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Mit zwei Zentnern dnrch Äsn Weltkrieg
Erinnerungen eines Optimisten.
Von Karl Borromäus Gröber.
(16. Fortsetzung.)
Ich bekam die Erlaubnis, in die Stellung zu
reiten u. so meinen kranken Fuß zu schonen.
Kurz nach Mitternacht zogen wir los. Ich hatte
meinen Gaul, der die Eigenschaft besaß, sich
beim Satteln aufzublähen, selbst fertigge
macht und mich dann mit Mühe aus ihn hin
aufgeschwungen. Als wir ungefähr die Hälfte
des Weges hinter uns hatten und es einen
kleinen Hang hinaufging, merkte ich, daß mein
Sattel, an dem die beiden Packtaschen und
meine Schlafdecke befestigt waren, nach hinten
rutschte. Ich stieg ab und versuchte den Sattel
gurt enger zu machen. Leider platzte in demsel
ben Augenblick in nächster Nähe eine ange
nehm großkalibrige Granate, mein Gaul mach
te einen Satz auf die Seite und war im selben
Augenblick in einem mit Wasser und Dreck ge
füllten riesigen Granattrichter verschwunden.
Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich das
arme Tier wieder herausbrachte. Sattel mit
Packtaschen und Decke waren aber in dem Loch
untergetaucht, und ich stand, mit meinem drecki
gen Gaul am Halfterband, einem Bergschuh
am linken und einem mit Spagat festgebun
denen Filzpantoffel am rechten Fuß, allein auf
weiter Flur. Die Herren Kameraden waren in
Richtung Feind restlos im Dunkel verschwun
den. Der Marsch in die Stellung, den ich nun
allein antreten mußte, war böse, da ich mich zu
allem hin noch verlief. Das Pferd brachte die
Ablösung wieder zurück. Meine Packtaschen
und meine Decke aber fischten zwei hilfsbereite
Kameraden mit Stangen aus dem Dreckloch
wieder heraus. Meine Decke war dann bis zum
Ende des Krieges mit einem nicht sehr ange
nehmen Leichenduft, der nicht wegzubringen
war, behaftet. Für den Spott brauchte ich so
wieso nicht zu sorgen.
Die Verpflegung in der Geschützstellung war
nicht gut, denn es dauerte manchmal mehrere
Tage, bis wieder Nahrungsmittel herauf
kamen. Die Zeit vertrieb man sich mit Karten
spielen im recht primitiven Unterstand, und
man hatte sich an das Einschlagen der feind
lichen Granaten und an das Krachen der eige
nen Geschütze allmählich so gewöhnt, das uns
einmal sogar unser leichtes Gebirgsgeschütz
aus der Stellung herausgeschossen wurde, ohne
daß wir es gleich merkten. Besonders lästig
war der süße Geruch, den ein paar tote Gäule
vor unserer Stellung verbreiteten. Angeneh
mer wurde ihr Anblick dadurch nicht, daß sie
den kräftigen Dünger für herrliche hochrote
Erdbeeren abgegeben hatten, die um sie herum
und aus ihnen heraus in nie gesehener Pracht
wucherten. Ich konnte daraufhin lange Zeit
keine Erdbeeren mehr sehen. Leider hatten wir
vor Verdun auch Verluste, und ich mußte für
Copyright 1635 by Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart.
die toten Kameraden hinten im Waldlager die
Grabkreuze entwerfen.
In den Karpaten.
Wir waren heilfroh, als wir endlich aus die
ser Hölle wegkamen. Man hatte an höherer
Stelle endlich doch eingesehen, daß man mit
Gebirgsgeschützen, die knapp vier Kilometer
weit trugen, bei Verdun keine Siege erfechten
konnte. Wir wurden wieder verladen und in
achttägiger Fahrt quer durch Deutschland,
Oesterreich und Ungarn nach den Karpaten
verschickt. Ein paar Tage durften wir uns in
Leordina ausruhen und die bunt kostümierte,
sehr saubere ländliche Bevölkerung bestaunen.
Dann ging's in angestrengten Märschen auf
die Karpatenhöhen. Der überraschte Russe, der
bis dahin nur Oesterrcicher als Gegner ge
wohnt war, zog sich eilig zurück. Leider konnte
er sich in einer zweiten Stellung im Gebirge
wieder festsetzen und neue Verstärkungen her
anholen, so daß er sich schließlich wieder in
starker Ueöermacht befand. Bis Jablonitza wa
re,r wir vorgeprellt, weiter ging's nicht mehr.
Acht Tage lagen wir in einem herrlichen Quar
tier in einem huzulischen Bauernhof, wo wir
wie unser Herrgott in Frankreich lebten. Die
Wälder waren voll von prächtigen Steinpilzen.
Die Bauern verkauften uns junge Schweine,
und wir haben uns damals aus den Pilzen
und aus dem Schweinefleisch in der Feldküche
ein Gulasch gekocht, wie wir es nie mehr be
kommen sollten. Vier erwachsene Töchter, die
gar nicht häßlich waren, zierten den Bauern
hof. Da wir nachts mit der ganzen Familie zu
sammen in der großen Wohnstube schliefen,
waren für die Mutter besondere Vorsichtsmaß
regeln geboten. Sie löste ihre Aufgabe glän
zend. Auf dem großen Schlasofen mußten sich
die jungen Mädchen in einer Reihe nebenein
ander legen. Ueber die acht Beine wurde ein
dicker Schlafpelz gebreitet, und auf ihm schlief
die alte Bäuerin. Alle Gefahr war so behoben!
Die huzulischen Mädchen hatten auch sonst
merkwürdige Gewohnheiten. Wenn man sie
photographieren wollte, holten sie zuerst das
Bild ihres Herrn Bräutigams, der auf diese
Weise auch mit aufs Bild mußte. So hatte er
später den untrüglichen Beweis, von seiner
Liebsten nicht vergessen worden zu sein.
Es war wirklich schade, daß die Russen so
bald wieder angriffen und unser Idyll störten.
Ich saß ans weit vorgeschobener Beobachtungs
stelle und hatte mich mit meinen Getreuen im
Schatten einer alten Fichte gemütlich zu einem
Mittagsschläfchen niedergelegt. An einem Ge
räusch in der Nähe erwachte ich plötzlich und
war recht erstaunt, russische Soldaten kaum
fünfzig Meter von mir in Schwarmlinie den
Berg heraufkommen zu sehen. Leise, aber eilig
machten wir uns nach rückwärts aus dem
Staube, besonders weil wir auch unten im Tal
den Feind in dicken Kolonnen anmarschieren
sahen. Wer uns damals laufen sah, hätte ge
wiß geglaubt, daß wir uns für den nächsten
Olympiadauerlauf vorbereiten würden. Auch
die übrigen deutschen Truppen bewegten sich
mit ähnlicher Schnelligkeit durch die unweg
same Gegend, und ich wundere mich noch heute,
daß wir uns auf einer Höhe doch noch festsetzen
konnten und nach allerdings bitterem Raufen
den Feind aufzuhalten vermochten. Durch un
sere üble Erfahrung waren wir etwas vorsich
tiger geworden und hatten uns bald richtig cin-
gegraben. Schön war unsere Stellung trotzdem
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Zn den Vorgängen in Addis Abeba.
Die deutsche Gesandtschaft in der abessinischen Hauptstadt, die wäh
rend des gegenwärtig herrschenden Chaos die Zuflucht der in Addis
Abeba lebenden Reichsdeutschen ist. (Selle-Eysler, K.)
noch nicht, und man hatte immer das Gefühl,
daß auf einen von uns drüben dreißig Russen
kämen. Unsere neue Stellung, in der wir den
ganzen Winter über bleiben sollten, hatte den
wohlklingenden Namen „Purului". Es war
ein schmaler Bergrücken, der nach der russischen
Seite hin sanft abfiel. Zudem war das ganze
Gelände mit Latschen, einem niedrigen Knüp
pelholz, bedeckt, die dem Russen das Näher
kommen sehr erleichterten. Fast sechzehnhun
dert Meter über dem Meer hatten wir unsere
Hütten gebaut. Im Hüttenbauen bekam man
allmählich große Routine. Bretter gab es zwar
nicht, dafür aber konnte man die mächtigen
Karpatentannen durch Keile mit Leichtigkeit
der ganzen Länge nach in breite, nicht allzu
dicke Bohlen zerteilen, die ein prachtvolles
Baumaterial abgaben. Als Fenster wurden
Bilderrahmen eingebaut. Die Konstruktion
primitiver Oefen, die wir aus Steinen zusam
mensetzten, wurde zu großer Vollkommenheit
gebracht. Dies war auch sehr notwendig, denn
schon im frühen Herbst waren wir völlig ein
geschneit.
Die Verpflegung wurde immer schwieriger
und mußte in mehreren Etappen auf tagelan
gen Märschen mit Tragtieren in die Stellung
gebracht werden. Zwar gab es Höhenzulage,
die aus einem gar nicht'zu verachtenden Quan
tum Schnaps bestand. Man brauchte eine solche
Labung auch bitter notwendig, wenn man in
den vereisten und verschneiten Batterie- und
Beobachtungsstellen aushalten wollte. Manch
mal hatte man das Glück, ein Schwein zu re
quirieren, das dann fachkundig von unserem
Sergeanten Birzlmeier umgebracht wurde.
Einmal sollte ich ihm dabei behilflich sein und
hielt die Sau nicht gerade sehr talentvoll an
ihren großen Ohren. Die Vorbereitungen mach
ten das Tier etwas nervös, und ehe ich wußte,
wie mir geschah, hatte sich die Sau losgerissen
und war im nächsten Walde verschwunden. Ein
Donnerwetter des geprellten Metzgermeisters
entlud sich über meinem Haupte und gipfelte
schließlich in den Worten: „Jetzt ist der Mensch
Professor und weiß nicht mal, wie man eine
Sau hält." Später habe ich mir auch auf diesem
Gebiete einige Kenntnisse erworben.
Frisches Fleisch war in den Karpaten etwas
sehr Rares. An einer Büchsenwurst, die nicht
mehr ganz einwandfrei war, hatte ich mir den
Magen gründlich verdorben und konnte über
haupt nichts mehr sehen, noch weniger genie
ßen, was in einer Blechbüchse aufbewahrt war.
Fast ein halbes Jahr lang nährte ich mich von
selbstgekochten Brotsuppen, von Marmeladen
und hie und da von einem Stückchen frischen
Fleisches, das mir ein gutmütiger Kamerad
von hinten mitbrachte. Jene kärglichen Tage
trübten mir den Aufenthalt in den schönen
Waldbergen immerhin einigermaßen. Vom
Fleische bin ich aber trotzdem nicht gefallen.
lForlsetzung folgt.»
Em Sang mn Treue mtb Liebe
Roman von Leontine v. Wiuterfeld-Platen
21)
Nachdruck verboten.
Julia sitzt ganz still, die Hände im Schoß
verschlungen. Es ist, als griffe etwas nach ihrer
Seele — aber sie schüttelt es jäh von sich.
Zu dem Manne vor ihr blickt sie rasch hin
über und sagt laut:
„Nordlandsgreif, weil deine Liebe so groß ist
zu Sigrun, will ich dir wiedergeben, was du
so ersehnst — die Freiheit!"
Olaf wendet den Kopf zu ihr und sieht sie
ernst an.
„Fürstin, wie darfst du scherzen mit eines
Mannes Seele? Wenn du auch spielst mit
allem, was uns heilig ist — so darfst du es doch
nimmer zu weit treiben."
Julia lacht.
„Ich scherze nicht, Nordlandsgreif, du bist
frei! Nun ziehe heim zu Sigrun und grüße
sie von mir."
Olaf Biörnsohn sieht sie an. Klar und tief
und durchdringend. Denn er kann ihren Wor
ten noch nicht Glauben schenken. Dann schüt
telt er sinnend den Kopf und sagt langsam —
zögernd:
„Fürstin, Olaf Biörnsohn hat dir abzubit
ten. Fürstin, ich habe klein von dir gedacht!
Ich habe nie geglaubt, daß du so tun könntest.
Vergibt mir."
Und er beugt ein Knie vor ihr und neigt das
Haupt.
„Und welches Lösegeld begehrst du dafür,
Fürstin? Was soll mein Vater dir senden an
Gold und funkelndem Geschmeide? An Waffen
und an Bernstein?"
Da lacht Julia krampfhaft.
„Ich will kein Lösegeld für dich."
Auf springt Olaf, daß der Marmor klirrt. In
seinen Zügen arbeitet es von urgewaltiger Er
regung. Mit einem Schritt ist er vor Julia und
faßt ihre beiden Hände.
„Fürstin, ich danke dir! Hundertfach segne
Freia, was du heute getan! Nicht klein mehr
wirst du vor meiner Seele stehen. Groß bist
du, Fürstin, denn du zwangst dein eigen Herz.
In Nordlands Halle werde ich dein gedenken,
wenn Sigrun vor mir steht in ihrer süßen
Schöne. Singen werd' ich ihr abends beim
Herdjeuer von deiner Huld und Größe. So
lebe wohl! Und die Götter seien mit dir und
segnen dich!"
Hoch richtet er sich auf und wendet sich zum
Gehen.
Julia sitzt regungslos wie versteinert. Sie
will lachen, aber sie kann nicht. In ihren Zü
gen arbeitet es — ihre Hände krallen sich nach
einem Halt. Sic öffnet die Lippen, aber die
Kehle ist ihr wie zugeschnürt. Starr schaut sie
nur auf den Recken, der da von ihr geht. Ter
von ihr geht in dem Glauben, daß sie edel und
großmütig sei. Der nicht klein mehr von ihr
denken will in seiner nordischen Felsenheimat.
Die Marmorstufen geht er hinab in den Pal
mengarten zum Strande, wo sein Drachenschiff
und seine Mannen auf ihn warten. Dann hissen
sie die Segel — noch heute nacht — und fahren
zurück nach Nordland.
Und dann?
Dann wird der Nordlandsgreif merken, daß
sie ihn betrogen hat. Betrogen um das Liebste
und Hehrste, was er hat. Und wird ihr fluchen!
Ihr Götter — hat fie nicht schon viele, viele
betrogen in ihrem Leben? Betrogen und be
logen, ohne daß es ihr je gegrämt?
Warum ist mit einemmal bei diesen letzten
Worten Olafs etwas wach geworden in Julias
Seele, das sie vorher nie gekannt?
O, alle, alle hätte sie lachend betrügen kön
nen — nur diesen einen nicht! Der mit dem
stählernen Blick seiner sonnenklaren Augen
ihr bis in die Seele schaute und zu ihr sprach:
„Vergib, ich habe klein von dir gedacht!"
O, nie wieder durfte er klein von ihr denken
— nie wieder!
Aber dazu mußte sie noch eines tun — das
Letzte — das Größte!
Hoch taumelt Julia. Zur Terrasse wankt sie,
die in den Garten führt. Und ruft, so laut sie
kann, in die träumende Südnacht hinein:
„Nordlandsgreif!"
Und dann noch einmal gellend:
„Nordlandsgreif! O kehr' noch einmal zurück
bei allen Göttern!"
Und sie lauscht hinaus in das Raunen der
Wipfel und das Murmeln der Wellen — und
ihre Glieder zittern wie im Fieber.
Bis sie ihn zurückkommen hört — schwer und
langsam, wie es seine Art ist.
„Du hast mich noch einmal gerufen, Fürstin?
Ward dir dein Wort schon wieder leid?"
Da greift sic in Angst nach seinem Arm.
„Nein, nein, König Olaf, höre mich an! Ich
will ja nicht mehr spielen mit dir — nicht mehr
spielen mit Sigrun. Groß sollst du denken von
Siziliens Fürstin, wenn du wieder heimfährst!
Nichts will ich weiter von dir, du Nordlands
greif. Aber zuvor — habe ich dir noch etwas zu
sagen. Denn du hast an das Große geglaubt in
meiner Seele — und hast es geweckt in mir.
Alle andern sahen nur das Weib, meine Schön
heit, meine Schätze, meinen Reichtum. Bis mich
selber ein Ekel ankam vor dem allen."
Sie sinkt in die Knie und neigt ihren Kopf
tief auf den Marmor, daß die goldenen Ketten
klirren an ihren bloßen Armen.
„König Olaf, vergib mir! Ach nein, weiche
nicht zurück und glaube nicht, daß ich irr sei.
Aber lachend wollte ich dir das Liebste rauben,
was deine Seele besitzt. Ich kann es nicht
mehr."
Sie hebt sich von den Knien und faßt ihn bei
der Hand.
„Komm, Nordlandsgreif, hier habe ich noch
etwas für dich, was du mitnehmen mußt in
deine Heimat. Der Fischerknabe ist es, der
heimlich mitgekommen auf eurer Fahrt."
Sie spricht scheu, — im Flüsterton, — und
zieht den Erstaunten durch den Saal.
„Sieh da, — da steht er hinter dem Vorhang.
Wenn er noch am Leben ist, — denn kein Ge
räusch habe ich vernommen dahinter, die ganze
Zeit. Aufopfern wollte der andere sich für dich.
An deiner Statt als Bürge bleiben in meiner
Haft sein Leben lang. Ach, Nordlandsgreif,
gehe du hin und ziehe das Tuch beiseite, weil
mich eine Furcht ankommt, daß er vor bitterer
Not gestorben sei."
Ungläubig sieht Olaf sie an. Er schüttelt nur
schweigend den Kopf, er versteht sie nicht. Dann,
als sein Blick den starren Augen Julias folgt,
die an dem Purpurvorhang hängen, steht er
mit raschen Schritten vor dem schweren Stoff
und greift jäh in die Falten.
Mit einem einzigen Ruck hat er sie zurück
gerissen.
Und taumelt.
—Und starrt — und starrt. Denn da vor ihm
— an die Pfosten geklammert — weiß wie der
Tod — das Haupt zurückgeworfen in qual
vollem Lauschen — steht Sigrun.
Noch einmal umfassen die großen blauen
Augen der Todgehetzten seine geliebte Gestalt.
Dann sinkt sie lautlos zusammen — wie eine
Blume, die der Nord sturm geknickt. Aber Olaf
hat sie aufgefangen in seinen Armen. An sei
ner breiten Brust bettet er das matte, matte
Haupt. Und kniet nieder und streicht ihr mit
zitternden Händen die goldnen Haare aus dem
weißen Gesicht und legt sein Ohr auf ihre
Brust, ob er den Herzschlag noch spüre unter
dem grauen Fischerkleid.
Julia hat alles mit angesehen und es steigt
etwas hoch in ihre Augen, was sie früher nie
gekannt.
Tränen des Mitleids rinnen ihr über die
rosig geschminkten Wangen.
Und sie bedeutet dem Königssohn, die Ohn
mächtige auf ihr Ruhebett zu legen. Dann ruft
sie nach einer der Sklavinnen, die bringt Was
ser und stärkenden Wein.
Und endlich, endlich schlügt Sigrun die blauen
Augen wieder auf. Nach Olafs blondem Haupt,
das über ihr sich beugt, tastet sie in Angst und
Not.
„Hab' ich mich dennoch gerührt hinter den
Falten, mein Olaf? Mußt du nun sterben, weil
ich unachtsam war? O, dann laß mich mit dir
sterben — Hand in Hand."
Leise von der andern Seite tritt Julia heran.
„Er braucht nicht sterben, Sigrun! Du hast
ihn erlöst mit deiner großen Liebe. So ziehet
nun beide heim gen Nordland, wo die Treue
wohnt und der Glaube an das Gute in unserer
Brust. Ihr habt meine Seele aufgeweckt! Nun
wird Julia aufhören zu spielen und klein zu
sein. Olaf Nordlandsgreif hat sie groß ge
macht."
Da geht ein seliges Leuchten über Sigruns
abgehärmtes Gesichtlein. Sie legt den müden
Kopf an Olafs Brust und lächelt.
Und als die Sonne aufgeht, trägt der Nord
landsgreif sie auf seinen starken Armen zuni
hochbordigen Drachenschiff.
*
Um die Felsen der Wikingsburg rauschen die
Nordseewellen. Auf dem Turm sitzt der alte
König und schaut traurig in die Ferne. Aber
plötzlich reckt er das Haupt und fährt hoch.
Klingt es nicht im Wind wie der uralte Hei
matsang der Wikinger? Rauscht nicht sein
Drachenschiff von Süden her durch die Wellen?
Bei Odin und Freia, sie sind es! Steil steht der
alte König an der Brüstung, seine Augen glu
ten. Scharf wie der Seeadler dringt sein Blick
in die Ferne. Unter dem wallenden Segel
stehen Olaf und Sigrun, die Hände gehoben
zum Gruß. Und durch die Lüfte klingt ein
jauchzendes Lied von Hoffnung und Liebe und
Treue! —> — Ende,