Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

20000 Nordsriesen sprechen ihre eigene Sprache 
Sin Gespräch mit Dr. Tedsen, dem Schöpfer des Nordfriefischen Wörterbuches 
Englisch, aber Deutsche lernen selten Friesisch — Außerordentlicher Reichtum im Ausdruck: 120 Worte für „gehen 
rrerchen Vergleiche Fabrikware bringt Fremdworte — Kür das Wörterbuch «Kuubert- ham SAmmr»rit ?A«t«nh<i 
- Die Sprache der 
, - . „ s . ... , _ . - J „ §iir das Wörterbuch: Hunderte von Sammlern, Tausende von Wörterfammelzetteln — Laut 
zeichen, die fur das »rieftsche erst geschaffen werden mutzten - Friesisches Stammesbewutztsein und deutsches Volksbewutztsein sind eins 
Wenn im Schleswig-Holstein-Lied unserer 
Heimat beschwörend zugerufen wird, „wahre 
reu, was schwer errungen", so leuchtet in 
sesen Worten die Geschichte des Landes auf, 
wahrlich stürmische Vergangenheit, die 
> cy aus der geographischen Gegebenheit einer 
Handdrücke von Deutschland nach Skandina- 
ergab. Diese Brücke wurde in mcstöst- 
"cher Richtung von einer der ersten Handels- 
lsraßen Europas gekreuzt, deren Verlauf in 
ältester Zeit durch Haithabu, später durch 
Hamburg—Lübeck und heute durch den Nord- 
Meekanal bestimmt wird. Aber dem äußeren 
Anprall stand, auch davon spricht das Lied, 
gleichwertige innere Beharrung seiner 
^ewohner gegenüber. Schleswig-Holstein hat 
leine Art treu bewahrt, und unter seinen 
Landschaften gibt es wieder keine, in der das 
^rbe der Väter in Sprache, Tracht und Sitte 
unverfälschter, nicht in die Museen, sondern 
în das pulsierende Leben des Tages hinüber- 
nbrettet wäre, als Nordfriesland. 
Gerettet — das setzt Kampf um die Selbst 
behauptung voraus, und leider ist dabei auch 
Unendlich viel dem Wandel der Zeiten erlegen, 
^lber immerhin, wenn fast 20 000 Nordfriesen 
Uoch eine eigene Sprache sprechen, ist das Be- 
Uleis genug für die Zähigkeit, mit der hier an 
°en angestammten Gütern des Volkstums 
Zugehalten wird. Was weiß man in Deutsch- 
land von der friesischen Sprache? Nichts. Und 
în Schleswig-Holstein? Fast nichts. Seit Iah 
ten ist ein Mann, gebürtig von der Insel 
Şhr, damit beschäftigt, ein Wörterbuch der 
icordfriesischen Sprache herauszugeben. Es ist 
f}- Tedsen in Flensburg. Wir haben ihn in 
'Einem Flensburger Hause besucht, um auch 
sîumal die breitere Öffentlichkeit mit der 
ckiesischen Sprachbewegung und der mit der 
Schaffung des Wörterbuches geleisteten Volks- 
minsarbeit dekanntzumacyen. 
Schon beim Eintritt in das Arbeitszimmer 
ì Tedsens nimmt die besondere Atmosphäre 
meses Raumes gefangen: mit Bewunderung 
leitet das Auge über mauch schönes Stück 
ulten friesischen Hausrats, bleibt dann aber 
noch haften an den großen Regalen, deren 
-oorüe von oben bis unten mit Pappkästen 
vollgestellt sind, deren Bedeutung ich noch spä 
ter erfahren soll. Wir nehmen in einer gemüt 
lichen Ecke Platz, und während der würzige 
Friesenmädels aus Süderende auf Föhr 
in Festtracht. 
^Uft eines steifen Kaffees aus den Tassen 
^igt, finden wir plaudernd, von gemeinsamen 
^kannten auf der Insel Föhr, den Weg zur 
Befischen Sprache, über deren Herkunft ich 
Tedsen zunächst einige Fragen stelle. 
-,Es ärgert mich immer, Herr Dr., wenn ich 
dem „Kontinent" erzähle, daß wir auf den 
şieln noch vielfach Friesisch sprechen, zur 
^litwort bekomme, „Ach, Sie sprechen da oben 
besonderes Platt?" „Allerdings, entgegnet 
Tedsen, „man vermutet es im allgemeinen 
ş? deutschen Vatcrlande nicht, daß das Frie 
de eine völlig selbständige Sprache ist, die 
?st dem Deutschen nicht mehr verwandt ist, 
.le alle anderen germanischen Sprachen auch 
vier sich verwandt sind." 
.."Kann man nicht von einer besonderen Ve 
rhäng zur englischen Sprache sprechen? Ich 
Innere aus der Schule, daß wir im Engli- 
Mn sehr oft Vokabeln pauken mußten, die 
Unverwandt waren und sich nur durch kleine 
^Edeutungsunterschiede trennten." 
«Jawohl, unter den westgermanischen Spra- 
Eine charakteristische friesische Dorfkirche. 
chen, d. h. dem Hochdeutschen, Niederdeutschen, 
Friesischen und Englischen sind nicht, wie man 
vielfach annimmt, das Niederdeutsche und das 
Friesische besonders eng verwandt, sondern 
das Friesische und Englische, und zwar sowohl 
in der Lautentwicklung wie im Wortschatz, in 
der Verwendung der Verhältniswörter und 
vielem mehr. Daher fällt es dem Friesen sehr 
leicht, Englisch zu lernen und es gut auszu 
sprechen." 
„So leicht der Friese Englisch lernt, so 
schwer scheint ein Deutscher Friesisch zu ler 
nen. Wie kommt es. daß in Ehen zwischen Ein 
heimischen und Zugewanderten das Friesische 
so oft zu Gunsten des Plattdeutschen aufge 
geben wird? 
„Das kommt daher, daß das Friesische in 
Wortschatz und Satzbau eine höchst altertüm 
liche Sprache ist und vieles bewahrt hat, was 
unmittelbar an das Altgermanische erinnert. 
Es erfordert eine langjährige Uebung und ein 
feines Sprachgefühl, um zu einer sprachlichen 
Sicherheit zu gelangen. Eine große Schwierig 
keit ist z. B. die richtige Anwendung der alten 
Dual- oder Zweiformen, die von den altger 
manischen Sprachen nur das Gotische des 4. 
Jahrhunderts noch rein erhalten hat. „Wir" 
heißt „wi", aber „wir beide" heißt „wat", „ihr" 
heißt „jam", aber „ihr beide" heißt „jat". Für 
„uns" sagt man „üs", handelt es sich aber um 
zwei, dann sagt man „onk"; „euch" ist „jam", 
aber „euch beide" ist „jonk". „Jeder" heißt 
„arki", aber jeder von beiden" heißt „cdder". 
Es muß daher heißen „arki Fanger" = „jeder 
Finger", aber „edder Hunn" = jede der beiden 
Hände. Bei allen Fürwörtern werden diese 
Unterschiede streng beachtet. Eine weitere 
Schwierigkeit des Friesischen liegt für den 
Fremden in der ungeheuren Menge synony 
mer Wörter, das sind Wörter mit derselben 
Grundbedeutung, die aber trotzdem gewisse 
Veöeutungsunterschiede aufweisen. Um nur 
ein Beispiel herauszugreifen: der Begriff 
„gehen" läßt sich im Friesischen auf rund 120 
verschiedene Arten ausdrücken. Da ist zunächst 
das Wort „gung" --- „gehen". Von Kindern 
und kleinen, schwächlichen Menschen sagt man 
„göönke." Ein Gehen, bei dem die schnelle Tä 
tigkeit der Beine besonders auffällt, heißt 
„benske".' Leute mit krummen Beinen „skiaw- 
ele", von „skiaw" — schief. Gemütliches Spa 
zierengehen bezeichnet man mit „köire", mit 
langen Schritten gehn mit „lank", von „lung" 
= lang, unsicher auf den Beinen gehen mit 
„skööeri" (von schüttern). Sehr zahlreich sind 
auch die Worte für gehn, die gleichzeitig eine 
Fortbewegung des Schiffes bedeuten und da 
her wohl vor allem für den Gang der See 
leute gebraucht werden: „waampe", „slingere" 
und „ruili" bezeichnen alle ein „schwankendes 
Gehen." „Diese Beispiele genügen schon, Herr 
Dr., den Reichtum des Ausdrucks zu zeigen. 
Man sagt zwar den Friesen nach, daß sie nicht 
viel sprechen, aber was sie sagen, ist immer 
sehr treffsicher. Welch eine scharfe Beobach 
tungsgabe verraten alle diese fein erfühlten 
Abstufungen. Man könnte fast, gemessen an 
diesem Reichtum, von einer armen deutschen 
Sprache sprechen?." 
„Sie haben recht, io weit es die sinnlich faß 
baren, konkreten Worte angeht. Bei den Ab 
strakta, den reinen Begriffen, fehlen dem Frie 
sischen eine Menge Worte. Aber es ist nur zu 
seinem Vorteil. Konkrete Ausdrucksmöglich 
keiten sind immer das Merkmal einer poeti 
schen Sprache. Die Menschen werden gezwun 
gen, Bilder und Vergleiche anzuwenden und 
alle abstrakten Begriffe sinnlich faßbar zu um 
schreiben." 
„Da fällt mir zur Bestätigung gerade Goe 
the ein, dessen Faust vor einiger Zeit uns 
Rendsburgern in einer guten Aufführung ge 
boten wurde. Er war auch ein Meister der 
Bilder. Wie herrlich umschreibt doch der Pro 
log im Himmel die Allmacht Gottes. Nun hat 
sich ja allerdings bei den Friesen dieser bilder 
reiche Ausdruck nicht in einem friesischen Goe 
the niedergeschlagen, aber doch in einem unge 
heuer reichen Schatz an Redewendungen und 
Sprichwörtern. Wie kam es nur, daß die Spra 
che in den letzten Jahrzehnten dauernd zurück 
ging? Mußte sie nicht doch irgendwie schwäch 
lich sein?" 
„Ein Zeichen ihrer Kraft ist zum Beispiel 
das Fehlen von Fremöworten oder doch die 
Fähigkeit, die Fremdwörter zu Lehnwörtern 
umzugestalten, so daß sie den Lautgesetzen nach 
nicht mehr als fremd empfunden werden. Der 
Grund für das Zurückgehen liegt nicht in der 
Sprache selbst, sondern in der geographischen 
Zerrissenheit des Landes und in den Ber 
kehrsschwierigkeiten, die dialektische Sonder 
entwicklungen begünstigte, wie sie auf so 
engem Raum kein anderer Stamm kennt." 
„Führer, Sylter und Helgoländer, Insula 
ner und Festlandsfriesen könnten sich sehr gut 
in der Unterhaltung ihrer Mundarten bedie 
nen. Die Schwierigkeit der Verständigung 
wird meistens überschätzt. Da aber tatsächlich 
wirkliche Schwierigkeiten zu überwinden sind, 
so wird es als bequemer empfunden, sich un 
tereinander plattdeutsch zu verständigen. Mit 
den Männern kann man sich fast immer platt 
deutsch unterhalten, denn ihre Geschäfte füh 
ren sie oster in die weitere Provinz, oder sie 
haben es während der Militärzeit oder im 
Kriege gelernt. Dagegen habe 
ich immer festgestellt, daß die 
friesischen Frauen, wenn sie 
einmal Deutsch sprechen, das 
Hochdeutsche bevorzugen, das 
ihnen von der Schule her ge 
läufig ist. — Die Verkehrs 
schwierigkeiten bestehen ja 
heute nicht mehr in dem 
Maße. Aber gerade der durch 
das Badeleben wachsende 
Fremöenstrom wird allerlei 
nachteilige Folgen für friesi 
sche Sprache und Sitte gehabt 
haben. Hat man nun nicht 
rechtzeitig sich zur Wehr ge 
setzt, Herr Dr., und sich auf 
sein sprachliches Eigenleben 
besonnen?" — „Das ging so, 
wie es meistens geht, wenn 
irgendwo Männer, die weiter sehen können 
als ihre Umgebung, ihre warnende Stimme 
erheben. Sie stießen auf Gleichgültigkeit und 
Verständnislosigkeit. Seit den 60er Jahren 
des vorigen Jahrhunderts weicht das Friesi 
sche nicht vor dem Hochdeutschen, sondern vor 
dem Plattdeutschen zurück. Die Insulaner I. 
B. Clement und Chr. Johannsen und die Fest 
landsfriesen B Venösen und M. Nissen setz 
ten sich in Wort und Schrift für die Erhaltung 
der friesischen Sprache ein, ernteten jedoch für 
ihr selbstloses Streben nur Undank und Ent 
täuschung! Wie von einem heiligen Zorn ge 
packt ruft der leidenschaftliche Amrumer Pro 
fessor Clement den tauben Landsleuten zu: 
„Haltet fest an der Muttersprache und Väter 
art! Wie ihr Deiche und Dämme baut, um 
Heim und Herd gegen die gierige See zu 
schützen, so richtet auch in Euch einen Schutz- 
damm auf, damit das Fremde nicht wie eine 
zerstörende Flut über Euch hinweggeht und 
von Nordfrieslanö nichts als den Namen 
übrigläßt,- denn mit seiner Sprache steht und 
fällt ein Volk." In diesem Punkte hat sich nach 
dem Kriege ein erfreulicher Wandel voll 
zogen. Meistens haben solche künstlich ins Le 
ben gerufene Bewegungen keine lange Le 
bensdauer!" 
„Sie irren, wenn Sie meinen, die noröfrie- 
sische Bewegung nach dem Kriege sei künstlich 
gemacht worden. In den Zeiten der Not und 
Verarmung besinnt man sich auf sich selbst und 
auf solche Güter, die unverlierbarer Besitz 
sind. Die Bluts- und Geistesverwandtschaft 
mit den Vorfahren, denen die eigenartige Na 
tur der Marsch- und Inselwelt und der ewige 
Kampf mit den Elementen charakterbildend 
das Gepräge gab, werden von den Nordfriesen 
wieder als lebendige Kraftquellen betrachtet." 
„Sie nannten vorhin einige ältere und jün 
gere Werke der recht bescheidenen friesischen 
Literatur. Es waren auch einige Wörterbücher 
darunter." 
„Der Ueberblick sollte Ihnen zeigen, daß die 
Arbeit überall begonnen, aber auch überall in 
den Anfängen stecken geblieben ist. Sie be 
handeln alle nur ein winziges Teilgebiet des 
mundartlich reichgegliederten Nordfriesischen: 
die meisten sind auch nicht, trotz thres sonsti 
gen Wertes, als wissenschaftliche Arbeiten zu 
bezeichnen." 
„Wie geht nun die eigentliche Wörterbuch 
arbeit vor sich? Ich vermute, daß die zahl 
reichen Kästen hier in den Regalen in Ihrem 
Arbeitszimmer die Kartothekkästen sind, in 
denen die vielen Tausend ausgefüllten Sam 
melzettel verschwinden, zu deren Einsendung 
Sie Ihre paar hundert Sammler immer wie 
der mahnen, wenn Sie Nordfriesland besu 
chen? Was enthält denn eigentlich so ein Zet 
tel?" 
„Das gesamte eingehende Material wird zu 
nächst nach Dialekten und innerhalb der Dia 
lekte alphabetisch geordnet. Die Wörter wer 
den in doppelter Schreibweise gebracht. An 
der Spitze steht das Wort in bequem zu lesen 
der, dem Hochdeutschen angeglichener Ortho 
graphie. Dann folgt die lautliche Umschrift." 
„Gibt es denn überhaupt jemand, der alle 
Mundarten völlig beherrscht?" 
„Diese Schwierigkeit ist wirklich bei keiner 
anderen germanischen Sprache auch nur an 
nähernd so groß. Ich selber spreche die Dia 
lekte Osterlanösöhr, Westerlandföhr und Am 
rum. Aber auch die anderen Dialekte habe ich 
im Laufe meiner Arbeit sicher beurteilen ge 
lernt. Gute Kenner dieser Mundarten gehö 
ren zum Helferkreis des Wörterbuchs. Eine 
große Erschwerung liegt darin, daß für die 
schriftliche Wiedergabe einer ganzen Reihe von 
Lauten, die im Plattdeutschen und Hochdeut 
schen nicht vorkommen, graphische Zeichen nicht 
zur Verfügung stehen und erst geschaffen wer 
den mußten. Das Schriftbild eines eingesand 
ten Wortes gibt oft alles andere, als eine kla 
re Vorstellung von dem gesprochenen Worte." 
„Ich kann mir vorstellen, welche umfang 
reichen Studien nötig sind, bis cs bei einem 
so widerhaarigen Objekt gelingt, jedes Wort 
Friesische Dorsstraße. 
^Lichtbilder: Archiv.),
	        
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