129. Jahrgang.
129. Jahrgang.
SchlLSwLg-HollìàisiHe
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Renösburger TageblnL
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ĢegsrrgeWîcht gsgmr Moskau
lernn int
9eöc Betrachtung der Lage in den östlichen
Randgebieten der Ostsee hat sich vor allem mit
® eit Einflüssen Rußlands in diesem Raum
Auseinanderzusetzen, das, gestützt auf die
hallst seiner Roten Armee, der entscheidende
àktor in jeder politischen Rechnung dieser
Maaten ist, mag man sich nun um seine
Kundschaft bewerben oder sich zu Abwehr
löcken gegen seine Uebermacht zusammen
fließen.
Nach dem kurzen Zwischenspiel der bürger
ten Republik unter Kerenski rissen die Bol-
fewiki im Jahre 1917 die Macht in Rußland
sich. Mit dieser inneren Wandlung schied
^owjetrußland für längere Zeit aus dem
Konzert der Mächte aus. Die Schrecken, die
^esen Uebergang von der kapitalistischen zur
Kommunistischen Gesellschaft begleiteten, die
Grausamkeiten, die im Namen der Menschcn-
îfte gerade an den deutschstümmigen Balten
frübt wurden, sind in wacher Erinnerung,
^ie politische Grenze Europas begann vom
uial westwärts zu wandern. Hielt sich im
juristischen Rußland das Trennende und Ver
endende mit dem übrigen Europa die Waage,
? haben es nach dem Kriege unzählige Rei-
lliide bei dem Ueberschreiten der sowjetrussi-
feu Grenze bestätigt, daß hier eine andere
^lt beginne: Asien.
^Die Landkarte hat diese neue politische
^fteilgrenze sehr einprägsam verzeichnet:
Ķst so gerade wie ein Linealstrich führt sie
° n Finnland über Estland, Lettland, Polen
fch Süden, um mit dem rumänischen Ab-
fnitt nach Südosten umzubiegen. Aber was
M der Karte so gefällig aussieht, birgt in
Wirklichkeit größte Gefahren in sich. Kein Stück
şf'er Linie ist vor dem Kriege Grenze gewe-
Keiner der an ihr aufgereihten Staaten
ļ ohne eine größere Minderheit eines frem-
^ Volkes. Passarge hat von der großen
"Zölkerwirbelzone" mit der deutschen, der pol-
llchen und all den vielen anderen „Jnsel-
^ üren" gesprochen, die zur schlimmsten Gefah-
^ņzone Europas wurde.
Zeitalter des Nationalitütenprinzips
Lischt jedes Volk seinen eigenen Staat zu
ftzen. Fremdstämme fühlen sich in denen
orer Völker nicht wohl. Nun ist es bei der
bas ltigen Buntheit der Völkerkarte Osteuro-
s ‘ b nicht möglich, alle Jnselchen zu einem
^mstüudigen Staat zusammenzuschließen. Die
Anstände werden aber auch erst dann geführ-
üvl' ^^ņn die Staatsvölker versuchen, den
veren Bolksteilen ihre Sprache aufzudrän-
U n und sie mit Gewalt zu assimilieren. Um
ur eine von den Fragen, die ja noch in den
"rigsten Fällen uns Deutsche besonders an-
^ f,hde Probleme sind, anzuführen: Lettland
sthch in der Zerschlagung des deutschen Kul-
^Uebens hervor. Die Presse muß immer wie-
Berichten vom Verbot der Kaufmannsgil-
tz? in Riga, Enteignung des Domes,
w s eßung des Dommuseums usw. Welche
^ !Umme von Haß und Rachsucht ist hier im
^-rfe Jahre am Rande Mitteleuropas
jstfsammelt worden. Die verhängnisvolle
des Balkans als Unruheherd infolge sei-
^ölkerzersplitterung hat zum Ausbruch
Weltkrieges geführt. Die Verlängerung
iyst "Politischen Balkans" bis zum Finnischen
itz^cPörrsen vergrößerte die Gefahrenzone ge-
tzìtzà/ģ. Eine Entspannung dürfte nur dann
şà, wenn man jedem Volkssplitter
tzp kulturelle Selbstverwaltung in eigener
z,tzşfho gönnte, eine Lösung, die in der Schweiz
»^-fou Deutschen. Franzosen. Italienern
Uich
frh'
«es
Deutschen, Franzosen,
'ühatoromanen mit Erfolg angewandt
Eine zweite, radikale Möglichkeit ist die
dev, Austausches der Fremdvölker, die nach
lstud .ŗioge zwischen der Türkei und Griechen-
I. "r großem Stile durchgeführt wurde.
b politische Problem der baltischen Staa-
jtzh/wschl. Finnlands war in den Nachkriegs-
?as der inneren Konsolidierung, die
im wesentlichen von der Lösung der
oben geschilderten Minderheitenfrage abhing.
Sic stellt sich in den einzelnen Ländern folgen
dermaßen dar:
Finnland befreite sich von der seit 1880 plan
mäßig betriebenen Russifizierung sehr schnell,
doch spielte das schwedische Volkstum als kul
turtragende Schicht im Küstensaume eine be
deutsame Rolle. Trotz der Bestrebungen, das
Schwedentum zu finnisieren, ist das Verhält
nis im großen und ganzen gut.
Estland hat eine früher maßgebende deutsche
Herren- und Bürgerschicht, die aber seit der
Revolution ihren Einfluß verloren hat. Von
beiden Seiten wird mit Erfolg versucht, die
Gegensätze im Geiste der Versöhnung zu über
brücken.
Wesentlich schlechter ist das Verhältnis zum
Deutschtum in Lettland. Die Vorgänge in
Riga geben immer wieder Anlaß zu Reibe
reien.
Die Beziehungen zwischen den Litauern und
den Memeldeutschen brauchen nicht näher
charakterisiert zu werden. In diesem Zusam
menhang gewinnt auch die litauische Minder
heit in Polen Bedeutung, deren Probleme
unter dem Namen der Wilna-Frage zusam
mengefaßt werden.
So wichtig ein befriedigendes Verhältnis
zu seinen Minderheiten für den einzelnen
Staat sein mochte — es trat zurück in dem
Augenblick, in dem Rußland von der Reali
sierung einer Utopie Abstand nahm und sich
wieder mehr den Realitäten der Außenpolitik
zuwandte. Wie wirr durcheinanderliegende
Eisenstückchen, wenn sie in ein elektromagneti
sches Kraftfeld geraten, plötzlich sich in Rich
tung der Kraftlinien orientieren, so wurden
auch die baltischen Staaten durch die Wieder
einschaltung Moskaus in die europäische
Politik, die sich nach der Aufrüstung der Roten
Armee durch den Eintritt in den Völkerbund
und durch den französisch-sowjetrussischen Pakt
dokumentierte, in eine bestimmte Lage gezwun
gen, deren einer Pol Moskau ist und deren
anderer Pol Warschau sein wird.
Außenpolitisch hatten die baltischen Staaten,
soweit sie überhaupt eine Aktivität entwickel
ten, sich nach dem Kriege an England und den
Völkerbund angelehnt. Nach der Entspannung
zwischen Großbritannien und Rußland und
der immer deutlicher zutage tretenden Hilf
losigkeit des Völkerbundes kamen dem balti
schen Dreibünde die Pläne des polnischen
Außenministers Beck sehr gelegen, einen neu
tralen Staatenblock zu schaffen, der von den
Donauländern über die baltischen Staaten
bis nach Skandinavien gehen soll. Die Schwie
rigkeiten, die der Verwirklichung der nörd
lichen Hälfte dieses Blocks entgegenstehen, hat
der Oberbefehlshaber der estländischen Armee,
General Laidoner, mit soldatischer Offenheit,
die allerdings auf der gleichzeitig in Reval
tagenden Konferenz der baltischen Außenmini
ster peinliches Entsetzen hervorrief, erst vor
einigen Tagen gekennzeichnet: Der viel-
erwähnte Dreibundvertrag Estland, Lettland,
Litauen sei überhaupt nur als ein „Zusam-
meuarbeitsvertrag" vorhanden. Estland würde
das Zustandekommen eines festen Bünd
nisses begrüßen, aber solange das polnisch
litauische Verhältnis nicht geklärt sei, könne
aus dem baltischen Dreibund nichts werden."
Die eingeleiteten Bemühungen, dieses Hinder
nis durch die Versöhnung Litauens mit Polen
aus dem Wege zu räumen, werden von Lett
land und Estland lebhaft unterstützt.
Aber jede Aktion nach der einen Seite bringt
die baltischen Staaten nach der anderen in
Mißkredit. Die Schaukelpolitik, die so gern
als ein Zeichen der Stärke ausgegeben wird,
birgt unter Umständen tödliche Gefahren in
sich. Rußland hatte bekanntlich die General
stabchefs der drei Länder zu den Maifeiern
nach Moskau eingeladen und ihnen seine
Machtmittel als „Beschützer" und „Freund"
der Ostseestaaten vor Augen geführt. Aber
man hat es wohl empfunden, daß diese Einla
dung eigentlich vielmehr eine Drohung als
eine Höflichkeit war. Moskau hat durchblicken
lassen, daß es nicht nur baltische Gebietsteile
als Aufmarschgelände für die Rote Armee
und die Luftflotte brauche, sondern die Sow
jets spielen auch mit dem Gedanken, in einem
eisfreien baltischen Ostseehafen eine Basis für
ihre in Kronstadt recht weit vom Schuß liegen
den Seestreitkräfte zu erhalten. Im Baltikum
hat aber die Erkenntnis, daß eine derartige
Kapitulation vor Moskau das Ende der eige
nen Unabhängigkeit bedeuten würde, stark zu
genommen.
Besonderes Interesse beansprucht die Einbe
ziehung Skandinaviens in den polnisch-balti
schen Block. Kjellön, Schwedens großer Geo-
politiker, hat einmal von einem Schweden ge
sprochen, das sich als Reich zwischen zwei ge
strandete Ideen abgesetzt habe. Er meinte die
skandinavische und die baltische Reichsidee
Schwedens. Schweden ging lange Zeit nach
seiner Gründung 1523 durch Gustav Wasa auf
die Beherrschung der Ostsee aus. Etappe« auf
diesem Wege, der schließlich scheiterte, weil er
die Kraft Schwedens überstieg, sind die Be
setzung Finnlands, die Einmischung in die
Wirren des 30jührigen Krieges und des wer
denden Rußlands nach 1700 und die Union
mit Norwegen. Geschichte wiederholt sich nie,
aber es ist überraschend, zu sehen, wie alte
Ideen, wenn auch in veränderten Formen,
nach langem Schlaf wieder zu neuem Leben
erwachen. Selten ist Schweden einer Führer
stellung im baltisch-skandinavischen Block so
nahe wie heute gewesen. Aber auch auf russi
scher Seite wird eine alte Schwierigkeit, die
lange Zeit als A und O die russische Außen
politik beherrschte, wieder lebendig: der Drang
nach einer Flottenbasis in einem eisfreien
Hafen. Ob man ihn nun im Baltenlanöe oder
an der vom Golfstrom bespülten nordnorwegi
schen Küste zu finden hofft — Schweden fühlt
sich gleichermaßen bedroht. Seine Aufrüstungs
maßnahmen wie auch die Norwegens, Finn
lands und der für Juni angekündigte Besuch
König Gustafs von Schweden in Finnland
sprechen in diesem Zusammenhang eine beredte
Sprache.
Der Block einer neutralen Sicherung am
Ostrande Europas befindet sich erst im Auf
bau. Der ihm zugrunde liegende Gedanke wird
im Ostseeraum lebendig bleiben, solange das
waffenstarrende Rußland begehrlich' nach
Westen blickt. Man kann jedenfalls damit
rechnen, daß sich in den nächsten Wochen rund
um die Ostsee ein diplomatischer Großkampf
entwickeln wird, dessen Ausgang für die künf
tige Kräfteverteilung in Europa von nicht zu
unterschätzender Bedeutung sein dürfte. I. B.
Der
ttöuel
Seit der Besetzung von Addis Abeba, die
bekanntlich noch lange nicht gleichbedeutend ist
mit der Besetzung von ganz Abessinien, ist im
Verhältnis der westlichen Staaten zueinander
eine Neuerscheinung lediglich insofern zu ver
zeichnen, als Mussolini ersichtlich Wert darauf
legt, die Beziehungen zu England aus dem
Stadium des offenen Konfliks wenigstens in
einen neutralen Zustand zu überführen. Ueber
das, was der italienische Botschafter in Lon
don, Grandi, bei seinem neuen Besuch im Lon
doner Auswärtigen Amt dem Unterstaatssekre-
tür Vansittart mitgeteilt hat, laufen infolge
des Schweigens der englischen Regierung ver
schiedene Darstellungen um. Die primitivste
spricht von einer erneuten Versicherung Mus
solinis hinsichtlich der Respektierung der bri
tischen Interessen im Mittelmeerbecken und
von seiner Bereitwilligkeit zur Zurückziehung
eines Teils der italienischen Truppen an der
libysch-ägyptischen Grenze. Die erste Versiche
rung dürfte in London kaum besonders bewer
tet werden, da sie für England ohnehin eine
Selbstverständlichkeit darstellt,' das zweite Mo
ment wurde bekanntlich im ersten Drittel des
afrikanischen Krieges bereits zwischen den bei
den Regierungen erörtert, ohne daß England
selbst die Zurückziehung einer italienischen
Division als ausreichenden Anlaß für den Ab
ruf seiner mächtigen Flotte angesehen hätte.
Gerade jetzt befindet sich ja eines der größten
englischen Flaggschiffe, die „Repulse", nach er
heblicher Verstärkung seiner Bestückung auf
beschleunigtem Rückmarsch nach Alexandria.
Zu diesem Thema weiß nun die Pariser
„Information" eine Mitteilung zu machen, die
einen gewissen sensationellen Charakter inso
fern hat, als sie zutreffendenfalls sowohl ein
Angebot wie eine indirekte Drohung Italiens
enthalten kann.
Danach bietet Mussolini England ein Ver
sprechen an, daß er im Falle einer Aner
kennung der Annexion Abessiniens das
römische Imperium in Afrika nicht weiter
ausdehnen wolle.
Wir müssen dem Blatt die volle Verantwor-
tung für seine Behauptung überlassen, die für
den Fall einer Nichtanerkennung der Annexion
in dieser französischen Fassung einen sehr ein
deutigen Charakter erhalten würde. Anderer
seits wäre es ein geschickter Schachzug Musso
linis, wenn er einen solchen Fühler absichtlich
nicht in die italienische, sondern in die franzö
sische Presse lanciert hätte, so daß die italieni
sche Regierung selbst sich im Bedarfsfall jeder
zeit davon distanzieren kann.
Eine dritte Version
besagt, Mussolini gebe eine Garantieerklärung
für die britischen Interessen in Afrika schon
gegen die bloße Londoner Zusicherung einer
englischen Nichteinmischung in die italienische
Kolonisierung Abessiniens. Eine solche Zu
sicherung würde für Italien praktisch vollkom
men ausreichen, da sie Italien ja völlig freie
Hand in Abessinien lassen würde. Ja sie wäre
kaum weniger als eine indirekte ö. h. still
schweigende Anerkennung der Annexion.
In diesen Zusammenhang gehört auch u. a.
die heikle Lage der fremden Vertretungen in
Addis Abeba. Praktisch ist sie von italienischer
Seite bereits dadurch aufgerollt, daß der Vize-
könig Baöoglio den Abzug der französischen
und englischen Gesandtschaftswachcn verlangt
hat, die auf die Dauer eine Verletzung der
italienischen Souveränität darstellten. Die
Engländer haben darauf zunächst einmal kühl
auf London verwiesen, das allein für die Ent
scheidung zuständig sei. Die Franzosen, die
außer der Gesandtschaftswache auch noch über
zwei Kompagnien Senegal-Schützen an der
Bahnstation Jridaua als Bahnschutz verfügen,
versuchen eine gemeinsame Haltung mit Eng
land in dieser sehr kritischen Frage herbeizu
führen, die ja unverkennbar eine mehr oder
weniger offene Anerkennung der italienischen
Souveränität zur Voraussetzung hat. Die Ita
liener ihrerseits könnten den Engländern ent
gegenhalten, daß diese ja laut Edenreöe im
Unterhaus bereits die diplomatische Verbin
dung mit der neugebildeten abessinischen Re
gierung im westlichen Gore aufgenommen
haben, also keiner Truppeneinheit in Addis
Abeba bedürften. Gegenüber den Franzosen
kommt für Italien jetzt noch der neue Kon
fliktsstoff um die Ausweisung des französischen
Bischofs hinzu, der, ein 84jähriger Greis, be
reits 40 Jahre lang dort wirkt und sich große
Verdienste erworben hat. Nach Mitteilung des
gegenwärtig stellvertretenden französischen