■ ' .
S", Herr Dr., nun auch jedem Wort in sei
ther Mundart lautlich zu umschreiben. Gehen
nem historischen Zusammenhang nach? Das
würde doch nicht nur der vergleichenden
Sprachwissenschaft zugute kommen und in den
übrigen germanischen Sprachen manches Un
geklärte erklären helfen, sondern vermutlich
wertvolle Fingerzeige zu der noch nicht ganz
geklarten Frage der Besiedlung Nordfries
lands geben?"
„Das kann man allerdings erwarten, wenn
erst alle Dialekte völlig erforscht und sich nun
untereinander und mit dem Altfriesischen und
Altenglischen vergleichen lassen. Nebenher
wird der Zusammenhang mit dem Nieder
deutschen, Hochdeutschen und den nordischen
Sprachen geklärt. Wo Entlehnungen aus dem
Dänischen, Französischen, Lateinischen und
Holländischen vorliegen, sind die entsprechen
den Wörter beizufügen."
„Es wäre eine schwere Unterlassung gewe
sen, wenn trotz der Höhe und Gründlichkeit
der deutschen Wissenschaft die nordfriesische
Sprache als einzige unerforscht geblieben wä
re, denn seit den Tagen Jakob Grimms ist
jede germanische Sprache Gegenstand der
Sprachwissenschaft. Trotzdem wird doch diese
Aneinanderreihung von Worten für den
Nichtwissenschaftler eine ziemlich trockene An
gelegenheit sein, in die er kaum einmal seine
Nase hineinstecken wird."
„Gewiß, wenn nur der Wortschatz erfaßt
würde, könnte das zutreffen. Aber es soll au
ßerdem jedes Wort in seiner mannigfachen
Verwendung in der lebendigen Rede gezeigt
werden. Das Nordfriesische Wörterbuch will
ein getreues Bild geben von nordfriesischem
Volkscharakter und Volksleben in Vergangen
heit und Gegenwart. Darum verbinden wir
mit der Wortkunde die Volkskunde und zei
gen das friesische Erleben in Sitte und Brauch,
Sage und Märchen, Lied und Spiel, an Ar-
beits- und Festtagen, ans der See und im be
haglichen Heim. Es gilt die in reichem Sprich
wörterschatz in treffende Form gebrachte
Volksweisheit aufzuzeichnen,' die Sprichwör
ter legen Zeugnis ab vom Fühlen und Den
ken, von der praktischen und religiösen Welt-
und Lebensanschauung. Die plastische Fülle
und Bildhaftigkeit haben die Dialekte viel
stärker entwickelt als die mit blassen Fremd
wörtern durchsetzten Schriftsprachen."
„Wenn Sie in so hohem Maße die Volks
kunde berücksichtigen wollen, ist es allerdings
hohe Zeit, mit der Sammelarbeit zu begin
nen. Das moderne wirtschaftliche und soziale
Leben vernichtet viel altes Sprachgut. Die
Maschine tritt an die Stelle der einst im Hau
se geübten Künste und Tätigkeiten. Spinnrad
und Webstuhl und manches andere Gerät sind
verschwunden. Die heutige Arbeitsteilung
schränkt die einst unübersehbare Fülle der
Arbeiten in einem bäuerlichen Hausstand im
mer mehr ein. Mit dem alten Gerät ver
schwinden die Ausdrücke. Mit der Fabrikware
strömt eine wahre Flut von Fremdwörtern in
die Sprache."
„Darum sollen auch alte Rechtsbräuche und
abergläubische Vorstellungen Berücksichtigung
finden. Die Kulturgeschichte erforscht den Fort
schritt von einem Zeitabschnitt zum anderen.
Die Volkskunde erfaßt alles, was sich trotz
der fortschreitenden Erkenntnis aus längst
vergangenen Zeiten bis in die wissensstolze
Gegenwart erhalten hat. Wenn diese rückstän
digen, kulturwiörigen Dinge mit historischem
und psychologischem Verständnis gedeutet wer
den, dann entdeckt man in ihnen einen tiefe
ren Sinn, nämlich wertvolle Ueberbleibsel
früherer Kulturstufen unserer Vorfahren."
„Zum Schluß noch eins, Herr Dr., es ist für
jeden, der Nordfriesland persönlich kennt,
keine Frage, daß mit dem Stolz auf das Frie-
sentum sich eine durch nichts zu erschütternde
Treue zum deutschen Reiche verbindet. Die
Abstimmung, die auf Grund des Versailler
Diktats erfolgen mußte, hat das gezeigt, und
die wenigen, die damals ihren Vorteil in ei
nem anderen Lande zu finden glaubten, —
ubi bene, ibi patria — haben sich für immer
gerichtet. Und auch der Nationalsozialismus
wurde nach seinem allgemeinen Bekanntwer
den nirgends früher und entschiedener ver
treten, als von friesischen Herzen. Aber sehen
Sic auf kulturellem Gebiet vielleicht die Mög
lichkeit, daß ein Volkstum das andere aus
schließt?"
„Der Hauptgrund dafür, daß das Friesische
m die Gefahr des Aussterbens geraten ist,
liegt in der Tatsache, daß es sich nicht zu einer
Schrift- und Literatursprache erhoben hat.
Dazu war das Sprachgebiet räumlich, die
Sprachgemeinschaft zahlenmäßig zu klein.
Was an Gelehrten, Dichtern, Schriftstellern
und Politikern aus dem nordfriesischen
Stamm hervorging, entwuchs seinem friesi
schen Volkstum und trat ein in den deutschen
Kulturkreis. So hat der kleine Stamm trotz
seines ausgeprägten Volkstums kein Geistes
leben in höherem Sinne entwickelt und ist
organisch in das große deutsche Kulturleben
hineingewachsen. Friesisches Stammesbewußt
sein und deutsches Volksbewußtsein haben sich
in der Nordmark fest verbunden. Seine Pflege
ist das stärkste Band, das den Menschen auch
an die größere Heimat fesselt".
Wir sind am Ende einer Unterhaltung, die
ein Gebiet oft nur andeutend berührte, das
bei näherer Beschäftigung erst seinen ganzen
fesselnden Reichtum offenbart. Ich danke Dr.
Tedsen für seine Darlegungen, und hoffe, daß
durch sie, wenn vielleicht schon im nächsten
Jahre der föhringisch-amringische Band des
Wörterbuches erscheint, auch die breite Öf
fentlichkeit sich der Bedeutung dieses Ereig
nisses für die Heimatgeschichte Schleswig-
Holsteins bewußt ist. I. B.
Die Strandung der „Horns" und der Unter
gang einer Amrumer Rettungsmannschaft
Von Dr. Jul. Tedsen.
In den letzten 150 Jahren strandeten vor
Sylt 203 und vor Amrum in 30 Jahren über
100 Schiffe. Oft gingen mehrere Schiffe in
einem Sturm unter. Dann war der Strand
mit Schifftztrümmern und Schiffsgut geradezu
übersät. Es handelte sich dabei um umgeheure
Werte, und da der Bergelohn ein Drittel des
Wertes betrug, stellten sich bald berufene und
manchmal auch unberufene Berger ein. Wenn
cs gelang, Schiff und Ladung zu bergen, dann
ging der Bergelohn oft in die Tausende. Die
Amrumer erhielten 1825 für 5 schwierige Ber
gungen 130 000 Mark.
Daß man solche Summen gern einstrich, ist
klar. Das hätten andere auch getan. Daß auch
einmal ein paar Kisten und Planken nächt
licherweile vom Strand verschwanden, soll auch
ohne weiteres zugegeben werden. Daß aber die
Friesen in ihren Kirchen hätten beten lassen:
Gott segne den Strand! ist schon darum nicht
möglich, weil es ja zumeist friesische Lands
leute waren, die am heimatlichen Ufer Schiff
bruch litten. Hier gingen 1744 nicht weniger
als über 200 friesische Seeleute unter, näm
lich 84 Sylter in der Sylter Brandung und
120 Führer und Amrumer vor dem Amrumer
Kniepsand. Im 18. Jahrhundert starb ein
Drittel der friesischen Seeleute den Seemauns-
tod. Um 1800 gab es auf Föhr allein 400 Sce-
mannswitwen. Und diese Menschen sollten
ihren eigenen Berufsgenossen und Landsleu
ten Tod und Untergang gewünscht haben, um
des „Strandsegens" willen?
Und wie oft ging der Ausschüttung
des „Strandsegens" die Rettung der Schiff
brüchigen unter Lebensgefahr voraus, wieviele
Toni Zaggler /
Urheberrechtsschutz durch Verlagsanstalt Manz,
München.
21) Nachdruck verboten.
Toni drückt sich an den Stamm eines Bau
mes und wartet mit klopfendem Herzen.
Stimmengemurmel dringt an sein Ohr und
gleich darauf tauchen zwei Gestalten hinter der
Wegbiegung auf.
Toni hält den Atem an. Lautlos gleitet
seine Hand am Gewehrschaft hinab und zieht
die beiden Hähne hoch.
Jetzt gehen sie an ihm vorüber, bleiben auf
einmal einen Meter von dem Lauschenden
entfernt stehen.
Toni kann nur mit Mühe einen Ruf der
Ueberraschung unterdrücken, denn als der eine
sein Gesicht ein wenig wendet, erkennt er den
Steinmüller Bartl und in dem andern den
Jäger Sebastian Büchler.
„Nein, Bartl", sagt Büchler, „den Hirschen
am Gröllstein mußt dem Grafen überlassen.
Gar zu arg darfst es net treiben. Er traut mir
so schon nimmer recht, der Alte."
„Teufi, so a Hirsch! Der reut mich schon",
antwortet Bartl. „Der Winninger hat Bot
schaft g'schickt, er braucht ein paar große Stück."
„Geh halt einmal in ein anderes Revier,
zum Weindl oder zum Toni. Für heut aber
geh heim. Es wird schon Tag. G'fehlt wärs,
wenn uns jemand zusammen sehen tät."
Die beiden gehen auseinander.
Toni ist zu Mut, als hätte ihm jemand mit
einem Prügel über den Kopf geschlagen. Nun
kann und darf er nicht mehr schweigen.
Sich umwendend, geht er ein Stück durch den
Wald seitwärts und nimmt dann den kürze
sten Weg über eine Geröllhalde zur Brandl-
alm.
Als er das freie Almfeld betritt, bleibt er
einen Moment benommen stehen vor der
Pracht und Schönheit, die sich ihm bietet.
Ein leichensarbener Schein breitet sich über
den Himmel und erstickt den Glanz der Sterne
und des Mondes. Wolken dampfen um die
Hochlandsroman von Hans Ernst
Berge, die rötlich zu schimmern beginnen und
heller werden, immer heller.
*
Die Luisenhütte liegt noch in tiefem Frie
den, als Toni ankommt. Sein erstes ist, daß
er an die Tür des Grafen klopft.
Es dauert keine zwei Minuten, kommt
Graf Bruggstein barfuß, nur mit Hemd und
kurzer Lederhose bekleidet, aus der Kammer.
„Wie spät ist es?"
„Halb vier, Herr Graf."
Graf Bruggsteins Gesicht verdunkelt sich.
„Was? Du hast verschlafen?" Seine Au
gen werden klein. „Und wie schaust denn du
aus? Aha, da treibt sich der Anton Zaggler
draußen rum und vergißt dabei, daß ich um
halb drei geweckt werden will."
Er zieht die Lederhose mit beiden Händen
am Leib hoch und tritt dicht vor Toni hin.
„Dreihundertvierundsechzig Hirsche habe ich
in meinem Leben geschossen. Aber noch keinen,
wie der am Gröllberg ist. Freunderl, der
Hirsch, wenn er mir auskommt, dann ist's aus
mit deiner Jagerei!"
Nun kann Toni doch nicht mehr länger
schweigen. Das Blut war ihm bei dieser An
klage ins Gesicht geschlagen. Seine Gestalt reckt
sich.
„Herr Graf, ich "
„Maul halten! Ich will keine Entschuldi
gung. Das ganze Jahr zahlt man so einen
Kerl, und wenn man ihn braucht, muß man
warten, bis er von einer Kittelfalten weg
kommt. Der Hirsch liegt mir schon lang im
Magen. Heut hätt ich ihn haben können. Aber
natürlich, der Herr Zaggler —"
Graf Bruggstein wendet sich ab und stützt
den einen Fuß auf die Bank.
„Meine Wadelstrümpf her."
Toni nimmt sie von der Herdstange und gibt
sie ihm.
Graf Bruggstein reißt sie ihm aus der Hand.
„Hab immer gemeint, du bist ein richtiger
Jäger. Aber man täuscht sich in den Menschen.
Das sag ich dir, Toni: Von mir aus gehst du
büßten dabei ihr Leben ein! Wie manche Wit
we, deren Mann sein Leben für andere hin
gegeben hatte, erzog ihre Kinder in Armut
und Dürftigkeit! Darum traten sämtliche Am
rumer Seeleute nach dem oben erwähnten
Riesengewinn des Jahres 1824 zusammen und
übernahmen für sich und ihre Nachkommen
feierlich die Verpflichtung, von jedem Berge
lohn 5 Prozent in das nengegründete Strand
legat abzuführen. Aus diesem Legat sollten
die Witwen und Waisen derjenigen Seeleute
unterstützt werden, die im Rettungsdienst den
Tod gefunden hatten. Geradezu sprichwörtlich
an der ganzen Wasserkante ist die Verwegen
heit und die selbstlose Hingabe der Amrumer
Rettungsmannschtften. Dafür möge hier ein
Beispiel folgen.
Es war am 9. Dezember 1863. Ein Orkan
raste über die Nordsee. Das mecklenburgische
Schiff „Horns" trieb, ein Spiel der Wellen,
auf die Sandbank Jong Nahmen vor Kniep-
saud. Die Nordöorfer glaubten zu beobachten,
daß sich an Deck'etwas bewegte. Die Mann
schaft mußte also noch auf dem Schiffe sein.
Aber es war unmöglich, durch die Brandung
zu kommen. Erst am nächsten Tage konnten
die Amrumer hinausfahren. Sie legten ihre
kleinen seetüchtigen Segler in Vortrapp- und
Hörnumtief vor Anker.
Das gestrandete Schiff war zum Wrack ge
worden. Tie halbe Deckslast war über Bord
gegangen. Das Schiff lag auf der Seite tief im
Wasser und war verloren. Es hieße Gott ver
suchen, wollte man, um etwas Schiffsgut zu
bergen, sein Leben wagen. Aber die Mann
schaft! Ein Leben ist des andern wert.
bei der Nacht hin, wo du willst. Aber du hast
da zu sein, wenn ich dich brauche, sonst kannst
du hingehen, wo du hergekommen bist."
Toni steht wie vom Donner gerührt. Seine
Augen werden feucht. Zugleich aber wächst ein
wilder Trotz in ihm. Seine Stimme hat einen
harten Klang, als er sagt:
„Soll ich das als Kündigung auffassen?"
„Hab ich nicht deutlich genug geredet?" sagt
der Graf, ohne sich umzuwenden.
„Dann möchte ich noch meinen dienstlichen
Rapport machen. Heute morgen um drei Uhr
ist der Büchler gemeinsam mit dem Stein
müller Bartl von der Ambacher Straße herauf
gekommen."
Graf Bruggstein führt mit jähem Ruck her
um. Sein Gesicht ist ganz Spannung:
„Du hast sie gesehen?"
„Ja, ich hab sie gesehen und hab einen Teil
ihres Gespräches gehört. Sie haben auch von
dem Hirschen am Gröllberg geredet."
„Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?"
„Der Herr Graf hat mich ja nicht zu Wort
kommen lassen."
Graf Bruggstein wird von einer fiebernden
Aufregung befallen. Im Augenblick hat er die
Bergschuhe an den Füßen und schlüpft in die
Joppe. Mit zitternden Händen nimmt er das
Gewehr, drückt das graue Hütl über die weißen
Haare und will zur Hütte hinaus.
Da besinnt er sich unter der Tür, kommt zu
rück und legt dem Toni beide Hände auf die
Achseln.
„Nimm mir meine Worte von vorhin nicht
krumm, Toni. Ich hätt es wissen müssen, daß
du ein anständiger Kerl bist. Und jetzt komm
mit. Dem Büchler werd ich heute die Suppe
versalzen. Jetzt hab ich g'nug von ihm."
Mit langen Schritten geht Graf Bruggstein
das Latschenfeld hinunter und drüben den
Hang wieder hinauf. Toni kann ihm kaum
folgen.
Mittendrin bleibt der Graf stehen.
„Das geht eigentlich nicht, wie ich es mir im
ersten Zorn vorgenommen hab. Wenn ich jetzt
den Büchler auf der Stell zum Teufel jage,
geht er am Abend mit dem Bartl gemeinsam
zum Wildern. Wir haben dann um einen
Lumpen mehr im Bezirk. Paß auf, Toni. Den
Der Sturm hatte abgenommen. Aber tV
See tobte mit unverminderter Gewalt. An
den Rändern der Sandbänke raste und brüllte
die Brandung. Der Strom riß das Wasser um
die Sandbänke herum und steigerte den Wel
lentanz ins Ungeheure.
Da schoß ein Boot vor. Vier Mann, Olle
Svennen, Peter John, Christopher Weiß unö
Jan Gerrets, ruderten mit Macht in de»
Hexenkessel hinein. Aber sie kamen nicht durch-
Eine Riesenwelle hob das kleine Fahrzeug
hoch empor und schleuderte es tief hinab, und
die nächste rollte über das Boot hinweg. Vier
Mann rangen mit der Brandung um ihr
Leben.
Auf seinem Fahrzeug stand der alte Grön
land-Kommandeur Jakob Engemann. Er
konnte dem Todeskampf seiner Landsleute
nicht tatenlos zusehen, mochte es denn gehen,
wie es wollte. Er sprang ins Boot. Vier
Mann folgten ihm. Albert Jensen, Niels Niel
sen,^ Hans Hansen und Erich Jaunen. Sie
wußten, um was es ging. Todesmut und To
desahnung stand auf den harten Gesichtern
geschrieben. Aber sie kannten kein Bedenken,
kein Zurück.
„Rui an in Gottes Namen!" kommandierte
zum letzten Male der alte Grönlandfahrer.
Sie tauchten die Ruder ins Wasser und legten
sich schwer in die Riemen. Das Boot schoß in
den wirbelnden Strudel hinein. Die Bran
dung trieb ein kurzes grausames Spiel mit
dem Kahn und warf ihn wild hin und her.
Dann brachen und barsten die Sturzseen don
nernd darüber hin und begruben auch dies
Boot mit seinen Insassen. Neun Mann wa
ren ertrunken, alle aus dem kleinen Norddorf.
Sechs von ihnen hinterließen eine Witwe, 21
Kinder hatten ihren Vater verloren.
Erst als die See sich völlcg beruhigte, konnte
man das Wrack erreichen. Es war kein Man»
mehr an Bord. Ein großer Hund sprang den
Leuten, die an Bord kletterten, wütend ent
gegen. Diesen hatten die Norddorfer vom
Land aus für einen Mann gehalten und dar
aus geschlossen, daß die Mannschaft noch auf
dem Schiff sei.
Dann traf ein Telegramm ein: „Die Mann
schaft vom „Horns" ist schon unter Norwegen
abgeborgen,' steuerlos und ohne Besatzung ist
das Schiff durch die Brandung getrieben. Daß
aber die wackeren Friesen des elenden Wracks
halber haben den Tod finden müssen, erfüllt
uns mit tiefem Schmerz."
Der Kapitän der „Horns" kam nach Amrum,
um den Witwen der Verunglückten sein Bei
leid auszusprechen und ihnen seine Hilfe an
zubieten,' denn diese waren alle nicht mit irdi
schen Gütern gesegnet. In Mecklenburg, der
Heimat des Schiffes, und in Noröfriesland
wurde eine Sammlung'veranstaltet, aus deren
Zinsen jede der Witwen jährlich 60 Jl und für
jedes Kind eine kleine Zulage erhielt. Diese
Frauen haben sich tapfer durchs Leben geschla
gen und ihre Kinder in dem Geist ihrer Män
ner erzogen: Niemand hat größere Liebe denn
die, daß er sein Leben lasse für seine Brüder.
Schiff auf Strand! Das bedeutet für die
schlichten Helden in Oelzeug und Südwester
nicht plündern und rauben, sondern bergen
und retten.
Büchler, den nehm ich jetzt zu mir und dn
übernimmst sein Revier. Ich sag zum Büchler,
du hättest drei Wochen Urlaub. Verstehst
mich?"
„Wohl, Herr Graf."
Der Graf faßt den Jungen beim Haarschüp-
pel, der ihm wirr in die Stirn hereinhängt,
zieht ihm den Kopf ein wenig zurück und blickt
ihm fest in die Augen.
„Du hast vollkommen freie Hand, Toni. Richt
dir den Dienst ein, wie es dir paßt. Schlaf lie
ber beim Tag und leg dich nachts auf die Lauer.
Jeden zweiten Tag komm ich zu dir. Jetzt gcö
zurück in die Hütte und hol dein Sach. Vergiß
vor allem nicht, dir genügend Munition ein
zustecken. Den Weindl kannst du von der Ve^
änderung verständigen. Also, mach dein Sach
gut!"
In festem Druck liegen ihre Hände ineinan
der. Dann trennen sie sich.
Als Graf Bruggstein auf die Hütte des
Büchler zukommt, sieht er den Jäger vow
Wald herüberkommen. Mühsam seine W>ck
verbergend, geht er ihm entgegen.
„Wo kommst du heut schon her, Büchler?"
Büchler ist momentan sprachlos. Das plöV
liche Auftauchen seines Herrn wirkt auf Ģ
wie die Erscheinung eines Gespenstes. Danü
stottert er verlegen:
„Dem Bock hab ich aufgepaßt — dem Bock, \ a
— im Agerhölzl. Ein Bock, sag ich Ihnen,
Graf. Ganz was Seltenes! Der ist Ihne»
sicher. Jeden Morgen wechselt er nüber W
Schludererjoch."
Der Graf blickt den Sprechenden scharf aw
Aber dann sagt er: ,
„Den Bock hol ich mir ein andermal. 3*5$,
mußt du mit mir kommen, Büchler. Am Grşş
stein weiß ich einen Hirsch. Und dein Saw
nimmst auch gleich mit. Du mußt einstweilen
den Dienst bei mir übernehmen, bis der Tw"
vom Urlaub zurück ist. Komm!" M
Büchlers erste Verblüffung verwandelt stw
in geschäftige Freundlichkeit.'
Hurtig packt er seine Sachen und geht
schuftig plaudernd neben seinem Herrn
dem Gröllstein.
.(Fortsetzung folgt-).
-ì- t