20000 Nordsriesen sprechen ihre eigene Sprache
Sin Gespräch mit Dr. Tedsen, dem Schöpfer des Nordfriefischen Wörterbuches
Englisch, aber Deutsche lernen selten Friesisch — Außerordentlicher Reichtum im Ausdruck: 120 Worte für „gehen
rrerchen Vergleiche Fabrikware bringt Fremdworte — Kür das Wörterbuch «Kuubert- ham SAmmr»rit ?A«t«nh<i
- Die Sprache der
, - . „ s . ... , _ . - J „ §iir das Wörterbuch: Hunderte von Sammlern, Tausende von Wörterfammelzetteln — Laut
zeichen, die fur das »rieftsche erst geschaffen werden mutzten - Friesisches Stammesbewutztsein und deutsches Volksbewutztsein sind eins
Wenn im Schleswig-Holstein-Lied unserer
Heimat beschwörend zugerufen wird, „wahre
reu, was schwer errungen", so leuchtet in
sesen Worten die Geschichte des Landes auf,
wahrlich stürmische Vergangenheit, die
> cy aus der geographischen Gegebenheit einer
Handdrücke von Deutschland nach Skandina-
ergab. Diese Brücke wurde in mcstöst-
"cher Richtung von einer der ersten Handels-
lsraßen Europas gekreuzt, deren Verlauf in
ältester Zeit durch Haithabu, später durch
Hamburg—Lübeck und heute durch den Nord-
Meekanal bestimmt wird. Aber dem äußeren
Anprall stand, auch davon spricht das Lied,
gleichwertige innere Beharrung seiner
^ewohner gegenüber. Schleswig-Holstein hat
leine Art treu bewahrt, und unter seinen
Landschaften gibt es wieder keine, in der das
^rbe der Väter in Sprache, Tracht und Sitte
unverfälschter, nicht in die Museen, sondern
în das pulsierende Leben des Tages hinüber-
nbrettet wäre, als Nordfriesland.
Gerettet — das setzt Kampf um die Selbst
behauptung voraus, und leider ist dabei auch
Unendlich viel dem Wandel der Zeiten erlegen,
^lber immerhin, wenn fast 20 000 Nordfriesen
Uoch eine eigene Sprache sprechen, ist das Be-
Uleis genug für die Zähigkeit, mit der hier an
°en angestammten Gütern des Volkstums
Zugehalten wird. Was weiß man in Deutsch-
land von der friesischen Sprache? Nichts. Und
în Schleswig-Holstein? Fast nichts. Seit Iah
ten ist ein Mann, gebürtig von der Insel
Şhr, damit beschäftigt, ein Wörterbuch der
icordfriesischen Sprache herauszugeben. Es ist
f}- Tedsen in Flensburg. Wir haben ihn in
'Einem Flensburger Hause besucht, um auch
sîumal die breitere Öffentlichkeit mit der
ckiesischen Sprachbewegung und der mit der
Schaffung des Wörterbuches geleisteten Volks-
minsarbeit dekanntzumacyen.
Schon beim Eintritt in das Arbeitszimmer
ì Tedsens nimmt die besondere Atmosphäre
meses Raumes gefangen: mit Bewunderung
leitet das Auge über mauch schönes Stück
ulten friesischen Hausrats, bleibt dann aber
noch haften an den großen Regalen, deren
-oorüe von oben bis unten mit Pappkästen
vollgestellt sind, deren Bedeutung ich noch spä
ter erfahren soll. Wir nehmen in einer gemüt
lichen Ecke Platz, und während der würzige
Friesenmädels aus Süderende auf Föhr
in Festtracht.
^Uft eines steifen Kaffees aus den Tassen
^igt, finden wir plaudernd, von gemeinsamen
^kannten auf der Insel Föhr, den Weg zur
Befischen Sprache, über deren Herkunft ich
Tedsen zunächst einige Fragen stelle.
-,Es ärgert mich immer, Herr Dr., wenn ich
dem „Kontinent" erzähle, daß wir auf den
şieln noch vielfach Friesisch sprechen, zur
^litwort bekomme, „Ach, Sie sprechen da oben
besonderes Platt?" „Allerdings, entgegnet
Tedsen, „man vermutet es im allgemeinen
ş? deutschen Vatcrlande nicht, daß das Frie
de eine völlig selbständige Sprache ist, die
?st dem Deutschen nicht mehr verwandt ist,
.le alle anderen germanischen Sprachen auch
vier sich verwandt sind."
.."Kann man nicht von einer besonderen Ve
rhäng zur englischen Sprache sprechen? Ich
Innere aus der Schule, daß wir im Engli-
Mn sehr oft Vokabeln pauken mußten, die
Unverwandt waren und sich nur durch kleine
^Edeutungsunterschiede trennten."
«Jawohl, unter den westgermanischen Spra-
Eine charakteristische friesische Dorfkirche.
chen, d. h. dem Hochdeutschen, Niederdeutschen,
Friesischen und Englischen sind nicht, wie man
vielfach annimmt, das Niederdeutsche und das
Friesische besonders eng verwandt, sondern
das Friesische und Englische, und zwar sowohl
in der Lautentwicklung wie im Wortschatz, in
der Verwendung der Verhältniswörter und
vielem mehr. Daher fällt es dem Friesen sehr
leicht, Englisch zu lernen und es gut auszu
sprechen."
„So leicht der Friese Englisch lernt, so
schwer scheint ein Deutscher Friesisch zu ler
nen. Wie kommt es. daß in Ehen zwischen Ein
heimischen und Zugewanderten das Friesische
so oft zu Gunsten des Plattdeutschen aufge
geben wird?
„Das kommt daher, daß das Friesische in
Wortschatz und Satzbau eine höchst altertüm
liche Sprache ist und vieles bewahrt hat, was
unmittelbar an das Altgermanische erinnert.
Es erfordert eine langjährige Uebung und ein
feines Sprachgefühl, um zu einer sprachlichen
Sicherheit zu gelangen. Eine große Schwierig
keit ist z. B. die richtige Anwendung der alten
Dual- oder Zweiformen, die von den altger
manischen Sprachen nur das Gotische des 4.
Jahrhunderts noch rein erhalten hat. „Wir"
heißt „wi", aber „wir beide" heißt „wat", „ihr"
heißt „jam", aber „ihr beide" heißt „jat". Für
„uns" sagt man „üs", handelt es sich aber um
zwei, dann sagt man „onk"; „euch" ist „jam",
aber „euch beide" ist „jonk". „Jeder" heißt
„arki", aber jeder von beiden" heißt „cdder".
Es muß daher heißen „arki Fanger" = „jeder
Finger", aber „edder Hunn" = jede der beiden
Hände. Bei allen Fürwörtern werden diese
Unterschiede streng beachtet. Eine weitere
Schwierigkeit des Friesischen liegt für den
Fremden in der ungeheuren Menge synony
mer Wörter, das sind Wörter mit derselben
Grundbedeutung, die aber trotzdem gewisse
Veöeutungsunterschiede aufweisen. Um nur
ein Beispiel herauszugreifen: der Begriff
„gehen" läßt sich im Friesischen auf rund 120
verschiedene Arten ausdrücken. Da ist zunächst
das Wort „gung" --- „gehen". Von Kindern
und kleinen, schwächlichen Menschen sagt man
„göönke." Ein Gehen, bei dem die schnelle Tä
tigkeit der Beine besonders auffällt, heißt
„benske".' Leute mit krummen Beinen „skiaw-
ele", von „skiaw" — schief. Gemütliches Spa
zierengehen bezeichnet man mit „köire", mit
langen Schritten gehn mit „lank", von „lung"
= lang, unsicher auf den Beinen gehen mit
„skööeri" (von schüttern). Sehr zahlreich sind
auch die Worte für gehn, die gleichzeitig eine
Fortbewegung des Schiffes bedeuten und da
her wohl vor allem für den Gang der See
leute gebraucht werden: „waampe", „slingere"
und „ruili" bezeichnen alle ein „schwankendes
Gehen." „Diese Beispiele genügen schon, Herr
Dr., den Reichtum des Ausdrucks zu zeigen.
Man sagt zwar den Friesen nach, daß sie nicht
viel sprechen, aber was sie sagen, ist immer
sehr treffsicher. Welch eine scharfe Beobach
tungsgabe verraten alle diese fein erfühlten
Abstufungen. Man könnte fast, gemessen an
diesem Reichtum, von einer armen deutschen
Sprache sprechen?."
„Sie haben recht, io weit es die sinnlich faß
baren, konkreten Worte angeht. Bei den Ab
strakta, den reinen Begriffen, fehlen dem Frie
sischen eine Menge Worte. Aber es ist nur zu
seinem Vorteil. Konkrete Ausdrucksmöglich
keiten sind immer das Merkmal einer poeti
schen Sprache. Die Menschen werden gezwun
gen, Bilder und Vergleiche anzuwenden und
alle abstrakten Begriffe sinnlich faßbar zu um
schreiben."
„Da fällt mir zur Bestätigung gerade Goe
the ein, dessen Faust vor einiger Zeit uns
Rendsburgern in einer guten Aufführung ge
boten wurde. Er war auch ein Meister der
Bilder. Wie herrlich umschreibt doch der Pro
log im Himmel die Allmacht Gottes. Nun hat
sich ja allerdings bei den Friesen dieser bilder
reiche Ausdruck nicht in einem friesischen Goe
the niedergeschlagen, aber doch in einem unge
heuer reichen Schatz an Redewendungen und
Sprichwörtern. Wie kam es nur, daß die Spra
che in den letzten Jahrzehnten dauernd zurück
ging? Mußte sie nicht doch irgendwie schwäch
lich sein?"
„Ein Zeichen ihrer Kraft ist zum Beispiel
das Fehlen von Fremöworten oder doch die
Fähigkeit, die Fremdwörter zu Lehnwörtern
umzugestalten, so daß sie den Lautgesetzen nach
nicht mehr als fremd empfunden werden. Der
Grund für das Zurückgehen liegt nicht in der
Sprache selbst, sondern in der geographischen
Zerrissenheit des Landes und in den Ber
kehrsschwierigkeiten, die dialektische Sonder
entwicklungen begünstigte, wie sie auf so
engem Raum kein anderer Stamm kennt."
„Führer, Sylter und Helgoländer, Insula
ner und Festlandsfriesen könnten sich sehr gut
in der Unterhaltung ihrer Mundarten bedie
nen. Die Schwierigkeit der Verständigung
wird meistens überschätzt. Da aber tatsächlich
wirkliche Schwierigkeiten zu überwinden sind,
so wird es als bequemer empfunden, sich un
tereinander plattdeutsch zu verständigen. Mit
den Männern kann man sich fast immer platt
deutsch unterhalten, denn ihre Geschäfte füh
ren sie oster in die weitere Provinz, oder sie
haben es während der Militärzeit oder im
Kriege gelernt. Dagegen habe
ich immer festgestellt, daß die
friesischen Frauen, wenn sie
einmal Deutsch sprechen, das
Hochdeutsche bevorzugen, das
ihnen von der Schule her ge
läufig ist. — Die Verkehrs
schwierigkeiten bestehen ja
heute nicht mehr in dem
Maße. Aber gerade der durch
das Badeleben wachsende
Fremöenstrom wird allerlei
nachteilige Folgen für friesi
sche Sprache und Sitte gehabt
haben. Hat man nun nicht
rechtzeitig sich zur Wehr ge
setzt, Herr Dr., und sich auf
sein sprachliches Eigenleben
besonnen?" — „Das ging so,
wie es meistens geht, wenn
irgendwo Männer, die weiter sehen können
als ihre Umgebung, ihre warnende Stimme
erheben. Sie stießen auf Gleichgültigkeit und
Verständnislosigkeit. Seit den 60er Jahren
des vorigen Jahrhunderts weicht das Friesi
sche nicht vor dem Hochdeutschen, sondern vor
dem Plattdeutschen zurück. Die Insulaner I.
B. Clement und Chr. Johannsen und die Fest
landsfriesen B Venösen und M. Nissen setz
ten sich in Wort und Schrift für die Erhaltung
der friesischen Sprache ein, ernteten jedoch für
ihr selbstloses Streben nur Undank und Ent
täuschung! Wie von einem heiligen Zorn ge
packt ruft der leidenschaftliche Amrumer Pro
fessor Clement den tauben Landsleuten zu:
„Haltet fest an der Muttersprache und Väter
art! Wie ihr Deiche und Dämme baut, um
Heim und Herd gegen die gierige See zu
schützen, so richtet auch in Euch einen Schutz-
damm auf, damit das Fremde nicht wie eine
zerstörende Flut über Euch hinweggeht und
von Nordfrieslanö nichts als den Namen
übrigläßt,- denn mit seiner Sprache steht und
fällt ein Volk." In diesem Punkte hat sich nach
dem Kriege ein erfreulicher Wandel voll
zogen. Meistens haben solche künstlich ins Le
ben gerufene Bewegungen keine lange Le
bensdauer!"
„Sie irren, wenn Sie meinen, die noröfrie-
sische Bewegung nach dem Kriege sei künstlich
gemacht worden. In den Zeiten der Not und
Verarmung besinnt man sich auf sich selbst und
auf solche Güter, die unverlierbarer Besitz
sind. Die Bluts- und Geistesverwandtschaft
mit den Vorfahren, denen die eigenartige Na
tur der Marsch- und Inselwelt und der ewige
Kampf mit den Elementen charakterbildend
das Gepräge gab, werden von den Nordfriesen
wieder als lebendige Kraftquellen betrachtet."
„Sie nannten vorhin einige ältere und jün
gere Werke der recht bescheidenen friesischen
Literatur. Es waren auch einige Wörterbücher
darunter."
„Der Ueberblick sollte Ihnen zeigen, daß die
Arbeit überall begonnen, aber auch überall in
den Anfängen stecken geblieben ist. Sie be
handeln alle nur ein winziges Teilgebiet des
mundartlich reichgegliederten Nordfriesischen:
die meisten sind auch nicht, trotz thres sonsti
gen Wertes, als wissenschaftliche Arbeiten zu
bezeichnen."
„Wie geht nun die eigentliche Wörterbuch
arbeit vor sich? Ich vermute, daß die zahl
reichen Kästen hier in den Regalen in Ihrem
Arbeitszimmer die Kartothekkästen sind, in
denen die vielen Tausend ausgefüllten Sam
melzettel verschwinden, zu deren Einsendung
Sie Ihre paar hundert Sammler immer wie
der mahnen, wenn Sie Nordfriesland besu
chen? Was enthält denn eigentlich so ein Zet
tel?"
„Das gesamte eingehende Material wird zu
nächst nach Dialekten und innerhalb der Dia
lekte alphabetisch geordnet. Die Wörter wer
den in doppelter Schreibweise gebracht. An
der Spitze steht das Wort in bequem zu lesen
der, dem Hochdeutschen angeglichener Ortho
graphie. Dann folgt die lautliche Umschrift."
„Gibt es denn überhaupt jemand, der alle
Mundarten völlig beherrscht?"
„Diese Schwierigkeit ist wirklich bei keiner
anderen germanischen Sprache auch nur an
nähernd so groß. Ich selber spreche die Dia
lekte Osterlanösöhr, Westerlandföhr und Am
rum. Aber auch die anderen Dialekte habe ich
im Laufe meiner Arbeit sicher beurteilen ge
lernt. Gute Kenner dieser Mundarten gehö
ren zum Helferkreis des Wörterbuchs. Eine
große Erschwerung liegt darin, daß für die
schriftliche Wiedergabe einer ganzen Reihe von
Lauten, die im Plattdeutschen und Hochdeut
schen nicht vorkommen, graphische Zeichen nicht
zur Verfügung stehen und erst geschaffen wer
den mußten. Das Schriftbild eines eingesand
ten Wortes gibt oft alles andere, als eine kla
re Vorstellung von dem gesprochenen Worte."
„Ich kann mir vorstellen, welche umfang
reichen Studien nötig sind, bis cs bei einem
so widerhaarigen Objekt gelingt, jedes Wort
Friesische Dorsstraße.
^Lichtbilder: Archiv.),