129. Jahrgang.
SchLeswig-HolsteLniftHe
129. Iahegang.
routes Kitunn
Renösburger Tageblutt
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Nr. m
Bw-siag, den 2. Juni
1936
Eine Uebersicht:
Die Weltpolitik in den Pfingsttagen
Der frühere belgische
Hammer und Sichel Ministerpräsident Ban-
Frankreich unter dervelde sprach kürzlich
im Hinblick auf das
Miner tiefere Eindringen des Bolschewismus
in westeuropäische Staaten das Wort: „Nach
Spanien Frankreich, nach Frankreich Belgi
en!" Die beiden ersten Abschnitte dieses We
ges sind inzwischen Wirklichkeit geworden. Die
iollen Zustünde, die in den letzten Tagen be
sonders in großen Teilen der französischen
Schwerindustrie unter dem planmäßigen Ter
ror der von Moskau aus ferngesteuerten fran-
Sösischen Kommunisten entstanden sind, neh
men auch dem Außenstehenden den letzten
Zweifel an der Frage, warum der offizielle
Bolschewismus in Frankreich trotz seiner 80
Kammermandate keinerlei Ehrgeiz nach einer
Regierungsbeteiligung zeigte. Es galt, vor
allem nach den genauen Anweisungen der Ko
mintern die Straße mobil zu machen und noch
vor dem Zustandekommen der Regierung des
, bisher völlig ratlos hin und her verhandeln
den Sozialistenführers Blum das künftige
Kabinett unter schärfsten Druck zu setzen.
Tatsächlich zeigt ja auch die aufsehenerregen
de Enthüllung der Komintern-Befehle durch
die spanische Zeitung „El Debate", daß man
Spanien eigentlich schon nicht mehr als Muster
für das neue Frankreich ansieht, sondern die
Bolschewisierung Frankreichs möglichst auf
dasselbe Tempo beschleunigen will wie in
Spanien. Mittel ist die Zersetzung des Staats
apparates, Vorbereitung zur Errichtung einer
Arbeitermiliz mit der Vorstufe der lokalen
Sowjets, der „Ueberfall auf den bürgerlichen
Staat". Ziel ist in Frankreich wie in Spani
en die Errichtung einer bolschewistischen Re
gierung. Es ist klar, daß man diese Mittel und
dieses Ziel nicht mit völliger Handlungsfrei
heit und der notwendigen Rücksichtslosigkeit
bearbeiten kann, wenn man gleichzeitig Koa
litionspartner einer sozialistischen Regierung
ist, die man ohnedies nur als Handlanger an
sieht.
*
Aber noch ein anderes ist
Westeuropa bei diesem Blick auf die sei
lst Gefahrenzone, zigen Zustände in Frank
reich in Erinnerung zu
bringen. Es war der kriegsberühmte Marschall
Frankreichs, Pstain, der noch vor zwei Wo
chen die Forderung anfstellte, nichts in Eu
ropa dürfe ohne die Kontrolle Frankreichs
geschehen und überall in der Welt müsse
Frankreich seine Hand im Spiel haben. Der
Herr Marschall ahnte damals wohl noch nichts
davon, wie weit der diktierende Einfluß Mos
kaus in seinem Vaterland schon vorgedrungen
Mar. Europa und die Welt aber werden in
diesem neuen Frankreich nicht mehr nur den
1*13 Jahrhunderten bekannten Friedensstörer,
sondern auch den westeuropäischen Schrittma
cher für den Bolschewismus zu sehen haben.
*
Das erste der beiden
vorgesehenen Inter
views, das Mussolini
jetzt einem englischen
Journalisten gab, be
tätigt vollinhaltlich die Vermutung, daß die
englische Regierung in geschickter Weise eine
Belastung der eigenen Diplomatie dadurch
tormeidet, daß sie inoffizielle Persönlichkeiten
à Trägern mindestens halboffizieller Aufga-
don macht. Mister Lennox ist nicht nur ein
persönlicher Freund des englischen Außen
ministers Eden, sondern er hatte auch die Aus
übe, über die englischen Bedingungen für
Mve Liquidierung der Mißhelligkeiten zu
Maudern. Soll heißen, die Sanktionen sollen
hon England aus aufgehoben werden, etwa
Mr Verzicht Italiens ans Befestigungen und
Befestigungspläne am Roten Meer, ferner
oi Verzicht auf eine schwarze Armee svon
'Mussolini in wenn auch umschriebener Form
England-Italien:
Bedingungen werden
Abgewogen.
in der Unterredung bereits dargelegt), ferner
gegen Italiens Verzicht auf Aufrechterhaltung
seiner Streitkräfte in Ostasrika in ihrer jetzi
gen Stärke und gegen ein Abkommen über
die Luft- und Seestreitkräfte im Mittelmeer
becken, wobei die jetzige Stärke der britischen
Flotte im Mittelmeer als Norm (!) gelten
soll. Kämen solche Vereinbarungen zustande,
so würde England zweifellos nicht nur über
die Sanktionen, sondern wohl auch über die
Anerkennung der Annexion Abessiniens mit
sich reden lassen. Man wird vielleicht gut tun,
diese inoffiziellen englisch-britischen Unter
haltungen unter Umständen sogar als eine
Vorbereitung zum mindesten für eine still
schweigende Duldung der Annexion durch
England im Gedächtnis zu behalten.
Verzeichnen wir zu diesen bedeutsamen Un
terhaltungen noch eine sicher nicht unbeabsich
tigte Nuance des englischen Gesprächspart
ners: er sprach in einer Frage ausdrücklich
nicht von Abessinien, sondern von dem „neuen
italienischen Kolonialreich"!
Ist Argentinien
in Sache Genf
vorgeschickt?
Von einer Seite, von der
man es nicht erwartet hatte,
ist ein Vorstoß in die Ge
filde vertagter Entscheidun
gen unternommen worden:
Argentinien hat den Zusammentritt des Völ
kerbundes gefordert und die Behandlung der
Sanktionen, die Anerkennung der in Ostafrika
geschaffenen Tatsache und die Reform des Völ-
kerbundes vorgeschlagen.
Noch läßt sich nicht übersehen, ob der argen
tinische Vorschlag bei den maßgebenden Mäch
ten Gegenliebe finden wird. In Frankreich
wie in England fehlt es nicht an Stimmen, die
Argentiniens Vorschlag begrüßen. Es wäre ja
auch wirklich nichts einfacher und bequemer,
als die Verantwortung für die Entscheidun
gen, die schließlich ja doch einmal getroffen
werden müssen — die Haltung gegenüber Ita
lien und der Annexion Abessiniens — dem
denkbar größten internationalen Forum zu
überlassen. In England wie in Frankreich
wird man vermutlich auch einige Erleichterung
verspüren, wenn gerade eine Macht die Ini
tiative ergreift, die jenseits des Atlantik liegt
und unmittelbar überhaupt nicht an den Fra
gen interessiert ist, mit denen sich die europül-
schen Mächte in der letzten Zeit so häufig be
schäftigen mußten.
Allerdings betrachtet man es anscheinend in
Frankreich als erschwerend, daß Argentinien
nicht nur die Sanktionsfrage behandelt und
erledigt sehen will, sondern auch eine Reform
des Völkerbundes wünscht. Das französische
Interesse an einer solchen Reform ist bekannt
lich recht gering,' der britische Ministerpräsi
dent Baldwin hat dagegen vor einiger Zeit
selbst die Notwendigkeit einer Reform zuge
geben. Ob nicht England oder Italien oder
beide zusammen die eigentlichen Drahtzieher
sind?
Was geht in
Oesterreich vor?
Der österreichische Bun
desminister Schuschnigg hat
über Pfingsten eine über
raschende Reise nach Italien
angetreten. Italien erklärt allerdings, daß
der Bundeskanzler an der schönen Riviera sich
erholen wolle. Allein hier heißt es: „die Bot
schaft hör ich wohl, allein, mir fehlt der Glau
be!" Warum? In dem unterirdischen Ringen,
das um die kommende Bündnispolitik in Eu
ropa geführt wird, spielt Oesterreich eine wich
tige, wenn nicht gar entscheidende Rolle. Zwei
Fragen sind vor allem brennend: Habsburg
und Starhemberg, wobei unter Starhemberg
an die bewaffnete Heimwehr gedacht wird. Die
„Münchener Neuesten Nachrichten" brachten
bezüglich der Habsburg-Frage kürzlich die
aufsehenerregende Nachricht, daß der Bundes
kanzler in verschiedenen europäischen Haupt
städten habe anfragen lassen, was man zu tun
gedächte, wenn die Exkaiserin Zita mit Otto
— wenn auch angeblich nur am „Krankenla
ger" der ältesten Schwester von Otto von
Habsburg, Adelheid, — erscheinen würde. Es
könnte sich daran ja ein Habsburger Putsch
entwickeln. Die andere Spannung in Oester
reich, die Frage der Entwaffnung der Heim-
weyren, hat ja bekanntlich vor kurzem den
bisher „unaufgeklärten Zwischenfall" gezei
tigt, nämlich den Ueberfall auf Schloß Star
hemberg, wo bekanntlich die mächtigen Waf
fenlager der Heimwehren hinter festen Rie
geln liegen. Wie dem auch immer sei, die
Reise des Bundeskanzlers nach Italien ist doch
wohl nicht nur eine solche zur Erholung,
denn da lägen reizende Orte in Oesterreich doch
näher.
Japans neuer Schlag
gegen China.
chinesischen Gebieten
ordentlich gewachsen.
Seit kurzem verstärkt
Japan in Nordchina
seine Garnisonen. Die
Erregung in den Nord
ist infolgedessen außer-
Dic chinesische Behaup
tung, daß das vor einigen Tagen zwischen
Teintsin und Tangku verübte Eisenbahn-
attentat nichts als ein japanisches Manöver
sei, ist daher wenig glaubwürdig, wenn es sich
auch nicht leugnen läßt, daß dieses Attentat,
das kiene Opfer gefordert hat, Japan als Be
weis für die in Nordchina herrschende Unruhe
und die Unfähigkeit der Nankingregierung, die
Ordnung aufrecht zu erhalten, sehr gelegen
kommt. Welche politischen Folgen das Eisen
bahnattentats bei Tientsin haben wird, läßt
sich noch nicht absehen, aber man braucht nur
an den bekannten Mukdenzwischeufall zu den
ken, um sich vorstellen zu können, daß Japan
sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen
wird, seine Ziele in Nordchina zu fördern.
China steht vor der japanischen Forderung:
entweder mit Japan oder gegen Japan! Der
offene Bruch wäre für China lebensgefährlich,
und ein Mitgehen mit Japan würde China
mit einer weiteren Einbuße seiner Souveräni
tät bezahlen müssen. Bei all seiner Geschick
lichkeit wird Marschall Schangkaitschek es ge
rade nach dem letzten Zwischenfall immer
schwerer haben, ein Kompromiß in der japani
schen Alternative zu finden. Unaufhaltbar
scheint jedenfalls die starke japanische Durch
dringung der fünf nördlichen Provinzen
Chinas zu sein, die nach den letzten Trnppen-
verstärkungen die Provinzen noch mehr als
bisher unter den japanischen Machteinfluß
stellen werden. Das letzte Ziel aber heißt:
Schach dem Angelsachsentum.
*
Ueber einzelne Nachrichten, so z. B. über die
Vorgänge in Nordchina und die Reise des
Bundeskanzlers Schuschnigg nach Italien,
werden ergänzende Einzelmeldungen an an
derer Stelle der heutigen Nummer ver
öffentlicht.
Der Tag der Frontkämpfer in London
England «nd Deutschland
Die Rückwirkungen des Tages von Ladas in England
DNB. London, 2. Juni. Am Sonntag begann
die Jahrestagung der britischen Frontkämpfer
organisation British Legion, an der außer 800
Vertretern aus allen Teilen Englands auch
Frontkämpfer aus Deutschland, Oesterreich,
Ungar», Bulgarien teilnahmen. Als Vertreter
der deutschen Frontkämpfer waren der Herzog
von Sachsen-Coburg-Gotha sowie H. G. Stah-
rner zugegen. Die Einladung an die ausländi
schen Frontkämpferverbünde geht auf die sei
nerzeitige Anregung des damaligen Prinzen
von Wales und jetzigen Königs Eduard VIII.
zurück. Bei der Eröffnung der Tagung verlas
der Präsident der British Legion General Sir
Frederick Maurice ein Antworttelegramm des
Königs auf die Treuekundgebung der British
Legion. In seiner Rede erklärte Sir Frederick
Maurice, daß die British Legion die Vertreter
der Frontkämpferverbände der anderen Län
der, unter welcher Flagge sie auch gedient hät
ten, begrüße. Der Rat der Legion habe sei»
Bestes getan, um die auf der letzten Tagung
gefaßte und von dem König als Prinz von
Wales gebilligte Entschließung, wonach die
Legion freundschaftliche Beziehungen zu de»
ehemaligen Kriegsteilnehmern der früheren
Feindstaaten eröffnen solle, durchzuführen. Der
Vertreter Oesterreichs, General Fürst Schön-
burg-Hattenstein, begrüßte den Gedanken der
British Legion, die Gegner von einst zusam
menzubringen. General Weyganö, der Vertre
ter Frankreichs, äußerte sich in gleichem Sinne
und erklärte, daß keinerlei Haßstimmung je
mals die alten Soldaten trennen könne.
Der Präsident teilte hierauf mit, daß die
Mitgliederzahl der British Legion in den letz
ten 6 Monaten um 13 600 zugenommen habe.
Mit sich immer wiederholenden stürmischen
Hochrufen wurde der Herzog von Sachsen-Co
burg-Gotha, der Vertreter der deutschen Front
kämpfer, begrüßt, als er für den Frieden und
für die Verständigung zwischen den Völkern
eintrat, die einstmals im Weltkriege sich als
Gegner gegenübergestanden haben. Der Herzog
betonte, daß der Wunsch zum Frieden nicht nur
der Wunsch aller deutschen Frontkämpfer, son
dern nor allem der Wunsch des Führers Adolf
Hitler sei. Immer wieder wurde seine Rede
von tosenden Beifallskundgebungen unterbro
chen, so daß manchmal seine Worte in den zu
stimmenden Jubelrufen untergingen. Die
Friedensbewegung unter den Frontkämpfern,
so führte er aus, sei zwar ständig im Wachsen
begriffen, sie müsse aber noch umfangreicher
werden und zur unumstößliche« Tatsache wer
den. „Noch, Kameraden," so sagte er, „finden
wir weder Gerechtigkeit noch Frieden in der
Welt. Wir Soldaten des Weltkrieges müssen
daher alles daransetzen, auf dem Wege einer
wahrhaftigen und festen Verständigung und
Freundschaft weiterzugehen und danach zu stre
ben, den Standpunkt der anderen kennenzu
lernen."
Starker Eindruck
des Tages von Laboe in England.
London, 1. Juni. Die großen Londoner
Blätter berichten ausführlich über die ein
drucksvollen Feierlichkeiten bei der Einwei
hung des Ehrenmals in Laboe, wobei vor
allem auf das. Gedenken an die britischen
Gegner in der Rede des Oberbefehlshabers
der Kriegsmarine, Generaladmiral Dr. h. c.
Die Mldbmchļersļaļļiing
über die Weihe des Ehrenmals in Laboe
und die Flottenparade mit einer kleinen feuil-
letonistischen Umrahmung der Vorgänge fin
den unsere Leser auf Seite 10 und 11 unseres
Blattes.