Nr. 103
ffionlag, den 4. Nm
1930
Der Negus geflohen
Aufruhr, PlAnheruug uud Feuersbrunst
in Addis Abshs
DRV. London, 2. Mai. Der britische Gesand
te in Addis Abeba, Sir Sidney Barron, berich
tete nach London, daß der Kaiser die Haupt
stadt verlassen hat und sich auf dem Wege nach
Dschibuti befindet. Die Kaiserin und der Kron
prinz begleiten ihn. Bor seiner Abreise aus
Addis Abeba hatte der Kaiser eine Unterre
dung mit Sir Sidney Barton. Desgleichen
wird aus Addis Abeba gemeldet, daß in die
Stadt geschossen wird. Zweifelhafte Elemente
seien in den Straßen beim Plündern.
Außenminister Eden hat sich entgegen seiner
ursprünglichen Absicht noch nicht ins Wochen
ende begeben, sondern hielt im Laufe des
Sonnabend Besprechungen im Außenamt ab.
Die Londoner Abendblätter geben die Mel
dung von der angeblichen Flucht des Kaisers
Haile Selassie nach Dschibuti in großer Auf
machung wieder. Die Nachricht, ans die in
London niemand gefaßt war, da man allge
mein noch mit einem längeren Widerstand des
Kaisers und der abessinischen Truppen gerech
net hatte, wird von der Presse allgemein als
das Ende des organisierten Widerstandes in
Abessinien angesehen. Die abcssinische Gesandt
schaft in London hat zwar erklärt, daß der
Kaiser möglicherweise den Zug wieder verlas
sen werde, bevor er in Dschibuti eintrifft. Man
schenkt dieser Mitteilung jedoch offenbar wenig
Glauben.
Reuter berichtet aus Genf, daß der Bericht
über die Abreise des Kaisers in Genf Bestür
zung hervorgerufen habe. Man sei der Ansicht,
daß die Flucht des Kaisers die Stellung des
Völkerbundes nngcwöhnlich schwierig gemacht
habe. Solange der abcssinische Widerstand
aufrechterhalten wurde, sei der Kurs des Völ
kerbundes klar gewesen. Man hätte die Sank
tionen fortsetzen, ja, sie auch verschärfen kön
nen bis zum „Triumph der kollektiven Sicher
heit". Durch den Zusammenbruch des abessini
schen Widerstandes stände Genf jedoch einer
Noch nicht dagewesenen Ailfgabe gegenüber.
Die allgemeine Ansicht ginge dahin, daß es
Eine Verleugnung, ja eine Verletzung alles
dessen darstelle, wofür der Völkerbund eintrete,
wenn man es zuließe, daß ein Angreifer ein
Recht auf die Früchte seines Sieges habe, nur
weil er erfolgreich gewesen sei.
*
Nach der Flucht des Negus aus der abessini
schen Hauptstadt, der nach amerikanischen Mel
dungen noch vor seiner Familie Addis Abeba
Zerlassen hat, brachen sofort schwere Unruhen
dort aus, in deren Verlauf die Stadt einschließ
lich des Regierungsviertels in Flammen auf
hing. Angesichts der sehr leichten Bauart der
überwiegenden Zahl der Gebäude werden die
Italiener bei ihrem Einzug nicht vielmehr als
einen Trümmerhaufen und Ruinen vorfinden,
^ine Ausnahme bilden nach den letzten Mel
dungen lediglich die Gebäudekomplexe der Ge
sandtschaften, die vielfach am Rande der Stadt
^der mehr außerhalb liegen. Es hat sich allem
Anschein nach bestätigt, daß der massenhafte
Abfall der Anhänger des Negus, wie er sich be
fits nach den drei großen Schlachten der Nord-
sront im April stark bemerkbar machte, unter
dem Eindruck der Niederlagen der letzten Tage
And vor allem des beginnenden Verfalls der
Als zuletzt tapfer kämpfenden Südfront so all
gemein geworden ist, daß der Plan des Negus
für die Aufstellung eines letzten Aufgebotes
zur Verteidigung der Hauptstadt nicht mehr
durchgeführt werden konnte. Von Norden und
«üüen strömten gleichzeitig Scharen von flüch-
enden, demoralisierten Kriegern nach Addis
Abeba, für die die Flucht des Kaisers und sei-
wr Familie nur das Signal war, die Haupt-
'îudt zu brandschatzen.
bereits auf französischem Gebiet befand, hat in
italienischen Regierungskreisen durchaus nicht
etwa Bedauern darüber ausgelöst, daß die maß
gebende abcssinische Persönlichkeit nun den vor
stoßenden Truppen des Marschalls Badoglio
entgangen ist. Man ist vielmehr durchaus zu
frieden mit dieser Wendung, zumal man in
Rom betont, daß man nicht die Absicht gehabt
habe, den Negus, der jetzt thronlos und hei
matlos geworden ist, zum Kriegsgefangenen
zu machen.
Der Vorstoß der vordersten Truppe des Mar
schalls Badoglio, die bekanntlich auf 3000 Last
autos airs Addis Abeba zueilt und nach den
letzten Meldungen nur noch etwa 40 Kilometer
entfernt ist, mußte vorübergehend unterbro
chen werden, da die schweren Regengüsse der
letzten Tage die sogenannte Kaiserstraße an
mehreren Stellen so stark unterspült hatten,
daß Pioniere und Arbeitstrupps sie erst in
aller Eile notdürftig wiederherstellen mußten.
Trotzdem italienische weitere Truppen-
verschiffungen.
In internationalen politischen Kreisen ver
folgt man es mit wachsender Aufmerksamkeit
und Unruhe, daß die italienischen Truppenzu-
sammenziehungen in den Häfen noch mit der
gleichen Energie fortgesetzt werden, obwohl der
abessinische Feldzug bereits so gut wie erledigt
ist. Man erinnert sich in diesem Zusammenhang
jener Aeußerungen höherer englischer Mili
tärs, die schon gegen Ende des Winters wie
derholt darauf hinwiesen, daß die rund 300 000
Mann italienischer Truppen in Ostafrika die
zur Niederwerfung Abessiniens nötige Zahl
bei weitem ebenso überschritten wie der enorme
Aufwand an kriegstechnischem Material. Die
süd-
daß
neuen Truppenkonzentrationen in den
italienischen Häfen weisen darauf hin,
Italien, wie wir wiederholt betont haben, mit
allen, auch den ernstesten Möglichkeiten in
Afrika rechnet. Auch italienische Pressestimmen
der letzten Tage deuteten an, daß man gegen
über etwaigen englischen militärischen Maß
nahmen, wie beispielsweise einer Sperre des
Suez-Kanals unter allen Umständen mit mili
tärischen Aktionen antworten würde. Ihre et
waige Stoßrichtung könnte logischermeise nur
vom Südosten her gegen den Sudan und im
Norden von Libyen her gegen Aegypten liegen.
London sehr erregt, Genf wie immer ratlos.
Für die außerordentliche Beunruhigung in
nerhalb der englischen Regierung spricht u. a.
die Tatsache, daß Außenminister Eden auf die
Meldung von der Flucht des Negus aus seinem
Wochenendaufenthalt in größter Eile nach Lon
don fuhr und sofort mehr als fünf Stunden
lang Besprechungen innerhalb der Regierung
abhielt. Die Bestürzung darüber, daß die letz
ten Hoffnungen auf das Durchhalten des Ne-
gns bis zur Regenzeit vernichtet sind, und daß
Abessinien, der Schützling des Völkerbundes,
zusammengebrochen ist, sowie daß das als An
greifer von Genf verurteilte Land nun die
Früchte seines Trinmpfes in nie erwartetem
Maße ernten soll, ist allgemein. Ebenso allge
mein ist in den europäischen Hauptstädten die
Spannung, mit der man der Haltung Englands
für die Sitzung des Völkerbundes am i. Mai
entgegensieht.
In Genf ist die Kopflosigkeit begreiflicher
weise geradezu grotesk. Man spricht dort be
zeichnenderweise nicht etwa von dem Schicksal
Abessiniens, sondern davon, daß der „Völker
bund" durch die Flucht des Kaisers in eine un
gewöhnlich schwierige Lage geraten ist. Da
neben läuft das Geschwätz von den Sanktionen
und von der „kollektiven Sicherheit", die man
beide in schroffen Widerspruch zu den Völker
bundssatzungen immer wieder auf die lange
Bank geschoben hat, so weiter, als wenn es sich
nicht um völlig überholte Dinge handelte. Er
fahrungsgemäß endet solche Ratlosigkeit in
Genf im allgemeinen mit — gegenseitigen Be
glückwünschungen in öffentlicher Sitzung.
Die Ankunft des Negus in Dschibuti.
Bei der Ankunft des Negns und seiner Fa
milie auf dem Bahnhof von Dschibuti war eine
Kompanie Senegal-Soldaten als Ehrenwache
angetreten. Infolge der drückenden Hitze wa
ren nur wenig Zuschauer am Bahnhof. Mit
dem Negns sind der Ras Kassa und sämtliche
Mitglieder der Regierung in Dschibuti einge
troffen. Der Ncgirs hat im französischen Regie
rungspalast Wohnung genommen.
Englisch-französische Verhandlungen.
Ueber die Ansicht Großbritanniens zur
Flucht des Negus schreibt der diplomatische
Mitarbeiter de» Daily Telegraph folgendes:
Die britische Regierung wurde von der plötz
lichen Entscheidung des Kaisers, die Regie
rungsgeschäfte niederzulegen und sein Land
zu verlassen, überrascht. Die' erste Nachricht
von dem Entschluß des Kaisers traf am Sonn
abendmorgen in London ein. Außenminister
Eden trat bald darauf mit der französischen
Botschaft in London in einen Gedankenaus
tausch ein. Die französische Botschaft gab Eden
zu verstehen, daß ihre Regierung Anweisung
erteilen würde, den Kaiser willkommen zu
heißen und während seiner Anwesenheit auf
französischem Boden die ihm zustehenden
Ehren zu erweisen. Die französische Regierung
habe zugesichert, alles zu tun, um dem Kaiser
und seiner Familie alle Annehmlichkeiten zu
kommen zu lassen. Es würde ihm lediglich
nicht erlaubt werden, von französischem Ge-
»Rote Wahlen" in Frankreich
Die reiche Ernte des Sowjetpakts
nrgtnung in Rom.
fir? tc Nachricht von der Flucht des Negus, der
Uch bei seiner Fahrt auf der Bahn und erst
"cht bei seiner Ankunft in Djibuti bekanntlich
DNB. Paris, 4. Mai. (Eig. Funkmeldung.)
Frankreich hat sich seine 'neue Kammer ge
wühlt, die am 1. Juni ihre Arbeit aufnimmt.
Die Volksfront allein erhielt rechnerisch über
375 Sitze von insgesamt 618, allerdings ein
schließlich der 116 radikalsozialistischen Abge
ordneten, die aber nicht geschlossen bei der
Volksfront bleiben werden. Diese hat bessere
Disziplin gehalten als die nationale Front, die
nicht als Stoß-, sondern nur als Abwehrtrupp
gegen die Volksfront gegründet worden war.
Beachtlich ist die große Zahl der früheren
Parlamentarier, die neuen Männern das
Feld räumen mußten. Die sozialistische Partei
wird die stärkste in der Kammer sein. Sie
konnte sogar gewinnen, obwohl sie an die
Kommunisten Stimmen abgeben mußte. Sie
erhielt bei den letzten Wahlen 130 Mandate.
Ihre Zahl sank dann bei der Absplitterung
der Neusozialisten auf etwa 100. Jetzt ziehen
die Sozialisten aber mit mindestens 146 Abge-
ordneten in die Kammer ein. Dazu kommen
noch rund 35 Abgeordnete, die dem sozialisti
schen Programm nahestehen, ohne der Partei
anzugehören. Die radikalsozialistische Partei,
früher die stärkste, muß sich von ehemals 157
Abgeordneten jetzt mit etwa 115 begnügen.
Sie sinkt zur zweitstärksten Partei herab. Die
republikanische Bereinigung ans der Rechten
und die Linksrepublikaner werden Dritter und
Vierter, die einen mit mindestens 90, die an
deren mit mindestens 84 Mitgliedern, unmit
telbar gefolgt von den Kommunisten mit
72 Abgeordneten. Zu diesen treten noch 10
parteilich ungebundene Kommunisten. Der
äußerste Flügel der Volksfront, die Kommu
nisten, muß daher auf mindestens 82 Mann
veranschlagt werden. Die Mittelgruppe — Un
abhängige Radikale lind Linksrepublikaner —
haben leichte Verluste gehabt.
Eines der bedeutsamsten Zeichen ist, daß
5 Minister oder Unterstaatssekretäre des Ka
binetts Sarrant ans der Strecke geblieben sind.
2 hatten sich gar nicht wieder um einen Kam
mersitz beworben. Die anderen drei sind im
zweiten Wahlgang nicht wiedergewählt wor
den. Diese Niederlage des Kabinetts Sarrauts
läßt die Vermutung aufkommen, daß eine
Umbildung der Regierung, wenn nicht eine
Regierungskrise, ihre Schatten vorauswirft.
Die Neu- oder Umbildung kann nur weiter
nach links ausgreifen, auch wenn die Kommu
nisten noch während der Wahlhandlung be
kanntgaben, daß sie in eine Regierung der
Volksfront nicht eintreten, sondern sie nur un
terstützen wollen.
Französische Blätter über die „roten Wahlen".
In der Beurteilung des französischen Wahl
ergebnisses sind die Blätter ziemlich einig. Die
Ueberschriften der Morgenzeitungen lauten:
„Die roten Wahlen" — „Sehr starker Aus-
schlag nach links" — „Die Volksfront siegt auf
der ganzen Linie" — „Ein Massengrab der
bisherigen reaktionären Abgeordneten".
Das „Petit Journal" stellt fest, daß in
Paris und Umgebung von 59 zu verteilenden
Sitzen nicht weniger als 29 den Kommunisten
anheimfallen.
Das „Journal" bemerkt, die radikalsvziali-
stische Partei trage die gesamten Kosten. Sie
gehe aus der Wahl moralisch wie ziffernmäßig
geschwächt hervor. Das „Oeuvre", das den Ra
dikalsozialisten nahesteht, bezeichnet dagegen
als den Verlierer des Tages nicht die Radikal-
sozialistische Partei, sondern die Fenerkreuz-
bewegung, denn die Masse der französischen
Bürger, Arbeiter, Steuerzahler u. Heeres, die
eines Tages den Mobilmachungsbefehl erhal
ten sollten, habe gegen die Feuerkreuzler als
den „öffentlichen Feind" gestimmt. Da die
Kommunisten nicht mitregieren wollen, müß
ten die Führer der künftigen Regierungspar
teien, der sozialistische Abgeordnete Leon
Blum, der radikalsozialistische Abgeordnete
Daladier und Senator Paul Boncour sich an
die Arbeit machen, um den Willen des Volkes
in die Tat umzusetzen.
Der „Matin" schreibt, zum erstenmal seit
40 Jahren verliere die radikalsozialistische
Partei ihre bisherige Stellung als stärkste
Partei der Kammer. Dahin habe sie die Lei
tung ihrer Führer gebracht. Die National-
radikalen mit Franklin Bouillon seien weg
gefegt morden. Die Rechte habe jedoch trotz
empfindlicher Einzelverluste Sitze gewonnen.
Der „Jour" meint, durch das Wahlergebnis
gerate die Regierung in eine unmögliche Lage.
Die seit dem 6. Februar 1934 heraufbeschwo
rene Parlamentskrise dauere an. Ihr werde
eine Krise der Regierungsform folgen, bei der
sich die nationalen Kräfte durchsetzen müßten.
Gegebenenfalls müßte die sozialistische Partei
als stärkste zur Macht gelangen.
Die kommunistische „Humanite" bringt in
6 Ztm. großen Buchstaben an der Spitze des
Blattes das Wort „Sieg" und schreibt, das
Volk habe die Faschisten weggejagt. Das fran
zösische Volk werde in Ruhe die Umsetzung des
Volksfrontprogramms in die Tat vorbereiten.
Zusammenstöße in Paris und Bordeaux.
Im Laufe der Nacht zum Montag kam es in
Paris noch zu Zusammenstößen, die aber an
scheinend alle harmlos verlaufen sind.
In Bordeaux ist die Verkündung der Wahl
ergebnisse nicht ohne Schlägereien abgegangen.
Stühle und Geschirr der Kaffeehäuser wurden
als Wurfgeschosse benutzt. Die einen sangen die
Marseilleise, die anderen riefen „Ueberall die
Sowjets!". Die Palfzei verhaftete 8 Personen.
129. Jahrgang.
SchleswLg-HolstàişiHo
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Renösbumer Sägeblatt
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