129. Jahrgang t Nr. 107 Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt)
Unsere Kolomal-Frauenschule Handlungsorl eines Romans
(Schluß.)
Im Backraum unten auf der Farm wurde
das Ereignis anders aufgenommen. „Herr
Weißmehl, gleich kommt die „Gneisenau"
durch!" Der Meister sah von seiner impo
nierenden Höhe auf die erregten Gesichter:
»Ja... und im Ofen backen sechs Brote, und
Zwei Platten mit kleinem Gebäck sollen gleich
hinterher eingeschoben werden. Es ist zu
dumm, daß es gerade so zusammentrifft", und
als er die enttäuschten Gesichter sah: „Ja, da
Muß ich wohl mal zehn Minuten allein auf
passen. Ich denke, es geht dann hinterher noch
Mal so schnell mit dem Ausrollen des rest
lichen Teiges."
Sie lachten ihn an und drängten durch die
Tür. Die Röcke und Schürzen flogen, als sie
durch den Mittelgang auf die grüne Pforte
zusausten. Hier verdoppelten sie ihre Schnel
ligkeit, denn schon klangen die Sirenen bedenk
lich nahe.
Herr Weißmehl war einen Augenblick vor
die Tür getreten und hatte hinter der kleinen
Schar her gesehen. Jetzt ging er in den Back
raum zurück und lächelte vor sich hin. Sie wa
ren immer so fleißig, die jungen Mädchen, da
gönnte er ihnen gern das unschuldige Ver
gnügen.
Es war einige Wochen später, unten in der
Käserei. Ruth goß die saure Milch durch den
großen Beutel und sah gedankenvoll der Molke
Nach, die in das Blechgefäß abfloß. Plötzlich
blickte sie auf.
„Fräulein Schulz, ich habe einen glänzenden
Gedanken."
„Bezieht er sich auf Käse?" fragte Fräulein
Schulz.
„Rein", gab Ruth ehrlich zu.
„Dann wollen wir hinterher darüber spre
chen. Mir scheint, der Bruch ist ziemlich bröck
lig."
Aber Ruth konnte ihren Gedanken nicht so
lange bei sich behalten. Als sie neben Anna-
gret den Bruch durch Holzbretter voneinander
schied und preßte, flüsterte sie: „Könnten wir
nicht ein Sommerfest für viele Kinder aus der
Stadt veranstalten? Es war doch so fein bei
öer Weihnachtsbeschernng."
„Schick", sagte Annagret, „ich komme als
Waldfee."
„Quatsch", gab Ruth zurück, „damit impo
nieren wir den Kindern nicht. Wir müssen
irgendwas Lustiges machen."
„Jetzt bleiben wir mit unseren Gedanken
erst mal beim Käse", sagte Fräulein Schulz,
die unbemerkt herangetreten war, „fester pres
sen, Ruth, und die Stücke nicht ungleich ab
teilen, Annagret."
So kehrten die Gedanken vom Sommerfcst
zum Käse zurück. Der Lab wurde bereitet, die
Formen gefüllt und alles zum Trocknen und
Reifen in die Küsekammer getragen. Hinterher
Mußte geschrubbt und gescheuert werden, damit
alle Gefäße wieder peinlich sauber waren.
Wasserfluten umströmten den Zementboöen,
Und dann war es Zeit, sich zum Essen fertig zu
Machen.
Aber die Gedanken an das Fest begleiteten
alle Verrichtungen, und während man die
Schüsseln herumreichte, ging die Anregung von
Tisch zu Tisch, wurde überall begeistert aufge
nommen und weitergegeben. Die Hausfrau,
diesmal war es Gisela, erhielt den Auftrag,
an höherer Stelle die Genehmigung zu erbit
ten, und die wurde bereitwillig gegeben. Unter
stützte man doch gern alles, was den Gedanken
der Volksgemeinschaft förderte oder soziales
Empfinden in den Vordergrund rückte. Nur
eine Bedingung wurde gestellt, unter den Vor
bereitungen durften der Unterrricht und die
sonstigen Arbeiten nicht leiden. Aber das war
Ehrensache, man mußte sich doch des Vertrau
ens, von dem man immer wieder Beweise er
hielt, würdig zeigen.
Nun gab es in Freistunden oder wo sonst
Gelegenheit dazu war, eifrige Beratungen,
U>as man den Kindern bieten könnte. Die
Bolkswohlsahrt, öer der Plan unterbreitet
Murde, war mit Freuden darauf eingegangen
und hatte die Auswahl der Kinder und ihre
Benachrichtigung übernommen. So waren nach
dieser Richtung keinerlei Schwierigkeiten mehr
zu erwarten, und alle Aufmerksamkeit konnte
Uch der Programmgestaltung zuwenden. Auch
darüber kam nach eifrigen Debatten eine Eini
gung zustande, und nun ging es ans Schnei
dern und Kleben und Nähen. Fast reichte die
sreie Zeit nicht aus, alles zu bewältigen, und
ģorn hätten die jungen Mädchen spätere Abend
runden oder frühere Morgenstunden zu Hilfe
benommen.
Aber zu den wenigen strengen Vorschriften,
deren Beachtung unbedingt gefordert wurde,
gehörte, daß alle Lichter abends um einhalb
Elf Uhr gelöscht sein mußten und daß niemand
dor sechs Uhr morgens in der Werkstatt tätig
leitt durste. Die Anforderungen, die die Schule
stellte, waren so groß, daß die Stunden des
Schlafes keinesfalls gekürzt werden konnten.
Aber wenn man die Zeit zum Briefschreiben
kürzte, auf den Besuch im Caft und die sonsti
gen Freuden verzichtete, die die nahe gelegene
Stadt bot, sich mit den Arbeiten beeilte, dann
war es möglich, alles fertigzubekommen. Ku
chen und Gebäck für die Kinder durften in den
Backstunden mitgebacken werden, und so war
zu dem Tage, wo das Fest stattfinden sollte,
alles bereit.
Es war strahlender Sonnenschein, als sich
auf dem Marktplatz eine Anzahl Mädel in
hellen Sommerkleidern versammelte und dort
all die Kleinen in Empfang nahm, die sich,
zum größten Teil von den Eltern begleitet,
eingefunden hatten. Nach den fröhlichen Klän
gen einer Musikkapelle ging der Zug durch die
Straßen am Kanal entlang und bog dann in
den Wald ein, wo der Festplatz hergerichtet
war.
Die Kinderschar bekam Schokolade und Ku
chen — auch die Erwachsenen wurden bedacht
— und ihr fröhliches Schwatzen zeigte bald,
wie wohl sie sich unter der Fürsorge ihrer jun
gen Wirtinnen fühlten. Nachdem alle gestärkt
waren, kam die Festvorstellung.
„Himmel", sagte Ruth, „nicht nur unsere
hohen Instanzen sind vollzählig versammelt,
auch die Würdenträger öer Stadt haben sich
eingefunden. Hoffentlich blamieren wir uns
nicht."
„Ausgeschlossen", meinte Miete und drehte
sich lustig im Kreise. „Nur gut, daß Mutter
nicht unter den Zuschauern ist, die würde schön
entsetzt über mich sein."
Die gewellten Haare waren heute in Zucker-
wasser getaucht und ebenso wie Ruths Haare
zu der Frisur geordnet, die für Max und
Moritz charakteristisch ist.
Nun ging öer Vorhang zur Seite, und vor
der jubelnden Kinderschar standen die beiden
bösen Buben und verübten ihre dummen
Streiche.
Lebensgroß erschienen die Hühner der
Witwe Volte, aus beweglichen Pappteilen
zusammengesetzt, und gingen elendig an den
heimtückisch hingelegten Brotstücken zugrunde.
Im Bett lag Gisela als Onkel Nolte und zog
an der Schnur mit den riesengroßen Mai
käfern, die immer wieder über die Decke spa
zierten. Gisela schwitzte, teils wegen der Hitze,
teils aus Angst, die Schnur könne sich verhed
dern und die Maikäfer ihren Rundgang ein
stellen. Aber es klappte alles. Die lange dünne
Annagret war zwar keine Walöfee geworden,
dafür lag sie als Schneider Meck auf dem
großen Plättbrett und ließ sich geduldig, wenn
auch unter Gesichterschneiden, mit dem Holz
kohleneisen auf dem Bauch herumplättcn. Der
Jubel der Kinder steigerte sich immer mehr
und wollte gar nicht aufhören, als Max und
Moritz sich durch den Brotteig, in den sie ein
gebacken waren, hinöurchknabberten und das
Weite suchten.
Aber mit dieser Vorstellung war das Pro
gramm nicht erschöpft, es gab noch hübsche kleine
Geschenke, die man beim Wettlaufen, Topfschla
gen oder Eierlaufen gewinnen konnte. Waren
die Kinder zu klein oder stellten sie sich unge
schickt an, gleich waren Helferinnen zur Stelle,
um für den nötigen Ausgleich zu sorgen, da
mit niemand leer ausging oder sich zurückge
setzt fühlte.
An Miete, die noch immer als Max herum
spazierte, hatte sich eine ganze kleine Schar an
geschlossen, die ihr auf Schritt uud Tritt folgte
und sich jauchzend an ihre Seite drängte, wenn
sie sich irgendwo niederließ.
Sie war glücklich über diese Kinderhände, die
an ihr herumzupften, über die warmen kleinen
Körper, die sich zärtlich an sie schmiegten.
Eigentlich war das doch alles viel reizvoller,
als wenn man beim Tanztee zum zehnten
Male hörte, daß man entzückend aussähe. Das
waren sicher oft nur Worte gewesen, die im
nächsten Augenblick im gleichen Tonfall zu
jemand anders gesprochen wurden und nicht
aus innerem Gefühl entsprangen.
Aber dies hier, dies Streicheln und Hände
drücken und gelegentliche Umarmen, das war
ebenso echt wie die Freude, die aus all den klei
nen Gesichtern strahlte.
Es wurde etwas wach in Miete, was sie bis
her nicht gekannt hatte. Sich mit kleinen Kin
dern abgeben, das tat man eigentlich nicht in
ihren Kreisen. Dafür war die Kinderschwester
da, die die Kleinen sauber hielt, mit ihnen spa
zierenging und sie auch sonst in jeder Weise
versorgte. Die jungen eleganten Mütter ließen
das schön geputzte Püppchen einen Augenblick
hereinkommen, wenn Besuch da war, zum
Gutenachtsagen, ein Knixchen machen, ein we
nig gcliebkost zu werden, Ausrufe zu hören:
„Wie süß! Zu niedlich!"
Dann zog das Kleine mit der Schwester wie
der ab, während die jungen Frauen den neue
sten Klatsch weiterspannen oder sich über Mo
den und sonstige lebenswichtige Dinge unter
hielten. So kannte Miete es aus ihrer eigenen
Kindheit, und so würde sie es einmal auch ge
macht haben, wenn...
„Sag mal, Max, kannst du auch einen Pur
zelbaum schießen?" Ein kecker kleiner Bube
hatte die Frage gestellt, und sie wurde von den
anderen begeistert wiederholt.
Wietes Gedanken kamen zurück zum Kinder
fest der Koloschule. „Natürlich!" lachte sie und
dann kugelte sie nach vorn und nach rück
wärts, wie es verlangt wurde, bis sie schließ
lich lachend und atemlos die ganze kleine Ge
sellschaft von sich schob. „Jetzt müßt ihr mich
erst mal verpusten lassen!"
*
Noch lange klang die Freude nach über das
wohlgelungene Fest, aber in diese Nachfreude
mischte sich schon die Vorfreude auf das große
Sommerfest der Koloschule, das in jedem Jahr
Ende Juni veranstaltet wurde, im Anschluß an
die Kieler Woche, damit möglichst nicht die
Zum Muttertag.
Im Heim „Mutter und Kind" der NS.-Volkswohlfahrt in Ho-
henlychen. (NSV.-Bildarchiv, K.)
Freitag, den 8. Mai 1936
Schiffe auf hoher See waren, man wollte doch. 3
den jungen Seeleuten das Kommen ermög-
lichen. Zahllose Fäden gingen hinüber und
herüber zwischen der Koloschule und der Ma- {
rineschule in Mürwik. Verband doch vieles
Gemeinsame die jungen Mädel, die nach ihrer
Ausbildung in die weite Welt hinausstrebten,
mit den jungen Leuten, die der gewählte Ma
rineberuf auf alle Weltmeere führte.
Aber viele Fäden gingen auch hinüber zu der ļ
Kolonialschule im Werratal, in der junge
Männer in gleich zweckdienlicher Weise _ für
Farm- und Pflanzungsbetrieb in überseeischen i
Ländern ausgebildet wurden wie ihre Kol
leginnen in dem Hause am Kaiser-Wilhelm- a
Kanal.
So gingen, wie in jedem Jahr, vor allem
Einladungen nach Mürwik und Witzenhausen
zu dem alljährlichen Sommerfcst und wurden
dankbar angenommen.
Rumänische Episode
Von Heinrich Z i l l i ch.
Ein Bauer steigt polternd in den Straßen- ?
bahnwagen ein. Seine Pelzmütze ist hoch und
läßt ihn schwer und erdhaft erscheinen. Auch .
strömt ein scharfer Geruch aus seinem Fell-
mantel. Er steht hilflos da und läßt allmählich
den Sack auf die Bank nieder.
„Setz dich!", sagt der Schaffner, ehe er klin-'^
gelt, „Wohin fährst du?" ' »t
Der Bauer hebt ruhig sein Auge und ant- .
wortet: „Zum Gefängnis!" "
Es fehlte in der Antwort nur das Wörtchen ;
„bis" —, keiner der Fahrgäste hätte aufgeblickt, >
wäre es gefallen, denn beim Gefängnis ist
eine Haltestelle. Aber dieser Bauer wollte i ns!
Gefängnis —
Sie sahen ihn alle an. Ich beobachtete ihre
Augen — Staunen erfaßte mich — keines war
lauernd oder neugierig. Jedes drückte Mitleid
aus.
Einer fragte etwas von oben herab: „Was
hast du angestellt?"
„Ich nichts, Herr, aber mein Sohn —. Er sitzt
schon seit einem Jahr."
Da rückte der feine Herr, ohne Zurückhal
tung, auf der Bank zur Seite und sagte:
„Setz dich, Alter. Hier ist Platz für dich!"
Er sagte dies wie zu einem Bruder und -
sagte auch nichts weiter. Aber ein anderer--;
fragte: „Da hast du jetzt ein schweres Leben?" -n
Auch dies ohne Neugier, nur voll Anteilnahme,
und der Herr, der gefragt hatte, trug Lackstiefel
und eine Bibermütze. Sie sprachen miteinan
der, der Bauer, von dem der scharfe Geruch
ausging, und die beiden eleganten Herren, ;
zwischen denen er dicht saß, wie drei beküm
merte Freunde.
Wußte« Sie schon, daß...
der Sultan Moulei Ismail, der von 1672
bis 1727 über Marokko herrschte, über 1000 ,
Kinder hatte...
*
in den Vereinigten Staaten nach neuen Sta
tistiken die Zahl der Verbrecher 3 Millionen
betragen soll...
ch
die großen Emmcnthalcr Käse, die Mühl
steinform haben, bis zu 9<J, ja sogar bis zu
120 Kilo wiegen...
ch
bei den Kranichen die Brutzeit etwa 30 Tage
dauert, aber die Jungen bereits nach 2 Tagen
den Alten folgen...
Anekdote
Schadow und die Grazien.
Der alte Johann Gottfried Schadow hat nicht
nur die weltbekannten Standbilder von Fried
rich dem Großen und dem Reitergeneral Zie
then geschaffen, sondern auch die weniger be
kannt gewordene reizende Marmorstatue der
Schlafenden Nymphe. Der berühmte Bild
hauer hatte in seiner Werkstatt zwei Modell
figuren stehen, in grüner Wachsmasse ausge
führt, die als die Grazien bezeichnet wurden.
Der Meister hing sehr an ihnen. Leider wider
fuhr ihnen ein kleines Mißgeschick. Sie gerie
ten zu nahe an den warmen Ofen. An der j
Außenfläche der Figuren schmolz das Wachs, !
und an vielen Stellen bildeten sich Verdickun
gen, so daß es aussah, als seien die schönen
Frauen von Pickeln befallen. Schadow ärgerte
sich sehr darüber, und er klagte einem Freunde,
der ihn besuchte, sein Leid. Der beruhigte den {
Bildhauer: „Keine Sorge, lieber Freund! Den
Schaden kann ich beseitigen. Mit Hilfe von
Aether werde ich den Grazien wieder ihre alte ;
Form geben." Er nahm die beiden Figuren
mit sich nach Hause. Acht Tage später schickte er
sie dem Meister als geheilt zurück. Schadow be
äugte seine Freundinnen. Gewiß, die Haut
war nun glatt. Aber es schien ihm, als seien
die Huldinnen schlanker geworden. Nachdenk
lich schüttelte der Künstler das Haupt: „Ja, die ,
Pickeln sind weg — aber de Pelle ooch." a