Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

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^şrahe entzogen, ein Gebäude, das ein Schild 
M der Aufschrift trägt: „Central-Fischerei- 
^erein der Provinz Schleswig-Holstein". Wir 
Mben hier in dieser hübschen und reizvollen 
Umgebung die Fischbrutanstalt Alt-Mühlen- 
"vrf vor uns, die seit 60 Jahren besteht und 
lür die gesamte Fischzucht unserer Provinz 
von ausschlaggebender Bedeutung ist. 
Ihre Ausgaben sind dem Laien nicht ohne 
Weiteres klar, aber Fischermeister Kasch, 
oer die Anstalt leitet, gibt uns darüber be- 
vsitwilligst Auskunft. Die künstliche Fischzucht, 
oie hier in großem Stil betrieben wird, be 
zweckt ganz allgemein gesprochen die Hebung 
oes Fischbestanöes. Die Notwendigkeit einer 
Ernstlichen Fischzucht mag durch die Tatsache 
Erhärtet werden, daß beim Laichgeschäft in der 
àeien Natur 97 bis 98 vH der jungen Fisch 
brut verloren gehen, während bei der künst 
lichen Erbrütung nur mit einem Verlust von 
r~-5 vH gerechnet wird. Das gilt vor allem für 
me Forellen und den Lachs. Fischermeister 
Kasch ist sogar der Ueberzeugung, daß es ohne 
Ernstliche Zucht heute nur noch wenige Forellen 
beben würde. Die künstliche Fischzucht ist also 
Mrch volkswirtschaftlich von einer Bedeutung, 
me der Laie vielfach weit unterschätzt. 
Wie geht nun die künstliche Fischzucht vor 
ach? Fischermeister Kasch gibt uns auch da 
rüber eingehend Auskunft. Die Fische haben 
bekanntlich im Wildgewässer eine gesetzliche 
bchtwöchige Schonzeit, die sich gemeinhin vom 
^0. Oktober bis zum 14. Dezember erstreckt, 
ober auch je nach der Witterung von dem 
staatlichen Oberfischmeister anderweitig fest 
gesetzt werden kann. Während dieser Schonzeit 
oürfen diese Fische nicht gefangen werden. Wer 
ois Pächter oder Besitzer einer unserer Auen 
Esotzdem in der Schonzeit fischen will, mutz 
Einen entsprechenden Antrag über den Zen- 
tral-Fischerei-Verein an den Staatlichen Ober 
uschmeister einreichen, der bei Befürwortung 
oem Regierungspräsidenten weitergereicht 
v^irü. Erhält nun ein Pächter vom Regie 
rungspräsidenten die Erlaubnis, so kaun 
Er während der gesetzlichen Schonzeit Lachs, 
Ateer- und Bachforellen fangen. Er wird aber 
gleichzeitig verpflichtet, mindestens ein Drittel 
oer Geschlechtsprodukte an die Vereinsbrut- 
gnstalt abzuliefern. 
Zu Beginn der Laichzeit werden die Fische, 
wenn sie in die Bäche und Auen aufsteigen, ge 
langen. Und nun werden unter leichtem sauf 
en Druck die Eier von den Rognern und die 
Dtilch von den Milchnern in eine Schüssel 
förmig hintereinander geordnet. Sie werden 
ständig von Wasser überspült, das aus der 
Au hierher geleitet wird, und das, um es von 
übermäßigem Schlamm zu befreien, durch 
Koks- und Schwammfilter läuft. Um das 
Wasser möglichst sauerstoffreich zu machen, läßt 
man es von Trog zu Trog fallen, damit es 
immer wieder mit der Luft in Berührung 
kommt. Ueberall rieselt das Wasser so durch 
die Rahmen und Tröge, plätschert weiter über 
den Boden. Der Fischermeister und sein Ge 
hilfe tragen lange Gummistiefel und Leder- 
schürzen, und auf dem Boden liegen lange und 
dicke Bretter, auf denen man einigermaßen 
trocken hin und her gehen kann. 
Wir nehmen einmal eins der kleinen Eier 
— es sind Forellen —, die jetzt so groß sind wie 
kleine Erbsen, zwischen die Finger, blasen das 
Wasser ab und halten das Ei gegen das Licht. 
Durch die durchsichtige Eiwand können wir 
die farblosen Tiere, die schon völlig entwickelt 
sind und sich bewegen, sehen. Auffällig sind die 
schwarzen Augenpunkte. 
Wie lange dauert nun die Entwicklung der 
Fische von der Befruchtung bis zum Schlüp 
fen? Der Fischzüchter rechnet hierbei nicht 
nach Tagen, sondern nach Tagesgraden. Und er 
sagt, bis zum Schlüpfen der Tiere vergehen 
360 Tagesgrade. Was ist ein Tagesgrad? An 
genommen, das Wasser hat eine Temperatur 
von 5 Grad. Dann sind 180 Tagesgrade 30 
Tage, nämlich 30 mal 5. Oder bei der gleichen 
Temperatur dauert das Schlüpfen 72 Tage 
(72 mal 6). Mit anderen Worten, die Entwick 
lung geht umso rascher vor sich, je höher die 
Temperatur ist. Doch ist die Wassertemperatur 
in der Fischbrutanstalt ebenso hoch wie im 
freien Wasser. Denn die Fische sollen nicht zu 
früh schlüpfen, weil sie sonst nach dem Aus 
setzen in freies Gewässer noch keine oder nur 
wenig Nahrung vorfinden. 
Schon nach 160 Tagesgraöen bekommen die 
Tiere die schwarzen Augenpunkte. Alle paar 
Tage müssen die abgestorbenen Eier, kenntlich 
an ihrer weißen Farbe, mit der Pinzette aus 
gelesen werden, um die anderen nicht zu ver 
derben. Mit 360 Tagesgraden fangen die Tiere 
dann an zu schlüpfen, die Larve sprengt die 
Eihülle, kommt mit dem Schwanz zuerst her 
aus und schüttelt durch ruckartige Bewegungen 
die Eihülle ab. Wie kleine durchsichtige Kaul 
quappen sehen die kleinen Tiere aus, die etwa 
einen Zentimeter lang sind. Am Bauch tragen 
sie noch den schweren Eidotter, aus dessen In 
halt sie die erste Zeit leben. 
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Künstliche Fischzucht 
hebt den Fischbestand unserer Gewässer 
Wir besuche« dîe Fischbrutaustalt des Zentral-Fischerei-Vereins 
in Alt-Mühleudorf und die Wirtschastsgeuofseufchaft der Loiterau 
Unter dem vielstimmigen Gezwitscher der 
^ogelwelt, geschmückt mit weißen Schneeglöck- 
p n , bunten Krokussen und silbernen Weiden 
kätzchen, hat nun der Frühling bei uns seinen 
ssinzug gehalten. Ueberall in der Natur pul 
vert neues Leben nach den dunklen Tagen des 
Unters. Auch unsere Bäche und Auen machen 
keine Ausnahme. Die junge Fischbrut ist 
Eben ausgeschlüpft, doch man kann davon in 
bsr freien Natur kaum etwas sehen. Die junge 
Zlut und ihre Entwicklung kann man aber 
îņ einer Fischzuchtanstalt gut beobachten, die 
kksir besucht haben. 
Einige Kilometer nördlich von Nortorf, da, 
die Mühlenaue schäumend und brausend 
bnter dem hohen Mühlengebäude von Alt- 
Fuhlendorf hervorschießt, liegt inmitten einer 
lîeihe von kleineren und größeren Teichen, 
burch einige Bäume etwas dem Blick von der 
abgestreift, Waster dazu gegeben und langsam 
gerührt. In wenigen Minuten ist dann bereits 
die Befruchtung vor sich gegangen. Die be 
fruchteten Eier werden dann öfter mit 
reinem Wasser gründlich gespült und darauf 
in besonderen Streifkisten auf kleinen Flanell 
rähmchen an die Zentral-Brutanstalt verschickt, 
zum Teil auch in kleineren von den Fischerei- 
Genossenschaften unterhaltenen Brutanstalten 
erbrütet. 
Und nun treten wir in die Fischbrutanstalt 
ein, um zu sehen, was mit den Eiern, die aus 
den verschiedenen Teilen des Landes hierher 
geschickt werden, weiter geschieht. In einigen 
Reihen nebeneinander sehen wir lange Holz 
rähmchen mit Drahtboden, die zu dreien in 
einem Trog übereinander gestellt sind. Auf 
ihnen liegen die leicht gelblichen oder rosa 
farbenen Eier. Diese Brutkästen sind terrassen- 
Jn langer Reihe stehen die Selbstauslesegläser, die ständig von frischem Wasser 
durchspült werden^ in Zinkkästen. Sämtliche Lichtbilder: K. Mülle» 
Und nun sehen wir uns auch diese ge 
schlüpften Tiere an — Forellen — die lebendig 
und schnell durch das Wasser flitzen. 
Sie sehen wirklich nicht wie Fische aus, da sie 
fast ganz durchsichtig sind. Nach einigen Wochen 
ist der größte Teil des Dottersackes verzehrt. 
Dann ist der Zeitpunkt gekommen, um die 
Tiere in das freie Wasser auszusetzen oder sie 
an andere Fischereipächter zu verschicken. Der 
Rest des Dottersackes muß noch für den 
Transport und für die ersten Tage im freien 
Wasser als Nahrung dienen, bis das Tier sich 
eingewöhnt hat. 
Im zweiten Raum der Zuchtanstalt fallen 
uns Gläser auf, die einer umgestülpten Flasche 
ähneln, aber oben, an der breiten Seite, offen 
sind. Sie erhalten von unten Wasserzuflutz, 
und oben fließt das überschüssige Wasser wie 
der ab. Es sind sogenannte Selbstauslesegläser, 
87 Zentimeter hoch, die in Zinkkästen stehen. 
In ihnen werden, wir wir auf den über jedem 
Glas angebrachten Schildern lesen, die große 
und die kleine Maräne und der Ostseeschnäpel 
erbrütet. Die Maränen sind Fische, die nur in 
tiefen Süßwassersecn vorkommen. Die Eier 
sind kleiner als die Lachs- und Forelleneier. 
Von der kleinen Maräne gehen 1000 Eier auf 
3,3 Gramm, und 1000 Eier des Schnäpels und 
der großen Maräne wiegen 16 bis 18 Gramm. 
Die eintreffenden Eier werden langsam 
über den Rand des mit Wasser gefüllten Gla 
ses gebracht, bis dies zur Hälfte gefüllt ist. Sie 
sinken sofort auf den Grund. Jetzt wird lang 
sam weiteres Wasser zugelassen, das von un 
ten her durch einen Gummischlauch zugeführt 
wird. Von diesem sich dadurch bildenden 
Wasserstrom werden die Eier durcheinander 
gewirbelt und umspült. Das durchströmende 
Wasser läuft' über den Rand ab. Gleichzeitig 
werden die schlechten Eier, die an die Ober 
fläche geschwemmt werden, zum Teil mit aus 
gespült, zum Teil werden sie mit einem 
Gummischlauch abgesaugt. Später, wenn die 
Tiere schlüpfen; werden sie ebenfalls über den 
Rand der Gläser gespült, und kommen nun 
m die Zinkkästen, in denen diese stehen. 
Ende April kommt dann noch die Hechtbrut 
in die hohen Gläser. Die Hechtbrut ist beson 
ders schwer zu behandeln. Sie braucht eine 
Temperatur von mindestens 10 Grad. Schon 
mit 60 Tagesgraden haben die Eier Augen 
punkte. Das ist bei einer Durchschnittstempe 
ratur von 13 Grad schon nach vier Tagen der 
Fall. Das Schlüpfen geht dann bei 115 Tages 
graden vor sich. 
Alle Fische werden wenige Tage nach dem 
Schlüpfen von der Fischbrutanstalt verschickt, 
vorwiegend innerhalb der Provinz, aber auch 
nach den verschiedensten Gegenden des Reiches. 
Die Mitglieder erhalten die jungen Fische zu 
ermäßigten Preisen. So werden jährlich in 
dieser Brutanstalt des Zentral-Vereins etwa 
sieben Millionen Fische erbrütet, vor allem 
große und kleine Maränen, Schnäpel, Lachs, 
Meerforellen, Bachforellen und Aesche. Der 
Absatz ist für alle Tiere heute sehr gut. In den 
schlechten Zeiten des Niederganges war auch 
die Fischzucht unerfreulich, und für die Brut 
fehlte der Absatz. Aber nicht nur das, auch die 
Fische selbst waren nur zu geringen Preisen 
loszuwerden. Das ist schon heute alles besser 
geworden, wie uns Fischermeister Kasch ver 
sichert, auch in der Fischzucht geht es wieder 
aufwärts. 
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Wir haben schon gesagt, daß die Fischbrut 
anstalt ihre Brut von Fischern bekommt, die 
eine besondere Erlaubnis des Regierungs 
präsidenten zum Fischfang während der Schon 
zeit haben, gleichzeitig aber verpflichtet werden, 
die Geschlechtsprodukte hierher zu geben. 
Vielfach sind diese Fischer zu Wirtschaftsge 
nossenschaften zusammengeschlossen. 
Eine von ihnen, die Wirtschaftsgenossenschaft 
der Loiterau, die seit sechs Jahren besteht und 
der fünf Pächter angehören, haben wir vor 
einiger Zeit ebenfalls aufgesucht. Wir unter 
hielten uns hier mit dem Gastwirt Wolf, bei 
dem sich die Brutanstalt befindet. Sie ist na 
türlich erheblich kleiner als die des Zentral- 
Fischerei-Vereins. Meerforellen und Lachse 
werden hier erbrütet. 
Gastwirt Wolf erzählt uns, daß z. B. die 
Meerforellen in jedem Herbst, etwa Anfang 
Oktober, in die Bäche kommen, um zu laichen. 
Dann werden sie von den Fischern in Netzen 
gefangen. Vor einiger Zeit ist in der Loiterau 
ein neues Wehr mit Staatszuschüssen gebaut 
worden. Wie es sich bewähren wird, wird man 
noch erfahren. Die gefangenen Fische werden 
in Hütfässern so lange aufbewahrt, bis sie laich 
reif sind. Dann wird ihnen der Laich abge 
streift, mit Wasser vermischt, und die Be 
fruchtung findet statt. Mindestens ein Drittel 
wird an die Fischbrutaustalt in Alt-Mühlen- 
dorf verschickt, ein Teil wird in eigener An 
lage erbrütet. Die alten Fische werden noch 
einige Tage in den Hütsässern gehalten und 
dann verkauft. 
Später werden die jungen, erbrüteten Fische 
wieder in die Loiterau ausgesetzt. Dort halten 
sie sich ein oder zwei Jahre auf, wandern dann 
in die Schlei und von da seewärts und weiter 
in die Weltmeere. Das Seltsame aber ist, daß 
sie zur Laichzeit wieder dahin zurückkehren, 
Forellencicr in natürlicher Größe. 
wo ihr Leben begann, in die kleinen Bäche und 
Auen. Und der Zweck und der Erfolg der 
künstlichen Fischzucht liegt für die Fischerei 
eben darin, daß der Fischbestand durch das 
Aussetzen der jungen Fische größer wird, daß 
immer mehr ausgewachsene Fische zum Laichen 
in die Büche zurückkehren, infolgedessen auch 
mehr gefangen werden und so die wirtschaft 
liche Ausbeute größer wird. Auf meine Frage 
hin versichert mir Gastwirt Wolf, daß man 
auch in der Loiterau von Jahr zu Jahr eine 
Zunahme des Fischbestandes feststellen könne. 
Es ist also tatsächlich so, daß die Fische zum 
Laichen immer wieder dahin zurückkehren, wo 
ihr Dasein begann. 
Wenn man so einen Blick in die geheimnis 
volle Entstehung neuen Lebens in der Fisch 
welt getan hat, dann möchte man wünschen, 
daß gerade auch von den Schulen die günstigen 
Gelegenheiten benutzt werden, um der heran 
wachsenden Jugend diese wundervollen Beob 
achtungen in unserer Fischbrutanstalt in Alt- 
Mühlendorf oder in einer der kleineren Fisch 
brutanstalten zu ermöglichen. K. M.
	        
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