überwunden. Marianne lebt 7 Jahre lang
Jmmcrmanns Andenken, prüft, ordnet und
veröffentlicht mit aller Liebe seinen Nachlaß.
1847 wird sie eines Oheims Gattin, seiner sechs
Kinder Mutter,' zu ihnen und Jmmcrmanns
Tochter kommen noch vier Kinder. 1870 geht sie
als Pflegerin in die Lazarette und erwirbt das
Eiserne Kreuz. Gustav zu 'Putlitz' Jmmer-
mann-Biographie ist zumeist Mariannes Werk.
Sie erlebt den Tod des zweiten Gatten. Erst
1886 endet ihr wahrhaft episches Leben.
Elisas Haus in Berlin ist der Sammelplatz
aller berühmten Leute der Zeit und aller noch
aus den Freiheitskriegen Lebenden. Bis ins
höchste Alter bewahrt sie die zarte Anmut und
Grazie der Jugend, die zierliche Gestalt, die
beseelten blauen Augen, die schönen Hände sind
ihr geblieben. Sie stirbt, als „seltenes und schö
nes Beispiel, wie eine Frau mit Anstand und
Anmuth alt werden kann", am 20. März 36,
ihrem Hochzeitstage. Vorher hat sie Lützow auf
dem Garnison-Friedhof ein Denkmal gesellt
Ein kleiner Bericht ist überliefert über die
eigene Art, in der Elisa die von ganz Deutsch
land festlich begangene 100. Wiederkehr von
Goethes Geburtstag feierte. Dieser Bericht
sagt mehr aus über die seltene Frau, als eine
eingehende Charakteristik es vermöchte. Sie
ließ ihre Zimmer mit einem Meer von Blu
men schmücken, zündete am Abend überall Ker
zen an und setzte sich in der feierlichen Beleuch
tung hin, Goethes „Iphigenie" zu lesen. „Ganz
allein in tiefer Stille, von Blumen und Licht
umgeben, saß sie da, den ergrauten Kopf über
das Buch gebeugt, eine Vertreterin höchster
deutscher Geisteskultur, eine Priesterin des
Schönen, dem Erhabenen mit tiefer Andacht
hingegeben" . . .
Wissenswertes Allerlei
Zu den vielen Dingen, die aus Kohle ge
wonnen werden, gehört neuerdings auch
Seife.
*
Bis etwa zum Jahre 1880 schätzte man die
tiefen Männerstimmen in Oper und Chor
nicht. Die Männer, die singen wollten, muß
ten mit künstlicher Sopranstimme singen, die
bei Beginn des Gesangunterrichts oft durch
eine Halsoperation erzielt wurde. Auch die
männlichsten Opernpartien wurden von Sän
gern mit diesen hohen, weiblichen Stimmen
vorgetragen.
Während des Weltkrieges wurden alle mög
lichen Staatsgeheimnisse durch eine der euro
päischen Gesandtschaften bekannt. Man stellte
alle Mitglieder der Gesandtschaft unter strenge
Bewachung, und mehrfach wurden sie gründlich
durchsucht,' schließlich wurde allen, die in dieser
Gesandtschaft arbeiteten, verboten, einen Mo
nat lang das Haus zu verlassen. Aber dennoch
kamen immer wieder Nachrichten von dort an
die unrechte Stelle. Schließlich entdeckte man,
daß eine Reinmachefrau die Spionin war.
Wenn sie Fenster putzte, war jede ihrer Bewe
gungen ein bestimmtes Signal, das einen
gegenüberwohnenden Helfer verständigte.
Mit zwei Zentnern durch den Weltkrieg
Erinnerungen eines Optimisten.
Von Karl Borromäus Gröber.
Copyright *5 Sy Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart.
(13. Fortsetzung.)
Es waren nicht alle Kameraden so edel wie
die, von denen Theodor Körner und ähnliche
Dichter uns aus vergangenen Zeiten erzählen.
Da war bei uns ein junger Mann, für den die
Lieben in der Heimat mehr sorgten, als es not
wendig war. Ihm gehörte fast immer die
Hälfte dessen, was die Feldpost lieferte, und
als wir in unserem verlausten türkischen
Quartier lagen, erschien eine gar hohe Per
sönlichkeit, nämlich der Feldjäger eines richti
gen Prinzen, und lud vor dem Quartier des
verwöhnten Kriegers zwei mächtige Kisten ab.
Was die eine enthielt, wußten wir nicht. Auf
der anderen aber bezeichneten mehrere scha-
blonierte Inschriften, daß sich in ihr echter
Salvator in Flaschen in größeren Mengen be
fände. Der Kamerad, der nicht gerne gab,
verstaute sie in seinem Quartier, wo sie län
gere Zeit liegenblieben. Es ging ein böses
Raunen durch die Batterie über die sagen
haften Schätze, die sich in den Kisten befinden
sollten, und dieses Gerücht drang auch zu den
Ohren des Batterieführers. Plötzlich kam der
Befehl zum Abmarsch. Wir Telephonisten hat
ten noch viele Kilometer Leitung abzubauen,
die wir vorher gelegt hatten, und sollten erst
dann dem anderen Haufen nachfolgen. Der
gute Kamerad bat und bettelte vergeblich, daß
ihm ein mitleidiger Fahrer seine Schätze mit
führe. Keiner tat's! Zu alledem bekam er
noch von dem klugen Batterieführer den Be
fehl, sofort anzureiten und vierzig Kilometer
von unserem alten Platz entfernt neues Quar
tier zu machen. Sein Antlitz war äußerst
schmerzbewegt, als er mich bat, nach seinem
Abzug die Kisten zu öffnen und mit meinem
Telephonisten dafür zu sorgen, daß nichts in
die Hände der Türken oder gar der Serben
falle, die er nicht liebte. Unsere Kameradschaft
ging allerdings auch nicht so weit, daß wir den
Inhalt der Kisten mit der ganzen Batterie ge
teilt hätten. Erst als der letzte Roßschwanz in
der Ferne verschwunden war, griffen wir zu
Hammer und Stemmeisen, und bald stand in
unserem Quartier neben einer gewaltigen
Reihe wohlversiegelter Flaschen mit echtem
alvator eine Menge von Büchsen mit Schin
ken und Ochsenzungen, mit Erdbeergelee und
Oelsaröinen, mit Heringen und Keks, mit Back
werk und Schokolade, kurz mit allem, was ein
Soldatenherz nur begehren kann. Drei Tage
hatten wir Zeit, um mit den schwer trans
portierbaren Schätzen aufzuräumen, ş'aber es
gelang. Drei Tage lang schauten wir und nn-
cre Türken, denen das Bier auch schmeckte —
da es ihnen Mohammed nicht verboten hat
te —, in eine nicht nur übertragen genom
mene blaue Zukunft. Tragisch aber war es, als
in der Stunde unseres Abrückens der Aermste
und Bemitleidenswerteste, dem wir all dies zu
verdanken hatten, mit drei Ochsenfuhrwerken
zurückkam, um altes, fast unbrauchbares und
darum zurückgelassenes Pferdegeschirr abzu
holen. Den Kameraden haben unsere Auf
räumungsarbeiten, die er an sich ja redlich ver
dient hatte, nicht gefreut, und seine Stirne
blieb umwölkt bis zu unserem Abzug. Die lee
ren Kisten und Flaschen hat er mit Erfolg
gegen einen schon ältlichen Ziegenbock einge
tauscht, der ihm als Nahrung für die nächsten
Dage dienen mußte, da er sonst wohl ganz ver
hungert wäre. Unser Marsch aber ging lang
sam vonstatten, denn das arme türkische Nest
war wider Erwarten zu einem Capua des
Bauches geworden, das die ersten zwei Tage
des Vormarsches reichlich beschwerte.
Vom Kriege war vorerst keine Rede mehr.
Wir wunderten uns sehr, als wir eines Tages
doch wieder in Marsch gesetzt wurden — Rich
tung Saloniki. Dabei passierten ' wir auch
einen Zipfel von Bulgarien, wo wir gut auf
genommen und herrlich verpflegt wurden.
Bald aber ging's weiter, und zwar auf den
Spuren Karl Mays. In seinem Buche „Durch
die Schluchten des Balkan" beschreibt er diesen
Weg so genau, daß wir noch lange am Lager
feuer darüber gestritten haben, ob der wackere
Aufschneider nicht doch hier gewesen sei. Jetzt
erfuhren wir auch, daß wir die bulgarischen
Trirppcn, die bis dahin auf denHöhen über dem
Doiransee die Grenze gegen die Franzosen
und Engländer in Saloniki geschützt hatten,
ablösen sollten.
Die Ablösung gestaltete sich pomphaft. In
einem breiten Talgrunde, dessen Höhen ter
rassenförmig auf beiden Seiten anstiegen, wa
ren die beiden Heere versammelt. Auf der Ost
seite standen die Deutschen, auf der Westseite
die Bulgaren. Die Talebene in der Mitte
blieb frei. In einem Abstand von ungefähr
dreihundert Meter waren zwei geheimnis
volle Zelte aufgebaut. Plötzlich begannen die
Regimentskapellen zu spielen: die deutschen
spielten die bulgarische, die bulgarischen die
deutsche Nationalhymne. Es war ein unge
heurer, aber erhebender Lärm. Jetzt öffneten
sich die beiden Zelte, und heraus sprengten in
gestrecktem Galopp die beiderseitigen Führer,
von rechts Mackensen auf seinem schlohweißen
chimmel und von links der Häuptling der
Bulgaren auf pechschwarzem Rosse. Kurz be
vor sie zusammenstießen, parierten sie die
Pferde, schwangen sich aus dem Sattel, eilten
aufeinander zu und umarmten und küßten
sich brüderlich. Die beiden Heere aber tosten
vor Begeisterung. Die Bulgaren warfen ihre
Mützen in die Höhe und fingen sie mit den
Bajonetten wieder auf. Wir Gebirgsartille-
risten konnten dieses schöne Spiel leider nicht
mitmachen, da wir keine Gewehre hatten.
Wir brüllten darum um so stärker. Als dann
das Feld von den beiden Generälen frei war,
wälzten sich die beiden Heeresmassen die Tal
hänge hinunter zur gemeinsamen Verbrüde
rung. Es war sehr schön und sehr erhebend,
und man unterhielt sich ausgezeichnet, obwohl
keiner vom anderen auch nur ein Wort ver
stand. Dann wurden wir in die verlassenen
Stellungen geführt, welche die Bulgaren vor
ihrem Abmarsch aufs peinlichste gesäubert hat
ten. Kein Papierschnitzel und keine Konserven
büchse waren zu sehen, nur in einem Graben
fand sich noch eine ausgesaugte Krebsschere,
die herrliche Genüsse ahnen ließ. Unsere neue
Stellung auf dem Kala Tebesi war, mit dem
Zivilauge gesehen, das Herrlichste, was man
sich denken konnte. Unter uns lag der tief
blaue Doiransee, rechts stieg in weiter Ferne
die geheimnisvolle Masse des Götterberges
Olymp auf, dessen schneebedeckter Gipfel zu
uns herüberglänzte. Zu unserer Linken ver
loren sich im leichten Dunst des Aegäischen
Meeres die Finger der Halbinsel Chalkidike
mit dem Mönchsberg Athos, dazwischen sahen
wir bei Nacht die Lichter von Saloniki. Das
Land aber, das vom Doiransee bis zum Meere
seine fruchtbaren Fluren vor uns ausbreitete,
war Griechenland, war ein neutrales Land,
das unsere Feinde nur unter dem Drucke der
Uebermacht auf seinem Boden dulden mußte.
(Fortsetzung folgt.)
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SUV
Aus Landratten werden Seebären. l
Als ihr neuestes Segelschiff hat die NS.-Ge- *
meinschaft „Kraft durch Freude" deu „Hanseat"
in Dienst gestellt, auf dem die werktätigen
Volksgenossen die Freuden des Hochseesegel
sports miterleben können. Um bei stürmischer
See die schweren Segel zu bergen, müssen die
Landratten all' ihre Kraft zusammennehmen.
(Schirner, K.)
Ein Sang von Treue und Liebe
Roman von Leontine v. Winterşeld-Pļaten
17) Nachdruck verboten.
Schwer ging der Atem in Olafs Brust. Es
war ein gewaltiges Arbeiten in ihm, das ihn
fast zu zersprengen drohte. Er nahm Sigruns
Hände und legte sie auf sein Herz. Und sah sie
an. Wortlos — unergründlich tief. Und sie
schauerte zusammen unter diesem Blick und
errötete. Und verstand die Worte nicht, die er
sprach:
„Nun muß ich gerade heute für immer fort
von dir."
Sie sah ihn fragend an.
„Fort? Du bist ja eben erst heimgekommen,
Olaf?"
Da sagte er ihr alles, und daß sein Leben
nicht mehr sein wäre und er sein Wort gege
ben.
Still und weiß wurde ihr Gesichtlein — und
totenernst. Aber sie wußte als Norölands-
kind, was Manneswort bedeutet und daß es
kein Rühren und Rütteln gibt daran. So bat
sie nicht und klagte nicht, sondern stand ihm
nur still zur Seite, indes die Nordmünner um
ihm schrien und lärmten.
„Hei, Prinz Olaf, wir rüsten ein zweites
Schiff, das deines begleiten soll. Und kämpfen
dich dort frei, mit Blut und Schwert!"
Aber Olaf hob abwehrend die Hand.
„Ich versprach, so wiederzukommen, wie ich
ausfuhr. Keinen Mann mehr oder weniger
darf ich der Fürstin wiederbringen."
Er reckte sich hoch und trat an den gewaltigen
Eichentisch zurück.
„Und nun, ihr Mannen, macht mir das Herz
nicht schwer! Froh in den Kampf! Froh in
den Tod! Das ist Nordmanns Losung! Helft
mir es halten bis zum Ende. Und laßt uns den
Metkrug kreisen zum letzten Male, als säße ich
morgen wieder mitten unter euch. Noch eine
Stunde habe ich Frist. Dann muß ich die Se
gel wenden und wieder südwärts fahren."
Da schwiegen sie alle in heiligem Ernst und
hoben die Humpen und tranken auf Nordlands
Ehre.
Leise war Sigrun an die Tür getreten und
stand nun an der Schwelle und sah sich noch
einmal um. In großer Sehnsucht und Not
hingen ihre Augen an Olafs Angesicht. Als
müßte sie noch einmal sich einprägen all die
Züge, die ihr so lieb und vertraut. Dann
schlüpfte sie leise hinaus, die steinerne Wendel
treppe empor. In ihr Turmgcmach stieg sie, wo
die Sommersonne flutend in die tiefen Bogen
fenster schien. Sie lehnte sich weit hinaus und
kreuzte die Häside über der Brust, wie in tiefem
Sinnen.
Da lag still unter ihr in silberner Bläue
und rosenrotem Morgenlicht das weite, un
endliche Meer. Grau ragten die Klippen aus
den murmelnden Fluten, von schneeweißen
Möwenschwürmen umranscht. In seinen An
kerketten knarrte ungeduldig das gewaltige
Schiss, als könne es nicht abwarten, wieder die
Segel zu blähen in stolzer Wanderlust.
Das Mägdlein oben breitete beide Arme aus
und ein Schluchzen erschütterte ihre junge
Brust. Denn nun kamen vom Ufer her lang
sam und ernst die Nordmänner geschritten
und machten sich an den Rudern und Segeln
zu schaffen. Ihr war, als griffe eine eiserne
Hand nach ihrem Herzen und drücke es zusam
men.
Und dann kam ein schwerer Schritt den Wen
delstein herauf, und hinter ihr öffnete sich lang
sam die schmale Tür. Sie wandte den Kopf
und wußte doch schon, wer sie da suchte.
„Nun laß uns Abschied nehmen, Sigrun",
sagte Olaf leise und legte die Arme um ihren
zitternden Leib. Sie barg den Kopf an seiner
Schulter und konnte das Weinen nicht lassen.
Er strich ihr weich über das blonde, lange Haar
— immer wieder.
„Ich danke dir, daß ich so scheiden darf,
Sigrnn. Daß ich nun weiß, daß deine Liebe
mir gehört und keinem andern. Ich wähnte
einst, dir gälte Helge mehr als ich. Nun er dein
Brllder ist, gönne ich ihm deine Liebe. Er wird
dir Schutz und Trost sein, wenn ich nicht mehr
bei dir bin. Die Götter seien mit dir, Sigrun,
und machen dein Leben licht und sonnig."
Und er hob mit seiner großen Hand ihr trä-
nenüberströmtes Gesichtlein empor und küßte
sie heiß und inbrünstig auf den Mund. Sie ließ
ihm willig die Lippen und klammerte ihre
Arme um seinen Hals.
„Nimm mich mit, Olaf, bei allen Göttern,
nimm mich mit!"
Da schüttelte er ernst den Kopf.
„Die wilde Fürstin da unten würde dich zer
reißen, es geht nimmer an."
Und mit sanfter Gewalt machte er ihre Hände
los von seinem Hals und ließ sie zur Erde
gleiten.
Mit einem langen, langen Blick umfing er
noch einmal ihre süße, bebende Gestalt, dann
riß er sich los und schritt harten Ganges über
die Schwelle. Auf den steinernen Stufen hörte
sie seinen Schritt verklingen.
Da reißt es sie hoch. Zum Fenster taumelt sie.
Ihn nur noch einmal sehen — ein einziges
Mal!
Wie sie da unten arbeiten auf dem Schiff.
Aber Olaf ist noch nicht zwischen ihnen. Und
jetzt flammt, wie das goldne Licht der Morgen
sonne selber, ein jäher Gedanke durch ihr
Hirn.
Der reißt sie hoch. Aus den Augen wischt sie
sich die Tränen und tastet sich nach der Tür.
In Helges Krankengemach schleicht sie — leise
— leise. Da hängen an seinem Lager seine
alten zerschlissenen Fischerkleider. Die reißt sie,
hastig an sich.
Helge schläft. Man sieht, daß es besser mit
ihm wird, denn sein Atem geht langsam und
ruhig. Mutter Inge sitzt an seinem Bett und
träumt vor sich hin. Sie hat nicht acht auf das,
was Sigrun tut. Wieder ist das Mädchen aus
der Tür gehuscht, in ihre Kammer hinauf.
Mit zitternden Händen löst sie ihr lichtblaues
Kleid und schlüpft in Helges dunkles Fischer-
gewand. Und drückt sich scheu an der Mauer
entlang die Treppe herunter, über den Hof,
auf dem die Mannen durcheinander hasten,
zum Aufbruch bereit.
In dem Trubel hat keiner acht auf den fei
nen schmalen Fischerknaben. Der gleitet durch
die Ginsterbüsche den Felshang hinab zur See.
Zwischen Netzwerk und alten Einbäumen ver
birgt er sich sorgsam am Ufer. Und späht zwi
schen den Klippen, ob Olaf schon auf dem Schiff
sei. Und dann ist der Fischerknabe jäh ver
schwunden, als hätte die Erde ihn verschlungen.
Höher steigt die Sonne. An den Rudern
sitzen die Mannen, gehißt sind alle Segel.
Prinz Olaf tritt als erster auf das Schiff
und grüßt noch einmal sein Heimatland. Zum
Bogenfenster schaut er suchend und sehnend
empor, aber keine lichte Gestalt neigt sich herab,
ihm zu winken.
Da wird das Herz ihm schwer und er beißt
die Zähne zusamlnen. Südwärts steuert das
Schiff, silberne Spuren lassend auf der blauen
See.
Heute tönt kein Männerfang über die Was
ser. Schwarz weht die Trauerfahne von der
Wikingerburg, denn die da ausreisen im Son
nenlicht, die tun ja heute ihre Todesfahrt —
um der Treue willen.
In der einsamen Halle sitzt der König Biörn
und hat den Kopf in beide Hände gestützt. In
seinem weißen Bart spielt der Morgenwind.
An die hölzernen Schiffswände schlagen ein
tönig klatschend die grauen Nordseewellen. Im
untersten Schiffsraum, wo Waffen und Ge
rümpel den Boden decken, sitzt der feine Fischer
knabe und starrt durch die kleine Luke hinaus
auf die unendlichen Wasser.
Die große Not und Angst, die vorher in
Sigruns Gesicht gewesen, ist nun daraus ge
wichen. Der Augenblick der Schwäche, der sie
bei Olafs Abschied überkam, ist vorüber und
vergangen. Denn in all dem jähen Weh, das sie
so plötzlich überfiel wie ein Raubtier aus dem
Hinterhalt und gegen das sie wehr- und macht
los stand, ist blitzschnell ein Gedanke aufge
zuckt in ihr — ein starker Entschluß gereift in
ihrer Seele. Der hat sie aufgerissen aus ihrem
Abschiedsschmerz und ihre arme verwirrte
Seele wieder angefüllt mit neuer, starker Hoff
nung. Denn sind wir Menschen nicht immer
dann am stärksten, wenn wir hoffen? Und
wenn es auch nur ein winziges Strohhälmchen
ist, an das wir uns klammern in der Not des
Ertrinkens. Es füllt unsere Seele dennoch
mit lichten Bildern und schafft, daß wir nicht
untergehen in stumpfer Verzweiflung.
(Fortsetzung folgt.).