Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

D§r Garten der Seele 
muß es wohl sein: 
^ die Seele gepflügt und eingesät, — 
«13 die Decke des Glaubens gebreitet, 
rs die Saat in der Sonne des Tages steht 
J* Himmel entgegengebreitet; 
. Xt e6e verschnitten und Ranken gebogen, 
ie am Spalier der Schmerzen gezogen, 
iMmen in göttliches Licht empor! 
.gezüchtet im Wetter der Leiden, 
„ 0 karg und fahl die Sonne der Freuden 
°M aus Wolken der Trübsal hervor,' — 
hochgezüchtet im Sturme der Leiden 
lat sie des edelsten Gärtners Hand, 
sie des mächtigsten Gärtners Wille, — 
. in die Seele — in drängender Fülle 
M unübersehbar blühendes Land, — 
Achtend in Farben und glanzüberhellt 
M Pfingsthauch schauert, der über die Welt 
am Himmel tauend herniederfällt. 
Agnes Gröhe. 
â 
OKNshalt der Seele 
»Haushalt der Seele": wundervolles Bild. 
Haushalt in unserem Innern, wie der, der 
sisi? umgibt, ein Haushalt mit Schubfächern und 
^hken und Kasten, in denen allerhand aufgespei- 
^ert liegt, versteckt, vergessen und versunken, 
ļelleicht auch schon verstaubt; aufbewahrt zu 
guter Erinnerung das eine, immer wieder lästig. 
j? e nn man darauf stößt, das andere. Unser Hof- 
und Wünschen, unser Hasten und Lieben, un- 
i-r Denken und Sinnen, sie machen den Haus 
halt der Seele aus. 
Äst immerOrdnung darin? Gewissensfrage! Es 
gcht ihr wohl mancher gern aus dem Wege, denn 
mlerlei Stimmen ruft sie wach, und nicht alle haben 
^utes und Erfreuliches zu sagen. 
Sicher: man hat im allgemeinen Ordnung 
Ehalten, auch hier. Allzu große Schlacken und 
Schäden finden sich kaum, man ist ja doch ein 
Inständiger Mensch" und hat niemals wissent- 
sich etwas Unrechtes getan, aber selbstverständ- 
k'ch: allerhand kleine Unstimmigkeiten sind doch 
«a. schließlich ist man ja eben auch nur »Mensch" 
sisid hat seine Fehler und Schwächen. Denken 
Ģ>r schon nicht weiter daran. 
şi^Aber wie ist es im täglichen Haushalt um uns? 
Zacher, die nicht gestopft werden, reißen weiter, 
Schaden, der nicht rechtzeitig beseitigt wird, 
k^lßt um sich und stiftet immer größeren Schaden 
si"- Sollte es im »Haushalt der Seele" anders 
sein? 
Ein großes Fest soll kommen; durch Küche und 
Keller, durch alle Zimmer geht die Hausfrau und 
putzt und kehrt, in die verborgensten Ecken leuch- 
tet sie hinein und treibt hinaus, was sich da an 
Unrat angesammelt hat. Bis in die entlegensten 
Winkel soll das Haus blink und blank sein, wenn 
der Festtag naht, und der Haushalt der Seele 
sollte liegen bleiben, wie — er liegt? 
Da kommt eine stille Stunde, die grobe Arbeit 
ist getan, die fleißigen Hände ruhen, man hat ein 
paar Minuten Zeit, hinabzutauchen in seine tief 
sten Innerlichkeiten. »Großreinemachen" vielleicht 
auch da. Es hat sich bestimmt manches angesam 
melt, das ein Blankputzen und Entstauben gut 
vertragen könnte. Gleichgültigkeit und Alltags 
trott, was haben sie aus der einst so schönen und 
strahlenden Liebe zwischen Mann und Frau 
gemacht, eine dicke Staubschicht liegt darüber, 
kaum kann man noch sehen, wie sie einst geglänzt 
und geleuchtet hat, ein paarmal hinübergefahren 
mit gutem Zurückwollen, und schon ist das alte 
Prunkstück wieder da, und man nimmt es stolz 
zärtlich mit bis an den besten Lebensplaß. Und 
liegen da nicht allerhand böse Erinnerungen um 
her? Gleichgültigkeit, Verständnislosigkeit, was 
für dicke Rostschichten haben sie gezogen über 
alte Freundschaft, über die Beziehungen nächster 
Menschen zueinander. 
Wieviel böse Worte sind gesprochen, vielleicht 
nur in einem ersten, raschverlodernden Zorn, und 
wie sorglich hat man sie aufbewahrt, mit wieviel 
zerfressendem Haß hat nachbrütender Groll sie 
überzogen. Wieviel eigene Schuld türmt sich auf, 
häßlich und modrig geworden im Laus der Jah 
re? Wenn man alles hinauswerfen könnte, wie 
den wertlosen Plunder der Trödelkammer, Licht 
käme auch hier in die dunkelsten Ecken, das war 
me, reinigende und verklärende Licht versöhnlicher 
Liebe, das große Verzeihen und Vergessen und 
das Um-Verzeihung-bitten°Wollen. das erst den 
echten Feftfrieden mit sich bringt.Ordnung machen 
im Haushalt der Seele, es ist mitunter schwer, 
aber für uns selber wichtig, wichtiger vielleicht 
noch als das — große Reinemachen »in Hof und 
Haus". 
Şîn LiLî§uerÄN-Wrî§f 
Die Liebe des jungen Liliencron war die mittel 
lose siebzehnjährige Helene v. Bodenhausen. 
Ihretwegen gab er den Ossiziersberuf auf. Lilien 
cron aber muß verzichten, er geht nach Amerika, 
Afrika: als er zurückkommt, heiratet er Helene v. 
Bodenhausen. Das Hamburger Glück dauert 
aber nur ein Jahr. Schulden, der ewige Gerichts 
vollzieher und die Verschiedenartigkeit der Cha- 
raktere ließen ein Zusammenleben nicht zu. Die 
Ehe wurde geschieden. Die Briefe an seine Braut 
und spätere Frau werfen nicht nur auf die Zeit 
der Jahrhundertwende und ihre Zustände interes 
sante und scharfe Lichter, sondern enthüllen uns 
auch ganz den Menschen und Dichter Liliencron. 
Darum sei hier ein Brief aus dem Jahre 1879 
wiedergegeben. Es ist das Jahr, in dem der 
Offizier Liliencron versucht, im Verwaltungs 
dienst eine Lebensmöglichkeit zu finden. 
Borby bei Eckernförde, den 7. Oktober 1879. 
.. . Ich wohne hier, habe zwei Stuben, die 
ganz reizend sind, und unmittelbar (zehn Schritt) 
vor mir rauscht das ewige Meer, lieber die 
Bucht hinüber schaue ich auf Wulsshagen, Sehe- 
stedt, Alt-Bülk und Hütten, prachtvolle Güter, 
die eigentlich Deine Morgengabe hätten sein 
sollen. Die Familie Förster, bei der ich wohne, 
ist ganz reizend, das heißt gute, nette, ordentliche 
Bürgersleute. Singen und beten viel und haben 
sich nach und nach auf ihrem Bedienten- und 
Kammerjungferleben ein Bedeutendes erschwun 
gen, so daß sie sich dies Gewese kauften. Die 
Uhrmacherfrau Dobbrow (Bismarckstraße 1) 
in Görlitz ist die Schwester meiner guten hiesi 
gen Wirtin, und ich bitte Dich, Deinen Hochmut- 
kopf einmal ruhen zu lassen und zu Frau Dobbrow 
zu gehen und ihr zu sagen, daß ich es hier sehr 
gut habe. (Ich höre die Weiden rauschen, die 
See schlägt die Wellen auf den Sand.) In betreff 
des Geldpunktes so im nächsten Briefe. Ich sitze 
natürlich in tausend Aengsten. Darüber später. — 
Gestern war ein langweiliger Wirtshaustanz 
zwischen gebratenen Enten. Wahlgeschrei, Eckern- 
förder Spießbürgern und Commis voyageurs. 
Heute morgen fing die Arbeit an. Täglich von 
8—12 und 2—6. Recht langweilig! Doch hat der 
kleine Gardeoffizier Landrat Gott sei Dank etwas 
Geist — während der Kreissekretäc und das 
Bureaupersonal mir stets unendlichen Stoff zum 
innern Lachen geben. Wenn Du gesehen hättest, 
mit welcher Feierlichkeit ich heute inauguriert 
wurde, so hättest selbst Du lachen müssen. Das 
Mittelalter war nichts dagegen. Der Kreissekre 
tär — ein echter altpreußischer Bureaukrat mit 
seiner Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Treue, Ehrlich 
keit und zugleich jene unglaublich lächerliche 
Ueberhebung, die mir so viel Stoff zu boshaften 
Epigrammen gibt. Heute morgen meine Vereidi 
gung. Die Sachen, die ich bearbeite, sind gleich», 
falls von so fabelhafter Kleinkrämerlichkeit, daß 
ich mich aufs äußerste zusammennehmen muß, um 
ernst zu bleiben. Ab und zu-erfrischt Baron Reck 
mit einem Kalauer, dann runzelt der pflichtgetreue 
Kanzleisekretär die Amtsstirn. Nun, auch darüber 
kommt man hinaus. 
Dann heute nachmittag Diner beim Baron. 
Ich traf nur seine Mutter. Grenzenlos (Du bist 
eine Puppe dagegen) adelstolz, vornehm. Ich 
redete sie »Gnä' Frau" an, hörte aber dann den 
Diener »Erlaucht" sagen und titulierte sie dann 
so. Also ein Stolberg. Das Diner war langwei 
lig. »Madame" nicht sehr gesprächig. Ich — 
gänzlich Junker und »Kreuzzeitung". Machte 
prinzliche Verbeugungen. Sprach gewählt. Ensin: 
wurde sehr gnädig entlassen. Dann kaufte ich 
mir eine lange Pfeife und war sehr glücklich, 
daß ich sie rauchen konnte. Ein gewisses behag 
liches Gefühl der Freiheit kam über mich. ... 
Dann ging ich am »Gestade", dachte viel an Dich 
und hatte himmlische Gedanken und Verse. Mö 
wen und See und Wind und wundervolle 
Waldesufer begleiten mich. — Wenn Du nicht 
so fürchterlich spießbürgerliche Ansichten hättest, 
lieb Lenchen. Das ist der Haken bei uns. Ich ver 
stehe sie nicht, und Du kannst wohl etwas ein 
sichtsvoller sein, weil — ich ein Dichter bin. 
Uebermorgen fahre ich mit Baron Reck zu Graf 
Noer und Graf Reventlow. Ich sehe dem kleinen 
Landrat an, daß er entzückt über mich ist. Du 
weißt, wie höllisch vornehm ich aussetzn und sein 
kann. Gruß an unser lieb Mamachen und le 
monde. Schreibe bald 
Deinem Bräutigam Fritz. 
Briefkasten. 
Unser Landsmann Friedrich Gribbohm in 
Nowawes bei Potsdam, Lützowstraße 18, bit 
tet mich, folgende Notiz zu bringen: „Allen 
Landsleuten, welche Mühe und seelische Er 
regungen nicht scheuten, meine Frage in 
H.E. Nr. 2 („Brachte die Sonne es an den 
Tag?") zu beantworten, sage ich meinen herz 
lichen Dank." Diesem Wunsche komme ich hier 
mit gern nach. 
Von Herrn Gribbohm, dessen Vater Lehrer 
in Frendenberg war, bringen wir in heuti 
ger Nummer die Schilderung vom Brande des 
dortigen Schulhauses. Bei der Gelegenheit 
wiederhole ich die Bitte, Erlebnisse aus alter 
Zeit, soweit sie weitere Kreise interessieren 
können, aufzuschreiben und uns einzusenden. 
Es liegt bereits allerhand vor, was nach und 
nach erscheinen wird. „Mit nichts geht der 
Mensch liederlicher um als mit seinen Erin 
nerungen" sagt Hölderlin. Und so sollte es 
nicht sein. 
Endlich gebe ich den Inhalt einer Postkarte 
wieder, die ich dieser Tage von Herrn Grib 
bohm erhielt: „Vielleicht haben Landsleute die 
Absicht, die Olympiaspiele in Berlin zu besu 
chen. Da ich auch Unterkunft und drei Betten 
gemeldet habe, nehme ich mit Vorliebe Lands 
leute aus und würde gerne Führer für Pots 
dam und Umgegend sein." Meines Wissens 
liegt Nowawes an der Bahnstrecke Berlin- 
Potsdam, also verhältnismäßig günstig für 
Olympiadebesucher. I. K. 
Şàs gTKuerrlMfêe Nêcht 
Mrd WķdLrberre NeLtŅg 
Von Fried r. Gribbohm. 
Im nächsten Jahre (kurz vor Weihnachten) 
Werden 80 Jahre verstrichen sein, als mein 
Geburtshaus, das alte Schulgebäude zu Freu- 
venberg, im Kreise Rendsburg, ein Opfer der 
Şammcn wurde. Ich zählte damals kaum 8 
sichre, und doch liegt mir das grauenvolle Er 
wins noch so klar im Gedächtnis, daß ich es 
«'ohl wert erachte, die älteren Landsleute dar- 
M zu erinnern. Oertlich Unbekannten möchte 
«9 vorweg bemerken, daß das Schulhaus eines 
schönstbelegensten unserer Heimatprovinz 
,ll, weil die Kinder ihren Spiel- und Turnplatz 
sin Walde (Haaler Gehege) haben. Leider ist 
Ir Schulweg weit, weil drei Dörfer im Um 
reis von etwa 4 Kilometer diese Schule ge 
meinsam haben. 
„Das alte abgebrannte Schulhaus war zur 
^«lfte ein kleines Bauernhaus mit Dreschdiele 
sind Strohdach, wogegen der Schulanbau mit 
^olzschindeln gedeckt war. 
, Die Lehrerbesoldung war damals keine be 
nders günstige, indem dieselbe zum Teil in 
sijsichlieferung (Korn, Heu und Stroh) bestand. 
Aein Vater mußte bei seiner großen Familie 
sieben Unterricht (bis zu 80 Schulkindern) auf 
şwjtt zugehörigen Schulland Ackerbau und 
^lehzucht betreiben. Die Gespannarbeiten 
?Nrden allerdings verdungen, wir hatten je- 
»sich 4 Kühe und 4 Schweine. Erstere waren im 
Wohnhaus mit untergebracht und wurden von 
Tenne aus bedient, wogegen die Schweine 
I einer kleinen Nebenscheune (welche kein 
^pfer der Flammen wurde) lagen. 
n.Mein Vater begab sich an einem schulfreien 
Mchwittag, in Begleitung eines Landwirtes 
,«s dem Dorfe Brinjahe, auf eine Geschüfts- 
csiìir nach dem 2 Stunden entfernten Kirchdorf 
Mevenstedt. 
r kleine sei. Mutter versammelte nach voll- 
rachter Tagesarbeit ihre 8 Kinder im Alter 
K bis 15 Jahren um sich. Sie saß fleißig 
ihrer Nähmaschine, um für mich einen 
euen Schulanzug anzufertigen, und das war 
Grund meiner vielen Wünsche nicht so 
j. «fach; denn große Kugeltaschen und nicht gar 
Beine waren ja die Hauptsache. Zur 
Ņ«îu Freude erhielten wir jeder eine weiche 
Riesenbirne aus Vaters Vorratskammer zu 
gesteckt,' ich allerdings verbarg sie, um damit, 
samt meiner neuen Hose, am nächsten Tage 
prahlen zu können. Leider sollte alles schnell 
anders kommen. Nachdem die Schularbeiten 
beendet und wir unserer Mutter noch ein 
„Stille Nacht, heilige Nacht" gesungen hatten, 
begaben sich meine Geschwister zur Nachtruhe. 
Die vier älteren hinaus in ein kleines Stüb 
chen an der Dreschdiele, wogegen ich noch ein 
halbes Stündchen Modell zu meiner neuen 
Hose stehen mußte. 
Es mag 11 Uhr nachts gewesen sein, als 
meine Mutter durch klagendes Geheul unse 
res langhaarigen, schwarzen Pudels (gleichen 
Namens) aus dem Schlafe aufgeschreckt wird. 
Sie wirft sich ein notdürftiges Kleidungsstück 
über, zündet Licht an und begibt sich zur 
Tenne hinaus, woselbst unser Haushund sein 
Strohlager hatte. Das treue Tier springt heu 
lend und winselnd an meiner Mutter empor, 
so daß ihr zunächst der Gedanke kommt, daß 
sich Spitzbuben an der Räucherkammer zu 
schaffen machen. Ein Blick zur Bodenluke hin 
auf aber zeigt ihr, daß die Futtervorräte bren 
nen. Sie weckt sofort die älteren Geschwister 
mit den Worten: „Kinder, steht schnell auf, 
unser Haus brennt!" Als die Mutter wieder 
in die Stube eilt, um auch ihre vier kleineren 
Kinder in Sicherheit zu bringen, bricht sie ohn 
mächtig und stöhnend zusammen; davon er 
wache ich im Schlafgemach und versuche nach 
Kräften, sie wieder aufzurichten. Sie gibt mir 
den Auftrag/ schnell aus dem brennenden 
Hause zu eilen, aber nicht unter die Bodenluke 
zu kommen, sondern den Ausgang durch das 
Schulzimmer zu nehmen, damit ich nicht etwa 
von herunterrieselndem Feuer aus der Boden 
luke verletzt würde. Nur mit dem Hemd be 
kleidet, kam ich an die Ausgangstttr des Klas 
senzimmers, aber — gefangen; meine Beine 
waren noch zu kurz, als daß ich den Ueber- 
wurfhaken Hütte erreichen können. Inzwischen 
hatten die Flammen schon das Dach durchschla 
gen, und brennend flog dasselbe an der Fen 
sterfront herab, so daß ich keinen Sprung aus 
dem Fenster riskierte. Für einen evtl. Rück 
weg hatte meine Mutter mich auch zu sehr ge 
ängstigt, weshalb ich meinen Bankplatz in der 
Klasse einnahm, das Gesicht mit den Armen 
auf dem Schultisch verdeckte und so jeden 
Augenblick den Tod erwartete. 
Meine Mutter hatte unterdessen noch die 
jüngeren Geschwister über die Tenne beför 
dern und an die älteren im Freien abgeben 
können. Schreck und Aufregung brachten trotz 
dem Kopflosigkeit mit sich, weshalb die Mutter 
ihr Schlüsselbund nicht fand und keinerlei 
Wertsachen und Kleidung retten konnte. Als 
ihr nunmehr auch der Tenneuausgang durch 
herabfallendes Feuer versperrt war und sie 
denselben Ausgang wie ich wühlen mußte, kam 
auch meine Rettung. Die Leser werden sich den 
ken können, daß ich meine Freude nicht schil 
dern kann, als ich endlich ins Freie kam und 
hier auch meine Geschwister, sämtlich barfuß 
im Nachthemd, wiedersah. Frau Holle war uns 
auch sehr gnädig, indem sie uns mit einem 
leichten Schneewind umhüllte. 
In dem guten Glauben der Mutter, daß sie 
nunmehr alle ihre Lieben gerettet habe, gab sie 
meinem ältesten Bruder den Auftrag, unsern 
einzigen Nachbar (ein Zimmermann und guter 
Deutscher von echtem Schrot und Korn) zur 
Hilfe zu rufen, damit das Vieh noch aus dem 
brennenden Hause gerettet werden könne. Ich 
sehe ihn noch im Geiste, eine Hünengestalt, nur 
mit Hose bekleidet und der Axt bewaffnet, ge 
eilt kommen. Sofort ging es an die Rettung 
der Kühe, und das war ein schweres Werk, 
denn die Tiere warfen sich (wegen des starken 
Qualms von der Tenne aus) in die Ketten zu 
rück. Es war deshalb auch nicht zu verwundern, 
daß die Mutter bei dem Vortreiben der erreg 
ten Tiere in dem verqualmten Stall wiederum 
einen Ohnmachtsanfall erlitt und von dem 
Nachbar herausgetragen werden mußte. 
Kaum hatte sie sich erholt, als sie trotz des 
Flehens ihrer Kinder wieder in das brennende 
Haus stürzte, um dem Nachbarn behilflich zu 
sein. Endlich waren auch die Tiere ins Freie 
gebracht, aber wir Kinder hatten Not, dieselben 
zurückzutreiben und auf eine nahe Koppel zu 
jagen. 
Die Glut des brennenden Hauses war 
enorm, der Wind ließ ein Herankommen nur 
von einer Seite zu, weshalb der Nachbar die 
Fensterkreuze der kleinen Dielenstube zer 
trümmerte, um noch einige Betten in Sicher 
heit zu bringen. Bei dieser schnellen Arbeit er 
lebten wir das Wunder der Rettung meines 
Bruders, den wir sämtlich noch nicht vermißt 
hatten; der Nachbar hatte ihn nämlich samt 
den Betten auf den Hof hinausgeworfen. Ja, 
sein Schlaf war so fest, daß er sich noch unge 
halten äußerte, ihn so erbarmungslos im 
Schlaf zu stören. 
Diese letzte Rettungstat setzte dem Werk die 
Krone auf, denn kurz darauf stürzte der 
Schornstein mit einem gewaltigen Getöse zu 
sammen, so daß eine hohe Feuersäule wohl die 
Spitzen der riesigen Buchen des angrenzenden 
Waldes erreichen mochte. 
Als unser Vater eintraf, lagen wir Kinder 
schon in den warmen Betten der Nachbarn. 
Der süßeste Trost für ihn mag wohl gewesen 
sein, daß von den Häuptern seiner Lieben nicht 
eines gefehlt hat. Daß ich ihm das Herz schwer 
gemacht habe mit der Frage: „Wo stellt denn 
nun der Weihnachtsmann unsern Tannen 
baum hin?" Das habe ich noch oft zu hören be 
kommen. 
Spätes Eintreffen der Feuerwehr aus dem 
Dorfe Embühren ist wohl gut erklärlich, weil 
das Feuer in später Stunde ausbrach und der 
Wald die Sicht benimmt. Ich weiß jedoch, daß 
die Leute getan haben, was sie konnten, denn 
sämtliche Schulutensilien konnten in Sicherheit 
gebracht werden. Der Versuch, noch Mobiliar 
meiner Eltern zu retten, mißlang. Dabei zog 
sich ein braver Gravelotte-Kämpfer noch er 
hebliche Brandwunden zu. 
Wir Kinder blieben so lange in den Nach 
barbetten, bis hilfsbereite Dorfbewohner uns 
Kleidungsstücke schenkten. 
Die Brandursache wurde im allgemeinen auf 
Funkenauswurf und Schadhaftigkeit des 
Schornsteins zurückgeführt. 
Die Eltern fanden in einer Leibzucht des 
Dorfes Embüren eine Wohnung, woselbst auch 
eine große, leerstehende Tischlerwerkstatt als 
Schule eingerichtet wurde. Die Unterrichtsver- 
hültnisse waren hier allerdings die denkbar 
schlechtesten, zumal hier die Dorfschmiede nebst 
Pohnung und Stallung mit ein- und angebaut 
war. Wegen Raummangel erhielten die älte 
ren Schulkinder vormittags und die jüngeren 
nachmittags Unterricht, weshalb mein Vater 
täglich viermal (mit Geige und Schulheften) 
durchs Dorf zu wandern hatte. Endlich nach 
drei Jahren, im Jahre 1890, konnte das neue 
Schulhaus in Freudenberg eingeweiht und be 
zogen werden. 
Unterhaltungsbeilage zur »Schleswig-Holsteinischen 
Landeszeitung, 
Rendsburger Tageblatt" Rendsburg, den 25. Mai 1936
	        
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