129. Jahrgang.
SchleswLg-tzollîànsschL
129. Jahrgange
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Renösburger TagebluL
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Eine grundsätzliche Darstellung:
Die Palästim-Krise nach Arsache tut» Wirkung
Vorbemerkung der Schriftleitung. In
den letzten Wochen liefen durch die Tages
presse fast täglich kleinere oder größere
Meldungen über Zusammenstöße in Palä
stina. In dem nachstehenden Aufsatz wird
nun die Ursache dieser Entwicklung, auf
gezeigt. Der Artikel wird zweifellos zur
Klärung und besseren Urteilsbildung bei
tragen. Vor allen Dingen wird in diesem
Artikel aufgeklärt, daß die jetzige Ursache
zunächst mehr wirtschaftlicher Natur ist.
Durch Laudkaus kraft stärkerer Geldmittel
auf legalem Wege begann eine Umschich
tung, die allerdings, wenn es der engli
schen Politik nicht gelingt, einen Ausgleich
zu schaffen, die politisch-revolutionäre
Entwicklung vorwärts treiben könnte und
dann in dem gesamten islamitischen Ori
ent bedenkliche Auswirkungen auslösen
würde. Beschleunigt würden sie, wenn die
jüdische Einwanderung betont nationalen
Charakter mit dem Ziele der Wiederauf
richtung eines jüdischen Nationalstaats
unterstreichen würde. D*
*
Der Minister des Aeußern in der englischen
Regierung des Jahres 1917, Balfour, gab da
mals die feierliche Erklärung ab, daß „die
Regierung Seiner Majestät die Gründung
einer nationalen Heimstätte für das jüdische
Volk begünstige und sich bemühen werde, diese
Erreichung dieses Ziels zu erleichtern." Diese
Erklärung erfolgte damals aus dem durchaus
Naheliegenden Grunde, das internationale
jüdische Finanzkapital noch mehr an die En
tente zu fesseln. Die praktische Folge dieser
englischen Haltung war jedenfalls ein starkes
Steigen der Einwandererziffer, denn die eng-
tische Regierung hatte auf diese Weise der jü
dischen Bevölkerung in Palästina weitgehende
Rechte und Lebensmöglichkeiten zugesichert.
Die jüdischen Einwanderer trafen nun auf die
immer stärker werdende Unabhängigkeitsbewe-
Sung der Araber, die durch die Einwanderung
bur noch verstärkt wurde, und zwar deshalb
verstärkt, weil hier zwei Völker zusammentra-
şen, die nicht nur in der Sprache, sondern auch
in ihrer Religion und ihren Lebensgewohn
heiten, von Grund auf verschieden sind.
Der reiche Araber ist in der Regel wenig
Miv und wendig, er ist der Effendi, der gelas
sen die Dinge auf sich zukommen läßt, ganz
lm Gegensatz zum jüdischen Kaufmann, der
chit Tatkraft und Wendigkeit den Dingen mit
einem Spürsinn nachgeht, um Geschäfte zu
chachen. Jedenfalls entstand aus dieser Ver-
ühieöenartigkeit der zwei aufeinanderprallen
den Völkergruppen ein immer stärker werden
der Kampf, und zwar sowohl nach der politi
schen als auch nach der wirtschaftlichen Seite
Mn. Durch den nunmehr schon einige Wochen
durchgeführten Streik der Araber hat der letz
te eine neue Verschärfung erfahren. Die
Fellachen, die seinerzeit aus dem Dienst ihrer
Effenüis in denjenigen der jüdischen Kauf-
ieute getreten waren, sind mit der gesamten
Arabischen Geschäftswelt in einen Streik ge
beten, um damit dem weiteren Vordringen
ver Juden Einhalt zu gebieten.
Einen Begriff von dem Tempo der Einwan
drung bekommt man, wenn man berücksicht
igt, daß hei Kriegsende die Zahl der Juden
su Palästina noch nicht 100 000 betrug. Im
'Mhre 1931 hatte sich diese Zahl rund verdop-
^rlt. In dem letzten Jahre ist sogar die
ş00 000-Grenze überschritten. Das Jahr 1935
"rächte allein 60 000 neue Einwanderer, die
Uach vorsichtigen Schätzungen 15 Mill. Pfund
Ueues Kapital nach Palästina brachten. Im
Ueuen Jahre hat sich die Einwanderung in
Zusammenhang mit der Krise wieder verlang-
>umt. In den ersten drei Monaten 1936 be
trug sie Gesamtzahl der Einwanderer nur
^00 gegen 17 200 im ersten Vierteljahr 1935.
i^e Zahl her eingewanderten Kapitalisten soll
uhei von 3100 auf 2600 zurückgegangen sein.
Die starke Einwanderung hat nun zu einem
größeren Landerwerb durch die finanzkräfti
gen Einwandererschichten geführt. Die große
Nachfrage nach Land brachte starke Preissteige
rungen mit sich, die einen starken Anreiz zum
Verkauf boten. Infolgedessen wurde von den
arabischen Großgrundbesitzern, die das Land
größtenteils verpachtet hatten, ein erheblicher
Teil ihrer Besitzungen verkauft, während die
Pächter brotlos wurden. Man rechnet, daß
auf diese Weise in den letzten zwölf Jahren
jährlich rund 1000 arabische Bauern das von
ihnen seit langen Jahren bearbeitete Land
räumen mußten; eine Entwicklung, die natur
gemäß zu einer starken Verbitterung unter
der Fellachen-Bevölkerung führen mußte.
Der Araberstreik hat naturgemäß schwere
wirtschaftliche Schädigungen mit sich gebracht.
Die wirtschaftliche Seite der derzeitigen Palä
stina-Krise ist um so beachtlicher, als das Land
in den letzten Jahren noch immer die Folgen
der Krisenlage vom September des vergange
nen Jahres gespürt hat; damals kam es, ver
ursacht durch die gefahrdrohende Spannung im
Mittelmeer, zu einem Run auf die Banken,
bei dem eine ganze Reihe palästinensischer
Banken in Schwierigkeiten geriet. Diese Ban
ken hatten eine großzügige Kreditpolitik be
trieben, die nun jäh abgestoppt werden mußte,
was bei vielen Firmen, vor allem im Bauge
werbe, zu Schwierigkeiten führte. Zahlreiche
in Angriff genommene Bauten stehen seit die
sen Krisentagen bis heute unvollendet und
können nur langsam weiter fortgeführt wer
den. Dieser Zusammenbruch hatte eine nicht
unbeträchtliche Arbeitslosigkeit zur Folge, die
gggggü^i ggggggg-IL-iiLll BLBS . . aWBBBHM
Eine ernste Warnung des Temps:
sich naturgemäß auf andere Wirtschaftszweige
weiter ausgewirkt hat.
Die Hauptforderungen der Araber in diesem
Kampf gehen auf ein Verbot des Bodenkaufs
durch Juden und die Einstellung der jüdischen
Einwanderung hinaus; Forderungen, die na
turgemäß schwerlich erfüllt werden können, so
daß nicht abzusehen ist, wie England dieses
Problem auf die Dauer lösen wird. Es wird
jedenfalls schwer halten, die Araber und Ju
den allmählich zu einer Volksgemeinschaft zu
sammenzuschließen. Jetzt ist es schon so, daß
es rein arabische und entsprechend rein jüdi
sche Städte und Dörfer gibt, ein Zustand, der
sich naturgemäß durch die Unruhe der letzten
Zeit nur noch verstärkt hat. So ist die Kluft
nur noch größer geworden; ob es allerdings
zu einer englischen Entscheidung dahingehend
kommt, daß Palästina zwischen Arabern und
Juden geteilt wird, ist zum mindesten sehr
fraglich, denn es ist kein Zweifel, daß die
jüdische Initiative und das jüdische Kapital die
Erschließung und den wirtschaftlichen Auf
schwung Palästinas bewirkt und durchgeführt
haben. England hat naturgemäß weitgehendes
Interesse in einem weiteren Aufschwung Pa
lästinas und es wird infolgedessen nach einem
Ausweg suchen müssen, der das eingangs er
wähnte Versprechen und die jüdische Mitarbeit
am weiteren Ausbau Palästinas nicht außer
acht läßt, der andererseits aber auch den
Pflichten einer Mandatsregierung in bezug
auf die Unabhängigkeit und Verwaltung Pa
lästinas gerecht wird. Diese Lösung wird wahr
scheinlich erst langsam heranreifen müssen.
Der Streik als revolutionäre
Etappe Moskaus
Verschärfung der Streiklage — Abbruch der Verhandlungen
Der immer mehr um sich greifende Streik in
der französischen Metallindustrie dürfte eine
weitere Verschärfung durch den Beschluß der
Arbeitgeber erfahren, die im Gange befindli
chen Verhandlungen mit den Arbeitern ab
zubrechen, weil diese nicht die Vorbedingung
erfüllten, die bestreikten Fabriken zu räumen.
Dieser Beschluß ist dem Arbeitsminister und
dem Ministerpräsidenten bekanntgegeben
worden.
In dem Schreiben an den Ministerpräsiden
ten wird zum Ausdruck gebracht, daß die
gegenwärtige Lage einen revolutionären Cha
rakter habe. Die Besetzung der Fabriken
dehne sich immer weiter aus, und es drohe die
Gefahr einer Lähmung des gesamten franzö
sischen Warschastslebens. Angesichts der Wen
dung, die die Ereignisse genommen hätten und
angesichts des Ernstes der Lage seien die Ar
beitgeber der Ansicht, daß die Verhandlungen
nicht mehr nutzbringend fortgesetzt werden
könnten. Da die Regierung, so schließt das
Schreiben, für das allgemeine Interesse des
Landes zu sorgen habe und für das Wirt
schaftsleben, von dem das Schicks«! der Arbei
ter abhängig sei, liege die Verantwortung
nunmehr bei ihr.
Der Streik zieht auch die Pariser Zeitun
gen immer stärker in Mitleidenschaft. Nach
dem sich im Vertrieb der Morgenzeitungen
bereits erhebliche Schwierigkeiten bemerkbar
gemacht hatten, ist bis zur Stunde von den
Abendblättern nur der „Temps" erschienen.
Die letzten Ausgaben der Mittagszeitungen
konnten bereits nicht mehr die Verlagsgebäu-
öe verlassen. Das viel gelesene Abendblatt
„Paris Soir" und das katholische Blatt" „Le
Croix" sind nicht erschienen.
Da die Oeffentlichkeit somit nur sehr un
vollkommen über die Streiklage unterrichtet
wird, kursieren in der Bevölkerung zahlrei
che Gerüchte, die dadurch weitere Nahrung er
halten, daß sich bereits in der vergangenen
Nacht die Versorgung der Zentralmarkthal
len mit Lebensmitteln sehr schwierig gestalte
te. Die Verteilung der Waren im Pariser
Bezirk droht durch den Benzinmangel gestört
zu werden. An zahlreichen Tankstellen ist be
reits kein Benzin mehr zu haben.
Die Verknappung der Waren führt bereits
zu einem Anziehen der Preise. So wurde an
der heutigen Warenbörse Weizen wegen des
schwachen Angebots und wegen Anliefe
rungsschwierigkeiten um 1,6—4 Franken höher
notiert und Hafer um 0,75 bis 1,5 Franken.
*
Der „Temps" beschäftigt sich mit der Streik
lage, wobei er erklärt, „daß die Anarchie nun
lange genug gedauert habe". Man müsse den
Mut haben, anzuerkennen, schreibt das Blatt,
daß man vor einer Bewegung stehe, die Revo
lutionsmanövern ähnlich sehe. Ans vielen
Pariser Fabriken wehe die rote Fahne. Die
Lähmung der Industrie in der Provinz schrei
te fort. Die Erregung dehne sich langsam auch
auf die öffentlichen Unternehmungen aus.
Alles gehe vor sich, als ob eine geheimnisvolle
und mächtige Negierung neben der legalen
Regierung herrsche. Die Gewerkschaftsorgani
sationen seien vom Strom überrannt. Hin
gegen erkläre sich die Partei der Dritten In
ternationale mit der Streikbewegung solida
risch, ebenso wie es der sozialistische Partei
kongreß getan habe.
Das Blatt fragt, was inzwischen die legale
Regierung unternehme. Diese revolutionäre
und anarchistische Bewegung könne nicht an
dauern, ohne Frankreich in die Gesahr eines
Chaos zu stürzen. Das Land könne nicht war
ten. In diesem Augenblick handele es sich dar
um, daß Leon Blum regieren müsse, und daß
xr die tatsächliche Verantwortung der Macht
übernehme. Die Regierung der Volksfront,
die für die öffentliche Meinung und für die
Frankenabwertmg in Sicht?
DNB. London, 5. Juni. (Eig. Funklm.)
Zwischen London und Washington ist, dem
Sonderberichterstatter der News Chronicle
zufolge, ein informelles Abkommen für eine
gemeinsame Aktion bezüglich der französischen
Währungskrise (im Falle eines Abgehens
vom Goldstandard) vereinbart worden. Die
Ausgleichsfonds der beiden in Frage kom
menden Staaten sollen, wie es heißt, benutzt
werden, um übertriebene Schwankungen
möglichst zu verhindern; es heißt, daß das in
Zusammenarbeit mit der französischen Regie
rung vor sich gehen würde.
Es ist vielleicht kein Zufall, wenn der heu
tige offiziöse „Petit Parisien" einen offenen
Brief des Vizegouverneurs der Bank von
Frankreich, Charles Rist, veröffentlicht, in
dem dieser die Abwertung als unvermeidlich
hinstellt und wegen dieser Unvermeidlichkeit
die sofortige Unterziehung der Operation for
dert. Nur so könnten die Papiergeld- und
Kreditinflation verhindert und die allgemein
gewünschten Vorteile für den Ausgleich des
künftigen Staatshaushaltes, der Rückflüsse
aus der Kapitalflucht und der Hebung der
Ausfuhr und damit des Bolksvermögens ge
zogen werden. Denn letzten Endes sei die
Krise nicht eine budgetäre, sondern eine
wirtschaftliche. Wenn sich jetzt eine solche Fi
nanzkapazität wie Professor Rist, der seiner
zeit Laval und Herriot als Finanzsachver
ständiger nach den Bereinigten Staaten be
gleitet hat, für die These der „Geldabwertung
ohne Geldentwertung" bekennt, so scheint der
Augenblick für ein solches Experiment auch in
Frankreich nicht mehr allzufern zu sein.
nationale Sicherheit verantwortlich sei, müsse
nun wissen, was sic tun wolle. Sie müsse es
sagen, und sie müsse handeln.
Am Donnerstagabend fand eine Bespre
chung der Streikleitungen der Metallindu
strie statt. Sie haben zu dem von den Arbeit
gebern angekündigten Abbruch der Verhand
lungen wie folgt Stellung genommen: Am
Freitag werden die Arbeitervertreter in jeder
Fabrik der Fabrikleitung einen Einzelrah
menvertrag vorlegen. Sollten diese einzelnen
Rahmenverträge von den Werksleitungen ab
gelehnt werden, so ist mit der Ausdehnung des
Streiks zu rechnen.
Ueber die Streiklage in der Provinz ist zu
berichten: Im Reims haben 1200 Arbeiter und
Angestellte von 6 Firmen der Nahrungsmit
telindustrie für Freitag den Streik beschlos
sen, der seinen Auswirkungen 5000 Arbeit
nehmer betreffen wird. Im nordfranzösischen
Textilgebiet Roubaix-Tourcoing sind zahlrei
che Firmen stillgelegt. In der Gegend von
Valenciennes streiken etwa 12 000 Metall
arbeiter und Bergleute.
«
Man erwartet nunmehr von der neuen Re
gierung das scharfe Eingreifen zur Ordnung.
Ob aber Moskau abblasen wird, bezweifeln
wir, denn sein Weg ist unterirdisch und ist erst
befriedigt, wenn der Bolschewismus die volle
Macht hat wie in Rußland.
Man erwartet ein Manifest der Regierung
Blum an die Arbeiterschaft mit dem Verspre
chen, ihren Wünschen weitgehend Rechnung
zu tragen, aber auch mit der Aufforderung,
umgehend die Arbeit wieder aufzunehmen.
Mussolinis Tochler, Gräfin Clans,
in Berlin.
DNB. Berlin, 4. Juni. Gräfin Edda Ci
ano, die Tochter des Duce und Gattin des ita
lienischen Presse- und Propagandaministers,
ist am Montagabend in Berlin eingetroffen.
Hier hält sie sich bei ihrem Schwager und
ihrer Schwägerin, Graf und Gräfin Magistra
ti, auf. Graf Magistrati ist bekanntlich Bot
schaftsrat an der hiesigen italienischen Bot
schaft. Die Reise der Gräfin Ciano wird vor
aussichtlich einige Wochen dauern.