Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

129. Jahrgang. 
Schleswig-Holsteinische 
129. Jahrgange 
ĢHHE-êEllĶ 
Renösburger TageblnLt 
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Nr. 101 
Aenslag, den 5. Mai 
1936 
Der Völkerbunds-Skandal 
Die Entwicklung in Ostafrika war seit der 
Zeit vorauszusehen, in der sich erwies, daß 
die moderne Kriegstechnik mit einem so schlecht 
bewaffneten, so ungeregelten und ungeschickten 
Gegner wie den abessinischen Kriegerscharen 
noch weniger zu rechnen braucht, als selbst mit 
so erheblichen Gelandeschwierigkeiten wie in 
Abessinien. Wir erinnern beispielsweise an die 
Voraussagen englischer Offiziere, die noch zu 
Beginn dieses Jahres eine Frist von etwa 
vier Jahren für die italienische Expedition 
öJ8 notwendig erachteten. In sieben Monaten 
ist Abessinien zertrümmert worden, wobei zu 
bedenken ist, daß die abessinischen „Heere" 
nicht im geringsten irgendwie mit den streng 
geordneten Formationen europäischer Staaten 
zu vergleichen sind. Was jetzt in Abessinien 
noch folgt, sind Aufräumungsarbeiten gegen 
die im Rücken der Italiener noch verstreuten 
Truppen. Soweit größere Kriegerscharen sich 
bisher noch beieinander befunden haben, (bei 
spielsweise westlich vom Tana-See, sowie im 
südöstlichen Teil des Landes, ferner gegenüber 
der Heeresgruppe Graziani), dürften sie sich 
nach Bekanntwerden der Flucht des Negus 
und der Eroberung der Hauptstadt ziemlich 
rasch von selbst auflösen. 
So uneingeschränkt der italienische Erfolg 
gegenüber einem militärisch freilich nicht eben 
bürtigen Gegner ist, so uneingeschränkt ist 
dieser neueste und trotz aller Vorgänge größte 
Skandal des Völkerbundes, der so gut wie 
tatenlos der Vernichtung eines seiner Mit 
glieder durch ein anderes zugesehen hat. Diese 
Feststellung ist umso nötiger deshalb, weil die 
Haltung des sogenannten Völkerbundes im 
Fall Abessinien wieder einmal mit geradezu 
erschreckender Klarheit die völlige Wertlosig 
keit von Verträgen im Bereich dieses Bundes 
aufgezeigt hat, der bisher nicht eine einzige 
seiner satzungsgemäßen Aufgaben gelöst hat 
Und auch nicht lösen will! 
In welch üblen Vorstellungen sich die Gen 
fer Mentalität trotz unzähliger Blamagen im 
mer noch bewegt, zeigt ein einziges Beispiel: 
Nachdem man sich jetzt erneut vor aller Welt 
auf die empörendste Weise als unfähig zur 
Durchführung der eigenen Satzungen und 
Verträge erwiesen hat, ist der erste Gedanke in 
Genf der, daß Abessinien jetzt infolge Fehlens 
einer ordnungsgemäßen Regierung ja eigent 
lich nicht mehr Mitglied des Völkerbundes 
sei! Unterdessen sind bereits Meldungen auf 
getaucht, die davon sprechen, daß Italien eine 
vorläufige Notregrerung unter dem Kron 
prinzen einrichten wolle, um überhaupt eine 
Art von Verhandlungsmöglichkeit zu haben. 
Es ist klar, daß die gegenwärtige Lage auch 
das Verhältnis zwischen England und Frank 
reich einerseits sowie England und Italien 
andererseits erneut belasten muß. Die sehr 
aufschlußreiche Tatsache, daß dem Negus, ob 
wohl er in einen französischen Hafen geflüch 
tet ist, ein englisches Kriegsschiff bereitgehal 
ten wird, deutet auf Spannungen hin, die sich 
Mit aller Wahrscheinlichkeit schon in der näch 
sten Zukunft auswirken werden. Gleichzeitig 
werden ans britischen Kreisen Aeußerungen 
taut, wonach England auf keinen Fall eine 
wilitärische Oberhoheit Italiens über Abessi 
nien zulassen könne. 
In jedem Fall erhielten jetzt besonders die 
Wittleren und kleinen Völkerbundsstaaten die 
visher derbste Lektion über den Wert der Gen 
fer Vereinigung. Selbstverständlich kann diese 
Erkenntnis auch auf die europäische Verhand- 
mugslage nicht ohne nachhaltige Rückwirkun 
gen bleiben. 
Aîill der Negus doch nach Genf? 
DNB. London, 5. Mai. (Eig. Funkm.) News 
Ehronicle berichtet, der Kaiser von Abessinien 
eabsichtige zunächst, seine Familie in Jeru- 
wtenr unterzubringen und sich darauf nach 
Zu begeben, um beim Völkerbund persöu- 
îch die abessinische Sache zu vertreten. 
Auch heute berichten einige Zeitungen er- 
^?ut, daß nach Aeußerungen des abessinischen 
vtschafters in London der Negus endgültig 
ch in London niederlassen werde. 
Ş Der englische Kreuzer „Enterprise", auf dem 
sich der Kaiser von Abessinien mit seiner Frau 
und seinen 6 Kindern befindet, wird voraus 
sichtlich am Freitag in Haifa eintreffen. 
Ras Nassibu in Dschibuti. 
. Reuter berichtet aus Dschibuti, daß Ras Nas 
sibu, der Befehlshaber der abessinischen Süd 
armee, der bis vor kurzem Graziani einen so 
energischen Widerstand geleistet habe, zusam 
men mit dem türkischen Ratgeber Wehib 
Pascha in Dschibuti eingetroffen sei. 
Die Lage in Addis Abeba 
immer noch ernst 
DNB. London, 5. Mai. (Eig. Funkmeldung.) 
Nach den am Dienstag eingelaufenen Mel 
dungen aus Addis Abeba ist die Lage für die 
in den dortigen Gesandtschaften eingeschlossenen 
Europäer nach wie vor besorgniserregend, da 
der Pöbel plündernd und brennend die Stadt 
beherrscht. 
Der amerikanische Gesandte in Addis Abeba, 
Engert, hat über Washington das Auswärtige 
Amt in London gebeten, indische Soldaten mit 
Maschinengewehren zur Verteidigung der 
amerikanischen Gesandtschaft zu Hilfe zu schir- 
ken. Obwohl die britische Gesandtschaft nur 
etwa 2 englische Meilen von der amerikani 
schen in Addis Abeba entfernt ist, scheint es 
doch nicht möglich gewesen zn sein, zwischen 
diesen beiden Stellen eine unmittelbare Ver 
bindung herzustellen. Nach dem Funkbericht 
des amerikanischen Gesandten ist die Lage der 
Amerikaner besonders gefährdet, da die ame 
rikanische Gesandtschaft unaufhörlich von Ban 
diten angegriffen wird. Mehrere Mitglieder 
der amerikanischen Kolonie, darunter der 
amerikanische Bizekonsul Cramp, verließen am 
Montagmorgen in Begleitung einiger zum 
Schutz mitgenommener bewaffneter Eingebo 
rener das Gesandtschaftsgebäude, um sich in 
einem Hospital zu betätigen. 2 amerikanische 
Berichterstatter und ein Pilot verließen gleich 
falls das Gesandtschaftslager, um mit den 
italienischen Truppen die Fühlung aufzuneh 
men. Dadurch ist die amerikanische Verteidi 
gungskraft stark vermindert worden, so daß 
die Gefahr besteht, daß es den Plünderern ge 
lingen kann, in die amerikanische Gesandtschaft 
einzudringen. 
Nach Berichten, die das Foreign Office im 
Laufe des Montagabends erhielt, befinden sich 
im Lager der britischen Gesandtschaft 2000 
Flüchtlinge, die 23 verschiedenen Nationen 
angehören. 
Dr. Thomas Lambie, der Führer des abessi 
nischen Noten Kreuzes, hat sich in seinem Mis 
sionshaus verbarrikadiert, das plündernde 
abessinische Soldaten während der Nacht zu 
stürmen versuchten. 
Die französische Gesandtschaft von Plünderern 
umzingelt. 
Havas meldet aus Dschibuti, Nachrichten aus 
Addis Abeba zufolge sei die französische Ge 
sandtschaft, wo 2000 Personen Unterschlupf ge- 
Borbikdlrche Kameradschaft der deutschen Kolonie in Addis Abeba 
Erfolgreiches NsttungSWsrk 
der deutschen Snchkolonnen 
DNB. Addis Abeba, 5. Mai. (Eig. Funk 
meldung). Tag und Nacht fahren immer wie 
der deutsche Suchkolonnen auf mit Maschinen 
pistolen ausgerüsteten Lastwagen in die bren 
nende Stadt, um weitere deutsche Staatsange 
hörige und Schutzgenossen des Deutschen Rei 
ches, wie Oesterreicher, Schweizer, Ungarn und 
Vulgaren, von denen einzelne eine wahre 
Schreckensnacht verlebten, auf die Gesandt 
schaft zu bringen. 
Eine deutsche Kolonne unter Führung des 
besonders unermüdlichen deutschstämmigen 
polnischen Staatsangehörigen Nadel rettete 
am Dienstag früh den bereits totgeglaubten 
Abgesandten des Internationalen Roten 
Kreuzes, Dr. I u n o t - Genf, sowie den fran 
zösischen Journalisten So m meres vom 
Journal des Debüts, die sich drei Tage lang 
gemeinsam mit Abessiniern im Keller eines 
zusammengestürzten Hauses gegen plündernde 
Banden verteidigt hatten, und brachten sie 
auf die französische Gesandtschaft. 
Durch den Untergang der abessinischen 
Hauptstadt durch Feuer und Raub haben fast 
sämtliche deutschen Staatsbürger ihr in jahre 
langer aufreibender Kolonialarbeit erworbe 
nes Vermögen restlos verloren, wenngleich 
doch noch einige deutsche Privathäuser, die 
durch eingeborene Diener verteidigt werden, 
unversehrt sind. Die deutsche Gesandtschaft be 
findet sich in bestmöglichem Verteidigungszu 
stand und bietet daher den Reichsdeutschen und 
Schutzgenossen volle Gewähr für Erhaltung 
von Leib und Leben. 
Als am Montagnachmittag ein Angriff 
plündernder Banden auf die deutsche Gesandt 
schaft vermutet wurde, war in kurzer Zeit 
alles abwehrbereit. Aus allen Fenstern schau 
ten Maschinengewehre und Maschinenpistolen. 
Einzelgruppen versahen den Außendienst in 
fürsorglich angelegten Schützenstellungen. 
Trotz höchsten Alarmzustandes sorgten die 
Frauen ruhig für das Abendessen: Gulasch 
mit Reis. Ein Angriffsversuch erfolgte jedoch 
nur auf die benachbarte belgische Gesandtschaft, 
die mit Leuchtraketen die englische Wachtruppe 
zu Hilfe rief. Die englische und die französische 
Gesandtschaft stehen mit der deutschen Gesandt 
schaft zur gegenseitigen Hilfeleistung in stän 
diger drahtloser Verbindung. 
Die am Westrande von Addis Abeba gele 
gene deutsche Hermannsburger Mission zieht 
es vor, ihr Eigentum an Ort und Stelle zu 
verteidigen, was tapfer und erfolgreich ge 
schieht. Die Mission wurde in der Nacht zum 
Dienstag von den bewaffneten Lastwagen der 
Gesandtschaft, mit der sie in ständiger Boten 
verbindung steht, besucht und in bester Ver 
fassung gefunden. Die Verteidigungsmann 
schaft wurde durch einen besonders erprobten 
MG.-Schützen der Gesandtschaft verstärkt. Im 
übrigen setzen die Missionsbrüder ihre Arbeit, 
die Pflege verwundeter Abessinier, tapfer fort. 
Dem bereits eingetretenen Mangel an Medi 
kamenten wird ans den Beständen der Ge 
sandtschaft abgeholfen. 
funden haben, seit Sonntagabend von plün 
dernden Eingeborenengruppen umzingelt. Es 
mache sich bereits Mangel an Lebensmitteln 
bemerkbar. Der französische Gesandte habe er 
neut um Hilfe gebeten. Man erwarte in 
Addis Abeba mit Ungeduld das Eintreffen der 
ersten französischen Eingeborenenkompanie 
ans Diredaua. Von den beiden aus Dschibuti 
abgegangenen französischen Kompanien würde 
dann die eine auf halbem Wege in Diredaua 
bleiben und dort den Dienst der inzwischen 
nach Addis Abeba abgegangenen Kompanie 
übernehmen. Die andere würde nach Addis 
Abeba Weiterreisen. Allerdings verlaute, daß 
die Eisenbahnstrecke bei Modjo, 60 Klm. von 
Addis Abeba entfernt, unterbrochen sei. 
Englische Marinetruppen für Addis Abeba? 
Nach Meldungen aus Aden sind am Montag 
die beiden britischen Zerstörer „Decoy" und 
„Dainty" von dort mit dem Ziel Dschibuti in 
See gegangen. Wie Daily Telegraph dazu ans 
Aden ergänzend berichtet, ist dort das Gerücht 
verbreitet, auf den Zerstörern befinde sich bri 
tische Marineinfanterie, die als Hilfstruppen 
nach Addis Abeba gehen sollen. Obwohl dies 
an amtlicher Stelle nicht bestätigt werde, werde 
es auch nicht bestritten,' das ganze Unterneh 
men werde äußerst geheim gehalten. 
Unterhauserklärung Edens. 
Ser Negus auf einem englischen ßrenzer 
DNB. London, 4. Mai. Im Unterhaus gab 
Außenminister Eden am Montagnachmittag 
eine Erklärung über die Lage in Abessinien 
ab. 
Er teilte zunächst mit, der Negus habe am 
1. Mai dem britischen Gesandten in Addis 
Abeba erklärt, daß er die Leitung der Staats 
geschäfte niedergelegt und sie seinem Minister 
rat übergeben habe, und daß er sofort nach 
Dschibuti abreisen wolle. Am Morgen des 2. 
Mai habe er die Reise in Begleitung der Kai 
serin, des Kronprinzen und anderer Mitglie 
der seiner Familie sowie des Außenministers 
und anderer Personen angetreten. 
In seiner Mitteilung an den britischen Ge 
sandten habe der Kaiser seinen Wunsch zum 
Ausdruck gebracht, sich mit seiner Familie nach 
Palästina zu begeben. Die britische Regierung 
habe es für ihre Pflicht gehalten, seinem Wun 
sche nachzukommen, soweit es in ihrer Macht 
lag, die Reise des Negus und seiner Beglei 
tung nach Jerusalem zu erleichtern. Die briti 
sche Regierung sei daher mit der französischen 
in Verbindung getreten, die sich ihrerseits be 
reiterklärt habe, allen Wünschen des Kaisers 
in bezug auf seinen zukünftigen Aufenthalts 
ort nachzukommen. 
Unter diesen Umständen habe die englische 
Regierung den Kreuzer „Enterprise" nach 
Dschibuti besohlen, um den Kaiser und seine 
Moskau in BereiWastsftellung 
Das französische Wahlergebnis ist die wohl 
verdiente Quittung für die französische Regie 
rungspolitik, die die ständige Einkreisung 
Deutschlands in jedem Fall für viel wichtiger 
hält als die Liquidierung der letzten 22 Jahre 
in Europa oder als eine vernünftige Erörte 
rung des Friedensplanes der Reichsregierung. 
Es hat sich jetzt auch gezeigt, wie völlig irrig 
es war, etwa von einem Rechtsruck zu sprechen, 
wie man es in einigen europäischen Zeitungen 
lesen konnte. In jedem Fall beherrscht die 
Volksfront die Lage auch dann, wenn sich der 
rechte Flügel der so schwer geschlagenen Radi 
kalsozialisten zur Mitte schlagen würde. Nach 
dem Brauch demokratisch-parlamentarisch re 
gierter Länder müssen zunächst einmal die So 
zialisten als die stärkste Kammergruppe mit 
der Regierungsbildung betraut werden. Es ist 
selbstverständlich, daß die Kommunisten, die 
einschließlich ihrer Splitter mehr als 80 Ver 
treter ins Parlament entsenden, innerhalb der 
Volksfront einen außerordentlich starken Ein 
fluß ausüben werden. Wenn Moskau gleich 
wohl für dieses Mal noch Nichtbeteiligung an 
der Regierung für die Kommunisten angeord 
net hat, so ist der leitende Gedanke dabei er 
fahrungsgemäß der, daß man zunächst noch mit 
Hilfe der so stark gewordenen Kammergruppe 
die innere Entwicklung in Frankreich mehr in 
der Stille beschleunigen und erst dann mit dem 
Anspruch auf Regierungsbildung oder minde 
stens Beteiligung auftreten wird, wenn im 
Verlauf der unausbleiblichen internen Schwie 
rigkeiten in dieser links gesteuerten Kammer 
und in jeder der nun folgenden französischen 
Negierungen die Lage auf eine Parlaments 
auflösung oder dergleichen zutreibt. Das fran 
zösische Blatt, das in seiner Wahlkritik schreibt, 
es bestehe nunmehr eine ununterbrochene in 
nerfranzösische Krise seit dem 6. Februar 1934, 
ist das einzige, das die Lage wahrheitsgemäß 
anzudeuten versucht. Man darf gespannt sein, 
wieviel Regierungen die neue Kammer bis zu 
ihrem mehr oder weniger gewaltsamen Ende 
verbrauchen wird. Moskau hat Zeit. Es weiß 
seine Sache in Frankreich in bewährten Hän 
den.
	        
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