Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

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129. Jahrgang. 
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129. Jahrgang. 
Renösburger Sägeblatt 
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Nc. 117 
MlîMch, den 20. Isi 
1933 
Ein Tag ans dem Lebe« des englifchsn Königs 
London, im Mai 1936. 
Als Haupt des größten Imperiums der 
modernen Welt hat Englands Herrscher, Edu 
ard Vin., einen festgezogenen Kreis von Pflich 
ten und Arbeiten, von denen jedoch, seitdem 
aus dem weitgereisten Prinzen von Wales ein 
fast schweigsamer Monarch wurde, nur selten 
etwas in die weitere Öffentlichkeit dringt. 
Umso interessanter vielleicht ist es deshalb, ei 
nen beliebigen Tag aus dem Leben des Kö 
nigs zu wählen und zu beobachten, wie in sei 
ner Residenz, Pork House, die Fäden des Im 
periums zusammenlaufen. 
Der Arbeitstag des Königs beginnt um 7.30 
morgens. Er liest dann die wichtigsten engli 
schen Blätter. Dies geschieht in einer festen 
Ordnung und zwar beginnt er mit den neue 
sten Nachrichten aus England, um dann zu den 
Meldungen aus aller Welt überzugehen, so 
weit sie von diplomatischem Interesse sind. Um 
, sich auch über den Fortgang der öffentlichen 
Meinung orientieren zu können, verfolgt er 
die Leitartikel und jene typisch englischen 
„Briefe an den Redakteur", in denen kurzge 
faßt oft die englische öffentliche Meinung von 
Rang niedergelegt ist. 
Bon den ausländischen Meldungen sind ihm 
die wichtigsten allerdings meistens bereits be 
kannt durch besondere Dokumente, die mit Ku 
rieren und durch Chiffretelegramme von allen 
britischen Botschaften und Konsulaten nach 
London übermittelt werden und in dem Zen 
trum des britischen Imperiums in jenen be 
rühmten verbeulten, alten roten und schwar 
zen Metallschatullen vom Auswärtigen Amt 
Su den zuständigen Behörden transportiert 
werden, Dokumente mit der Aufschrift „Eigen 
tum der Regierung seiner britannischen Maje 
stät". 
Im Buckingham Palace, der eigentlichen kö 
niglichen Residenz, haben unterdessen die bei 
den Privatsekretäre, Lord Wigram und Sir 
Godfrey Thomas, eine große Anzahl von 
Staatspapieren gesichtet und geordnet. Unter 
ihnen befinden sich Kabinettsberichte, Vorschlä 
ge, Gesuche um Audienzen, Berichte der Land-, 
See- und Luststreikräfte usw. usw. 
Punkt 10 Uhr vormittags befindet sich dann 
tier König in seinem Arbeitszimmer im 
Buckhingham Palace und beginnt diese Doku 
mente zu lesen, Antworten zu formulieren, 
Auszüge zu schreiben. Eine sinnreiche telepho 
nische Anlage verbindet ihn mit den verschie 
denen politischen Behörden der englischen Re 
gierung und drei weitere Telephone sorgen da- 
şur, daß er jederzeit fernmündlich den Rat von 
besonderen Sachverständigen in Fragen einho 
len kann, in denen seine Kenntnis zu einer 
Entscheidung nicht genügt. Nur selten, und 
bann nur an seine persönlichen Freunde, 
schreibt der König selbst einen Brief — mit 
mnem Füllfederhalter, der ihm vor langen 
Jahren einmal geschenkt wurde. Die meisten 
seiner Briefe werden von seinen Sekretären 
geschrieben, nachdem der König den Inhalt 
umrissen hat, und diese Schreiben beginnen 
Mit den bekannten Worten: „Ich bin von Sei- 
Uer Majestät, dem König, aufgefordert wor 
ben . . 
Während sein Vater, König Georg V., seinen 
Arbeitstag in den kommenden Stunden nach 
einem festeil und nie geänderten Programm 
einrichtete, ist cs jetzt genau umgekehrt. Wich 
tige Dokumente müssen ihm zu jeder Tages 
stunde übermittelt werden und seine Sekretäre 
Und Sachverständigen müssen jederzeit bereit 
sein, ihn aufzusuchen, wo er sich gerade befin- 
bet, entweder in Pork House oder im Palast 
über aber auch in Fort Belvedere, seinem ge 
liebten Landsitz, zu dem er über das Wochen 
ende fährt,' die Verbindung mit dem politi 
schen London wird dann durch zwei Staffeln 
ausgesuchter Motorradfahrer aufrechterhalten, 
die seine Privatkassetten befördern. 
Auch die Sitte der Bormittagsandienzen un- 
Eer dem vorigen König ist aufgehoben worden. 
Bon unserem Londoner Vertreter 
Diese Audienzen finden jetzt am Nachmittag 
statt und für jeden Besucher sind zwanzig bis 
dreißig Minuten freigegeben, um seine beson 
deren Wünsche vortragen zu können. Erst jetzt 
kann man das erstaunliche Wissen Edu 
ards VII!. ermessen, das er bei seinen vielen 
Weltreisen sich aneignen konnte. 
Die Kabinettsminister werden nach Beendi 
gung der Audienzen, gegen 6.30 Uhr, empfan 
gen. Die nächsten zwei Stunden vergehen wie- 
der mit der Beantwortung von Dokumenten 
persönlicher Natur, bis schließlich gegen neun 
Uhr abends die letzten schwarz- u. rotgestriche 
nen „boxes" ankommen: die letzten Berichte 
und Entscheidungen des Kabinetts. Seine Re 
den, im Gegensatz zu Georg v., schreibt der Kö 
nig selbst aus seiner Reiseschreibmaschine, Nach 
den notwendigen Korrekturen gibt er dann 
das Manuskript einem seiner beiden Steno 
graphen, die cs in drei Exemplaren tippen. 
Seine arbeitsfreien Tage verbringt der Mo 
narch sehr still. Manchmal ist er mit der Kö 
niginmutter zusammen im Buckingham Pa 
lace, öfter lädt er einige persönliche Freunde 
in sein Hans sin dem er nur fünf Räume be 
nutzt), um Radio zu hören, über Bücher zu 
diskutieren oder im kleinen Ballsaal, der 
gleichzeitig ein Tonfilmtheater ist, einen neuen 
Film zu sehen. 
Dem Prince of Wales bot sich die Möglich 
keit, mindestens zweimal in der Woche Golf 
und Squash-Rackets zu spielen. Um auch jetzt 
wenigstens etwas körperliche Uebung zu haben, 
hat Eduard VIII. jetzt den „Sport" aller engli 
schen Staatsmänner aufgenommen: einen 
täglichen halbstündigen schnellen Spaziergang, 
der ihm sein Golf und Tennis ersetzen muß. 
Nur zum Wochenende, mit freien Stunden, 
huldigt er seiner Lieblingsbeschäftigung, die 
gleichzeitig von seinem Sinn für Einfachheit 
Zeugnis ablegt: der Gärtnerei in den Anlagen 
von Fort Belvedere. 
Am die Wehrkraft ŞrtģlarrhS 
Eigener Bericht unserer Berliner RedrrMon 
Der Donncrstagaussprache im englischen 
Unterhause über die Verteidigungsmittel des 
britischen Reiches sieht man mit größtem In 
teresse entgegen. Gerade die strenge Neutrali 
tät, die Deutschland allen außenpolitischen 
Vorgängen gegenüber bewahrt, soweit sie sich 
nicht gegen den deutschen Lebenswillen richten, 
berechtigt uns, gerade den Nüstnugsfragen 
in den anderen Ländern mit größter Aufmerk 
samkeit zu verfolgen. Schon die Auslassungen 
der englischen Blätter im Anschluß an die 
Rede des Verteidigungsministers Jnskip deu 
ten au, daß England sich militärisch nicht ge 
nügend gerüstet ansieht. Daily Telegraph 
sprach es offen aus, daß in den gegenwärtigen 
Konflikten England seine schwache Rüstung 
erkannt habe. Darin läge ein Teil der Grün 
de für Entwicklungen in Europa und Afrika, 
die England nicht sanktionieren könne. 
Die Londoner Morningpost schreibt: „Die 
Rede des Verteidigungsministers bereitet auf 
ein Programm vor, das nicht länger zurück 
gehalten werden kann. Es gilt jetzt, Englands 
Landarmee so stark zu machen, wie seine Flotte 
ist. Früher oder später wird das Land nicht 
um die allgemeine Wehrpflicht herumkommen. 
Veränderungen der Weltlage bedingen Ver 
änderungen der politischen Erklärungen und 
Baldwins früheres Wort, er werde nie für die 
allgemeine Wehrpflicht sein, kann heute kaum 
noch gelten." 
Für uns Deutsche sind gerade die Vorgänge 
in England ein deutlicher Beweis dafür, daß 
nur die Nation in ihrem Bestand gesichert ist, 
die alles an ihre Wehrhaftigkeit setzt. 
Auch in der holländischen Presse wird die 
Rede des englischen Ministers Sir Jnskip in 
großer Aufmachung wiedergegeben. Der Am 
sterdamer Telegraaf schreibt, daß Englands 
Aufrüstung auch zu Land fortschreite als not 
wendige Konsequenz der Vorgänge im Mittel 
mcer und am Tanasce. Der Telegraaf weist 
auf die Rede Churchills am 16. November 
v. I. hin, in der Churchill bereits die Unab 
wendbarkeit einer Erhöhung der englischen 
Armeestürke betonte und auf die großen Ver 
pflichtungen Englands für den Weltfrieden 
hinwies. — Der Rott. Courant schreibt, man 
könne in dem, was in England jetzt vor sich 
gehe, eine Berechtigung für Hitlers Schritt 
vom März vorigen Jahres erblicken, in dem 
der deutsche Kanzler die Wehrhoheit seines 
Volkes proklamiert habe. 
Die englische Zeitung Maily Mirrer schreibt 
zur Edenrede im Unteryause: „Diese Rede 
wäre nicht gehalten worden, wenn England 
die Absicht hätte, jemals nachzugeben. Die 
Rede bereitst auf alle Eveutualitäteu vor, die 
die Weiterentwicklung der abessinischen Frage 
bringt. Der Eindruck im Unterhause war all 
gemein, daß soivohl für Fortdauer und Ver 
schärfung der Sanktionen, wie auch für die 
kommende englische Aufrüstung die Oeffent 
lichkeit in Erwartung gesetzt werden soll." 
AMriķļMbWen toteÄ? 
TNB. London, 19. Mai. Der frühere Mini 
sterpräsident MacDonald erklärte in einer 
Rede in Tcddington, daß er vielleicht dem 
nächst zn seiner ersten Liebe, der Wissenschaft, 
zurückkehren werde. Diese Aeußerung hat eini 
ges Aufsehen erregt, weil sie in politischen 
Kreisen dahin ausgelegt wird, daß MacDonald 
möglicherweise demnächst zurücktreten werde. 
Deutschland oder Dänemark. 
Wer hat mehr Butter 
auf Brot? 
Eine dänische Aerztin äußert sich in „Politi 
ken" über die Ernährungslage in Deutschland. 
In den deutschen Krankenhäusern erhielten 
alle Patienten Butter, während in Dänemark 
es Margarine gäbe und erst jetzt mit einer 
bescheidenen Dosis von 20 Gramm täglich an 
gefangen werde. 
In Deutschland sei der Butterverbrauch 
über doppelt so groß wie der Margarinevcr- 
branch, während in Dänemark dreimal so viel 
Margarine gegessen werde wie Butter. Auch 
die Soldaten erhielten in Deutschland Butter, 
ebenso wie in Norwegen, Schweden und Finn 
land. In Dänemark dagegen erhielten die Sol 
daten nur Margarine. 
Ueber die Ernährung der deutschen Land 
arbeiter hat die Aerztin festgestellt, daß sie in 
Bayern fünf, in Westfalen vier und in Däne 
mark nur drei Mahlzeiten pro Tag bekämen. 
Die Hauptbestandteile der dänischen Landar 
beiterkost, Margarine und Zentrifugenmilch, 
gäbe es für die deutschen Landarbeiter nicht. 
In dem verflossenen Winter konnte man in 
dänischen Zeitungen ab und zu Berichte lesen, 
die den Eindruck erwecken konnten, als ob 
Deutschland von einer Hungersnot heimgesucht 
sei. Ein Bericht wie der oben zitierte wird 
manchen Dänen über die wahren Verhältnisse 
in Deutschland die Augen öffnen. 
KßNschrl ohne §M. 
Soviel ist auf jeden Fall aus den verschie 
denen Meldungen über die Besprechungen 
Starhembergs mit Mussolini zu entnehmen, 
daß der Fürst — wiederum eine überaus be 
zeichnende Randglosse zu dem Thema von 
Oesterreichs „Unabhängigkeit!" — versucht hat, 
den Duce zum mindesten für eine aktive Un 
terstützung der Starhembergschen Reformpläne 
für die Heimwehr zu gewinnen, ja anscheinend 
sogar dem italienischen Regierungschef ein 
direktes Eingreifen in Oesterreich zu Gunsten 
Starhembergs zu empfehlen. Ohne daß wir 
auf dieses neue Kennzeichen für die politische 
Persönlichkeit Starhembergs näher eingehen 
rnrntm 
Wss wird aus Addis ALeà? 
Mit der Gründlichkeit, mit der Italien sich 
seit Jahr und Tag auf den Feldzug gegen 
Abessinien vorbereitete, geht es jetzt an seine 
große Friedensaufgabe heran, den gewaltigen 
Länderzuwachs zu kolonisieren. Noch während 
des Feldzuges haben die Transportschiffe der 
Italiener neben Truppen und Kriegsmaterial 
eine Menge landwirtschaftlicher Maschinen und 
Baustoffe nach Afrika gebracht. 
Eine Frage, die jetzt in den italienischen Zei 
tungen viel erörtert wird, ist die nach dem 
Schicksal Addis Abebas. Die Stadt ist eine 
Gründung des Kaisers Menelik und nicht älter 
als 40 Jahre. Schon vorher war der Ort ein 
viel besuchter Kreuzungspunkt für wichtige 
Karawanenwege. Er liegt trotz seiner Höhe 
von 2650 Meter im Tal und ist von anmutigen 
Hügeln, die mit Eukalyptusbäumen bewachsen 
sind, umgeben. Das Klima ist für Europäer 
sehr günstig und die Schönheit der ganzen 
Landschaft veranlaßte Menelik, seiner neuen 
Hauptstadt den Namen Addis Abeba, d. h. 
„Neue Blume" zu geben. 
Trotz ihrer rund 100 000 Einwohner macht 
die Residenz eher den Eindruck eines riesen 
haften Dorfes, als den einer Großstadt. Den 
Mittelpunkt nimmt natürlich der Palast des 
Negus mit den zahlreichen Nebengebäuden ein. 
Das ganze Viertel ist von einer Mauer um 
geben und wirkt fast wie ein Dorf şiir sich. Die 
fremden Gesandtschaften liegen malerisch am 
hügeligen Ufer des Flusses Gabana. An be 
merkenswerten Gebäuden wären noch zu nen 
nen ein Krankenhaus, das Parlamentsgebäu- 
ö e, die Bank 
Kathedrale und vielleicht noch die beiden Ho 
tels der Stadt. Außerdem befinden sich dort 
noch zwei ausländische Krankenhäuser, die 
Funkstation, der Flugplatz und einige palast- 
ähnliche Gebäude verschiedener Ras. 
Durch die ganze Länge der Hauptstadt zieht 
sich die Hauptstraße, die den Namen „Avenue 
der Makonnenbrücke" führt. Auf dieser Straße 
spielt sich das Leben der Bewohner zu einem 
großen Teil ab. In den Eingeborencnviertelu 
gibt es nur Gassen. Als Menelik seinen Palast 
in Addis Abeba errichten ließ, war das das 
Signal für alle Abessinier, die im Schatten des 
Kaisers wohnen wollten, sich ebenfalls dort an 
siedelten, und so wuchsen ganz planlos eine 
Menge neuer Bauten aus dem Boden. 
Die Italiener sehen sich vor eine ebenso 
schwere als interessante Aufgabe gestellt, Addis 
Abeba zu einer modernen Stadt umzuwandeln. 
Auch hieran hat man schon seit einiger Zeit in 
Rom gearbeitet und so soll hier im Herzen des 
eroberten Abessiniens von den Italienern der 
Beweis erbracht werden, daß sie in der Kolo 
nisation keiner anderen Großmacht nachstehen. 
So wird nach einem großzügigen einheitlichen 
Plan im Verlauf der Jahre ein Stadtwesen 
aus den Trümmern des jetzigen Zentrums des 
Landes mit einem Netz ausgezeichneter Stra 
ßen, Wasserleitung, Kanalisation, heller und 
luftiger Amtsgebäude, mit moderner Polizei, 
Kasernen und vielem anderen entstehen. Die 
Bewerbungen nm Konzessionen für Gründung 
gewerblicher Unternehmen in Addis Abeba 
haben schon jetzt großen Umfang angenommen. 
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