Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

5uv RnterhsitunH 
j 29. Jahrgang ' Nr. 109 
Beilage der Schleswiq.Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburgec Tageblatt) 
Montag! den 11. Mai 1936 
ŅêģKî / 3u seinem 20. Todestag 
Vor 20 Jahren, am 11. Mai, ist Max Reger 
gestorben, der als der größte Meister der 
Kirchen- und Orgelmusik nach Johann Se- 
bastran Bach, als Schöpfer von weit über 100 
Werken der Tonkunst in die Geschichte der 
deutschen Musik eingegangen ist. 
Seine Heimat war Bayern, der Geburtsort 
ern kleines Dorf im Fichtelgebirge. Der Wahl 
spruch des Meisters lautete: „Ich weiß, was ich 
will! ^ch will, was ich weiß!" Darin ist sein 
Charakter, darin ist auch das Wesen seiner 
Musik begründet. 
„Bach ist Anfang und Ende aller Musik!" 
So geht er den Weg Bachs und wird als schöp 
ferischer Musiker der Orgel und der Kirche 
nächst Bach der größte. Beethoven ist für ihn 
der Held an der Schwelle einer neuen Zeit. 
Brahms ist „sein Musikgott der Gegenwart", 
der Bach und Beethoven erfüllt. Als der alte 
Brahms dem jungen Menschen sein Bild schickt, 
als „Revanche" das Bild des jungen Kollegen 
erbittet und ihm „viel Gutes und Schönes" 
über seine Arbeit schreibt, ist er „ganz glücklich, 
da örese Anerkennung von dem von mir am 
höchsten verehrten Meister herkommt". Ihm ist 
er geistes- und seelenverwandt,- auf Brahms 
neu erschlossenen Wegen schreitet er auf seine 
Art zu neuen Höhen. 
„Ich kann musikalisch nicht anders als poly 
phon denken,- ich bin halt der „Fugenseppl", 
schreibt er einmal, sich trefflich charakterisie 
rend. Einem Freunde schickt er eine Bildkarte 
vom Hintersee bei Berchtesgaden: ringsum 
ode, nackte Felsgrünöe, am Fussee ein herrlich 
Idyllisch gelegener See, vom freundlichen Grün 
umsäumt, eine großartige Kontrastwirkung. 
Darunter schreibt er: „Hier ist das Wesen mei 
ner Musik". 
In allen kleinen Wesenszügen des Ton 
schöpfers offenbart sich ein echter Deutscher, ein 
deutscher Mensch, ein deutscher Künstler, ein 
deutscher Musiker. So nimmt es nicht wunder, 
daß Reger sich, ungefragt — nicht bei einer 
»Enquete", nicht aus besonderem Anlaß in 
wohlformulierten Worten — zum Vaterlanöe 
bekennt, gleichsam beiläufig, aus der Tiefe 
feines Gemütes, aus einer selbstverständlichen 
Regung des Herzens: „Ich weiß genau, ich 
wurde krank vor Heimweh. Ich kann nur in 
Deutschland leben..." 
Anekdoten um Reger. 
Blauer Dunst. 
Die Werbeabteilung einer Fabrik sandte dem 
berühmten Meister einst ihr neuestes Erzeug- 
nrs zu, einen Aschenbecher, der sich sehr nützlich 
am Klavier befestigen ließ, und sprach dabei die 
Bitte aus, der „vollendete Künstler der Tasten" 
möchte sich über den praktischen Gebrauchs- 
gegenstanö empfehlend äußern. Reger hielt mit 
ferner Antwort nicht zurück: „Ich kann diesen 
Aschenbecher allen, die zum Rauchen Musik 
machen wollen, aufs wärmste empfehlen." 
Der Kollege. 
Reger, der zur Tonkünstlertagung nach 
München gekommen war, las im Fremdenbuch 
des Hotels, in dem er abstieg, hinter dem Na 
men des letztangekommenen Gastes die Be 
rufsbezeichnung „Komponist". Reger, der selbst 
die Bescheidenheit in Person war, hätte den 
Namen des Künstlers sicherlich gekannt, wenn 
er nur irgendwie von Klang gewesen wäre,- 
aber er war ihm völlig fremd. Und zornig 
über soviel Anmaßung des „Standeskollegen" 
trug er seinen Namen darunter ein: „Max 
Reger, Akkoröarbeiter". 
der Schweizer Komponist Volkmar Anöreä. 
Auch er hatte etwas von der „bäurischen" Art, 
die man Reger nachsagte, und hielt mit seiner 
Meinung nie zurück. Als er einst mit dem 
Freunde über den Stimmungsgehalt der Mu 
sik plauderte, meinte Andreä kritisierend: „Ich 
weiß nicht, wenn ich deine Musik höre, dann 
fühle ich mich stets matter als reger." 
Der Angegriffene war um die Antwort nicht 
verlegen: „Und ich, mein Lieber, wenn ich deine 
höre, dann höre ich immer andrä". 
Britische KņrioşitSte« 
Stehplatz. 
Als Reger in Meiningen einst eines seiner 
berühmten Wagnerkonzerte dirigierte, kam er 
nach seiner Gewohnheit erst im letzten Augen 
blick in den Festsaal. Wie üblich, war das 
Konzert bis auf den letzten Platz ausverkauft, 
und der Pförtner, der den Dirigenten nicht 
kannte, machte ihn darauf aufmerksam. 
„Trösten Sie sich, ich habe bereits meinen 
Stehplatz"^ ging Reger an ihm vorbei in den 
Saal. 
Kritik. 
Brillen für Windhunde. 
Ein Londoner Optiker will durch eine beson 
dere Methode festgestellt haben, daß die meisten 
Hunde kurzsichtig sind. Er hat daher eine Brille 
für Hunde konstruiert, die vor allem für Wind 
hunde bestimmt ist. Sowohl er wie manche 
Sachverständige sind der Ansicht, daß auf den 
in England so beliebten Hunöerennen die 
Hunde besser laufen würden, wenn sie Brillen 
trügen, weil sie auf diese Weise den künstlichen 
Hasen besser sehen könnten. Möglicherweise 
wird man in England zum mindesten bei den 
Hunderennen tatsächlich diese neue Tierquäle 
rei einführen. 
Zimmer Nr. 13. 
In Negers gastfreiem Hause in München 
verkehrte einer seiner vertrautesten Freunde, 
Auch in England fehlt es nicht an abergläu 
bischen Menschen, die 13 für eine Unglückszahl 
halten und deshalb nie in einem Hotel ein 
Zimmer mit dieser Nummer beziehen würden. 
Auch der Trick, statt 13 einem Hotelzimmer die 
Bezeichnung 12a zu geben, verfängt nicht, und 
so haben sich viele Hotelbesitzer Londons ent 
schlossen, ihre Zimmer einfach von 13 an zu 
zählen und Nr. 28 wäre dann die frühere 
3kr. 13. Nun gibt es aber auch Menschen, die 
die 13 für eine „Glückszahl" halten und Wert 
darauf legen, ein Hotelzimmer mit dieser Nr. 
zu erhalten. Kürzlich kam eine schottische Reise 
gesellschaft nach London, und alle hatten es sich 
vorgenommen, das Zimmer Nr. 13 für sich zu 
erobern. Wie groß war ihre Enttäuschung, als 
ihnen gesagt wurde, es gäbe nur eine Nr. 12a. 
Um dieses Zimmer wurde nun gewürfelt. Da 
aber die Schotten gesehen hatten, daß die Tische 
im Speisesaal ebenfalls numeriert waren, 
drückten sie dem Ober — der Geiz der Schotten 
ist ein Märchen — etwas in die Hand, um die 
sen Tisch zu bekommen. Als zum Essen gegongt 
wurde und die Schotten den Saal betraten, 
prangte auf allen Tischen die Nr. 13. 
Schwarze Glasfenster. 
In England hat man bereits vor Jahren 
Versuche gemacht, au Neubauten von Ge 
schäftshäusern, deren Wände größtenteils aus 
Glas bestehen, einen Teil der Fenster aus 
schwarzem Glas herzustellen. Diese Versuche 
haben anscheinend Beifall gefunden und sich 
bewährt, denn sie sind inzwischen mehrfach wie 
derholt worden. Um den Anblick der durch 
sichtigen Wände etwas abwechselungsreicher 
zu gestalten, werden reihenweise Fenster aus 
schwarzem Glas eingesetzt. Das hat den Vor 
zug, daß das durch die Glaswände eindrin 
gende Licht nicht blendet, und außerdem sieht 
es auch gut aus. 
Bunte Welt 
Der Peitschenhai. 
sogenannte Peitschenhai hat eine selt 
same Art, kleine Fische zu fangen. Der oberste 
Teil der Schwanzflosse ist sehr beweglich und 
fast so lang wie der Rumpf. Wenn kleine 
Fische in der Nähe sind, beginnt der Hai heftig 
mit dem Schwanz zu schlagen und peitscht mit 
der langen Flosse das Wasser zu Schaum. Das 
erschreckt die kleinen Fische so, daß sie sich in 
Schwärmen auf dem Grunde sammeln. Plötz 
lich stößt der Hai mit offenem Rachen auf sie 
herab und stillt seinen Hunger. 
Das erste plastische Kino. 
Das Imperial-Kino wird als erstes Licht- 
pieltheater in Paris den Lumiereschen plasti- 
chen Film vorführen. Dazu ist eine beson 
dere Apparatur erforderlich, die mit zwei 
Projektoren auf der Leinwand ein Bild er 
zeugt. Die Zuschauer müssen besondere 
nrbige Brillen tragen. 
Begegnung im Buchendom 
Fische unter der Sahara. 
In der Sahara wurden bei der Bohrung 
eines neuen Brunnens in der Nähe einer Le 
gionsbefestigung einige Fischarten und grüne 
Krabben tief im Boden in dem angebohrten 
Wasser schwimmend entdeckt. 
Von Geno Ohlischlaeger. 
Nein, „los" war noch nichts um diese Jahres 
zeit in dem kleinen Ostseebad, und dennoch be 
reute Werner Heckmann keineswegs, in diesem 
^ahr so früh hierher gefahren zu sein. 
Sonne gab es immerhin schon genug, um 
vraun zu werden, und auch ins Wasser konnte 
ivan sich ruhig manchmal schon wagen,- denn 
PL Wellen schlugen so heftig auf den Körper 
EM, daß es wie eine Massage wirkte und or- 
ventlich warm machte, wenn man sich mit 
Emem kurzen Bad begnügte. Der Strand, frei 
von Menschen, gestattete den schönsten Dauer- 
lauf, und als Hürden dienten die umgekippten 
Ruderboote. 
Den größten Teil seiner Zeit aber brachte 
Werner mit Wandern zu. Es lief sich wun- 
. erbar am Strand entlang von Dorf zu Dorf,- 
Wrmer neue Reize hatte die Landschaft. Mal 
svar die Küste flach wie ein großer Teller, mal 
ş leg sie steil an wie ein riesiger Kuchenberg, 
^vch noch schöner fand Werner es, durch die 
Seiten Wälder zu laufen, die in einiger Erhe- 
vng den Strand umsäumten und von denen 
mem immer wieder von Zeit zu Zeit Aus 
gucke auf das Meer hinaus hatte. Werners 
. leblingsweg führte durch einen Buchenhain, 
Eisen mächtige Stämme sich wie zu einem 
rr ottt wölbten. Da überkam einen eine andüch- 
ge Stimmung, und das Gefühl der Erhaben- 
leit öej; Natur wurde noch dadurch verstärkt, 
aß Werner ganz allein war und weit und 
keine Menschenseele zu finden war. 
Als Werner hier wieder einmal wanderte, 
unschte er sich fest, einem Menschen zu be- 
v.gnen. Er hatte das Verlangen, das Erleb- 
^ v^dieses Doms mit jemand zu teilen. Ein 
'^ņn müßte es sein von der Art, in der man 
eich einen Kameraden fühlt, ohne sich lange 
su kennen, oder auch eine Frau, würdig der 
. Meinschaft dieser Stimmung. Obwohl er sich 
a®*!:' daß die Erfüllung seines Wunsches recht 
. vychtslos sei, dachte er stark und eindringlich 
?, n , und seine Augen durchdrängen die 
Stoiss öre vor ihm lag, in dem gläubigen 
tg e eit ' Einen Menschen zu Gesicht zu bekom- 
c,è ì^kļkEn Schritte durch die Einsamkeit,- 
, Ero waren keinft tnptti'rfisissiptT 
ÎoitiS eö Ovaren keine menschlichen Schritte, 
öa? cpv Hufschläge eines Pferdes. Jetzt sah er 
he^ şîerd,- es trabte auf einem Nebenweg 
Stir,?,' U1 . tö iatzt, da es auf ihn zu in die große 
knnvc Embog, fiel es in Schritt. Werner er- 
kaw èatz eine Frau das Pferd ritt, und es 
sie üanz selbstverständlich vor, daß er auf ş 
Ne °—o vor, vuy er aus 
&jg t ^ unô begrüßte. Er wußte, das 
e Begegnung, die er sich gewünscht hatten 
sie aber war höchst überrascht, zu dieser Zeit 
hier einen Spaziergänger zu finden, der nicht 
zu den Einheimischen gehörte. 
„Also doch ein Mensch in dieser „Wildnis"! 
lachte er. „Oder sind Sie eine Göttin?" 
Erst hatte sie davonsprengen wollen,- aber 
seine natürliche Art und der ruhige Klang sei 
ner Stimme gefielen ihr. „Nehmen Sie an, 
eine Göttin!" antwortete sie. „Aber wie sind 
sie hierher verschlagen worden?" 
„Ein früher Urlauber"! sagte er. „Aber 
einer, der mit seinem Aufenthalt sehr zufrie 
den ist und dem zu seinem Glück bisher nur 
diese Begegnung gefehlt hat! Ich hätte Sic doch 
irgendwo im Ort längst entdecken müssen! Aber 
jetzt ist mein schönster Wunsch erfüllt!" 
„Das hätten Sie der „Göttin" nicht sagen 
dürfen!" erklärte sie freimütig. „Sie haben 
den Zauber gebrochen,- jetzt muß sie verschwin 
den! Leben Sie wohl!" 
Sie ritt schnell weiter. 
„Ach, bleiben Sie doch!" sagte Werner ent 
täuscht, ihr nachgehend. Aber als sie keine 
Miene machte, anzuhalten, rief er ihr nach: 
„Ich werde morgen um diese Zeit hier auf Sie 
warten, morgen und jeden Tag um diese 
Stunde, bis Sie kommen!" 
Sie drehte sich um,- aber statt einer Antwort 
winkte sie ihm nur lächelnd einen Abschieds 
gruß zu. 
Im Dorf wußte niemand etwas von der 
Fremden,- auch im benachbarten Ort, in den 
er am nächsten Morgen ging, konnte man ihm 
nicht sagen, wer sie sein könnte. 
Am Nachmittag ging er kn den Buchendom. 
Er wartete vergebens. Auch am nächsten Tag 
kam sie nicht und nicht am übernächsten. Um so 
mehr beschäftigte er sich in Gedanken mit ihr. 
Vielleicht gerade, weil er befürchtete, sie nicht 
wieder zu treffen, verstärkten sich seine Gefühle 
für sie. Er versuchte, sich vor sich selbst lächer 
lich zu machen. Es half nichts. 
Am folgenden Tag, es war ein Sonntag, 
wollte er sich „die Gedanken aus dem Kopf 
laufen", er wollte den Strand entlang gehen, 
so weit er kam. Und es war ihm nur recht, 
daß der Wind ihm entgegenfegte und wie ein 
Gegner war, gegen den man ankämpfen 
konnte. Der Weg war heute nur schmal,- denn 
die Wellen leckten den Strand bis nahe an die 
Steilküste, die in dieser ihm bisher unbekann 
ten Gegend — so weit war er noch nie gewan 
dert — nahe an das Meer heranragte. 
Als er um eine Ecke bog, an der ern natür 
licher Steinwall in der See eine ruhigere Bucht 
bildete, sah er eine Frau aus den Wellen stei 
gen. Sie reckte die Arme gegen die Sonne, sie 
um schöne Wärme bittend,- der Wind flatterte 
m der blonden Fahne ihres langen Haares. 
Kein Zweifel: es war die Gesuchte. Jetzt sah 
und erkannte sie ihn auch, und sie stapfte auf 
ihn zu. 
„Hier hatten wir uns doch nicht verabredet! 
sagte er mit leisem Vorwurf in der Stimme. 
„Zu einer Verabredung wäre ich auch nicht 
gekommen", antwortete sie freundlich. „Aber 
ich beuge mich dem Zufall, der uns hier zusam 
mengeführt hat." 
„Dann laufen Sie mir heute nicht wieder da 
von?" fragte er. 
„Das hängt von Ihnen ab!" lachte sie. „Aber 
erst lassen Sie mich mal mich anziehen. Es ist 
nicht gerade warm trotz der Sonne!" 
Sie hatte ihre Kleider in einer Höhlung am 
Hang abgelegt, zog sich dort an, und sie wan 
derten weiter am Strand entlang. Sie erzählte, 
daß sie gar kein Badegast sei, sondern auf ei 
nem Gut wohne, das einige Kilometer landein 
wärts gelegen sei. 
„Aber halten Sie mich nun nicht für die 
Gutsherrin oder deren Tochter", fügte sie 
lachend hinzu. „Ich bin dort nur angestellt, 
und auch das Pferd, mit dem ich manchmal an 
das Meer heranreite, wenn ich ein paar freie 
Stunden habe, ist nicht mein eigenes. Ja, so 
sieht Ihre „Göttin" in Wirklichkeit aus!" 
Auch heute war sie vom Gut herübergeritten, 
und sie hatte das Pferd auf einer Weide oben 
auf der Küste angebunden, während sie badete. 
Dort mußten sie jetzt wieder hinauf. 
Sie hatte sich verspätet, und nun war es 
höchste Zeit, daß sie heimkam. Doch während 
der Abstieg ihr nicht schwergefallen war, kamen 
sie an dem steilen Hang jetzt kaum hoch. Endlich 
hatte Werner das letzte Stück erklommen. Er 
reichte ihr die Hand herunter und zog sie hoch. 
Mit einem Ruck landete sie in seinen Armen. 
Länger als es nötig gewesen wäre, hielt er sie 
umschlungen. Sie schloß die Augen und atmete 
schwer,- aber da wand sie sich plötzlich los und 
sah ihn vorwurfsvoll an. 
„Wenn Sie nicht vernünftig sein können, 
dürfen wir uns doch nicht wiedersehen!" sagte 
sie. „Ich bin — nicht frei! Aber fragen Sie 
nichts!" 
. Ich werde vernünftig sein und werde nichts 
fragen!" gelobte Werner. „Wenn ich Sie nur 
wiedersehen kann! Ich werde mir ein Pferd 
besorgen, und wir reiten zusammen. Wann 
haben Sie Zeit? Versprechen Sie mir, daß Sie 
kommen? Und sagen Sie mir noch, wie Sie 
heißen, wie ich Sie in Gedanken nennen darf!" 
„Soviel Fragen auf einmal!" lachte sie, das 
Pferd besteigend. „Also ich bin Mittwoch um 
fünf da, wo wir uns zuerst getroffen haben, 
ich heiße Jngeborg, und ich verspreche, bestimmt 
zu kommen! Zufrieden?" 
irj 
andere verraten können, sagte sich Werner, 
und am anderen Morgen machte er sich auf den 
Weg nach dem Gut. Es dauerte Stunden, bis 
er hingefunden hatte. Auf der Seite, an der er 
ankam, lag ein großer Garten. Durch die hohe 
Taxushecke konnte er hineinsehen. Da gewahrte 
er von weitem Jngeborg. Sie ging auf ein 
Gewächshaus zu. Ein Gartenarbeiter zog 
ehrerbietig den Hut. Nun kam ein Junge von 
etwa vier Jahren aus dem Gewächshaus. Als 
er sie sah, stürmte er auf sie zu. 
„Mutti, warum darf ich keine Blumen für 
dich pflücken?" rief er ihr, den Tränen nahe, 
entgegen. 
Werner zuckte zusammen. „Mutti!" Er hatte 
es ganz deutlich gehört. Und jetzt zog sie den 
Buben an sich. Aber mehr wollte er nicht 
sehen. Er drehte sich um. Einen Augenblick 
kämpfte er gegen das Stocken seines Herzens, 
das ihm den Atem benahm. Dann hatte er sich 
wieder in der Gewalt und eilte zurück. 
Lange hatte er geschwankt, ob er zu ihrer 
Verabredung gehen sollte. Zuletzt entschloß er 
sich, hinzugehen, aber trotz seines Versprechens 
alles zu fragen. Es hatte ja so oder so keinen 
Zweck. 
Sie kam. Und während sie zusammen durch 
den Wald ritten, begann sie von sich aus zu 
reden,- sie hätte sich überlegt, daß sie seine Fra 
gen beantworten müsse, auch wenn er sie gar 
nicht stelle. Er gestand, sie auf dem Gut mit 
dem Kind gesehen zu haben. Da erklärte sie 
ihm alles: Sie war vor drei Jahren auf das 
Gut gekommen, als die Herrin fortgegangen 
war. Das Kind war nicht davon abzubringen, 
daß sie seine Mutter sei,- es hing sehr an ihr. 
„Ich habe mich damit abgefunden, daß ich 
kein eigenes Leben mehr führen kann!" schloß 
sie. 
.. :s ist nur wegen des Kindes?" fragte er 
nachdenklich. „Nur!" antwortete sie bestimmt. 
„Ich weiß, was sie denken,- aber der Herr, der 
Vater... Er lebt nur den Gedanken an seine 
Frau!" 
,Wir wollen nicht mehr darüber sprechen", 
sagte er. „Sie müssen wissen, was Sie zu tun 
haben. Aber wenn Sie einmal anderen Sin 
nes werden sollten — ich werde immer für Sie 
zu erreichen sein!" 
Ein-Jahr verging. Werner hörte nichts von 
Jngeborg. Dann kam eines Tages ein Brief. 
„Sie ist zurückgekommen", schrieb Jngeborg. 
»Ich glaube, es wird hier alles wieder guc. 
Und wenn Sie mich noch nicht vergessen ha 
ben ..." 
Eine Stunde später stand Werner vorm Chef. 
„Ich möchte meinen Urlaub sofort nehmen!" 
sagte er eindringlich. „Ich muß morgen drin 
gend verreisen, sehr dringend!" 
Was ich sie nicht fragen darf, werden mir
	        
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