Object: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Nr. 18 ' 17. Jahrgang 
Unterhaltungsbeilage zur „Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung, Rendsburger Tageblatt" 
Rendsburg, den 8. Mai 1936 
Mien MoÄerfprsrîk 
(Pommersch Platt.j 
Solang ick läw, will ick ni laten 
Von plattdütsch Spraak un plattdütsch Aart,' 
De Minsch, de wir ok tau verachten, 
Tei nich sien best Vermächtnis waart. 
Denn von mien leiwe, gaude Mudder, 
Von är heww ick ers plattdütsch liert. 
Sü dat, üat maakt mi plattdütsch Wesen, 
Maakt plattdütsch Aart mi duwwelt wiert! 
Lang is sei dood. Iln ok mien Brander 
Is as'n Held in Frankriek foll'n — 
So möt ick denn är groot Vermächtnis 
Furtan allein in Ihren holl'n. 
Solang ick law, will ick ni laten 
Von plattdütsch Spraak nn plattdütsch Aart. 
De Minsch, dei wir ok tau verachten, 
Tei nich sien best Vermächtnis waart. 
Walter Schröder. 
ķ 
Ut'n Ltkiek 
Von all de twölf Moond in't Jaar is keen- 
een so goot bi de Menschen anschrewen as de 
Mai. Em warrt von lütt un groot liker veel 
Honni üm 'n Boort smeert, un de Dichters- 
lüüd weet sik rein gar ni to bännigen vor 
luter Helphooln. Un dorbi is de Mai veel- 
mals gar ni so goot as sien Roop un hett dat 
fuustdick achter de Dorn. Bruukt jo bloots 
to denken an'e dre Gestrengen, de den Buurn 
un den Garner oftins en gaus dicken Streek 
dörch de Reken maakt. Awer dat warrt den 
„Wonnemonat" Mai all dörch de Fingern seen; 
he kann't uns ruhi beden un blifft likers 
Haan in'n Korv. Un worüm? He bringt uns 
eerst richti dat Fröjaar. 't schall na'n Kalenner 
al Utgang März anfangen. Bi uns hier üa- 
ben awer warr't dörch de Bank noch von'n 
April in Schach holn, nn richti to Ruum 
kümmt't eerst in'n Mai. Graad över Jaar 
hebbt wi en April hatt, de köler un ungemüt 
licher weer as de Januar, un mennieen hett 
för de Groschens, wo he Ostern en Tuur för 
maken wull, sik Fürung köpcn müßt un de 
Festdag achtern Aam seien. Sodra wi awer 
den Mai erst to säten hebbt, mutt doch de Win 
ter wiken, un mag he sik ok noch so doll op de 
Achterbeen fetten. So lett't sik denn vollop ver 
staun, dat wi alltohopen richti opatent, sodra 
de April de Döör von buten achter sik tomaakt. 
Un den Mai mit en eben so fründli Gesicht 
begrööt as den Geldbreesdräger. Denn von all 
beid is man sik wat Godes vermoden, obschoons 
se ok bloots dat bringen köönt, wat er toöeelt 
wörr. 
Likerveel harr fröer de meist Mann glieks 
mit den ersten Dag in'n Mai ni recht wat in'n 
Sinn. Möch ok de Sünn von 'n Heben lachen 
— in menni Minschenhart weer't ni hell un 
warm, nee, dor weer't düster un koolt, dor 
wörr keen Freud pleegt, nee, dor wörr Afgunst 
un sogar Haß groottrocken. So wull dat de 
rode Internationale, un't geev ok bi uns lei 
der Lüd meer as noog, de sik besnacken leten 
un den 1. Mai achter de rode Faan randrawen. 
Un so harr düße Dag en häßli Gesicht un en 
wellerigen Bismack, denn he sneet sotosegg'n 
jedesmal wedöer dat Dischdvok twei twischen 
Lüüd, de von Huus ut Bröder un op'nanner 
anwiest weern. Un harr uns noch vör'n paar 
Jaar een seggt, wi wörrn noch mal all een 
mit'nanner den 1. Mai fiern un vergnügt un 
tofreden dorbi wesen — wi harrn schörrkoppt 
un dat wiet von'e Hand wiest. 
Un reinweg unverwaarns is't doch noch ka 
men, Un wedder weer uns Adolf de Hauptkerl, 
de ok düt Meisterstück tregg kreeg. Wat de In 
ternationale mit eern Anhang ut den Dag 
maakt, kann uns sließli pottegal wesen — för 
uns is't en nationalen Fierdag worin, de sien 
Sinn un sien Segen hett. Möögt se sik in Osten 
un Westen striden oder gar tageln — wi Düt- 
schen marscheern den 1. Mai Schuller an Schul 
ler, eendoon, ob wi mit de Fuust oder mit'n 
Kopp arbeitet, ob wie Buur oder Daglöner, ob 
wi Meister oder Topleger sünd. Un beleevt nu, 
öat't vollop sien Richtigkeit hett mit den ölen 
Vers: „Wenn wi man fast tohopenstaan, denn 
hett uns noch keen Minsch wat daan." Ja, dat 
weer richti en Fierdag för't gans Volk, voll 
von Sünnschien un Freud, un in'e gans Welt 
maakt uns keen Natschon so wat na. Un wenn 
man in't Utland ok noch so doll över uns spi- 
takelt — 't mutt sien Willn so hemm,' wi weet, 
't is nix as Afgunst. 
Denn 't geit öwerall bi uns vörwarts, vör- 
föötsch, awer wiß. Keen Wunner, dat 't Volk 
opatent, wedöer Moot un Höpen kriggt un ver- 
gnöögt is, dat 't endli mal richti wedder fiern 
dörv un ni bang to wesen bruukt, dat de Kat- 
tenjammer na kümmt. Jk Hess mit Arbeit 
gebers snackt, de een groten Bedriew hebbt, 
un ok mit Arbeitslüüd. Beid' Deel weern voll 
von dat schööne Fest, dat sc tohopen verleevt 
harrn as Lüüd, de nu mit'nanner an een 
Strang treckt un ni meer as früher mit Hü un 
Hott een den annern toweddern sünd. So 
schall't ok wesen: Lüüd, de Dag tohopen ar 
beit, mööt wenigstens äs un an ok mal tohopen 
fiern,' denn hett't sien Richtigkeit. Een leert 
den annern as Mensch veel beter kennen un 
verstaun, un sodenni kaamt se ok naher in 'n 
Alldag veel lichter un beter mit'nanner tregg. 
De Bedriew steit sik dor good bi, un de gans 
Wirtschaft hett dor den Böddel von. 
Den 1. Mai hett mennieen — un worüm ok 
ni! — sik richt na den ölen Vers: 
„De Dag för Dag sien Arbeit deit 
Un ümmer op'n Posten steit 
Un deit dat fro un deit dat geern. 
De schall sik ok mal amüseern." 
Un so weer't denn ok knapp to bewunnern, 
dat'n allerhand Lüüd to seen kreeg, de 'n Lütten 
in' Kopp harrn un ok goot an 'n Kopp weern. 
Jk wull abends in Schummern noch 'n Breef 
na 'n Postkasten bringen. As ik tostell weer, 
stünn dor 'n Mann to fummeln un snack mit 
sik sülm. He drei mi den Rüüch to. Jk Harr 
Pampuschen an un kööm sodenni gans neeg 
ran, oon dat de Mann mi wies wörr. Un 
kreeg sodenni ok to weten, wat he dor vör Harr 
un diskereer. He klopp troharti den Kasten 
baben op't Dack un see: „Ja, vol Fründ, de 
Tiden ünnert sik: fröer weer ik root, un du 
weerst blau, un nu büst du rot, un ik bün 
blau." 'n Ogenplink besonn he sik, see 'n paar 
mal huup — huup! un denn sung he mit'n mal 
an to singen: „Der Mai ist gekommen —". 
Awer na sien egen Melodie un ok recht wat fri 
in'n Text. Denn bi em hees't: 
„Der Mai ist gekommen, Hans Jochen floog 
aus, 
Kam bannig in Stimmung und geht nun nach 
Haus!" 
Awer eher he richti güng un mi Platz maak, 
kreeg he den Kasten noch mal bi de Klapp to- 
faten un meen gemütli: „Ja, ovl Jung, awer 
dien grot Klapp von fröer, de heft du jo ümmer 
noch. Fröer harr'k ok so een un reet eer geern 
mal wiet apen, vör alln den 1. Mai. Dat hett 
sik bi mi nu gewen, un dat is ok beter so. 
Bloots singen mag ik ümmer geern noch mal." 
Nu geev't den Vers von Hans Jochen sien 
Maitour noch mal, un vergnöögt tüffel he sik 
wider. Jk dacht bi mi sülm: so amüseert sik 
jedencen op sien Aart. Hauptsaak ts, dat de 
Mensch gemütli blifft. 
Von den internationalen Völkerbund köönt 
wi uns ni veel Godes vermooden wesen, denn 
dor speelt uns Fiende de eers Bigelin. Wi 
mööt uns op uns sülm verlaten un bruukt 
en nationalen Bolksbunö. Un dorna sünd wi 
gottloff op'n besten Weg. De „Tag der Arbeit" 
oder de „Nationalfeiertag", as he nu jo heet, 
weer dor en Busteen to, un de „Muttertag" 
an'n tokaam Sünndag is't eerst recht. Fröer 
geven wi heel veel weg op en bunt un protzt 
Fassad', de na buten wat herwies. De langen 
legen Jaarn hebbt uns leert, dat 't ni op 't 
Drüm un Dran, dat 't veelmeer op dat gode 
Fundament ankümmt. Un so sünd wi in't 
Drütt Riek dor nu mit Fliet achter her, uns 
öütsch Tokunft optobuun op „sittliche Werte", 
vör alln op Arbeit un Famili. To dat „Ethos 
der Familie" bekennt wi uns an 'n Moderdag. 
Denn dor lett sik nu eenmal ni an rütteln: dat 
Karn- un Hartstück von 'e Famili is un blifft 
de Moder. Un nix bruukt de Staat so not- 
wenni as de rechte Moder mit er ovln dütschen 
Dugenden. So see sinertied ok al Bismarck: 
„Ich sehe in den häuslichen Tugenden der 
deutschen Mutter und Frau eine festere Bürg 
schaft für unsere politische Zukunft als in 
irgend einer Bastion unserer Festungen." 
Dorin, wodenni en Staat sik to de Moder in 
stellt, liggt sien Schicksal,' je meer he de Moder 
eert, desto beter he sik sülm weert. Wenn 'n sik 
dat vör Ogen holt, kann 'n mit ruhi Geweten 
promseen: de Kommunismus geit an Utteern 
togrunn, de Nationalsozialismus awer warrt 
staun un bestaan, denn sien Wöddel is fund. 
En Mensch, von den 'n mit Recht segg'n 
kann: „Sien Leev warrt nümmer all" un „Sien 
Arbeit un Sorgen hebbt nümmer en Enn", 
de is sien gans Aart dor ni för, dat na buten 
hin veel Weeswark von em maakt warrt. Un 
so stammt de Idee ton Moderdag wiß ni von 
en Moder. Woll freut se sik öwer en Blomcn- 
struusch un öwer süns Klenigkeiten, de eer an 
eern Ehrenüag mit en hell Gesicht op'n Disch 
leggt warrt. Awer wo 't er sließli op an 
kümmt — un dat wüllt wi uns alltohopen seggt 
wesen laten, eeendovn, ob groot oder lütt — 
dat is düt: ni bloots en enkelten Dag, nee, 
veelmeer jeden enkelten Dag in 't Jaar een ni 
toweddern, eer veelmeer towilln wesen in'e 
Heeg un Pleeg von all dat, wat Huus un Fa 
mili för den Gemöötsmenschen to de schönsten 
op'e Eer maakt. Jakob Kiekut. 
Storms SsrgļMķmÄ 
Der große norddeutsche Novellist, der mensch« 
lichem Leid so tief ins Herz geschaut und die 
Nachtseiten des Lebens so ergreifend gestaltet 
bat. erfuhr in seinem eigenen Dasein Herbes und 
Tragisches. Seine große Sorge war fein ältester, 
der Trunksucht ergebener Sohn. In einem der 
alten Briefe, die in „Westermanns Monats« 
heften" veröffentlicht wurden, spricht er offen 
davon: „Nun ist noch einer da: mein Sorgenkind 
Hans. Lucie und Elfabe haben ihn im Frühjahr 
vorigen Jahres verlassen, den Unglücklichen, der 
allein die unheilvolle Erbschaft aus seines Groß« 
Vaters Familie trägt, von der sein Großvater 
allein unter seinen Brüdern völlig frei war; aber 
es ging nicht mehr. Jetzt liegt er in seinem Wörth 
a. M. in Bayern seit zehn Tagen schwach und 
elend darnieder, wie wohl nicht bezweifelt werden 
kann, infolge seines Lebens. Ich habe l ch schon 
seit Jahren zur Ruhe begeben und der Hoffnung 
inbetresf seiner entsagt. Und doch, durch alles 
hindurch, sehe ich immer die guten und liebens« 
würdigen Seiten feines Wesens. Wird nichts 
mehr sein, wo die zur Geltung kommen? Und 
wird er so im Dunkeln uns auf immer ent« 
schwinden? — Der Rest ist Schweigen." Am 
23. Mai 1887 erzählt er von dem Tod des Sor« 
genkindes. an dessen Begräbnis nur sein zweiter, 
tüchtiger Sohn Ernst teilnahm: „Hans, mein 
armer Sohn, starb am 5. Dezember im Städti« 
schen Krankenhaus zu Aschaffenburg an der 
Schwindsucht. Ich lag schwer krank. Ernst war 
im Oktober von Toftlund zu mir gekommen; da 
schickte ich ihn zu seinem todkranken Bruder in 
Wörth a. Main, wo Hans Arzt war; acht Tage 
blieb er bei ihm und brachte ihn im benachbarten 
Aschaffenburg in dem trefflichen Krankenhause 
unter, wo er gern gewesen und wo unter der 
Hoffnung, nach seiner Genesung ins Elterrhaus 
oder zu seinem Bruder Ernst zu kommen, der 
Tod ihn sanft und schmerzlos in sein stilles Haus 
genommen hat. Dann reiste Ernst wieder hin und 
begrub ihn auf den Kirchhof zu Aschaffenburg. 
„Vater," sagte er. als er wieder an mein Bett 
trat, „deinen genialen Sohn haben wir begrabend 
Der Erbschlüssel 
Ein merkwürdiger niederdeutscher Aberglaube. 
Von G. Ohmstedt. 
Wohl mancher hat schon überlegen den Kopf 
geschüttelt über die Torheit der Menschen, wenn 
er z.B. las oder hörte, daß afrikanische Stämme 
sich zur Ermittelung eines Diebes des Diebes 
suchers oder Diebesriechers bedienen. Nicht viele 
aber wissen, daß es auch in unserer niederdeut 
schen Heimat Leute gab und noch gibt, die sich 
auf eine Art Gewißheit über die Person eines 
Verbrechers oder Diebes zu verschaffen suchten, 
die an Torheit den Methoden jener Medizin 
männer nichts nachgab. 
Um miteinemBeispielezu beginnen: JmDezem- 
ber des Jahres 1854 wurden vom Schwurgericht 
inHannoverzwei Zigeuner.deren völlige Unschuld 
sich später herausstellte, wegen Raubmordes zum 
Tode verurteilt. Von abergläubischen Personen 
wurden nach Befragung eines sogenannten Erb- 
schlüssels die Beschuldigten als Täter bezeichnet. 
Auf Befragen heschrieb der Hauptbelastungs- 
zeuge in der Verhandlung sein Verfahren folgen 
dermaßen: ' 
Er habe einen Erbschlüssel in ein altes Gesang 
buch auf einen bestimmten Gesang gelegt und 
dann das Buch fest zugebunden. Dann habe er 
einen Finger in den aus dem Buche hervorragen 
den Schlüsselring gelegt, sodaß es frei geschwebt 
habe. Darauf habe er dem Buche Fragen vorge 
legt und die zustimmende oder verneinende Ant 
wort aus den Bewegungen des Buches entnom 
men. — Ein anderer Zeuge erklärte, wenn die 
Namen der beiden Verdächtigen genannt worden 
seien, dann habe das Buch jedesmal genickt, 
während es bei anderen unbeweglich hängen 
geblieben sei 
In Scharkholz (Dithmarschen) geriet ein 
Mann infolge der Befragung eines Erbschlüssels 
in falschen Verdacht. Ec strengte gegen den Ver 
leumder eine Beleidigungsklage an, und dieser 
suchte sich mit den Worten zu verteidigen: „Ja, 
getan hat er es. Ich habe es mit einem Erb 
schlüssel. einer Erbbibel und einem Erbsiebe aus- 
findig gemacht." 
Auf Christiansholm bei Rendsburg war am 
Hellen Tage eine Jacke von der Diele gestohlen 
worden. Auch hier will man den Täter mit Hilfe 
des Erbschlüssels ermittelt haben. — Aus der 
Wesselburener Gegend wird ein ähnlicher Fall 
berichtet. — 
In Dörgelin (Mecklenburg) wurde 1890 einem 
Mädchen die Aussteuerwäsche von der Leine 
gestohlen. Zunächst,wurden über den Dieb nur 
Mutmaßnahmen angestellt. Dann hieß es auf 
einmal: „Nun ist es ja wohl heraus, wer es getan 
hat!" — „So? — Wer denn?" — „Ja. N. N. 
hat ja wohl einen Erbschlüssel und ein Buch, ci: 
hat er gefragt, und die und die soll es ja wohl 
getan haben!" — Auf diese Art wurde eine im 
Ort wohnende Frau in Verdacht gebracht und 
als Diehin angesehen, bis sich nach langer Zeit 
ihre völlige Unschuld herausstellte. 
In letzterem Falle wurde der Erbschlüssel in eine 
Erbbibel gelegt und beim Befragen nachstehende 
Formel gebraucht: 
„Arfbauk, ik frag di. 
De Wohcheit segg mi: 
Hedd N. N. dat un dat verbraken?" 
Die Art. wie die Befragung vorgenommen 
wurde, war je nach der Gegend verschieden. So 
legte man in einigen Orten einen ererbten Haus 
schlüssel auf ein altes hannoversches Gesangbuch, 
brachte ihn in rotierende Bewegung unter gleich, 
zeitiger Nennung der Namen verdächtiger Per 
sonen und sah in demjenigen den Täter, bei dessen 
Namen der Schlüssel stehen blieb. 
Mancherorts konnte es auch ein Stubentür 
oder Kofferschlüssel sein, nur mußte er ererbt 
sein und im Bart einen kreuzförmigen Ausschnitt 
haben. Er wurde so in eine schwere Erbbibel 
gelegt, daß der Bart auf Ev. Joh. 1.1 zu liegen 
kam. Dann band man die Bibel mit dem einge- 
steckten Schlüssel fest zusammen. Zwei Personen, 
von denen eine an die Schuld, die andere an die 
Unschuld des Verdächtigen glaubte, traten ein 
ander gegenüber und legten den gestreckten Zeige 
finger der rechten Hand so unter den aus der 
Bibel hervorragenden Rand des Schlüsselringes, 
daß das Buch frei hing. Drehte sich nun die 
Bibel, sodaß der Schlüsselring von den Fingern 
glitt und das Buch zur Erde siel, dann war der 
Verdächtige schuldig. Hing die Bibel still, dann 
war er ohne Schuld. 
Doch reichte die geheimnisvolle Kraft des 
Erbschlüssels nach dem Glauben der Leute auch 
noch weiter, als nur zur Ermittelung schuldiger 
Personen. Wer z.B. am Sonntag nach Maitag 
in der Kirche durch einen Erbschlüsselring sah. 
der konnte alle Hexen erkennen, die an diesem 
Tage ihren Bittgang hielten. Dann mußte er 
aber vor Beendigung des Gottesdienstes fort 
gehen, sonst würden die Hexen ihn anhauchen 
und ihm die Augen aus dem Kopf fallen. 
Wenn die Butter nicht werden will, wirft man 
wohl auch einen Erbschlüssel in die Sahne; dann 
geht das Buttern schnell. 
Bei Herzspann nimmt man den Erbschlüssel. 
hält ihn dem Kranken vor die Herzgrube und 
fährt ihm damit kreuzweise über die schmerzende 
Stelle. Dabei spricht man: 
„Arfslötel, ick klaog di. 
Dat Hartspann plaogt mi. 
De Arfslötel fall gewinnen; 
Dat Hartspann fall verswinnen." 
Am Silvester befragte man mit Hilfe des 
Erbschlüssels auch manchmal die Erbbibel oder 
das Erbsieb, wie lange es noch bis zu diesem 
oder jenem Ereignis (Hochzeit. Geburt. Tod) 
dauern werde. Die Zahl der Drehungen ergab 
dann die Zahl der Jahre oder Monate. Wurde 
ein Erbsieb benutzt, dann steckte man den Erb 
schlüssel so durch das Sieb, daß es sich frei um 
denselben drehen konnte. Man ließ es »laufen" 
wie man sagte. Die Befragung ging dann vor 
sich wie bei der Bibel. 
Zur Ermittelung eines Diebes wurde das Erb« 
sieb auch noch in folgender Weise benutzt: Man 
stellt das Sieb auf den Rand. Dann sticht man 
die Spitzen einer gespreizten Schere so in den 
Rand des Siebes, daß man dieses damit aufheben 
kann. Zwei Personen, die eine weiblichen, die 
andere männlichen Geschlechts, gehen nun damit 
an einen völlig dunklen Ort. stellen sich einander 
gegenüber und legen jede den Zeigefinger der 
rechten Hand unter einen Ring am Griff der 
Schere. Dann spricht die eine Person: „Im 
(Namen des Vaters, des Sohnes und des hl> 
Geistes frage ich dich; sage mir die Wahrheit und 
lüge nicht! Wer hat das und das gestohlen? —' 
Hat es ....“ — hier werden die Namen der 
Verdächtigen aufgezählt — „getan?" — Da man 
im Dunkel schlecht balanzieren kann, gleitet die 
Schere bald von den Fingern, und das Sieb fällt 
zu Boden. Derjenige, bei dessen Namen das 
geschieht, ist nach der Meinung dieser Leute dans 
der Dieb. 
Daß die vorstehend geschilderten Gebräuche 
hier und da auch in heutiger Zeit noch ausgeübt 
werden, dürfte feststehen, waren sie doch während 
des Weltkrieges neben anderem Aberglauben — 
Ketten- und Himmelsbriefe — geradezu wieder 
aufgelebt. 
So hett't Oart 
Nu möt wi bei'n tohopen hörn, 
Se hebbt uns lang nog bröt. 
Twee Minschen künnt ok lichter börn, 
Wo een alleen vermöd. 
Von uns de Arbeid, von Gott de Segen, 
Bon uns de Sweet, von Gott de Regen, 
Von Gott de Oarn, von uns de Dank. 
So geiht dat sinen goden Gang. 
Hans H-
	        
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