^9. Jahrgang ' Nr. Ill
Beilage der Schleswig-Holfteînîschen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt)
Mittwoch, den 13. Mai 1936
Der „heilige Strom"
Von Manfred S t
(1. Fortsetzung.)
hl. Storm macht Weltpolitik.
Die Technik dringt vor.
Mehemeö Ali, mit dem die Geschichte des
Modernen Aegyptens beginnt, war ein für
seine Zeit recht weitschauender Herrscher, der
nicht nur durch zahlreiche Kriege die politische
Macht Aegyptens wesentlich ausdehnte (Ära
ren, Syrien), sondern auch wirtschaftlich auf
bitten neuen Aufstieg des durch die Türken
Unglaublich heruntergewirtschafteten Landes
hinzielte. Er war es, der 1843 das erste Stau-
werk des Nils im Nildelta anlegen ließ, aus
°em Gedanken heraus, daß ein Stauen des
Nils den Wasserstand erhöhen müsse, also die
ersehnte und lebensnotwendige Ueberschwem-
wung auch eintreten müsse, wenn einmal die
Natur mit ihren Wasserschätzen zurückhalten
der war.
Aber die Konstruktion der dazu benötigten
Maschinen war damals noch höchst mangelhaft,
io daß der Erfolg recht problematisch war und
Zahlreiche Umbauten ungeheure Summen
Ģeldes verschlangen. Tatsächlich ist dieses
Stauwerk erst 1901 wirklich vollendet worden,
so daß es sich als betriebsfähig erwies. Aber
wlbst das alte Werk hatte schon derartige Er-
solge, daß es vorübergehend die Nilfluten um
6 Meter staute, genug, um das ganze Delta
gebiet ausreichend mit dem kostbaren Naß zu
versorgen. Der richtige Weg war damit auf
gezeigt, wenn auch die brauchbare Verwirkli
chung dieser Ideen noch Jahrzehnte auf sich
warten lassen sollte.
England faßt Fuß.
Es gehört in das Gebiet der politischen Ge
schichte, wie England im 19. Jahrhundert in
Aegypten festen Fuß zu fassen begann und sei
nen Einfluß sicher und unbeirrt ausdehnte.
Ismail Pascha, der sich durch den Bau des
Suez-Kanals finanziell stark übernommen
hatte, und der außerdem Riesensummen nach
Konstantinopel fließen ließ, um seiner Dyna
stie die erbliche Königswürde zu sichern, hatte
das Land an den Rand des Staatsbankrotts
gebracht. Das helfende England wie auch das
finanziell stark interessierte Frankreich dach
ten gar nicht daran, dieses Gebiet so schnell
wieder fahren zu lassen, nachdem sie einmal
Einfluß gewonnen hatten. England wäre
Frankreich ganz gern losgewesen, aber seine
finanzielle Beteiligung und noch weniger die
Politik um 1880 erlaubten ein Abschütteln.
Doch England war noch nie um einen Ausweg
verlegen. Die Londoner Regierung ließ unter
der Hand Paris wissen, daß man Tunis als
französisches Interessengebiet betrachte, und
plötzlich tauchte in der „Times" ein ganz be
zeichnender Leitartikel auf, der die Notwendig
keit einer vollständigen Christianisierung
Nordafrikas betonte, wobei Marokko den Spa
niern, Tripolis den Italienern und Tunis den
Franzosen zugesprochen wurde. Es war der
typische Köder, um die unliebsame Konkurrenz
macht Weltgeschichte
ein-Kuehler.
in Aegypten auf eigene Gedanken zu bringen
und den Löwenanteil (Aegypten) den eigenen
Interessen zu sichern. Der Grund, warum
England alles daran setzte, um Aegypten allein
in die Hand zu bekommen, lag natürlich im
Suezkanal, der großen Lebensader, die Indien
mit England verband. Da konnten auch die
krampfhaften Bemühungen der ägyptischen
Nationalpartei, die das ständige Vordringen
Englands mit Haß verfolgte, wenig ändern.
Ja, als es 1882 der Kriegsminister Arabi
Pascha zum offenen Kampf mit den Eindring
lingen kommen ließ, wurde für die Aegypter
die Lage nur noch schlechter,- sie wurden bei
Tell el Kebir vernichtend geschlagen, und Eng
land hatte damit offene Rechtsansprüche für
seinen Einfluß in der Hand. Durch den Auf
stand des Mahdi ging dann 1883 der ägyptische
Kleine Geschichte
Aber die Sterne . . .
Rudolfs Ehe war glücklich gewesen, zehn
Jahre lang, sehr glücklich sogar, bis sich her
ausstellte, daß sich der Standesbeamte bei sei
ner Geburt geirrt und statt des 12. April als
Geburtsdatum den 2. April ins Register ein
getragen hatte.
Ein falsches Datum in seinen Papieren ha:
manchem schon Verdruß bereitet. Bei Herrn
Rudolf hatte der Irrtum des Standesbeamten
zur Folge, daß er seine Frau wieder verlor.
Frau Rudolf hatte es nämlich mit den
Sternen. Selbst wenn sie eine noch unerorobte
Speise frei nach dem Kochbuch zubereitete, ver
fehlte sie nicht, erst in ihrem astrologischen
Kalender nachzusehen, ob eine unter dem Zei
chen des Löwen geborene Hausfrau sich an dem
Tag auch auf neue private Unternehmungen
einlassen dürfe.
Als sie heiratete, vor zehn Jahren wie ge
sagt, befragte sie die Sterne besonders einge
hend. Und die Sterne rieten ihr, ebenfalls
nur einen Mann zu heiraten, der im Zeichen
des Löwen geboren sei. In zweiter, dritter,
vierter Linie kämen noch die in dem und dem
Zeichen geborenen Männer in Frage, aber
eine Katastrophe sei unvermeidlich, wenn ihr
Zukünftiger etwa im Zeichen der Zwillinge
stünde. Herr Rudolf stand laut Geburtsdatum
im Zeichen des Löwen. Die Ehe mußte also
glücklich werden, und sie war es auch ein
Jahrzehnt hindurch. Die Tatsache, daß sich das
Geburtsdatum nach Aufklärung des standes
amtlichen Irrtums um zehn Tage verschob,
setzte nun aber auch Herrn Rudolf eine an
dere Konstellation: Er war plötzlich ein
Zwillingsmann, und Frau Rudolf verließ ent
setzt das Haus und war durch nichts zu bewe
gen, zu ihrem Mann zurückzukehren. Die Ehe
wurde geschieden.
Zehn Jahre glücklicher Ehe konnten Frau
Rudolfs Glauben an die Sterne nicht er-
Sudan für Aegypten verloren, und als ihn
1896 Lord Kitchener für die Engländer wieder
holte, hatte England die große Basis, die es
zur restlosen Beherrschung des ganzen Nil-
gebiets benötigte. Es läßt sich nicht in Abrede
stellen, daß unter englischer Oberherrschaft die
wirtschaftliche Lage Aegyptens wesentlich ge
bessert wurde. Die ganze Ausnutzung des
Nils, seine Regulierung und der Ausbau der
großen Stauanlagen wurden in den Jahren
1883—1907 außerordentlich gefördert, wobei
natürlich die englischen Interessen im Vorder
grund standen. Die Engländer hatten sehr
schnell herausgefunden, daß dieses Nilgebiet
sich hervorragend zum Baumwoll-Anbau eig
nete. Nun ist aber die Baumwolle eine Pflan
ze, die außerordentlich viel Wasser brauchte,
und nur, wenn man den Nil soweit in die Hand
bekam, daß er ständig die nötigen Wasser
mengen lieferte, waren hier ungeheure Ge
winne zu erzielen. Das waren die Gründe,
n aus dem Lebert
schüttern. Zehn Jahre sind schließlich nur
zehn Jahren aber die Sterne sind ewig.
Die Grenze.
Erst der Tod hat die Kreidelinie ausgelöscht,
die 62 Jahre lang die Wohnung der Brüder
Colemann in Hornell in zwei Lager teilte:
George Washington wohnte rechts, James
Philatur wohnte links. Durch Küche, Schlaf
zimmer, Diele zog sich der trennende Kreide
strich. Ja selbst der Gemüsewagen, mit dem
die beiden Brüder des Morgens ihr Gemüse
vom Markt holten, trug den stadtbekannten
Strich,- links lagen die Kohlrüben von George
Washington, rechts der Weißkohl von James
Philatur. Und ebenfalls ein Kreidestrich
trennte den Herd in zwei Teile.
Zwei feindliche Brüder, sollte man denken.
Weit gefehlt. Noch nie, so erzählt man sich in
Hornell, hat ein Brüderpaar so einträchtig bei
einander gelebt wie die Brüder Colemann.
Als beide Brüder vor bald einem halben Jahr
hundert heirateten, gestaltete sich die Sache
etwas schwieriger. Erst nach langem Hin und
Her fügten sich beide Frauen dem un
geschriebenen Familiengesetz vom Kreidestrich,
um dann aber ebenfalls in Frieden und
Freundschaft die Wohnung ihrer Männer zu
teilen.
Der Kreidestrich war nicht etwa nur Sym
bol der Gütertrennung. Keiner der Brüder
durfte je das Gebiet des anderen betreten, und
wenn der eine krank war, durfte der andere
zwar einen Arzt holen, aber keinesfalls sich
an das Krankenbett des anderen wagen. Woll
te man sich des Abends bei einer gemütlichen
Pfeife unterhalten, so tat man es über die
„Grenze" hinweg, i
Vor ein paar Tagen nun starb James. Ge
orge Washington folgte dem Sarg seines Bru
ders nicht. Von seinem Gebiet aus sah er voll
Schmerz und Andacht zu, wie der Sarg seines
Bruders abgeholt wurde. Dann suchte er sich
schluchzend einen Scheuerlappen und wusch
die Kreidelinie fort.
die zur Anlage des Staubeckens von Assuan
führten.
Das Staubecken von Assuan.
Da war die Insel Philea im Nil, Zeuge und
Künderin der größten und erhabendsten Ver
gangenheit des alten Aegyptens. Da standen
die weltberühmten Pylone, da war der
„Kiosk", der Tempel des Trajan, der Tempel
der Isis und andere ehrwürdige Reste vergan
gener Tage. An den Ufern des Nils jedoch
waren Baumwollfelder englischer Großkauf
leute entstanden, die das größte Interesse dar
an hatten, daß ihre Plantagen genügend be
wässert wurden. Nun erhob sich die Frage:
wird der Staudamm bei Assuan gebaut und
der Wasserspiegel des Nils um 7 Meter geho
ben, oder wird bedeutendster Kulturbesitz vor
dem allmählichen, aber sicheren Verfall geret
tet? Denn durch den Bau des Staudammes bei
Assuan ergab sich mit absoluter Sicherheit, daß
während der ganzen Hochflutzeit die Al
tertümer der Insel Philae monatelang unter
Wasser gesetzt werden würden. Selbst wenn
man die Fundamente dieser Baulichkeiten
neu gestützt und gefestigt hat, so ist es doch nur
eine Frage von Jahren oder Jahrzehnten, bis
wann diese Außenseiten der Sandsteinsäulen
mit ihren Bildern und Inschriften dem Wech
sel vor Trockenheit und Nässe, dem Auswit
tern von Salzen und dem Lecken der Nilwel-
lcn Widerstand leisten können. Heute ist es
doch so, daß beim Hochwasser des Nils nur die
Kapitelle und der Architraph des „Kioskes",
die Spitzen der Pylonen und der oberste Teil
des Großen Tempels der Isis aus der roten
Flut ragen, während alles andere im Wasser
versunken ist und man mit dem Nachen dar
über hinfahren kann wie über Bineta, die sa
genhafte, im Meer versunkene Stadt. Zwar
sprachen einst die englischen Bauherrn davon,
daß es nicht zu rechtfertigen wäre, das „zu
künftige Wohl des ägyptischen Volkes" der Er
haltung dieser Ruinen zu opfern, aber in pro
saisches Deutsch übersetzt, hieß das: unsere
englischen Baumwollplantagen am Nil sind
uns wichtiger als eure alten Tempel! Der
Staudamm bei Assuan wurde gebaut und der
Kulturbesitz der allmählichen Vernichtung
freigegeben.
(Fortsetzung folgt.)
Anekdote
Kurze Kritik.
Ein junger Dichterling überreichte dem we
gen seines beißenden Witzes weit und breit be
kannten Professor Engel ein Schauspiel, wel
chem er den Titel gegeben hatte: „So sind die
Menschen" und bat sich ein offenes Urteil aus.
Engel gab es dem selbstbewußten Jüngling
nach kurzer Zeit zurück mit den Worten:
„Ich habe mein Urteil dazu geschrieben."
Der Verfasser suchte lauge vergebens nach
dieser schriftlichen Kritik,- schließlich fand er,
daß der Professor zu dem Titel „So sind die
Menschen" das Wörtchen „nicht" hinzugesetzt
hatte.
Der Postillion
Ein Histörchen von Josef Hübner.
Ein Posthalter hatte am königlichen Hofe in
München einen guten Freund, der teilte ihm
einstens in einem Brieflein streng vertraulich
vrit, daß er morgen nachmittag den Kronprin
zen Max als Fahrgast zu erwarten habe.
Aber die Bevölkerung dürfe unter keinen
Amständen davon etwas erfahren, und auch
er, der Posthalter, solle sich nicht weiter um
öen hohen Herrn kümmern. Nur, daß er Be
scheid wisse und ein Paar ausgeruhte, flinke
Pferde einspannen lasse . . .
Der Posthalter, dem augenblicks das Herz
vts zur Hosentasche hinabgerutscht war, ver
büß ganz, daß er das Zipperlein hatte, und
schritt nachdenklich im Zimmer auf und ab.
^hn ergriff langsam ein großer Zorn auf sei
nen Freund. „So ein Schafzipfel!" erging sich
ver Posthalter im Selbstgespräch. „Das sollte
br denn doch schon wissen, daß ich als könig
licher Posthalter den Kronprinzen anstands
halber begrüßen und willkommen heißen muß.
Hätte er mir wenigstens ein Bild von ihm
Mitgeschickt!"
Der Posthalter hatte nämlich keine Ahnung,
s^ie der Kronprinz aussah. Schockschwerenot!
Das konnte gut werden . . .
Da kam ihm ein Gedanke. Sollte er seinen
^kten Postillion, der verschwiegen war wie
Grab, nicht zu Rate ziehen? Jawohl! Er be-
bab sich tnit dem Schreiben in den Pferdestall,
1130 sich der Sepp Sterzinger um diese Stunde
à schaffen machte.
Der Postillion legte die Stirn in Falten
dachte angestrengt nach. Schließlich schüt
zte er den Kopf. Nein, er konnte sich nicht
^utstnnen^ daß ihm in den zwei Jahren^ da er
in München beim Leibregiment gedient hatte,
jemals der Kronprinz Max begegnet sei. Aber
Sepp Sterzinger, der Postillion, vermochte sich
leicht vorzustellen, wie ein Kronprinz durch die
Lande reist: in Gala-Uniform natürlich und
mit vielen Ordenssternen auf der Brust. Es
konnte also unmöglich schwer fallen, ihn aus
seiner Umgebung herauszufinden.
In den zwanzig Jahren, da er den ver
antwortungsvollen Dienst versah, hatte er
schon viele hohe Herrschaften von der einen
zur anderer: Haltestelle befördert, allein einen
Prinzen noch nicht. Doch wäre es falsch, zu
glauben, daß es dem gut patriotischen Postil
lion Sepp Sterzinger einzig und allein um
diese besondere Ehre und Auszeichnung zu tun
gewesen wäre. Er war ein echter Bayer und
saß nach vollbrachtem Tagewerk gerne hinter
einem vollen Maßkrug. Kein Wunder also,
wenn er auch an das Trinkgeld dachte, das
nach seiner Meinung dabei herausspringen
mußte. Er machte die Augen schmal, während
er Daumen und Zeigefinger aneinanderrieb.
Als er in der Mittagsstunde des andern
Tages gerade dabei war, die Dinge, mit denen
er Eindruck machen konnte, angefangen von
den vernickelten Pferdegeschirren bis zu den
messingnen Knöpfen seiner blauen Jacke, in
hellen Glanz zu setzen, fuhr eine sogenannte
Extra-Post in die Halle ein. „Blutsakra!"
fluchte der Sepp und legte das Putzzeug bei
seite. Jetzt durfte er bloß Pech haben und
dienstlich benötigt werden!
Der Posthalter warf einen forschenden Blick
in die Kutsche, in der zwei Herren saßen. Sie
waren zu einfach gekleidet, als daß man sie für
einen Kronprinzen und seinen Adjutanten
hätte halten können. Und doch war es so.
Der Posthalter atmete erleichtert auf, als
itzm der Postilliorst der sie bis hierher zu jah-
ren hatte, leise ins Ohr sagte, daß es zwei
Augsburger Kaufleute wären. Anscheinend
hatten sie es sehr eilig,- denn sie wünschten
nach dem Pferdewechsel die Reise fortzusetzen.
Da die drei jüngeren Postkutscher alle un
terwegs waren, blieb dem alten Sterzinger,
der wie ein Landsknecht wetterte, nichts
weiter übrig, als sich fertigzumachen und ein
zuspannen. Er gedachte sich an den Augsbur
ger Tuchwebern in der Weise zu rächen, daß
er sie bei der scharfen Kurve einfach umwarf
Nach einem reichlichen Dutzend Sackermenter
schwang er sich auf den Bock und trieb die
Pferde an. In flottem Trab ging's zum Stadt
tor hinaus.
Auf der Anhöhe sollte er halten. Die Herren
Hütten gerne den herrlichen Rundblick etwas
genossen. Der Postillion wandte den Kopf zur
Seite und brummte: „Hier ist keine Halte
stelle. Hüh, Brauner!"
„Dann fahren Sie wenigstens eine Weile
im Schritt", sagte der Adjutant. — „Brr! Ocöö-
ha, Brauner!" brachte Sterzinger die Pferde
zum Stehen. Er drehte sich halb herum und
sprach gelassen: „Wie gefahren wird, schnell
oder langsam, bestimmt laut Paragraph vier
zehn unserer Fahrvorschrift der Postillion.
Jawohl! Und der Postillion bin ich. Verstan
den . . .? Hüh, Brauner."
Der Kronprinz hatte Mühe, das Lachen zu
verbeißen. „Der gefüllt mir ausgezeichner",
sagte er leise. „Aber eine Laus scheint ihm
doch über die Leber gelaufen zu sein."
Nun ließ Sepp Sterzinger den Pferden die
Peitsche um die Ohren flitzen, daß sie zu ga
loppieren anfingen. Kronprinz und Adjutant
wurden umeinandergeschüttelt wie Nüsse im
Sack. „Langsamer!" riefen sie wie aus einem
Munde, „Langsamer!" Uber der Sepp lachte
vor sich hin und fuhr in gestrecktem Galopp
auf dem Landsträßlein weiter.
Endlich erwischte ihn der Adjutant am Rock
schoß und brüllte: „Zum Donnerwetter! Lang
sam!" »
„Brrr! Oeöööha, Brauner", hielt der Postil
lion wieder. Diesmal drehte er sich vollends
herum. Sein Zorn war so ziemlich verraucht,
und er fragte in fast gemütlichem Tone: „Bin
gespannt, was ihr jetzt für einen Wunsch
habt?"
„Einen ruhigen Trab, bitte, und ein Lied
lein dazu!" ließ sich der Kronprinz vernehmen.
„Nichts zu wollen heute", wehrte Sepp ab.
„Warum nicht?"
„Weil ich nicht in Stimmung bin."
„Ausgezeichnet", meinte der Kronprinz und
schmunzelte.
„Da brauchen Sie gar net so saudumm zu
lachen", sagte der Postillion. „Ihr zwei seid
nämlich daran schuld . . ."
Die beiden Herren sahen einander betroffen
an.
„Ja, ja, es ist schon so. Wenn ihr nicht ge
kommen wäret, hätte ich den Kronprinzen wah
ren dürfen, so gewiß ich Sepp Sterzinger
heiße und bei den ,Leibern' ohne eine Stunde
Strafe gedient habe, einen Dukaten als Trink
geld mit nach Hause gebracht. Bedenkt, was
für ein Schaden das für mich ich."
„Wenn sonst nichts ist", lachte der Kronprinz,
„dann können wir schon helfen." Er drückte dem
Ueberraschten zwei Dukaten in die Hand.
Der alte Postillion Sepp Sterzinger grinste
mit dem ganzen Gesichte. Als er sein Leiblied:
„Ja, ich bin zufrieden . . ." geblasen hatte,
lüftete er seinen Zylinderhut und sprach treu
herzig in die Kutsche zurück: „Jetzt kann mei
netwegen den Kronprinzen jähren^ wer will!"