Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

129. Jahrgang ' Nr. 110 
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) 
Dienstag, den 12. Mai 1936 
Der „heilige Strom" macht Weltgeschichte 
Von Manfred Stein-Kuehler. 
Als die Italiener vor wenigen Wochen 
am Ufer des Tana-Sees ihre Fahne ent 
rollten, stellten sie die Welt vor eine Frage 
von hochpolitischer Bedeutung. Was sagt 
England zu diesem Schritt, wer wird der 
wahre Herrscher über die segenspendenden 
Fluten des Blauen Nils? 
Der Herr des Tana-Sees kann mit 
Leichtigkeit ganz Aegypten und den gan 
zen Sudan in eine Wüste verwandeln. 
Alles bestimmt der „heilige Strom", der 
Nil. Ein Fluß, von dessen Schicksal das 
Leben von Millionen Menschen abhängt, 
steht heute im Brennpunkt des allgemei 
nen Interesses. 
Der Schicksalsstrom eines Erdteils. 
Schon die alten Aegypter um 2700 v. Chr. 
waren von der Bedeutung des heiligen Stro 
mes, des Nils, so durchdrungen, daß sie all 
jährlich ein großes Fest feierten, wenn der 
historische Nilpegel auf der Insel Roda bei 
Kairo einen Wasserstanö von 16 Dirä (nach alt 
arabischem Maß) anzeigte. Das bedeutete für 
sie, daß der „heilige Wasserspender" die Wasser 
wenge mit sich führte, die notwendig war, um 
äas ganze Niltal zu befruchten. Sie hatten 
ja keine Ahnung, woher das Wasser kam,' ihnen 
genügte es aber, daß es da war, denn blieb es 
aus oder stand es auch nur einige Dirä niedri 
ger, dann wußten sie ganz genau, daß Dürre 
Und Hungersnot die unausbleibliche Folge 
sein mußten. 
Ein Fest des Dankes war es also, wenn sie 
bei dieser Gelegenheit große Feierlichkeiten 
veranstalteten und unter großem Gedränge 
daran gingen, den Damm in Fum el ChaUg, 
den alten Stadtgraben Kairos, zu durchstechen, 
damit das Wasser sich über ihre Ländereien er 
gießen könne. 
Jahrtausende sind vorübergerauscht,' der alte 
Stadtgraben besteht nicht mehr, und auch kein 
Damm wird heute mehr durchstochen. Aber das 
alte Wasserfest wird am Ende des Sommers 
heute noch genau so gefeiert wie vor 4000 Jah 
ren. Andere Zeiten sind gekommen, und eine 
andere Technik weiß mit anderen Mitteln das 
kostbare Naß besser auszunutzen als die Alten, 
aber ohne die richtige Wasserhöhe kann Aegyp 
ten nicht leben. 
Als der Nil noch in der heiligen Sprache der 
alten Aegypter Jeter'o hieß und ihm in dem 
ihm geweihten Tempel in Nilopolis geopfert 
wurde, galt es als ein Frevel, nach den Wur 
zln und Quellen dieses „Göttlichen" zu for 
schen. Als die alten Griechen und Römer ins 
Land kamen, wollte man dieses Rätsel ent 
schleiern. Das war zu der Zeit, als der Nilus 
einer berühmten alexandrinischen Marmor 
gruppe nachgebildet wurde,' der göttliche Nil 
wurde da als ein liegender Flußgott darge 
stellt mit Bart und weiblichen Brüsten, der 
von 16 Knaben umspielt wird. 
Alexander der Große war, bevor er seinen 
persischen Feldzug unternahm, der felsenfesten 
Ueberzeugung, daß der Nil mit dem Indus 
in direkter Verbindung stehe, und daß beide ihr 
Wasser aus den Gletschern Jnnerasiens bezö 
gen. Erst die Kriegszüge Alexanders nach 
Persien und Aegypten räumten mit dieser 
Theorie gründlich auf. Man sah ein, daß es 
ein Ding der Unmöglichkeit sei, daß diese bei 
den Flüsse gemeinsamen Ursprung hätten. Auf 
den Rat von Aristoteles sandte Alexander 
Boten nilaufwärts, die bis in die Gegend des 
heutigen Tana-Sees gekommen sein müssen, 
denn sie berichteten, daß bei einem großen See 
im Sommer unendliche Regenmengen vom 
Himmel fielen. „Die Nilflut ist kein Problem 
mehr!" soll Aristoteles gesagt haben, als die 
Boten heimwärts kehrten, denn sie bestätigten 
seine Vermutung, daß die Quelle des Nils im 
Hochgebirge des heutigen Abessiniens zu suchen 
sei. Indessen stellte sich dieser Ausruf doch als 
übereilt heraus. Er war nur teilweise berech 
tigt,' diese Boten hatten gerade das Stück des 
Flusses erforscht, das heute wieder in den 
Brennpunkt weltgeschichtlichen Interesses ge 
rückt ist. Es dauerte zunächst einmal noch an 
nähernd 500 Jahre, bis Ptolemüos (150 nach 
Chr.) dem Problem weiter nachging und 
Agathodämon zu seinen Tafeln die ersten Kar 
ten anfertigte. Auch der römische Kaiser Nero 
hatte für diese Fragen Interesse gezeigt und 
eine Expedition ausgesanüt, um sie zu er- 
gründen. Aber sie war in der Gegend des heu 
tigen Faschvda, in der berüchtigten Sedd, wo 
das Sumpfgewirr des Gazellenflusses sich mit 
dem des Bergnil vereinigt, steckengeblieben. 
Es steht außer Frage, daß ein Ptolemüus die 
Herkunft des Blauen Nils aus dem Tana-See 
und die des Weißen Nils aus den „Nilseen" 
kannte. Die wirklichen Ursachen des Steigens 
und Fallens des Flusses blieben bis ins 19. 
Jahrhundert hinein ein Geheimnis. Im 17. 
Jahrhundert hatten auch portugiesische Missio 
nare einen Vorstoß gewagt, aber ihr Ergebnis 
war vergessen worden. Nichts ist bezeichnen 
der für die Schwierigkeit dieses Problems, als 
daß die Engländer Speke und Grant, die 1862 
von der Ostküste Afrikas her gegen den 
Victoria-Nianza-See vorstießen, in dem sie 
eine der Hauptquellen des Nils erkannten, 
ebenso mit den ptolemäischen Karten des Nils 
ausgerüstet waren wie Sir S. Baker, der 1863 
den Albert-Nianza entdeckte. Erst von dieser 
Zeit an datiert die genauere Kenntnis dieses 
Stromes, und es sollten noch 20 Jahre dau 
ern, bis auch der letzte der großen Quellflüsse, 
der Kagera, der in der früheren deutschen Kolo 
nie Dentsch-Ost-Afrika entspringt, als einer 
der Quellflüsse des Nils erkannt wurde. 
Der Nilstrom mit seinen 6350 Km. Länge ist 
der zweitgrößte Strom der Erde. Schon wenn 
wir ihn mit dem Rhein (1300 Km.) oder der 
Weser (712 Km.) vergleichen, zeigt sich, welche 
ungeheuren Ausmaße hier in Betracht kom 
men. 
(Fortsetzung folgt.) 
Handschrifte« «rrd ihre SchiÄsals 
Die gesamte gebildete Welt wird es wohl 
mit hohem Interesse und nicht geringer An 
teilnahme zur Kenntnis genommen haben, daß 
vor kurzer Zeit das Originalmanuskript des 
„Befreiten Jerusalem" von Torquato Tasso 
aufgefunden wurde. Die näheren Umstände 
bei dieser ungewöhnlichen Entdeckung sind auch 
seltsam genug. Vor einem halben Jahre ging 
ein italienischer Sammler durch die Antiquitä 
ten- und Handschriftenabteilung einer großen 
Londoner Buchhandlung. Zu einem großen 
Stapel verschnürt fand er dort alte, vergilbte 
und teilweise fast schon unleserlich gewordene 
mittelalterliche italienische Handschriften, ein 
„Gelegenheitskauf aus dem Nachlaß eines al 
ten englischen Diplomaten", wie ihm der Buch 
händler versicherte. Der Italiener, der sich 
zwar nicht viel davon versprach, weil ja sonst 
die englischen Antiquare sehr ans dem Posten 
sind, wenn es um alte Kostbarkeiten geht, 
kaufte das ganze Bündel für wenige Pfund 
und ließ es zu sich ins Hotel bringen, wo er 
es sorgsam, Blatt für Blatt untersuchte. Nach 
einigen Stunden war seine Mühe dadurch be 
lohnt, daß er einen der größten Handschriften 
funde unserer Zeit getan hatte: die Original 
handschrift Tassos des „Befreiten Jerusalem" 
lag vor ihm, wurde sorgsam verpackt und auf 
dem schnellsten Wege nach Italien geschickt, um 
dort noch einmal nachgeprüft zu werden. Diese 
Nachprüfung, die mit aller wissenschaftlichen 
Gründlichkeit vorgenommen wurde, ergab die 
unanfechtbare Gewißheit, daß man es mit dem 
echten Manuskript zu tun hatte. Gleichzeitig 
konnte man nun ein anderes Manuskript des 
„Befreiten Jerusalem", das im Soano-Muse- 
um aufbewahrt wird, nichl minder einwand 
frei als Abschrift erkennen. 
Während im vorigen Jahrhundert solche 
Funde recht häufig waren, sind sie gegenwär 
tig sehr selten geworden. Zum Teil liegt das 
daran, daß gerade das 19. Jahrhundert sich 
nach langer vorhergegangener Paule durch eine 
besonders leidenschaftlich betriebene Sammler 
leidenschaft nach solchen Dingen auszeichnete, 
während unsere Zeit durch den Schwund und 
die Dezimierung der großen Vermögen, die 
nun einmal Voraussetzung für jedes Sam 
meln größeren Stils sind, den Typ des ge 
lehrten Sammlers nur noch recht vereinzelt 
gedeihen läßt. 
Zwei große Funde ähnlicher Art aus dem 
vorigen Jahrhundert seien hier noch erwähnt, 
damit ermessen werden kann, wieviel die 
Kunst und die Kultur überhaupt solchen 
Glückszusätzen verdankt. Im Jahre 1887 ent 
deckte der Literaturhistoriker Erich Schmidt in 
Leipzig, als er den Nachlaß eines der Enkel 
Goethes durchforschte, den „Urfaust" in einer 
Abschrift des Fräuleins Luise von Göchhau- 
sen, einer Hofdame der Großherzogin Amalie. 
Es ist heute nur noch schwer nachzufühlen, wie 
groß die Weltsensation dieser Wiederentdek- 
kung der ersten Fassung war, von deren ein 
stigem Vorhandensein man wußte, die man 
jedoch bereits für immer verloren gegeben 
hatte. Heute ist der Urfaust Besitz jedes ge 
bildeten Menschen. 
Noch ein Fund dieser Art: im Jahre 1836 
entdeckte Robert Schumann in Wien, auf nicht 
minder zufällige Weise die große C-dur-Sym- 
phonie von Franz Schubert, zehn Jahre nach 
Schuberts Tod. Es hat nicht viel gefehlt und 
sie hätte wohl als Makulatur ein trauriges 
Ende gefunden. Im Jahre darauf, am 22. 3. 
1839, erklang sie zum ersten Male in einem 
Gewandhauskonzert, erntete jubelnden Beifall 
und gehört seitdem zum eisernen Bestand un 
serer großen Konzertsäle. 
Durch welch eigenartige Umstände sogar be 
kannte und wohlbewahrte Handschriften ein 
Dasein im Verborgenen führen können, möge 
man daran erkennen, daß erst vor kurzer 
Zeit einige „Deutsche Tänze" von Beethoven 
durch Erwin Fischer im deutschen Rundfunk 
zur „Uraufführung" kamen, obwohl sie sich 
schon lange Zeit im Besitz der preußischen 
Staatsbibliothek befanden. 
Bunte Wett 
Brückenbau mit Drachen. 
In Ostasien werden heute noch einfache 
Brückenübergänge dadurch hergestellt, daß man 
mit Hilfe von Winddrachen Seile über den 
Fluß „schießt" und am Gegenufer festmachen 
läßt. 
Fuchskrieg in Nordrußland. 
Auf der Halbinsel Kola wird seit einiger 
Zeit eine starke Einwanderung von roten 
Füchsen beobachtet, die in hitzigen Kämpfen 
die bisher dort lebenden blauen Füchse zu 
verdrängen suchen. 
Riesenfröfche für Europa. 
In Südfrankreich und Spanien werden zur 
Zeit Versuche unternommen, die mexikani 
schen Riesenfrösche in der Größe eines Kanin 
chens auch in Europa zu züchten. Das würde 
einen gewaltigen Aufschwung der Froschschen- 
kelindustrie nach sich ziehen. 
Neuer polnischer Motorwagentyp. 
Auf der Pilsudskihütte (Königshütte) ge 
langt in diesen Tagen ein neuer, seitens des 
Verkehrsministeriums in Auftrag gegebener 
elektrischer Motorwagen zur Fertigstellung. 
Der Wagen wird 40 Passagiere fassen und eine 
Höchstgeschwindigkeit von 120 Km. ausweisen. 
Kalender im Gefängnis. 
Das neue Luxus-Gefängnis in Anderson in 
Kalifornien enthält u. a. einen Patentkalen- 
dcr, auf dem die Sträflinge Tag für Tag mit 
einem Blick übersehen, wieviel Tage sie noch 
zu sitzen haben. 
Die Dame 
aus der Morgrnzeitung 
Von Jo Hanns Rösler. 
Bruno Bauer hat Glück gehabt. Bruno 
"Zauer hat eine schöne Stellung, ein nettes 
Einkommen, ein kleines Haus am Stadtrand, 
ein wenig Geld auf der Sparkasse, einen guten 
Arzt, den der nicht braucht, und auch sonst noch 
Derlei Dinge, die das Leben verschönern. Nur 
su einem Punkt hapert es bei Bruno. Und das 
in der Liebe. 
Bruno Bauer hat kein Glück bei Frauen. 
"Wenigstens glaubt er es. Er hat es noch nie 
ernstlich versucht. Bruno Bauer geht nicht tan- 
à, eislaufen, skifahren, rodeln, segeln, ru 
dern, schwimmen, tennisspielen und spazieren, 
geht nicht in die Oper und in die Kirche, auf 
^ein Weekend und auf kein Fußballmatch, zu 
seiner Gerichtsverhandlung und in keine Ver 
sammlung oder wie sonst die Orte heißen 
^ögen, wo die anderen Männer hingehen, um 
^sue Frau kennenzulernen. Dabei ist Bruno 
Aauer des Alleinseins müde. Ernstlich müde. 
ein trautes Heim gehört eine vertraute 
Frau. An einem Radioapparat können für das- 
ielbe Geld groet hören, aus einem Fenster 
vnnen zwei die gleiche Aussicht betrachten und 
einem Ofen wärmen sich zwei Menschen 
Achter, als einer. Und so beschloß Bruno 
"oauer, einen Ehestand zu gründen, 
inseriert in der Morgenzeitung: 
^Gebildeter Herr in fixer Stellung sucht 
Essende Dame zur Ehe. Vermittler Papier- 
ŗ°rb. Unter: „Mein Wunsch!" 
Acht Tage später waren zweitausendzwei- 
nrndertzweiundzwanzig Briefe eingelaufen, 
ì °Ö0r eine Karte aus Schottland war darun- 
t du roten, gelben, grünen, grauen, blauen, 
«Utnen, schwarzen und weißen Umschlägen lä 
gen ausführliche Beschreibungen, verhaltene 
Wünsche, vergilbte Bilder aus alten Jahren, 
Locken, Kleeblätter, Hufeisen, Holzspäne, Wa 
cholder, Vergißmeinnicht, Lavendel, Liebes 
briefe von vorher und Versprechungen für 
nachher. Mit roter und blauer und grüner 
Tinte geschrieben. Mit Tränen der Sehnsucht 
benetzt. Mit Küssen der Leidenschaft beschwert. 
Ein Rougemund als Unterschrift. Ein ausge 
schnittenes Herz, ein rotes, als Vignette. Mit 
Zaubersprüchen und Stammbuchversen. Mit 
Ewigdein und Ewigmein. Bruno Bauer er 
ledigte diese Riesenkorrespondenz in sieben 
Nachtschichten. Eine schlichte liebe Kinderschrift 
trug den Sieg davon. Diese Frau mußte begeh 
renswert sein. Vielleicht war sie noch sehr 
jung, vielleicht sogar sehr schön. Bruno Bauer 
schrieb einen Brief. In knappen, logischen 
Worten bat er die Unbekannte um ein Stell 
dichein. Sein Herz klopfte, als er den Brief 
in den Kasten warf . . . 
Am nächsten Morgen kam die Antwort: 
„Erwarte Sie heute acht Uhr im Graben 
kaffee. Kennzeichen: ich rühre den Kaffee um. 
Die Dame aus der Morgenzeitung." 
Bruno Bauer besah sich noch einmal im 
Spiegel und trat ein wenig unsicher durch die 
Drehtür des Kaffeehauses. Es waren noch fünf 
Minuten vor der Zeit. Aber die Dame war 
schon da. Schräg gegeniiber dem Eingang saß 
sie. Als Bruno Bauer eintrat, ergriff sie sofort 
den Löffel und rührte im Kaffee. 
Bruno Bauer trat zum Tisch. 
„Gestatten?" 
Mit einer Verbeugung bat er, Platz nehmen 
zu dürfen. Dann nannte er seinen Namen. 
Die Dame lächelte. Ihr Lächeln war wunder 
schön. Fünf Minuten später waren sie bereits 
gute Freunde. „Wir sollten nicht so lange war 
ten", sagte Bruno Bauer, „je früher wir hei 
raten, desto besser. Eigner Herd ist Goldes 
wert." Edith lachte. Er wußte schon, daß sie 
Edith hieß. 
„Einverstanden?" drängte er. 
Sie schüttelte den Kopf. 
„Wir kennen uns doch noch gar nicht. Wol 
len wir uns nicht lieber erst ein wenig ver 
loben?" 
Aber Bruno Bauer wollte nichts davon 
wissen: „Was du heute kannst besorgen, das 
verschiebe nicht auf morgen!" Und damit be 
gannen sie sich Du zu sagen und vier Wochen 
später war die Hochzeit. Die Ehe war restlos 
glücklich. Edith war jung, schön, treu und ver 
wöhnte ihren Mann auf das Zärtlichste. 
Eines Abends kam Bruno Bauer nach 
Hause. 
Edith stand in der Türe. Ohne Gruß. Ohne 
Lächeln. Sie hielt einen Brief. „Du betrügst 
mich! Du betrügst mich!" 
Bruno stand starr. Seine Frau zu betrügen, 
fiel ihm nicht im Schlaf eilt. 
„Aber —" 
Sie reichte ihm den Brief: 
„Da — lies selbst — der Brief ist heute ge 
kommen." 
Und Bruno Bauer las: 
„Werter Herr! Nach langem Nachdenken habe 
ich mich doch noch entschlossen, Ihnen meine 
Meinung zu sagen. Als ich auf Ihr Inserat 
antwortete, schrieben Sie mir einen scheinheili 
gen Brief, daß man meinen konnte, es mit 
einem anständigen Menschen zu tun zu ha 
ben. Und dann kommen Sie nicht einmal zum 
vereinbarten Rendezvous? Ich bin schon eine 
ältere Person und keine dumme Gans! Und 
daß Sie mich eine volle Stunde im Kaffeehaus 
sitzen und im Kaffee rühren lassen, das ist eine 
Gemeinheit! Das mußte Ihnen sagen 
Die Dame aus der Morgenzeitung." 
Anekdoten 
Tradition. 
„Tradition, mein Kind", sagt Vater zu 
Fritzchen, „ist etwas, was sich vom Vater auf 
den Sohn überliefert!" 
Wenige Tage später kommt Fritzchen zu spät 
zur Schule. Als es vom Lehrer deswegen 
Schelte gibt, erklärt Fritzchen: 
„Entschuldigen Sie, Herr Lehrer, ich kann 
nichts dafür. Meine Tradition war nämlich 
zerrissen, und Mutter hat sie erst flicken müs 
sen!" 
Die unhöfliche Statue. 
Als im Jahre 1846 in Bonn das Denkmal 
Beethovens feierlich enthüllt wurde, erschienen 
auch König Friedrich Wilhelm IV. und die 
Königin Viktoria von England, welche damals 
gerade in Deutschland weilte, in der Stadt, um 
den Festlichkeiten beizuwohnen. Das Komitee, 
durch den unerwarteten hohen Besuch in Ver 
legenheit gebracht, wußte den allerhöchsten 
Herrschaften keinen anderen besseren Platz an 
zuweisen, als das gräflich Fürstenbergische 
Haus, von dessen Fenstern aus sie zwar einen 
ganz hübschen Ueberblick über den Festplatz 
genossen, aber das Denkmal nur von der Rück 
seite hatten. 
Als nun nach Beendigung der schwungvollen 
Weiherede die Hülle von dem Denkmal fiel, 
lachte der König laut auf und rief belustigt, 
indem er auf das Denkmal deutete: „Hm, sehr 
artig und höflich ist der aber nicht, der kehrt 
uns ja den Rücken zu!" 
Alexander von Humboldt, der sich auch im 
Gefolge des Monarchen befand, bemerkte 
lächelnd: 
„Majestät, es darf Sie gar nicht wundern, 
daß Beethoven Ihnen den Rücken kehrt,' et 
war sein Lebtag lang als grober Kerl be 
kannt!" 
Juv Unterhaltung
	        
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