Rück
zahlungen, Aushilfen und Zuwendungen für
Wohlfahrtszwecke an Angestellte der Lebens
versicherungsgesellschaft. Für Pressezwecke
wurden ausgegeben 1 098 000 Schilling. Von
diesem Betrag entfallen 635 000 an den jüdi
schen Herausgeber der „Sonn- und Montags
zeitung", Ernst Klebinder. Der verbleibende
Betrag verteilt sich auf fünf Jahre und auf
mehrere Blätter, unter denen sich keine füh
rende Tageszeitung Oesterreichs befindet. Ein
Betrag von 15 495 Schilling wurde als Dar
lehen an vier öffentliche Beamte ausgewiesen.
Das Disziplinarverfahren wurde gegen diese
Beamten eingeleitet. Ein Betrag von 94 329
Schilling ist auf die Buchstabenchiffre „O" ein
getragen. Hierbei liegt der Verdacht vor, daß
es sich um eine Summe handelt, die dem Leiter
der Staatlichen Aufsichtsbehörde über das Ver
sicherungswesen, Sektionàhef Ochsner, zu
gekommen ist. Der jüdische Nationalfonds er
hielt 600 000 Schilling. Die Liste weist einen
weiteren Betrag von 3500 Schilling für natio
nale Zwecke auf.
Die Liste fährt dann fort, die Pfriemer-
Heimwehr (Dr. Pfriemer war seinerzeit
zweiter Bundesleiter der österreichischen
Heimwehren und hat später die sogenannte
steirische Heimwehr gegründet) erscheine unter
den Geldempfängern in der Zeit vom 3. April
1931 bis 27. Juli 1932 mit 18 000 Schilling. Der
Landbund erscheint in der Liste mit dem Be
trag von 192 800 Schilling. Die sozialdemokra
tische Technische Union erhielt ein Darlehen
von 300 000 Schilling. Zu Händen Dr. Rin-
telens ist ausgewiesen ein Betrag von 13 000
Schilling sowie ein weiterer Betrag von 95 000
Schilling, der ihm im Jahre 1932 von der
Kompaß-Bank zugegangen ist. Ein Betrag von
4 bis 6 Millionen Schilling, der sich nach den
bisherigen Erhebungen etwas erhöhen dürfte,
wurde nach den vorgefundenen Belegen für
außerordentliche Ausgaben in Prag ver
wendet.
In der amtlichen Verlautbarung folgen
dann die Namen von Personen, die öffentliche
Aemter bekleiden. Es wird festgestellt, daß im
Zusammenhang mit der „Phönix-Angelegen
heit der Präsident der Bundesbahnen, General
der Infanterie Karl V a u g o i n, der be
kannte Heimatschutzführer Staatsrat C o r e t h,
der Staatsrat und ehemalige Landesverteidi
gungsminister Generaloberst Fürst Schön-
bnrg-Hartenstein, der Landesleiter der
Vaterländischen Front in Wien, Oberst
leutnant a. D. Seifert, und schließlich der
Präsident der österreichischen Verkehrswer
bung, Dr. Ş t r a s e l l a, ihre öffentlichen
Aemter niedergelegt haben.
Hinsichtlich der Beträge, die an Organisatio
nen gegeben wurden, enthält die amtliche Liste
folgende Posten: der Reichsbund der Oester
reicher (monarchistische Organisation) erhielt
nach der Verlautbarung im ganzen 9000 Schil
ling, die Ostmürkischen Sturmscharen 2000
Schilling und die inzwischen aufgelöste Groß-
deutsche Volkspartei 47 000 Schilling als „Pro
vision" für eine Kollektivversicherung. Der
Heimatschutz hatte für alle seine Angehörigen
in allen Bundesländern eine kollektive Unfall
versicherung abgeschlossen, wofür ihm ein
„Regiekostenbeitrag" für die Durchführung
dieser Versicherung in Höhe von 6000 Schilling
monatlich ausgezahlt wurde,' die Summe die
ser Vergütungen beträgt 95 000 Schilling.
*
Der Eindruck der nunmehr veröfefntlichten
amtlichen Liste der durch den Phönix-Skandal
belasteten Persönlichkeiten ist in ausländi
schen Kreisen in Wien unbefriedigend. Man
glaubt, daß nicht alles mitgeteilt wurde, was
zur völligen Aufklärung hätte gesagt werden
können. Selbst wenn man nur die amtliche
Liste zur Beurteilung heranziehe und nicht
die sich mit zäher Hartnäckigkeit erhaltenden
Gerüchte und inoffiziellen Listen, so blieben,
wie betont wird, verschiedene unaufgeklärte
Punkte. Z. B. sei bei den Angaben der für die
Presse verausgabten Beträge über eine Sum
me von rund 460 000 Schilling nichts Genaue
res gesagt. Auch vermisse man die Namen der
vier öffentlichen Beamten, die ein Darlehen
bekommen hätten. Für noch nicht geklärt hält
man ferner den Posten von rund 100 000 Schil
ling, der auf Konto „O" gegangen sei und wo
bei lediglich die Vermutung ausgesprochen
werde, daß Sektionschef Ochsner diefe bekom
men habe. Als ganz bedenklich betrachtet man
den angeblichen Posten für die „National
sozialisten". Ueber 400 000 Schilling soll ein
Bachmann bekommen haben, der nach dem
amtlichen Bericht Häuseragent war. Was da
zu führte, diesen Mann als Nationalsoziali
sten zu bezeichnen, ist nicht bekannt. Selbst die
amtliche Mitteilung deutet an, daß es sich hier
möglicherweise um rechtmäßige Provisionen
handele. Ein Nationalsozialist Bachmann ist
übrigens in Wien nicht bekannt. Bei den
„Nationalsozialisten", die darüber hinaus
64 000 Schilling bekommen haben sollen, sind
seltsamerweise die Name« verschwiegen. Fer
ner vermißt man genaue Angaben darüber,
wer „namhafte", zum Beil unkündbare Dar
lehen zu niedrigem Zinsfuß" von den Mitglie
dern des ehemaligen Landbundes erhielt.
Keine Klarheit gewinnt man sodann aus de-i
vier bis fünf Millionen „außerordentlichen
Ausgaben in Prag". Als auffallend niedrig
werden die Beträge angesehen, die für die
Heimwehr und ostmärkische Sturmscharen aus
gewiesen sind, nachdem politisch weniger wich
tige Organisationen weitaus höhere Beträge
bekommen haben.
Nachzutragen wäre noch, daß der Landeslei
ter der Vaterländischen Front in Wien,
Oberstleutnant Seifert, seit Oktober 1934 mo
natliche Zuwendungen in Höhe von 300 u. spä
ter von 4M Schilling erhalten hat. Er will die
Beträge zur Unterstützung notleidender Ka
meraden verwendet haben.
*
London und der Skandal.
DNB. London, 29. April. (Eig. Funkm.)
Die Morgenblätter berichten in großer Auf
machung über die Enthüllungen der öster
reichischen Regierung im Zusammenhang mit
dem „Phönix"-Skandal. Die Tatsache, daß
führende politische Persönlichkeiten Oester
reichs Bestechungsgelder von der „Phönix"
erhielten, wird besonders hervorgehoben.
„Daily Herald" schreibt, daß mit einer Krise
in der österreichischen Innenpolitik zu rechnen
sei. Jedermann in Oesterreich frage sich, ob
die Heimwehr unter Führung Starhembergs
Schritte ergreifen werde, um ihre Forderung
durchzudrücken, daß die belasteten Minister im
Kabinett Schuschnigg entlassen werden sollen.
Der Oberste Ehren- und Disziplinarhof der DAF. eingesetzt.
Im festlich geschmückten Berliner Rathaus fand im Rahmen einer Feier die Ein
setzung des Obersten Ehren- und Disziplinarhofes der Deutschen Arbeitsfront statt.
Zum Festakt war neben zahlreichen Ehrengästen auch der Reichsorganisations
leiter Dr. Ley erschienen. Am Rednerpult Major Buch, der Vorsitzende des Ober
sten Parteigerichtes. (Scherl-Bilderdienst, K.)
Das nennt man Pech!
arbeiten zu machen, auf dem Flur mit einer
Pistole entgegen. Er legte an, um dem Kame
raden einen Schreck einzujagen. Die Waffe,
in Abwesenheit der Eltern einem Kasten ent
nommen, war aber, ohne daß er es wußte, ge
laden. Der Kamerad mußte den „Scherz" mit
dem Leben bezahlen.
In der Wandelhalle des Reichstagsgcbäudes
in Berlin wurde eine Ausstellung der
NSKOV. eröffnet, die sich „Die lebende Front"
nennt und einen Tag im Schützengraben vor
Augen führt. Die Schau wird im Laufe der
Zeit an vielen Orten Deutschlands zugüngig
gemacht werden.
In Moabit tauchte ein Gespenst der Vergan
genheit auf, einer der Nachkriegsschieber Ge
brüder Sklarz, und zwar der 54jährige Hein
rich Sklarz. Wegen einer Devisenschiebung im
Jahre 1932 erhielt er 3 Jahre Zuchthaus, 5
Jahre Ehrverlust und 15 000 Mark Geldstrafe.
Ein früheres Urteil war vom Reichsgericht
aufgehoben.
Nsuiîlel mutzie in M\m landen.
DNB. Paris, 29. April. (Eig. Funkm.) Ein
peinliches Mißgeschick hat den französischen
Flieger Drouillet ereilt. Bekanntlich war es
ihm am Sonnabend gelungen, die Aufmerk
samkeit der französischen Luftpolizei irrezu
führen und mit einem für den Negus von
Abessinien bestimmten, aber von den französi
schen Behörden aus formalen Gründen be
schlagnahmten Flugzeug von einem Pariser
Flugplatz zu entwischen. Seit diesem kühnen
Streich war man ohne Nachricht von Drouillet.
Nun soll, wie Havas aus Rom meldet,
Drouillet in Italien zur Notlandung gezwun
gen worden sein. Das Flugzeug sei sofort mit
Beschlag belegt worden, während sich der
Flieger verborgen halte. Jedenfalls hat der
Abessinienflug Drouillets damit ein vorzeiti
ges und programmwidriges Ende gefunden.
Wie der römische Vertreter des „Petit
Parisien" ergänzend mitteilt, soll Drouillet
zunächst die Absicht gehabt haben, nach Grie
chenland durchzusliegen. Er habe aber
Schwierigkeiten mit der Oelzufuhr gehabt und
Hütte deshalb auf dem ersten erreichbaren
Flugplatz landen müssen. Das sei ausgerechnet
der italienische Militärflugplatz Montecelio
gewesen. Die Tatsache, daß der Luftberater des
Negus gerade auf italienischem Boden landen
mußte, entbehre nicht eines gewissen Reizes.
Da der französische Flieger keine Papiere bei
sich hatte, widersetzten sich die italienischen Be
hörden allein schon aus diesem Grunde seinem
Weiterflug. Es bleibe, so schreibt das Blatt,
die Frage offen, was Drouillet seit dem Zeit
punkt seines überraschenden Startes in Paris
am Sonnabend und seiner Landung in Italien
am Dienstag gemacht habe. Wo ist er gewesen
und wo hat er sich Brennstoff für den Weiter
flug beschaffen können?
Der Berliner Bauunglücksprozetz.
Noļhs Einsturz-Erklärung.
DNB. Berlin, 28. April. Zu Beginn der
neuen Verhandlungswoche im Berliner Bau
unglücksprozeß äußerte sich Bauleiter Noth
noch einmal im Zusammenhang über seine Be
obachtungen beim Einsturz und gab über den
vermeintlichen Grund der Katastrophe Erklä
rungen ab, die der Vorsitzende teilweise als
völlig neu bezeichnete und die im Gegensatz zu
den von Sachverständigen der Staatsanwalt
schaft festgestellten Einsturzursachen stehen.
Während die Anklage von der Annahme aus
geht, daß die östliche Mittelwand infolge der
Einwirkung von Längskräften zuerst zum Ein
sturz gekommen ist, blieb Noth dabei, daß die
Katastrophe von der westlichen (Tiergarten-)
Seite ausgegangen sei, wo die Straßenbahn
an der Baugrube entlang fuhr. Dort hätten
sich, so erklärte Noth, zuerst die Bäume über
die Baugrube gesenkt, und dann erst habe sich
die Bewegung auf die Ostseite an den Minister
gärten fortgepflanzt. Er müsse annehmen, daß
sich Hohlränme beim Einschlagen der Bohlen
auf der Tiergartenseite gebildet Hütten, die
durch die Regengüsse erweitert worden seien.
Durch die Erschütterungen der Straßenbahn
sei die Erdfläche über den Hohlräumen zusam
mengedrückt worden. Der durch den Zusam
menstoß hervorgerufene Erdrutsch habe sich auf
die Bohlen fortgepflanzt und dazu geführt, daß
sie aus den Trägerflanschen heraussprangen.
Dann sei das Erdreich durch das Sohlenloch
in die Baugrube hineingerutscht. Noth meinte,
daß solche Hohlrüume auch unsichtbar unter der
Oberfläche weiterbestehen könnten, wenn ent
standene Löcher mit Sand ausgefüllt worden
sind. Mit der Annahme eines solchen Hohl
raumes unter der Oberfläche erklärte Noth die
angeblich von ihm beobachtete Trichterbildnng
an der Tiergartenseite. Hinter der Bohlen
wand sei das Erdreich an der Bruchstelle nach
gerutscht, und so habe sich an der Oberfläche
ein Trichter gebildet.
Vorsitzender: „Diese Angabe ist völlig neu.
Wie erklären Sie sich, daß sich der Einsturz von
einem kleinen örtlichen Ausgangspunkt über
die ganze Länge der Einsturzstelle von 64 Me
ter fortgepflanzt hat?" — Noth: „Der Trichter
hat sich erweitert, denn durch den Druck wur
den einzelne Rammträger verbogen, und so
wurden immer weitere Bohlen auf der ganzen
Länge der Einsturzstelle herausgedrückt."
In der Nachmittagssitzung äußerte sich
Reichsbahnrat Weyher über den Bauabschnitt
Hermann-Göring-Straße. Er will die ihm ob
liegende Ueberwachungspflicht hinsichtlich der
Baustelle vertragsmäßig und nach bestem Wis
sen erfüllt und darauf gesehen haben, daß die
persönliche Sicherheit der am Bau Beteiligten
wie auch die Verkehrssicherheit des endgültigen
Bauwerkes gewährleistet war. Weyher ver
wahrte sich gegen die Behauptung, daß er aus
Sparsamkeitsgründen irgendwelche notwendi
gen Sicherheitsmaßnahmen unterlassen habe.
Die Verhandlung wurde auf Mittwoch vertagt.
Emchļuņg eines lîeichssporļamļes.
Amtlich wird mitgeteilt: Durch Erlaß des
Führers und Reichskanzlers ist zur Bearbei
tung aller Sportsrageu im Geschäftsbereich des
Reichsministers des Innern ein Reichssport
amt errichtet worden. Der Leiter dieser Be
hörde führt die Bezeichnung Reichssportführet.
Mit der Durchführung des Erlasses, besonders
der Abgrenzung der Zuständigkeit des Reichs
sportamtes, ist der Reichsminister des Inner«
beauftragt.
ĶZrrZe Post
Nach Abschluß hes Reichsberufswettkampfes
waren die Teilnehmer Gäste der Stadt Kö
nigsberg. Dann unternahm man einen Aus
flug an die Samlandküste.
Ein Berliner Schulknabe trat einem Kame
raden, der ihn aufsuchte, um gemeinsam Schul-
Schwarzwalddorf eingeäschert.
Das in Flammen stehende Dörfchen Tunau im Schwarzwald. In
nerhalb einer Viertelstunde brannte die ganze Ansieölung, deren
Häuser zum größten Teil strohgedeckt waren, nieder. Durch das Un
glück wurden etwa 70 Menschen obdachlos. Der Schaden wird auf
etwa eine Biertàilliou Mark geschätzt. (Messephotn, K.).