Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

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Utt^ brausten blühen bîe Rosen -.. 
Dis Rose in Geschichte, Sage ßtt8 Dichtung 
Von Albert Schweitzer. 
de^^lume zieht durch Me Kulturgeschichte I gärten, bei Leichenverbrennungen verwandte 
- ^°"er etn so farbenfrohes, duftiaes Band man Rosenholz, und auch heute noch pflanzt 
Von von Hölderlin, dem großen Einsamen, 
wird berichtet, daß ihn nichts so sehr aus der 
Macht des Wahnsinns ins Leben zurückrufen 
konnte, wie der Duft und Anblick roter Rosen. 
Lenau war die Rose ein Sinbild der Liebe, und 
er meint: 
wi° ?. otfer .ein so farbenfrohes, duftiges Band 
fuß ' e Nose, die „Königin der Blumen", die 
s.f ietzt wieder in ihrer vollen Schönheit ent- 
tet. Sie war der Menschheit in ihrer kultu- 
„ Entwicklung stets ein treuer Begleiter 
«d wußte ihren Platz als Königin der Blu- 
« durch alle Zeiten hindurch zu behaupten. 
man mit Vorliebe seinen Toten Rosen auf 
die Gräber. 
Von Göttern geschaffen. 
einer alten Ueberlieferung 
Nach einer alten Ueberlieferung soll die 
5 ch aus einem Schaumtröpfchen herrühren, 
sâ ìn dem Augenblick, als Venus Aphrodite 
^ den Meereswellen entwand, am Ufer zur 
. ">c fiel. Der persische Dichter F i r d u s i be 
fugtet, daß sie ans einem Schweißtropfen des 
^opheten M o h a m e d entstanden sei, den 
,Ber beim Durchschreiten des Paradieses von 
er Stirne wischte, als er sich plötzlich dem 
^wrgen gegenüber sah. Nach einer anderen 
J*9E! soll der Rosenstrauch aus der Reue der 
, rtemis und den Tränen des Eros erst 
anden sein, und eine indische Legende berich- 
f.» öer Gott der Götter, W i s ch n u, habe eine 
'"er Frauen, Pagoda, in einem Rosen- 
gefunden. Eine orientalische Sage er- 
°Mt folgendes: Zwischen der Stadt Bethlehem 
ad der Kirche auf dem blühenden Gefilde von 
moridas sollte einst ein zu Unrecht der Un- 
^uschheit geziehenes Mädchen anmutigster 
.Mnheit zur Strafe lebendig verbrannt wer- 
Ņļs der Scheiterhaufen bereits brannte, 
,7 sie in inbrünstigem Gebet den Herrn, ihr 
Uelsen, ihre Unschuld zu offenbaren. Furcht- 
bestieg sie den brennenden Scheiterhaufen, 
Uö sofort erlosch das Feuer. Die glühenden 
^izer aber wurden zu Rosensträuchern, über 
.Ud über mit leuchtenden, flammenden Rosen 
überschüttet... 
sşiZN öer germanischen Mythologie spielt die 
^vse eine bedeutsame Rolle. Loki zwingt die 
^ude zum Rosenlachen und zaubert so den 
Kühling ins Land. Dort, wo die heiligen 
Mne standen, gedeiht die Heckenrose am be- 
gefürchtet von Hexen und Werwölfen, 
ş, er auch den jungen Mädchen gefährlich, denn 
ş e werden verstrickt oder zu Rosenprinzessin- 
. en verwandelt, die hinter Dornenhecken schla- 
'î» müssen, bis der heiße Kuß des Sonnen- 
Mtes Baldur sie zu neuem Leben erweckt 
Um Märchen von Dornröschen). Um die Dome 
3* Hildesheim, Lübeck und Breslau spinnen 
N Sagen, deren Mittelpunkt die Rose ist. 
Me Rose, die wir in L a u r i n s Rosengarten 
pttd in dem Rosengarten öer Königin Krim 
vitz in Worms finden, wurde später auch in 
e îi christlichen Kult aufgenommen. Den Ger 
itten galt die Rose als Sinnbild des Todes. 
Machtfelder und Grabstätten hießen Rosen- 
Von Königen verschwendet. 
Die erste wirkliche Kunde über die Rosen 
vermitteln uns die viele 1000 Jahre alten 
Tschudengräber. Auf einigen Silber- 
münzen, die man neben anderen Schmucksachen 
und Geräten fand, befand sich auch das Gepräge 
einer Rose. Einige hundert Jahre später trank 
man in China einen Tee aus gelblichen Ro 
senblättern. 
Durch das ganze Altertum hindurch trieb 
man einen ungeheuren Rosenkultus. Die Rose 
war die Blume öer Schönheit und Sinnen- 
freude. Persephone (Homer) pflückte 
Rosen und Krokus! Eros, die Grazien, 
die Musen — Geburt und Tod, Fest 
mahl und Opfer — — alle und alles schmückte 
die Rose. 
Die vornehme römische Gesellschaft trieb 
während öer späteren Katserzeit einen gewal 
tigen Luxus mit Rosen. Nero ließ bei einem 
Gastmahl für 60 000 Mark Rosen aus Alex 
andrien kommen. 
In Mittelalter wurde die Rose vielfach als 
heraldischer Wappenschmuck benutzt. Das Ro 
senwappen öer lippischen Länder ist bekannt. 
Nach ihren Wappen nannten sich die beiden 
rivalisierenden englischen Regentenhäuser 
Lancaster und York die „Rote Rose" und die 
„Weiße Rose", und unter diesen idyllischen 
Feldzeichen wurde der berühmte Erbfolgekrieg, 
der mit dem Untergang Richards III. endete, 
während mehr als dreißig Jahren in blutigen 
Kämpfen ausgefochten. Auch Martin Luther, 
der die dunkelrote Rose als Sinnbild der 
Treue liebte, wählte sie als Wappenschild mit 
Herz und Kreuz darin und dem Spruch: „Des 
Christen Herz ans Rosen geht, selbst wenn es 
unterm Kreuze steht." 
Von Dichtet« besungen. 
Die Hochschätzung, die die Völker des klassi 
schen Altertums für die Rose empfanden, be 
steht bis auf unsere Tage fort. Unzählbar wie 
die Blätter aller Rosen, sind auch die Gedichte 
und Lieder, die die Rose als Verkörperung der 
Liebe und Schönheit feiern. Schon die Dichte 
rin Sappho verherrlichte die Rose als Köni 
gin der Blumen im Liede, wie auch Petrarca. 
Wie viele Edelsteine köstlichster Art bietet 
nicht allein die Volkspoesie! Wem wäre nicht 
Goethes „Heidenröslein" bekannt, jene herr 
liche Ballade mit ihrem verborgenen tragischen 
Sinn. Schiller spricht von „himmlischen Rosen", 
die die Frauen „ins irdische Leben flechten". 
Nie soll weiter sich ins Land 
Lieb und Liebe wagen, 
Als sich blühend in der Hand 
Läßt die Rose tragen. 
Dir Königin des Pfingstfestes 
Eine Betrachtung von Hans Bethge. 
Alle Feste haben ihre Blumen. Pfingsten 
dagegen hat Blumen die Fülle. Es ist das ei 
gentliche Fest des Blühens, das wahre Früh 
lingsfest, und alle Wunder der Auferstehung 
leuchten uns aus Gärten, Hainen und Wiesen 
entgegen. Die Blume des Festes, die wirkliche 
Königin des Festes ist die Pfingstrose: groß, 
üppig, strahlend, von wunderbarem Rot, aber 
in den verschiedenen Züchtungen auch abschat 
tiert über das bezauberndste Rosa zu einem 
schimmernden Weiß. Sie duftet nicht, all ihre 
Schönheit tut sich in ihrer blätterreichen, lok- 
keren, lachenden Form und in ihrer Farbe 
kund. 
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Die Blume ist seit Jahrtausenden bekannt. 
Sie wächst wild in Griechenland, im südlichen 
Deutschland, in den Ländern des Fernen 
Ostens. Sie war eine beliebte Zierblume schon 
bei den Griechen, von denen sie den Namen 
„Päonie" erhielt. Der Name wird von einem 
berühmten griechischen Arzt Paeon hergeleitet, 
andere bringen ihn mit dem Gott öer Heil 
kunst, Paeonius, in Verbindung. Sie wurde 
von den Alten gegen Gicht und Fallsucht ver 
wendet, noch heute wird sie in manchen Ge 
genden volkstümlich Gichtrose genannt. Die 
gleichfalls volkstümliche Bezeichnung Putenje 
ist nichts weiter als eine Verstümmelung von 
Päonie. 
Sie sollte bei uns für das Pfingstfest viel 
ergiebiger gezüchtet werden, denn diese Blume 
ist wunderbar. Die ganze souveräne Heiterkeit 
des Frühlings ist darin, und man kann sich 
auf dem festlichen Tisch des Hauses kaum etwas 
schöner Schmückendes denken, kaum eine an 
dere Blume, die so lachend dekorativ in die 
Erscheinung tritt. In Paris scheuen sich die 
Mädchen nicht, die große, lachende Blüte zur 
Pfingstzeit auf der Brust zu tragen, und es 
steht ihnen herrlich. Ganz in sie verliebt aber 
sind die Maler in Japan und China. 
Ja, nirgends ist die Päonie mit solcher 
Liebe, mit solcher Hingebung, mit solcher Ver 
senkung in ihre königliche Schönheit gemalt 
worden wie in den großen Kulturländern des 
Fernen Ostens. Es gibt zahllose Bilder der 
großen klassischen Maler in China und Japan, 
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Pfingsten, das liebliche Fest, 
wie es Ludwig Richter sah. (Entstanden I860.} 
(Max Löhrich, K.) 
die nichts weiter als einen Zweig grüner Blät 
ter mit einigen Päonienblüten zeigen. Aber 
wie haben es diese Künstler verstanden, das 
Wunder der Päonienblüte darzustellen! Bis in 
ihre feinsten, zartesten Nuancen hinein ent 
hüllt sich die Schönheit öer Blume, man möchte 
sagen: ihre edle seelische Wesenheit wird auf 
gedeckt, ja, das mystische Wesen des Blumen 
haften überhaupt schein sich dem entzückenden 
Betrachter zu offenbaren. 
Die Birkenreiser sind schön, man stellt sie 
auf dem Lande neben den Haustüren auf, aber 
in die Stuben passen sie nicht. Auf die festlichen 
Tische in den Zimmern gehören purpurne 
Pfingstrosen, — sie sollten in keinem Haus 
fehlen, denn eine schönere Festblume gibt es 
nicht! 
Der PftngftkramZ 
Skizze von Franz Pohl. 
^Pfingstsonnabend! — Auch beim Bauern 
^ottschalk war alles vom frühen Morgen an 
n Tätigkeit. Die Ställe wurden gesäubert 
mit frischem Stroh versehen, der Hof ge- 
stöt, und im Hause waren ganze Wasserflu- 
über Treppen und Fußböden geflossen. 
.Mn kam Sand auf die weißen Dielen und 
Mges Birkengrün an Wände und Türen, 
^ckbentzs saßen die Dienstleute in ihren 
v ^îtagskleidern um den Tisch, sie wollten 
Wchher nach alter Sitte singend durch das 
^vrf gehen und waren in aufgeräumter 
şilmmung. Besonders die „kleine Magd" 
Dt. 
Zarie war ganz ausgelassen, sie neckte wie 
/tturer den Knecht Karl, der ihrem Spott 
Ehrlos ausgesetzt war. Je röter und verle- 
?Mer der große stattliche Bursche wurde, um 
wehr ärgerte ihn Marie, die sich auch durch 
e Vorwürfe Annas, der Großmagd, von ih- 
„tummen Getue" nicht abbringen ließ. 
sonders wußte sie Karl, öer immer von 
Änlicher Sauberkeit war und viel auf sich 
t, «Luuoerreir wo 
, in seiner Eitelkeit zu treffen. Jetzt 
l 9tc sie auf seinen glänzenden Scheitel. 
»Nu seht doch, ihr Leute", rief sie lachend, 
Ms der Karl für einen feinen Pomaden- 
j'Mel hat! Drin bespiegeln möcht man sich 
j ' Damit fuhr sie ihm mit beiden Händen 
Mer. Der Pserdejunge Paul, für den der 
Mcht keine Respektsperson war, lachte laut 
y.,6 verstummte aber sogleich erschrocken, und 
şch die Großmagd ließ die Gabel sinken: 
Ml hatte sich seltsam verändert! Er war 
Jo geworden, hatte die Augenbrauen finster 
Ij^wmengezogen und atmete schwer. Plötz- 
Mfprang er so gewaltsam auf, daß der Stuhl 
Miel, und mit wutverzerrtem Gesicht stürzte 
s, sich auf Marie, die schreiend aus der Küche 
Sie eilte den Gang hinunter bis zur 
sî Mdekammer, riß die Tür auf und riegelte 
^ hinter sich zu. Karl, öer ihr auf den Fersen 
şļgt war, rüttelte wie besessen an der 
^ wke und warf sich dann mit seinem ganzen 
Mper gegen die Tür, so daß sie krachend und 
Msiernd aufsprang. Die Magd war, halbtot 
M. Angst, zwischen Bett und Fenster auf die 
Me gesunken. Der Knecht hatte den Kopf 
Mebeugt und die Arme wie zum Schlage 
Globen. Aber seine Fäuste öffneten sich und 
MFinger griffen suchend ins Leere. Die 
Innung in seinem Gesicht ließ nach 
öie Haare und wirbelte sie wild durchein- 
und 
machte einem grübelnden Ausdrucke Platz. 
Er sah die junge Gestalt in dem bunten 
Sonntagskleide, die flehend gefalteten Hände, 
die angstvoll geöffneten Augen und die wir 
ren blonden Haare. Dann irrte sein Blick über 
die kahlen Wände hin — er atmete tief, wandte 
sich um und ging schwankend zur Tür hinaus, 
vorbei an Anna, dem Pferdejungen und den 
Bauersleuten, die auf den Lärm herbeigeeilt 
waren. — 
Karl blieb verschwunden, die kleine Magd 
hatte sich weinend auf ihr Bett geworfen, und 
so waren denn Anna und Paul allein in das 
Dorf gegangen. Sie hatten in ihrer Aufre 
gung vergessen, daß der Pfingstbaum noch gar 
nicht aufgerichtet war. Das Loch vor öer 
Scheune, in das er gestellt werden sollte, war 
schon gegraben, der Baum und der mächtige 
Kranz, aus Tannengrün und Birkenreisern 
geflochten, lagen daneben, keiner kümmerte 
sich darum. Der Bauer ging mit seiner Fa 
milie schlafen, und der Hof lag verlassen da. 
Es wurde Nacht und auch im Dorf immer 
stiller. Nur hin und wieder hörte man das 
Lachen der Burschen und Mädchen und das 
Bellen öer Hunde. In den Ställen rührte sich 
das Vieh und rasselte dumpf mit den Ketten. 
Und auf dem Scheunendach saß im Mondlicht 
ein Käuzchen und jammerte kläglich. — Da 
kam Karl in den Hof geschlichen. Verstört 
blickte er um sich und setzte sich dann auf ei 
nen Stein neben dem Pfingstbaum. Er nahm 
den Kranz in die Hände und sah in Gedan 
ken versunken vor sich hin. Plötzlich fuhr er 
zusammen: Eine Tür öffnete sich und Marie 
trat heraus. Sie kam an den Ställen entlang 
und überschritt den Hof, bis sie neben Karl 
stand. Der blieb unbeweglich sitzen, aber sein 
Herz klopfte laut und heftig. Marie legte ihm 
leicht die Hand auf die Schulter: 
„Karl", sagte sie leise mit zitternder Stim 
me, „ich bin ja daran schuld, ich albernes dum 
mes Ding — bist du mir denn noch böse?" 
Als sie keine Antwort hörte, fing sie nach 
einer Weile stockend wieder an: 
„Der Kranz hat ja noch gar keine Bänder 
— sieh hier, ich habe welche mitgebracht!" 
Dabei wies sie Karl einen ganzen Arm voll 
bunter Bänder vor, die sie auf dem Rücken 
gehalten hatte. Da blickte der Knecht auf und 
sagte: 
„Na, Mariechen, da möchten wir wohl tzen 
Pfingstbaum fertig machen!" 
Eifrig machten sich beide an die Arbeit, und 
bald stand der Wngstbaum aufgerichtet^ mit 
Tannengrün bekränzt, da. Hoch ragte er in den 
Sternenhimmel und die Bänder, leicht vom 
Winde bewegt, glänzten in allen Farben, 
blau, grün, gelb und rot. — 
Die Glocken läuteten Pfingsten ein, und 
zu der Kirche zog eine festlich gekleidete Men 
ge. Aus den umliegenden Dörfern kamen die 
Bauern wie immer mit Leiterwagen gefahren, 
die mit Zweigen, Bändern und Blumen ge 
schmückt waren, auch die Pferde hatten Bir- 
kenreiser am Geschirr. Am meisten fiel die 
Fuhre auf, mit der Bauer Gottschalk und seine 
Leute ankamen. Schneidig fuhr der prächtig 
ausstaffierte Wagen um die Ecke, und mit ei 
nem Ruck blieben die jungen Füchse stehen. 
Aber es mar ja kein Wunder: der Karl kut 
schierte! Stattlich und wie aus dem Ei ge 
pellt sah er wieder aus, und mit wichtiger 
Miene hielt er die Leinen. Als er aber galant 
der kleinen Magd Marie beim Aussteigen 
half, und sie ihn zärtlich ansah, da strählte er 
über das ganze braune Gesicht. 
Die Pşiņgsthoke 
Humoreske von Magda Trott 
Pfingstausflügler überall. Die Eisen 
bahnzüge überfüllt. Man war froh, wenn 
man rasch noch einen Sitzplatz erwischte. Aer- 
gerlich schauten die Fahrgäste auf, wenn sich 
iurmer und immer wieder die Tür öffnete, 
wenn neue Reisende einstiegen. Die neuen 
Pfingstkleider litten unter dieser Enge. 
; Kurz vor Abfahrt des Zuges kam noch eine 
junge Dame den Bahnsteig entlang geeilt. Sie 
sah die überfüllten Abteile und öffnete kurz 
entschlossen die zweite Klasse, weil hier noch 
etwas mehr Platz war. Ein junger Mann, 
der die Beine weit von sich gestreckt hielt, be 
trachtete die Dame mit unwilligen Blicken. 
Die Dame ließ sich neben dem jungen Herrn 
nieder, der verärgert etwas zur Seite rückte. 
Dann schlug er die Beine wieder übereinan 
der, daß die seidenen Strümpfe sichtbar wur 
den. Die graue Hose, die nach modernstem 
Schnitt gearbeitet war, schien eben erst vom 
Schneider gekommen zu sein, die Bügelfalte 
stach den Mitreisenden aufdringlich in die 
Augen. 
Nach etwa halbstündiger Fahrt fing Dora 
Lepein an, in ihrem Handtäschchen zu kramen. 
Sie zog schließlich ein Fläschchen hervor, das 
mit einer dunkelroten Flüssigkeit angefüllt 
war, setzte die Flasche an die Lippen und 
trank. 
Da — eine Kurve — der Wagen schüttelte 
heftig — die rote Flüssigkeit schwappte über 
und zwei große Tropfen zeigten sich auf öer 
schönen neuen Hose. 
„Rotwein, mein Herr. Ich bitte um Ent 
schuldigung!" 
„Denken Sie, daß von einer Entschuldigung 
die Flecke aus der neuen Pfingsthose ver 
schwinden? Eine funkelnagelneue Hose!" 
„Ich gebe Ihnen meine Adresse, mein Herr", 
erwiderte die junge Dame ruhig. „Schicken 
Sie mir das Beinkleid zu, oder noch einfacher, 
lassen Sic es reinigen, die Rechnung werde ich 
bezahlen!" 
„Reinigen, reinigen! Rotweinflecke gehen 
aus dem Stofs nicht heraus. Ich denke dar nicht 
daran, wie ein Dreckfink herumzulaufen. Sie 
werden mir die graue Hose, die neue Pfingst 
hose, ersetzen." 
„Es ist gut, mein Herr. Wenn Sie auf mei 
nen Vorschlag nicht eingehen, werde ich Ihnen 
das Beinkleid ersetzen." 
„Ich mache Ernst! Die Hose ist verdorben! 
Außerdem —" er holte eine elegante Brief 
tasche hervor, „ich habe zufällig die Rechnung 
des Schneiders bei mir. Da, wie Sie sehen, 
kostet sie 46 Mark." 
„Die Rechnung ist noch nicht quittiert, mein 
Herr. Soll ich das Geld direkt an die ange 
gebene Adresse senden?" 
„Mein Schneider geht Sie gar nichts an", 
klang es grob zurück. „Die Hose hat 46 Mark 
gekostet, durch Ihre Schuld ist sie verdorben 
worden. Sie haben mir die 46 Mark zu er 
setzen." 
Ein Griff in die Handtasche, die junge Dame 
hielt dem eleganten Herrn die 46 Mark hin, 
die er wortlos nahm. 
„So, mein Herr", sagte die Dame ruhig, „die 
Hose ist nun mein Eigentum. Bitte, geben Sie 
sie mir." 
„Sie sind wohl verrückt!" 
„Bitte, geben Sie mir die Hose!" Es klang 
sehr energisch. 
Ein älterer Herr mischte sich in die Unterhal 
tung. „Gestatten Sie, meine Herrschaften, 
Rechtsanwalt Herrmann. Die Dame hat recht. 
Durch Kauf ist die Hose in ihr Eigentum über 
gegangen. Sie, mein Herr, haben ihr die Hose 
daher sofort auszuhändigen. Sie machen sich 
sonst strafbar." 
^ In demselben Augenblick hielt der Zng auf 
einer Station. Der junge Herr griff nach sei 
nem Hut, legte die 46 Mark auf den Polster 
sitz und verließ mit hochrotem Kopf das Abteil, 
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