Nachfürsorgsheim „Heidhof" des Kranken
Hauses Tönsheide
Gewöhnung genesener Tuberkulose-Kranker an die Berufsarbeit
Eine neue Form der Nachfürsorge, die sich bewährt hat
Weiße Nebelschleier wehen über dunklen
Tannen, das Moor versinkt iw fahlen Dunst,
Md ein wilder Regen rieselt unaufhörlich aus
niedrigem Gewölk. Die warme Nässe hat die
Knospen aus ihrem langen Winterschlaf ge
deckt, und rasch haben die Sträucher über und
über grün geflaggt zum Empfang des Früh-
ļmgs, der unter dem vielstimmigen Konzert
leines gefiederten Gefolges eingezogen ist in
bre Lande. Mit ihm kam neues vielfältiges
"ben, neue Hoffnung, neue Freude. Wer
Empfände den Frühling aber tiefer, und wer
erwartete ihn sehnlicher als diejenigen, die
krank oder nach einer Krankheit wieder qe-
Uesen sind!
Das Krankenhaus Tönshsrde
«ei Innren
Mitten in einer wundervollen Umgebung,
Umgeben von hohem Wald und weiten Grün-
Nachen, liegt bei Jnnien das Kranken
haus T ö n s h e i d e, ein Fachkrankenhaus
mr Tuberkulose- und Lungenkranke. Die
Landesversicherungsanstalt Schleswig - Hol
stein ist der Träger dieser Anstalt, der ein
zigen größeren in unserer Provinz, in
ber jährlich hunderte von Kranken Heilung
Nnden. Das Krankenhaus wurde 1931 im
Sommer in Betrieb genommen. Es war
ursprünglich mehr als Genesungsheim gedacht,
wurde dann aber in Erkenntnis der modernen
Behandlung mehr auf den Krankenhausbetrieb
Umgestellt und auch schon bei der Einrichtung
so in Betrieb genommen.
Den Direktor und leitenden Arzt der Anstalt,
T> r. Hein, fragen wir bei einem Besuch zu
erst nach der Einrichtung des Nachsürsorge-
heims Heidhof, von dessen Bedeutung und vor
bildlicher Einrichtung wir gehört haben. Dr.
Hein erklärt uns zunächst, daß mit der Nach
fürsorge dieser Art in Deutschland bisher noch
keine positiven Erfahrungen gesammelt wor
ben sind. Was bisher auf diesem Gebiet in
Deutschland und auch im Ausland getan
wurde, bewegt sich in anderer Richtung. Es
. Um den elektrischen Herd
rängen sich diejenigen, die in die Geheimnisse
des Kochens eindringen wollen.
Wurden einmal Versuche mit der Tuberkulose-
- redlung und dann mit der Arbeitstherapie
? Heilstätten gemacht. Die Tuberkulose-Sied-
Ung hat den Nachteil, daß sie sehr kostspielig
st, daß diejenigen, die hier angesetzt werden,
uum wieder herauszunehmen sind, infolge-
risen die aufgewandten hohen Kosten nur
îner sehr beschränkten Zahl Kranker zu-
Mte kommen, und daß die Gesunden zwischen
rn Tuberkulösen wohnen. Die Arbeits-
berapie in den Heilstätten eignet sich vor-
wgend für solche Leute, die gewohnt sind,
utn, Ö e tftiß zu beschäftigen und körperlich
i wt schwer zu arbeiten. Solche Leute können
m Rahmen einer Heilstättenbehandlung sehr
k^'^rnit Buchbinderarbeiten, mit Hanöfertig-
Usarbeiten, mit dem Herstellen von Buchaus-
i^ģîn usw. beschäftigt werden. In Heilstätten,
, denen Knochentuberkulose behandelt wird,
ren Heilung ein bis zwei Jahre in Anspruch
werden vielfach auch kleine Hilfs-
trirr inen bei den Betten aufgestellt. Das alles
w/şi für die Kranken, die nach Tönsheide kom-
frvÜ' "icht zu. Sie stammen meistens ans der
^mver arbeitenden Bevölkerung, vielfach aus
kra ^nöwirtschaft, und sind meist viel zu
lifo > nis daß man sie während der eigent-
cyen Behandlungszeit mit irgend welchen
«nenswerten Arbeiten beschäftigen könnte.
^şŞnderen Aufgaben
*>rr Tönsheide
6ab uns der Chefarzt Auskunft über
o«Vs ôeïen Aufgaben, die sich in Tönsheide
ei» ì em Umstand ergeben, daß diese. Anstalt
^Krankenhaus ist. Weil Tönsheide
Wrankenhaus ist, schicken oft auch die Kran-
Das Nachfürsorgeheim „Heidhof" des Krankenhauses Tönsheide bei Jnnien.
kenkassen die Lungenkranken sofort hierher. Auf
diese Weise werden große Kosten gespart, die
Krankheit kommt schnell zur Behandlung und
heilt deshalb rascher, u. außerdem kann der Pa
tient hier mit allen zur Verfügung stehenden
Mitteln, evtl, auch durch chirurgischen Ein
griff, behandelt werden, um möglichst bald An-
steckungsfreihcit zu erzielen. Erst wenn die
Ansteckungsfreiheit erreicht, die Tuberkulose
also geschlossen ist, kommt der Patient in die
angegliederten Heilstätten „Tannenfelde", für
geschlossen tuberkulöse Männer, und „Kaiser
berg", für geschlossen tuberkulöse Frauen.
Beide Heilstätten gehören ärztlich und wirt
schaftlich zu Tönsheide. Von diesen beiden
Heilstätten aus gehen die Kranken dann in
das Nachfürsorgeheim „Heidhof", wo sie einer
A r b e i t s b e l a st u n g unterzogen werden.
Sie fangen also hier mit einer leichten Arüeil
von ein bis zwei Stunden täglich an, während
noch vier bis sechs Stunden Liegekur gemacht
werden. Allmählich wird die Arbeitsbelastung
gesteigert, während gleichzeitig die Liegekuren
vermindert werden. Die Kranken aber bleiben
immer unter ständiger ärztlicher Beobachtung.
Wenn die Arbeitsleistung für den Genesenen
zu hoch ist, wird sie zurückgeschraubt, oder in
besonderen Fällen kommt eine Zurückverwei
sung in die Heilstätte in Frage. So wird jeder
der Kranken durchaus individuell behandelt,
wobei jede Bürokratie ausgeschaltet ist. Das
alles ist aber nur möglich, weil die Landes-
versicherungsanstalt für diese Ein
richtung ein so großes Entgegenkommen und
Verständnis gezeigt hat.
Das Nachfurforgeheim, ein erster
Versuch in Deutschland
Wir kommen nun auf das Nachfür
sorgeheim selbst zu sprechen, diese Einrich
tung, die als e r st e r V e r s u ch i n D e u t s ch -
land hier ins Leben gerufen wurde. Veran
lassung zu der Einrichtung dieses Nachfür
sorgeheims haben Beobachtungen gegeben, die
bei den Nachuntersuchungen früherer Kranker
gemacht wurden. Es hat sich gezeigt, daß es bei
der vorwiegend handarbeitenden Bevölkerung
häufig Rückschläge gab. Es kam vor, daß recht
günstige Heilerfolge, die erzielt waren, nicht
anhielten, weil einmal der Entlassene anschlie
ßend keine Arbeit fand, von der Arbeitslosen
unterstützung leben mußte und sich so nicht ge
nügend pflegen konnte. Vieles ist in dieser
Beziehung ja inzwischen anders und besser ge
worden. Aber trotz allem ist andererseits der
Uebergang von der sorgfältigen und pfleg
lichen Behandlung im Krankenhaus und in
der Heilstätte zu einer IvOprozentigen Arbeits
belastung zu schroff, und es hat sich gezeigt, daß
die Entlassenen dieser krassen Umstellung meist
nicht gewachsen waren. Auch die Wohnungs
frage spielt eine große Rolle und bedarf be
sonderer Maßnahmen.
Das Nachfürsorgeheim, das seit dem 1. Juli
1935 in Betrieb ist, und das Raum für 40 In
sassen bietet, bezweckt also, durch Arbeitsbela
stung festzustellen, wie weit der Kranke für
künftige Arbeit in Frage kommt, und chirur
gisch behandelte Kranke möglichst lange unter
sozial und hygienisch günstigen Verhältnissen
zu behalten, und die ärztliche Nachprüfung zu
vereinfachen. Der Tuberkulöse soll möglichst
lange aus seiner Familie herausgenommen
werden, um sie nicht zu gefährden.
Und nun die Art der Beschäftigung.
Sie geht im Rahmen eines Kameradschafts
heimes vor sich, in der die leitende Schwester
und die Küchenschwester als einzige angestellt
sind, während alles andere von den Insassen
selbst gemacht wird. Alles, was hier herge
stellt wird, wird für die Anstalt hergestellt. Es
wird nichts nach draußen verkauft.
In diesem Heim also, das wir uns noch
näher ansehen wollen, bleiben die Genesenden
so lange, wie es im einzelnen Falle notwen
dig ist. Sehr wichtig ist es nun, sie mit ihrer
Entlassung sofort wieder in Arbeit zu ver
mitteln. Durch Entgegenkommen des Landes
arbeitsamtes war es möglich, daß ihnen vom
Arbeitsamt eine Stelle nachgewiesen wird, die
ihren Kräften und Fähigkeiten gemäß ist, so
daß sie v o n h i e r d i r e k t i n i h r e Ar
beitsstätte übergehen können. Dabei be
stimmt der Arzt, für welche Arbeit der Ge
nesene zu brauchen ist und welche Arbeit er
leisten kann.
Gute Erfolge der neuen Einrichtung
Auf meine Frage nach den Erfolgen der
Einrichtung des Nachfürsorgeheims erklärt mir
der Chefarzt, daß sie ausgezeichnet sind.
Die Schafherde, die das Rohmaterial für die Handspinnerei nnd Weberei liefert.
Einmal gelingt es, einen großen Teil der
Wiedergenesenen wieder in die Arbeit hinein
zubringen und sie ihr anzupassen. Andererseits
konnte in Fällen, in denen sich herausstellte,
daß die Patienten trotz der günstigen Bedin
gungen, unter denen sie hier arbeiten, der
Arbeit noch nicht gewachsen waren, eine wei
tere Behandlung angeordnet werden, um die
Tuberkulose zu Ruhe zu bringen. Weitgehende
Rückschläge konnten dadurch vermieden wer
den. Nur in 3 vH aller Krankheitsfälle konnte
ein Wiederaufflackern der Krankheit festgestellr
werden. Es kann also gesagt werden, daß dieser
einmalige Versuch dieser Art in Deutschland
sich gut zu bewähren scheint. Eine Erweite
rung des Nachfürsorgeheims ist jedoch in die
sem Jahre noch nicht geplant, da noch gewisse
weitere Erfahrungen gesammelt werden sollen.
Er» Gang durch den „Heidhof"
Und nun wollen wir einmal das Nachfür
sorgeheim selbst sehen. Von der verschieden
artigen Arbeit, die hier geleistet werden kann,
bekommt man einen Ueberblick, wenn man
durch das weitläufige Gelände der Anstalt
Tönsheide fährt, das wohl insgesamt 150 bis
200 Hektar umfaßt. Ueberall sind wundervolle
gärtnerische Anlagen, die gepflegt sein wollen,
wir sehen Obstgärten und Gemüsekulturen, in
denen es ständig viel zu tun gibt, und wir
sehen auch sonst allerlei Arbeitsmöglichkeiten.
Und nun stehen wir vor dem Heim selbst,
einem mit Ret gedeckten niederdeutschen
Bauernhaus, das sich glänzend in das Lanö-
schaftsbild einfügt. Schon äußerlich macht es
einen anheimelnden, freundlichen Eindruck,
der noch verstärkt wird, wenn man durch den
hübschen Eingang ins Innere tritt. Alles ist
in freundlichen, warmen Farben gehalten,
Die Webstühle klappern
und die Spinnräder surren.
Lichtbilder: Singer.
über jeder Tür ist eine vielfach plattdeutsche
Bezeichnung angebracht, ôte den Eindruck des
Wohnlichen erhöht. Wir kommen zunächst in
die „Schriewstuw", in der wir die beiden
Schwestern treffen, die hier regieren. Unter
ihrer Führung durchwandern wir das ganze
Haus und kommen zunächst in den gemeinsa
men Eßraum, in dem an je einem Tisch die
Frauen und Männer die Mahlzeiten einneh
men. Von da gehen wir weiter, sehen hier und
da einmal in ein Zimmer hinein, in dem die
Genesenen wohnen. Alle Räume machen einen
freundlichen, warmen Eindruck, man hat kei
neswegs das Gefühl, in einem Krankenhaus
zu sein. Im unteren Stockwerk wohnen die
Männer, eine Treppe höher die Frauen und
Mädchen. Und über jeder Tür lesen wir wieder
eine besondere Bezeichnung für jedes Zimmer.
Da gibt es z. B. ein Schwalbennest, eine Hek-
kenrose, eine Birke usw. Alles ist so, daß der
Eindruck eines Krankenhauses vermieden wird.
Langsame Wiedergewöhnung
an die Arbeit
Und dann kommen wir in die Arbeitsräume.
Ein großer Raum ist der Handweberei vorbe
halten, wir sehen Spinnräder und ähnliche
Dinge. Das Nachfürsorgeheim besitzt nämlich
eine Schafherde. Die Wolle wird durch sämt
liche Arbeitsgänge hier verarbeitet. Sie wird
versponnen u. verwebt, u. aus dem Stoff wird
auch Kleidung für die Insassen des Heimes
hergestellt. Da wird in einem anderen Raum
geschneidert, in einem dritten gestickt und ge
näht. Eine Insassin zeigt der anderen etwas
von ihren Kenntnissen und Fertigkeiten.
Manches junge Mädchen, das irgendwo auf
dem Büro tätig war, dringt in diesem Heim
auch tiefer in die Geheimnisse der Küche ein,
als sie es wohl zu Hause konnte. Wir bewun
dern einen großen runden elektrischen Herd
in der Küche, der recht vielen Gelegenheit gibt,
in die Töpfe hineinzusehen und etwas von
der Kochkunst zu lernen. Und nun wandern
wir weiter durch die Wirtschaftsräume, sehen
die Einrichtungen, mit deren Hilfe die Früchte
des Gartens eingekocht werden. Da stehen in