Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

129. Jahrgang. 
Schleswig-Holsteinische 
129. Jahrgang. 
Landeszeitu 
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Ar. 119 
Mnslgg. den 12. Mai 
1930 
Massensterben der Vlumenfelder 
Sanktionen über der Riviera 
Bon unserem Sonderberichterstatter Dr. Vogel 
Nizza, im Mai. 
Wovon lebt Sie Riviera? Jedes Kind wird 
uns antworten: „Bon den Fremden!" Aber 
ganz so ist es nicht. Diese viele hundert Kilo 
meter lange Steilküste mit der vor kalten 
Winden so geschützten Lage kennt eine Menge 
Orte, die ausschließlich von den Besuchern 
leben, ja für sie gebaut wurden. Aber zwi 
schen Marseille und Spezia leben Hundert 
tausende von Menschen, die nicht nur von den 
Fremden leben. Und das Merkwürdige ist, 
daß zur Zeit die Notlage an der französischen 
Riviera vielleicht größer ist als an der italie 
nischen. 
Die französische Riviera lebte vor dem 
Kriege vor allem von den Russen und den 
Engländern. An die Stelle der Russen traten 
die Amerikaner. Heute kommen weder Russen 
noch Amerikaner, noch Engländer. Jedes dritte 
Haus zwischen Cannes und Monte Carlo steht 
zum Verkauf. Die Lichterkette der VA Stunden 
langen berühmten Promenade des Anglais 
strahlt zwar noch allnächtlich in hellem Schein, 
die herrlichen Blumenrabatten senden ihre 
Düfte noch wie ehedem in diese bezaubernd 
frische und klare Luft, aber die 180 000 Gäste, 
die Nizza allein in einer Nacht mühelos be 
herbergen kann, sind in Miami, in Cornwall 
weggeblieben. Die zahllosen Hotclpaläste 
unterhalten ein Heer von Angestellten bis — 
zum Konkurs, für ein paar Gäste. 
Nur die ganz kleinen Orte an der Küste, 
die unbekannten, sind überfüllt. Der fran 
zösische Spießbürger hat Geschmack am Reisen 
gefunden — aber nur in Frankreich. Er scheut 
die großen Hotels und zahlt lieber den glei 
chen Preis in den kleinen Orten, deren Preise 
in die Höhe geschnellt sind. Das kann aber 
niemals ein Ausgleich sein für die enormen 
Verluste der großen Badeorte, für die im 
Grunde genommen doch der Luxus der 
Wegeunterhaltung, der kostspieligen Parks 
und Tennisplätze aufrechterhalten wird. 
Auf der italienischen Seite liegen die Dinge 
wesentlich anders und doch ähnlich. Die Eng 
länder haben an der italienischen Riviera San 
Nemo, Bordighera, Ospedaletti und Alassio 
am stärksten besucht. In diesen Zentren des 
Fremdenverkehrs schaut der Besucher heute 
die herabgelassenen Rouleaux nicht nur vor 
den Fenstern der Luxushotels, sondern auch 
vor sehr vielen Geschäften, die ausschließlich 
auf Angelsachsen eingestellt waren. Daneben 
geht es aber Orten wie Nervi etc., die stark 
von Deutschen besucht werden, relativ gut. 
Schwerer fast noch als diese Einbußen tra 
gen die Italiener den Zusammenbruch ihres 
berühmten Blumenexports. In einer Zeit 
der Devisenbeschränkungen konnten die zar 
ten, duftenden Züchtungen der Riviera aller 
dings zuerst damit rechnen, auf die schwarze 
Liste der für das Leben sich einschränkender 
Nationen unnützen Dinge gesetzt zu werden. 
Der größte Teil der Erzeugnisse der Treib 
häuser und der Blumenfelder von San Nemo 
' etc. ging vor allem nach England, das von 
jeher ein Land der Garten- und Blumenlieb 
haber war. — Kaum ein Volk hat so nette und 
zugleich weise Bücher, die viel gelesen wer 
den, geschrieben über die edle Kunst der 
Gärtnerei wie das englische. — Die Sankti 
onsländer aber nehmen keine Blüte mehr von 
der italienischen Riviera. Und wie könnten 
die empfindlichen Blüten der Riviera Um 
wege im Export vertragen, sie, die als kost 
bares Expreßgut in D-Zügen von dieser Küste 
der Sonne in den Nebel Londons gebrach t 
wurden. 
Es kann kein Mensch von Herz und Natur 
sinn kalt durch die Blumenwunder zwischen 
San Remo und Ospedaletti schreiten, die ver 
urteilt sind, umsonst geblüht zu haben, ohne 
an den Kleidern schöner Frauen, festlichen 
Tischen, an den Rampen der Theater und 
Konzerthallen Entzücken und Freude ver: 
breitet zu haben. Nichts packt uns Deutsche 
vielleicht stärker als das Sterben und felder 
weise Hinwelken dieses einzigartigen Meeres 
von Blüten, das in Europa nur in Holland 
so konzentriert zur Zeit der Tulpenblüte 
seinesgleichen hat! 
Aber die vielen tausend Fischer, Steinbruch- 
und Werftarbeiter der italienischen Riviera 
haben doppelt zu tun. Die berühmten Werften 
von Ansaldo in Sestri arbeiten für die Flotte 
mit Hochdruck. Nie war Fisch als Volksnah 
rungsmittel begehrter als heute, da die Regie 
rung die Schätze des Mittelmeeres an Fischen, 
Muscheln, Krabben, Tintenfischen und der 
Fülle an eßbarem Getier, das zusammengekocht 
als frutta die mare in den Fischsuppen der 
Küste von Genua bis Neapel Weltruf gewon 
nen hat, für die Ernährung verstärkt heran 
zieht. „Frutta die mare — Früchte des Mee 
res", eine ebenso tiefe wie sinnvolle Bezeich 
nung für den Reichtum, den dieses Meer sei 
nen Anwohnern seit Urzeiten geboten hat. 
Sie können mit so wenig auskommen, diese 
bescheidenen Landarbeiter, die sich jetzt in den 
Städten drängen, während man ihrer auf den 
kargen Aeckern der Berge schon so dringend be 
darf. „Von 2 bis 3 Lire können sie den Tag 
leben", versicherte uns ein Kaufmann in 
Genua. Wie billig liegen in den Garküchen 
Makkaroni und Meergetier aus, weißes Brot 
und Wein für ein paar Pfennig der Liter! 
Teuer wird das Leben hier oft für den, der 
Ansprüche stellt, die über die allerprimitivsten 
hinausgehen. Italien lebt heute teurer. Aber 
es ist die Sonne, die das Leben leichter tragen 
läßt. Die Sonne und das glückliche Tempera 
ment, das sie erzeugt hat. 
* * * 
VMM zuerst öle Vrenner-Aegimenler? 
Wenn amerikanische Meldungen nicht den 
Tatsachen vorausgreifen, dann trifft die ita 
lienische'Heeresleitung in Ostafrika bereits die 
ersten Vorbereitungen für den Rücktransport 
von Truppen nach Italien. Höhere Offiziere, 
darunter auch Graf Ciano, bekanntlich der ita 
lienische Propagandaminister, sowie die beiden 
Söhne Mussolinis, sollen bereits auf dem 
Wege nach Djibuti sein. Wir halten die Lage 
in Nord- und Ostafrika nicht für so geklärt, 
daß Italien bereits an einen Rücktransport 
großer Verbände denken kann. Andernfalls 
würde die Durchführung solcher Pläne nur 
erneut beweisen, wie sicher Italien die Lage 
zu beherrschen glaubt. Besonders bemerkens 
wert an den genannten amerikanischen Mel 
dungen ist aber der Hinweis auf die Behaup 
tung, daß als erste Truppenteile die Regimen 
ter der Brennergarnisonen zurücktranspor 
tiert werden sollen. Ohne eine naheliegende 
Vermutung aussprechen zu wollen, muß man 
zum mindesten die Frage auswerfen, ob diese 
Maßnahme — falls sie zutrifft — mit den 
französischen Bemühungen um die Wiederher 
stellung der Front von Stress in Verbindung 
steht. 
Der Sohn des Kolonialministers beteiligt! 
Enthüllungen im englischen 
VersicherungZftknöal. 
DNB. London, 11. Mai. Unter außerordent 
lich starkem Andrang des Publikums fand am 
Montag die erste Sitzung des richterlichen 
Ausschusses zur Untersuchung der Versiche 
rungsspekulationen statt. 
Zunächst teilte der Generalstaatsanwalt mit, 
daß von besonders namentlich genannten Per 
sonen noch vor Bekanntgabe der neuen engli 
schen Steuer- und Zollerhöhungen Versiche 
rungen im Gesamtbeträge von 30—40 000 Pfd. 
Sterling abgeschlossen wurden. Seine weiteren 
Mitteilungen enthielten die aufsehenerregende 
Enthüllung, daß drei Versicherungsgeschäfte 
ans Anweisung des Sohnes des englischen Ko 
lonialministers Thomas getätigt worden sind. 
Der junge Thomas ist Teilhaber der Börscn- 
maklerfirma Belisha u. Co. Die erste Versiche 
rung wurde bereits am 15. April, also etwa 
eine Woche vor der Bekanntgabe des neuen 
Haushaltsplanes im Unterhaus, durch Alfred 
Bates, einem Freund sowohl des Kolonial 
ministers als auch dessen Sohnes, abgeschlossen. 
Ministerpräsident Baldwin hat für Montag 
abend eine Sondersitzung des englischen Ka 
binetts einberufen. Wie verlautet, soll die 
außenpolitische Lage besprochen werden. 
Ohme Scherz! 
Nach Londoner Meldungen soll sich die eng 
lische Regierung, die von Baldwin zu einer 
Sondersitzung zusammenberufen wurde, ent 
schlossen haben, in Anlehnung an das franzö 
sische Beispiel einen offiziellen Protestschritt 
in Rom gegen die Aneignung Abessiniens zu 
unternehmen. Sollte diese Absicht verwirklicht 
werden, so käme der diplomatische Schritt Hei 
lich insofern völlig verspätet, als er vier Tage 
früher hätte erfolgen müssen, und zwar des 
halb, weil die endgültigen italienischen Ab 
sichten nach der Eroberung von Addis Abeba 
ja schließlich klar genug in italienischen Zei 
tungen zu lesen waren. Davon abgesehen aber, 
ist die Begründung für einen etwaigen eng 
lischen Schritt, wie man sie in London dar 
stellt, völlig unverständlich. Man will nämlich 
außer auf den Vertrag von 1906 und auf das 
Abkommen von 1925 auch darauf verweisen, 
daß die — Völkerbundssatzung verletzt sei! Es 
ist wieder einmal schwer, keine Satire zu schrei 
ben, nachdem die Geschichte des Völkerbundes 
angesichts der notorischen Auslegungswillkür 
Frankreichs eine einzige Kette von Satzungs 
vernachlässigungen, Umgehungen, Zwangs 
auslegungen und offenkundigen Brüchen ge 
wesen ist. Und gerade in diesem aktuellen Fall 
liegen, wie wir hier vor wenigen Tagen be 
reits erinnert haben, die Dinge so, daß die Er 
munterung, um nicht zu sagen die ausdrück 
liche Autorisierung zur Verletzung der Völker 
bundssatzungen überhaupt erst von Frankreich 
ausgegangen ist, als es die italienische Expan 
sionspolitik mit voller Absicht auf Ostafrika 
richtete und ihm dazu am 7. Januar 1935 aus 
drücklich freie Hand gab. Wenn also England 
die Satzungsverletzung als Begründung für 
einen Protestschritt nimmt, dann dürfte das 
in Rom genau so aufgenommen werden wie 
die Tatsache, daß England im Afrika-Konflikt 
immer vom Völkerbund sprach und doch nie 
mals etwas anderes als den Seeweg nach 
Indien meinte. Auf demselben Blatt steht es 
auch, wenn ein englisches Oppositionsblatt in 
heller Entrüstung macht und von „Herausfor 
derung gegenüber dem Völkerbund" spricht. 
Schließlich kann man nur jemanden heraus 
fordern, der eine Machtposition und ein ent 
sprechendes Ansehen hat! 
Gleichzeitig mit der oben genannten Mel 
dung aus London lassen übrigens die Fran 
zosen wissen, der Besuch ihres Botschafters im 
römischen Außenministerium sei lediglich „aus 
informatorischen Gründen" erfolgt. Diese Be 
hauptung erscheint schon deshalb unglaubhaft, 
weil sie nicht gleichzeitig, sondern erst nach 
dem Besuch des französischen Botschafters er 
folgte. Es liegt also nichts näher als die Ver 
mutung, daß Herr de Chambrun sich in Rom 
eine Antwort geholt hat, die nichts an Deut 
lichkeit zu wünschen übrig ließ. 
Im übrigen ist Paul-Boncour um seinen 
Auftrag in Genf nicht zu beneiden. Er weiß 
weder eine stabile Regierung hinter sich, noch 
ist mit einer wirklich wirksamen Unterstützung 
der Völkerbundsmehrheit für eine Fortsetzung 
der ohnehin sinnlosen Sanktionspolitik zu 
rechnen. Außerdem erscheint es im höchsten 
Grade zweifelhaft, daß Italien unter den jetzi 
gen Umständen eine weitere Hinausschiebung 
des Abbruches der Sanktionen um volle vier 
Wochen ohne eine drastische Verschärfung sei 
ner Gegenmaßnahmen mit ansieht. Schon jetzt 
läßt man aus Rom versichern, man lehne Ver 
handlungen über die Sanktionsfrage grund 
sätzlich solange ab, wie die Sühnemaßnahmen 
noch bestehen. 
Am de» deutschen Friedensplan 
Eigener Bericht unserer Berliner Redaktion 
Berlin. Wie vorauszusehen war, sind die 
Beratungen über die englischen Rückfragen 
sehr eingehender Art. Bis zur Klärung der 
Fragen, die nach Londoner Auffassung für die 
Wetterführung der Verhandlungen entschei 
dend sein werden, wird geraume Zeit vergehen. 
Es ist auch zu berücksichtigen, daß selbst die 
deutsche Antwort einen Teil des deutschen 
Friedensplans „erläutern" kann, denn es ist in 
London ausdrücklich schon vorher festgestellt 
worden, daß die Fragen nach Berlin sich nicht 
auf alle Einzelheiten des deutschen Plans er 
strecken sollen. 
Unklar ist auch heute noch, wie sich Frank 
reich zu dem englischen Versuch stellt. Diese 
offene Frage wird die nächsten Wochen der po 
litischen Erörterungen beherrschen, die jetzt 
über den deutschen Fricdensplan von neuem 
durch die Weltpresse gehen. Daß die französi 
sche Presse sich in auffallender Zurückhaltung 
auch weiterhin von diesen Erörterungen fern 
hält, ist als Zeichen der Zeit und zur Beur 
teilung der Gesamtlage nicht ohne Bedeutung. 
Der Londoner Daily Telegraph rechnete 
übrigens gestern mit einer Dauer vo« 4 bis 
6 Monaten für die Durchführung der deutsch- 
englischen Verhandlungen. Das ist aber mut 
maßlich nur eine Privatansicht des weitverbrei 
teten Londoner Blattes. 
Zu dem englischen Schritt in Berlin meldet 
noch die Londoner Morningpost, daß sämtliche 
Rückfragen dem britischen Gesamtkabinett vor 
gelegen haben und einstimmig gebilligt worden 
sind. In der Londoner und der übrigen eng 
lischen Presse gehen die Erörterungen über 
Hoffnungen und Erwartungen im Anschluß an 
die englische Demarche in Berlin weiter. Das 
Arbeiterblatt „Daily Herald" schreibt, daß die 
englische Arbeiterschaft ein Scheitern der Ver 
handlungen mit Deutschland niemals ver 
stehen würde und daß der Plan Hitlers wirk 
liche und ausführbare Friedensvorschläge ent 
halte. 
Der Rotterdamer Courant meldet aus Lon 
don: Lloyd George hat in Birmingham am 
Samstag über Abessinien, den Völkerbund und 
die Verhandlungen mit Deutschland gesprochen. 
Zu letzterem Thema sagte Lloyd George, daß 
neun Zehntel des englischen Volkes für die 
Ausführung des Hitler-Friedensprogramms 
stimmen würden. 
In der belgischen Presse finden sich sehr er 
freuliche Worte für die jetzt beginnenden di 
rekten Aussprachen zwischen England und 
Deutschland. „L'Echo" in Antwerpen meint, 
man schöpfe aus der endlichen Aufnahme der 
Fühlungnahme auch in Belgien größte Hoff 
nung für eine Befriedigung Europas. „De 
Schilde" in Antwerpen schreibt, ein Gefühl der 
Entspannung gehe mit dem Beginn englisch 
deutscher Rücksprachen durch Europa. Mit die 
sem englischen Schritt erfahre die deutsche 
Friedensinitiative ihre erste Belebung. — Auch 
der liberale Brüsseler „Soir" schreibt sympa 
thisch über die deutsch-englische Fühlungnahme. 
Er meint, es müsse sich auch in Belgiens In 
teresse eine feste und dauerhafte Basis der eu 
ropäischen Verständigung finden lassen. Die 
deutsch-englische Aktion könne der erste Schritt 
hierzu sein.
	        
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