Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Tüte jungem Siämmt 
129. Jahrgang / Nr. 107 
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) 
Sonnabend, den 8. Mai 1936 
Gerhard Schumann 
Ein Dichter der jungen Mannschaft 
erhielt den nationalen Buchprcis 1838-88 
„Unsere Haltung ist glühend soldatisch, tet= 
^nschaftlich und geformt. Wir wollen eine 
Dichtung schassen, die der heroischen Lebens 
haltung und Weltauffassung unserer Be 
wegung gemäß ist, und wollen gleichzeitig die 
marschierende Bewegung zur Einkehr rufen, 
äu den stillen Quellen der Tiefe. Wir wollen 
eine Kunst, deren Heroismus nicht Fassade 
bleibt, sondern notwendiger Ausdruck einer 
glühenden Innerlichkeit ist. Wir sind Solda 
ten, die an der Spitze marschieren. Wir sind 
wenige. Aber die Bewegung ist groß, und das 
deutsche Volk ist jung." 
Diese Worte aus dem Bekenntnis des jun 
gen Gerhard Schumann umreißen die Welt, 
ans der sein dichterisches Werk entstanden ist. 
Und der, der in diesem Werk nach Liedern sucht, 
die diese Forderungen nicht erfüllen, wird 
lange suchen müssen, Gerhard Schumann ver- 
Aus dem Zyklus „Fahne und Stern" 
von Gerhard Schumann 
„Nun aber steht ein Haufe von Entschlossenen, 
Aus deren Blick der blanke Wille schießt. 
Sie träumen nichts vom Blut, dem hingegoss'nen, 
Und von dem Führer, welcher einsam ist. 
Dem Führer, der das dunkle Schicksal trägt, 
Und von dem Acker, der nach Männern schreit, 
Und von dem Strom, der an die Grenze schlägt, 
Und von dem Bruder, der die Schuld verzeiht." 
gißt seinen Auftrag auch nicht in Liedern, die 
man als „private" oder „stille" Lyrik bezeich 
nen wollte. 
Wer ist Gerhard Schumann? Er will nicht 
Mehr sein als einer, ein Nufer aus der jungen 
Mannschaft des Volkes. Ueber sein Leben ist 
nicht viel zu sagen: das Neckarstädtchen Eß 
lingen ist seine Heimat, dort wurde er 1911 
geboren, die Vorfahren sind schwäbische 
Bauern, Lehrer und Beamte. Schumann sagt 
von seinem Elternhaus selbst, daß in ihm deut 
sches Schicksal und deutsche Kunst immer die 
krstc Stelle einnahmen, und er fährt dann fort: 
„so wurden mir früh unsere große und leid 
volle Geschichte und die Werke unserer Meister 
in Musik, Dichtung und bildender Kunst ver 
traut". Gerhard Schumann besucht die Semi 
nare in Schöntal und Urach, von wo aus schon 
Mancher junge Schwabe seinen Weg in die 
Deffentlichkeit begann. Neunzehnjährig wird 
e * begeisterter Kämpfer der Bewegung, wird 
Führer der Tübinger SA., um später die ge 
samte württembergische Studentenschaft zu 
führen, steht dann als Obersturmbannführer 
an der Spitze der 216. SA.-Standarte. Heute 
stt Schumann als Kulturreferent in der Lan 
desstelle Württemberg des Reichspropaganda- 
Ministeriums tätig. 
In diesem jahrelangen Kampf entstanden 
seine ersten Dichtungen, mitten drin im Er 
leben, unter den Kameraden, entstanden neben 
ven drängenden Forderungen der Zeit. Da 
schreibt er seine Lieder, weil er sie schreiben 
Muß, denn „Dichtung ist das Brot der Seele 
Eines Volkes, und auch die Seele hungert und 
durstet und darf nicht ungestraft vergessen wer 
ben. Dichtung erhebt das Tagesgeschehen in 
Kroßen Bildern in die Geschichte und in die 
Ewigkeit, sie trägt das Wesentliche aus dem 
Schwall der Dinge und deutet den Sinn im 
garenden Geschehen". 
Diese Aufgabe kann aber nur der erfüllen, 
ber im Tag lebt, sich nicht gewollt vereinsamt, 
üch nicht einhüllt in „pathetisches Unverstan 
densein, der höchstens noch im engsten Zirkel 
ästhetisch durchglühter Intellektueller seine 
Heimat findet". 
Schumann redet in seiner Dichtung das Volk 
wlbst an, in der Dichtung, die zwei große 
Ehernen kennt: Gestalter des Marschtrittes der 
station zu sein und „Mund des gewaltigen 
Sturmes, der durch unser Volk braust", und 
bann „Rufer sein zur Stille, zur inneren 
Sammlung". 
Der letzte Band Schumanns liegt erst kurze 
Beit vor: „Wir aber sind das Korn". Mit 
mnem Lied beschwört er das Licht, das Leben, 
me Landschaft. Im Mittelpunkt stehen die Ge 
buchte „Ruf und Antwort", die zuerst dem 
"Werden des Menschen nachspüren („Vater" — 
„Mutter"), um einen Gott ringen (Lieder der 
Umkehr), um uns dann zuzurufen: „Handle": 
„Holt dich das lockende Rufen? 
Wandle dich, Träumer, verwandle 
dich in tausend Stufen, 
Lach ja! Jauchze ja! Handle!" 
Da erwacht der Tag mit brausendem Licht, 
Mr uns ans Werk befiehlt. Die „Heldische 
Feier" und Lieder, die mesensgemäß dazu ge 
hren, beschließen den Band. E. L. 
Es ist kein Meister vom HrrnMsl gsfsllen 
Ein Mädel über ihre Arbeit im zusätzlichen Jahr 
Schon während der Schulzeit habe ich 
darüber nachgedacht: was anfangen, wenn du 
nicht mehr zur Schule gehst? Die Zeit der Ar 
beitslosigkeit ist vorbei, irgend etwas wird sich 
schon finden. Eines Tages kam eine Dame 
vom Arbeitsamt in die Schule und erzählte 
uns von sämtlichen Berufen, die uns Mädeln 
eigen sind. Der eigentliche Beruf einer Frau 
ist „Hausfrau zu sein", betonte sie besonders. 
„Um Euch auf diesen Beruf vorzubereiten, ist 
das zusätzliche Jahr geschafsen." 
Mit großer Begeisterung war ich dabei. Wie 
hatte ich meine Mutter beneidet, wenn sie zum 
Geburtstag, oder sonst an einem Festtag die 
leckeren Speisen auf den Tisch stellte: nicht nur 
mittags, nein auch zum Kaffee die Kuchen. 
Ich konnte nie die Zeit abwarten, bis die Zeit 
zum Kaffeetrinken herangerückt war. Nun 
sollte ich es selbst lernen und in einem Jahr 
gleich meiner Mutter die schönsten Torten auf 
den Tisch stellen! Fabelhaft! Ein verlockender 
Gedanke! Nach dem Vortrag stürmte ich aus 
die Dame los, um mich genau zu erkundigen. 
Mit einigen Zetteln, aus denen alles Nähere 
stand, lies ich nach Schluß der letzten Stunde 
nach Hause, um meiner Mutter zu berichten. 
„Mutter, ich gehe ins zusätzliche Jahr und in 
einem Jahr kann ich genau so viel wie Du, ist 
das nicht großartig?" Doch sie war nicht gleich 
einverstanden. „Wie kommst du auf den Gedan 
ken? Iß nun erst Mittag, später sprechen wir 
es mal genau durch", und sic wies auf die Zet 
tel. Nun ja, essen konnte ich nicht viel. 
Zwei Tage später ging ich mit meiner Mut 
ter zur Vorstellung. Ich sah mir das Haus ge 
nau an: ein großes Gebäude! „Hier gibt es 
viel zu tun", sagte meine Mutter. „Das schadet 
gar nichts", erwiderte ich lachend. Dieser 
Augenblick, als ich erfuhr, daß Frau Dr. L. 
mich beschäftigen wollte! Ich hätte Purzel 
bäume schlagen können! Nun war die Sache 
ja dingfest, zum 1. Mai sollte ich antreten. 
Zusätzliches Jahr bedeutet Haushaltsjahr. 
Kochen, Waschen, Gartenarbeit, nun, ihr wißt 
es ja auch selbst. Am Donnerstag, dem 3. Mai, 
nachmittags, ging ich hin. Mit vielen Mah 
nungen wurde ich von meiner Mutter entlas 
sen. Es ist doch nicht das schönste Gefühl, zu 
wissen, daß man von jetzt ab nicht mehr bei 
Mutter ist und ihr jedes Leid gleich klagen 
kann. Aber Kopf hoch! Ich hatte es mir ja 
selbst gewählt. Ich meldete mich bei meiner 
Lehrfrau. „Jngeburg, gehen Sie bitte in die 
Küche und helfen Sie mit beim Tischdecken!" 
Es machte mir Spaß. lOOmal besser als eng 
lische Vokabeln lernen, dachte ich. Also in die 
Küche. Else, unser anderes junges Mädchen, 
begrüßte mich freundlich und zählte alles auf, 
was auf den Abenübrottisch gehört. Ich hatte 
das erste schon wieder vergessen, als sie endete. 
Aber woher sollte ich wissen, wo Tassen, Ge 
schirr, Wurst, Butter usw. standen. Sie ging 
mit mir von Schrank zu Speisekammer und 
von hier zur Topfkammer und so immer wei 
ter. Das Tischdecken dauerte an diesem Abend 
sehr lange, doch Else hatte sich darauf vorberei 
tet. Dann kam etwas neues. Die Kinder ka 
men: 2 Jungen und 2 Mädel. Ich sollte darauf 
achten, ob alle die Hände waschen. Frauke, un 
ser Nesthäkchen von 5 Jahren, mußte ich wa 
schen. Dann wurde gegessen. Meine Gedanken 
schweiften nach Hause. Ob meine Mutter jetzt 
wohl auch den Tisch deckt. Ich hatte an einem 
Tag nicht viel getan. Aber ich war sehr stolz 
auf meine Arbeit und fühlte mich ordentlich 
erwachsen, darum steckte ich mein Haar gleich 
auf. 
Bon nun an heißt es früh aufstehen, um 6 
Uhr ist zwar nicht allzu früh, aber für meine 
Verhältnisse war es doch recht viel. Am ande 
ren Morgen rüttelte mich jemand am Arm. 
„Jngeburg, aufstehen!" Ich ganz schlaftrun 
ken: „Bist wohl nicht recht bei Trost, ist ja noch 
so früh!" „Jngeburg, du bist aber nicht im 
Hause." „Wo bin ich denn? Ach ja, stimmt ja 
auch!" Nun kriegte ich es eilig, rasch angezo 
gen, gewaschen und gekämmt und leise runter 
gehen. Was ich wohl nun sollte? „Nun kannst 
du die Schuhe putzen" (Else und ich duzten uns 
gleich nach dem Abendbrot). Also acht Paar 
Schuhe putzen, das war mir in meinem Leben 
noch nicht vorgekommen! Doch auch diese Ar 
beit wurde geschafft. „Das tust du nun jeden 
Morgen." Ich war wenig erfreut darüber, 
aber ich sagte: „Ja, wird gemacht!" „Dann 
decke den Kaffeetisch!" Dann nach dem Kaffee 
geht es ans Zimmer-reinmachen. Es sind drei 
Zimmer und der Flur. Sogar das Blumen 
begießen will gelernt sein! Ich gieße drauflos, 
bis meine Lehrfrau eines Tages sagte: „Aber 
Jngeburg, wie können Sie bloß! Die Kakteen 
schwimmen ja gleich weg! Viel zu viel Wasser. 
Merken Sie sich bitte: Kakteen brauchen drei 
mal so wenig Wasser wie andere Blumen, oder 
sagen wir, Sre begießen sic einmal in der 
Woche." Dann mußte ich die Möbel auch von 
unten abwischen beim Staubwischen. Daran 
hatte ich noch nie gedacht, aber ich werde von 
jetzt ab dran denken. Nicht viel besser ging es 
beim Fegen. Den Staub und Schmutz ließ ich 
in den Ecken und unter den Möbeln liegen. 
Na, ich dachte aber: es ist kein Meister vom 
Himmel gefallen und wird wohl auch in Zu 
kunft nicht. Beim Bohnern hatte ich natürlich 
Die Gotenschlacht 
Am Staatsjugendtag stand der Jungzug 3 
des Fähnleins Goten vor dem Heim angetre 
ten. Es war wie an jedem Staatsjugendtag, 
nur hatte Mogel, der Zugführer, eine Akten 
tasche unter dem Arm, welche ziemlich vollge 
stopft war. Einige kurze Kommandos, dann 
geht der Jungzug in Reihe zum Heim hinauf. 
Nachdem sich alles gesetzt hat, gibt Mogel be 
kannt. „Heute morgen nehmen wir zuerst kurz 
das Meldewesen durch. Ihr paßt gehörig auf, 
merkt euch, wie ein Meldezettel ausgefüllt 
wird, denn heute kommt noch jeder von euch 
dazu, einen auszufüllen." 
Nach einer halben Stunde ist das Meldewe 
sen theoretisch durchgesprochen. Auf der Straße 
steht der Jungzug wieder angetreten, oben be 
spricht Mogel mit zweien seiner Jungschafts 
führer den Plan eines Geländespiels, durch 
welches das Meldewesen geübt werden soll: 
Partei 1 führt Motte. Partei 2 Dixi. Jede 
Partei erhält 6 vorgeschriebene Meldezettel. 
Partei 1 marschiert über Schwebefähre die 
Landstraße nach Schülldorf entlang und ver 
schanzt sich bei der südwestlich von Schülldorf 
gelegenen Ziegelei. Partei 2 marschiert über 
die Drehbrücke durch Osterrönfelü, in Richtung 
Schülldorf, um festzustellen, ob die Umgebung 
von Schülldorf von Feinden besetzt ist. Jede 
Partei soll möglichst genaue Meldungen über 
den Standpunkt und das Vorrücken des Geg 
ners zu dem Schiedsrichter (Mogel) durch 
bringen. Mogels Hauptquartier ist bei der 
Moorkate an der Landstraße Rendsburg— 
Schülldorf. 
Nach einer Stunde: Vorsichtig zieht Dixi mit 
seiner Partei an dem Schiedsrichterquartier 
vorbei und schickt Spähtrupps los, um Mottes 
Standpunkt herauszufinden. 
Nach 11» Stunde: Mogel geht im Hauptquar 
tier frierend auf und ab. Noch immer keine 
Meldung. Plötzlich steht vor ihm Erwin von 
der Partei 2 und übergibt ihm die erste Mel 
dung: Einige der Partei 1 sind gesehen worden 
und werden von Dixis Untertanen verfolgt. 
Das wird ja spannend. Deshalb gibt Mogel 
seinem Adjutanten Befehl, die kommenden 
Meldungen anzunehmen und er fetzt sich aufs 
Rad, um selbst die Schlacht zu beobachten. Da 
ist aber nirgends etwas zu sehen, und darum 
fährt er schleunigst wieder zurück. 
Vor dem Hauptquartier haben einige von 
Mottes Leuten Jacke, einen Meldegänger von 
Dixi, abgefangen und martern ihn bestialisch, 
um den Standort von Dixi herauszubekom 
men. Aber Jacke ist ein tapferer Kämpe und 
verweigert standhaft jede Aussage. 
Im Hauptquartier sind inzwischen wieder 
massenhaft Meldungen eingelaufen. Bei der 
Ziegelei soll eine Schlacht im Gange sein. Dixi 
meldet die Gefangennahme von 5 Leuten der 
Partei 1. Das ist ein großer Verlust für 
Motte, denn wie soll er mit seiner geschwächten 
Abteilung der Gruppe von Dixi einen großen 
Widerstand entgegensetzen? Aber Motte ver 
zagt nicht, und bald erhält Mogel von ihm die 
Meldung, daß zwei Dixinianer von ihm gefan 
gen worden sind. Auch einige Meldungen hat 
Motte abgefangen. Einmal hat er seinen Geg 
ner Dixi schwer getäuscht. Motte verläßt die 
Umgebung der Ziegelei und schleicht mit sei 
nen wenigen Leuten fort, um vor dem Haupt 
quartier feindl. Meldungen abzufangen. Dixi 
aber rückt gegen die Ziegelei, die er besetzt 
glaubt, vor und setzt sich hinter einen Hügel, 
etwa 100 Meter entfernt, um zu beobachten. So 
linsen denn 10 Mann über den Wall nach der 
Ziegelei, während Motte nicht mal 50 Meter 
von ihnen an der Chaussee liegt und sich über 
die Dummheit der Bande freut. Dixi hätte 
höchstwahrscheinlich noch ewig da gelegen, wenn 
nicht Schubi plötzlich Motte bemerkte. Das ist 
das Ende für die Partei 1. Die von Dixi sprin 
gen auf und verfolgen Motte und die Seini- 
gen. Vor Mogels Hauptquartier kommt es zur 
Schlacht. Tapfer wehren sich die Motten, aber 
der Stärkere siegt. Nach 5 Minuten ist diese 
unblutige Schlacht beendet. Das Triumphge 
schrei der Sieger dröhnt über das Kampfge 
lände. 
Auf dem Rückmarsch können sich die Gemü 
ter nicht beruhigen. Motte protestiert gegen 
Mogels Entscheidung, aber es ist nichts zu ma 
chen. Partei 1 ist restlos aufgerieben. Dixi hat 
er zu einem Revanchekampf aufgefordert. Die 
Forderung ist auch angenommen. Hoffentlich 
steigt der Kampf bald. E. Thiele (Goten). 
Haas Asmaffea, Osterstedt 
Reichssieger im Reichsberufswettkampf in der 
Fachgruppe Holz. Asmufsen erlernte das Stell 
macherhandwerk in Wilster und konnte seine 
Lehre praktisch und theoretisch mit „sehr gut" 
beenden. 
auch etwas nicht richtig gemacht. Viel zu dick 
eingeschmiert. 
Oben sind ebenfalls drei Zimmer, Flur und 
Badezimmer. Am ersten Tag habe ich eigent 
lich nur zugeguckt. Bis Mittag sollte das im 
mer alles geschafft sein. „Ausgeschlossen" dachte 
ich und wollte schon die Flinte ins Korn wer 
fen. Doch Versuch macht klug und mit fremder 
Hilfe wars doch geschafft. Mittags war ich 
müde und hatte einen großen Hunger. Jetzt 
werde ich oben allein fertig und bin auch stolz 
darauf. Es ist wirklich schön. Nachmittags ar 
beiten wir immer etwas anderes. Strümpfe 
stopfen? Fürchterlich! Ich war wütend, im 
Hause hatte ich nicht einmal meine eigenen ge 
stopft und nun sollte ich es für andere Leute 
tun! Else, die mein Gesicht sah, sagte darum 
gleich: „Ja, Inge, auch das muß man im zu 
sätzlichen Jahr lernen." Also blieb mir nichts 
anderes übrig, und jetzt tue ich es schon ganz 
gerne. 
Eines Tages hieß es: „Jngeburg, füttern 
Sie doch bitte mal die Hühner!" Mit Zittern 
und Zagen stand ich vor dem Stall und mochte 
nicht hineingehen. Die Kinder hatten mir er 
zählt, daß der Hahn beißt. Ich dachte, er wollte 
mich auch beißen, denn sobald ich die Tür öff 
nete, kam der Hahn herbeigelaufen, doch der 
Gockel wollte nur sein Futter haben und nichts 
weiter. Also ich wollte nicht hinein. Ich rief: 
„Der Hahn will mich immer beißen." Lautes 
Gelächter war die Antwort. An jenem Abend 
wnrde aus dem Hühnerfüttern nichts. Doch ich 
nahm mir gleich vor: Morgen abend fütterst 
du die Hühner alleine. Sogar die Glucken fasse 
ich jetzt an und jag sie vom Nest, die doch wirk 
lich manchmal beißen. 
Einen großen Garten haben wir auch, und 
wie das Sprichwort sagt, stimmt es: „Unkraut 
vergeht nicht." Alle 14 Tage und hin und wie 
der alle acht Tage muß Unkraut gejätet und 
geharkt werden, kurz alles, was zur Garten 
arbeit gehört. Ich war vollauf begeistert im 
ersten Moment. Nicht schnell genug konnte ich 
mit der Küche fertig werden, um mit draußen 
zu arbeiten, denn alle waren schon im Garten. 
Ich kriegte eine Harke in die Hand gedrückt 
und sollte die Beete und Wege harken. Ich 
harkte natürlich erst verkehrt, aber beim drit 
ten Beet merkte ich mirs. Auch sollte ich Un 
kraut jäten und konnte die Pflanzen nicht vom 
Unkraut unterscheiden. Es gehören einige 
Kenntnisse dazu, um die junge Saat vom Un 
kraut zu unterscheiden. Doch alles muß man 
eben lernen. Mit dem Garten habe ich mich 
allerdings bis heute noch nicht ganz ausge 
söhnt. 
Bald war meine Probezeit (denn dem Lehr 
jahr geht eine öwöchige Probezeit voran) her 
um. Frau L. lud meine Mutter und die Orts- 
gruppenleiterin der NS.-Frauenschaft ein, 
denn die Frauenschaft verfolgt mit Interesse 
die Entwicklung des zusätzlichen Jahres. Ich 
sollte meine erste Torte backen, eine Apfel 
torte. Da ich mir das Rezept aufgeschrieben 
hatte, als Else es mal Sonntags buk, ging alles 
gut. Doch ich sollte sie auch selbst verzieren. Es 
war aber nicht so schwer, denn der Sahnespritz 
beutel half mir über das dicke Ende hinweg. 
Am Nachmittag des Tages war ich natürlich 
ganz und gar nicht mehr bei der Sache. Was 
kümmerte mich Aufwaschen und Schrubben. 
Hauptsache, ich bekam meinen Tisch gedeckt und 
Kaffee gekocht. Endlich war es so weit. Meine 
Torte schmeckte den Damen anscheinend gut. 
Als Frau L. dann sagte, ich hätte alles alleine 
gemacht, meinte die Frauenschaftsleiterin lä 
chelnd: „Na, es fehlt nicht mehr viel, dann 
kann die Inge schon ganz allein einen Haus 
halt führen." Nun ja, hoffentlich bin ich nach 
Abschluß meines Lehrjahres eine tüchtige 
Hausgehilfin. Den Mut und die Lust dazu be 
sitze ich, hoffentlich auch die Ausdauer. 
Jngeburg G.
	        
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