Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

8 Jahre Zuchthaus für Pater Leovigill 
DNB. Koblenz, 27. Mai. Am Mittwoch kurz 
vor 13 Uhr wuröe das Urteil gegen die ersten 
Angeklagten in dem großen Sittlichkeitsprozeß 
gegen die Ordensbrüder verkündet. 
Der Angeklagte Bernhard Steinhoff (ge 
nannt Bruder Leovigill) wurde wegen fort 
gesetzten Verbrechens gegen 8 174, Ziffer 1, in 
Tateinheit mit fortgesetztem Vergehe» gegen 
§ 17g in neun Fällen zu einer Gesamtstrafe 
von acht Jahren Zuchthaus verurteilt. In zwei 
Fällen ist das Verfahren eingestellt worden. 
Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden dem An 
geklagten Steinhoff auf die Dauer von zehn 
Jahren aberkannt. Auf die erkannte Strafe 
wurden vier Monate der erlittenen Unter 
suchungshaft angerechnet. 
Der Angeklagte Wilhelm Schröder wurde 
wegen fortgesetzten Vergehens gegen 8 175 
Strafgesetzbuch zu einer Gefängnisstrafe von 
fünf Monaten verurteilt, wobei drei Monate 
der erlittenen Untersuchungshaft angerechnet 
werden. 
Der jugendliche Angeklagte Heinrich Br. 
wurde wegen fortgesetzten Vergehens gegen 
8 175 zu einer Gefängnisstrafe von vier Mo 
naten unter Anrechnung von zwei Monaten 
der Untersuchungshaft verurteilt. 
Der ebenfalls jugendliche Angeklagte Fritz 
B. wuröe wegen fortgesetzten Vergehens gegen 
8 175 zu einer Gefängnisstrafe von zwei Mo 
naten verurteilt. 
Die Kosten des Verfahrens wurden, soweit 
Einstellung erfolgte, der Staatskasse, im übri 
gen den Angeklagten auferlegt. Der Haftbefehl 
gegen den Angeklagten Schröder wurde auf 
gehoben. 
Die Strafanträge der Staatsanwaltschaft. 
DNB. Koblenz, 27. Mai. Zu Beginn der 
Verhandlungen wurde die Oeffentlichkeit wie 
der hergestellt. Sodann ergriff Oberstaatsan 
walt Hattingen (Bonn) das Wort zu einem 
längeren Plaidoyer: Von den etwa 600 Klo 
sterbrüdern der Franziskanergemeinschaft, die 
sich in ganz Deutschland in etwa 20 Nieder 
lassungen befinden, stehen mehr als die Hälfte 
wegen schwerer Sittlichkeitsverbrechen vor Ge 
richt. Der Generaloberer bzw. sein Stellvertre 
ter befinden sich im Auslande, auch, um sich 
dem Arm der Gerechtigkeit zu entziehen, wenn 
auch nicht wegen Straftaten in Zusammenhang 
mit diesem Prozesse. Der Kreis der Beteilig 
ten hat mit der Zeit einen derartigen Umfang 
angenommen, daß es nicht möglich war, diese 
Dinge mit dem ordentlichen Behördenapparat 
zu erledigen. Das Dritte Reich bleibt aber bei 
der Bekämpfung solcher Sachen nicht aus hal 
bem Wege stehen. Es wurden ein Sonderkom 
mando der Staatspolizei und eine Zentral 
staatsanwaltschaft in Berlin eingesetzt. Bei 
dem Umfang, den die Ermittlungen ergaben, 
war es nicht möglich, sämtliche Dinge in einer 
Anklage zusammenzufassen. Wir mußten die 
Dinge in Einzelprozesse auflösen. Dem daraus 
erwachsenden Vorteil steht allerdings der Nach 
teil gegenüber, daß die Tatbestände in Ein 
zelverhandlungen immer nur flüchtig gewür 
digt werden können im Hinblick auf die großen 
Zusammenhänge, denn es kommt nicht allein 
darauf an, den konkreten Tatbestand in jedem 
Einzelprozeß herauszuheben, sondern zu er 
kennen, daß es sich um einen Angriff gegen die 
Grundlagen -es völkischen Staates handelt, 
dessen Endziel die Kraft und die Gesundheit 
des ganzen Volkes sein muß. 
Der Oberstaatsanwalt ging dann auf die 
Straftaten und Verbrechen des Angeklagten 
Pater Leovigill ein. Wie sei es möglich, daß 
derartige Dinge einen derartigen Umfang an 
nehmen und daß sie Jahrzehnte lang hinter 
Klostermauern stattfinden konnten unter dem 
Schutz eines Gewandes, das durch das Konkor 
dat dieselbe Anerkennung und denselben 
Schutz genießt wie das Kleid des Soldaten. 
Die unverfälschte Stimme des Volkes habe 
in den Zeugenaussagen des Fleischermeisters 
aus Warendorf gesprochen, der erst im blinden 
Vertrauen das Ordenskleid geehrt hatte, über 
die Untaten aber drastische Worte der Empö 
rung gefunden habe. Erschütternd waren auch 
die Aussagen des Bruders Alexanders über 
seinen Leidensweg gewesen. Er habe sich nach 
sieben verschiedenen Ordensniederlassungen 
versetzen lassen, immer auf der Flucht vor 
sittlichen Angriffen. Dieses Kloster und dar 
über hinaus auch die anderen Institutionen 
müßten diesem Staat dankbar sein, daß er die 
undankbare Aufgabe übernommen habe, diesen 
Augiasstall auszumisten. Die Anklage, die sei 
tens der Staatsanwaltschaft erhoben worden 
ist, sei durch die Beweisaufnahme voll und 
ganz erwiesen. Mehrere Taten seien als ver 
jährt zu betrachten. Es handele sich dann noch 
um drei Fälle des Verbrechens gegen Minder 
jährige, in denen Leovigill seine priesterliche 
Stellung als Beichtvater und Lehrer gegen 
über Pflegebefohlenen mißbraucht habe. 
Im Falle Kaiser, der der übelste dieser Fälle 
sei, wo Leovigill einen armen geistesschwachen 
Menschen verführte, der zu ihm beichten ging, 
beantragte der Oberstaatsanwalt eine Strafe 
von drei Jahren Zuchthaus, in zwei anderen 
Fällen des Verbrechens gegenüber Jugend 
lichen Zuchthausstrafen von je 2 Jahren, in 
den übrigen Fällen Einzelstrasen von je zwei 
Jahren Gefängnis. 
Der Oberstaatsanwalt bat, eventuell in Er 
wägung darüber einzutreten, ob gegen den An 
geklagten Steinhoff (Leovigill) Sicherheitsver 
wahrung anzuordnen sei, da keine Sicherheit 
gegeben sei, daß dieser Mann nach seiner Ent 
lassung aus dem Zuchthaus nicht wieder der 
artige scheußliche Dinge treibe. 
Der Oberstaatsanwalt stellte sodann den An 
trag, die Einzelstrafen gegen den Angeklagten 
Steinhoff (Leovigill) zu einer Gesamtstrafe von 
acht Jahren Zuchthaus zusammenzuziehen. Da 
neben beantragte er, dem Angeklagten die 
bürgerlichen Ehrenrechte auf die Höchstdauer 
von zehn Jahren abzusprechen. Ein Mann, der 
sich zu solchen Verbrechen hinreißen lasse, habe 
keine Ehre. 
Sodann ergriff Gerichtsassessor Oebel (Kob 
lenz) das Wort, um die Strafanträge gegen die 
drei anderen Angeklagten zu stellen. Wenn die 
anderen drei Angeklagten als Vruderaspiran- 
ten auch gewissermaßen die Opfer des Paters 
Leovigill gewesen seien, so hätten sie sich doch 
schwerster Vergehen gegen 8 175 StrGB. schul 
dig gemacht. Der Angeklagte Schröder habe sich 
mehrere Male vergangen. Auch habe ein Ein 
verständnis mit Leogivill vorgelegen. Er be 
antrage daher gegen Schröder eine Gefängnis 
strafe von sieben Monaten unter Anrechnung 
von vier Monaten der erlittenen Unter 
suchungshaft. Gleichzeitig beantrage er, den 
gegen Schröder bestehenden Haftbefehl aufzu 
heben. 
Gegen den jugendlichen Angeklagten, frühe 
ren Ordensbruder Fritz B., der sich von Leovi 
gill mit Geld beschenken ließ und sich ebenfalls 
im Sinne des 8 175 schwer vergangen hatte, 
beantragte er im Hinblick auf die damalige 
Jugendlichkeit des Angeklagten — B. war da 
mals noch nicht 18 Jahre alt — eine Gefäng 
nisstrafe von zwei Monaten. 
Die Begründung des Urteils. 
Zur Begründung des Urteils gegen Pater 
Leovigill führte der Vorsitzende, Landgerichts 
direktor van Kolwijk, u. a. aus: „In diesen 
zwei Tagen haben wir versucht, einen kleinen 
Ausschnitt aus den Verfahren, die uns in den 
nächsten Monaten hier beschäftigen werden, zu 
erforschen und die Tatsachen zu ermitteln, die 
dazu dienen sollen, um ein gerechtes Urteil in 
dieser Sache zu fällen. Dank der Mitwirkung 
aller Prozeßbeteiligten ist es uns gelungen, 
alles zur Findung der Wahrheit Nötige auf 
zuzeigen. Dieser Fall hat als Besonderheit, daß 
cs sich bei dem Erstangeklagten um einen ge- 
lveihten Priester handelt, der unter dem Schutz 
des Ordenskleides und unter Mißbrauch des 
Ansehens, das ihm dieses Kleid in der Oef 
fentlichkeit gewährt hat, schwere Verbrechen 
begangen hat. Er hat nicht nur das Ansehen 
seines Ordens und das Ansehen der Kirche 
schwer gefährdet. Das wären Dinge, deren Be 
urteilung anderen Stellen überlassen bleiben 
muß und die die Strafkammer nichts angehen. 
Aber was uns hier angeht, ist, daß er sich auf 
das Schwerste gegen die deutsche Jugend, de 
ren Interessen wir wahrzunehmen haben, ver- 
Mit zwei Zentnern durch den Weltkrieg 
Erinnerungen eines Optimisten. 
Von Karl Borromäus Gröber. 
(31. Fortsetzung.) 
Am anderen Morgen ging es weiter. Unsere 
Feinde, die Bolschewiken, die von unserem 
Kommen überrascht wurden, zogen sich lang 
sam gegen die Hauptstadt Helsingfors zurück. 
Bevor sie die von ihnen schon so lange besetz 
ten Städte und Dörfer räumten, brachteik sie 
meist noch einige angesehene Bürger um, was 
die Wut der Bewohner ins Unermeßliche stei 
gerte. Jubelnd wurden wir überall empfan 
gen, von weit her kamen die Bauern an die 
Vormarschstraßen und brachten Milch, Butter 
und Fleisch, um die marschierenden Soldaten 
zu erquicken. Ja, in manchen Dörfern stellte 
man sogar weiß überzogene Matratzen neben 
der Straße auf und bat die müden Krieger, 
sich für ein Viertelstündchen auszuruhen. Un 
sere Mannen waren so etwas nicht gewohnt, 
und man mußte schließlich einige zum Schlafen 
direkt abkommandieren, um die guten Leute 
nicht zu beleidigen. Besonders bestaunt wurde 
die Menagerie, die wir mit uns führten. Esel 
und Maultiere und die sonderbaren ungari 
schen Ochsen und serbischen Büffel kannten die 
Finnen nur aus der Naturgeschichte oder aus 
dem Zoologischen Garten von Helsingfors. 
Wenn wir in den Dörfern haltmachten, waren 
wir sofort von alt und jung umlagert, die 
nun das seltsame Schauspiel, uns zu sehen, 
genossen. 
Unsere Ankunft kam immer völlig unerwar 
tet, und der Vortrab hatte oft rechte Mühe, den 
guten Leuten zu erklären, daß wir als Deut 
sche ihnen wohlgesinnt und zu ihrer Befrei 
ung gekommen seien. Dann aber ging der helle 
Jubel los, und es ist mehr als einmal vor 
gekommen, daß uns die Schuljugend unter 
Führung des Herrn Lehrers mit der ersten 
Strophe des Deutschlandliedes, das sie in al 
ler Eile eingeübt, am Dorfeingang begrüßte. 
Jedes neue Quartier brachte irgend ein Er 
lebnis. In der dritten Nacht unseres Vor 
marsches kam ich zu einem Apotheker, der mich 
mit Tränen in den Augen umarmte, ins 
Quartier. Vor dem Nachtessen lud er mich und 
meine Begleiter ein, ein erfrischendes Bad zu 
nehmen. Was ein finnisches Bad ist, wußten 
wir damals alle noch nicht. Unser Gastfreund 
führte uns in ein kleines, etwas abseits vom 
Hauptgebäude gelegenes Blockhaus. In einem 
Copyright 1888 by Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart. 
sauberen Zimmer zogen wir uns pudelnackt 
aus und wurden dann in den eigentlichen Ba 
deraum geführt. Dieser kam uns recht son 
derbar vor. In der Ecke war eine Art Ofen, 
mit glühenden Wackersteinen angefüllt, auf 
gestellt. Daneben standen einige Kübel und 
Krüge mit Wasser. Die eine Lüngswand des 
Hauses nahm eine Empore ein, auf der ein 
mit Roßhaarstoff bezogenes Kanapee stand. 
Neben dem Ofen befand sich eine Tür, die sich 
plötzlich öffnete und durch die das junge 
Dienstmädchen des Herrn Apothekers herein 
trat, zu unserem Erstaunen, wie sie der Herr 
gott geschaffen. Sie ergriff eine Kanne Wasser 
und leerte sie über die glühenden Steine, 
so daß im Nu ein heißer, sprühender Wasser 
dampf das Badezimmer erfüllte. Während wir 
interessiert ihrem Treiben zusahen, erschien im 
gleichen Kostüm die Frau des Apothekers und 
ihr halbwüchsiges Töchterlein. Die Hitze wurde 
mörderisch, und bald rann der helle Schweiß 
von unseren Gliedern. Als ersten komplimen 
tierte mich die junge Dame unter lautem Ge 
lächter und Gekicher hinauf auf den Roßhaar 
thron. Pustend streckte ich mich dort, wo die 
Hitze noch viel ärger war, aus. Nun geschah 
etwas, was ich wirklich nicht erwartet hatte. 
Die Mädchen begannen mich von Kopf bis 
Fuß mit Birkenruten zu bearbeiten. Als die 
Rückseite fertig war, wurde die Vorderfront 
in Kur genommen. Anfangs war mir die Ge 
schichte gar nicht angenehm, die Hiebe taten 
verdammt weh, aber allmählich geriet das 
Blut in Wallung, die Hautporen öffneten sich, 
und an Stelle der anfänglichen Schmerzen 
trat ein Gefühl des Wohlbehagens, wie ich es 
noch nie empfunden hatte. Nach mir kamen die 
anderen an die Reihe, die Stimmung wurde 
immer vergnügter und ausgelassener. Zuletzt 
wurden uns Kannen mit warmem, dann mit 
lauem, zuletzt mit eiskaltem Wasser über den 
Kopf geleert. Die jungen Damen und der 
Hausherr wälzten sich außerdem noch draußen 
vor der Badehütte etwas im Schnee, wobei 
wir allerdings nicht mitmachten. An jenem 
Abend schmeckte uns das Nachtessen so gut wie 
kaum zuvor. 
Der kleinen deutschen Armee hatten sich auf 
dem Vormarsch allmählich immer inehr finni 
sche Freiwillige angeschlossen, stramme junge 
gangen hat. Die Strafkammer kann sich vlW 
entschließen, bei Steinhoff einen Mangel an 
Zurechnungsfähigkeit in Betracht zu ziehen. 
Er hat weder im Verlaufe der Verhandlung, 
noch im Laufe seines früheren Lebens die ge 
ringsten Anzeichen dafür gegeben, daß er in- 
bezug auf die Verantwortlichkeit anders 
behandeln ist, als jeder andere Staatsbürger. 
Unter diesen Umstünden und mit Rücksicht am 
die Taten kann von der Anwendung mildern 
der Umstünde nicht die Rede sein. Der An 
regung der Staatsanwaltschaft, die Sicherungs 
verwahrung zu prüfen, hat das Gericht nicht 
entsprochen. Das Gericht hat vielmehr zu den 
kirchlichen Behörden und den kirchlichen Vor 
gesetzten des Angeklagten das Vertrauen, daß 
sie dafür sorgen werden, daß dieser Mann, der 
sich so vergangen hat, nicht mehr an die Oef 
fentlichkeit kommt." 
„Die Taten des Paters Steinhoff gliedern 
sich," so fuhr der Vorsitzende fort, „in neun 
einzelne fortgesetzte Handlungen. Von diesen 
neun Fällen sind drei schwere Verbrechen iw 
Sinne des 8 174, 1, StGB. Er habe sich gegen 
über einem geistesschwachen Zögling auf das 
Schwerste vergangen. Für diesen einzelnen 
Fall sei auf eine Einsatzstrafe von drei Jahren 
Zuchthaus erkannt worden. In den beiden 
anderen Verbrechensfällen gegenüber diesem 
Verbrechen sei auf Einsatzstrafen von je zwei 
Jahren erkannt worden. In den übrigen sechs 
Fällen wegen Verbrechens gegen 8 176 erschie 
nen Einsatzstrafen von je 2 Jahren Gefängnis 
als angemessen. Unter Zusammenziehung die 
ser Strafen habe die Strafkammer auf eine Ge 
samtzuchthausstrafe von acht Jahren erkennen 
müssen. Für diesen Menschen sei in der deut 
schen Volksgemeinschaft kein Platz. Darum 
habe die Strafkammer auch den Verlust der 
bürgerlichen Ehrenrechte aussprechen müssen- 
Gegen den letzten Angeklagten Heinrich B-, 
der noch heute jugendlich ist, beantragte er 
eine Gefängnisstrafe von fünf Monaten unter 
Anrechnung von zwei Monaten der erlittenen 
Untersuchungshaft. Br. habe sich nicht nur 
lange Zeit hindurch des Vergehens gegen 8 1^ 
schuldig gemacht, sondern auch noch andere 
Bruderaspiranten dem Pater Leovigill zu un 
sittlichen Zwecken zugeführt." 
Die drei Verteidiger beschränkten sich im we 
sentlichen darauf, für eine mildere Beurteilung 
zu plädieren. 
Der Hauptangeklagte Steinhof (Pater Leovi 
gill) verzichtete auf das letzte Wort. Die an 
deren Angeklagten baten um mildernde Um 
stände bzw. Straffreiheit. 
Sodann zog sich das Gericht zur Beratung 
zurück. 
Kerle, und sogar einige Mädchen zogen, mit 
Helm und Gewehr ausgerüstet, wacker mit. 
Junge Pfadfinder untersuchten die Gleise, da 
mit unser improvisierter Panzerzug sicher vor 
fahren könne. Kurz, es war ein Zusammen 
arbeiten zwischen der Bevölkerung und uns, 
wie man es schöner nicht wünschen konnte. 
Wir rückten immer weiter gegen Helsingfors 
vor, und je näher wir der Hauptstadt kamen, 
desto mehr schwand unsere Zuversicht. Die Kar 
ten zeigten einen respektablen Kranz von 
schwerbestückten Forts, von denen wir doch im 
merhin annehmen mußten, daß sie vom Feinde 
besetzt seien. In einem Villenvorort auf stei 
ler Höhe mit weitem Blick aufs Meer, auf die 
Schären und ans die Stadt in der Ferne lagen 
wir im Quartier vor unserem Angriff auf die 
Stadt selbst. Ich war bei einem Üniversitäts- 
professor, einem Juristen, einquartiert. Am 
Abend saßen wir Kameraden gemütlich mit 
ihm zusammen, und unser Gastgeber erkun- 
digte sich sehr genau nach unseren Berufen. 
Dann holte er das Telefonbuch der belagerten 
Stadt, suchte sorgfältig die Nummern solcher 
Herren heraus, die denselben Beruf hatten wie 
ein jeder von uns, damit wir nach dem Fall 
der Festung bei den entsprechenden Herren ins 
Quartier gehen könnten. Ich wurde dem Direk 
tor des Nationalmuseums zugewiesen. Damit 
wir aber den unglücklichen Belagerten nicht so 
ganz unversehens ins Haus fielen, mußten 
wir unsere Ankunft telephonisch selbst mittei 
len. Es wird kaum mehr im Weltkrieg vorge 
kommen sein, daß der Belagerer mit dem Be 
lagerten telephonisch verkehren konnte, wie er 
wollte. Es war wie im Frieden. Ich gab auf 
deutsch die Nummer und den Namen meines 
zukünftigen Quarticrherrn an und war sehr 
erstaunt, als sich dieser prompt meldete. Noch 
erstaunter aber war der Angerufene, dem ich 
in langer Rede auseinandersetzen mußte, daß 
wirklich am anderen Ende des Drahtes ein 
deutscher Offizier und dazu ein Kollege stehe. 
Als er es endlich ganz begriffen hatte, hörte ich 
eine Art finnischen Jodlers und ein längeres 
Freudengeschrei im Hintergründe. Dann wur 
de mir mitgeteilt, daß der Wohnungsschlüssel 
am Sockel des Gartentores versteckt sei, falls 
ich unerwartet ankäme und niemand zu Hause 
fände. Zugleich kam eine sehr angeregte Un 
terhaltung in Fluß, in deren Verlauf ich — 
vielleicht etwas unvernünftig — alle unsere 
Erfolge und auch unsere militärischen Pläne 
für die Zukunft entwickelte. Das Gespräch 
würde noch lange gedauert haben, wenn nicht 
auch die anderen Kameraden Hätten telepho- 
Der außerordentliche Gesandte und bevoll 
mächtigte Minister des Deutschen Reiches iv 
Oslo, Rohland, überreichte dem König der 
Norweger sein Abberufungsschreiben. 
nieren wollen. Zu unserer großen Freude wie 
derholte sich das Gespräch beinahe wörtlich im 
mer wieder von neuem, und zum Schluß er 
kundigte sich dann noch das Telephonfräulein, 
ob sie nicht auch einen deutschen Soldaten be 
herbergen dürfe. 
Die letzte Nacht vor unserem Einrücken in 
Helsingfors brachte uns noch einen schmerzli 
chen Verlust. Einer unserer Vizewachtmeister, 
ein reiner, stiller Mensch, war unter den Stra 
pazen des finnischen Vormarsches seelisch völlig 
zusammengebrochen. Er hatte, seit wir in Finn 
land waren, kein Auge mehr zugetan. Seine 
Reden wurden immer wirrer, und in den kla 
ren Augenblicken erklärte er uns, daß er das 
Leben nicht mehr ertragen könne und Schluß 
machen werde, sobald es ihm möglich sei. 
Kameraden opferten sich alle für ihn auf und 
ließen ihn keine Minute allein. Wir hofften, 
ihn nach Einnahme von Helsingfors in ein Sa 
natorium in gute Pflege und dann zur völli 
gen Erholung in die Heimat bringen zu kön 
nen. Eines Abends war er recht aufgeräişş 
und lustig, er sang sogar mit und hoffte, end 
lich wieder einmal schlafen zu können. Aus de' 
letzten Flasche Rum, die wir besaßen, wurķ 
für ihn ein Schlaftrunk bereitet, der für 
Mann gelangt hätte. Wir brachten ihn aşş 
glücklich in einem Doppelbett zur Ruhe. 
Kamerad schlief bei ihm und versprach uns 
und heilig, auf unseren Freund aufzupasft^' 
Aber den Schlaf eines gesunden Soldaten, ^ 
vierzig Kilometer Vormarsch hinter sich llch' 
kann nicht so leicht etwas unterbrechen .© el1 
Entsetzen war grenzenlos, als er am andere' 
Morgen seinen Kameraden tot neben sich 11 
Bett fand. Der Unglückliche, der trotz alless 
wieder nicht hatte schlafen können, war naş 
aufgestanden, über den neben ihm Liegende 
hinweggestiegen, hatte seine Pistole geholt, 1*. 
wieder niedergelegt und hatte sich neben o',' 
nem Kameraden erschossen. Auf der höchst^ 
Höhe, von wo aus man weit ins Land o’lļ. 
über das Meer sehen konnte, sprengten & 
ihm in den Felsen ein Grab und begrüß 
ihn unter der Teilnahme der ganzen BevöU' 
rung hier in fremder Erde. Heute steht Ķ 
seiner letzten Ruhestätte ein Denkmal mit ( ( 
nem überlebensgroßen ruhenden Krieger, d 
sein Haupt auf seine Hand stützt und hinüv 
nach der Stadt blickt. Auf dem Sockel wurde 
von den dankbaren Finnländern in Deut , 
und Finnisch die Worte eingemeißelt: z,™ 1 ,, 
er starb für die Befreiuung unserer Heiwa - 
— Fvrtjetzung folgt. ?
	        
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