D§r Garten der Seele
muß es wohl sein:
^ die Seele gepflügt und eingesät, —
«13 die Decke des Glaubens gebreitet,
rs die Saat in der Sonne des Tages steht
J* Himmel entgegengebreitet;
. Xt e6e verschnitten und Ranken gebogen,
ie am Spalier der Schmerzen gezogen,
iMmen in göttliches Licht empor!
.gezüchtet im Wetter der Leiden,
„ 0 karg und fahl die Sonne der Freuden
°M aus Wolken der Trübsal hervor,' —
hochgezüchtet im Sturme der Leiden
lat sie des edelsten Gärtners Hand,
sie des mächtigsten Gärtners Wille, —
. in die Seele — in drängender Fülle
M unübersehbar blühendes Land, —
Achtend in Farben und glanzüberhellt
M Pfingsthauch schauert, der über die Welt
am Himmel tauend herniederfällt.
Agnes Gröhe.
â
OKNshalt der Seele
»Haushalt der Seele": wundervolles Bild.
Haushalt in unserem Innern, wie der, der
sisi? umgibt, ein Haushalt mit Schubfächern und
^hken und Kasten, in denen allerhand aufgespei-
^ert liegt, versteckt, vergessen und versunken,
ļelleicht auch schon verstaubt; aufbewahrt zu
guter Erinnerung das eine, immer wieder lästig.
j? e nn man darauf stößt, das andere. Unser Hof-
und Wünschen, unser Hasten und Lieben, un-
i-r Denken und Sinnen, sie machen den Haus
halt der Seele aus.
Äst immerOrdnung darin? Gewissensfrage! Es
gcht ihr wohl mancher gern aus dem Wege, denn
mlerlei Stimmen ruft sie wach, und nicht alle haben
^utes und Erfreuliches zu sagen.
Sicher: man hat im allgemeinen Ordnung
Ehalten, auch hier. Allzu große Schlacken und
Schäden finden sich kaum, man ist ja doch ein
Inständiger Mensch" und hat niemals wissent-
sich etwas Unrechtes getan, aber selbstverständ-
k'ch: allerhand kleine Unstimmigkeiten sind doch
«a. schließlich ist man ja eben auch nur »Mensch"
sisid hat seine Fehler und Schwächen. Denken
Ģ>r schon nicht weiter daran.
şi^Aber wie ist es im täglichen Haushalt um uns?
Zacher, die nicht gestopft werden, reißen weiter,
Schaden, der nicht rechtzeitig beseitigt wird,
k^lßt um sich und stiftet immer größeren Schaden
si"- Sollte es im »Haushalt der Seele" anders
sein?
Ein großes Fest soll kommen; durch Küche und
Keller, durch alle Zimmer geht die Hausfrau und
putzt und kehrt, in die verborgensten Ecken leuch-
tet sie hinein und treibt hinaus, was sich da an
Unrat angesammelt hat. Bis in die entlegensten
Winkel soll das Haus blink und blank sein, wenn
der Festtag naht, und der Haushalt der Seele
sollte liegen bleiben, wie — er liegt?
Da kommt eine stille Stunde, die grobe Arbeit
ist getan, die fleißigen Hände ruhen, man hat ein
paar Minuten Zeit, hinabzutauchen in seine tief
sten Innerlichkeiten. »Großreinemachen" vielleicht
auch da. Es hat sich bestimmt manches angesam
melt, das ein Blankputzen und Entstauben gut
vertragen könnte. Gleichgültigkeit und Alltags
trott, was haben sie aus der einst so schönen und
strahlenden Liebe zwischen Mann und Frau
gemacht, eine dicke Staubschicht liegt darüber,
kaum kann man noch sehen, wie sie einst geglänzt
und geleuchtet hat, ein paarmal hinübergefahren
mit gutem Zurückwollen, und schon ist das alte
Prunkstück wieder da, und man nimmt es stolz
zärtlich mit bis an den besten Lebensplaß. Und
liegen da nicht allerhand böse Erinnerungen um
her? Gleichgültigkeit, Verständnislosigkeit, was
für dicke Rostschichten haben sie gezogen über
alte Freundschaft, über die Beziehungen nächster
Menschen zueinander.
Wieviel böse Worte sind gesprochen, vielleicht
nur in einem ersten, raschverlodernden Zorn, und
wie sorglich hat man sie aufbewahrt, mit wieviel
zerfressendem Haß hat nachbrütender Groll sie
überzogen. Wieviel eigene Schuld türmt sich auf,
häßlich und modrig geworden im Laus der Jah
re? Wenn man alles hinauswerfen könnte, wie
den wertlosen Plunder der Trödelkammer, Licht
käme auch hier in die dunkelsten Ecken, das war
me, reinigende und verklärende Licht versöhnlicher
Liebe, das große Verzeihen und Vergessen und
das Um-Verzeihung-bitten°Wollen. das erst den
echten Feftfrieden mit sich bringt.Ordnung machen
im Haushalt der Seele, es ist mitunter schwer,
aber für uns selber wichtig, wichtiger vielleicht
noch als das — große Reinemachen »in Hof und
Haus".
Şîn LiLî§uerÄN-Wrî§f
Die Liebe des jungen Liliencron war die mittel
lose siebzehnjährige Helene v. Bodenhausen.
Ihretwegen gab er den Ossiziersberuf auf. Lilien
cron aber muß verzichten, er geht nach Amerika,
Afrika: als er zurückkommt, heiratet er Helene v.
Bodenhausen. Das Hamburger Glück dauert
aber nur ein Jahr. Schulden, der ewige Gerichts
vollzieher und die Verschiedenartigkeit der Cha-
raktere ließen ein Zusammenleben nicht zu. Die
Ehe wurde geschieden. Die Briefe an seine Braut
und spätere Frau werfen nicht nur auf die Zeit
der Jahrhundertwende und ihre Zustände interes
sante und scharfe Lichter, sondern enthüllen uns
auch ganz den Menschen und Dichter Liliencron.
Darum sei hier ein Brief aus dem Jahre 1879
wiedergegeben. Es ist das Jahr, in dem der
Offizier Liliencron versucht, im Verwaltungs
dienst eine Lebensmöglichkeit zu finden.
Borby bei Eckernförde, den 7. Oktober 1879.
.. . Ich wohne hier, habe zwei Stuben, die
ganz reizend sind, und unmittelbar (zehn Schritt)
vor mir rauscht das ewige Meer, lieber die
Bucht hinüber schaue ich auf Wulsshagen, Sehe-
stedt, Alt-Bülk und Hütten, prachtvolle Güter,
die eigentlich Deine Morgengabe hätten sein
sollen. Die Familie Förster, bei der ich wohne,
ist ganz reizend, das heißt gute, nette, ordentliche
Bürgersleute. Singen und beten viel und haben
sich nach und nach auf ihrem Bedienten- und
Kammerjungferleben ein Bedeutendes erschwun
gen, so daß sie sich dies Gewese kauften. Die
Uhrmacherfrau Dobbrow (Bismarckstraße 1)
in Görlitz ist die Schwester meiner guten hiesi
gen Wirtin, und ich bitte Dich, Deinen Hochmut-
kopf einmal ruhen zu lassen und zu Frau Dobbrow
zu gehen und ihr zu sagen, daß ich es hier sehr
gut habe. (Ich höre die Weiden rauschen, die
See schlägt die Wellen auf den Sand.) In betreff
des Geldpunktes so im nächsten Briefe. Ich sitze
natürlich in tausend Aengsten. Darüber später. —
Gestern war ein langweiliger Wirtshaustanz
zwischen gebratenen Enten. Wahlgeschrei, Eckern-
förder Spießbürgern und Commis voyageurs.
Heute morgen fing die Arbeit an. Täglich von
8—12 und 2—6. Recht langweilig! Doch hat der
kleine Gardeoffizier Landrat Gott sei Dank etwas
Geist — während der Kreissekretäc und das
Bureaupersonal mir stets unendlichen Stoff zum
innern Lachen geben. Wenn Du gesehen hättest,
mit welcher Feierlichkeit ich heute inauguriert
wurde, so hättest selbst Du lachen müssen. Das
Mittelalter war nichts dagegen. Der Kreissekre
tär — ein echter altpreußischer Bureaukrat mit
seiner Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Treue, Ehrlich
keit und zugleich jene unglaublich lächerliche
Ueberhebung, die mir so viel Stoff zu boshaften
Epigrammen gibt. Heute morgen meine Vereidi
gung. Die Sachen, die ich bearbeite, sind gleich»,
falls von so fabelhafter Kleinkrämerlichkeit, daß
ich mich aufs äußerste zusammennehmen muß, um
ernst zu bleiben. Ab und zu-erfrischt Baron Reck
mit einem Kalauer, dann runzelt der pflichtgetreue
Kanzleisekretär die Amtsstirn. Nun, auch darüber
kommt man hinaus.
Dann heute nachmittag Diner beim Baron.
Ich traf nur seine Mutter. Grenzenlos (Du bist
eine Puppe dagegen) adelstolz, vornehm. Ich
redete sie »Gnä' Frau" an, hörte aber dann den
Diener »Erlaucht" sagen und titulierte sie dann
so. Also ein Stolberg. Das Diner war langwei
lig. »Madame" nicht sehr gesprächig. Ich —
gänzlich Junker und »Kreuzzeitung". Machte
prinzliche Verbeugungen. Sprach gewählt. Ensin:
wurde sehr gnädig entlassen. Dann kaufte ich
mir eine lange Pfeife und war sehr glücklich,
daß ich sie rauchen konnte. Ein gewisses behag
liches Gefühl der Freiheit kam über mich. ...
Dann ging ich am »Gestade", dachte viel an Dich
und hatte himmlische Gedanken und Verse. Mö
wen und See und Wind und wundervolle
Waldesufer begleiten mich. — Wenn Du nicht
so fürchterlich spießbürgerliche Ansichten hättest,
lieb Lenchen. Das ist der Haken bei uns. Ich ver
stehe sie nicht, und Du kannst wohl etwas ein
sichtsvoller sein, weil — ich ein Dichter bin.
Uebermorgen fahre ich mit Baron Reck zu Graf
Noer und Graf Reventlow. Ich sehe dem kleinen
Landrat an, daß er entzückt über mich ist. Du
weißt, wie höllisch vornehm ich aussetzn und sein
kann. Gruß an unser lieb Mamachen und le
monde. Schreibe bald
Deinem Bräutigam Fritz.
Briefkasten.
Unser Landsmann Friedrich Gribbohm in
Nowawes bei Potsdam, Lützowstraße 18, bit
tet mich, folgende Notiz zu bringen: „Allen
Landsleuten, welche Mühe und seelische Er
regungen nicht scheuten, meine Frage in
H.E. Nr. 2 („Brachte die Sonne es an den
Tag?") zu beantworten, sage ich meinen herz
lichen Dank." Diesem Wunsche komme ich hier
mit gern nach.
Von Herrn Gribbohm, dessen Vater Lehrer
in Frendenberg war, bringen wir in heuti
ger Nummer die Schilderung vom Brande des
dortigen Schulhauses. Bei der Gelegenheit
wiederhole ich die Bitte, Erlebnisse aus alter
Zeit, soweit sie weitere Kreise interessieren
können, aufzuschreiben und uns einzusenden.
Es liegt bereits allerhand vor, was nach und
nach erscheinen wird. „Mit nichts geht der
Mensch liederlicher um als mit seinen Erin
nerungen" sagt Hölderlin. Und so sollte es
nicht sein.
Endlich gebe ich den Inhalt einer Postkarte
wieder, die ich dieser Tage von Herrn Grib
bohm erhielt: „Vielleicht haben Landsleute die
Absicht, die Olympiaspiele in Berlin zu besu
chen. Da ich auch Unterkunft und drei Betten
gemeldet habe, nehme ich mit Vorliebe Lands
leute aus und würde gerne Führer für Pots
dam und Umgegend sein." Meines Wissens
liegt Nowawes an der Bahnstrecke Berlin-
Potsdam, also verhältnismäßig günstig für
Olympiadebesucher. I. K.
Şàs gTKuerrlMfêe Nêcht
Mrd WķdLrberre NeLtŅg
Von Fried r. Gribbohm.
Im nächsten Jahre (kurz vor Weihnachten)
Werden 80 Jahre verstrichen sein, als mein
Geburtshaus, das alte Schulgebäude zu Freu-
venberg, im Kreise Rendsburg, ein Opfer der
Şammcn wurde. Ich zählte damals kaum 8
sichre, und doch liegt mir das grauenvolle Er
wins noch so klar im Gedächtnis, daß ich es
«'ohl wert erachte, die älteren Landsleute dar-
M zu erinnern. Oertlich Unbekannten möchte
«9 vorweg bemerken, daß das Schulhaus eines
schönstbelegensten unserer Heimatprovinz
,ll, weil die Kinder ihren Spiel- und Turnplatz
sin Walde (Haaler Gehege) haben. Leider ist
Ir Schulweg weit, weil drei Dörfer im Um
reis von etwa 4 Kilometer diese Schule ge
meinsam haben.
„Das alte abgebrannte Schulhaus war zur
^«lfte ein kleines Bauernhaus mit Dreschdiele
sind Strohdach, wogegen der Schulanbau mit
^olzschindeln gedeckt war.
, Die Lehrerbesoldung war damals keine be
nders günstige, indem dieselbe zum Teil in
sijsichlieferung (Korn, Heu und Stroh) bestand.
Aein Vater mußte bei seiner großen Familie
sieben Unterricht (bis zu 80 Schulkindern) auf
şwjtt zugehörigen Schulland Ackerbau und
^lehzucht betreiben. Die Gespannarbeiten
?Nrden allerdings verdungen, wir hatten je-
»sich 4 Kühe und 4 Schweine. Erstere waren im
Wohnhaus mit untergebracht und wurden von
Tenne aus bedient, wogegen die Schweine
I einer kleinen Nebenscheune (welche kein
^pfer der Flammen wurde) lagen.
n.Mein Vater begab sich an einem schulfreien
Mchwittag, in Begleitung eines Landwirtes
,«s dem Dorfe Brinjahe, auf eine Geschüfts-
csiìir nach dem 2 Stunden entfernten Kirchdorf
Mevenstedt.
r kleine sei. Mutter versammelte nach voll-
rachter Tagesarbeit ihre 8 Kinder im Alter
K bis 15 Jahren um sich. Sie saß fleißig
ihrer Nähmaschine, um für mich einen
euen Schulanzug anzufertigen, und das war
Grund meiner vielen Wünsche nicht so
j. «fach; denn große Kugeltaschen und nicht gar
Beine waren ja die Hauptsache. Zur
Ņ«îu Freude erhielten wir jeder eine weiche
Riesenbirne aus Vaters Vorratskammer zu
gesteckt,' ich allerdings verbarg sie, um damit,
samt meiner neuen Hose, am nächsten Tage
prahlen zu können. Leider sollte alles schnell
anders kommen. Nachdem die Schularbeiten
beendet und wir unserer Mutter noch ein
„Stille Nacht, heilige Nacht" gesungen hatten,
begaben sich meine Geschwister zur Nachtruhe.
Die vier älteren hinaus in ein kleines Stüb
chen an der Dreschdiele, wogegen ich noch ein
halbes Stündchen Modell zu meiner neuen
Hose stehen mußte.
Es mag 11 Uhr nachts gewesen sein, als
meine Mutter durch klagendes Geheul unse
res langhaarigen, schwarzen Pudels (gleichen
Namens) aus dem Schlafe aufgeschreckt wird.
Sie wirft sich ein notdürftiges Kleidungsstück
über, zündet Licht an und begibt sich zur
Tenne hinaus, woselbst unser Haushund sein
Strohlager hatte. Das treue Tier springt heu
lend und winselnd an meiner Mutter empor,
so daß ihr zunächst der Gedanke kommt, daß
sich Spitzbuben an der Räucherkammer zu
schaffen machen. Ein Blick zur Bodenluke hin
auf aber zeigt ihr, daß die Futtervorräte bren
nen. Sie weckt sofort die älteren Geschwister
mit den Worten: „Kinder, steht schnell auf,
unser Haus brennt!" Als die Mutter wieder
in die Stube eilt, um auch ihre vier kleineren
Kinder in Sicherheit zu bringen, bricht sie ohn
mächtig und stöhnend zusammen; davon er
wache ich im Schlafgemach und versuche nach
Kräften, sie wieder aufzurichten. Sie gibt mir
den Auftrag/ schnell aus dem brennenden
Hause zu eilen, aber nicht unter die Bodenluke
zu kommen, sondern den Ausgang durch das
Schulzimmer zu nehmen, damit ich nicht etwa
von herunterrieselndem Feuer aus der Boden
luke verletzt würde. Nur mit dem Hemd be
kleidet, kam ich an die Ausgangstttr des Klas
senzimmers, aber — gefangen; meine Beine
waren noch zu kurz, als daß ich den Ueber-
wurfhaken Hütte erreichen können. Inzwischen
hatten die Flammen schon das Dach durchschla
gen, und brennend flog dasselbe an der Fen
sterfront herab, so daß ich keinen Sprung aus
dem Fenster riskierte. Für einen evtl. Rück
weg hatte meine Mutter mich auch zu sehr ge
ängstigt, weshalb ich meinen Bankplatz in der
Klasse einnahm, das Gesicht mit den Armen
auf dem Schultisch verdeckte und so jeden
Augenblick den Tod erwartete.
Meine Mutter hatte unterdessen noch die
jüngeren Geschwister über die Tenne beför
dern und an die älteren im Freien abgeben
können. Schreck und Aufregung brachten trotz
dem Kopflosigkeit mit sich, weshalb die Mutter
ihr Schlüsselbund nicht fand und keinerlei
Wertsachen und Kleidung retten konnte. Als
ihr nunmehr auch der Tenneuausgang durch
herabfallendes Feuer versperrt war und sie
denselben Ausgang wie ich wühlen mußte, kam
auch meine Rettung. Die Leser werden sich den
ken können, daß ich meine Freude nicht schil
dern kann, als ich endlich ins Freie kam und
hier auch meine Geschwister, sämtlich barfuß
im Nachthemd, wiedersah. Frau Holle war uns
auch sehr gnädig, indem sie uns mit einem
leichten Schneewind umhüllte.
In dem guten Glauben der Mutter, daß sie
nunmehr alle ihre Lieben gerettet habe, gab sie
meinem ältesten Bruder den Auftrag, unsern
einzigen Nachbar (ein Zimmermann und guter
Deutscher von echtem Schrot und Korn) zur
Hilfe zu rufen, damit das Vieh noch aus dem
brennenden Hause gerettet werden könne. Ich
sehe ihn noch im Geiste, eine Hünengestalt, nur
mit Hose bekleidet und der Axt bewaffnet, ge
eilt kommen. Sofort ging es an die Rettung
der Kühe, und das war ein schweres Werk,
denn die Tiere warfen sich (wegen des starken
Qualms von der Tenne aus) in die Ketten zu
rück. Es war deshalb auch nicht zu verwundern,
daß die Mutter bei dem Vortreiben der erreg
ten Tiere in dem verqualmten Stall wiederum
einen Ohnmachtsanfall erlitt und von dem
Nachbar herausgetragen werden mußte.
Kaum hatte sie sich erholt, als sie trotz des
Flehens ihrer Kinder wieder in das brennende
Haus stürzte, um dem Nachbarn behilflich zu
sein. Endlich waren auch die Tiere ins Freie
gebracht, aber wir Kinder hatten Not, dieselben
zurückzutreiben und auf eine nahe Koppel zu
jagen.
Die Glut des brennenden Hauses war
enorm, der Wind ließ ein Herankommen nur
von einer Seite zu, weshalb der Nachbar die
Fensterkreuze der kleinen Dielenstube zer
trümmerte, um noch einige Betten in Sicher
heit zu bringen. Bei dieser schnellen Arbeit er
lebten wir das Wunder der Rettung meines
Bruders, den wir sämtlich noch nicht vermißt
hatten; der Nachbar hatte ihn nämlich samt
den Betten auf den Hof hinausgeworfen. Ja,
sein Schlaf war so fest, daß er sich noch unge
halten äußerte, ihn so erbarmungslos im
Schlaf zu stören.
Diese letzte Rettungstat setzte dem Werk die
Krone auf, denn kurz darauf stürzte der
Schornstein mit einem gewaltigen Getöse zu
sammen, so daß eine hohe Feuersäule wohl die
Spitzen der riesigen Buchen des angrenzenden
Waldes erreichen mochte.
Als unser Vater eintraf, lagen wir Kinder
schon in den warmen Betten der Nachbarn.
Der süßeste Trost für ihn mag wohl gewesen
sein, daß von den Häuptern seiner Lieben nicht
eines gefehlt hat. Daß ich ihm das Herz schwer
gemacht habe mit der Frage: „Wo stellt denn
nun der Weihnachtsmann unsern Tannen
baum hin?" Das habe ich noch oft zu hören be
kommen.
Spätes Eintreffen der Feuerwehr aus dem
Dorfe Embühren ist wohl gut erklärlich, weil
das Feuer in später Stunde ausbrach und der
Wald die Sicht benimmt. Ich weiß jedoch, daß
die Leute getan haben, was sie konnten, denn
sämtliche Schulutensilien konnten in Sicherheit
gebracht werden. Der Versuch, noch Mobiliar
meiner Eltern zu retten, mißlang. Dabei zog
sich ein braver Gravelotte-Kämpfer noch er
hebliche Brandwunden zu.
Wir Kinder blieben so lange in den Nach
barbetten, bis hilfsbereite Dorfbewohner uns
Kleidungsstücke schenkten.
Die Brandursache wurde im allgemeinen auf
Funkenauswurf und Schadhaftigkeit des
Schornsteins zurückgeführt.
Die Eltern fanden in einer Leibzucht des
Dorfes Embüren eine Wohnung, woselbst auch
eine große, leerstehende Tischlerwerkstatt als
Schule eingerichtet wurde. Die Unterrichtsver-
hültnisse waren hier allerdings die denkbar
schlechtesten, zumal hier die Dorfschmiede nebst
Pohnung und Stallung mit ein- und angebaut
war. Wegen Raummangel erhielten die älte
ren Schulkinder vormittags und die jüngeren
nachmittags Unterricht, weshalb mein Vater
täglich viermal (mit Geige und Schulheften)
durchs Dorf zu wandern hatte. Endlich nach
drei Jahren, im Jahre 1890, konnte das neue
Schulhaus in Freudenberg eingeweiht und be
zogen werden.
Unterhaltungsbeilage zur »Schleswig-Holsteinischen
Landeszeitung,
Rendsburger Tageblatt" Rendsburg, den 25. Mai 1936