wußt war die Freundschaft der Kinder.
Hannelore lächelt still und fein. Zart hat sie
den Garten ihrer jungen Liebe gehütet. Sie
zählt die Jahre und weiß nur von einer
Treue. Jetzt ist Herbert schon sechs Jahre auf
der Universität. Sie weiß, daß er mit beiden
Ellbogen um Brot und Studium gekämpft hat.
Aber er wird sein Ziel erreichen. Und sie war
tet gern auf ihn.
Wieder geht die Klingel und schreckt sie hart
aus den Träumen auf. Ist er jetzt gekommen?
Endlich? Wie lieb sie ihn empfangen will!
Alle Schmerzen werden vergessen sein, wenn
er jetzt vor der Tür steht. Aber es ist die
Abenöpost. Mechanisch nimmt Hannelore die
beiden Briefe in Empfang, die ihr der Bote
reicht. Es sind Briefe für den Vater, keine
Nachricht von ihm. Fast müde steigt Hannelore
die Treppen hoch.
Dann zieht sie die Gardine zurück und sieht
aus die Straße. Eilfertig rennen hier die
Leute, um ihre letzten Geschäfte zu besorgen.
Mit hellem Klingeln führt eine Elektrische
vorüber. Autos hupen in langgezogenen Tö
nen und winden sich sicher und schnell durch die
Menge.
Hannelore Berg sinkt in ihren Sessel zurück.
Der Ausdruck ihrer Züge wechselt allmählich.
Hat sich bisher in ihnen Freude und Erregung
gespielt, so wandeln sie sich jetzt in Traurig
keit und Angst. Eintönig fließen die Stunden
des Nachmittags. Als es ein drittes Mal
schellt, kommt der Vater von der Arbeit heim.
Von den Türmen der Stadt schwingen die
Glocken durch den Abend. Feierlich läuten
sie das lieblichste aller Feste ein. In der
Mullgarüine verstecken sich die letzten Sonnen
strahlen. Noch immer sitzt Hannelore am Fen
ster. Nervös spielen ihre Finger in der zar
ten Stickerei der Decke, Im Zimmer ist tiefe
Stille. Herbert Richter ist nicht gekommen. —
Hannelore Berg steht am Fenster ihres
Schlafzimmers. Ein junger Tag erwacht
strahlend schön im Osten. Im frischen Grün
der Pfingstbüume leuchten die Straßen der
Stadt. Die klare Morgenluft ist voller Glocken-
singen.
Hannelore geht in die Kirche. Der Jubel des
Pfingstfestes dringt an eine verschlossene
Herzenstür. Heute kann sie nicht beten — und
hat doch so oft an dieser Stätte für ihren Ge
liebten den Herrgott bestürmt. Sie hört nur
immer auf den Schlag ihres wunden Herzens.
Der Schlag ist dumpf und tief: Herbert Rich
ter ist nicht gekommen! Und sie denkt wieder an
die Schmerzen der letzten Monde, wo sie Tag
für Tag vergebens auf einen Brief gewartet.
Er ist hart, er weiß nichts von ihren Leiden.
Da steigt eine böse Bitterkeit in ihr auf. Hat
sie ihr Leben in eine falsche Hand gegeben?
Lachend und plaudernd stehen die Menschen
vor der Kircheutür, schütteln sich die Hände
und wünschen sich Glück. Hannelore Berg geht
still durch die Menge. Wohin soll sie gehen?
Noch unschlüssig besteigt sie eine Straßen
bahn. Der Wagen fährt in den Park. Hanne
lore ist es recht. Sie will jetzt allein sein. Nur
nicht unter den fröhlichen Menschen.
Am Weiher steht eine einsame Bank. Hier
ruht Hannelore und wirft kleine Steinchen in
das Wasser. Sie denkt: So eng wie dieses
Wasserrund sind auch erst die Kreise der Men
schen. Aber sie werden größer und wachsen,
und schließlich erkennt man sie nicht mehr.
Am Himmel brummt ein Flieger. In der
Sonne blitzt das Metall des schönen Vogels.
Jetzt ist er über dem Park. Gleich wird er schon
drei Fußstunden weit sein. Hannelore möchte
einsteigen und weit wegfahren, so weit wie
der Vogel der Sehnsucht sie tragen kann.
Sie weiß nicht, wie lange sie schon im Park
sitzt. Auf einmal fällt eine Unruhe sie an. Da
eilt sie über die weißen Kieswege dem Aus-
gang zu. Durch die mittagsstillen Straßeü
rummelt die Elektrische.
Verloren steigt Hannelore die Stufen des
Treppenhauses hoch. Der plötzliche Eifer rveiclst
wieder jener Wunschlosigkeit, die der Mensch
nach tiefsten Enttäuschungen in sich trägt. Als
sie aber aus dem Zimmer des Vaters 0 C 1
dämpftes Stimmgewirr vernimmt, brenn»
eine letzte Hoffnung in ihrem Herzen an. Sie
kann noch eben die Zimmertür öffnen, sie hör»
noch dunkel die Stimme ihrer Mutter, sie siş
noch mit einem Blick Herbert Richter auf
zueilen, dann bricht sic im Türrahmen ä u *
sammen.
Herbert Richter ist doch gekommen, linö
Hannelore Berg wird seine Frau werdet
denn er hat es immer gewollt. Er ist zudcnl
ein junger Doktor. Bor der weißen
gardine stehen in einer blauen Vase rot?
Pfingstrosen.
Pfingstrosen
Novellette von Wilhelm Vernekohl.
Am Pfingstsamstagnachmittag sitzt sie hinter
der weißen Mullgarüine am Fenster in Va
ters Arbeitszimmer. Es ist eine seltene Auf
regung in ihr. Sie kann ihr Geheimnis nicht
verbergen. Nur zum Schein hat sie eine Hand
arbeit geholt. Heute wird sie die Stickerei an
der kostbaren Spitzendecke, die sicher einmal
das Schmuckstück ihrer Wäschegarnitur aus
machen wird, nicht fördern. Läutet nicht die
Klingel der Haustür? Schon rennt Hanne-
lorc das Treppenhaus hinunter. Es ist nur
die Wäscherin. Sie bringt Vaters Hemden und
Kragen und wünscht dem Fräulein „Frohe
Festtage".
Und wieder sitzt Hanuelore am Fenster.
Heute muß Herbert Richter zurückkommen. Er
hat es selber gesagt. Seit Monaten hat sie
keine Nachricht mehr und bangt um ihn. Aber
er ist tapfer. Er wollte nicht früher heimkeh.
ren, als bis er sein Examen bestanden. Er ist
ein guter Junge. Sein Wort gilt. Sie darf
auf ihn bauen.
Hannelore träumt. In' der Mullgardine
spielen die Sonnenstrahlen. Schöne Kringel
kramen auf dem Teppich des Zimmers. Als sie
beide — Hannelore und Herbert — noch in die
Schule gingen, hatte er einmal für sie Prügel
bezogen. „Hau mich!" hatte er auf dem Schul
platz zum Lehrer gesagt, der Hannelore ohr
feigen wollte, weil sie von den Gräbern des
nahen ■ Friedhofs Blumen abgerissen hatte.
Damals war es angefangen. Scheu und unbe-
Niedcrdeutsche Pfingsten.
Scherenschnitt von Gerda Riege.
P'
Margit war in ihrem Boot auf großer
fingstfahrt. Blau lachte der Himmel über ihr,
und das Grün der jungen Pflanzen und
Bäume wollte kräftig ans Licht. Es war eine
wahre Lust zu leben.
„Fräulein Margit," hatte die Wirtin gesagt,
„es ist wirklich nicht gut, wenn der Mensch im
mer allein ist, besonders wenn er ein so hüb
sches Mädel ist wie Sie. Sie kommen aus dem
Büro und nehmen ein Buch zur Hand. Gewiß
?auer müssen Sie
lobenswert, aber auf die
doch unter Leute."
Margit hatte der besorgten Dame geantwor
tet, daß es ihr genüge, ihr Boot zu haben, mit
dem sie jeden Sonn- und Feiertag ins Freie
fahre.
„Freunde, die Sie mir ja wohl empfehlen,
sind ein zweischneidiges Schwert," sagte sie
daun. „Ich habe einmal einen Freund gehabt,
an den ich glaubte, und dann hat er sich mit der
Tochter unseres gemeinsamen Chefs verlobt."
-,Ja," sagte die Wirtin, „das ist freilich trau
rig, wenn man so getäuscht wird, aber es ist
wirklich kein Grund, wegen eines Menschen
das ganze Vertrauen aufzugeben. Wir müssen
ein bißchen Freude ins Leben hineintragen,
wenn wir Freude ernten wollen."
Margit lächelte. Die gute Frau redete, wie
sie es verstand. Aber dann hatte sie wohl nicht
ihre Erfahrungen. Einmal enttäuscht, blieb sie
für sich allein und suchte Erholung nur in der
Natur.
Heute, am ersten Pfingstseiertag, waren die
Wasserstraßen mit frohen Menschen überfüllt.
Margit hatte gerade am Ufer in einem Restau
rant Rast gemacht und sah sich die vorüber
ziehenden Boote an. Am Tisch nebenan saß ein
großer blonder Herr, der ebenfalls sein Boot
hier angelegt hatte. Es war ein Zweisitzer, und
Margit wunderte sich, daß er allein war. Würde
wohl seine Gründe haben, denn sicherlich war
das Boot seinerzeit für zwei Personen gekauft
worden. Nun, was ging das sie an. Sie küm
merte sich nicht um fremde Angelegenheiten.
In diesem Augenblick sah der fremde Herr
auf und blickte ihr offen ins Gesicht. Sie sah
fort. Aber er wollte wissen, warum sie allein
sei.
„Ich könnte dieselbe Frage an Sie selbst
richten," erwiderte sie.
„Das ist eine lange Geschichte," sagte er. Da
bei war sein Blick von einer solchen Traurig
keit, daß Margit wirklich gespannt war, diese
Geschichte zu erfahren. Denn der blonde Hcrr
machte nicht den Eindruck, als sei er immer
nur zu Scherzen aufgelegt. Sicher hatte ihn der
Ernst des Lebens schon schwer gepackt.
„Ein schöner Tag," sagte er.
„Ja, so recht zur Freude gemacht."
„Kann man sich denn allein freuen?"
Sie überlegte.
„Es kommt darauf an, wie sehr man mit üer
Natur verwachsen ist."
Er war sichtlich interessiert, eine solche An-
schauung von ihr zu hören und ging weiter auf
das Thema ein.
„Auch die Menschen sind ein Teil der Natur,
mein Fräulein, und wir können sie uns da, wo
sie am buntesten ist, gar nicht fortdenken. Nur
. innerliche Bösewichte behaupten, daß Menschen
die Natur zerstören."
Sie blickte an den Bootsstand und bemerkte,
daß sein Boot den Namen „Marie" führte.
„Ihr Boot heißt Marie?"
„Ja, der Name war mir einmal sehr teuer.
Aber das ist vorbei. Sie sehen ihr übrigens
ähnlich."
„Wem?"
„Jener Marie. Sie war meine Verlobte, und
dann verlor ich sie."
Margit mußte an das eigene Schicksal denken.
Vielleicht hatte auch er den Schmerz einer
/ Pfingfterzählung von Dörte Friedrich
leichtsinnig verschmähten Liebe durchgemacht
und war einsam geworden wie sie. Die gleiche
Seelenstimmung, die sie bei ihm voraussetzte,
machte ihn ihr plötzlich sympathisch.
Er fuhr fort zu erzählen:
„Wir haben uns wirklich lieb gehabt. Aber
der Tod war unerbittlich. Sie starb, kaum
zwanzig Jahre alt, an einer tückischen Krank
heit. Seit dieser Zeit ist ihr Platz in meinem
Boot frei."
Unwillkürlich hatte Margit mit diesem
Mann großes Mitleid. Sie sprachen nicht mehr
viel Miteinander, aber als sie die Boote wie
der lösten, war er ihr behilflich und tat alles,
um ihr die Abfahrt zu erleichtern. Sie dankte
mit einem leichten Nicken des Kopfes, und
dann fuhr sie ab, ohne sich noch einmal umzu
sehen.
Aber obwohl sie nur eine halbe Stunde mit
dem Manne gesprochen hatte, konnte sie sich
nicht verhehlen, daß er einen tiefen Eindruck
auf sie gemacht hatte. Er war einsam und allein
wie sie, und er ehrte das Andenken der Braut,
die ihm genommen war, indem er im Boot
ihren Platz freihielt. Wenn so einer käme und
spräche: „Margit, ich begehre Dein und will
Dich zur Frau," dann hätte sie wohl ihren
Widerstand ausgegeben . . .
Ihren Gedanken über diesen Mann machte
ein schnell auf dem See aufkommendes Un
wetter ein Ende. Am Ufer wurde der War
nungsball hochgezogen, aber ehe die Boote noch
den rettenden Hafen erreicht hatten, war das
Wetter mit einem schweren Gewitter da. Die
Wellen gingen hoch und trieben die Boote kreuz
und quer durch den Sturm, und obwohl Mar
git eine geschickte Padölerin war, gelang es ihr
doch nur mit größter Mühe, sich zu halten.
Aber als sie abgetrieben wurde und noch das
Paddelruder verlor, da bekam sie es doch mit
der Angst zu tun. Das kleine Boot trieb jetzt
hilflos, und schon rechnete Margit mit der
Möglichkeit, sich an Land schwimmend zu ret
ten, als neben ihr wie ein Schatten ein anderes
Fahrzeug auftauchte.
„Kommen Sie zu mir!" schrie eine Stimme
befehlend. Eine Hand hielt ihr Boot fest, und
sie beeilte sich, dem Befehl zu gehorchen. Sie
arbeitete sich geschickt hinüber, und trotz des
immer steigenden Wellenganges gelang es ihr,
in das fremde Boot zu kommen.
„Nehmen Sie die Paddelstange und ver
suchen Sie, das Gleichgewicht zu halten, damit
wir nicht kentern."
Margit erkannte den blonden jungen Mann
und war innerlich so selig und ruhig, als wenn
sie sich nicht in einem Sturm auf dem wüten
den See, sondern auf einer bunten Blumen-
iviese bei hellstem Sonnenschein befände. Der
Mann machte ihr Fahrzeug an dem seinen fest,
und dann paddelten sie gemeinsam durch den
Sturm.
Er manövrierte geschickt, und als sie endlich
nach einer halben Stunde in den Hasen kamen,
da standen ein paar Leute am Landungssteg,
die seine Hilfsaktion beobachtet hatten und nun
in begeistertes Händeklatschen ausbrachen. Da
wurde der blonde Mann rot wie ein Schu^
junge und ging schnell in das Restaurant, wo
er für Margit und sich einen Platz in einer
Ecke ergatterte. Er bestellte einen steifen Grog-
„Es ist zwar kein Pfingstgetränk, aber es
wird Ihnen nach der rauhen Seefahrt gut tun-
Sic sah ihn mit einem süßen Lächeln an.
„Ich danke Ihnen, mein lieber Ritter, daß
Sie mich geholt haben."
„Ich habe Sie gesucht, weil ich mir dachte, daß
Sie allein nicht mit dem Element fertig wer
den. Und sehen Sie, Menschen sind auch nicht
fortzudenken aus dem Kampf gegen die Natur.
Sie mögen sagen, was Sie wollen, aber wir
sind nun eben einmal nach göttlichem Ratschluß
aufeinander angewiesen. Und wenn ich meinem
Gefühl trauen darf, sind wir zwei es in be-
sonderem Maße. Ist es so?"
Margit wurde sehr rot.
„Ich weiß es nicht," sagte sie.
„Aber Sie ahnen es. Heute ist der Tag, an
dem das neue Gefühl und der neue Lebens
wille seinen Einzug halten. Drei Jahre lang
habe ich einen Platz in meinem Boot freige
halten. Aber heute ist der Platz in meinem
Boot neu besetzt worden, und dafür danke ich
dem Sturm."
Margits Herz klopfte wie wahnsinnig, aber
sie fühlte, wie alle philosophischen Vorsätze vor
der klaren Logik dieses Mannes und ihrem
eigenen Gefühl verschwanden. -
„Ja," sagte sie endlich, „ich glaube, daß ich
diesen Platz einnehmen kann. Und wohin gehl
die Fahrt?"
„Mutig in die Zukunst." —*
Heitere Ecke
Ein allzu gelehrter Bizcfeldwebel.
Wie viele gelehrte Herren war während des
Weltkrieges auch ein Professor der Philosophie
aus Göttingen zum Waffendienst einberufen.
Als Vizefcldwebel d. R. stand er bei einem
Infanterie-Regiment in Belgien. Eines Tages
sollte ein Trupp Kriegsgefangener nach
Deutschland gebracht werden. Zu der Begleit
mannschaft zählte auch der Professor der Phi
losophie. Die Truppe hatte sich kaum in Marsch
gesetzt, als der sie führende Hauptmann zn
seiner Empörung bemerken mußte, wie der
deutsche Feldwebel und einer der Gefangenen
des Transports in einen heftigen Streit ge
rieten. Der Franzose fuchtelte wie besessen mit
den Händen, auch der Deutsche schien nicht
übel Lust zu haben, dem andern einen gehö
rigen Denkzettel zu geben. Der Hauptmann
verlangte Aufklärung. Zu seinem maßlosen
Erstaunen mußte er hören, daß der gefangene
Franzose, Universitätsprofessor aus Paris, mit
seinem deutschen Kollegen über die — Häufig?
keit des Konjunktivs in altprovencalischen
Minneliedern in die heftigsten Meinungsver-'
schicdenheiten geraten war. —; ;
Anekdoten um grotze Männer
Der gute Ruf.
Als sich eine junge Dame einmal an Scho
penhauer mit der Frage wandte, wovon eigent
lich der gute Ruf eines Menschen abhänge,
antwortete ihr der Zyniker: „Meist von den
Menschen, die ihn nicht besitzen."
Birchow geht.
Professor Birchow wurde einmal auf der
Straße von . einem Herrn angesprochen, der
unbedingt seine Bekanntschaft machen wollte:
„Guten Tag, Herr Professor, ich wette, Sie
kennen mich nicht mehr." Birchow schaute kurz
auf: „Sie haben die Wette gewonnen," sprach
er und ging weiter.
*
Als er sich zum Sterben hingelegt hatte,
trat ein Freund an sein Bett mit der Frage:
„Nun, mein Lieber, wie geht es?" Mit leiser
Stimme antwortete Birchow: „Es geht über
haupt nicht mehr, aber i ch gehe."