Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Allerlei am aller Wett 
Tausendjähriges Holz wird zum dritten 
mal verwendet. 
In dem Heidedorf Wahrenholz wurde das 
letzte strohgedeckte Bauernhaus der Gemeinde 
abgebrochen, an seiner Stelle soll ein moder 
nes Einfamilienhaus errichtet werden. Man 
'and beim Abbruch einen schweren Eichenbal 
ken mit einer Inschrift, die darauf hinweist, 
daß das Gebäude zu Luthers Zeiten erbaut 
worden war. Außerdem ist die Jahreszahl 1000 
aus diesem Balken eingehauen, woraus ge 
schlossen werden kann, daß dieser Balken be 
reits im Jahr 1000 und dann zu Luthers Zei 
ten nochmals verwendet worden war. Auch In 
schriften an anderen Höfen deuten auf das 
Jahr 1000 hin und sind daher ebenso alt. Sämt 
liches Eichenholz ist noch so gut erhalten, daß es 
jetzt ohne weiteres zum drittenmal Verwen 
dung finden kann. Die Farbe ist tiefbraun, und 
es hat den Anschein, als ob das Holz noch viel 
härter geworden wäre. 
Die erste Pyramide von Guatemala. 
Neue Funde aus der Maya-Zeit. 
Drei ineinander geschachtelte Pyramiden 
aus der Mayazeit sind in der Nähe der Stadt 
Guatemala von der vom Carnegie-Institut 
ausgerüsteten Expedition entdeckt worden. Das 
jetzt aufgefundene Bauwerk, die erste Pyra 
mide, die im Hochgebirge von Guatemala auf 
gefunden wurde, war ursprünglich viel kleiner 
und wurde erst nach und nach vergrößert, in 
dem um den kleineren Bau ein größerer auf 
geführt wurde. Bei den Ausgrabungen stieß 
man auf das Innere der mörtelbedeckten 
Stufenpyramide und fand gut erhaltene Wän 
de und Treppengänge. Auf Veranlassung des 
guatemalischen Ministers für Erziehung, Vil- 
lacorta, der selbst Archäologe ist, wird die ganze 
Maya-Anlage ausgegraben werden. Dr. Kid 
der, der Leiter der Expedition, glaubt, daß die 
Bergtäler dieser Gegend noch manche Spuren 
einer Zeit enthalten, die vor der Blütezeit der 
Maya-Kultur liegt, und die den Grundstein 
für die herrlichen Bauten bildete. 
Die Quadratur des Kreises gelöst? 
Ein angesehener kubanischer Mathematiker, 
Fiorentino de la Vaca in Havanna, behauptet, 
das Problem der Quadratur des Kreises ge 
löst zu haben, an dem sich die Wissenschaft von 
jeher vergeblich versucht hat. Der Gelehrte hat 
seine Formel einer Versammlung von Inge 
nieuren und Mathematikern vorgetragen, die, 
nach Zeitungsberichten, erklärt haben sollen, 
von der Lösung überzeugt zu sein. 
Kiuderpuppen leihweise. 
Vor einiger Zeit starb in Philadelphia ein 
Millionär, der in seinem Testament eine 
eigenartige Stiftung ins Leben rief. Er hin 
terließ nämlich eine Summe, um in allen An 
lagen und öffentlichen Spielgürten der Stadt 
Warum mailen Lie so leichtsinnig sein 
uns Ihre Haut ungeschützt der Sonne aus- 
setzen? Es gibt doch Nivea. Wenn 
man sich vor jeder Sonnen- 
bestrahlung gut mit Nivea- 
Creme oder mit Nivea-Öl 4 “■" 
einreibt, dann erhält man ganz 
wunderbar schnell eine herr 
lich natürliche Hautbräunung 
sogenannte „Puppenbibliotheken" einzurichten, 
wo kleine Mädchen für einen Cent täglich Pup 
pen leihen können. Die Kinder, die die Pup 
pen entleihen, geloben feierlich, sie heil und 
sauber zurückzubringen, und das ist auch fast 
immer der Fall. Ist doch einmal ein Unglück 
geschehen, dann ist die kleine Puppenmutter 
untröstlich und vergießt heiße Tränen. Drollig 
ist, daß die meisten Kinder stets wieder die 
selbe Puppe verlangen,' sie haben ihren beson 
deren Liebling, und wenn der unglücklicher 
weise verborgt ist, ist die Trauer groß. 
Heitere Ecke 
Die Kasernenhofblüte. 
Bei Serenissimus ist ein ausländischer Prinz 
zu Gast, der unter den anderen Sehenswürdig 
keiten auch die Kasernen besichtigt. Als sie den 
Hof durchschreiten, bemerkt der Prinz einen 
herrlichen Fliederbusch, dessen Blüten ihn ent 
zücken. Auf seine Frage, wie die Blüten auf 
deutsch heißen, entgegnet der in Botanik etwas 
schwächliche Serenissimus: „Das sind — ja —- 
das sind — ja die bekannten „Kasernenhof 
blüten"." 
Der Ersolg. 
Müllers Schängche, ein richtiger kölscher 
Lausbub, spricht überhaupt kein Hochdeutsch. 
Aber nun haben die Müllers geerbt und sind 
„fein" geworden. Natürlich auch das Schäng- 
che. Doch das stört sich wenig daran und bab 
belt nach wie vor Kölsch. 
Die Mama aber wünscht, daß das Schängche 
Hochdeutsch lernt. Deshalb wird er in den Fe 
rien in ein Dorf in der Nähe von Hannover 
zu einer Tante geschickt. Da soll das Johänn- 
chen Deutschlands reinstes Deutsch lernen! 
Nach vier Wochen holt ihn der Vater wieder ab. 
„Nun, Johännchen, hast du auch gut Hoch 
deutsch gelernt?" erkundigt sich die Mama. 
„Enä", strahlt das Schängche übers ganze 
Lausbubengesicht, „ävver et ganze Dörp spricht 
Kölsch!" 
Die Ruine. 
Ein altberühmtes Städtchen wird bewacht 
von einer wunderbaren Ruine, die im Besitz 
einer Großherzogin ist. Am Eingang prangt 
eine Amtstafel mit folgender, nicht besonders 
galanter Inschrift: 
„Die Besichtigung der Ruine Ihrer König 
lichen Hoheit der Frau Großherzogin ist dem 
Publikum gestattet. Das Besteigen der Brü 
stung ist bei Strafe verboten, und es wird 
gebeten, dieses Verbot zu beachten. 
Die Polizeiverwaltung." 
Die Gleichung. 
Der Professor gibt die Klassenarbeit zurück. 
„Meier", sagt er, „Sie sollten die Gleichung 
mit zwei Unbekannten ausrechnen. Mir scheint 
aber, Sie haben sie mit zwei Bekannten aus 
gerechnet." 
Mit zwei Zentner« dnrch den Weltkrieg 
Erinnerungen eines Optimisten. 
Von Karl Borromüus Gröber. 
Copyright 1985 by Deutsche Berlagsanstalt Stuttgart. 
(14. Fortsetzung.) 
Am Doiransee war zur Abwechselung die 
Anordnung der Truppen ganz anders als 
sonst im Krieg. Oben auf den Bergen lagen 
in ihren Gräben und Unterständen die Infan 
terie und die Artillerie, die den Feind abweh 
ren sollten. Drunten im Tal aber, vor der 
Stellung, lagen in dem freundlichen Städtchen 
Doiran die Bagagen und die höheren und nie 
deren Stäbe. So trat der seltsame Fall ein, 
daß die Herren vom Train zwischen der vor 
dersten Stellung und dem Feinde sich befanden. 
Der Feind aber war fern, und wenn sich trotz 
dem eine feindliche Patrouille nahte, so sah 
man sie schon von weitem kommen und konnte 
sie leicht abwehren. Bei solchen Gelegenhei 
ten aber war der Besuch in unseren hoch gele 
genen Unterständen durch die Herren im Tale 
lebhafter als sonst. 
Das erste, was der Soldat in einer neuen 
Stellung tut, ist, daß er sich eine Hütte baut. 
Hütten bauen ist nur dann leicht, wenn man 
Holz oder sonstiges Baumaterial zur Verfü 
gung hat. All dies gab es hier für den Solda 
ten nicht. Nur stachliger Ilex oder Steineichen 
bedeckten kaum einen Meter hoch die kahlen 
Hänge. Drunten im Tale standen zwar Maul 
beerbäume in Massen, aber sie gaben kein ge 
eignetes Baumaterial ab. Not macht erfin 
derisch! Aus dem stachligen Dornengestrüpp 
wurde über einem großen viereckigen Loch, 
das für sechs Leute genügend Raum bot, eine 
Art Kuppel geflochten, die durch ein paar 
knorrige Hölzer versteift wurde. Das Ganze 
deckte man mit Nasen, den man in mehreren 
Schichten übcreinanderlegte, gehörig ein, be 
schwerte es noch mit Steinen, damit das' Dach 
richtig zusammenhielt, und fertig war die 
Hütte. Sie bot auch den Vorteil, von keinem 
Flieger erkannt zu werden. Im Innern wur 
den an den Seiten primitive Bänke, die nachts 
zum Schlafen dienten, angebracht, und in der 
Mitte prangte der aus einem Kistendeckel her 
gestellte Tisch. Später kam zu dieser Ausstat 
tung noch ein pompöser Kronleuchter, dessen 
vier Enden von Ameisen präparierte, mächtig 
behörnte Widderschüdel dekorierten. Für die 
Unterkunft war so gesorgt, und man konnte 
daran denken, in die einfache und wegen der 
spärlichen Nachfuhr nicht gerade üppige Ver 
pflegung etwas Abwechslung zu bringen. Die 
glänzenden, klaren Fluten des Doiransees, den 
unzählige Fischerkähne belebten, riefen mir 
jene einsame, rote Krebsschere aus dem bul 
garischen Unterstand ins Gedächtnis zurück. 
Einem Kameraden, der mit seinem Tragtier 
als erster in das Städtchen Doiran geschickt 
wurde, gab ich drei Mark in einzelnen Zehn 
pfennigstücken mit, um mir, wenn möglich, für 
dieses Geld Krebse zu kaufen. Am Abend kam 
er zurück und lud vor unserer Hütte einen 
ungeheuren Sack, gefüllt mit Krebsen, ab. Für 
solchen Segen reichte kein Kochgeschirr aus. 
Unser gutmütiger Koch, der Krebse auch gern 
aß, heizte nochmals die Feldküche an, und nach 
einer Stunde ging ein Krebsschmausen los, 
Sauerstoffapparaten bisher über lumpige 
15 Klm. nicht hinweggekommen. Nichtsdestowe 
niger trägt jeder Mensch, der auf Erden wan 
delt, auf sich das Gewicht einer mindestens 200 
Kilometer hohen Luftsäule, denn auch die 
scheinbar so leichte Luft hat, wie du in der 
Schule schon gelernt haben wirst, ein spezifi 
sches Gewicht. Ungefähr 10 330 Kilogramm 
Luftdruck lasten in Meereshöhe auf einem 
Quadratmeter Erdoberfläche,' auf dem Mont 
Blanc sind es nur noch 5750 Kilogramm. Neh 
men wir die Oberfläche eines erwachsenen 
Mannes mit 1,75 Mtr. an, so hat er in unseren 
Gegenden einen Druck von beiläufig 17 500 
Kilogramm auszuhalten, was etwa dem Ge 
wicht eines vollbelaöenen Eisenbahnwaggons 
entspricht. Aber er fühlt sich sehr wohl dabei, 
weil der gleiche Druck auch von seinem Kör- 
perinnern nach außen wirkt und unser Orga 
nismus eben auf diesen Luftdruck geeicht ist. 
Anders liegen die Verhältnisse im Caisson, in 
den zur Verdrängung des Wassers Preßluft 
von, sagen wir, zwei Atmosphären Druck ein 
gepumpt wird. Daß man mit dem Wort „At 
mosphäre" nicht nur die den Erdball um 
gebende Lufthülle bezeichnet, sondern auch die 
Maßeinheit des Druckes, unter dem sich eine 
Flüssigkeit, Dampf oder Gas befindet, weißt 
du wohl. Eine Atmosphäre Druck bedeutet so 
viel wie den Druck, den eine 760 Millimeter 
hohe Quecksilbersäule oder eine 10 Meter hohe 
Wassersäule oder 1 Kilogramm auf 1 Quadrat- 
zentimeter ausübt. Wenn du ein wenig zu 
multiplizieren verstehst, kannst du dir ausrech 
nen, wieviele Waggonladungen an Luftdruck 
dem Körper eines Arbeiters im Caisson aus 
gelastet werden, wenn der Druckmesser oder 
Manometer auf 2 Atmosphären steht. Doch der 
Mensch gewöhnt sich beinahe an alles. Um dies 
zu ermöglichen, muß der Arbeiter vor dem 
Einstieg in den Caisson eiüe Stunde bei lang 
sam ansteigendem Luftdruck in der sogenannten 
Schleuse verweilen, und nach dem Ausstieg 
wieder eine Stunde, doch diesmal bei langsam 
fallendem Luftdruck. Der plötzliche Uebergang 
wäre in beiden Fällen lebensgefährlich. Des 
senungeachtet, und obwohl man für die Cais 
sonarbeit nur völlig gesunde Männer nicht 
unter zwanzig und nicht über vierzig Jahre 
auswählt, kommt es manchmal vor, daß die 
Natur streikt und einer nach Feierabend von 
einer rätselhaften Krankheit befallen wird, der 
sogenannten Caissonkrankheit. Ta gibt es denn 
nichts anderes, als ihn schleunigst wieder un 
ter hohen Luftdruck zu setzen, soll er nicht elend 
zugrundegehen." 
Mit großen runden Augen hatte Thomas 
diese erstaunlichen Dinge gehört. Nun fiel sein 
Blick zufällig aus Herrn Knolls Weckeruhr. 
Zehn Uhr fünfzehn. Wie von der Tarantel ge 
stochen sprang er auf und stürzte hinaus. Nicht 
einmal Zeit zum „Danke" sagen blieb ihm. 
Knapp hinter Thomas kam auch der Vater 
nach Hause, fröstelnd in seine große Decke ge 
hüllt, müde, schweigsam, wie immer. Stumm 
setzte er sich zu Tisch und löffelte die Suppe. 
Doch heute schmeckte es ihm nicht wie sonst. 
Bald legte er den Löffel weg und begann sich 
auszukleiden. Thomas hätte seine neu errun 
gene Wissenschaft natürlich gar zu gern aus 
gekramt, aber er wußte, daß der Vater für die 
technischen Interessen seines Sohnes nicht viel 
übrig hatte. So schwieg auch er und begab sich 
ebenfalls zu Bett. 
Mitten in der Nacht wachte Thomas auf. 
Sein Vater saß auf einem Stuhl vor dem Tisch, 
stützte den Kopf in die Hände und stöhnte. 
„Was ist dir, Vater?" fragte Thomas. Keine 
Antwort. Taumelnd stand der Vater auf, 
machte ein paar unsichere Schritte zur Stuben 
tür und sank lautlos in sich zusammen. Mit 
einem Satz war Thomas bei dem auf der Diele 
Hingestreckten und rüttelte ihn. „Vater! Va 
ter!" Tödlicher Schreck ließ das Herz des Kna 
ben einen Augenblick stille stehen. Das mußte 
die Caissonkrankheit sein. Deutlich klang ihm 
die Stimme des Herrn Knoll in den Ohren: 
„Da gibt es nichts anderes, als ihn schleunigst 
wieder unter hohen Luftdruck zu setzen, soll er 
nicht elend zugrundegehen!" 
Niemals im Leben war Thomas so schnell 
in den Kleidern gcivesen wie jetzt. Er sprang 
zur Tür hinaus uud schrie laufend ein ums 
andere Mal: „Herr Knoll! Hilfe! Hilfe! Herr 
Knoll!" Ob der Wind schuld daran war oder 
ob der Nachtwächter vielleicht gerade hinter 
einem hohen Holzstoß stand — niemand weiß 
es,' aber des Knaben Hilferufe verhallten un- 
gehört. Atemlos erreichte er den Lagerplatz. 
Finster und verlassen lag alles da. Nur Herrn 
Knolls Motorrad lehnte in dem unversperrten 
Schuppen, und jäh durchzuckte ein Gedanke 
Thomas' Hirn. Ehe er noch zu Ende gedacht 
war, saß der Junge schon auf dem Rad und 
trat auf den Anlasser. 
Wie er es zuwege gebracht hatte, den schwe 
ren Körper des Vaters auf den kleinen Hand 
wagen zu laden, konnte sich Thomas später 
nicht erklären. Aber wer einmal gleich ihm 
wahre Todesangst erlebte, wird die Verdoppe 
lung seiner Kräfte vielleicht begreiflich finden. 
Denn in diesen Minuten wußte Thomas plötz 
lich, daß es auf Erden für ihn nichts Kost 
bareres gab, als das Leben dieses schweig 
samen, mürrischen Mannes. 
Den Handwagen mit dem Vater im Schlepp 
tau des Motorrades, fuhr er in der finsteren 
Nacht zur Baustelle. 
Die Männer bei der Preßluftmaschine schau 
ten nicht wenig, als sie des sonderbaren Fuhr 
werkes ansichtig wurden. Mit hastigen Wor 
ten erzählte ihnen Thomas von seinen Be 
fürchtungen, und daun hielt man sich nicht 
mehr mit langen Reden auf. Während einer 
sich bemühte, am Fernsprecher einen Arzt aus 
dem Schlaf zu klingeln, trugen zwei andere 
Arbeiter den bewußtlosen Kameraden in die 
Schleuse. Es hatte auf der Arbeitsstelle schon 
einmal einen Fall von Caissonkrankheit ge 
geben, so daß man bereits über einige Praxis 
verfügte. 
um das uns selbst der alte Gargantua beneidet 
hätte. Jeder, der mithalten wollte, konnte sich 
von Herzen gütlich tun. Als dann um Mitter 
nacht das letzte Schalentier vertilgt war und 
uns die Kinnbacken schmerzten, suchten wir 
noch fein säuberlich die leuchtenden Schalen 
zusammen und bauten damit ein kleines Denk 
mal unseres Schmauses auf. Die Krebse stie 
gen übrigens rasch im Preis, und man konnte 
bald für drei Mark nur noch ein bescheidenes 
Mahl für einen Mann bekommen. Von jenem 
Krebsessen, das vom Abend bis zur Mitter 
nacht währte, träume ich manchmal noch heute. 
Mit den Schildkröten, die es später in Massen 
gab, machten wir weniger gute Erfahrungen 
als mit den Krebsen. Der Versuch, aus den 
größtem und dicksten Exemplaren jene sonst so 
beliebte Bouillon zu kochen, schlug vollständig 
fehl, und das Fleisch war nur mit altem, nassem 
Radiergummi zu vergleichen. Das Leben auf 
unserem klassischen Beobachterstand war recht 
ruhig. Nur einmal kam ein Fliegergeschwader 
von beinahe dreißig feindlichen Flugzeugen 
über unsere Stellung und warf heftig knallen 
de, aber nicht allzu gefährliche Bomben aus so 
geringer Höhe auf uns herab, daß einige Un 
entwegte sogar mit Handgranaten nach ihm 
werfen konnten. Erfolg hatten sie zwar keinen 
zu verzeichnen, um so mehr aber der berühmte 
Jmmelmann, der mit seinem roten Flugzeug 
wie ein Teufel in die Schar der Feinde stieß. 
Zwei von den feindlichen Flugzeugen stürzten 
brennend in den Doiransee, die anderen mach 
ten sich rasch aus dem Staube. Auch auf unsere 
Hütte war eine kleine Bombe gefallen, sie harte 
aber nur ein paar Steine weggerissen. 
Unsere Pferde und Tragtiere weideten in 
großen Scharen, von wenigen Mann bewacht, 
an den Abhängen der Berge. Es kam öfters 
vor, daß sich einige Tiere verliefen, und daß 
man sie in der Umgebung suchen mußte. Diese 
Arbeit galt als Erholung und angenehme Ab 
wechslung im Stellungskrieg. Es waren gemüt 
liche Ausflüge zu Pferd, die man durch kleine 
eingeschaltete Wettrennen noch besonders 
würzte. Bei einem solchen Rennen fiel ich ziem 
lich unsanft beim Ueberspringen eines Gra 
bens vom Pferd. Diese bei mir an sich nicht 
auffallende Tatsache wäre kaum der Erwäh 
nung wert. Interessant aber war, wie die bul 
garischen Kavalleristen, die in der Nähe lager 
ten, mein zerschundenes und blutendes Gesicht 
behandelten. Sie wuschen mich mit dem übrig 
gebliebenen Wasser aus den Kübeln, aus de 
nen sie kurz vorher ihre räudigen Pferde ge 
tränkt hatten, und trockneten mich mit Hand 
tüchern ab, die jeder Sauberkeit Hohn sprachen. 
Durch diese Behandlung war ich schließlich 
schmutzig wie ein kleiner Bube, der im Dreck 
gespielt hat. In ziemlich raschem Tempo bin ich 
dann in unser Quartier zurückgetrabt, um 
mir möglichst bald eine Tetanuseinspritzung 
geben zu lassen, denn in jener Gegend war 
Wundstarrkrampf eine häufige Erscheinung. 
Wir hatten geglaubt, daß das Frühjahr hier 
viel früher käme als bei uns zu Hause, aber 
erst gegen Ende März wurde es langsam grün. 
Seltsame Pflanzen, die wir nie gesehen hatten, 
blühten in den Felsschluchten. Um die Blüten 
pracht aus allernächster Nähe zu genießen, leg 
ten wir auf dem Dach unserer Erdhütte einen 
regelrechten 'botanischen Garten an und ver 
setzten hierher alle interessanten Pflanzen, die 
wir fanden. (Fortsetzung folgt.) 
In der Eile aber übersah man, daß auch 
Thomas in die Schleuse mit hineingerutscht 
war. Er kniete an der Seite des Vaters, hielt 
dessen schwere Arbeitshände in seinen Kna- 
benhündcn und schaute ihm angstvoll ins Ge 
sicht. Doch merkwürdig, je mehr Farbe in dessen 
Gesicht zurückkehrte, desto beklemmender fühlte 
Thomas ein unbestimmtes Etwas auf sich zu 
kommen. Der steigende Luftdruck, der den 
Mann dem Leben wiedergab, war im Begriff, 
das Leben des Knaben zu vernichten. Als der 
Vater die Augen aufschlug, sank Thomas ohn 
mächtig vornüber. Und nun war es der Vater, 
der dem Sohn das Leben rettete. 
Zwei Wochen später gingen ein Mann und 
ein Knabe zur Baustelle der neuen Brücke. 
Bloß ein wenig zusehen, denn beide waren erst 
gestern aus dem Krankenhaus entlassen wor 
den. Nun hatte man im Senkkasten längst 
festen Grund erreicht, der Caisson war mit Be 
ton ausgefüllt, und auf ihm erhob sich ein bald 
vollendeter riesenhafter Pfeiler, von dem sich 
die Eisenkonstruktion der Brücke kühn zuin 
andern Ufer schwingen sollte. 
Sie sprachen auch jetzt nicht viel, Thomas 
und sein Vater, aber die Art, wie der Mann 
zuweilen seine Hand auf die Schulter des Kna 
ben legte, und wie der Knabe zu ihm aufsah, 
zeigte, daß diese zwei Menschen für alle Zeiten 
zusammen gehörten. Und nachdem sie wieder 
eine Weile geschwiegen hatten, sagte der Vater 
unvermittelt: „Du wirst aber sehr viel lernen 
müssen, Thomas, wenn du wirklich ein Inge 
nieur werden willst." Mit einem richtigen Jun 
genschrei fiel ihm Thomas um den Hals, und 
der Vater lächelte, als ob er nicht soeben sei 
nen Traum von Wald und Wiese, freiem 
Himmel und eigener Scholle für viele Jahre, 
ja vielleicht für immer begraben hätte. Aber 
so sind sie alle, die Väter und Mütter, und über 
ihre Herzen hinweg schreiten die Kinder in ihr 
eigenes Leben.
	        
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