Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

129. Jahrgang. 
SchlLSwrg-HolsteLnlfthL 
129. Jahrgang. 
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Rwösburger TageàL 
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Nr. 166 
Donnerstag, den 7. Mai 
1936 
Die nordische« Länder «d der Bölkerbnnd 
Schwedischer Zweifel über die Zweckdienlichkeit der Mitgliedschaft. — Erwägungen über Kompetenzänderungen — 
Eine konservative Interpellation 
(Von unserem Kopenhagener H. S.-Korrespondenten) 
In allen nordischen Ländern taucht neuer 
dings wachsend in der öffentlichen Diskussion 
die Frage auf, ob es zweckmäßig sei, Mitglied 
des Völkerbundes zu bleiben, falls nicht die 
Arbeitsmethoden, die Organisation und beson 
ders auch die Zielsetzung und Kompetenz des 
Völkerbundes einer gründlichen Aenderung 
unterzogen werden. In Dänemark ist die 
Frage bisher in der Presse nur vereinzelt in 
Form von Eingesandts behandelt worden,' die 
Zeitungen selbst haben — neben einer traditio 
nellen Scheu vor großen Entschlüssen und wohl 
auch aus Rücksicht auf den stark mit dem 
ideellen Wesen einer internationalen Rechts 
institution wie des Völkerbundes verbundenen 
Außenministers Dr. Munch— sich kaum mit 
der Frage beschäftigt,' in politischen Versamm 
lungen und selbst im Parlament ist jedoch hin 
und wieder in Verbindung mit Außenhandels-, 
Sanktions- oder europäischen Fragen eine hef 
tige Stellungnahme für oder wider die Auto 
rität Genfs und den politischen Einfluß der 
Großmächte gegenüber den kleineren Ländern 
in Erscheinung getreten. Aehnlich verhält es 
sich in Norwegen. 
Anders dagegen in Schweden. Dieses Land 
erörtert in neuerer Zeit bekanntlich die Frage 
der Landesverteidigung in einer für skandina 
vische Verhältnisse recht interessierten und posi 
tiven Weise, und auf diesem Wege ist man zu 
einer temperamentvollen Aussprache über den 
Nutzen oder Schaden einer engen Bindung an 
den Völkerbund gelangt. Eine weit ausholende 
Presse- und Versammlungserörterung hat un 
verkennbar gezeigt, daß weite Kreise für einen 
Austritt aus dem Völkerbund in seiner jetzi 
gen Gestalt — am liebsten in Reih und Glied 
mit Dänemark, Norwegen und Finnland (Is 
land ist bekanntlich nicht Mitglied) — gestimmt 
sind. Deutlich trat dies zutage bei einer Rund 
frage, die das konservative Stockholmer Blatt 
»Dagens Nyheter" unter seinen Abonnenten 
veranstaltete, wo eine überwältigende Mehr 
heit den Austritt empfahl. Das Blatt war 
selbst bescheiden genug festzustellen, daß seine 
Rundfrage keinen Gradmesser für eine even 
tuelle Volksabstimmung darstellen könne, aber 
ein Richtungsweiser war gegeben und hat das 
Sprungbrett zu einem noch deutlicheren Schritt 
gebildet. 
Der Führer der schwedischen Konservativen 
lHöjre), Professor Nag ge, hat nämlich die 
aktuelle Frage über Schwedens Stellung, zum 
Völkerbund zum Gegenstand einer Interpel 
lation an den Außenminister Sandler in 
der ersten Kammer des schwedischen Reichs 
tages gemacht, und hierbei muß man sich, um 
die Wendung innerhalb der öffentlichen Mei 
nung Schwedens und die Notwendigkeit neuer 
Erörterungen zu werten, entsinnen, daß noch 
vor nicht gar zu langer Zeit der überwiegende 
Seil der schwedischen Höjrc gegen einen Vor 
schlag über die Ausmeldung Schwedens aus 
dem Völkerbund stimmte. 
Der Inhalt der Interpellation greift die 
Fragestellung hart an und hebt zunächst her- 
^vr, mie die Entwicklung des abessinischen 
Konfliktes den Glauben daran geschwächt hat, 
daß der Völkerbund imstande ist, den Ange 
griffenen zu beschützen, während auf der an 
deren Seite das Risiko der Mitgliedschaft in 
den Vordergrund getreten ist. Als besonders 
^achtenswert wird hingestellt die Gefahr für 
Schweden, die darin liegen kann, daß gewisse 
drilitarische Konflikte in der Nähe des Landes 
ausbrechen. Die Neutralitätspolitik, die das 
schwedische Volk wünsche, sei in Wirklichkeit in 
bohem Grade erschwert worden. Aus diesen 
Gesichtspunkten heraus wünscht man eine nä 
here Erwägung der ganzen Frage. In der Jn- 
rrpellation wird betont, und das ist nach der 
aderen Seite hin beachtlich, daß eine Spren 
gung des Völkerbundes oder ein isolierter 
schwedischer Austritt keineswegs als die ein- 
°Pe Alternative in der kommenden Diskussion 
betrachtet werden muß. Es wird hier an die 
Möglichkeit einer Reform des Völkerbundes 
gedacht, und zwar eine solche, die eventuell eine 
Beschränkung der Ziele und der Befugnisse mit 
sich führt. Eine solche Beschränkung kann nach 
Ansicht des Fragestellers sehr wohl eine Stär 
kung der Möglichkeiten des Bundes als recht- 
und frieöenstiftendes Instrument bedeuten. 
Man wünscht keineswegs eine sofortige Hand 
lung, sondern im Gegenteil, daß die Sache zu 
nächst in Verbindung mit anderen Staaten 
ähnlicher Lage, in erster Linie natürlich mit 
den übrigen nordischen Staaten, erwogen wird. 
Der schwedische Außenminister hat die In 
terpellation noch nicht beantwortet, aber aus 
seiner Rede zum 1. Mai ging hervor, daß die 
schwedische Regierung gewillt ist, bei passender 
Gelegenheit die Sache ausführlich im Reichs 
tage zu behandeln und daß sie an Verhand 
lungen mit anderen Staaten interessiert ist, 
ja, daß dieses Interesse sich durch die Gescheh 
nisse der letzten Zeit verstärkt habe. 
In der Presse aller skandinavischen Haupt 
städte erwartet man, daß die hier von schwe 
discher Seite ergriffene Initiative zur Erör 
terung ein Echo in den Nachbarländern sowie 
in den ähnlich gelagerten kleineren Staaten 
finden wird und daß hierauf gemeinsame Be 
sprechungen beginnen werden. 
Hî şşî 
Kurzfunk aus Rom. 
Marschall Badoglio hat den Gouverneur 
von Rom, Bottai, der mit der Spitze des 
Heeres in Addis Abeba einzog, zum Zivil 
gouverneur von Addis Abeba ernannt. 
Die auch in der italienischen Presse verzeich 
neten Londoner Gerüchte, nach denen der eng 
lische Botschafter in Rom auf Anweisung von 
Eden einen ersten Schritt zur Einleitung nor 
maler Beziehungen zwischen London und Rom 
unternommen haben sollte, werden in Rom 
von englischer Seite ganz entschieden demen 
tiert. Auch in italienischen Kreisen bezeichnet 
man diese Informationen als unwahrschein 
lich. 
„Niemals" 
In 
seinem Buch „Ein Journalist erzählt" 
zitiert Ruppert-Recking die Worte Kit 
cheners in bezug auf die damalige zentral 
afrikanische Politik Englands, in denen der 
große „Sirdar" u. a. sagt: „Niemals werden 
wir dulden, daß sich im Nilbecken eine andere 
europäische Macht festsetzt. Niemals werden wir 
zugeben, daß'ein Keil getrieben wird zwischen 
die Südgrenze des Sudan und die Nordgrenze 
unserer zentralafrikanischen Kolonien. Nie 
mals werden wir gestatten, daß europäische 
Mächte allein, in politischen Gruppen oder im 
Bunde mit afrikanischen Nationen das Nil 
becken zum Gegenstand politischer Kombinatio 
nen machen, die den Lebensinteressen Aegyp 
tens zuwiderlaufen. Damit ist unser Aufgaben 
kreis klar umrissen. Wer sich aus welchen 
Gründen immer am Nil zu schaffen macht, ist 
unser Feind und muß sich von vornherein öar- 
tiber klar sein, daß er den Kampf gegen alle 
Machtmittel des britischen Imperiums aufzu 
nehmen hat. Als Oberkommandierender der 
Anglo-Aegyptischen Armee werde ich nicht zö 
gern, jedem Unternehmen, mag es wo und von 
wem immer geplant worden sein, entgegenzu 
treten, das einen Einbruch in die ägyptische 
oder unsere eigene Machtsphäre bezweckt!" 
Eden erklärt im Unterhaus r 
Der Völkerbund 
gescheitert 
Scharfe Angriffe der Opvosition: Englands Außenpolitik hat vollkommen versagt. — Schwache Verteidigung Edens — 
Der Sohn Hendersons für den deutschen Standpunkt — Chamberlain für Aufhebung der Sanktionen — 
„Lebe wohl, Mister Eden," sagt Daily Herald. 
DNB. London, 6. Mai. Vor vollbesetzten 
Bänken fand am Mittwochnachmittag im Un 
terhaus die angekündigte große außenpolitische 
Aussprache statt. Der Hauptredner der oppo 
sitionellen Arbeiterpartei Dr. Dalton brachte 
einen Antrag auf Herabsetzung des Haushalts 
des Außenministeriums ein, um technisch die 
Möglichkeit einer späteren Abstimmung über 
die außenpolitische Aussprache zu erreichen. 
Im Verlaufe seiner Ausführungen kritisierte 
er zunächst aufs schärfste die Außenpolitik der 
Regierung und bestritt die Richtigkeit der 
kttrzlichen Aeußerung Edens, daß sich England 
im Abessinienkonflikt keine Vorwürfe zu ma 
chen brauche. 
Die Feindschaft Italiens werde Englands 
Stellung in Aegypten, im Sudan, in Kenya 
und im Roten Meer gefährden und darüber 
hinaus die freie Durchfahrt durch das Mittel 
meer und die Verbindungen mit Australien, 
Neuseeland, Indien und dem Fernen Osten. 
Wer könne bestreiten, so fragte der Redner, 
daß die britische Oberherrschaft bedroht werde'? 
Die oppositionelle Arbeiterpartei mache die 
Regierung für den Ausbruch des italienisch- 
abessinischen Krieges verantwortlich, denn sie 
hätte ihn verhindern können. Sie klage sie 
ferner an, ihre Verpflichtungen unter den 
Völkerbundssatzungen und insbesondere unter 
Artikel 16 nicht ausgeführt zu haben. Die bri 
tische Regierung habe die Abessinier ermutigt, 
Widerstand zu leisten in dem Glauben, daß 
der Völkerbund helfen werde. Die Arbeiter 
partei erhebe ferner die Beschuldigung, daß 
England die Abessinier ihrem Schicksal über 
lassen und ihnen keinerlei wirksame Hilfe ge 
leistet, sondern im Gegenteil Mussolini in 
seinem Vernichtungsfeldzug unterstützt habe. 
Der Redner beschäftigte sich ferner mit der 
unterbliebenen Oelsperre und der Verwen 
dung von Giftgasen durch die Italiener. Auch 
hierfür treffe die britische Regierung die Ver 
antwortung. Die englische Regierung habe den 
Völkerbund in Mißkredit gebracht und die 
Millionen der englischen Wühler verraten, 
von denen sie ihre Stimme erhalten hätte, weil 
die Oeffentlichkeit geglaubt habe, daß England 
die Völkerbundspolitik unterstützen werde. 
Unter dem Beifall der Opposition fragte 
Dalton die Regierung, was Eden am kommen 
den Montag auf der Ratstagung zu sagen ge 
denke. Der Rat habe sich nicht mit der Teil 
frage zu besassen, was aus den besiegten Abes 
siniern nnd dem siegreichen Italien werden 
solle, sondern mit dem Völkerbnndsproblcm 
überhaupt. In diesem Stadium, so erklärte der 
Redner, dürfe keine Rede davon sein, daß der 
Sieg Italiens durch eine Aufhebung der 
Sühnematznahmen anerkannt werde. Im Ge 
genteil spreche gerade jetzt sehr viel für eine 
Verschärfung dieser Sühnematznahme» durch 
die Verhängung der Oelsperre. 
Nachdem der Oppositionsredner Dr. Dalton 
geendet hatte, erhob sich unter lebhaftem Bei 
fall 
Antzenminister Eden. 
Er wandte sich sofort gegen seinen Vorredner 
und erklärte, Dalton habe eine Schilderung 
gegeben, die mit der Wahrheit in keinerlei Be 
ziehungen stehe. 
Eden gab hierauf eine kurze Darstellung 
der letzten Ereignisse in Addis Abeba. 
Die Lage, so fuhr er dann fort, der heute 
Großbritannien und alle anderen Mitglieds 
staaten gegenüberstünden, sei schwierig und 
enttäuschend. Nur wenn man den Tatsachen 
offen ins Gesicht sehe, könne man diese Ange 
legenheit behandeln. 
Die Wahrheit sei, daß während der ganzen 
Dauer des Streites England die Führung ge 
habt habe. Das möge falsch oder richtig gewe 
sen sein. Es könne aber nicht bestritten wer 
den, daß England die Führung in dieser Frage 
übernommen habe. 
Man habe absichtlich mit denjenigen Sühne 
matznahmen begonnen, die ein begrenzter Völ 
kerbund verhältnismäßig wirksam gestalten 
könne. Die Schwäche dieser Sühnemaßnahmen 
habe darin bestanden, daß sie nicht sofort wirk 
ten. Das habe der Völkerbund gewußt, als er 
sie verhängte. Es habe nur eine Sühnemaß 
nahme gegeben, die sofort wirksam gewesen 
wäre, das sei die Verweigerung des Rechtes 
aus Benutzung des Suezkanals für Italien. 
Dentschland in der Weltpolitik 
Eigener Bericht «nserer Berliner Redaktion 
Das amtliche Deutschland steht vor der Prü 
fung der englischen Rückfragen. Es darf hier 
bei nicht unbeachtet bleiben, daß in Frankreich 
die neue Linksregierung in naher Zeit gebildet 
wird und daß allein schon hierdurch die Mög 
lichkeit, erweiterter Rückfragen gegeben wird. 
Man kann deshalb kaum mit einer baldigen 
Klärung der am 7. Mürz ergangenen deutschen 
Friedensvorschläge rechnen. 
Rückfragen sind keine Entscheidungen. Durch 
die Rückfragen in Berlin hat sich weder die 
englische noch die französische Regierung grund 
sätzlich festgelegt, sie haben damit auch keinerlei 
Bindung eingeleitet.» 
Lediglich aus dem Inhalt der Rückfragen 
lassen sich Rückschlüsse über die besonderen In 
teressen ziehen, die Paris und London an des 
Führers Friedensplänen haben können. Die 
Gegenseite hat Deutschland fast zwei Monate 
mit einer Antwort warten lassen. Es ist kaum 
anzunehmen, daß auf deutscher Seite die Ab 
sicht obwalten kann, nun päpstlicher als der. 
Papst, nun schneller als die zu sein, die die 
große Friedenswelle, die des Führers Appell 
für die Welt einleitete, langsam verebben 
ließen. 
Es ist aber andererseits nochmals hervorzu 
heben, daß Deutschland unbedingt und vorbe 
haltlos sich zu dem bekennt, was der Führer 
gesagt hat — auch in der Antwort, die die eng 
lischen Rückfragen durch Berlin erhalten wer 
den. 
Sehr bezeichnend schrieb in diesen Tagen die 
Berlingske Tidende in Kopenhagen: 
„Deutschland ist heute nicht mehr aus der 
Weltpolitik auszuschalten, wie noch vor vier 
Jahren. Das erstarkende Deutschland wird in 
den europäischen Fragen und auch in den Fra 
gen der anderen Weltteile immer mehr mitzu 
sprechen haben. Das ist die normale und histo 
rische Entwicklung, die sich mit der Lösung 
Deutschlands von den Fesseln des Versailler 
Vertrags eingestellt hat."
	        
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