Rechenschaftsbericht der landwirtfchaftl. Genossenschaften
Vorbemerkung
Das Programm der Jahresveranstaltung der
şchleswig - holsteinischen landwirtschaftlichen Ge
nossenschaften am 7. und 8. März in Kiel ist be
kannt. Es ist alter Gewohnheit gemäß außerordent
lich stoffreich und bietet somit den Vertretern der
Ģinzelgenossenschaften der Provinz eine Fülle von
grundsätzlichen und praktischen Anregungen. Wir
Zinnern in diesem Zusammenhang an die von uns
ausführlich gewürdigte Veranstaltung des Vor
dres, auf der Verbandsleiter O. Köhler aus
führlich den Tätigkeitsbericht des Verbandes erstat
tete, auf der Verbandsleiter Mey-Königsberg das
Ģenossenschaftswesen inmitten der Reichsnährstands-
Politik kennzeichnete, auf der Direktor Baurmeister
şich mit einem ganz groß angelegten Vortrag über
öen bäuerlichen Betriebskredit einführte usw. Man
Wächte an dieser Stelle die Bitte daran knüpfen,
daß der Verband sich wie im Vorjahre zur Druck
legung der gehaltenen Vorträge entschließt. Sie
haben auf diese Art nachhaltige Wirkung und sind
eine Fundgrube für jeden, der sich mit dem Ge-
Uossenschaftswesen mittelbar und unmittelbar zu
beschäftigen hat. Der Verband hat in diesem Jahr
bie Berichterstattung erleichtert, indem er einen
vielseitigen Tätigkeitsbericht veröffentlichte. Wir
verweisen auf unsere Darlegungen am Sonnabend
voriger Woche. Der Umfang des Stoffes zwingt
uns zur Beschränkung auf das Wesentliche.
Verbandsleiter Köhler stand zum Begrüßungs
akt vor restlos gefülltem Hause. Für den Landes
bauernführer, der über die Agrarpolitik des Reichs
nährstandes sprechen wollte, sprang der Leiter der
Hauptabteilung III Osmers mit einem Vortrag über
die Marktordnung ein.
Landesobmann Matthteßen übermittelte die
Grüße des Landesbauernführers. Die Genossen
schaften seien ein Glied der Reichsnährstandspolitik.
Man werde sich ihre Dienste stets zunutze machen,
genau so wie man alle übrigen, im Nährstand ver
einigten Kräfte gebrauche. Deshalb habe die Nähr
standsleitung von sich aus auch keinen Anlaß, aus
die Auseinandersetzung zwischen diesen oder jenen
Gruppen einzuwirken.
Verbandsleiter Köhler erstattete den Geschäfts
bericht, aus dem wir die den Verbanösbericht er
gänzenden und erläuternden Stellen besonders
herausgreifen.
89 °/g der Landwirtschaft der Provinz
genossenschaftlich erfaßt
Aus dem Tätigkeitsbericht
des Verbandsleiters Köhler
Das verflossene Geschäftsjahr stand, so führte
Verbandsleiter Köhler aus, im Zeichen der zuneh
menden inneren Festigung unserer ldw. Genossen
schaften. Schätzungsweise 80 vH aller Bauern und
Landwirte unserer Provinz sind genossenschaftlich
erfaßt.
In Sonderheit lagen die gen. Ausgaben während
des letzten Jahres auf drei Gebieten: 1. Wettere
Untermauerung des Reichserbhofgesetzes, 2. Förde
rung der Erzengungsschlacht, 3. Stärkung der ldw.
Marktordnung. Wir waren nicht erfolglos bestrebt,
die Zollzinsen zurückzuschrauben. In lsd. Rechnung
berechnen unsere Kassen heute einen durchschnitt
lichen Zins von 5—6 vH ohne Provision. Bei der
Schulöenregelung sind in vielen Füllen zwischen den
Kassen und ihren Schuldnern Regelungen durchge
führt, ohne daß auch nur ein offizielles Selbstent-
schulöungsverfahren eröffnet zu werden brauchte.
Für den bäuerlichen Betriebskreöit sind im letzten
Jahre zirka 5 Mill. MM zur Verfügung gestellt.
Darüber hinaus sind die gen. Kreditinstitute im
letzten Jahr dazu übergegangen, auch mittel- und
langfristige Kredite zu gewähren. Außer den Ge
nossenschaften steht den Erbhöfen kaum ein anderer
Kreditgeber hierfür zur Verfügung. In zahlreichen
Fällen haben die Kassen bei Hofüberlassungen die
Ausstattung der weichenden Erben regeln helfen,
den Bau von Altenteilerwohnungen ermöglicht und
den Landarbeiter-Wohnungsbau finanziert.
Wir sind leider, im Gegensatz zu anderen Gebieten
in Deutschland, immer noch erheblich bei der Deut
schen Zentralgenossenschaftskasse verschuldet. Wenn
wir in der Deutschen Zentralgenossenschaftskasse
auch einen verständigen Geldgeber haben, so ist die
ses Geld doch teurer, als selbstaufgcbrachte Mittel.
Wir haben eine ganze Reihe von Spar- und Dar
lehnskassen, die nur noch eine Zinsspanne von 0,75
vom Hundert haben. Wenn solche Spar- und Dar
lehnskassen sich aus eigenen Mitteln voll finanzie
ren könnten, würde der letzte Kreditnehmer in sei
nen Sollzinsen noch erheblich günstiger gestellt
werden. Dieses Ziel werden wir vorerst zwar noch
nicht erreichen.
Sog. Notgemeinschaften, die in anderen Gegenden
Deutschlands gebildet werden mußten, um die Be
lieferung der wirtschaftlich schwachen Betriebs
inhaber mit Saatgut und Düngemitteln durchzu
führen, haben wir trotz der hohen Verschuldung
unserer heimischen Landwirtschaft nicht gebraucht.
Jeder hat von seiner Genossenschaft an Dünger und
Saatgut erhalten, was er benötigte. Es ist erfreu
lich, feststellen zu können, daß die Bezahlung fast
ausnahmslos erfolgt ist und daß m. W. von dem
gesetzlichen Früchtepfandrecht in keinem Falle Ge
brauch gemacht werben mußte.
Verbandsleiter Köhler kam alsdann auf die Ver
bienste der einzelnen Gen. zn sprechen, wir erwäh
nen die gen. Flachsröste. Die Klagen über unzu
längliche Abnahme der letztjährigeu Flachsernte
durch eine Röste außerhalb der Provinz waren groß
Diese Röste entsteht nunmehr in Ahrensbök, wo 120
Volksgenossen im Jahresdurchschnitt beschäftigt
werden. Ueber die Einstellung der Genossenschaften
A«, Marktordnung war die Rede. Ganz besondere
Anforderungen an die Gen. stellte, so hieß es wei
ter, die Getreidebewegnng. Bei sehr kleiner Ver
dienstspanne wurden an die Verteiler große An
forderungen gestellt. Um die großen und drängen
den Angebote in den ersten Monaten nach der
Ernte aufnehmen zu können, mußte seitens der
Genossenschaftsorganisation in erheblichem Umfange
und unter finanziellen Opfern zur Einlagerung
geschritten werden. Die hierbei gemachten Erfah
rungen veranlaßten die Hauptgenossenschast, in
diesem Jahre zwei große Getreidesilos zu bauen.
Wir müssen uns darauf einrichten, auch einmal
weniger trockenes Getreide aufnehmen und ver
arbeiten zu können.
Die Verteilung der Futtermittel hat zu manchem
Verdruß geführt. Eine Unterverteilung, die 100-
prozentig richtig ist, gibt es natürlich nicht. Fehler,
die unterlaufen sind, haben wir im Rahmen des nur
irgend Möglichen abgestellt. Einer Korrektur bedarf
vor allen Dingen noch die gen. Quote in der
Futtermittelverteilung.
Hinsichtlich der Viehverwertung haben wir die
Absicht, auch künftig mit demselben Bedacht zu ar
beiten wie bisher und lehnen es ab, organisatori
sche Experimente zu machen.
Die Revisionstätigkeit fand eingehende Würdi
gung. Bei den Meiereigen., die teilweise ihre Buch
führung völlig umstellen mußten, wird eine ver
mehrte revisionsmäßige Betreuung in Zukunft vor
zunehmen sein. Wir wollen das Nevisionswesen
überhaupt noch mehr ausbauen. Hierbei wollen wir
niemals den Eindruck aufkommen lassen, daß un
sere Revisoren sich in der Nolle eines Detektivs
fühlen.
Znsammensasiend blicken mir auf ein Jahr ange
spannter und erfolgreicher Tätigkeit zurück. Unsere
Genugtuung hierüber läßt auch eine eingehende
Auseinandersetzung mit den verschiedenen Angrif
fen, denen unsere örtlichen Genossenschaften ausge
setzt waren, nicht zu. Wörtlich wurde vermerkt: Wir
brauchen heute keine Leute, die in Flugblättern und
sogenannten Denkschriften sich mit der Frage be
schäftigen, ob das Genossenschaftswesen oder der
Lanöhandel überflüssig sind, sondern halten es für
richtiger, daß Genosienschaft und Landhandcl in
fairem Wettbewerb versuchen, das Höchstmöglichste
für die Gesundung der Volkswirtschaft zu leisten.
Und wer die tiefe Verwurzelung der landwirt
schaftlichen Genossenschaften in unserer Wirtschaft
nicht sieht und glaubt, sie bekämpfen zu müssen, dem
können wir nur sagen, daß der heutige Staat stark
genug ist, das zu beseitigen, was beseitigt zu werden
verdient, daß er aber auch stark genug ist, das zu
schützen, was Schutz verdient. Wenn daher das land
wirtschaftliche Genossenschaftswesen nach wie vor
Anerkennung und Förderung findet, so ist damit
seine Berechtigung neben dem Landhandel deutlich
unter Beweis gestellt.
Präsident Trumpf
vom Reichsverband der deutschen ldw. Genossen
schaften ergriff das Wort. Hinsichtlich der Agrar
kreditierung schweben z. Zt. eine Reihe von Fra
gen, auf die er aber noch nicht eingehen könne.
Grundsätzlich aber müsse man peinlichst darauf
achten, daß der zu vergebende, aber noch knappe
Kredit nützlich angelegt werde,' im übrigen gehe die
Rangordnung der Genossenschaften daraus hervor,
daß diese augenblicklich 65 vH des ldw. Betriebskre-
bites zur Verfügung stellen.
Die vom Reichsverband verfaßten Richtlinien
sollen eine Grundlage für die Banken bei der Kre
ditvergebung sein. Damit wird der Rendant und
seine Kasse in keiner Weise von der Verantwortung
frei. — Die vielen in der Natur der Sache liegenden
Unebenheiten mit anderen auf demselben oder ähn
lichen Gebiet tätigen Wirtschaftsgruppen müßten im
Verlauf der Zeit geschlichtet werden. Es hieß hier,
die Kluft überbrücken und nicht weiter aufzureißen.
Die Genossenschaften haben kein Interesse daran,
eine Organisation zu schassen, die nicht von selbst
wächst. Man sei in der Zentrale gegen Experimente
jeglicher Art.
Die Beitragssätze
Kreisbauernführer" Sieh berichtete als Vorsitzen
der des Rechnungsausschusses über das Ergebnis
der Rechnungsprüfung,' dabei wurde die Beitrags
ordnung ausführlich erörtert, die hier und da als
zu angespannt angesehen werde. Man müsse zwar
zugeben, daß die neuen Beitragssätze, verglichen mit
1933, gestiegen seien, das hänge aber mit dem er
heblich erweiterten Aufgabenkreis zusammen. ES
gebe keinen anderen Weg, als durch Umlage die
Kosten sparsamer Bewirtschaftung zu decken.
Ueber die Marktordnung
sprach in der bekannten Ausführlichkeit Hauptabtei
lungsleiter Osmers. In dem ersten Teil wurde
gründlich dargelegt, welche Gründe die Marktord
nung in diesem Umfang nötig machten. Nicht Bauer
oder Handel, sondern die Gemeinschaft insgesamt
hat das Recht der Preisbildung für ldw. Erzeug
nisse. Die Marktordnung als einen verkappten
Schutz der Bauern hinzustellen, sei irrig. Gesichts
punkte der Rentabilität würden nur so weit ge
währt, wie es zur gesicherten Erzeugung nötig
wäre. Der Verbraucher könne sich keinen besseren
Schutz denken. Wie hätte man bei den Versorgungs-
schwierigkeiten vor Weihnachten alle Einkommen-
stufen erreichen wollen, wo doch das knappe Ange
bot die Preise ungemein in die Höhe getrieben
hätte? Müsse man es nicht eine große Tat nennen,
wenn trotz der großen Nachfrage die Friedenspreise
gehalten seien? Der zweite Teil,
Die Marktordnung im einzelnen
stellte die Belange der Viehwirtschaft in den Vor
dergrund. Die Neuordnung auf den Märkten
wurde besprochen, die Notwendigkeit, neue Märkte
zu errichten junter Verweis auf schleswig-holstei
nische Verhältnisse), die Erfolge der Fest- und
Höchstpreise in Verbindung mit der Klassifizierung
und dem Schlußscheinsystem werden herausgestellt.
Die Knappheit auf dem Schweinemarkt sei behoben,
beim Rindvieh müsse man mit gewisser Verknap
pung noch rechnen. Die Lücken würden durch Ein
fuhr geschlossen. Der Verteiler mußte manche Be
schränkung aus sich nehmen, aber auch der Schlachter
blieb nicht verschont. Dessen Verbienstspanne wurde
erheblich eingeengt, nicht zum wenigsten durch den
Druck auf den Ladenpreis. Hier aber müsse man
andrerseits anerkennen, daß der Uebersetzung durch
die Genehmigungspflicht bei Neuerrichtung von
Betrieben vorgebeugt sei.
In Schleswig-Holstein mache die Preisfestsetzung
manche Schwierigkeiten, da die Provinz während
der fünf Monate Weideabtriebszeit ein gewaltiges
Ausfuhrgebiet darstelle, wobei der Preisunterschied
zwischen dem Export und Verbrauchermarkt aus
geglichen werden müsse, während außerhalb der
Weiöeabtriebszeit umgekehrten Verhältnissen Rech
nung getragen werden müsse. Neuere Besprechun
gen in Husum hätten das Problem in seiner gan
zen Schwere aufgerollt. Man werde seiner aber
Herr zu werden wissen.
Der Redner berührte zum Schluß flüchtig die
anderen Gebiete und schloß mit dem beifällig auf
genommen Appell, jeder Bauer, jeder Verteiler,
Be- und Verarbeiter möge in der Marktordnung
seinen ihm zugewiesenen Platz ausfüllen. Es er
fülle ihn mit Genugtuung, daß die Genossenschaften
diesem Appell im Lande den nötigen Nachdruck
verleihen könnten.
Der Nachmittag war der 41. ord. Mitgliederver
sammlung der Schleswig-Holsteinischen Landesge-
nosienschastsbank vorbehalten. Kreisbauernführer
Sieh griff in seinen Begrützungsworten auf die im
Vorjahr gemachten Ausführungen über den ge
schichtlichen Werdegang zurück. Die letztjührige Ent
wicklung lasse den Genossenschaftler mit Zuversicht
der Weiterentwicklung entgegensehen.
Dis Grundsätze genossenschaftlicher lang,
und kurzfristiger Kreditgewährung
Direktor Baurmeister
erstattete den Geschäftsbericht. Er hob einleitend
die wichtigsten Punkte aus der Geschäftsentwicklung
des Jahres 1935 hervor (wir verweisen auf unseren
Sonnabendbericht), behandelte das Wesen der ge
nossenschaftlichen Aufgaben allgemein und führte
alsdann im einzelnen u. a. aus: In 1935 hatten die
Spar- und Darlehnskassen zunächst
die alten Krcditvcrhältnisse
zu ordnen. Diese Arbeit ist, soweit ihre Durchfüh
rung in unserer Macht lag, mit Erfolg abgeschlossen.
Mit 8200 nicht im Entschuldungsverfahren befind
lichen Schuldnern haben unsere Kassen für Forde
rungen im Gesamtbeträge von rund 20 Mill. MM
eine freiwillige und großzügige Schuldenregelung
getroffen. Die überwiegende Mehrzahl dieser
Schuldner sind nicht Bauern, sondern Handwerker
und Gewerbetreibende, auf die sich das landwirt
schaftliche Entschuldungsverfahren zum Teil sehr
hart auswirkt. Durch die langfristigen Tilgungsver
einbarungen, die ihre Genossenschaften mit ihnen
getroffen haben, erhielten diese Betriebe nunmehr
die Möglichkeit, eine drückende, jederzeit fällige
Schuldenlast zn regeln und sich ganz allmählich zu
entschulden. Wenn in der Provinz insgesamt 13 000
ldw. Betriebe in der Entschuldung liegen, so läßt
sich die Zahl von über 8000 freiwilligen Schulden
regelungen durch die Genossenschaften wohl sehen.
Unser Vorgehe« erscheint uns als die selbstverständ
liche und einfache Lösung der Frage, wie die Ent
schuldung des gewerblichen Mittelstandes und die
notwendige Konsolidierung der kurzfristigen Schul
den durchgeführt werden soll. Was eingefroren ist,
ist eben langfristig geworden. Wir können es nur
begrüßen, wenn die maßgeblichen Vertreter des
Handwerks und des sonstigen mittelständischen Ge
werbes sich die bei den ländlichen Gen. mit dieser
Schuldenregelung gemachten Erfahrungen zunutze
machen und, wo dies nötig ist, ein gleiches Vor
gehen anregen. Dies kann nur zur Gesundung
der Kreditverhältnisse in unserer Provinz beitragen.
Der zweite Komplex alter Kreditverhältnisse sind
die im Entschuldungsverfahren
befindlichen Forderungen unserer Genossenschaften
im Betrage von etwa 26 Mill. MM. Zur Bearbei
tung und Vertretung dieser Forderungen gegen
über den Entschuldungsstellen gründeten wir mit
dem Verbände die Treuhand- und Einziehungs
stelle GmbH. Diese verwaltet heute rund 4000 Ent
schuldungsforderungen. Die Einrichtung hat sich be
währt. Bei voller Wahrung der berechtigten Inter
essen unserer Genossenschaften trägt die Treuhand
stelle zur Förderung und Beschleunigung der Ent
schuldung bei. Außerdem sind wir seit Anfang 1935
Entschuldungsstelle für etwa 1200 ldw. Betriebe.
Die Entschuldung ist in unserer Provinz besonders
schwierig. Ein Fünftel sämtlicher ldw. Betriebe liegt
im Verfahren und rund 2000 Erbhöfe werden noch
weiterer gesetzlicher Vorschristeri bedürfen, «m
überhaupt entschuldet werden zu können. Im Ein
vernehmen mit der Landesbauernschaft haben wir
folgende Grundsätze unserer Arbeit vorangestellt:
1. Ein Entschuldungsverfahren darf erst abge
schlossen werden, wenn zweifelsfrei feststeht, daß der
Schuldner die vorgesehenen jährlichen Leistungen
ausbringen wird. Nach Durchführung der Entschul
dung darf es Zins- und Tilgungsrückstände nicht
mehr geben.
2. Es ist daher notwendig, daß ein Betrieb, der
durch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung
herunter gekommen und dessen lebendes und totes
Inventar demzufolge unzureichend geworden ist,
erst einmal in Ordnung gebracht wird, damit er
seine Zinsleistungsgrenze aufzubringen vermag. Zu
diesem Zwecke hat das Reich die Betriebsausbau-
darlchcn zur Verfügung gestellt. Wo diese nicht aus
reichen oder nicht eingesetzt werden können, muß
dem Betrieb eine gewisse streng befristete Atem
pause gewährt werden.
3. Die Betriebsinhaber müssen auch in diesen
schwierigen Fällen ihren ehrlichen und unbedingten
Leistungswillen unter Beweis stellen. Wer sich auf
Kosten seiner Gläubiger um seine Verpflichtungen
herumdrücken will, wird der Abmeierung verfallen
oder den Hof bis zum Heranwachsen des Anerben
verpachten müssen.
4. Die Erfüllung der Zinsleistungsgrenze setzt
eine durchschnittlich gute Bewirtschaftung der Höfe
voraus. Nicht nur um der Bereinigung der ldw.
Kreditverhältnisse willen, sondern auch im Inter
esse der Erzeugungsschlacht. Von den Entschuldungs
betriebsinhabern mutz verlangt werden, daß ihre
Wirtschaftsweise diesen Voraussetzungen genügt. Ist
dies nicht der Fall, müssen sie selbst Mittel und
Wege suchen, durch Verpachtung ihren Verpflichtun
gen bis zum Heranwachsen des Anerben gerecht zu
werden. Würden sie dies nicht tun, so würde eine
neue Verschuldung unvermeidlich sein. Das Erb
hofgesetz will das deutsche Bauerntum, aber nicht
untüchtige, geschiveige denn unzuverlässige Bauern
schützen.
Durch rechtzeitige und genaue Zinsanordnungen
sowie durch deu verstärkten Einsatz landwirtschaft
licher Sachverständiger als Betriebsüberwachungs-
stellen muß diesen Grundsätzen unbedingte Geltung
verschafft werden. Auch die Spar- und Darlehns
kassen müssen sich mit allen Kräften dafür einsetzen,
daß die Zins- und Tilgungsleistungen erfüllt
werden.
Mit den Auswirkungen der Entschuldung auf
unsere Kassen wird die Gesamtorganisation mit
Hilfe der vorhandenen Reserven fertig werden.
Trotz der einschneidenden Zinskürzungen bei den
Entschuldungsforderungen dürfte es kein Personal
kreditinstitut iu unserer Provinz geben, das seine
nicht in der Entschuldung liegenden Kredite zu so
niedrigen Zinssätzen zur Verfügung stellt, wie die
Genossenschaften. Der Höchstzins ist 6 vH netto ohne
irgendwelche Kreditprovision. Für Tilgungsdarle-
hen rechnen ein Drittel der Kassen nur 4, 4,5 und
5 vH, für lsd. Rechnungs-Kredite liegt bei einem
Fünftel der Kassen der Zinsfuß bei 6,5 vH und
niedriger. Trotzdem ist das Zinsnivea« noch z» hoch.
Im Interesse einer schnelleren Entschuldung märe
sowohl für die Landwirtschaft wie für Handwerk
u. Gewerbe ein niedrigerer Zinsfuß erwünscht. Nur
eine allgemeine Senkung des Landeszinsfußes kann
jedoch den Genossenschaften hier weitere Möglich
keiten geben. Ihre Zinsspanne läßt eine weitere
Senkung nicht zu.
Die Liquidität der Genossenschaften konnte auf
Grund des besseren Rückflusses der Kredite sowie
aus den neuen Spareinlagen gebessert werden. Wir
streben an, daß alle Gen. mindestens 20 vH ihrer
Spareinlagen als jederzeit verfügbares Guthaben
bei uns unterhalten. Ohne Zahlungsbereitschaft
aus eigener Kraft keine Kreditbercitschaft!
Auf der Grundlage der Neuordnung der alten
Kreditverhältnisse konnte auch
die Betriebskreditgemährung
intensiver gepflegt werden. Die Genossenschaften
erhielten eingehende Richtlinien und setzten nach
Aussonderung der eingefrorenen Kredite die Kredit
grenze für jeden einzelnen der 80 000 Kreditnehmer
neu fest. Es ist nun Sache der Verwaltungsorgane,
dafür zu sorgen, daß diese neue Ordnung aufrecht
erhalten bleibt. Eine dauernde Erhöhung der ein
zelnen Betriebskredite des Schuldners darf nicht
in Frage kommen. Im Gegenteil soll im allgemei
nen auch der Betriebskreöit von Jahr zu Jahr ge
ringer werden: und am besten hat eine Spar- und
Darlehnskasse für das Wohl ihres Schuldners ge
sorgt, wenn sie erreicht, daß er schließlich ganz ohne
Betriebskredit auskommt und, wie so viele Mitglie
der unserer Genossenschaften, auf seinem laufenden
Konto stets ein Guthaben unterhält. Vor allem aber
soll jeder Betriebskredit mindestens einmal im
Jahre möglichst völlig zurttckgewickelt sein. Wenn
wir die Saisonschwankungen der Konten der Spar
und Darlehnskassen bei uns betrachten, so ist fest
zustellen, daß die Rückflüsse ohne Düngerkredite
zwischen der Höchstinanspruchnahme im Frühjahr
und der niedrigsten Inanspruchnahme im Herbst
in 1984 3,6 Mill. MM, in 1935 7,5 Mill. MM betru
gen. Dies ist ein gesundes Zeichen dafür, daß die
Betriebskreditgewährung in erheblichem Umfange
Saisoncharakter trägt. — Zu dem Problem des
mîttel- und langfristigen
Erbhofkredites
sind eine Unmenge Vorschläge gemacht worden. Die
Genossenschaften sind zurzeit die einzigen Kredit
institute. die ohne grundsätzliche Beschränkung mit
tel- und langfristige Erbhofkredne gewähren. Die
ĢkMdàiķ -lltzch teMM. MM hierbei verfahren, ww>