Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Me größten wunber 
gehen in öer größten Stille vor> 
Raabs. 
Gedanken zum Himmelfahrts 
tage 
In der herrlichsten Zeit des Jahres, in öer 
«lütenumkränzten Maienzeit, ist in jedem 
oahre ein Donnerstag von des Tages Last und 
Arbeit frei. Es ist öer zehnte vor Pfingsten, 
«eit vielen Jahren ist er für viele Deutsche 
sehr nur ein Tag öer Ausflüge, der 
Kreude im maiengrünen deutschen Walde ge 
worden, daß manche kaum noch daran denken, 
°aß er ursprünglich dem Gedenken öer Him 
melfahrt Jesu Christi geweiht war. Dieses Er- 
mgnis gehört zu den unverstandensten im Ab- 
laus der göttlichen Heilstaten vor 1900 Jahren, 
ue wird noch weniger begriffen wie das Fest 
^er Pfingsten, das ihm in wenigen Tagen 
folgt. Aber gerade diese beiden Gottestaten 
Erlangen klar st e Unterscheidung, 
wenn man nicht im Dunkel über Gottes Lie- 
desabsichten mit uns bleiben will. 
Was geschah am 1. Himmelfahrtstage vor 
^wa 1900 Jahren, und welche Bedeutung hat 
Dieses Ereignis in der Fortführung des Rat 
schlusses Gottes mit der Menschheit? Der auf 
erstandene Menschensohn Jesus Christus nahm 
Abschied von den Seinen und wurde vor ihren 
klugen in die unendlichen Räume, die wir 
Himmel nennen, entrückt. Der Abschied war 
^u zeitlich bedingter, denn unmittel 
bar mit ihm war die Verheißung Sei- 
werWiederkehr verbunden. Diese erweist, 
Şatz Jesus Christus zu dem Vater als M e n s ch 
^u der Kraft des ewigen Lebens 
Zurückkehrte und als solcher eine Wirksamkeit 
Ausübt. Wohin Er ging und welcher Art Seine 
Derzeitige Tätigkeit ist, ist den Jüngern in den 
Ņbschiedsreden von Ihm selbst angedeutet, in 
«er Folge durch den Heiligen Geist kundgetan, 
«er die in Seine Gefolgschaft tretende Mensch 
heit in alle Wahrheit leitet. Bezüglich 
Seiner derzeitigen Wirksamkeit hat dieser 
wun bezeugt, daß Er als unser Häher- 
priester und als unser ständiger Fürbitter 
w>r Gott für uns tätig ist. Ob diese Dinge 
Seilte noch wirklich geglaubt oder als Phantasie 
^lletan werden, ändert nichts an der Tatsache, 
haß die göttlichen Urkunden der Heiligen 
Schrift in diesem Sinne von Ihm, dem gen 
Himmel Gefahrenen Zeugnis ablegen. 
Welche Bedeutung hat diese Himmelfahrt 
ttun in der Entwicklung öes Ratschlusses 
Gottes? Diese Frage wurde als zweite auf- 
üeworfen. Auch hier hat Christus selbst in 
Seinen letzten Reden vor Seinen Leiden 
klare Antwort gegeben. Ohne diesen Hin 
gang zum Vater würde die Gabe des Hei 
ligen Geistes der Menschheit nicht ge 
schenkt worden sein. Warum, steht nicht zur 
Erörterung, Christus selbst hat die Tatsache 
vorher bezeugt. Da aber ohne diese Gabe 
die Wiedergeburt der Menschheit 
in Christus sich nicht auf Seine 
Gefolgschaft hatte ausdehnen lassen, so 
wäre ohne die Himmelfahrt das Werk Jesu 
Christi auf Erden unvollendet und ohne 
Frucht für uns geblieben. Ohne die Gabe des 
Heiligen Geistes gibt es keine Wiedergeburt 
und kein Reifen der Frucht der Erlösung 
innerhalb öer Menschheit. So wesentlich 
ist die Himmelfahrt für uns, so viel Grund 
zur Freude und zum Dank haben mir 
ihretwegen. 
Auch diesbezüglich sind die göttlichen Heils 
taten vor den Augen vieler Menschen heute 
verdunkelt. Himmelfahrt bleibt unverstanden. 
Sein Gedenktag ist darum auch für die Mehr 
heit nur ein Tag der Maien, voll Freude und 
Schönheit für dieses, unwesentlich für die Er 
kenntnis der ewigen Dinge, um die es hier 
wie bei Weihnacht, Ostern und Pfingsten geht. 
Möge es diesbezüglich Licht werden in Geist 
und Herz, dann wird dieses auch indesirdi- 
schenLebensFreudehell hineinleuchten, 
sie befruchten und vermehren können. ©► 
Richard Thasfilo v. SchNeben / 3B6l)t$t£ffÌ£?£ SJMfltfctljSt 
Ern Beitrag für die Zubereitung der Maibowle 
Wer trinkt nicht gern eine köstlich zubereitete 
Maibowle? Und wer kennt nicht das reizende 
Frühlingsgedicht „Waldmeisters Brautfahrt" 
von Otto Roquette. In lieblichen Bildern 
und klangvollen Versen schildert der Dichter 
die Vereinigung des jungen Waldwildlings 
mit der Frucht der stolzen Rel:, — eine Ver 
einigung, uns allen wohlbekannt in Gestalt 
öer würzigen Maibowle. 
Uebrigens ist es nicht so einfach, eine wirk 
lich gute Maibowle in vollendeter Form an 
zusetzen. Das will gelernt und probiert sein. 
Und richtet sich natürlich ganz nach der Art des 
Weines, den man dazu verwenden will. Am 
beliebtesten und am bekömmlichsten ist wohl 
eine Mosel-Marke, die so leicht und beschwingt 
ist wie der Frühling selber. 
Aber es ist sehr interessant, festzustellen, daß 
schon seit uralter Zeit das bescheidene grüne 
Kräutlein die Seele der Menschen beglückt hat. 
Führte es doch schon vor Jahrhunderten, ob 
wohl es damals doch noch hauptsächlich medi 
zinischen Zwecken diente, den reizvollen Na 
men „Herzensfreude". So schreibt z. B. Jakob 
Brauner in seinem berühmten Kräuterbuch 
von 1713: „Stern-Leberkraut, von etlichen 
Waldmeister genennet, pflegen die Leute im 
Maien, wenn das Kräutlein noch frisch ist, in 
den Wein zu legen und darüber zu trinken, 
in Meinung, daß es der Leber dienen und die 
selbe stärken soll, darum erquicket es auch das 
Herze, weshalb es von altersher mit dem Na 
men Herzfreyd (Herzensfreudes benennet 
wird." Ein anderer Arzt, der nur die medi 
zinische Bedeutung des Waldmeisters kennt, 
behauptet, daß das Kräutlein zerdrückt auf 
Geschwülste gelegt, die Hitze nimmt, und um 
die Stirn gebunden, Kopfweh vertreibt. 
Aber die Hauptsache bleiben doch immer die 
Verdienste des Waldmeisters um den Mai 
trank. Ein gewiegter Feinschmecker der alten 
Zeit gibt für die Zubereitung einen guten 
Rat in poetischer Form: „Im Walde grünt ein 
Eöelkraut — ich nenn' es nicht mit Namen — 
das mußt du pflücken frischbetaut, eh's Blüten 
trügt und Samen. Wie Quirle stehn in grader 
Zahl um eck'gen Stiel, die Blätter schmal. Das 
mußt du streun und stürzen ins Kännelein, 
den kühlen Wein dir wohl zu würzen." 
Selbstverständlich gibt es zahllose Anweisun 
gen, wie man eine Maibowle zubereitet. Und 
da sich über den Geschmack bekanntlich nicht 
streiten läßt, muß man dabei schon „jeden nach 
seiner eigenen Facon selig werden lassen." 
Auch moderne Dichter haben sich darin ver 
sucht, das ihnen am besten erscheinende Rezept 
in liebenswürdigen Versen zu preisen. So z. 
B.: „Zucker nimm so viel notwendig. Doch 
bitt' ich dich, sei verständig. Mach' die Bowle 
nicht zu süß! Dann vor allem merke dies: Soll 
der Trank vollkommen sein, mische ja kein 
Wasser ein,' weder Selters noch gemeines, 
denn es ist ein Feind des Weines. Höchstens 
schnitzle in den Wein ein paar Apfelsineuschei 
ben, oder laß' es lieber bleiben! — Fleißig 
kosten immerzu mutzt du ohne Rast und Ruh! 
— Werden all, die davon tranken, andern Ta 
ges dir noch danken für den wundervollen 
Trank. Sag', gibt's einen schön'ren Dank?" 
Leider hat der Dichter-Gourmet nichts darü 
ber gesagt, wie lange der Waldmeister in dem 
Wein ziehen soll. Das muß jeder, der das höchst 
verantwortliche Amt übernimmt, eine Mai 
bowle zu bereiten, nach eigenem Ermessen und 
eigenem Geschmack feststellen. Denn, um ein 
Kunstwerk zu gestalten, muß er eine feine 
Zunge haben. 
Praktischen Hausfrauen sei noch verraten, 
daß man auch einen Waldmeister-Extrakt be 
reiten kann, der sich in verkorkten und ver 
siegelten Fläschchen gut aufbewahren läßt, so 
daß besondere Verehrer der Maibowle sich auch 
außer der eigentlichen Waldmeisterzeit den Ge 
nuß dieses edlen Tranks bereiten können. Aber 
eigentlich gehört die Maibowle doch in erster 
Linie zu Frühlingsfesten. Und bei einem fröh 
lichen Trinkspruch zur Zeit der Fliederblüte 
kann man wirklich nur mit Maibowle aus dem 
frisch gepflückten Kräutlein „Herzfreyd" an 
stoßen: „Zur G'sundheit — wohl bekomm's!" 
Vom Şegà 
An freien Ufern herb emporgestiegen 
Kommt jetzt Geruch öes offnen Wassers, wie 
zuvor! 
Und wenn sich zitternd weiße Segel wiegen, 
Summt neu um uns der alte Sommerchor 
Von Wind und Wanten, die im Fluge singen, 
Von kleinen Wellen, unmutig belebt, 
Wenn ihre Schwestern plätschernd sie bezwin 
gen... 
Vom Vogelvolke, das im Röhricht webt. 
In Luv und Lee zaust frech mit Kinderhänden 
Abwechselnd Bö um Bö den Flußgott im 
Genick. 
...paar schnelle Rufe: Achtung ree, und — 
wenden! 
Und wieder liegt in schlankem Kurs die Gig. 
So ziehen hin die sonnöurchtränkten Stunden, 
Am Hellen Abend geht der Wind zur Ruh. 
Wir haben irgendwo ein Lied gefunden 
Und gleiten träumend einem Hafen zu... 
Renate von W i l l i ch. 
Heitere ELe 
Die Glatze. 
Der Herzog von Clarence kam einmal nach 
Portsmouth zur Flottenparade. Ein alter 
Leutnant wurde ihm als Adjutant beigegeben, 
der beim Vorrücken stets übergangen worden 
war, weil er bei Hofe keine einflußreichen 
Freunde hatte. 
Als nun der Veteran vor dem Prinzen den 
Hut lüftete und dabei seine kahle Platte zum 
Vorschein kam, bemerkte dieser gutgelaunt: 
„Ah, ich sehe, Sie haben Ihre Haare im 
Dienste nicht geschont." 
„Nein, Königliche Hoheit, gewiß' nicht! Es 
sind so viele jüngere Leute über meinen Kopf 
hin vorgerückt, daß es mich sehr wundert, daß 
ich überhaupt noch ein einziges Haar auf mei 
nem Schädel besitze." 
Der Prinz freute sich über diese schlagfertige 
Antwort und notierte sich die Personalien des 
witzigen Leutnants. 
Wenige Tage später wurde ihm das Kapi 
tänspatent zugestellt. 
Die Fahrt auf dem Kaual 
Eine Himmelfahrtserzählung 
von FreyaObenland. 
Langsam schüttelte der Schlepper durch die 
^hmgrauen Fluten öes Kanals. Die Ufer la- 
6en in nebligem Schleier eingesponnen und 
Eber dem Wasser wogte ein leichter, silbriger 
Dunst. Sonst aber war die Nacht klar und der 
Ņļond goß sein mildes Licht über die Wasser. 
Die Frau saß in der engen Kajüte am Strick- 
àmupf, die Tochter schüttete gerade Tee in den 
"einen Samovar und ein junger, sehniger 
Mann lehnte an der Tür und sah beiden 
Krauen still zu. 
»Sie sind ein Süddeutscher? Ich höre es an 
«er Sprache", fragte die Frau leise. 
. »Rheinhesse, Frau Gürtler, aus Wies 
baden." 
Das junge Mädchen schreckte auf und sah 
l-äsch zur Mutter. Diese hielt in ihrer Strick 
arbeit inne. Ihre fahlen Augen starrten in 
flackernde Kerzenlicht. Langsam rann eine 
Dräne verstohlen über die Wange. „Hm, aus 
Wiesbaden." 
Das junge Mädchen — es hieß Gertrud — 
lprang aus. 
»Muttl, sieh bitte nach dem Tee,' Herr Rai 
ner, wollen Sie mich hinausbegleiten? Sie 
Regen die enge Stiege hinauf. Draußen am 
^leuerrad stand Großvater Flenning, die kalte 
pfeife im Mundwinkel. 
. »Großvattl, sei so gut und geh mal zu Muttl, 
^ paß derweil schon auf." 
, s ist recht, mien Töchting, gib früh genug 
Signal, bald kommt die Drehbrücke." 
^ »Schon gut, Großvattl, geh; Stropp, geh mit 
Herrchen." 
> Gin kleiner, zottliger Hund purzelte hinter 
Alten her. Der Junge war verwundert 
Mädel gefolgt. Er war Student in Ham- 
rv^rg und jetzt auf Fahrt in seinem kleinen 
oaltboot und wollte gern am nächsten Tag in 
^.Rl sein. So traf es sich dann gut, daß er in 
Mnsbüttel an Bord des kleinen Schleppers 
**8°, 
„Wie lange fahren Sie schon auf dem Ka 
nal?", unterbrach er die Stille, die wie ein 
großes Geheimnis zwischen ihnen lag. 
„Zwei Jahre", gab sie traurig zur Antwort. 
„Sie sagen das so schmerzlich; man müßte 
annehmen, Sie sind unfroh über die Fahr 
ten." 
„Das nicht, nein... aber..., ach, lassen wir 
das. Sie werden und können das doch nicht 
verstehen." 
Und dann — nach einer Weile — begann sie 
zu erzählen. „Das sind nun zwei Jahre her; 
ich war gerade junges 1. Semester in Frei 
burg ..." 
„Sie haben studiert?" fragte er erstaunt. 
»Ja, — und dann verunglückte Vater tödlich 
— er war Ingenieur in Wiesbaden — und ..." 
Langsam brachen sich die Worte über ihre Lip 
pen. „— wir waren plötzlich verarmt; unge 
deckte Wechsel eines Onkels, die mein Vater 
unterschrieben hatte, na... und..." 
„Ich bedaure, daß ich Ihre Mutter an Wies 
baden erinnert habe." 
„Sie konnten es ja nicht wissen. Es ist nur 
für Mutter immer schwer. Wir hatten eine 
schöne Villa hinter dem Bowling-Green. Wir 
haben verkaufen müssen. Großvater nahm uns 
auf seinem Schlepper auf. Ich habe natürlich 
das Studium sofort aufgegeben." Dann schwieg 
sie. Leise gurgelte das Wasser. 
„Sie haben aber Ihre Mutter, ist das nicht 
viel — eine liebende Mutter? Sehen Sie..." 
und nun stockte er. „...ich bin allein, ganz 
allein, habe meine Mutter nie gekannt. Sie 
starb im Wochenbett, und Vater — er war See 
offizier im Weltkrieg — blieb in der Skager 
rakschlacht." Gertrud sah ihn an. „Dann ha 
ben Sie ja auch ihn kaum gekannt." Er nickte. 
„Ich war fünf Jahre alt, als der Krieg los 
brach. Als der Großvater wieder die Stiege 
hochkam, gingen tàbeiden still zum Vorder 
deck und setzten sich auf eine verwaschene Plan 
ke.-„Ja, ich wollte über die akademischen Ferien 
hinaus nach Laboe, wollte in einer Nacht dort 
sein, wo eine große Stille um das Ehrenmal 
sich breitet, wollte ins Meer hinausschauen — 
und meinen Vater suchen. Morgen ist Himmel 
fahrt; da freuen M die Menschen. Es ist bit 
ter, wenn man an einem solchen Festtag ein 
Einsamer ist, ein Einsamer unter Frohen." Er 
schwieg. 
„Was studieren Sie?" 
„Schiffbau. Das Vermögen der Eltern reicht 
gerade für das Studium, und später kann ich 
in die Werft eines Onkels eintreten." 
„Auch das Einsamsein wird für Sie nicht 
ewig währen. Sie haben Ihr Leben vor sich, 
könen es gestalten, aber ich..." schluckte Ger 
trud. „Sie? Ja..." Dann nahm er sanft ihre 
Hände. Ich möchte nicht länger einsam sein, 
Fräulein... Gertrud. Wollen Sie heute nacht 
mit mir zum Ehrenmal, meinen Vater su 
chen?" Sie nickte nur. Der Alte am Steuer 
rad nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel, 
spuckte einmal kräftig über Bord und ging 
schmunzelnd in die Kajüte. Langsam schütterte 
der kleine Schlepper durch die lehmgrauen 
Wasser, der Mond goß sein silbriges Licht über 
die Nacht — und morgen war Himmelfahrt. 
Die türkischen Kirsche« 
Eine etwas peinliche Himmelsahrtserinnerung. 
Von Hans Thielmann. 
Es sind erst zwei Jahre her. Ich war da 
mals noch Student — und in Wien. Studium 
konnte man das ja nun eigentlich nicht nennen, 
dieses österreichische Semester öes bedeutungs 
vollen Sommers 1934. Wir waren nur wenige 
reichsdeutsche Studenten drüben — und diesen 
wenigen sah der österreichische „Schwarzrock" 
scharf auf die Finger. Das hat aber nun mit 
meinen türkischen Kirschen nichts zu tun. Da 
mit hat es eine andere Bewandtnis. Himmel 
fahrt fiel damals in die ersten Maitage, und 
mit diesem Fest war zugleich der Feiertag der 
Stände verbunden. Großer Umzug öer Regie 
rung, der vaterländischen Front und er gan 
zen „heiligen" Kirchengefolgschaft auf dem 
Ring. Uns reizte diese Maskerade wenig, und 
wir beschlossen, auf Fahrt zu gehen. Ziel war 
Budapest und unsere deutschen Schwabendör 
fer, die in der Pußta verstreut lagen. Wir 
nisteten uns ally aus einem fugoflawilchen 
Dampfer ein — er war der billigste — und 
fuhren donauabwärts. In Wien marschierten 
die Sturmscharen der Heimwehr, wir aber san 
gen froh gelaunt die Lieder unserer Bewe 
gung und jubelten jedem Schiff, das das Ho 
heitszeichen am Heck trug, ein donnerndes Heil 
zu. Als der feurige Sonnenball hinter der 
unendlichen Weite ungarischen Flachlandes 
versank und das blauschwarze Dunkel öer 
Nacht sich über das raunende Donauwasser 
legte, fuhren wir in Budapest ein. Es geht ein 
eigenartiger Zauber von einer solchen Ein 
fahrt in das nächtliche Budapest aus. Diese 
Prachtbauten zur Rechten und zur Linken, das 
Parlament, die Fischerbastei, das Schloß, die 
Krönungskathedrale, deren schon orientalisch 
anmutende Türme allabendlich im gleißenden 
Scheinwerferlicht in die sternklare Nacht hoch 
wuchten. Der deutsche Mensch ist für die heim 
liche Romantik einer solchen Nacht besonders 
empfindsam und weiß dem wirklichen Stim 
mungsbild noch eigene Schattierungen zu ge 
ben. 
Der Leser möge entschuldigen, daß der 
Chronist noch nicht auf die türkischen Kirschen 
gekommen ist. Die habe ich mir am Göllertbad, 
dem luxuriösesten Bad Budapests, gekauft, 
gerade in dem Augenblick, als uns ein kleines 
elektrifiziertes Bähnchen nach Buda'Oers, 
einem kleinen deutschen Schwabendorf, brin 
gen sollte. Es waren die ersten Kirschen aus 
der Türkei, ganz dicke — und blauschwarz wa 
ren sie wie Heidelbeeren. Ich habe mir gleich 
4 Pfund gekauft. Sie waren ja so billig, nach ' 
deutschem Geld das Pfund für 4 Pfennige. Die 
Kameraden kauften natürlich auch, aber nicht 
gleich pfundweise. Und das war ihr Glück. 
Merkt öer Leser etwas? Ich sprach eben von 
einem elektrifizierten Bähnchen. Man sollte 
doch meinen, in einem solchen modernen Ver 
kehrsmittel...! Aber, — na, wir trudelten los, 
die Kirschen schmeckten gut, auch das 4. Pfund. 
Nur rumorten sie bald im Magen — und ich 
ging auf die Suche...! Hat der Leser schon 
einmal in öer Bahn gesessen und Magenbe- 
Mverden gehaM Sicher aber dann nicht in 
129. Jahrgang > Nr. 117 
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) 
Mittwoch, den 20. Mai 1936
	        
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