Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

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S", Herr Dr., nun auch jedem Wort in sei 
ther Mundart lautlich zu umschreiben. Gehen 
nem historischen Zusammenhang nach? Das 
würde doch nicht nur der vergleichenden 
Sprachwissenschaft zugute kommen und in den 
übrigen germanischen Sprachen manches Un 
geklärte erklären helfen, sondern vermutlich 
wertvolle Fingerzeige zu der noch nicht ganz 
geklarten Frage der Besiedlung Nordfries 
lands geben?" 
„Das kann man allerdings erwarten, wenn 
erst alle Dialekte völlig erforscht und sich nun 
untereinander und mit dem Altfriesischen und 
Altenglischen vergleichen lassen. Nebenher 
wird der Zusammenhang mit dem Nieder 
deutschen, Hochdeutschen und den nordischen 
Sprachen geklärt. Wo Entlehnungen aus dem 
Dänischen, Französischen, Lateinischen und 
Holländischen vorliegen, sind die entsprechen 
den Wörter beizufügen." 
„Es wäre eine schwere Unterlassung gewe 
sen, wenn trotz der Höhe und Gründlichkeit 
der deutschen Wissenschaft die nordfriesische 
Sprache als einzige unerforscht geblieben wä 
re, denn seit den Tagen Jakob Grimms ist 
jede germanische Sprache Gegenstand der 
Sprachwissenschaft. Trotzdem wird doch diese 
Aneinanderreihung von Worten für den 
Nichtwissenschaftler eine ziemlich trockene An 
gelegenheit sein, in die er kaum einmal seine 
Nase hineinstecken wird." 
„Gewiß, wenn nur der Wortschatz erfaßt 
würde, könnte das zutreffen. Aber es soll au 
ßerdem jedes Wort in seiner mannigfachen 
Verwendung in der lebendigen Rede gezeigt 
werden. Das Nordfriesische Wörterbuch will 
ein getreues Bild geben von nordfriesischem 
Volkscharakter und Volksleben in Vergangen 
heit und Gegenwart. Darum verbinden wir 
mit der Wortkunde die Volkskunde und zei 
gen das friesische Erleben in Sitte und Brauch, 
Sage und Märchen, Lied und Spiel, an Ar- 
beits- und Festtagen, ans der See und im be 
haglichen Heim. Es gilt die in reichem Sprich 
wörterschatz in treffende Form gebrachte 
Volksweisheit aufzuzeichnen,' die Sprichwör 
ter legen Zeugnis ab vom Fühlen und Den 
ken, von der praktischen und religiösen Welt- 
und Lebensanschauung. Die plastische Fülle 
und Bildhaftigkeit haben die Dialekte viel 
stärker entwickelt als die mit blassen Fremd 
wörtern durchsetzten Schriftsprachen." 
„Wenn Sie in so hohem Maße die Volks 
kunde berücksichtigen wollen, ist es allerdings 
hohe Zeit, mit der Sammelarbeit zu begin 
nen. Das moderne wirtschaftliche und soziale 
Leben vernichtet viel altes Sprachgut. Die 
Maschine tritt an die Stelle der einst im Hau 
se geübten Künste und Tätigkeiten. Spinnrad 
und Webstuhl und manches andere Gerät sind 
verschwunden. Die heutige Arbeitsteilung 
schränkt die einst unübersehbare Fülle der 
Arbeiten in einem bäuerlichen Hausstand im 
mer mehr ein. Mit dem alten Gerät ver 
schwinden die Ausdrücke. Mit der Fabrikware 
strömt eine wahre Flut von Fremdwörtern in 
die Sprache." 
„Darum sollen auch alte Rechtsbräuche und 
abergläubische Vorstellungen Berücksichtigung 
finden. Die Kulturgeschichte erforscht den Fort 
schritt von einem Zeitabschnitt zum anderen. 
Die Volkskunde erfaßt alles, was sich trotz 
der fortschreitenden Erkenntnis aus längst 
vergangenen Zeiten bis in die wissensstolze 
Gegenwart erhalten hat. Wenn diese rückstän 
digen, kulturwiörigen Dinge mit historischem 
und psychologischem Verständnis gedeutet wer 
den, dann entdeckt man in ihnen einen tiefe 
ren Sinn, nämlich wertvolle Ueberbleibsel 
früherer Kulturstufen unserer Vorfahren." 
„Zum Schluß noch eins, Herr Dr., es ist für 
jeden, der Nordfriesland persönlich kennt, 
keine Frage, daß mit dem Stolz auf das Frie- 
sentum sich eine durch nichts zu erschütternde 
Treue zum deutschen Reiche verbindet. Die 
Abstimmung, die auf Grund des Versailler 
Diktats erfolgen mußte, hat das gezeigt, und 
die wenigen, die damals ihren Vorteil in ei 
nem anderen Lande zu finden glaubten, — 
ubi bene, ibi patria — haben sich für immer 
gerichtet. Und auch der Nationalsozialismus 
wurde nach seinem allgemeinen Bekanntwer 
den nirgends früher und entschiedener ver 
treten, als von friesischen Herzen. Aber sehen 
Sic auf kulturellem Gebiet vielleicht die Mög 
lichkeit, daß ein Volkstum das andere aus 
schließt?" 
„Der Hauptgrund dafür, daß das Friesische 
m die Gefahr des Aussterbens geraten ist, 
liegt in der Tatsache, daß es sich nicht zu einer 
Schrift- und Literatursprache erhoben hat. 
Dazu war das Sprachgebiet räumlich, die 
Sprachgemeinschaft zahlenmäßig zu klein. 
Was an Gelehrten, Dichtern, Schriftstellern 
und Politikern aus dem nordfriesischen 
Stamm hervorging, entwuchs seinem friesi 
schen Volkstum und trat ein in den deutschen 
Kulturkreis. So hat der kleine Stamm trotz 
seines ausgeprägten Volkstums kein Geistes 
leben in höherem Sinne entwickelt und ist 
organisch in das große deutsche Kulturleben 
hineingewachsen. Friesisches Stammesbewußt 
sein und deutsches Volksbewußtsein haben sich 
in der Nordmark fest verbunden. Seine Pflege 
ist das stärkste Band, das den Menschen auch 
an die größere Heimat fesselt". 
Wir sind am Ende einer Unterhaltung, die 
ein Gebiet oft nur andeutend berührte, das 
bei näherer Beschäftigung erst seinen ganzen 
fesselnden Reichtum offenbart. Ich danke Dr. 
Tedsen für seine Darlegungen, und hoffe, daß 
durch sie, wenn vielleicht schon im nächsten 
Jahre der föhringisch-amringische Band des 
Wörterbuches erscheint, auch die breite Öf 
fentlichkeit sich der Bedeutung dieses Ereig 
nisses für die Heimatgeschichte Schleswig- 
Holsteins bewußt ist. I. B. 
Die Strandung der „Horns" und der Unter 
gang einer Amrumer Rettungsmannschaft 
Von Dr. Jul. Tedsen. 
In den letzten 150 Jahren strandeten vor 
Sylt 203 und vor Amrum in 30 Jahren über 
100 Schiffe. Oft gingen mehrere Schiffe in 
einem Sturm unter. Dann war der Strand 
mit Schifftztrümmern und Schiffsgut geradezu 
übersät. Es handelte sich dabei um umgeheure 
Werte, und da der Bergelohn ein Drittel des 
Wertes betrug, stellten sich bald berufene und 
manchmal auch unberufene Berger ein. Wenn 
cs gelang, Schiff und Ladung zu bergen, dann 
ging der Bergelohn oft in die Tausende. Die 
Amrumer erhielten 1825 für 5 schwierige Ber 
gungen 130 000 Mark. 
Daß man solche Summen gern einstrich, ist 
klar. Das hätten andere auch getan. Daß auch 
einmal ein paar Kisten und Planken nächt 
licherweile vom Strand verschwanden, soll auch 
ohne weiteres zugegeben werden. Daß aber die 
Friesen in ihren Kirchen hätten beten lassen: 
Gott segne den Strand! ist schon darum nicht 
möglich, weil es ja zumeist friesische Lands 
leute waren, die am heimatlichen Ufer Schiff 
bruch litten. Hier gingen 1744 nicht weniger 
als über 200 friesische Seeleute unter, näm 
lich 84 Sylter in der Sylter Brandung und 
120 Führer und Amrumer vor dem Amrumer 
Kniepsand. Im 18. Jahrhundert starb ein 
Drittel der friesischen Seeleute den Seemauns- 
tod. Um 1800 gab es auf Föhr allein 400 Sce- 
mannswitwen. Und diese Menschen sollten 
ihren eigenen Berufsgenossen und Landsleu 
ten Tod und Untergang gewünscht haben, um 
des „Strandsegens" willen? 
Und wie oft ging der Ausschüttung 
des „Strandsegens" die Rettung der Schiff 
brüchigen unter Lebensgefahr voraus, wieviele 
Toni Zaggler / 
Urheberrechtsschutz durch Verlagsanstalt Manz, 
München. 
21) Nachdruck verboten. 
Toni drückt sich an den Stamm eines Bau 
mes und wartet mit klopfendem Herzen. 
Stimmengemurmel dringt an sein Ohr und 
gleich darauf tauchen zwei Gestalten hinter der 
Wegbiegung auf. 
Toni hält den Atem an. Lautlos gleitet 
seine Hand am Gewehrschaft hinab und zieht 
die beiden Hähne hoch. 
Jetzt gehen sie an ihm vorüber, bleiben auf 
einmal einen Meter von dem Lauschenden 
entfernt stehen. 
Toni kann nur mit Mühe einen Ruf der 
Ueberraschung unterdrücken, denn als der eine 
sein Gesicht ein wenig wendet, erkennt er den 
Steinmüller Bartl und in dem andern den 
Jäger Sebastian Büchler. 
„Nein, Bartl", sagt Büchler, „den Hirschen 
am Gröllstein mußt dem Grafen überlassen. 
Gar zu arg darfst es net treiben. Er traut mir 
so schon nimmer recht, der Alte." 
„Teufi, so a Hirsch! Der reut mich schon", 
antwortet Bartl. „Der Winninger hat Bot 
schaft g'schickt, er braucht ein paar große Stück." 
„Geh halt einmal in ein anderes Revier, 
zum Weindl oder zum Toni. Für heut aber 
geh heim. Es wird schon Tag. G'fehlt wärs, 
wenn uns jemand zusammen sehen tät." 
Die beiden gehen auseinander. 
Toni ist zu Mut, als hätte ihm jemand mit 
einem Prügel über den Kopf geschlagen. Nun 
kann und darf er nicht mehr schweigen. 
Sich umwendend, geht er ein Stück durch den 
Wald seitwärts und nimmt dann den kürze 
sten Weg über eine Geröllhalde zur Brandl- 
alm. 
Als er das freie Almfeld betritt, bleibt er 
einen Moment benommen stehen vor der 
Pracht und Schönheit, die sich ihm bietet. 
Ein leichensarbener Schein breitet sich über 
den Himmel und erstickt den Glanz der Sterne 
und des Mondes. Wolken dampfen um die 
Hochlandsroman von Hans Ernst 
Berge, die rötlich zu schimmern beginnen und 
heller werden, immer heller. 
* 
Die Luisenhütte liegt noch in tiefem Frie 
den, als Toni ankommt. Sein erstes ist, daß 
er an die Tür des Grafen klopft. 
Es dauert keine zwei Minuten, kommt 
Graf Bruggstein barfuß, nur mit Hemd und 
kurzer Lederhose bekleidet, aus der Kammer. 
„Wie spät ist es?" 
„Halb vier, Herr Graf." 
Graf Bruggsteins Gesicht verdunkelt sich. 
„Was? Du hast verschlafen?" Seine Au 
gen werden klein. „Und wie schaust denn du 
aus? Aha, da treibt sich der Anton Zaggler 
draußen rum und vergißt dabei, daß ich um 
halb drei geweckt werden will." 
Er zieht die Lederhose mit beiden Händen 
am Leib hoch und tritt dicht vor Toni hin. 
„Dreihundertvierundsechzig Hirsche habe ich 
in meinem Leben geschossen. Aber noch keinen, 
wie der am Gröllberg ist. Freunderl, der 
Hirsch, wenn er mir auskommt, dann ist's aus 
mit deiner Jagerei!" 
Nun kann Toni doch nicht mehr länger 
schweigen. Das Blut war ihm bei dieser An 
klage ins Gesicht geschlagen. Seine Gestalt reckt 
sich. 
„Herr Graf, ich " 
„Maul halten! Ich will keine Entschuldi 
gung. Das ganze Jahr zahlt man so einen 
Kerl, und wenn man ihn braucht, muß man 
warten, bis er von einer Kittelfalten weg 
kommt. Der Hirsch liegt mir schon lang im 
Magen. Heut hätt ich ihn haben können. Aber 
natürlich, der Herr Zaggler —" 
Graf Bruggstein wendet sich ab und stützt 
den einen Fuß auf die Bank. 
„Meine Wadelstrümpf her." 
Toni nimmt sie von der Herdstange und gibt 
sie ihm. 
Graf Bruggstein reißt sie ihm aus der Hand. 
„Hab immer gemeint, du bist ein richtiger 
Jäger. Aber man täuscht sich in den Menschen. 
Das sag ich dir, Toni: Von mir aus gehst du 
büßten dabei ihr Leben ein! Wie manche Wit 
we, deren Mann sein Leben für andere hin 
gegeben hatte, erzog ihre Kinder in Armut 
und Dürftigkeit! Darum traten sämtliche Am 
rumer Seeleute nach dem oben erwähnten 
Riesengewinn des Jahres 1824 zusammen und 
übernahmen für sich und ihre Nachkommen 
feierlich die Verpflichtung, von jedem Berge 
lohn 5 Prozent in das nengegründete Strand 
legat abzuführen. Aus diesem Legat sollten 
die Witwen und Waisen derjenigen Seeleute 
unterstützt werden, die im Rettungsdienst den 
Tod gefunden hatten. Geradezu sprichwörtlich 
an der ganzen Wasserkante ist die Verwegen 
heit und die selbstlose Hingabe der Amrumer 
Rettungsmannschtften. Dafür möge hier ein 
Beispiel folgen. 
Es war am 9. Dezember 1863. Ein Orkan 
raste über die Nordsee. Das mecklenburgische 
Schiff „Horns" trieb, ein Spiel der Wellen, 
auf die Sandbank Jong Nahmen vor Kniep- 
saud. Die Nordöorfer glaubten zu beobachten, 
daß sich an Deck'etwas bewegte. Die Mann 
schaft mußte also noch auf dem Schiffe sein. 
Aber es war unmöglich, durch die Brandung 
zu kommen. Erst am nächsten Tage konnten 
die Amrumer hinausfahren. Sie legten ihre 
kleinen seetüchtigen Segler in Vortrapp- und 
Hörnumtief vor Anker. 
Das gestrandete Schiff war zum Wrack ge 
worden. Tie halbe Deckslast war über Bord 
gegangen. Das Schiff lag auf der Seite tief im 
Wasser und war verloren. Es hieße Gott ver 
suchen, wollte man, um etwas Schiffsgut zu 
bergen, sein Leben wagen. Aber die Mann 
schaft! Ein Leben ist des andern wert. 
bei der Nacht hin, wo du willst. Aber du hast 
da zu sein, wenn ich dich brauche, sonst kannst 
du hingehen, wo du hergekommen bist." 
Toni steht wie vom Donner gerührt. Seine 
Augen werden feucht. Zugleich aber wächst ein 
wilder Trotz in ihm. Seine Stimme hat einen 
harten Klang, als er sagt: 
„Soll ich das als Kündigung auffassen?" 
„Hab ich nicht deutlich genug geredet?" sagt 
der Graf, ohne sich umzuwenden. 
„Dann möchte ich noch meinen dienstlichen 
Rapport machen. Heute morgen um drei Uhr 
ist der Büchler gemeinsam mit dem Stein 
müller Bartl von der Ambacher Straße herauf 
gekommen." 
Graf Bruggstein führt mit jähem Ruck her 
um. Sein Gesicht ist ganz Spannung: 
„Du hast sie gesehen?" 
„Ja, ich hab sie gesehen und hab einen Teil 
ihres Gespräches gehört. Sie haben auch von 
dem Hirschen am Gröllberg geredet." 
„Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?" 
„Der Herr Graf hat mich ja nicht zu Wort 
kommen lassen." 
Graf Bruggstein wird von einer fiebernden 
Aufregung befallen. Im Augenblick hat er die 
Bergschuhe an den Füßen und schlüpft in die 
Joppe. Mit zitternden Händen nimmt er das 
Gewehr, drückt das graue Hütl über die weißen 
Haare und will zur Hütte hinaus. 
Da besinnt er sich unter der Tür, kommt zu 
rück und legt dem Toni beide Hände auf die 
Achseln. 
„Nimm mir meine Worte von vorhin nicht 
krumm, Toni. Ich hätt es wissen müssen, daß 
du ein anständiger Kerl bist. Und jetzt komm 
mit. Dem Büchler werd ich heute die Suppe 
versalzen. Jetzt hab ich g'nug von ihm." 
Mit langen Schritten geht Graf Bruggstein 
das Latschenfeld hinunter und drüben den 
Hang wieder hinauf. Toni kann ihm kaum 
folgen. 
Mittendrin bleibt der Graf stehen. 
„Das geht eigentlich nicht, wie ich es mir im 
ersten Zorn vorgenommen hab. Wenn ich jetzt 
den Büchler auf der Stell zum Teufel jage, 
geht er am Abend mit dem Bartl gemeinsam 
zum Wildern. Wir haben dann um einen 
Lumpen mehr im Bezirk. Paß auf, Toni. Den 
Der Sturm hatte abgenommen. Aber tV 
See tobte mit unverminderter Gewalt. An 
den Rändern der Sandbänke raste und brüllte 
die Brandung. Der Strom riß das Wasser um 
die Sandbänke herum und steigerte den Wel 
lentanz ins Ungeheure. 
Da schoß ein Boot vor. Vier Mann, Olle 
Svennen, Peter John, Christopher Weiß unö 
Jan Gerrets, ruderten mit Macht in de» 
Hexenkessel hinein. Aber sie kamen nicht durch- 
Eine Riesenwelle hob das kleine Fahrzeug 
hoch empor und schleuderte es tief hinab, und 
die nächste rollte über das Boot hinweg. Vier 
Mann rangen mit der Brandung um ihr 
Leben. 
Auf seinem Fahrzeug stand der alte Grön 
land-Kommandeur Jakob Engemann. Er 
konnte dem Todeskampf seiner Landsleute 
nicht tatenlos zusehen, mochte es denn gehen, 
wie es wollte. Er sprang ins Boot. Vier 
Mann folgten ihm. Albert Jensen, Niels Niel 
sen,^ Hans Hansen und Erich Jaunen. Sie 
wußten, um was es ging. Todesmut und To 
desahnung stand auf den harten Gesichtern 
geschrieben. Aber sie kannten kein Bedenken, 
kein Zurück. 
„Rui an in Gottes Namen!" kommandierte 
zum letzten Male der alte Grönlandfahrer. 
Sie tauchten die Ruder ins Wasser und legten 
sich schwer in die Riemen. Das Boot schoß in 
den wirbelnden Strudel hinein. Die Bran 
dung trieb ein kurzes grausames Spiel mit 
dem Kahn und warf ihn wild hin und her. 
Dann brachen und barsten die Sturzseen don 
nernd darüber hin und begruben auch dies 
Boot mit seinen Insassen. Neun Mann wa 
ren ertrunken, alle aus dem kleinen Norddorf. 
Sechs von ihnen hinterließen eine Witwe, 21 
Kinder hatten ihren Vater verloren. 
Erst als die See sich völlcg beruhigte, konnte 
man das Wrack erreichen. Es war kein Man» 
mehr an Bord. Ein großer Hund sprang den 
Leuten, die an Bord kletterten, wütend ent 
gegen. Diesen hatten die Norddorfer vom 
Land aus für einen Mann gehalten und dar 
aus geschlossen, daß die Mannschaft noch auf 
dem Schiff sei. 
Dann traf ein Telegramm ein: „Die Mann 
schaft vom „Horns" ist schon unter Norwegen 
abgeborgen,' steuerlos und ohne Besatzung ist 
das Schiff durch die Brandung getrieben. Daß 
aber die wackeren Friesen des elenden Wracks 
halber haben den Tod finden müssen, erfüllt 
uns mit tiefem Schmerz." 
Der Kapitän der „Horns" kam nach Amrum, 
um den Witwen der Verunglückten sein Bei 
leid auszusprechen und ihnen seine Hilfe an 
zubieten,' denn diese waren alle nicht mit irdi 
schen Gütern gesegnet. In Mecklenburg, der 
Heimat des Schiffes, und in Noröfriesland 
wurde eine Sammlung'veranstaltet, aus deren 
Zinsen jede der Witwen jährlich 60 Jl und für 
jedes Kind eine kleine Zulage erhielt. Diese 
Frauen haben sich tapfer durchs Leben geschla 
gen und ihre Kinder in dem Geist ihrer Män 
ner erzogen: Niemand hat größere Liebe denn 
die, daß er sein Leben lasse für seine Brüder. 
Schiff auf Strand! Das bedeutet für die 
schlichten Helden in Oelzeug und Südwester 
nicht plündern und rauben, sondern bergen 
und retten. 
Büchler, den nehm ich jetzt zu mir und dn 
übernimmst sein Revier. Ich sag zum Büchler, 
du hättest drei Wochen Urlaub. Verstehst 
mich?" 
„Wohl, Herr Graf." 
Der Graf faßt den Jungen beim Haarschüp- 
pel, der ihm wirr in die Stirn hereinhängt, 
zieht ihm den Kopf ein wenig zurück und blickt 
ihm fest in die Augen. 
„Du hast vollkommen freie Hand, Toni. Richt 
dir den Dienst ein, wie es dir paßt. Schlaf lie 
ber beim Tag und leg dich nachts auf die Lauer. 
Jeden zweiten Tag komm ich zu dir. Jetzt gcö 
zurück in die Hütte und hol dein Sach. Vergiß 
vor allem nicht, dir genügend Munition ein 
zustecken. Den Weindl kannst du von der Ve^ 
änderung verständigen. Also, mach dein Sach 
gut!" 
In festem Druck liegen ihre Hände ineinan 
der. Dann trennen sie sich. 
Als Graf Bruggstein auf die Hütte des 
Büchler zukommt, sieht er den Jäger vow 
Wald herüberkommen. Mühsam seine W>ck 
verbergend, geht er ihm entgegen. 
„Wo kommst du heut schon her, Büchler?" 
Büchler ist momentan sprachlos. Das plöV 
liche Auftauchen seines Herrn wirkt auf Ģ 
wie die Erscheinung eines Gespenstes. Danü 
stottert er verlegen: 
„Dem Bock hab ich aufgepaßt — dem Bock, \ a 
— im Agerhölzl. Ein Bock, sag ich Ihnen, 
Graf. Ganz was Seltenes! Der ist Ihne» 
sicher. Jeden Morgen wechselt er nüber W 
Schludererjoch." 
Der Graf blickt den Sprechenden scharf aw 
Aber dann sagt er: , 
„Den Bock hol ich mir ein andermal. 3*5$, 
mußt du mit mir kommen, Büchler. Am Grşş 
stein weiß ich einen Hirsch. Und dein Saw 
nimmst auch gleich mit. Du mußt einstweilen 
den Dienst bei mir übernehmen, bis der Tw" 
vom Urlaub zurück ist. Komm!" M 
Büchlers erste Verblüffung verwandelt stw 
in geschäftige Freundlichkeit.' 
Hurtig packt er seine Sachen und geht 
schuftig plaudernd neben seinem Herrn 
dem Gröllstein. 
.(Fortsetzung folgt-). 
-ì- t
	        
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