8 Jahre Zuchthaus für Pater Leovigill
DNB. Koblenz, 27. Mai. Am Mittwoch kurz
vor 13 Uhr wuröe das Urteil gegen die ersten
Angeklagten in dem großen Sittlichkeitsprozeß
gegen die Ordensbrüder verkündet.
Der Angeklagte Bernhard Steinhoff (ge
nannt Bruder Leovigill) wurde wegen fort
gesetzten Verbrechens gegen 8 174, Ziffer 1, in
Tateinheit mit fortgesetztem Vergehe» gegen
§ 17g in neun Fällen zu einer Gesamtstrafe
von acht Jahren Zuchthaus verurteilt. In zwei
Fällen ist das Verfahren eingestellt worden.
Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden dem An
geklagten Steinhoff auf die Dauer von zehn
Jahren aberkannt. Auf die erkannte Strafe
wurden vier Monate der erlittenen Unter
suchungshaft angerechnet.
Der Angeklagte Wilhelm Schröder wurde
wegen fortgesetzten Vergehens gegen 8 175
Strafgesetzbuch zu einer Gefängnisstrafe von
fünf Monaten verurteilt, wobei drei Monate
der erlittenen Untersuchungshaft angerechnet
werden.
Der jugendliche Angeklagte Heinrich Br.
wurde wegen fortgesetzten Vergehens gegen
8 175 zu einer Gefängnisstrafe von vier Mo
naten unter Anrechnung von zwei Monaten
der Untersuchungshaft verurteilt.
Der ebenfalls jugendliche Angeklagte Fritz
B. wuröe wegen fortgesetzten Vergehens gegen
8 175 zu einer Gefängnisstrafe von zwei Mo
naten verurteilt.
Die Kosten des Verfahrens wurden, soweit
Einstellung erfolgte, der Staatskasse, im übri
gen den Angeklagten auferlegt. Der Haftbefehl
gegen den Angeklagten Schröder wurde auf
gehoben.
Die Strafanträge der Staatsanwaltschaft.
DNB. Koblenz, 27. Mai. Zu Beginn der
Verhandlungen wurde die Oeffentlichkeit wie
der hergestellt. Sodann ergriff Oberstaatsan
walt Hattingen (Bonn) das Wort zu einem
längeren Plaidoyer: Von den etwa 600 Klo
sterbrüdern der Franziskanergemeinschaft, die
sich in ganz Deutschland in etwa 20 Nieder
lassungen befinden, stehen mehr als die Hälfte
wegen schwerer Sittlichkeitsverbrechen vor Ge
richt. Der Generaloberer bzw. sein Stellvertre
ter befinden sich im Auslande, auch, um sich
dem Arm der Gerechtigkeit zu entziehen, wenn
auch nicht wegen Straftaten in Zusammenhang
mit diesem Prozesse. Der Kreis der Beteilig
ten hat mit der Zeit einen derartigen Umfang
angenommen, daß es nicht möglich war, diese
Dinge mit dem ordentlichen Behördenapparat
zu erledigen. Das Dritte Reich bleibt aber bei
der Bekämpfung solcher Sachen nicht aus hal
bem Wege stehen. Es wurden ein Sonderkom
mando der Staatspolizei und eine Zentral
staatsanwaltschaft in Berlin eingesetzt. Bei
dem Umfang, den die Ermittlungen ergaben,
war es nicht möglich, sämtliche Dinge in einer
Anklage zusammenzufassen. Wir mußten die
Dinge in Einzelprozesse auflösen. Dem daraus
erwachsenden Vorteil steht allerdings der Nach
teil gegenüber, daß die Tatbestände in Ein
zelverhandlungen immer nur flüchtig gewür
digt werden können im Hinblick auf die großen
Zusammenhänge, denn es kommt nicht allein
darauf an, den konkreten Tatbestand in jedem
Einzelprozeß herauszuheben, sondern zu er
kennen, daß es sich um einen Angriff gegen die
Grundlagen -es völkischen Staates handelt,
dessen Endziel die Kraft und die Gesundheit
des ganzen Volkes sein muß.
Der Oberstaatsanwalt ging dann auf die
Straftaten und Verbrechen des Angeklagten
Pater Leovigill ein. Wie sei es möglich, daß
derartige Dinge einen derartigen Umfang an
nehmen und daß sie Jahrzehnte lang hinter
Klostermauern stattfinden konnten unter dem
Schutz eines Gewandes, das durch das Konkor
dat dieselbe Anerkennung und denselben
Schutz genießt wie das Kleid des Soldaten.
Die unverfälschte Stimme des Volkes habe
in den Zeugenaussagen des Fleischermeisters
aus Warendorf gesprochen, der erst im blinden
Vertrauen das Ordenskleid geehrt hatte, über
die Untaten aber drastische Worte der Empö
rung gefunden habe. Erschütternd waren auch
die Aussagen des Bruders Alexanders über
seinen Leidensweg gewesen. Er habe sich nach
sieben verschiedenen Ordensniederlassungen
versetzen lassen, immer auf der Flucht vor
sittlichen Angriffen. Dieses Kloster und dar
über hinaus auch die anderen Institutionen
müßten diesem Staat dankbar sein, daß er die
undankbare Aufgabe übernommen habe, diesen
Augiasstall auszumisten. Die Anklage, die sei
tens der Staatsanwaltschaft erhoben worden
ist, sei durch die Beweisaufnahme voll und
ganz erwiesen. Mehrere Taten seien als ver
jährt zu betrachten. Es handele sich dann noch
um drei Fälle des Verbrechens gegen Minder
jährige, in denen Leovigill seine priesterliche
Stellung als Beichtvater und Lehrer gegen
über Pflegebefohlenen mißbraucht habe.
Im Falle Kaiser, der der übelste dieser Fälle
sei, wo Leovigill einen armen geistesschwachen
Menschen verführte, der zu ihm beichten ging,
beantragte der Oberstaatsanwalt eine Strafe
von drei Jahren Zuchthaus, in zwei anderen
Fällen des Verbrechens gegenüber Jugend
lichen Zuchthausstrafen von je 2 Jahren, in
den übrigen Fällen Einzelstrasen von je zwei
Jahren Gefängnis.
Der Oberstaatsanwalt bat, eventuell in Er
wägung darüber einzutreten, ob gegen den An
geklagten Steinhoff (Leovigill) Sicherheitsver
wahrung anzuordnen sei, da keine Sicherheit
gegeben sei, daß dieser Mann nach seiner Ent
lassung aus dem Zuchthaus nicht wieder der
artige scheußliche Dinge treibe.
Der Oberstaatsanwalt stellte sodann den An
trag, die Einzelstrafen gegen den Angeklagten
Steinhoff (Leovigill) zu einer Gesamtstrafe von
acht Jahren Zuchthaus zusammenzuziehen. Da
neben beantragte er, dem Angeklagten die
bürgerlichen Ehrenrechte auf die Höchstdauer
von zehn Jahren abzusprechen. Ein Mann, der
sich zu solchen Verbrechen hinreißen lasse, habe
keine Ehre.
Sodann ergriff Gerichtsassessor Oebel (Kob
lenz) das Wort, um die Strafanträge gegen die
drei anderen Angeklagten zu stellen. Wenn die
anderen drei Angeklagten als Vruderaspiran-
ten auch gewissermaßen die Opfer des Paters
Leovigill gewesen seien, so hätten sie sich doch
schwerster Vergehen gegen 8 175 StrGB. schul
dig gemacht. Der Angeklagte Schröder habe sich
mehrere Male vergangen. Auch habe ein Ein
verständnis mit Leogivill vorgelegen. Er be
antrage daher gegen Schröder eine Gefängnis
strafe von sieben Monaten unter Anrechnung
von vier Monaten der erlittenen Unter
suchungshaft. Gleichzeitig beantrage er, den
gegen Schröder bestehenden Haftbefehl aufzu
heben.
Gegen den jugendlichen Angeklagten, frühe
ren Ordensbruder Fritz B., der sich von Leovi
gill mit Geld beschenken ließ und sich ebenfalls
im Sinne des 8 175 schwer vergangen hatte,
beantragte er im Hinblick auf die damalige
Jugendlichkeit des Angeklagten — B. war da
mals noch nicht 18 Jahre alt — eine Gefäng
nisstrafe von zwei Monaten.
Die Begründung des Urteils.
Zur Begründung des Urteils gegen Pater
Leovigill führte der Vorsitzende, Landgerichts
direktor van Kolwijk, u. a. aus: „In diesen
zwei Tagen haben wir versucht, einen kleinen
Ausschnitt aus den Verfahren, die uns in den
nächsten Monaten hier beschäftigen werden, zu
erforschen und die Tatsachen zu ermitteln, die
dazu dienen sollen, um ein gerechtes Urteil in
dieser Sache zu fällen. Dank der Mitwirkung
aller Prozeßbeteiligten ist es uns gelungen,
alles zur Findung der Wahrheit Nötige auf
zuzeigen. Dieser Fall hat als Besonderheit, daß
cs sich bei dem Erstangeklagten um einen ge-
lveihten Priester handelt, der unter dem Schutz
des Ordenskleides und unter Mißbrauch des
Ansehens, das ihm dieses Kleid in der Oef
fentlichkeit gewährt hat, schwere Verbrechen
begangen hat. Er hat nicht nur das Ansehen
seines Ordens und das Ansehen der Kirche
schwer gefährdet. Das wären Dinge, deren Be
urteilung anderen Stellen überlassen bleiben
muß und die die Strafkammer nichts angehen.
Aber was uns hier angeht, ist, daß er sich auf
das Schwerste gegen die deutsche Jugend, de
ren Interessen wir wahrzunehmen haben, ver-
Mit zwei Zentnern durch den Weltkrieg
Erinnerungen eines Optimisten.
Von Karl Borromäus Gröber.
(31. Fortsetzung.)
Am anderen Morgen ging es weiter. Unsere
Feinde, die Bolschewiken, die von unserem
Kommen überrascht wurden, zogen sich lang
sam gegen die Hauptstadt Helsingfors zurück.
Bevor sie die von ihnen schon so lange besetz
ten Städte und Dörfer räumten, brachteik sie
meist noch einige angesehene Bürger um, was
die Wut der Bewohner ins Unermeßliche stei
gerte. Jubelnd wurden wir überall empfan
gen, von weit her kamen die Bauern an die
Vormarschstraßen und brachten Milch, Butter
und Fleisch, um die marschierenden Soldaten
zu erquicken. Ja, in manchen Dörfern stellte
man sogar weiß überzogene Matratzen neben
der Straße auf und bat die müden Krieger,
sich für ein Viertelstündchen auszuruhen. Un
sere Mannen waren so etwas nicht gewohnt,
und man mußte schließlich einige zum Schlafen
direkt abkommandieren, um die guten Leute
nicht zu beleidigen. Besonders bestaunt wurde
die Menagerie, die wir mit uns führten. Esel
und Maultiere und die sonderbaren ungari
schen Ochsen und serbischen Büffel kannten die
Finnen nur aus der Naturgeschichte oder aus
dem Zoologischen Garten von Helsingfors.
Wenn wir in den Dörfern haltmachten, waren
wir sofort von alt und jung umlagert, die
nun das seltsame Schauspiel, uns zu sehen,
genossen.
Unsere Ankunft kam immer völlig unerwar
tet, und der Vortrab hatte oft rechte Mühe, den
guten Leuten zu erklären, daß wir als Deut
sche ihnen wohlgesinnt und zu ihrer Befrei
ung gekommen seien. Dann aber ging der helle
Jubel los, und es ist mehr als einmal vor
gekommen, daß uns die Schuljugend unter
Führung des Herrn Lehrers mit der ersten
Strophe des Deutschlandliedes, das sie in al
ler Eile eingeübt, am Dorfeingang begrüßte.
Jedes neue Quartier brachte irgend ein Er
lebnis. In der dritten Nacht unseres Vor
marsches kam ich zu einem Apotheker, der mich
mit Tränen in den Augen umarmte, ins
Quartier. Vor dem Nachtessen lud er mich und
meine Begleiter ein, ein erfrischendes Bad zu
nehmen. Was ein finnisches Bad ist, wußten
wir damals alle noch nicht. Unser Gastfreund
führte uns in ein kleines, etwas abseits vom
Hauptgebäude gelegenes Blockhaus. In einem
Copyright 1888 by Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart.
sauberen Zimmer zogen wir uns pudelnackt
aus und wurden dann in den eigentlichen Ba
deraum geführt. Dieser kam uns recht son
derbar vor. In der Ecke war eine Art Ofen,
mit glühenden Wackersteinen angefüllt, auf
gestellt. Daneben standen einige Kübel und
Krüge mit Wasser. Die eine Lüngswand des
Hauses nahm eine Empore ein, auf der ein
mit Roßhaarstoff bezogenes Kanapee stand.
Neben dem Ofen befand sich eine Tür, die sich
plötzlich öffnete und durch die das junge
Dienstmädchen des Herrn Apothekers herein
trat, zu unserem Erstaunen, wie sie der Herr
gott geschaffen. Sie ergriff eine Kanne Wasser
und leerte sie über die glühenden Steine,
so daß im Nu ein heißer, sprühender Wasser
dampf das Badezimmer erfüllte. Während wir
interessiert ihrem Treiben zusahen, erschien im
gleichen Kostüm die Frau des Apothekers und
ihr halbwüchsiges Töchterlein. Die Hitze wurde
mörderisch, und bald rann der helle Schweiß
von unseren Gliedern. Als ersten komplimen
tierte mich die junge Dame unter lautem Ge
lächter und Gekicher hinauf auf den Roßhaar
thron. Pustend streckte ich mich dort, wo die
Hitze noch viel ärger war, aus. Nun geschah
etwas, was ich wirklich nicht erwartet hatte.
Die Mädchen begannen mich von Kopf bis
Fuß mit Birkenruten zu bearbeiten. Als die
Rückseite fertig war, wurde die Vorderfront
in Kur genommen. Anfangs war mir die Ge
schichte gar nicht angenehm, die Hiebe taten
verdammt weh, aber allmählich geriet das
Blut in Wallung, die Hautporen öffneten sich,
und an Stelle der anfänglichen Schmerzen
trat ein Gefühl des Wohlbehagens, wie ich es
noch nie empfunden hatte. Nach mir kamen die
anderen an die Reihe, die Stimmung wurde
immer vergnügter und ausgelassener. Zuletzt
wurden uns Kannen mit warmem, dann mit
lauem, zuletzt mit eiskaltem Wasser über den
Kopf geleert. Die jungen Damen und der
Hausherr wälzten sich außerdem noch draußen
vor der Badehütte etwas im Schnee, wobei
wir allerdings nicht mitmachten. An jenem
Abend schmeckte uns das Nachtessen so gut wie
kaum zuvor.
Der kleinen deutschen Armee hatten sich auf
dem Vormarsch allmählich immer inehr finni
sche Freiwillige angeschlossen, stramme junge
gangen hat. Die Strafkammer kann sich vlW
entschließen, bei Steinhoff einen Mangel an
Zurechnungsfähigkeit in Betracht zu ziehen.
Er hat weder im Verlaufe der Verhandlung,
noch im Laufe seines früheren Lebens die ge
ringsten Anzeichen dafür gegeben, daß er in-
bezug auf die Verantwortlichkeit anders
behandeln ist, als jeder andere Staatsbürger.
Unter diesen Umstünden und mit Rücksicht am
die Taten kann von der Anwendung mildern
der Umstünde nicht die Rede sein. Der An
regung der Staatsanwaltschaft, die Sicherungs
verwahrung zu prüfen, hat das Gericht nicht
entsprochen. Das Gericht hat vielmehr zu den
kirchlichen Behörden und den kirchlichen Vor
gesetzten des Angeklagten das Vertrauen, daß
sie dafür sorgen werden, daß dieser Mann, der
sich so vergangen hat, nicht mehr an die Oef
fentlichkeit kommt."
„Die Taten des Paters Steinhoff gliedern
sich," so fuhr der Vorsitzende fort, „in neun
einzelne fortgesetzte Handlungen. Von diesen
neun Fällen sind drei schwere Verbrechen iw
Sinne des 8 174, 1, StGB. Er habe sich gegen
über einem geistesschwachen Zögling auf das
Schwerste vergangen. Für diesen einzelnen
Fall sei auf eine Einsatzstrafe von drei Jahren
Zuchthaus erkannt worden. In den beiden
anderen Verbrechensfällen gegenüber diesem
Verbrechen sei auf Einsatzstrafen von je zwei
Jahren erkannt worden. In den übrigen sechs
Fällen wegen Verbrechens gegen 8 176 erschie
nen Einsatzstrafen von je 2 Jahren Gefängnis
als angemessen. Unter Zusammenziehung die
ser Strafen habe die Strafkammer auf eine Ge
samtzuchthausstrafe von acht Jahren erkennen
müssen. Für diesen Menschen sei in der deut
schen Volksgemeinschaft kein Platz. Darum
habe die Strafkammer auch den Verlust der
bürgerlichen Ehrenrechte aussprechen müssen-
Gegen den letzten Angeklagten Heinrich B-,
der noch heute jugendlich ist, beantragte er
eine Gefängnisstrafe von fünf Monaten unter
Anrechnung von zwei Monaten der erlittenen
Untersuchungshaft. Br. habe sich nicht nur
lange Zeit hindurch des Vergehens gegen 8 1^
schuldig gemacht, sondern auch noch andere
Bruderaspiranten dem Pater Leovigill zu un
sittlichen Zwecken zugeführt."
Die drei Verteidiger beschränkten sich im we
sentlichen darauf, für eine mildere Beurteilung
zu plädieren.
Der Hauptangeklagte Steinhof (Pater Leovi
gill) verzichtete auf das letzte Wort. Die an
deren Angeklagten baten um mildernde Um
stände bzw. Straffreiheit.
Sodann zog sich das Gericht zur Beratung
zurück.
Kerle, und sogar einige Mädchen zogen, mit
Helm und Gewehr ausgerüstet, wacker mit.
Junge Pfadfinder untersuchten die Gleise, da
mit unser improvisierter Panzerzug sicher vor
fahren könne. Kurz, es war ein Zusammen
arbeiten zwischen der Bevölkerung und uns,
wie man es schöner nicht wünschen konnte.
Wir rückten immer weiter gegen Helsingfors
vor, und je näher wir der Hauptstadt kamen,
desto mehr schwand unsere Zuversicht. Die Kar
ten zeigten einen respektablen Kranz von
schwerbestückten Forts, von denen wir doch im
merhin annehmen mußten, daß sie vom Feinde
besetzt seien. In einem Villenvorort auf stei
ler Höhe mit weitem Blick aufs Meer, auf die
Schären und ans die Stadt in der Ferne lagen
wir im Quartier vor unserem Angriff auf die
Stadt selbst. Ich war bei einem Üniversitäts-
professor, einem Juristen, einquartiert. Am
Abend saßen wir Kameraden gemütlich mit
ihm zusammen, und unser Gastgeber erkun-
digte sich sehr genau nach unseren Berufen.
Dann holte er das Telefonbuch der belagerten
Stadt, suchte sorgfältig die Nummern solcher
Herren heraus, die denselben Beruf hatten wie
ein jeder von uns, damit wir nach dem Fall
der Festung bei den entsprechenden Herren ins
Quartier gehen könnten. Ich wurde dem Direk
tor des Nationalmuseums zugewiesen. Damit
wir aber den unglücklichen Belagerten nicht so
ganz unversehens ins Haus fielen, mußten
wir unsere Ankunft telephonisch selbst mittei
len. Es wird kaum mehr im Weltkrieg vorge
kommen sein, daß der Belagerer mit dem Be
lagerten telephonisch verkehren konnte, wie er
wollte. Es war wie im Frieden. Ich gab auf
deutsch die Nummer und den Namen meines
zukünftigen Quarticrherrn an und war sehr
erstaunt, als sich dieser prompt meldete. Noch
erstaunter aber war der Angerufene, dem ich
in langer Rede auseinandersetzen mußte, daß
wirklich am anderen Ende des Drahtes ein
deutscher Offizier und dazu ein Kollege stehe.
Als er es endlich ganz begriffen hatte, hörte ich
eine Art finnischen Jodlers und ein längeres
Freudengeschrei im Hintergründe. Dann wur
de mir mitgeteilt, daß der Wohnungsschlüssel
am Sockel des Gartentores versteckt sei, falls
ich unerwartet ankäme und niemand zu Hause
fände. Zugleich kam eine sehr angeregte Un
terhaltung in Fluß, in deren Verlauf ich —
vielleicht etwas unvernünftig — alle unsere
Erfolge und auch unsere militärischen Pläne
für die Zukunft entwickelte. Das Gespräch
würde noch lange gedauert haben, wenn nicht
auch die anderen Kameraden Hätten telepho-
Der außerordentliche Gesandte und bevoll
mächtigte Minister des Deutschen Reiches iv
Oslo, Rohland, überreichte dem König der
Norweger sein Abberufungsschreiben.
nieren wollen. Zu unserer großen Freude wie
derholte sich das Gespräch beinahe wörtlich im
mer wieder von neuem, und zum Schluß er
kundigte sich dann noch das Telephonfräulein,
ob sie nicht auch einen deutschen Soldaten be
herbergen dürfe.
Die letzte Nacht vor unserem Einrücken in
Helsingfors brachte uns noch einen schmerzli
chen Verlust. Einer unserer Vizewachtmeister,
ein reiner, stiller Mensch, war unter den Stra
pazen des finnischen Vormarsches seelisch völlig
zusammengebrochen. Er hatte, seit wir in Finn
land waren, kein Auge mehr zugetan. Seine
Reden wurden immer wirrer, und in den kla
ren Augenblicken erklärte er uns, daß er das
Leben nicht mehr ertragen könne und Schluß
machen werde, sobald es ihm möglich sei.
Kameraden opferten sich alle für ihn auf und
ließen ihn keine Minute allein. Wir hofften,
ihn nach Einnahme von Helsingfors in ein Sa
natorium in gute Pflege und dann zur völli
gen Erholung in die Heimat bringen zu kön
nen. Eines Abends war er recht aufgeräişş
und lustig, er sang sogar mit und hoffte, end
lich wieder einmal schlafen zu können. Aus de'
letzten Flasche Rum, die wir besaßen, wurķ
für ihn ein Schlaftrunk bereitet, der für
Mann gelangt hätte. Wir brachten ihn aşş
glücklich in einem Doppelbett zur Ruhe.
Kamerad schlief bei ihm und versprach uns
und heilig, auf unseren Freund aufzupasft^'
Aber den Schlaf eines gesunden Soldaten, ^
vierzig Kilometer Vormarsch hinter sich llch'
kann nicht so leicht etwas unterbrechen .© el1
Entsetzen war grenzenlos, als er am andere'
Morgen seinen Kameraden tot neben sich 11
Bett fand. Der Unglückliche, der trotz alless
wieder nicht hatte schlafen können, war naş
aufgestanden, über den neben ihm Liegende
hinweggestiegen, hatte seine Pistole geholt, 1*.
wieder niedergelegt und hatte sich neben o','
nem Kameraden erschossen. Auf der höchst^
Höhe, von wo aus man weit ins Land o’lļ.
über das Meer sehen konnte, sprengten &
ihm in den Felsen ein Grab und begrüß
ihn unter der Teilnahme der ganzen BevöU'
rung hier in fremder Erde. Heute steht Ķ
seiner letzten Ruhestätte ein Denkmal mit ( (
nem überlebensgroßen ruhenden Krieger, d
sein Haupt auf seine Hand stützt und hinüv
nach der Stadt blickt. Auf dem Sockel wurde
von den dankbaren Finnländern in Deut ,
und Finnisch die Worte eingemeißelt: z,™ 1 ,,
er starb für die Befreiuung unserer Heiwa -
— Fvrtjetzung folgt. ?