129. Jahrgang.
Schleswig-Holsteinische
129. Jahrgange
ĢHHE-êEllĶ
Renösburger TageblnLt
Vezugsprels: Ausgabe A Reichsmark 1.75 monatlich; Ausgabe B einschl. Illustrierte Wochenbeilage
Reichsmark 2.00, zuzügl.Bestellgeld. Einzelnummer lORpfg., auswärts 15Rpfg.. Sonnabends 15 Rpfg.
Schriftleitung und Geschäftsstelle: Rendsburg, Haus der Landeszeitung. Fernsprecher Rr. 2551.
Drahtanschrift: „Landeszeitung". Postscheck: Hamburg 16278. Danken: Reichsbank: Wcstholsteinische
Bank: Spar» und Leib-Kasse; Schleswig-Holsteinische Dank: Landkreditbank: sämtllck In Rendsburg
Anzeigenpreise: Im Anzeigenteil Grundpreis kür die 46 mm breite Millimekerzeile 14
im Textteil Grundpreis für die 77 mm breite Millimeterzeile 34 Ermäßigte Grundpreise,
Aufschläge sowie Nachlässe laut Preisliste Nr. 7. Nachlaßstaffel A. Geschäftsbedingungen nach Maß-
gäbe der Bestimmungen des Werberat«. Keine Ersatzansprüche bei Nichterscheinen der Zeitung wegen
höherer Gewalt. Für unverlangt eingehende Beiträge übernimmt die Schriftleitung keine Gewähr.
Nr. 101
Aenslag, den 5. Mai
1936
Der Völkerbunds-Skandal
Die Entwicklung in Ostafrika war seit der
Zeit vorauszusehen, in der sich erwies, daß
die moderne Kriegstechnik mit einem so schlecht
bewaffneten, so ungeregelten und ungeschickten
Gegner wie den abessinischen Kriegerscharen
noch weniger zu rechnen braucht, als selbst mit
so erheblichen Gelandeschwierigkeiten wie in
Abessinien. Wir erinnern beispielsweise an die
Voraussagen englischer Offiziere, die noch zu
Beginn dieses Jahres eine Frist von etwa
vier Jahren für die italienische Expedition
öJ8 notwendig erachteten. In sieben Monaten
ist Abessinien zertrümmert worden, wobei zu
bedenken ist, daß die abessinischen „Heere"
nicht im geringsten irgendwie mit den streng
geordneten Formationen europäischer Staaten
zu vergleichen sind. Was jetzt in Abessinien
noch folgt, sind Aufräumungsarbeiten gegen
die im Rücken der Italiener noch verstreuten
Truppen. Soweit größere Kriegerscharen sich
bisher noch beieinander befunden haben, (bei
spielsweise westlich vom Tana-See, sowie im
südöstlichen Teil des Landes, ferner gegenüber
der Heeresgruppe Graziani), dürften sie sich
nach Bekanntwerden der Flucht des Negus
und der Eroberung der Hauptstadt ziemlich
rasch von selbst auflösen.
So uneingeschränkt der italienische Erfolg
gegenüber einem militärisch freilich nicht eben
bürtigen Gegner ist, so uneingeschränkt ist
dieser neueste und trotz aller Vorgänge größte
Skandal des Völkerbundes, der so gut wie
tatenlos der Vernichtung eines seiner Mit
glieder durch ein anderes zugesehen hat. Diese
Feststellung ist umso nötiger deshalb, weil die
Haltung des sogenannten Völkerbundes im
Fall Abessinien wieder einmal mit geradezu
erschreckender Klarheit die völlige Wertlosig
keit von Verträgen im Bereich dieses Bundes
aufgezeigt hat, der bisher nicht eine einzige
seiner satzungsgemäßen Aufgaben gelöst hat
Und auch nicht lösen will!
In welch üblen Vorstellungen sich die Gen
fer Mentalität trotz unzähliger Blamagen im
mer noch bewegt, zeigt ein einziges Beispiel:
Nachdem man sich jetzt erneut vor aller Welt
auf die empörendste Weise als unfähig zur
Durchführung der eigenen Satzungen und
Verträge erwiesen hat, ist der erste Gedanke in
Genf der, daß Abessinien jetzt infolge Fehlens
einer ordnungsgemäßen Regierung ja eigent
lich nicht mehr Mitglied des Völkerbundes
sei! Unterdessen sind bereits Meldungen auf
getaucht, die davon sprechen, daß Italien eine
vorläufige Notregrerung unter dem Kron
prinzen einrichten wolle, um überhaupt eine
Art von Verhandlungsmöglichkeit zu haben.
Es ist klar, daß die gegenwärtige Lage auch
das Verhältnis zwischen England und Frank
reich einerseits sowie England und Italien
andererseits erneut belasten muß. Die sehr
aufschlußreiche Tatsache, daß dem Negus, ob
wohl er in einen französischen Hafen geflüch
tet ist, ein englisches Kriegsschiff bereitgehal
ten wird, deutet auf Spannungen hin, die sich
Mit aller Wahrscheinlichkeit schon in der näch
sten Zukunft auswirken werden. Gleichzeitig
werden ans britischen Kreisen Aeußerungen
taut, wonach England auf keinen Fall eine
wilitärische Oberhoheit Italiens über Abessi
nien zulassen könne.
In jedem Fall erhielten jetzt besonders die
Wittleren und kleinen Völkerbundsstaaten die
visher derbste Lektion über den Wert der Gen
fer Vereinigung. Selbstverständlich kann diese
Erkenntnis auch auf die europäische Verhand-
mugslage nicht ohne nachhaltige Rückwirkun
gen bleiben.
Aîill der Negus doch nach Genf?
DNB. London, 5. Mai. (Eig. Funkm.) News
Ehronicle berichtet, der Kaiser von Abessinien
eabsichtige zunächst, seine Familie in Jeru-
wtenr unterzubringen und sich darauf nach
Zu begeben, um beim Völkerbund persöu-
îch die abessinische Sache zu vertreten.
Auch heute berichten einige Zeitungen er-
^?ut, daß nach Aeußerungen des abessinischen
vtschafters in London der Negus endgültig
ch in London niederlassen werde.
Ş Der englische Kreuzer „Enterprise", auf dem
sich der Kaiser von Abessinien mit seiner Frau
und seinen 6 Kindern befindet, wird voraus
sichtlich am Freitag in Haifa eintreffen.
Ras Nassibu in Dschibuti.
. Reuter berichtet aus Dschibuti, daß Ras Nas
sibu, der Befehlshaber der abessinischen Süd
armee, der bis vor kurzem Graziani einen so
energischen Widerstand geleistet habe, zusam
men mit dem türkischen Ratgeber Wehib
Pascha in Dschibuti eingetroffen sei.
Die Lage in Addis Abeba
immer noch ernst
DNB. London, 5. Mai. (Eig. Funkmeldung.)
Nach den am Dienstag eingelaufenen Mel
dungen aus Addis Abeba ist die Lage für die
in den dortigen Gesandtschaften eingeschlossenen
Europäer nach wie vor besorgniserregend, da
der Pöbel plündernd und brennend die Stadt
beherrscht.
Der amerikanische Gesandte in Addis Abeba,
Engert, hat über Washington das Auswärtige
Amt in London gebeten, indische Soldaten mit
Maschinengewehren zur Verteidigung der
amerikanischen Gesandtschaft zu Hilfe zu schir-
ken. Obwohl die britische Gesandtschaft nur
etwa 2 englische Meilen von der amerikani
schen in Addis Abeba entfernt ist, scheint es
doch nicht möglich gewesen zn sein, zwischen
diesen beiden Stellen eine unmittelbare Ver
bindung herzustellen. Nach dem Funkbericht
des amerikanischen Gesandten ist die Lage der
Amerikaner besonders gefährdet, da die ame
rikanische Gesandtschaft unaufhörlich von Ban
diten angegriffen wird. Mehrere Mitglieder
der amerikanischen Kolonie, darunter der
amerikanische Bizekonsul Cramp, verließen am
Montagmorgen in Begleitung einiger zum
Schutz mitgenommener bewaffneter Eingebo
rener das Gesandtschaftsgebäude, um sich in
einem Hospital zu betätigen. 2 amerikanische
Berichterstatter und ein Pilot verließen gleich
falls das Gesandtschaftslager, um mit den
italienischen Truppen die Fühlung aufzuneh
men. Dadurch ist die amerikanische Verteidi
gungskraft stark vermindert worden, so daß
die Gefahr besteht, daß es den Plünderern ge
lingen kann, in die amerikanische Gesandtschaft
einzudringen.
Nach Berichten, die das Foreign Office im
Laufe des Montagabends erhielt, befinden sich
im Lager der britischen Gesandtschaft 2000
Flüchtlinge, die 23 verschiedenen Nationen
angehören.
Dr. Thomas Lambie, der Führer des abessi
nischen Noten Kreuzes, hat sich in seinem Mis
sionshaus verbarrikadiert, das plündernde
abessinische Soldaten während der Nacht zu
stürmen versuchten.
Die französische Gesandtschaft von Plünderern
umzingelt.
Havas meldet aus Dschibuti, Nachrichten aus
Addis Abeba zufolge sei die französische Ge
sandtschaft, wo 2000 Personen Unterschlupf ge-
Borbikdlrche Kameradschaft der deutschen Kolonie in Addis Abeba
Erfolgreiches NsttungSWsrk
der deutschen Snchkolonnen
DNB. Addis Abeba, 5. Mai. (Eig. Funk
meldung). Tag und Nacht fahren immer wie
der deutsche Suchkolonnen auf mit Maschinen
pistolen ausgerüsteten Lastwagen in die bren
nende Stadt, um weitere deutsche Staatsange
hörige und Schutzgenossen des Deutschen Rei
ches, wie Oesterreicher, Schweizer, Ungarn und
Vulgaren, von denen einzelne eine wahre
Schreckensnacht verlebten, auf die Gesandt
schaft zu bringen.
Eine deutsche Kolonne unter Führung des
besonders unermüdlichen deutschstämmigen
polnischen Staatsangehörigen Nadel rettete
am Dienstag früh den bereits totgeglaubten
Abgesandten des Internationalen Roten
Kreuzes, Dr. I u n o t - Genf, sowie den fran
zösischen Journalisten So m meres vom
Journal des Debüts, die sich drei Tage lang
gemeinsam mit Abessiniern im Keller eines
zusammengestürzten Hauses gegen plündernde
Banden verteidigt hatten, und brachten sie
auf die französische Gesandtschaft.
Durch den Untergang der abessinischen
Hauptstadt durch Feuer und Raub haben fast
sämtliche deutschen Staatsbürger ihr in jahre
langer aufreibender Kolonialarbeit erworbe
nes Vermögen restlos verloren, wenngleich
doch noch einige deutsche Privathäuser, die
durch eingeborene Diener verteidigt werden,
unversehrt sind. Die deutsche Gesandtschaft be
findet sich in bestmöglichem Verteidigungszu
stand und bietet daher den Reichsdeutschen und
Schutzgenossen volle Gewähr für Erhaltung
von Leib und Leben.
Als am Montagnachmittag ein Angriff
plündernder Banden auf die deutsche Gesandt
schaft vermutet wurde, war in kurzer Zeit
alles abwehrbereit. Aus allen Fenstern schau
ten Maschinengewehre und Maschinenpistolen.
Einzelgruppen versahen den Außendienst in
fürsorglich angelegten Schützenstellungen.
Trotz höchsten Alarmzustandes sorgten die
Frauen ruhig für das Abendessen: Gulasch
mit Reis. Ein Angriffsversuch erfolgte jedoch
nur auf die benachbarte belgische Gesandtschaft,
die mit Leuchtraketen die englische Wachtruppe
zu Hilfe rief. Die englische und die französische
Gesandtschaft stehen mit der deutschen Gesandt
schaft zur gegenseitigen Hilfeleistung in stän
diger drahtloser Verbindung.
Die am Westrande von Addis Abeba gele
gene deutsche Hermannsburger Mission zieht
es vor, ihr Eigentum an Ort und Stelle zu
verteidigen, was tapfer und erfolgreich ge
schieht. Die Mission wurde in der Nacht zum
Dienstag von den bewaffneten Lastwagen der
Gesandtschaft, mit der sie in ständiger Boten
verbindung steht, besucht und in bester Ver
fassung gefunden. Die Verteidigungsmann
schaft wurde durch einen besonders erprobten
MG.-Schützen der Gesandtschaft verstärkt. Im
übrigen setzen die Missionsbrüder ihre Arbeit,
die Pflege verwundeter Abessinier, tapfer fort.
Dem bereits eingetretenen Mangel an Medi
kamenten wird ans den Beständen der Ge
sandtschaft abgeholfen.
funden haben, seit Sonntagabend von plün
dernden Eingeborenengruppen umzingelt. Es
mache sich bereits Mangel an Lebensmitteln
bemerkbar. Der französische Gesandte habe er
neut um Hilfe gebeten. Man erwarte in
Addis Abeba mit Ungeduld das Eintreffen der
ersten französischen Eingeborenenkompanie
ans Diredaua. Von den beiden aus Dschibuti
abgegangenen französischen Kompanien würde
dann die eine auf halbem Wege in Diredaua
bleiben und dort den Dienst der inzwischen
nach Addis Abeba abgegangenen Kompanie
übernehmen. Die andere würde nach Addis
Abeba Weiterreisen. Allerdings verlaute, daß
die Eisenbahnstrecke bei Modjo, 60 Klm. von
Addis Abeba entfernt, unterbrochen sei.
Englische Marinetruppen für Addis Abeba?
Nach Meldungen aus Aden sind am Montag
die beiden britischen Zerstörer „Decoy" und
„Dainty" von dort mit dem Ziel Dschibuti in
See gegangen. Wie Daily Telegraph dazu ans
Aden ergänzend berichtet, ist dort das Gerücht
verbreitet, auf den Zerstörern befinde sich bri
tische Marineinfanterie, die als Hilfstruppen
nach Addis Abeba gehen sollen. Obwohl dies
an amtlicher Stelle nicht bestätigt werde, werde
es auch nicht bestritten,' das ganze Unterneh
men werde äußerst geheim gehalten.
Unterhauserklärung Edens.
Ser Negus auf einem englischen ßrenzer
DNB. London, 4. Mai. Im Unterhaus gab
Außenminister Eden am Montagnachmittag
eine Erklärung über die Lage in Abessinien
ab.
Er teilte zunächst mit, der Negus habe am
1. Mai dem britischen Gesandten in Addis
Abeba erklärt, daß er die Leitung der Staats
geschäfte niedergelegt und sie seinem Minister
rat übergeben habe, und daß er sofort nach
Dschibuti abreisen wolle. Am Morgen des 2.
Mai habe er die Reise in Begleitung der Kai
serin, des Kronprinzen und anderer Mitglie
der seiner Familie sowie des Außenministers
und anderer Personen angetreten.
In seiner Mitteilung an den britischen Ge
sandten habe der Kaiser seinen Wunsch zum
Ausdruck gebracht, sich mit seiner Familie nach
Palästina zu begeben. Die britische Regierung
habe es für ihre Pflicht gehalten, seinem Wun
sche nachzukommen, soweit es in ihrer Macht
lag, die Reise des Negus und seiner Beglei
tung nach Jerusalem zu erleichtern. Die briti
sche Regierung sei daher mit der französischen
in Verbindung getreten, die sich ihrerseits be
reiterklärt habe, allen Wünschen des Kaisers
in bezug auf seinen zukünftigen Aufenthalts
ort nachzukommen.
Unter diesen Umständen habe die englische
Regierung den Kreuzer „Enterprise" nach
Dschibuti besohlen, um den Kaiser und seine
Moskau in BereiWastsftellung
Das französische Wahlergebnis ist die wohl
verdiente Quittung für die französische Regie
rungspolitik, die die ständige Einkreisung
Deutschlands in jedem Fall für viel wichtiger
hält als die Liquidierung der letzten 22 Jahre
in Europa oder als eine vernünftige Erörte
rung des Friedensplanes der Reichsregierung.
Es hat sich jetzt auch gezeigt, wie völlig irrig
es war, etwa von einem Rechtsruck zu sprechen,
wie man es in einigen europäischen Zeitungen
lesen konnte. In jedem Fall beherrscht die
Volksfront die Lage auch dann, wenn sich der
rechte Flügel der so schwer geschlagenen Radi
kalsozialisten zur Mitte schlagen würde. Nach
dem Brauch demokratisch-parlamentarisch re
gierter Länder müssen zunächst einmal die So
zialisten als die stärkste Kammergruppe mit
der Regierungsbildung betraut werden. Es ist
selbstverständlich, daß die Kommunisten, die
einschließlich ihrer Splitter mehr als 80 Ver
treter ins Parlament entsenden, innerhalb der
Volksfront einen außerordentlich starken Ein
fluß ausüben werden. Wenn Moskau gleich
wohl für dieses Mal noch Nichtbeteiligung an
der Regierung für die Kommunisten angeord
net hat, so ist der leitende Gedanke dabei er
fahrungsgemäß der, daß man zunächst noch mit
Hilfe der so stark gewordenen Kammergruppe
die innere Entwicklung in Frankreich mehr in
der Stille beschleunigen und erst dann mit dem
Anspruch auf Regierungsbildung oder minde
stens Beteiligung auftreten wird, wenn im
Verlauf der unausbleiblichen internen Schwie
rigkeiten in dieser links gesteuerten Kammer
und in jeder der nun folgenden französischen
Negierungen die Lage auf eine Parlaments
auflösung oder dergleichen zutreibt. Das fran
zösische Blatt, das in seiner Wahlkritik schreibt,
es bestehe nunmehr eine ununterbrochene in
nerfranzösische Krise seit dem 6. Februar 1934,
ist das einzige, das die Lage wahrheitsgemäß
anzudeuten versucht. Man darf gespannt sein,
wieviel Regierungen die neue Kammer bis zu
ihrem mehr oder weniger gewaltsamen Ende
verbrauchen wird. Moskau hat Zeit. Es weiß
seine Sache in Frankreich in bewährten Hän
den.