Der Schweinsgalopp
Von Peter Purzelbaum.
Zu Beginn öer fünfziger Jahre vergange-
Jahrhunderts hat sich die Geschichte, die
erzählt wird, abgespielt. In den herbst-
^ belaubten Tälern des Nordharzes fanden
ş chnöver statt. Eines Tages lag das Halber-
Gdter Kürassier-Regiment in Wernigerode im
Kartier, abends trafen sich die Offiziere im
°tel, und alles, was sich im Laufe des Tages
der näheren oder weiteren Umgebung
-^gefunden hatte, stellte sich ebenfalls zum
Üblichen Umtrunk im „Gothischen Hause"
"ft.
- inmitten der Offiziere saß der würdige
. ^rr Seemann, einer der großen Domünen-
^chter des Landes, und gab zu dem bei Kaval-
??isten üblichen Gesprächsthema „Pferde"
^Ue sachverständige Meinung ab.
-.'-Erlauben Sie mal, Herr Amtmann,"
harrte ein Rittmeister, „Sie dürfen ja gar
è cht mitreden. Im Hannöverschen — gewiß —
Ij? werden Pferde gezogen, aber bei Ihnen
Braunschweigischen wird so gut wie nichts
x die Pferdezucht getan."
z "Das liegt an folgenden Gründen . . ." gab
,, 1 Herr Seemann zur Antwort und ließ sich
des Weiteren und Breiteren über die kli-
hün schen, geographischen und historischen Ver
risse des Landes vernehmen.
»Seh'n Sie, seh'n Sie," rief der Rittmeister,
Seemann geendet, „Schafzeug können Sie
aufziehen, meinetwegen auch Rindvieh,
allem Schweine — zugestanden — aber
hr^de . . Er zuckte die Achseln. „Pferd
rbt Pferd, mein hochverehrter Herr 2lmt=
ļ^ņN'. ìst nicht dran zu tippen — oder wol-
a Sie etwa diese edlen Tiere vielleicht gar
einem schwerfällig öahinwandelnden Sau-
Ņein vergleichen?"
■*** à Herr Seernmw lüKelte: xALer
meine Herren, glauben sie denn etwa, daß in
der Schnelligkeit der Adel eines Tieres liegt?"
„Selbstverständlich, Herr Amtmann", er
widerte der Rittmeister, „ist nicht ein flüch
tiger Hirsch ein gleich edles Tier wie öer
pfeilschnell zustoßende Adler . ..."
„Oh, wenn die Herren die Schnelligkeit für
die idealste Eigenschaft eines Tieres halten,
sind Ihre Vorwürfe mir gegenüber nicht ange
bracht, denn, meine Herren, was einen Ga
lopp betrifft, so sind meine Schweine Ihren
Pferden weit überlegen."
Am Tische entstand ein unbändiges Geläch
ter, das sich bald durch den Saal fortpflanzte
—; haha, Seemanns Schweine sollten schneller
sein als die in manchen Rennen erprobten und
bewährten Vollblüter . . .
Doch der joviale alte Herr ließ sich nicht be
irren.
„Meine Herren, Sie lachen — meine Worte
sind wirklich voller Ernst ich bin bereit, mit
Ihnen jede Wette einzugehen, daß wie ge
sagt — meine Schweine schneller als Ihre
Pferde laufen, und ich schlage vor, daß wir
die Wette bald nach dem Manöver zum Aus
trag bringen. Von meinem Gut führt ein
etwa eine halbe Meile langer schnurgerader
Feldweg zu meinem Vorwerk. Da dieser Weg
inmitten meines Grundes und Bodens liegt,
können wir ohne jede Behinderung auf ihm
das Wettrennen veranstalten — hat einer der
Herren dagegen eine Einwendung?"
Im Gegenteil — unter Jubel und Hallo er
klärten sich Leutnants und Minister bereit,
die Wette zu halten. Man einigte sich sodann
über den Unparteiischen, über die Höhe des
Einsatzes, die Bedingungen und was sonst noch
wichtig war: Zeitpunkt, Anzug, Gewichte und
anderes mehr.
^ Als man sich dann schließlich in vorgerückter
Stunde — immer noch lachend trennte, rief
der Herr Seemann von seinem Jagdwagen
MM AbWed .herunter „Also dann aus Wie
dersehen, meine Herren, in vierzehn Tagen!"
In der Frühe des folgenden Tages ließ der
Amtmann seinen Schweinemeister kommen
und gab ihm den Auftrag, fünfzig der mager
sten und mobilsten Schweine im Alter von
etwa einem Jahre auszusuchen und in einen
besonderen Stall zu sperren. Sodann begann
das „Schweine-Training", das folgendermaßen
vor sich ging: Als erstes und zur Einleitung
erhielt die ganze Gesellschaft vierundzwanzig
Stunden nichts zu fressen, dann wurde der
Stall geöffnet und die Viecher den Weg zum
Vorwerk getrieben. Naturgemäß vollzog sich
diese Reise unter den größten Schwierigkeiten,
und die gesamte Dorfjugend hatte ihre liebe
Not, die hungrigen Küchel von dem berechtig
ten Bestreben, in den heimatlichen Stall zu
rückzukehren, in dem inzwischen womöglich
Futter geschüttet sein könnte, abzubringen und
nach dem Vorwerk zu befördern.
Hier erwartet die Biester eine Ueberra-
schung, eine Mahlzeit, wie sie sich ein hungri
ger Schweinebauch nicht herrlicher denken
kann: Fettmilch und gequetschte Kartoffeln und
Kleie und Kohlrüben. Als dann Tags darauf
wieder ein Marsch angetreten wurde, ahnten
die Schlauköpfe aus der Herde dunkel, wohin
die Reise ging, am dritten Tage stürmte die
ganze Schweinebande wie Lützows verwegene
Jagd vom Domänenhof durchs Dorf den Feld
weg entlang zum Vorwerk, allwo die Futter
tröge ihrer harrten — so kam die Herde von
Tag zu Tag mehr in Fahrt und der Wettlauf
— Vollblut contra Sauschwein — konnte nach
zwei Wochen getrost vor sich gehen.
Mit militärischer Pünktlichkeit trafen die
Herren aus Halberstadt teils zu Pferde, teils
mit Krümperwagen auf der Domäne ein, wo
sie der Herr Seemann mit den Worten emp
fing: „Wenn es den Herren recht ist, kann öer
Wettkampf sofort ausgetragen werden. Die
betreffenden Herren, die mitreiten, wollen sich
bitte durch das Dorj au der Kirche vorbei zum
Anfang des Feldweges begeben. Ich lasse
Ihnen absichtlich diesen Vorsprung, damit in
nerhalb des Dorfes kein Unglück passiert. Ich
bitte dann die Herren, sich am Dorfausgang
zu formieren und auf das Signal meines
Försters — darf ich vorstellen: Herr Jung-
hans — anzureiten. Im gleichen Augenblick
wird mein Schweinemeister" — erneute Vor
stellung — „den Schweinestall öffnen und der
Herde freie Bahn geben . . ."
Leutnants und Rittmeister schüttelten lä
chelnd die Köpfe, als sie aufsaßen und ihre
Vollblüter an öer Kirche vorbei zu dem ihnen
angesagten Stelldichein lenkten. Dann stieß
öer Förster Junghans in sein Tutehorn und
auf Deubel komm raus gingen die Gäule ab.
Wenige Augenblicke später kam mit quiek-
quick und nöff-nöff die Schweinebande zum
Dorf herausgeprescht, stürmte mit lautem Ge
töse in den Pulk der weitausgreifenden Pferde
hinein und vorbei — und da solch ungewohnter
Anblick sowie das noch unbekannte Schweine
geschrei den nervösen Vollblütern peinlich, ge
radezu unausstehlich dünkte, so geriet mancher
Halberstädter Reitersmann in Wohnungsnot
und schrammt mit seiner Juli Richtung sonst
wohin ab. Weit, weit voraus brausten die
Borstenviecher den Weg zum Vorwerk entlang,
als Leutnants und Rittmeister mit Not und
Mühe ihre Zossen gefangen hatten — und bei
ihrem Eintreffen am Ziel schmatzten die Sie
ger längst an Trögen und Mollen.
Recht kleinlaut ritten die Kürassiere zum
Gutshof zurück, wo sie vom alten Herrn See
mann nicht nur mit triumphierendem Lachen,
sondern auch in Anbetracht öer von ihm ge
wonnenen größeren Summe mit einem „so
lennen" Frühstück empfangen wurden. Denn
die Herren bedurften des stärkenden Trostes,
ihr kavalleristisches Ehrgefühl hatte gelitten,
schwer gelitten durch das Bewußtsein, soeben
vom „Schweinsgalopp" geschlagen worden zu
jetn.
§uv Unterhaltung
^Jahrgang ' Nr. 127
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt)
Mittwoch, den 3. Juni 1936
Abend im Juni
Von Franz Cingia.
Schon haben wunderleise sich
Der Erde Augen zugetan.
Es blickt dich sanft und feierlich
Das abendfrohe Märchen an.
Und über Wald und Land verweht
Noch einer Glocke letzter Ton.
Die Vöglein sangen ihr Gebet
Dem Himmel zu und ruhen schon.
Nur manchmal flüstert noch der Wind
Mit Traumgestalten zart und fein.
Und alle Erdendinge sind
Beglückt und wollen liebend sein.
Zahlen für die Fra«
20 Frauen dürfen sich diejenigen Siamesen
Lehmen, die vom Könige von Siam mit dem
^rden des Weißen Elefanten ausgezeichnet
werden.
^2400 Meter Film mußten in den letzten
Zähren in Japan aus ausländischen Filmen
herausgeschnitten werden, weil in ihnen für
spanische Begriffe unmoralische Kutzszenen
Gezeigt wurden.
*
4 Millionen Mark Einkommen sind der
seinen siebenjährigen Filmschauspielerin
Shirley Temple von einer Filmgesellschaft für
nächsten sieben Jahre zugesichert worden,
'ņ denen sie in insgesamt 28 Filmen mitwirken
wird. Jeder Film bringt ihr somit 140 000
-^ark, der Filmgesellschaft aber ein Vielfaches
Ņon ein. Zu diesem Einkommen sind noch die
Summen zuzurechnen, die der kleinen Shirley
Mich Schallplatten- und Fotoaufnahmen für
^klamezwecke zugehen.
*
.200 Mark werden für einzelne Treibhaus-
ganzen gezahlt, die in den Treibhäusern
^achsenhausens bei Frankfurt am Main ge
achtet werden und von hier in alle Welt ver-
landt werden.
*
55 Meter lang war eine Bratwurst, die man
'ius Anlaß eines Jubiläums des englischen
^Bratwurstdorfes" Shunshill Ende vorigen
wahres angefertigt hatte. Sechs Wagen waren
^forderlich, um die „geschmackvolle" Last im
üubiläumszuge durch die Ortschaft zu fahren.
*
1480 Zentner könnte ein Spinngewebefaden
hon 2,5 cm Durchmesser tragen. Ein gleich-
aarker Stahlstab vermag nur 1000 Zentner zu
lagen.
*
60 Pfund schwer waren die Kleidungsstücke,
® te einst im Iran bei diplomatischen Empfän-
getragen wurden.
Töne, Ne mir nicht hören / Von Zosef Köster
Seltsame Hörorgane. — Die Heuschrecke hört mit den Beinen. — Schallwellen,
die tödlich wirken.
Ein Kolibri singt. Der Vogel, öer im Reiche
der gefiederten Sänger wohl die höchsten Töne
hervorzubringen vermag. Die Töne steigen hö
her und höher. Plötzlich bricht der Gesang ab.
Gleichwohl bleibt öer Schnabel weit offen, als
ob der kleine Sänger mit voller Kraft seinen
Gesang fortsetzte. Es gibt nur eine Erklärung:
Der Vogel singt immer noch, aber in einer
Tonhöhe, die unsere abgestumpften Ohren nicht
zu vernehmen vermögen. Das gleiche gilt von
zahlreichen Kerbtieren. Wenige Ohren verneh
men mehr als 15 000 Schwingungen in der Se
kunde, fast niemand von uns vermag Töne
über 18 000 zu erkennen. Wir können uns
übrigens beglückwünschen, daß wir nicht alles
mit dem Ohr aufnehmen müssen, was ständig
in Form von Schallwellen unser Trommelfell
erreicht.
Unsere Hörwerkzeuge sind in doppelter
Weise begrenzt. Einmal hinsichtlich der Schall
stärke, so daß beispielsweise niemand verneh
men kann, wie eine Fliege sich putzt oder ein
Grashalm wächst. Die andere Grenze liegt bei
öer Schwingungshöhe öer Töne. Nur solche
Töne gelangen an unser Ohr, in denen die
Luft in einer Sekunde mindestens 16- und
höchstens 20 000mal wellenartige Schwingun
gen vollführt. Andernfalls hört der Mensch
nichts.
Die Zahl der Töne, die unser Ohr nicht
aufnimmt, ist nicht gering. Die Schwingungs
höhe der Töne eines Kolibris liegt eben an
der für uns vernehmbaren Grenze. Aehnliches
gilt vom Maikäfer. Hätten wir das Ohr eines
solchen, lägen wir genießerisch im Grase und
lauschten den Tönen der uns umschwirrenden
Kleintierwelt, so hörten wir nicht, wie wir es
schon gewohnt sind, das Summen der Flügel,
das Zirpen und Krabbeln, sondern noch eine
lange Tonleiter uns sonst unerreichbar hoher
Töne.
Anders verhält sich eine andere Gruppe von
Kerbtieren, die öer Heuschrecken. Sie sind für
die uns zugänglichen, tieferen Schallschwin
gungen vollkommen taub, ihr Ohr fängt da
gegen Töne mit mehr als 40 000 Schwingungen
ohne weiteres auf.
Wir Menschen würden in allen solchen Fäl
len nicht das Geringste wahrnehmen. Es wird
manchen verblüffen, wenn er hört, daß die
Heuschrecke nicht mit den Ohren, sondern mit
den Beinen Töne wahrnimmt. Die sind schall
empfindlich und leiten Schallreize zu einer
Zentrale weiter. Aehnliches gilt für die mei
sten Fisch. Hier dient die Schwimmblase als
Hörorgan. Sie ist durch eine Knorpelmasse mit
dem inneren Ohr verbunden und endet in ei
ner Membrane. Töne und Geräusche in der
In
Vom Internationalen Reitturnier in Warschau.
der polnischen Hauptstadt hat ein großes Internationales
Reitturnier begonnen, an dem neben der polnischen Mannschaft
Offiziersmannschaften aus Deutschland, Frankreich, Lettland, Ru
mänien, Jugoslawien und Japan teilnehmen. Das Bild zeigt die
deutschen Offiziere während des Einreitens der Mannschaft in die
Kampfbahn. Inmitten der deutschen Offiziere sieht man auch die be
kannte Turnierreiterin Frau v. Opel, die das Springen der Zi
vilreiter überlegen gewann.
(Scherl Bilderdienst, K.)
Luft vermag ein Fisch nicht wahrzunehmen,
wohl aber die Schallwellen, die sich im Wasser
bekanntlich sehr gut und schnell fortpflanzen.
Wenn der Mensch auch zahlreiche Arten von
Schallwellen nicht hört, so besitzen sie doch in
mancher Beziehung, wenn auch nicht eine aku
stische, so doch eine anderweit praktische Bedeu
tung. Bekanntlich wirken die ultrakurzen
Lichtwellen der Höhensonne auf unsere Haut
ein. Allerdings muß man da eine gewisse Vor
sicht üben, und das gleiche ist für eine Be
strahlung mit allzu hohen Tönen angebracht.
Man hat versucht, Schwerhörige durch diese
Art von Strahlen zu heilen, und ging dabei
in der Weise vor, daß man den Schallei
tungsapparat des Gehörs mit Hilfe unyorba-
rer Wellen massierte. Es wurde in der ^at
eine Heilung erzielt,' bedauerlicherweise war
sie indessen nicht anhaltend,- nach Ablauf einer
bestimmten Frist trat fast immer ein Rück
schlag zur alten Schwerhörigkeit ein.
Ans einem anderen Gebiet liegt die Anwen
dung unhörbarer Töne bei der Verbesserung
von Lebensmitteln. Hier wurden die hochfre
quenten Schallwellen zur Entkeimung von
zahlreichen zur menschlichen Ernährung be
stimmten Dingen verwandt. Töne, die eine
halbe Million Schallwellen in öer Sekunde
hervorrufen, besitzen, wie gesagt, eine unge
wöhnlich hohe zerstörende Wirkung. Die roten
Blutkörperchen ertragen es nicht, ihnen aus
gesetzt zu werden. Das gleiche gilt für kleinste
Lebewesen, verschiedene Fische und Frösche.
Setzt man Bakterien einer solchen Kanonade
von Schallwellen aus, so dauert es gar nicht
lange, und nicht ein einziger dieser Einzeller
ist da, der diese Behandlung ausgehalten
hätte. Diese Beobachtungen haben zu der Er
kenntnis geführt, daß sich auf Grund dieser
Tatsachen Apparate konstruieren lassen, die
zur Entkeimung von Milch und anderen,
verseuchten Flüssigkeiten sich vorteilhaft ver
wenden lassen.
Wir ahnen vielleicht gar nicht, wie geräusch
voll es innerhalb öer uns umgebenden Natur
eigentlich zugeht. Zahlreiche Tierarten mögen
sich in unserer Umwelt miteinander verständi
gen, ohne daß wir die leiseste Ahnung davon
haben, sie vielmehr für stumme und taub und
uns selbst für die einzigen sprechbegabten We
sen halten.
Heitere Eüe
Der jüngste Tag.
In einem Geschäftshause waren drei Brü
der angestellt mit dem Zunamen „Tag". Der
jüngste dieser Brüder war Kassierer. Eines
Tages, als er gerade abwesend war, kam öer
Bote eines Lieferanten, um eine Rechnung zu
kassieren. Ein Buchhalter sagte ihm: „Da müs
sen Sie warten, bis der jüngste Tag kommt."