Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Krauen wollen wir unserem Volke formen, die mil natürlicher 
Lebensart, geistigem Forma! und absoluter Wahrhaftigkeit 
Trägerinnen kommender, lebensstarker Generationen sind 
Gertrud Scholtz-Slink, Reichsfraueuführeriu 
Aus dem Leben 
der Mütterschule 
In der Hauptverkehrsstraße der Stadt 
hängt an einem alten unscheinbaren Haus 
ein schlichtes Emailleschild, und darüber ver 
künden Bilder in frohen Farben, daß hier 
die Mütterschule des Reichsmütterdienstes 
im Deutschen Frauenwerk Frauen und 
Mädchen in ihre Kurse ruft. Biele eilen 
vorbei, stumpf geworden durch die Fülle der 
Firmenschilder, viele bleiben stehen und 
nehmen einen flüchtigen Eindruck mit, und 
viele finden den Weg hinauf, gelockt durch 
den Schaukasten, aufgerufen durch Zeitungen 
und Werbeblätter, durch die Frauenorgani 
sationen oder durch Bekannte, die schon treue 
Besucher der Mütterschule sind. Und mit jeder 
Frau, die kommt, faßt die Mütterschule Fuß 
in der Stadt, wird ein Lebenszentrum, von 
dem die Frauen sprechen, wird ein Heim, in 
das sie Freuden und Leiden tragen und aus 
dem sie froher und zuversichtlicher fortgehen. 
Der Aufgang im alten Hause ist unfreund 
lich, oben aber empfangen wieder lustige 
Bilder die Besucher, und gleich nach der 
frohen Begrüßung kann man sich wohl 
fühlen in den hellen, neugerichteten Räu 
men, denen Blumen und Bilder Wärme 
und Schönheit geben. Bon morgens 7 Uhr 
an hat Frau L., unser fleißiger mütterlicher 
Hausgeist, geschafft, um alles blitzsauber zu 
machen für die Kurse. Während sie von 
Zimmer zu Zimmer eilt, erwacht in allen 
Räumen das Leben. Um 9 Uhr schon kom 
men hier und da Frauen in den Nähkursus, 
in der Küche beginnen die Vorarbeiten für 
den Mittagstisch der Mitarbeiterinnen, die 
Blumen werden versorgt, der Wäschebestand 
kontrolliert, und im Büro beginnt vor allem 
ein lebhaftes Schaffen. Vielleicht könnte 
man das Büro „das Herz der Mütterschule" 
nennen, denn hier herrscht kein steifer Büro 
kratismus, von hier aus wird die Verbin 
dung geschaffen zu dem Leben „draußen", 
zu all den Stellen und Menschen, die wir 
für unsere Arbeit brauchen und denen wir 
auf ihrem Weg mithelfen können. Schrift 
lich, telephonisch und mündlich werden die 
Fäden fest geknüpft mit NS-Frauenschaft 
und Deutschem Frauenwerk, mit DAF., mit 
NSV. und ihrem Hilfswerk „Mutter und 
Kind", mit dem Jugendamt, dem Gesund 
heitsamt, dem Standesamt usw. Von hier 
aus wird unser Wollen und Streben hin 
ausgetragen in Artikeln, Werbeblättern 
Kursus verabredet, ehe das Kindlein da 
war) an der Haustür unten energisch ge 
klingelt und wir Mutter und Kind und 
Kinderwagen heraufgeholt haben. Und 
manchmal dürfen wir das kleine Wesen 
dann schnell einmal im gerade laufenden 
Säuglingskursus zeigen und können er 
leben, wie in die Gesichter all der hoffenden 
Mütter ein großes Leuchten kommt und 
glückliche Erwartung und ein klein wenig 
frohe Ungeduld „noch so viel Monate" — 
und die ältere Mutter sagt: „So ein Kleines 
ist doch am allerniedlichsten", und sie ist 
wieder ganz jung. 
Und damit sind wir schon mitten in den 
Kursen, die den letzten Sinn der Mütter 
schule erfüllen. In einem Raum treffen sich 
die Frauen, um unter fachkundiger Anlei 
tung alles für die Pflege und Erziehung 
des Säuglings und Kleinkindes Notwendige 
zu lernen, und durch praktische Uebung im 
Wickeln, Baden, Kochen von Säuglingskost 
Sicherheit zu bekommen. Sie erleben in 
ernsten Besprechungen die großen Gedanken 
unserer Bevölkerungspolitik und Erblehre, 
und sie bereiten stich bei Lied und Spiel 
darauf vor. ihren Kindern frohe Spiel 
kameraden und verständnisvolle Erzieher 
zu werden. 
Der Reichsmütterdienst 
im Deutschen Frauenwerk will als erste 
Gemeinschaftsarbeit deutscher Frauen, in 
seinen Lehrgängen in 
Haushaltsführung, Gesundheits 
pflege und Erziehungslehre, 
unsere Frauen und Mütter für alle Auf 
gaben in Familie und Volk ertüchtigen. Er 
will mit dazu beitragen, den deutschen 
Männern verantwortungsbewußte und ver 
antwortungsfreudige Frauen zur Seite zu 
stellen, die mit ihnen in treuer Kamerad 
schaft gemeinsamen Dienst tun für ihr Volk. 
Im Lehrgang kür Säuglingspflege 
und Werbereden. Ueberall hin, wo Men 
schen beieinander sind und von unseren 
Zielen hören wollen und müssen. 
In die Sprechstunden kommen me 
Frauen und Mädchen, um sich zu den Kur 
sen anzumelden, die einen zaghaft, die an 
deren selbstsicher, und es heißt, sich in jede 
einzelne hineinspüren und fühlen,, was sie 
braucht und wie man ihr diese Mutterschul 
zeit besonders schön und fruchtbringend ge 
stalten kann. Die eine will bald heiraten, 
und wir besprechen, wie sie sich am besten 
ein gutes Wißen aneignen kann, diese junge 
Frau erwartet ihr erstes Kind und fühlt 
die ernste Verpflichtung, sich sorgfältig vor 
zubereiten auf ihre neuen Aufgaben, jene 
Frau ist allein und einsam ln der Stadt 
und erhofft neue Bindungen und Anregun 
gen im gemeinsamen Schaffen lm Rahkur 
sus „Alte" Kursusteilnehmerinnen kom 
men: „Was kann ich denn nun mal für 
einen Kursus mitnehmen?" Junge Mutter 
stellen ihr Kind strahlend zur Begutachtung 
vor, nachdem sie (und das wurde schon m 
Eine andere Gruppe von Frauen nimmt 
am Lehrgang für allgemeine Eesundheits- 
und häusliche Krankenpflege teil und ist 
gerade eifrig dabei, das Umbetten und die 
Pflege einer „Schwerkranken" zu üben. 
Wenn das hier auch eine sehr vergnügte 
Angelegenheit ist. so wissen sie doch, daß da 
hinter die ernste Aufgabe der Frau steht, 
ihrer Familie in gesunden und kranken 
Tagen Pflegerin und Führerin zu sein. 
In einem anderen Raum 
sitzen die Frauen mit heißen 
Köpfen in eifrigstem Ge 
dankenaustausch beieinander. 
Es sind Mütter, die gerade 
ihre Erfahrungen über das 
Kind in der Schule — oder 
über die Aufgaben der HI 
— oder über den Trotz im 
Kleinkinderalter — über die 
Besonderheiten des Jugend 
lichen — austauschen. Dar 
über gibt es viel zu berichten, 
und es wird gemeinsam 
überlegt, wie wir unsere 
Kinder zu verantwortungs 
bewußten Menschen erziehen. 
Es geht eigentlich in allen 
Kursen recht lebhaft zu, aber 
in der einen Ecke der Mütter 
schule scheint doch besonders 
viel los zu sein — aha, da 
wird gekocht. Heute gibt es 
Eintopf, und selbst die Kartoffelsuppe ist 
eine Ueberraschung, wenn sie in der Müt 
terschule gekocht wird. Dabei wird besprochen, 
wie wir einerseits unsere Familie mit den 
vorhandenen Mitteln gesund ernähren und 
zum anderen durch richtigen Einkauf und 
Verbrauch zur Gesundung unserer Volks 
wirtschaft beitragen können. 
Und ist es etwa im Rähkurfus anders? 
Wie sonderbar! Wir dachten, da entständen 
nur so feine „Ausgehkleider". O nein, erst 
heißt es einmal Erhalten. Wir lernen 
flicken und stopfen, hier entsteht aus einem 
alten Mantel ein hübsches Winterkleid, dort 
zaubert Mutter aus ihrem alten schwarzen 
Rock eine feine Jungenhose, und Frau K. 
flickt das Arbeitshemd ihres Mannes tadel 
los. denn gerade bei seiner Arbeit, soll er 
ordentlich aussehen, auch das Arbeitshemd 
soll ausdrücken, daß wir die Arbeit wieder 
ehren! 
Wir sind noch ganz versunken in all das 
Schauen, als uns heftiges Säuglingsge 
schrei aufmerken läßt. Ei, da hätten wir ja 
beinahe unsere Kinderstube vergesien, und 
die ist doch der Stolz unseres Hauses! Ein 
Stockwerk tiefer, wo auch noch eine zweite 
Küche liegt, gehen wir in einen sonnen 
durchfluteten Raum, in dem es kribbelt und 
krabbelt von Kindern von 2—12 Jahren! 
Was will denn die kleine Gesellschaft hier? 
Run, Mutti ist „oben" in der Schule, und 
da wird das kleine Volk so lange „unten" 
von Tante Eva betreut. Was sich manier 
lich benimmt, kommt in die Kinderstube zu 
dem schönen Spielzeug und zu den herrlichen 
Bilderbüchern. — Was brüllt und trotzt, 
wie es manch kleiner Kinderwagenbewohner, 
wird in den anderen Raum geschoben, bis 
er gesellschaftsfähig ist — oder schläft. 
Manchmal guckt eine besorgte Mutter 
herein, aber es erweist sich als gar nicht 
notwendig, denn das kleine Volk arbeitet 
und spielt vergnügt und eifrig, und zum 
Schluß gibt es ein gegenseitiges Staunen 
und Gucken, was Mutti oben und Hans 
unten gebastelt haben! 
Wenn so an jedem Tag in der Mütter 
schule viel gearbeitet, gesprochen, geübt und 
nachgedacht und frohes Beieinandersein ge- 
nosien wird, so gibt es einmal im Monat 
eine Atempause — oder ein ganz starkes 
Zusammenklingen all dessen, was in der 
Woche im einzelnen geschafft wird: Der 
letzte Mittwoch im Monat ist unser Gemein 
schaftsabend, da gehen Einladungen hinaus 
zu einem Zusammensein, zu einem Vortrag, 
über den wir nachher miteinander sprechen 
können — zu einem Singabend — zu Spiel 
und Schauen. Wie war's denn am 1. April? 
Da wimmelte es von Osterhasen auf allen 
Tischen, und Körbchen und Frühlingsblumen 
gab's überall, aber bitte, erst nur ansehen! 
Und dann sangen wir viel und hörten von 
deutschen Frühlingsbräuchen und erzählten 
von denen, die wir auch kannten, und nach 
einer lustigen Verlosung zogen wir mit 
unseren Schätzen heim, mit den Häschen, 
den Körbchen, den Eiervasen, und die Leute 
auf der Straße staunten, und wir wußten, 
wir nehmen wieder etwas mit heim (außer 
diesen Kleinigkeiten), etwas, was die Müt 
terschule immer wieder geben kann und 
muß: das Erleben der Gemeinschaft deut 
scher Frauen im Bewußtsein ihrer wichtigen 
Aufgaben an Familie. Volk und Vaterland. 
II B. 
Eine Wanderlehrerin 
berichtet aus ihrer Arbeit: 
Geschäftig fährt die Kleinbahn dahin 
durch endlose Zuckerrübenfelder. Es pustet, 
es schnauft, die Kleinbahn hält. „Wils 
leben!" Wie, hier ist doch kein Bahnhof? — 
Nein, aber eine winzige offene Bretterbude 
steht am Wege, daran ein Schild „Wils 
leben". 
Draußen steht ein junges Mädchen, um 
mich, den einzigen Fahrgast, in Empfang zu 
nehmen. Ihre Augen werden groß und 
größer, als sie sieht, wie die Koffer aus 
geladen werden. 
Das Bähnchen fährt weiter und wir beide 
stehen auf freiem Feld mit unseren Koffern. 
Der Kirchturm des Dorfes winkt in weiter 
Ferne. Weit und breit ist kein Mensch zu 
sehen. Da hilft nichts. Wir nehmen die Kof 
fer und schleppen — schleppen sie dem 
Dorf zu. 
„Aber, daß Sie soviel Gepäck haben," 
meint das Mädel; nein, das hätte sie nicht 
gedacht. Ich wollte doch nur 2 Wochen blei 
ben? Ich erzähle, was in den Koffern ist. 
Da wird das Interesse wach. Ob sie die 
Sachen wohl gleich mal sehen dürfe? — Ein 
behagliches Bauernhaus nimmt mich auf. 
Ich packe aus. „Ree, solch schöne Sachen! 
All die Kinderbilder und das schöne Spiel 
zeug!" Dann kommen die Kasperles. Rein, 
das muß jeder sehen! Die Magd und ein 
paar Kinder der Nachbarschaft werden eiligst 
herbeigerufen. Man lacht miteinander und 
das erste Fremdsein ist schon überwunden. 
Abends beginnt der Kurs. 
Verlegen und erwartungsvoll drängt sich's 
zur Tür herein, Mädchen und Frauen, 
Junge und Alte. Es ist nur gut. daß soviel 
Bekannte da sind. allein würden manche sich 
nicht trauen. 
Etwa 30 Augenpaare schauen mich an. 
Die Gesichter werden ernst, wenn ich ihnen 
erzähle, warum der Reichsmütterdienst seine 
Arbeit tut, wie sehr es auf jede Einzelne 
von ihnen ankommt, damit wir ein neues 
Deutschland erleben können und vor allem, 
was ich ihnen von den Grundbegriffen der 
Erb-, Rassenpflege und den bevölkerungs 
politischen Fragen sage. 
In den nächsten Tagen werden wir über 
die einzelnen Entwicklungsstufen der Kin 
der und das ihnen gemäße Perhalten der 
Eltern sprechen, über die Notwendigkeit der 
Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule, 
HI, VdM usw., heute wollen wir uns erst 
einmal näher kennenlernen durch Singen 
und Spiel. Wir singen gemeinsam einfache 
Volkslieder und ich wundere mich, wie sicher 
sie sind. Das Erstaunlichste ist: Sie kennen 
alle Strophen. 
„Ja. unser alter Kantor", sagt man mir, 
„das war einer, der verstand was vom 
Singen!" 
Dann kommt ein Fingerspiel an die 
Reihe. „Nee, Fräulein, dazu sind wir zu 
alt." — „Aber wir machen es doch nicht für 
uns, sondern damit wir es den Kindern 
mit heimbringen können", ist die Ent- 
gegnung. 
Das leuchtet ein. Man läßt die Finger 
tanzen, zuerst scheu zur Nachbarin rüber- 
jchielend, ob die auch mittut, dann immer 
froher. Der Bann ist gebrochen, und als 
zum Aufbruch gemahnt wird, kommen ein 
paar Mütter zu mir: „Fräulein, eigentlich 
wollten wir heute bloß mal gucken. Aber 
es ist jo schön, daß wir morgen bestimmt 
wiederkommen." So trennen wir uns froh 
und freuen uns schon auf die gemeinsame 
Arbeit am nächsten Tag. 
Andern Tages um die Mittagszeit wird 
es unter meinem Fenster lebendig. Viele 
Kinderstimmen sprechen durcheinander. Ich 
gehe ans Fenster. Man schubst sich: „Sag 
du's!" Dann ein ganz Mutiger: „Ob wir 
wohl die Kaspers einmal sehen könnten?" 
Auf der Fensterbank lasse ich meinen 
Koffer erscheinen. Der hochgeklappte Deckel 
dient als Kulisse, hinter der ich verschwinde, 
dafür erscheinen dann Kasper Larifari, die 
schöne Prinzessin Lilienfein und die bitter 
böse Hexe. Die Kinder spielen begeistert 
mit. Immer lebendiger wird es da unten, 
die Stimmenzahl scheint zu wachsen. Als 
das Kasperle-Drama seinen Abschluß ge 
funden hat, schaue ich hinter meinem Koffer 
hervor und bin höchst erstaunt: Schwarz ist 
es da unten von Menschen — Kindern und 
Erwachsenen bunt durcheinander. Die Frau 
dort in der Tür hält noch das Scheuertuch 
in der Hand, der Knecht ist vom Vieh 
füttern fortgelaufen und hat den Eimer 
mitgenommen. Alle sind begeistert! Da 
durch ist mit diesem Spiel unversehens die 
Zuneigung der ganzen Dorfgemeinde er 
obert. Alles spricht von der Mütter- 
jchulung, durch die man nicht nur lernen, 
sondern auch so frohe Stunden erleben kann. 
Am Abend sind die Frauen wieder da, mit 
frohen Gesichtern. Einige Neue haben sich 
noch hinzugefunden. Wir spüren es — schon 
jetzt gehören wir zueinander, und das Ge 
fühl des Verbundenseins wird alle Tage 
größer und schöner, steht doch im Mittel 
punkt aller unserer Besprechungen das. was 
uns alle eint: Der Aufgabenkreis der deut 
schen Frau und Mutter. 
Unfaßlich war es den Frauen zuerst, daß 
man zehn Abende über die Erziehung der 
Kinder und die Gestaltung des Familien 
lebens sprechen könnte, jetzt kommen sie mit 
so vielen Fragen, daß die Zeit kaum reichen 
will. 
Als dann der Schlußabend kommt, geht 
es wie in jedem Kurs — der Abschied wird 
uns allen schwer. Wie eine Beschenkte ziehe 
ich andern Tages weiter, denn die Erinne 
rung an manch warmen Händedruck und 
manches gute Wort begleiten mich. 
Photos: Hedda Walthor (!) Hirte (l) M 
Sattttn !msî Ne SerMmeiņņîŞlakelļe des lleichsmMerdienfles 
im Zeitlichen Frauenwerk am 23. und 24. Mai 1936
	        
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