Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

**■ 22 t 17. Jahrgang 
Unterhaltungsbeilage zur »Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung. Rendsburger Tageblatt" 
Rendsburg, den 5. Juni 1936 
Gewitter 
De Klock sleiht eben ach; 
Wat weer't een sworen Dag! 
De Buer geiht an de Ruten, 
Kikt mal na buten. 
Een Lüchen is de Heben, 
Dat ward woll noch wat geben ■ 
Un kummt woll doch noch röber, 
Weer't man eers über. 
„Treck man de Kinner an 
Un hol Grotvadder ran. 
He schall glik rünnerkamen,' 
Sund denn tosamen." 
Hör! wat de Dünner grull! 
De Buer nt de Schatull 
Nimmt de Papiern all 
Un geiht na'n Stall. 
„Mak man de Peer los, Jan! 
Dat kummt woll doch noch ran; 
Un käd ok op de Dör, 
Falls't gisst Malör." 
All staht se op de Deel. 
De körte Brösel swcel, 
Beel Wör, de ward ni makt, 
Hört! wat dat dakt! 
Dat is all een Gerull! 
Wenn't man eers regen wull! 
Denn warö't ok flauer, 
Verzeiht ok gauer. 
Se kikt all nt de Dör, 
De Buer steiht buten vör, 
Nu sett de Regen in, 
' Geiht't öberhin? 
Een Stünn hebbt se noch stahn, 
Denn is't vöröbcrgahn 
De swor Gewitternacht, 
„Na, nu Gooönacht!" 
H. Carstens. 
Der Mann, 
der die Erdbeerbowle trank 
Von Alma Rogge. 
Die Sonne brannte weißes, grelles Licht auf 
Marktplatz in Bremen, man mußte die 
^ügen einkneifen, wenn man hinüber sehen 
sollte. Die Häuserfronten gleißten, der 
Abhält gab den Sohlen weich nach. Das 
beinerne Gesicht des Roland lächelte gequält, 
spitzen Knie stachen ins Leere. 
Wir gingen die Treppe zum Ratskeller hin 
ter. Unten war es kühl. Wir setzten uns 
ş einen langen, blanken Holztisch. Mein 
Mund zog sein abgewetztes Portemonnaie, 
Kappte es auf und ließ die Münzen nor 
dischen. Es langte. 
Die Kellner standen wie Geheimräte mit ab 
wartenden Gesichtern herum. Hinter der Theke 
süpperte es unlustig. Ein großer grauer 
ater strich mit erhobenem Schwanz um die 
darren Stuhlbeine. 
. Wir bestellten offene Schoppen und beschlos- 
das Gespräch über die Unvollkommen 
heiten der Welt abzubrechen, die mageren Ein 
künfte des letzten Monats zu vergessen. Der 
saure Mosel sollte die Sorgen wegspülen, die 
Kümmernisse ausbeißen, das Gemüt erhellen. 
„Sur makt lustig", sagt das Volk. 
Nebenan war ein Stammtisch alter Herren. 
Ein grauer Vollbart, ein kahler Kops, ein 
dicker Schnauzbart und ein rotes Gesicht saßen 
sich gegenüber. Sie sparten mit Worten, 
hoben von Zeit zu Zeit die Gläser und tranken 
einander zu. Sie tranken bedächtig die Neige 
ihres Lebens. 
Ein Mann setzte sich vor das obere Ende 
unseres Tisches. Er legte sorgsam eine große 
braune Tüte zu seiner Linken und ließ sich 
eine volle Flasche zu seiner Rechten stellen. 
Der Kellner goß das erste Glas ein. Der 
Mann wartete, bis er sich entfernte. Dann 
begaben sich die Finger seiner linken Hand in 
die freundlich raschelnde Tüte, kamen im 
Krebsgang mit einer dicken roten Erdbeere 
zurück und schoben sie in den Mund. Die 
andere Hand ergriff das Glas. Der Mann 
blickte nicht hin, sein wohlwollendes Gesicht 
sah gleichmütig geradeaus. Er nahm den 
Mund voll Wein und bewegte die Kiefer auf 
und ab. 
Wir begriffen erleuchtet, was in seinen sich 
beutelnden Backentaschen vorging: er mischte 
sich Erdbeerbowle und schluckte sie genießerisch 
runter. Er nahm danach keinen Schluck, ohne 
vorher eine Erdbeere in den Mund gesteckt zu 
haben, er tat es schlicht und ohne Aufwand. 
Vielleicht wußte seine rechte Hand nicht ein 
mal, was die linke tat. 
Wir sahen ihm mit stiller Bewunderung zu. 
Es ist immer schön, Menschen zu sehen, die sich 
den Aufgaben gewachsen zeigen, vor die das 
Leben sie stellt. Hinter dem Mann an der 
Wand hing, weiß und unnütz, ein Schild: 
„Erdbeerbowle in Karaffen zu ein und zwei 
Litern " 
Wir bezahlten unsere Schoppen und standen 
auf. Wir verneigten uns tiefer als höflich vor 
dem Mann an unserm Tisch und gingen. 
Die alten Herren am Nebentisch lachten, 
hoben die Gläser und tranken die Freude 
ihres Lebens. Der graue Kater leckte seine 
Pfoten und blinzelte uns verwegen an. 
Die Lust draußen war weich und lind, die 
Häuser sahen im hellen Licht wie neu geputzt 
aus. Der Roland hatte einen Zug um den 
Mund, als ob er jeden Augenblick loslachen 
könnte, sein umgürteter Bauch und seine 
spitzen Knie würden wackeln. Auf dem Asphalt 
ging es sich wie auf Erde im Frühling. Der 
Marktplatz lag ausgerollt unter dem blauen 
Himmel und sonnte sich. Wir kniffen die 
Augen ein — und lachten. 
Speckkantüffeln 
un 1 Loth Quecksülver 
In Lohe is vör nu bald hunnert Johren 
mol en dull Stück passeert. Dat möch ik vön- 
öaag vertelln. 
Up Detelf Momm sin Hoff been en Deern 
tosam' mit den Knech Johann. Beid', Johann 
un Anna, kunn sick heel god liöen un wulln 
sick freen. 
To'n Hoff hört en Verlehnshus, dor wohn 
Peter Thöming in. Düsse Mann harr vör körte 
Tid sin Fru verloren, un do he noch in de 
besten Johren stunn, keek he al bald no'n nige 
Fru ut. Sin Oog full up Anna. Seker harr he 
en beten mehr uptowisen as Knech Johann. 
De Deern wull ober irs ni, as Thöming er 
ansprook. Aber Annas Verwandschop sett ehr 
düchdi to, den Andrag antonähm'n. Un so seggt 
se enöli ja. 
Eher Johann vun de Sak Wind kreeg, wär't 
Opgebot bi'n Paster in Hohn al bestellt. Jo 
hann keem bannig in Fohrt, un Anna weent 
em wat vör. Se harr ni anners kunnt wegen 
ehr Famili, abers liöen much se düssen drögen 
Thöming den gansen Dag ni. 
De Sak nimmt eern Lop, wi't kamen schall. 
Blots bi de Truung giv't noch en lütten Twi- 
schenfall. Thöming hett al wat drunken, un de 
Paster, de't marken deiht, givt em merr'n in 
de Red en düchdigen Wischer. Anna ober loop 
de Hellen Tronen lank de Backen, as se't Ja 
spräken schall. Se kummt dor ober doch dütlich 
mit herut. As se nu truut sünd, geiht't in den 
Hohner Krog, wo sick ok Johann, de ole Brü- 
digam, infunn hett. Hier wor feste fiert. To- 
letz wär'n de junge Ehmann un de ole Brüöi- 
gam so blau, se müssen to Hus na Lohe führt 
warr'n. 
Nu keem en slimme Tid für Anna. Se 
kunn't vun Dag to Dag weniger bi Thöming 
utholln un kreeg mehr un mehr de Leng'n no 
eern Johann. Sließli öröp se sick heemli mit 
em un klag em eer Leed. Johann wüß natürli 
ok ni recht Rat darto un tröst eer, so goö he 
kunn. Immer wedder ober dröpen sick de beiden 
jungen Lüd. Wahnen se doch ok to dich bieen- 
anner. Wat schull dor wull endli Gudes vun 
kam'n? 
Eens Dags is Thöming to Stadt führt un 
wüll Farken verköpen. Anna löppt wedder to 
Johann, de in de Schüün dat Mengkorn üm- 
schüffelt, un singt em dat ole Klagleed vör. Se 
liggt toletz vuller Tron'n an sin Boß un jam 
mert. Johann weet ni mehr, wat he'eer ton 
Trost segg'n schall und strakelt eer de Backen. 
„Weeßr wat, Anna, du schullst em man üm- 
bring'n!" 
„Oha", seggt Anna, un weent noch duller. 
Denn ober kriggt de Mot de Oeberhanö bi 
eer, un se frogt Johann, woöenni se dat maken 
schall. 
„Ganz eenfach", seggt he, „vergisst em, giv 
em man Quecksülver mang dat Eten. Dat 
warrt ja ok bist Veehwark gegen Lüs un anner 
Untüg bruukt." 
Anna will früher ok hört hemm, dat Queck 
sülver en Gisst is. 
So kommst: de beiden Leevslüd denn toletz 
öbereen, Anna eern Mann mit Quecksülver 
üm de Eck to bringen. Johann meent noch, 
ob's ni bäter wär, Annas Broder besorgt dat 
heemli. Wenn he't sülven däh, kunn't lich up- 
fall'n. 
As nu Annas Broder to Markt no Rends- 
borg führt, krigg he vun eer den Updrag, ut 
de Oltstädter Appthek för 3 Schilling Queck 
sülver mittobring'n. Wat se dormit will, seggt 
se ni. De Broder besorgt dat un bringt tosam' 
een Loth vun den sülverigen Kram in 3 Fe 
derposen mit. 
Un nu is Sunndagnamiddag. -Thöming is 
to Dörp gähn. Wenn he obends to Hus kümmt, 
will he forts wat to eten hemm. Anna hett sik 
vörnamen, em hüt abend de Kantüffeln mit 
Speck optowarmen un dat Quecksülver dor rin- 
toröhren. As he kümmt, nimmt se glieks de 
Bratpann un sett se mit de Kantüffeln un den 
nödigen Speck to Füer. Eer Mann hölt sick 
noch'n beten op de Deel op. Gau nimmt se dat 
Quecksülver ut de Lad' un gütt mang de Kan 
tüffeln, vergitt ok ni, fliedig umtoröhren. De 
lerrigen Fedöerposen smitt se int Füer. Se 
prövt ok mol vun't Eten un meent bi sick, dat 
kunn wull so gohn. 
Peter Thöming sett sick nu to Disch, wun- 
nert sick ok ni, dat sin Fru ni miteten will. 
Se itt oftmols bi eer Swiegeröllern mit 
Abendbrot, wenn se alleen is. He langt düchdi 
to, denn na't Kortenspeel in'n Krog is he 
hungri worr'n. Un so verputzt he den gansen 
Kram. 
Nadem liggt em dat Eten son beten swoar 
in'n Magen. De Been fangt an to zittern, ok 
brickt em de Schweet ut, as wenn he fewert. 
He hett ober keen Verdacht un flopp de Nach 
uck ruhi. Annern Morgen is Anna neeschierig, 
wie dat Eten eern Mann bekoamen is. Se 
frogt em, ob em wat fehlen deiht; he seeg jo 
so blaß ut. 
Dat is Thöming opsälli un he kriggt en 
legen Verdacht, geiht no de Kök un finö't 
schließli in de Bratpann noch'n paar lütte Helle 
Truppen vun dat Quecksülver. Nu seggt he 
sin Fru op den Kopp to, dat se em hett wat 
andohn wnllt. Sin Fru wart likenblaß un 
swiggt. He lett nu ober keen Ruh, verteilt sin 
Dellern dat ok, un as all dree up Anna doal- 
goht, gesteiht se endli eer Schandtat in. Un ok 
eer leeve Johann mutt sick als Hölper be- 
kenn'n. Denn dat he sin Hann' int Spillwark 
hett, is jedereen in Lohe vun vörnherin klor. 
So müßten de beiden Leevslüd denn ok er 
Schicksol up sik nähm'n. Se warnt bin Hardes 
vogt in Holm to Anzeig bröcht un bald darno 
vun't hoge Oberkriminalgericht vör längere 
Tid mit Tochthus bestraft, as se't veröeen. 
Dat Amt Hüttener Physical ober hett in sin 
Gotachten bi de Verhandlung utseggt, dat een 
Minsch noch veel mehr as 3 Loth Quecksülver 
ohn' Schaden für sin Gesundheit verdrägen 
kann. Un Thöming hett dor jo ok nix na fehlt. 
De Dokter in Rendsburg harr em den sülvi- 
gen Dag, as de Undat vun sin Fru rutköm, 
wat ton Afföhrn verschreeben un öorbi meent, 
sun dumm Tüg wär em ok noch ni vörkamen. 
Anna un Johann hebbt eer Tid achter de 
schwedschen Gardin ruhi affsäten. As se werrer 
fri würn, harr Thöming sick intwischen vun 
Anna scheeden loten un en anner Fru nohmen. 
So sünd de beiden Leevslüd denn doch noch 
een Paar worr'n, hebbt ok noch veele Johren 
glücklich miteenanner leevt, int Holsteensche, 
wo Johann sin Heimatöörp leeg. 
Ober Quecksülver is ni mehr in eer Hus 
koamen. Bun H. M. in Rendsburg. 
Witterungsschau 
Am 6. Mai 1272 soll in Schleswig-Holstein 
ein Erdbeben stattgefunden haben. 1318 reg 
nete es vom 1. Mai bis zum Jahresende jeden 
Tag. 1586 stellten sich Pfingsten schädliche 
Heuschrecken ein, „so man", wie der alte 
Neokorus sagt, „Schmedeknechte odder Gaöes- 
perdeken heet, so hupenwies, dat nich wor to 
globen." 1691 schneite es noch um Pfingsten 
(19. Mai) acht Tage lang. 
Vom Büchertisch 
^Plattdütsche Predigte«. Von Pastor v. A. 
».Einreich. Verlag Friedrich Bahn, Schwerin 
^ckl.). Preis 2,50 MJl. 
s. ^aß ich meiner Herkunft und meiner Ein- 
^ llung nach für plattdeutsche Predigten bin, 
h?bche ich den Lesern der „Heimaterde" kaum 
loaders zu sagen. Nicht, als wenn ich sie 
Mn:ein an die Stelle der hochdeutschen setzen 
'vchie. Aber zu gegebener Gelegenheit halte 
.Meine Muttersprache für ein feines, wenn 
gar für das letzte Instrument zur Ber 
einigung des Evangeliums. Das heißt, wenn 
tJ- Prediger geborener Plattdeutscher ist und 
' seinem Fühlen und Denken in nieder- 
^btscher Art wurzelt. Das trifft bei Professor 
li/^reich zu, und darum möchte ich die vor- 
gende Sammlung meinen Landsleuten mit 
rn,e,ņ Herzen vorbehaltlos empfehlen, zu- 
^ biblisches Christentum bezeugt wird. 
Weinreich setzt sich einleitend mit den im- 
M * wieder erhobeneü Einwänden gegen das 
^ "deutsche Predigen auseinander. Dies 
H îwort drucken wir nachstehend ab in der 
djNnung, daß die klaren Ausführungen auch 
writer unsern Lesern überzeugen werden, 
Etwa Bedenken gegen plattdeutsche Wort- 
^ndigung haben. * 
Jakob Kiekut. 
* 
Vorwort. 
Nj»"Ewand soll mich übertreffen an Verständ- 
(jL Und Hochschätzung der hochdeutschen 
tz^gche, die uns der sprachschöpferische Genius 
drvL ^ gegeben hat. Dennoch habe ich seit dem 
pEU Kriege plattdeutsch gepredigt, gedrängt 
von der Beobachtung, daß die hochdeutsche 
Kanzelsprache sich wie eine Mauer zwischen die 
niederdeutschen Menschen und Gott gestellt 
hat, die plattdeutsche Predigt als willkom 
menes Hilfsmittel der Volksmission ansehend. 
Die Neunmalklugen, die sich überall finden, 
auch in den Kirchenbehörden und Universitäts 
kreisen, beweisen mit fünf bis zwanzig Grün 
den, daß man plattdeutsch predigen weder 
könne noch dürfe. Aber das Leben ist immer 
stärker als die Theorie. Die plattdeutschen 
Prediger machen alle die Erfahrung, daß ihre 
Kirchen voll sind. „Das sind Neugierige", 
rufen die Theoretiker. — Ganz richtig! Es 
kommen viele Neugierige. Die Neugier nimmt 
nicht ab, sondern sie scheint zuzunehmen. — 
Uebrigens nebenbei gefragt: Sind die Trieb 
federn, die sonst die Menschen in die Kirchen 
führen, alle so hoch über der Neugiet? — Ich 
bemühe mich, den Neugierigen so zu predigen, 
daß sie das nächste Mal kommen, um das 
Evangelium zu hören. 
Man sagt: „Die plattdeutschen Menschen 
selbst lehnen die plattdeutsche Predigt ab." — 
Ganz richtig! Das weiß ich auch. Mir sagte 
einmal ein Bauer: „Herr Professer, Se gaht 
uns äwer bannig to Liw, wenn Se plattdütsch 
predigt. Dat is gor nich mihr gemütlich. Ne, 
vun de Kanzel möt Se hochdütsch spreken. Dat 
klingt so fierlich vun baben dal, un dorbi bruk 
ener sick nich so vel to denken." — Sollte das 
nicht der Hauptgrund der Ablehnung sein? 
Der Bauer war einer der alten „Huster" aus 
Fr. Th. Bischers Pfahldorfgeschichte in „Auch 
Einer". 
Wenn man aber sagt, es sei eine Ent 
weihung des Gotteshauses, — das haben sie 
auch gegen Luther gesagt, als er die Messe 
nicht mehr lateinisch hielt, sondern deutsch, und 
dazu deutsch predigte. 
Als ich im Rundfunk plattdeutsch predigte, 
habe ich immer wieder Zustimmung gehört. 
Am meisten erfreute mich ein Brief aus einem 
Krankenhause mit vielen Unterschriften. Es 
ist zu bedauern, daß der Rundfunk die Ueber- 
tragung von Gottesdiensten aufgegeben hat. 
Ich werde weiter plattdeutsch predigen, be 
sonders, da in unserem neuen Reich alles ge 
fördert wird, was die Brauchtümer unseres 
Volkes erhalten will. Was für ein Brauch 
tum aber ist in Niederdeutschland wertvoller 
als die Muttersprache? Das neugeprägte in 
haltsschwere Wort „Blut und Boden" findet 
in der plattdeutschen Predigt eine ungeahnte 
Anwendung. 
Die theologische Fakultät in Kiel hat mir 
beim Reformationsjubiläum 1917 die Würde 
des Doktors verliehen. Wenn sie sie mir jetzt 
für Hunderte von plattdeutschen Predigten 
verliehen hätte, würde ich sagen: Ja, ich habe 
vielen Menschen dienen können, an die Gottes 
Wort sonst wohl nicht herangekommen wäre. 
Ich lasse einige plattdeutsche Predigten 
drucken, auch um jüngeren Predigern Mut zu 
machen, es zu versuchen; denn was können 
wir Besseres tun, als das Evangelium „aller 
leiweise" zu verkündigen? 
Schwerin i. M., am 13. August 1935, 
dem Geburtstag 
meiner plattdeutschen Mutter. 
Pastor D. theol. A. Weinreich, 
Honorarprofessor der. Universität Kiel, 
De Paster un de Konterlör 
Jn'e lütt Stadt K. leev vör Jaarn en Pa 
ster, dat àer st: spaßigen Kerl un wüß dor 
banni mit üm, wenn em mal wat verdweer 
kööm, un he kunn sien Lüüd dat heel good 
geven. 
To sien fliedigsten Karkenbesökers hörte en 
öllerhaften Konterlör, von den man mit Recht 
segg'n kunn: „Der Geist ist willig, aber das 
Fleisch ist schwach". Denn sommers, wenn dat 
buten rech so hitt un in de Kark schön kölig 
weer, or winters, wenn dat buten Näsörüp- 
pels fror un hier binnen so molli warm weer, 
denn so druselt uns leewc Konterlör bi de 
Predig so sachten in. Un wenn he denn so an 
dat Sneppenscheten weer, denn stör he natürli 
all de, die bi en: sitten dän. De Paster harr 
dat ok al lang sehn un hcn un her dach, wie 
he em davon kureern könn. Endli weer em een 
gode Gedanke kam. 
De nasten Sünndag, as he em weller nicken 
seeg, seggt de Paster in siene Predig: „Der 
liebe Gott hat jedem Menschen für sein Tun 
und Lassen einen Kontrolleur mitgegeben, das 
ist das Gewissen. Aber manchmal schläft dieser 
Kontrolleur ein; dann kommt der Herrgott 
durch sein Wort oder durch ein besonderes Er 
eignis und ruft dem Gewissen zu: „Kontrol 
leur, wache auf!" Un darbi slog he up de Kan 
zel, dat dat knallt. De gode Konterlör fahrt 
in'e Höch, as harr em een Jmm steken. Awers 
dat Midöel harr hulpen. Uns Konterlör schlöp 
in'e Kar kni wedder. H. 
R 
M 
rt? k:i 
'4.
	        
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