Krauen wollen wir unserem Volke formen, die mil natürlicher
Lebensart, geistigem Forma! und absoluter Wahrhaftigkeit
Trägerinnen kommender, lebensstarker Generationen sind
Gertrud Scholtz-Slink, Reichsfraueuführeriu
Aus dem Leben
der Mütterschule
In der Hauptverkehrsstraße der Stadt
hängt an einem alten unscheinbaren Haus
ein schlichtes Emailleschild, und darüber ver
künden Bilder in frohen Farben, daß hier
die Mütterschule des Reichsmütterdienstes
im Deutschen Frauenwerk Frauen und
Mädchen in ihre Kurse ruft. Biele eilen
vorbei, stumpf geworden durch die Fülle der
Firmenschilder, viele bleiben stehen und
nehmen einen flüchtigen Eindruck mit, und
viele finden den Weg hinauf, gelockt durch
den Schaukasten, aufgerufen durch Zeitungen
und Werbeblätter, durch die Frauenorgani
sationen oder durch Bekannte, die schon treue
Besucher der Mütterschule sind. Und mit jeder
Frau, die kommt, faßt die Mütterschule Fuß
in der Stadt, wird ein Lebenszentrum, von
dem die Frauen sprechen, wird ein Heim, in
das sie Freuden und Leiden tragen und aus
dem sie froher und zuversichtlicher fortgehen.
Der Aufgang im alten Hause ist unfreund
lich, oben aber empfangen wieder lustige
Bilder die Besucher, und gleich nach der
frohen Begrüßung kann man sich wohl
fühlen in den hellen, neugerichteten Räu
men, denen Blumen und Bilder Wärme
und Schönheit geben. Bon morgens 7 Uhr
an hat Frau L., unser fleißiger mütterlicher
Hausgeist, geschafft, um alles blitzsauber zu
machen für die Kurse. Während sie von
Zimmer zu Zimmer eilt, erwacht in allen
Räumen das Leben. Um 9 Uhr schon kom
men hier und da Frauen in den Nähkursus,
in der Küche beginnen die Vorarbeiten für
den Mittagstisch der Mitarbeiterinnen, die
Blumen werden versorgt, der Wäschebestand
kontrolliert, und im Büro beginnt vor allem
ein lebhaftes Schaffen. Vielleicht könnte
man das Büro „das Herz der Mütterschule"
nennen, denn hier herrscht kein steifer Büro
kratismus, von hier aus wird die Verbin
dung geschaffen zu dem Leben „draußen",
zu all den Stellen und Menschen, die wir
für unsere Arbeit brauchen und denen wir
auf ihrem Weg mithelfen können. Schrift
lich, telephonisch und mündlich werden die
Fäden fest geknüpft mit NS-Frauenschaft
und Deutschem Frauenwerk, mit DAF., mit
NSV. und ihrem Hilfswerk „Mutter und
Kind", mit dem Jugendamt, dem Gesund
heitsamt, dem Standesamt usw. Von hier
aus wird unser Wollen und Streben hin
ausgetragen in Artikeln, Werbeblättern
Kursus verabredet, ehe das Kindlein da
war) an der Haustür unten energisch ge
klingelt und wir Mutter und Kind und
Kinderwagen heraufgeholt haben. Und
manchmal dürfen wir das kleine Wesen
dann schnell einmal im gerade laufenden
Säuglingskursus zeigen und können er
leben, wie in die Gesichter all der hoffenden
Mütter ein großes Leuchten kommt und
glückliche Erwartung und ein klein wenig
frohe Ungeduld „noch so viel Monate" —
und die ältere Mutter sagt: „So ein Kleines
ist doch am allerniedlichsten", und sie ist
wieder ganz jung.
Und damit sind wir schon mitten in den
Kursen, die den letzten Sinn der Mütter
schule erfüllen. In einem Raum treffen sich
die Frauen, um unter fachkundiger Anlei
tung alles für die Pflege und Erziehung
des Säuglings und Kleinkindes Notwendige
zu lernen, und durch praktische Uebung im
Wickeln, Baden, Kochen von Säuglingskost
Sicherheit zu bekommen. Sie erleben in
ernsten Besprechungen die großen Gedanken
unserer Bevölkerungspolitik und Erblehre,
und sie bereiten stich bei Lied und Spiel
darauf vor. ihren Kindern frohe Spiel
kameraden und verständnisvolle Erzieher
zu werden.
Der Reichsmütterdienst
im Deutschen Frauenwerk will als erste
Gemeinschaftsarbeit deutscher Frauen, in
seinen Lehrgängen in
Haushaltsführung, Gesundheits
pflege und Erziehungslehre,
unsere Frauen und Mütter für alle Auf
gaben in Familie und Volk ertüchtigen. Er
will mit dazu beitragen, den deutschen
Männern verantwortungsbewußte und ver
antwortungsfreudige Frauen zur Seite zu
stellen, die mit ihnen in treuer Kamerad
schaft gemeinsamen Dienst tun für ihr Volk.
Im Lehrgang kür Säuglingspflege
und Werbereden. Ueberall hin, wo Men
schen beieinander sind und von unseren
Zielen hören wollen und müssen.
In die Sprechstunden kommen me
Frauen und Mädchen, um sich zu den Kur
sen anzumelden, die einen zaghaft, die an
deren selbstsicher, und es heißt, sich in jede
einzelne hineinspüren und fühlen,, was sie
braucht und wie man ihr diese Mutterschul
zeit besonders schön und fruchtbringend ge
stalten kann. Die eine will bald heiraten,
und wir besprechen, wie sie sich am besten
ein gutes Wißen aneignen kann, diese junge
Frau erwartet ihr erstes Kind und fühlt
die ernste Verpflichtung, sich sorgfältig vor
zubereiten auf ihre neuen Aufgaben, jene
Frau ist allein und einsam ln der Stadt
und erhofft neue Bindungen und Anregun
gen im gemeinsamen Schaffen lm Rahkur
sus „Alte" Kursusteilnehmerinnen kom
men: „Was kann ich denn nun mal für
einen Kursus mitnehmen?" Junge Mutter
stellen ihr Kind strahlend zur Begutachtung
vor, nachdem sie (und das wurde schon m
Eine andere Gruppe von Frauen nimmt
am Lehrgang für allgemeine Eesundheits-
und häusliche Krankenpflege teil und ist
gerade eifrig dabei, das Umbetten und die
Pflege einer „Schwerkranken" zu üben.
Wenn das hier auch eine sehr vergnügte
Angelegenheit ist. so wissen sie doch, daß da
hinter die ernste Aufgabe der Frau steht,
ihrer Familie in gesunden und kranken
Tagen Pflegerin und Führerin zu sein.
In einem anderen Raum
sitzen die Frauen mit heißen
Köpfen in eifrigstem Ge
dankenaustausch beieinander.
Es sind Mütter, die gerade
ihre Erfahrungen über das
Kind in der Schule — oder
über die Aufgaben der HI
— oder über den Trotz im
Kleinkinderalter — über die
Besonderheiten des Jugend
lichen — austauschen. Dar
über gibt es viel zu berichten,
und es wird gemeinsam
überlegt, wie wir unsere
Kinder zu verantwortungs
bewußten Menschen erziehen.
Es geht eigentlich in allen
Kursen recht lebhaft zu, aber
in der einen Ecke der Mütter
schule scheint doch besonders
viel los zu sein — aha, da
wird gekocht. Heute gibt es
Eintopf, und selbst die Kartoffelsuppe ist
eine Ueberraschung, wenn sie in der Müt
terschule gekocht wird. Dabei wird besprochen,
wie wir einerseits unsere Familie mit den
vorhandenen Mitteln gesund ernähren und
zum anderen durch richtigen Einkauf und
Verbrauch zur Gesundung unserer Volks
wirtschaft beitragen können.
Und ist es etwa im Rähkurfus anders?
Wie sonderbar! Wir dachten, da entständen
nur so feine „Ausgehkleider". O nein, erst
heißt es einmal Erhalten. Wir lernen
flicken und stopfen, hier entsteht aus einem
alten Mantel ein hübsches Winterkleid, dort
zaubert Mutter aus ihrem alten schwarzen
Rock eine feine Jungenhose, und Frau K.
flickt das Arbeitshemd ihres Mannes tadel
los. denn gerade bei seiner Arbeit, soll er
ordentlich aussehen, auch das Arbeitshemd
soll ausdrücken, daß wir die Arbeit wieder
ehren!
Wir sind noch ganz versunken in all das
Schauen, als uns heftiges Säuglingsge
schrei aufmerken läßt. Ei, da hätten wir ja
beinahe unsere Kinderstube vergesien, und
die ist doch der Stolz unseres Hauses! Ein
Stockwerk tiefer, wo auch noch eine zweite
Küche liegt, gehen wir in einen sonnen
durchfluteten Raum, in dem es kribbelt und
krabbelt von Kindern von 2—12 Jahren!
Was will denn die kleine Gesellschaft hier?
Run, Mutti ist „oben" in der Schule, und
da wird das kleine Volk so lange „unten"
von Tante Eva betreut. Was sich manier
lich benimmt, kommt in die Kinderstube zu
dem schönen Spielzeug und zu den herrlichen
Bilderbüchern. — Was brüllt und trotzt,
wie es manch kleiner Kinderwagenbewohner,
wird in den anderen Raum geschoben, bis
er gesellschaftsfähig ist — oder schläft.
Manchmal guckt eine besorgte Mutter
herein, aber es erweist sich als gar nicht
notwendig, denn das kleine Volk arbeitet
und spielt vergnügt und eifrig, und zum
Schluß gibt es ein gegenseitiges Staunen
und Gucken, was Mutti oben und Hans
unten gebastelt haben!
Wenn so an jedem Tag in der Mütter
schule viel gearbeitet, gesprochen, geübt und
nachgedacht und frohes Beieinandersein ge-
nosien wird, so gibt es einmal im Monat
eine Atempause — oder ein ganz starkes
Zusammenklingen all dessen, was in der
Woche im einzelnen geschafft wird: Der
letzte Mittwoch im Monat ist unser Gemein
schaftsabend, da gehen Einladungen hinaus
zu einem Zusammensein, zu einem Vortrag,
über den wir nachher miteinander sprechen
können — zu einem Singabend — zu Spiel
und Schauen. Wie war's denn am 1. April?
Da wimmelte es von Osterhasen auf allen
Tischen, und Körbchen und Frühlingsblumen
gab's überall, aber bitte, erst nur ansehen!
Und dann sangen wir viel und hörten von
deutschen Frühlingsbräuchen und erzählten
von denen, die wir auch kannten, und nach
einer lustigen Verlosung zogen wir mit
unseren Schätzen heim, mit den Häschen,
den Körbchen, den Eiervasen, und die Leute
auf der Straße staunten, und wir wußten,
wir nehmen wieder etwas mit heim (außer
diesen Kleinigkeiten), etwas, was die Müt
terschule immer wieder geben kann und
muß: das Erleben der Gemeinschaft deut
scher Frauen im Bewußtsein ihrer wichtigen
Aufgaben an Familie. Volk und Vaterland.
II B.
Eine Wanderlehrerin
berichtet aus ihrer Arbeit:
Geschäftig fährt die Kleinbahn dahin
durch endlose Zuckerrübenfelder. Es pustet,
es schnauft, die Kleinbahn hält. „Wils
leben!" Wie, hier ist doch kein Bahnhof? —
Nein, aber eine winzige offene Bretterbude
steht am Wege, daran ein Schild „Wils
leben".
Draußen steht ein junges Mädchen, um
mich, den einzigen Fahrgast, in Empfang zu
nehmen. Ihre Augen werden groß und
größer, als sie sieht, wie die Koffer aus
geladen werden.
Das Bähnchen fährt weiter und wir beide
stehen auf freiem Feld mit unseren Koffern.
Der Kirchturm des Dorfes winkt in weiter
Ferne. Weit und breit ist kein Mensch zu
sehen. Da hilft nichts. Wir nehmen die Kof
fer und schleppen — schleppen sie dem
Dorf zu.
„Aber, daß Sie soviel Gepäck haben,"
meint das Mädel; nein, das hätte sie nicht
gedacht. Ich wollte doch nur 2 Wochen blei
ben? Ich erzähle, was in den Koffern ist.
Da wird das Interesse wach. Ob sie die
Sachen wohl gleich mal sehen dürfe? — Ein
behagliches Bauernhaus nimmt mich auf.
Ich packe aus. „Ree, solch schöne Sachen!
All die Kinderbilder und das schöne Spiel
zeug!" Dann kommen die Kasperles. Rein,
das muß jeder sehen! Die Magd und ein
paar Kinder der Nachbarschaft werden eiligst
herbeigerufen. Man lacht miteinander und
das erste Fremdsein ist schon überwunden.
Abends beginnt der Kurs.
Verlegen und erwartungsvoll drängt sich's
zur Tür herein, Mädchen und Frauen,
Junge und Alte. Es ist nur gut. daß soviel
Bekannte da sind. allein würden manche sich
nicht trauen.
Etwa 30 Augenpaare schauen mich an.
Die Gesichter werden ernst, wenn ich ihnen
erzähle, warum der Reichsmütterdienst seine
Arbeit tut, wie sehr es auf jede Einzelne
von ihnen ankommt, damit wir ein neues
Deutschland erleben können und vor allem,
was ich ihnen von den Grundbegriffen der
Erb-, Rassenpflege und den bevölkerungs
politischen Fragen sage.
In den nächsten Tagen werden wir über
die einzelnen Entwicklungsstufen der Kin
der und das ihnen gemäße Perhalten der
Eltern sprechen, über die Notwendigkeit der
Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule,
HI, VdM usw., heute wollen wir uns erst
einmal näher kennenlernen durch Singen
und Spiel. Wir singen gemeinsam einfache
Volkslieder und ich wundere mich, wie sicher
sie sind. Das Erstaunlichste ist: Sie kennen
alle Strophen.
„Ja. unser alter Kantor", sagt man mir,
„das war einer, der verstand was vom
Singen!"
Dann kommt ein Fingerspiel an die
Reihe. „Nee, Fräulein, dazu sind wir zu
alt." — „Aber wir machen es doch nicht für
uns, sondern damit wir es den Kindern
mit heimbringen können", ist die Ent-
gegnung.
Das leuchtet ein. Man läßt die Finger
tanzen, zuerst scheu zur Nachbarin rüber-
jchielend, ob die auch mittut, dann immer
froher. Der Bann ist gebrochen, und als
zum Aufbruch gemahnt wird, kommen ein
paar Mütter zu mir: „Fräulein, eigentlich
wollten wir heute bloß mal gucken. Aber
es ist jo schön, daß wir morgen bestimmt
wiederkommen." So trennen wir uns froh
und freuen uns schon auf die gemeinsame
Arbeit am nächsten Tag.
Andern Tages um die Mittagszeit wird
es unter meinem Fenster lebendig. Viele
Kinderstimmen sprechen durcheinander. Ich
gehe ans Fenster. Man schubst sich: „Sag
du's!" Dann ein ganz Mutiger: „Ob wir
wohl die Kaspers einmal sehen könnten?"
Auf der Fensterbank lasse ich meinen
Koffer erscheinen. Der hochgeklappte Deckel
dient als Kulisse, hinter der ich verschwinde,
dafür erscheinen dann Kasper Larifari, die
schöne Prinzessin Lilienfein und die bitter
böse Hexe. Die Kinder spielen begeistert
mit. Immer lebendiger wird es da unten,
die Stimmenzahl scheint zu wachsen. Als
das Kasperle-Drama seinen Abschluß ge
funden hat, schaue ich hinter meinem Koffer
hervor und bin höchst erstaunt: Schwarz ist
es da unten von Menschen — Kindern und
Erwachsenen bunt durcheinander. Die Frau
dort in der Tür hält noch das Scheuertuch
in der Hand, der Knecht ist vom Vieh
füttern fortgelaufen und hat den Eimer
mitgenommen. Alle sind begeistert! Da
durch ist mit diesem Spiel unversehens die
Zuneigung der ganzen Dorfgemeinde er
obert. Alles spricht von der Mütter-
jchulung, durch die man nicht nur lernen,
sondern auch so frohe Stunden erleben kann.
Am Abend sind die Frauen wieder da, mit
frohen Gesichtern. Einige Neue haben sich
noch hinzugefunden. Wir spüren es — schon
jetzt gehören wir zueinander, und das Ge
fühl des Verbundenseins wird alle Tage
größer und schöner, steht doch im Mittel
punkt aller unserer Besprechungen das. was
uns alle eint: Der Aufgabenkreis der deut
schen Frau und Mutter.
Unfaßlich war es den Frauen zuerst, daß
man zehn Abende über die Erziehung der
Kinder und die Gestaltung des Familien
lebens sprechen könnte, jetzt kommen sie mit
so vielen Fragen, daß die Zeit kaum reichen
will.
Als dann der Schlußabend kommt, geht
es wie in jedem Kurs — der Abschied wird
uns allen schwer. Wie eine Beschenkte ziehe
ich andern Tages weiter, denn die Erinne
rung an manch warmen Händedruck und
manches gute Wort begleiten mich.
Photos: Hedda Walthor (!) Hirte (l) M
Sattttn !msî Ne SerMmeiņņîŞlakelļe des lleichsmMerdienfles
im Zeitlichen Frauenwerk am 23. und 24. Mai 1936