Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Zķ Unterhaltung 
^Jahrgang 7 Nr. 106 Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) Donnerstag^denMMNaiM936 
Der Dichter an Bord 
seines Seefischerbootes. 
literarisches Echo 
Marti» Luserke 
Es ist nicht mehr 
nötig, heute noch 
für das Werk Mar 
tin Luserkes zu 
werben. Luserke ist 
in letzter Zeit plötz 
lich zu einem der 
meistgenannten 
Autoren geworden. 
Wenn von jungem 
Ruhm die Rede ist 
und zumal, wenn 
man erfährt, daß 
die Hauptwerke des 
Autors erst ausden 
letzten Jahren 
stammen, liegt es 
Me, ihn sich als jungen Menschen vorzustel- 
; ett * Aber Luserke hat schon einiges erlebt, vor 
M Kriege in der Jugendbewegung, während 
Js Krieges im Felde und hernach als Lehrer 
M Leiter von Landerziehungsheimen und ist 
^ute 66 Jahre alt. 
. Man sieht es an den begeisterten Zuhörern 
ş^ner Vorleseabende in den großen und klei 
dn Städten, wie beliebt der Dichter heute ist. 
^ ist ganz in der Ordnung, wenn er sich in 
^lichtem Anzug und Kniehosen an den Vor- 
Ģtisch setzt, auf dem Kopf eine Kappe, die zu 
nagen ihn eine Kriegsverletzung nötigt. Auch 
M Pult würde nicht zu ihm passen. Es muß 
Mn ein einfacher Tisch und eine einfache 
Mmpe darüber sein, wie es auch am häuslichen 
şşamin, am Lagerfeuer oder auf dem Deck der 
'-Krake" sein könnte. Alles hat eine persönliche 
"rote. 
Der Kontakt mit den Zuhörern stellt sich so- 
Mich ein. Wenn er dann von ernsten Geschich- 
: e tt zu seinen lustigen, etwa denen von Obad- 
U und seinem betrunkenen Schiff überwech- 
slt, lacht er selber aus vollem Herzen mit. 
Md sein wetterbraunes Gesicht mit den 
"lauen Augen und dem vorstehenden Erker 
suchtet wie das eines fayrterprobten Kapi- 
Ms nach einem herzhaften Schluck aus der 
Mddel. Es ist, als ob er es mit wirklichen 
Menschen zu tun hätte, lieben Bekannten, 
ļjôer die er sich immer wieder freuen muß. 
Me seine Gestalten stehen ja im wirklichen 
eeben. 
Luserke ist der geborene Erzähler. Das fes- 
jlt ihn: aus dem Augenblick heraus zu erzäh 
ln und das Geschehen immer neu zu formen, 
vm kameradschaftlichen Zusammenleben mit 
jugendlichen, an Heimabenden, auf Boots 
Urten und Wanderungen, wo nach altem 
Manch abenteuerliche und tiefsinnige Geschieh 
jn erzählt wurden, konnte sich seine Erzähler- 
begabung weidlich auswirken. Er liebt die Er 
zählung als Mythe, an der immer mehrere, 
"şt ganze Generationen gestalten. Es ist dabei 
8anz unwesentlich, wer der Autor ist. Eigent 
lich werden diese Erzählungen nie ganz fertig. 
°ie sind wie Gewächse, wie Blumen, die blü 
hen und vergehen. „Alle meine Geschichten", 
°8t et ..btaucben die mündliche Erzählung, 
den Weiterbericht." 
Nachdem er sein 
Landerziehungs 
heim geschlossen 
hatte, kaufte er sich 
die „Krake", ein al 
tes holländisches 
Seesischerbvot, ein 
Wrack, dessen Auf 
besserung seinen 
letzten Pfennig ko 
stete. Auf ihm, als 
Wohnung und 
Werkstatt ausge 
Die „Krake". baut, beführt er mit 
Aufnahmen: Landeszeitung. seinem Sohne, den 
zum Seemann ausbildet, die Nordsee, vor 
Mein das Wattenmeer an der Emsmündung 
Ņ Winter an Land, werden die Eindrücke 
^ud Entwürfe des Sommers ausgearbeitet 
. Schon immer, von Kind an, gehörte der See 
'"we ganze Liebe. Er hat Fahrten unternom 
men zwischen der Bretagne und den Norwegi 
an Fjords. Auch seine Schule stand am 
Meer, auf der Insel Juist. Bereits 1911 er- 
sahlte er zum ersten Male die Geschichte vom 
»schnelleren Schiff". „Aber die See ist mir nur 
Wahlheimat. Ich bin nicht auf ihr oder an ihr 
geboten. Ja, soviel ich weiß, habe ich nicht 
Men einzigen Seefahrer oder Seerüuberkapi- 
Zn unter meinen Vorfahren. Ich stamme aus 
Msesischem und westfälischem Blut und bin in 
Mrlin geboren, bin also so wenig wie nur 
täglich für die See bestimmt. Aber von klein 
Ms zog es mich zum Wasser. Es war ein Muß, 
ich mich nicht entziehen konnte." 
Richt die Ferne, die schönen, unbekannten 
-Mr gar unentdeckten Gestade waren es, die 
hü lockten. Auch hatte dieses Muß nichts zu 
Uü mit der sommerlichen Liebe des Städters, 
M.ins Bad reist. Luserke liebt das Meer, wie 
ķ jeder echte Seemann tut, liebt es um des 
verlebutües Meer" willen, wie er es nennt. 
/ Bon Numme Numsen 
Das Treiben im Boot über der wogenden 
Tiefe, das unentwegte Segeln an der Grenze 
der Gefahr hin, diese Stunden, in denen man 
das Leben in seiner dichtesten Realität spürt — 
das liebt er. 
So kommt es zu schicksalverkündenden Ge 
richten. Es geistert in ihnen wie in den alten 
nordischen Sagen über Götter und Helden. Ein 
ungewöhnliches Einfühlungsvermögen in die 
Stimmung des Küstenmeeres, seiner Sagen 
und Legenden, seiner Wattgeister, Wassermän 
ner, Werwölfe und ruhlos irrenden Seelen be 
fähigt ihn, das Schicksal gestalthaft zu schauen. 
Seine Spukgestalten, die zu verstehen nicht 
jedem leicht werden, wollen nichts anderes 
sein als Deutung des Schicksals. 
Aber seine Menschen sind dem Einbruch 
übermenschlicher Mächte nicht wehrlos ausge 
liefert, wie etwa die Menschen in der Literatur 
des Naturalismus, willensschwache Kreaturen. 
Hier heißt es im Gegenteil: Sich behaup 
ten! Mutig wird der Kampf mit dem dro 
hend Unbekannten aufgenommen, und die 
Kräfte wachsen. Das sind die beiden Haupt 
pfeiler in Luserkes Werk: harter, tapfe 
rer Wille — und das Schicksal. 
Dieser Dichter will zu den letzten Dingen 
und Deutungen vordringen. Nicht den Städten 
der Zivilisation entnimmt er deshalb die 
Stosse seiner Gestaltungen. Am liebsten ver 
weilt er in einer Vergangenheit, in deren 
Menschen noch einfach und unverwirrt die 
Grundgesetze des Lebens offenbar sind. 
Die Fahrt nach Letztcsand von Martin Luserke. 
Diese im G. Grote-Berlag erschienene kleine Erzählung 
berichtet von seltsamem Teuselsspuk im Wattenmeer. Der 
Dichter schildert das Wattenmeer in der Art eines wun 
dernd Schauenden, um den drautzen im Watt sich eine 
Sphäre von Spuk aller Art webt, tn der Art des Men 
schen, der um die düsteren Mächte des Dämonischen weitz 
und doch stolzes Vertrauen in die eigene Lebensformung 
setzt. Die Sprache des Dichters zeichnet sich durch die 
schlichte, klare Kraft und die treffende Charakterisierung 
der Gestalten, die uns Luserke ohne Verzeichnung und 
Schönfärberei vorführt, aus. Geschmackvoll auch der Ent 
wurf des Einbandes von Poppe Folkerts. 
Unsere Kolomal-Frauenschule Handlungsort eines Romans 
s'- Soeben erscheint im Verlag ull - 
st e i n, Berlin, ein Jungmädchenbuch von 
ElseSteup „WietewillnachAfrika". 
Das Umschlagbild zeigt zwei Mädel von der 
„Koloschule" beim Satteln des „Peter" auf der 
Wiese hinter dem Gerharöshain. Andere Bil 
der, die dem Buch beigegeben sind, berichten 
vom Leben und Arbeiten unserer Schule. Die 
Verfasserin hat diese Schule selbst besucht, hat 
selbst in praktischer Arbeit das Leben dort ken 
nengelernt und erzählt jetzt frisch und unter 
haltend im Rahmen einer flotten, humorvollen 
Romanhandlung das Leben eines jungen 
Mädels, das dort von einer verwöhnten Toch 
ter aus reichem Hause zu einer tüchtigen Frau 
wird. Man darf keinen allzu strengen Maßstab 
an das Buch legen, das ja auch lediglich eine 
Jungmädchengeschichte sein will. Manches mag 
der Schulleitung, die eine ernste Arbeit dort 
zu leisten hat, oberflächlich erscheinen, aber an 
deres ist doch wieder, so die Wandlung der 
Miete, die Kameradschaft der Schülerinnen 
unter der unsichtbaren führenden Hand der 
Leitung der Schule, trefflich herausgearbeitet. 
Für uns Rendsburger ist das Buch deswegen 
interessant, weil „unsere" Koloschule den 
Hintergrund dieses Buches bildet, der Ger 
hardshain, der Kanal, die Eider, alles, was 
uns so vertraut ist. Uebrigens hat das Buch 
Würdigung von zuständiger Stelle gefunden. 
Das k o l o n i a l p o l i t i s ch e Amt der 
NSDAP, schreibt: 
„Else Steup hat mit ihrem Jungmädchen 
buch „Miete will nach Afrika" der weiblichen 
Jugend ein prächtiges, lebenswarmes Buch 
beschert, das ganz den Geist des neuen Deutsch 
lands atmet: den heißen, ehrlichen Willen, als 
lebenstüchtiger, verantwortungsbewußter 
Mensch teilzunehmen an innerer und äußerer 
Aufbauarbeit zum Nutzen des eigenen Volkes, 
wo immer es sei. Zwischen der Miete, die als 
verwöhnte Tochter aus' reichem Hause einem 
blasiert-gelangweilten Drohnendasein an der 
Seite des „reichen" Mannes zusteuerte und 
dem Willensstärken frischen Mädchen, die ihrem 
Lebensgefährten eine rechte gute Kameradin 
sein wird, liegt eine ganze, für uns National 
sozialisten längst überwundene Welt, deren 
Schatten restlos zu beseitigen die Aufgaben 
eben dieser Jugend sein wird." 
* 
Wir bringen eine kleine Leseprobe aus dem 
Buch, das trotz guter Aufmachung mit 32 Bil 
dern nur 2,85 NM. kostet. 
Zur Einführung: Die Heldin der Erzählung 
ist die junge Miete, die als Tochter reicher El 
tern verwöhnt und verhätschelt aufwächst. Ihr 
Bruder ist seit Jahren Farmer in Afrika. Auf 
seinem ersten Heimaturlaub erkennt er mit sei 
nem gesunden, unverbildeten Verstand, daß 
Miete eine andere Umgebung braucht, um zu 
einem natürlichen und brauchbaren Menschen 
zu werden. Durch eine kleine List gelingt es 
ihm, sie zum Besuch der Kolonialschule zu 
überreden. Der von uns gebrachte erste Ab 
schnitt schildert ihren ersten Tag in der Schule, 
eine Kameradin gibt ihr einen Einblick in die 
umfassende Anstalt: 
Ein Stühlerücken riß sie aus ihren Gedan 
ken. Die Lehrerinnen hatten sich erhoben und 
damit das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Alles 
drängte zur Tür, und Miete schloß sich den an 
deren an. Unterwegs wurde sie von einem 
großen blonden Mädchen aufgehalten. 
„Miete, du gehörst in dieser Woche zur Kü 
chengruppe. Sei pünktlich um acht Uhr unten. 
Wegen der theoretischen Stunden sieh dir un 
ten den Stundenplan an." Sie ging schnei 
weiter und sprach mit einer anderen Neuen 
Jetzt stand Ruth neben Miete. 
„Komm doch ein bißchen mit in den Garten, 
es ist so fabelhaftes Wetter, und ich kann dir 
gleich mal zeigen, wo wir arbeiten." '* 
Sie gingen aus einem der hinteren Aus 
gänge, und während Ruth munter schwatzte 
und Miete mit halbem Ohr zuhörte, dachte sie 
mit gewisser Erleichterung daran, daß sie we 
nigstens für den Kochunterricht einigermaßen 
gerüstet sei. Das hatte sie der alten Minna zu 
verdanken, die aus Mutters Elternhaus mit 
gekommen war. Die hatte auch geraten, außer 
i)en schwarzen Satinkleidern für die Jungfer 
des gnädigen Fräuleins doch auch ein paar 
nette Waschkleider mitzunehmen. 
Sie schlenderten auf einem kleinen Weg 
durch ein Wäldchen, in dem die Buchen mit 
jungen grünen Blättern geschmückt dastanden. 
Nun kam ein breiterer Weg, der zu einem Git 
tertor führte. „Das war der Gerhardshain, 
durch den müssen wir immer, wenn wir vom 
Haupthaus kommen. Er gehört der Stadt, aber 
es sind eigentlich nur Sonntags Leute darin, 
in der Woche können wir uns einbilden, er 
gehört uns auch." 
Sie gingen durch ein kleines grünes Git 
ter, hinter dem ein breiter Kiesweg geradeaus 
weiterführte, auf ein einstöckiges, langge 
strecktes Gebäude zu. Rechts und links des 
Weges waren große Rasenflächen, von Rosen 
rabatten umsäumt. 
„Das ist die sogenannte Farm", erklärte 
Ruth, „da wohnen auch einige Mädel mit einer 
Lehrerin. Und hier links hinter dem Rasen 
wird etwas Feines gebaut, ein Haus, das wir 
allein bewirtschaften dürfen. Aber das kommt 
erst nach den Sommerferien dran." 
Sie ließen die Farm rechts liegen und kamen 
an langgestreckten einstöckigen Gebäuden vor 
bei. „Stell dir vor, Mensch, das waren mal 
Legehallen für je sechshundert Hühner", fuhr 
Ruth in ihren Erklärungen fort. „Da konnten 
die Mädel den ganzen Tag den Kot beseitigen 
und die Biester versorgen, aber das ist schon 
ein paar Jahre her. Jetzt ist das alles anders 
eingerichtet. Das sind jetzt Werkstätten gewor 
den, wo wir besonders im Winter sehr viel 
arbeiten, das wirst du noch erleben, und dann 
ein Fahrradraum für fünfzig bis sechzig Rä 
der. Dann ist da eine Sporthalle für Regen 
wetter, die Kammer zum Aufbauen der Sport 
geräte, eine Art Bastelkammer, wo wir Mat 
ten für die Gewächshäuser flechten und pol 
stern lernen, ein Schuppen für unsere zwei 
Wagen, eine Futterkammer — na, du wirst das 
ja alles noch sehen. Wir wollen uns damit 
nicht aufhalten." 
Hinter den Hallen wurden Wiesen sichtbar 
mit kleinen binsengedeckten Häuschen. „Da 
wohnt unser Geflügel", fuhr Ruth in ihren 
Erklärungen fort, „Hühner, Gänse, Puten, 
alles mögliche, mit denen wirst du auch noch 
Bekanntschaft machen. Aber jetzt mußt du erst 
einmal den Sportplatz sehen, der ist großartig, 
und die Liegewiese dazu. Sieh mal, zum 
Sprungloch haben wir doch einen feinen An 
lauf, und hier auf dem Damm, den wir von der 
ausgehobenen Erde aufgeworfen haben, sitzt 
man an schönen Sommerabenden und sieht 
über die Eiderwiesen." 
Miete sah verwundert von dem hohen Damm 
hinunter in das Sprungloch. „Das habt ihr 
alles gemacht?" 
Ruth lachte: „Na, klar, wer denn sonst? 
Nun genieße hier erst mal die Aussicht, und 
dann gehen wir runter zur Eider". 
Ueber Aecker hinweg sahen sie das Flußband, 
an beiden Seiten eingezäunt von hohen Bin 
sen, gegenüber dehnten sich Wiesen aus, aus 
denen ein breitgiebeliges Bauernhaus mit den 
gekreuzten Pferdeköpfen aufragte. 
„Hier holen wir uns die Binsen für die 
Matten, die wir flechten, und zur Bedachung 
der Hühnerhäuser. Das gibt nasse dreckige 
Stiebel, das wirst du gleich merken. Aber heute 
gehen wir nicht so tief runter, du brauchst keine 
Angst zu haben." 
Sie stolperten über Ackerland, und Ruth blieb 
wieder stehen. „Hier war früher Sumpf und 
Morast, überall standen Wassertümpel. Das 
war vor einigen Jahren, und die Mädel, die 
damals die Schule besuchten, haben das Land 
urbar gemacht. Unermüdlich trugen sie den 
fruchtbaren Eiderschlick hier auf das Gelände 
oder fuhren ihn im Handwagen her. Das war 
eine Arbeit, alle Achtung!" 
Miete sah sie entsetzt an. „Aber das ist doch 
Männerarbeit!" 
Ruth lachte verächtlich. „Was heißt Männer 
arbeit? Sind wir etwa schlechter? Wenn die 
Jungens es als Ehre betrachten, daß sie gegen 
die Nordsee kämpfen dürfen und ihr Land ab 
trotzen, dann werden wir Mädel doch nicht zu 
rückstehen. Wir wollen doch einmal Lebens 
kameraden werden, da müssen wir auch ihre 
Kämpfe und ihre Arbeit teilen dürfen." 
„Lebenskameraden?" sagte Miete nachdenk 
lich. Waren das Vater und Mutter? Vater 
arbeitete, und Mutter war das Schmuckstück 
im Hause, und sie, Miete, war ähnlich erzogen. 
„Lebenskameraden", wiederholte sie. 
„Wir sind alle Kameraden", sagte Ruth, und 
ihre Stimme klang wärmer, „eingereiht in die 
große Arbeit für unser Volk. Wir müssen im 
mer bereit sein, füreinander einzustehen, du 
für mich, ich für dich, wir alle füreinander, und 
wenn wir später einmal heiraten, dann ist es 
zwischen Mann und Frau ebenso." 
* 
Etwas weiter im Buch werden uns andere 
Erlebnisse aus den herrlichen Tagen auf der 
Schule geschildert: 
Fräulein Schmidt hatte letztesmal über die 
Befruchtung der Obstbäume durch die Insekten 
gesprochen. Jetzt wurde wiederholt und das 
Thema weiter ausgeführt. Alle waren mit 
Eifer dabei. Gisela bediente ruhig und sicher 
das Episkop, das die besprochenen Vorgänge 
in Vergrößerung auf der weißen Fläche zeigte. 
Die schwarzen Rollvorhänge waren herabge 
lassen, aber dahinter standen die Fenster offen, 
so daß die warmen Frühlingslüfte ungehindert 
hereinströmen konnten. 
Plötzlich ging eine Bewegung durch die ganze 
Klasse, erst war einen Augenblick Totenstille, 
und dann brach es los, stürmische Rufe und 
immer dringendere Bitten. 
Einen Augenblick stand Fräulein Schmidt 
dem Sturm verständnislos gegenüber. Dann 
hörte sie ein immer wiederkehrendes Wort, und 
nun hatte sie begriffen. 
„Es tut mir leid", sagte sie, „aber aus dem 
Unterricht darf ich Sie nicht hinauslaufen las 
sen. So ist es angeordnet worden. Ich bitte 
Sie, jetzt Ruhe zu halten. Wir wollen fort 
fahren. Ruth, sagen Sie mir, wie wird die 
Bestäubung bei den Blüten vermittelt?" 
Der Lärm verebbte nach und nach, und 
Ruths Stimme wurde vernehmlich. Sie wußte 
hier sonst gut Bescheid, aber heute stotterte sie 
und suchte nach Worten. Es war auch zu schwer, 
still sitzenzubleiben, während man wußte, daß 
kanalabwärts jetzt die „Gneisenau" immer 
näher kam, daß die Fähnriche und Oberfähn 
riche schon aufgereiht nebeneinander standen, 
viele mit dem Feldstecher vor den Augen, und 
daß die Glücklichen, die jetzt nicht gerade theo 
retischen Unterricht hatten, zum Kanal hinab 
laufen durften oder auf dem Balkon standen 
und die gewohnten Grüße mit der Besatzung 
wechselten. 
„Die Bienen nehmen den Blütenstaub auf 
die blauen Schulterkragen", antwortete Ruth, 
die gerade an den lustigen Fähnrich Meinert 
dachte, der sie vergeblich suchen würde. Ein 
lautes Gelächter, in das auch die Lehrerin mit 
einstimmte, brachte sie zur Besinnung. Nach 
dem das Gelächter sich gelegt hatte — Ruth sel 
ber war am lautesten dabei gewesen — konnte 
sie fortfahren, und jetzt riß sie sich zusammen, 
um sich nicht noch einmal zu blamieren. 
Fräulein Schmidt war zufrieden. Es war ja 
so verständlich, daß solche Ereignisse immer 
wieder die jungen Gemüter in Aufregung ver 
setzten, aber sie verstand auch gut den Sinn der 
Anordnung. Es waren ja nicht nur die zehn 
Minuten, die dem Unterricht verloren gingen 
und die man schon wieder einholen würde. 
Ueber aller Wissensvermittlung stand als 
oberstes Ziel die Charakterbildung, und dazu 
gehörte auch, daß man nicht jedem Wunsch 
ohne weiteres folgen konnte, sondern lernte, 
sich zu beherrschen und die Gedanken zu kon 
zentrieren, während sie von ganz anderen, im 
Augenblick für die jungen Mädchen viel wich 
tigeren Dingen angezogen wurden. 
(Schluß folgi.j
	        
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