Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Der Jahresbericht der SchlesV.-Holst. Landschaft 
O ^0U> Jahresbericht der Schleswig-Holsteinischen 
ändschaft, Kiel, ist u. a. folgendes zu entnehmen: 
^>e ans der Zielsetzung von Neichsregicrung und 
wlchZnahrstand planmäßig getroffene» Matznah- 
"en zeigen im dritten Jahre nach der Machtergrei 
fung jhxx deutliche Auswirkung auf die Lage der 
Landwirtschaft. Voran steht die Erfüllung der ihr 
^ der Erzeugungsschlacht auferlegten Pflichten. 
^ Grundlage für erhöhte Leistungsfähigkeit bildet 
über neben der Preisgestaltung der Erzeugnisse 
nrch die Marktordnung der Wiederaufbau der 
Zahlreichen Betriebe, die in der Krisenzeit mehr oder 
weniger zurückgekommen sind. Höhere Gesichts- 
dnnkte ziehen den Festpreisen ganz bestimmte 
tanzen nach oben. Daraus folgt, daß die Einnah 
men nur dort ausreichen, wo die Rechnung der 
usgabenseite nicht durch unumgängliche Aufwend 
ungen für Wiederaufbau oder Ergänzung des 
^atriebes voriveg übermäßig beansprucht wird, 
^ìese, von Außenstehenden oft und gern übersehene 
^atsache, muß nüchtern festgestellt werden. Leider ist 
ff Zahl der besonders nach dem kritischen Jahr 
â „ausgezehrten" Betriebe gerade in Schleswig- 
Halstein groß. 
^on dieser Grundlage aus hat man auch die 
^aditlage der Landwirtschaft zu betrachten: Der 
Uesunde Bedarf der Landlvirtschaft nach langfristi- 
Uan, Kredit mußte im Berichtsjahr aus den be- 
unnten Gründen bis auf Ausnahmen unbefriedigt 
'leiben. Dauerinvestierungen können nur durch 
Ungfristigen Tilgungskredit gesund finanziert wer-, 
eu - Nur ein ganz geringes, sofort vergriffenes 
Kontingent aus einer zentrallandschaftlichcn Neu- 
fwissivv konnte durch die Schleswig-Holsteinische 
Landschaft neu vergeben werden. Es war bcstim- 
M^ugggemäß auf Nichterbhöfe beschränkt. Grund 
ş şer Beschränkung ivar die leider, immer noch 
Fittige Frage der Gestaltung des langfristigen 
^bhvskreditcs. Die SchleSwig-Holstcinische Land- 
lHast gibr dem dringenden Wunsch Ausdruck, daß 
Üblich hierfür eine Lösung geschaffen wird, die 
ew Grundbedürfnis der neuen Agrarpolitik, der 
Förderung der Erbhöfe gerecht wird. 
Die Leistungen der Betriebe aus ihren bestchen- 
Schuldverpflichtungen zeigen ein recht erfreu 
tes Bild bei den nicht im Schuldenregelungs- 
^rfahren befindlichen Betrieben. Anders liegt es 
^i den Entschuldungsbetrieben. Auf sie entfallen 
Allein die Rückstände an laufenden Verpflichtungen. 
Die im Berichtsjahr eingeleitete Hilfsaktion der 
putschen Rentenbank-Kreditanstalt dient dazu, in 
oesonbers dringlichen Fällen durch Zuführung stark 
^rbilligter Kredite den Wiederaufbau von Ent 
schuldungsbetrieben zu ermöglichen. Das inzwischen 
last vergebene, auf die Nordmark entfallende Kon- 
tingent dieser Kredite betrügt 1.2 Mill. JMl. Wei 
ter ist zu bedenken, daß die Viehaufzuchtbetriebe — 
in unserem Bezirk eine erhebliche Gruppe — in 
folge der nur einmal jährlich im Mai stattfinden 
den Umschlages Einnahmen nach den Festpreisen im 
Jahre 1933 noch nicht gehabt haben. Auch bei Be 
rücksichtigung dieser bisher erschwerenden Momente 
bleibt aber der ungenügende Zahlungseingang der 
Entschuldungsbetriebe eine ernste Belastung, die 
dringend der Abhilfe bedarf. Die pünktliche Erfül 
lung der laufenden Verpflichtungen in dem Rah 
men. der durch Schuldenregelung und Zins 
erleichterungsgesetz gegeben ist. wird für die Zu 
kunft auch von den Entschuldungsbetrieben verlangt 
werden müssen und können. 
Von einschneidender Bedeutung war im Be 
richtsjahr das Gesetz über die Durchführung einer 
Zinscrmäßigung bei Kreditanstalten vom 24. Ja 
nuar 1935. Bon den der Neuregelung unterworfe 
nen Pfandbriefen des Institutes haben nur in 
Höhe des äußerst geringen Betrages von 615900 
Reichsmark die Inhaber die Konvertierung abge 
lehnt. Das weitere Gesetz vom 91. 7 35 über die 
Zinsen für den landwirtschaftlichen Realkredit 
brachte die Dauerregelung für den Zinssatz der 
Pfandbriefhypotheken. Dabei mußte in Kauf ge 
nommen werden, daß die NichtentschuldungSbetrieve 
eine den Jahreszinssatz außer Tilgung und Ber- 
waltungskosteubeitrag auf 4,5 vH erhöhte Belastung 
erfahren haben. Die Enrschuldungsbctriebe haben 
4 vH — wie bisher — für münüelsichere, 4.5 vH für 
nicht mündelsichere Hypotheken zu zahlen. 
Durchsührnng und Auswirkung des Şchulden- 
regelnngsgesetzes sind für die Nordmark von über 
ragender Bedeutung. Alle darniederliegenden und 
überlasteten Betriebe haben von der Echulöenrege- 
lung Gebrauch machen müssen. Es sind bei der 
Landschaft: von 10 234 belichenen Betrieben 5700 
trd. 57 vH), von 132 Mill. JtA Darlehnsüestanü 
67 Mill. -JUL trd. 51 vH); beim Landschaftlichen 
Kreditverband von 8270 belichenen Betrieben 1580 
lrd. 48 vHf, von 39,25 Milt, ,î« DarlehnsHestand 
15,75 Mill. JìJl lrd. 40 vH). Solange für die Mehr- 
zahl dieser Betriebe nicht durch Abschluß der Ver 
fahren eine endgültige Klarstellung und Begren 
zung ihrer Schuldenverpflichtungen erfolgt ist, 
leidet zwangsläufig die Gesamtheit der am Ver 
fahren Beteiligten: Schuldner wie Gläubiger, Be 
trieb ivie Lieferanten. 
Die Tätigkeit der Entschuldnngsstclle zeigt fol 
gendes Bild: insgesamt anhängige EntschulüungS- 
verfahren lbiS znm 31. 12. 35): 0198, bis Ende 1935 
zurückgezogene oder an die Entschnldnugsämter ab 
gegebene Verfahren tKlein-Betriebei: 503, zur Be 
arbeitung verbliebene Verfahren 5695. bis zum 31, 
Mit zwei Zentnern Lnrch den Weltkrieg 
Erinnerungen eines Optimisten. 
Von Karl Borromäus Gröber. 
Copyright rS3ö by Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart. 
(34. Fortsetzung.) 
Die Roten waren sich anscheinend darüber 
îîicht ganz klar, wer eigentlich Herr non Ri- 
Mmäki war. Von Zeit zu Zeit erschien nüm- 
"ch ein feindlicher Flieger über der Stadt und 
^arf Nachrichten ab, durch die er seine Partei- 
^uossen aufforderte, möglichst rasch die Stadt 
à verlassen und nach Süden auszureißen, da 
weißen Schweine wahrscheinlich in kürze- 
Zeit einen weiteren Rückzug unmöglich 
Nachen würden. Wie sollten wir diesen Herrn 
ņ der Luft, der, wie es schien, der letzte rote 
Flieger von Finnland war, in unsere Hand 
Kommen? Herunterschießen konnten wir ihn 
und so versuchte man es mit einer List, 
/-ssf einem großen Platz vor der Stadt, wo ge 
wöhnlich die Flieger landeten, wurde aus 
otem Tuch ein großes Zeichen ausgelegt. Ein 
^şşizier der Roten Armee, den wir gefangen, 
mtte uns verraten, daß daraufhin rvohl sein 
Kamerad herunterkommen und landen würde. 
Jetten wurden abgeschlosssen, ob die List Er- 
habe oder nicht. Sie hatte aber gegen je- 
j Cs Erwarten Erfolg. In eleganten Kurven 
am hxx letzte rote Flieger herunter und war 
?hr erstaunt, als er von uns recht unsanft 
n Empfang genommen wurde. Die Luft war 
rein, was in den folgenden Wochen von 
F e * Erde nicht gerade behauptet werden 
t0 nnte. 
,.ön Riihimäki erhielten wir auch die ersten 
?nischen Zeitungen, denn die finnische Re- 
à^ung gab täglich eigens für die deutschen 
tdatcn eine Zeitung heraus. Sie war pracht- 
Redigiert und brachte Aufsätze, die itt sehr 
„^chickter Form auch den einfachsten Soldaten 
X et all das belehrten, was er von dem frem- 
, h Lande, von dessen Geographie und Ge- 
^ Ģe, sozialem Leben und dergleichen wissen 
Außerdem fand er in diesem Blatt 
^ Zückende Novellen und Geschichten aus dem 
olksleben des neuen Kriegsschauplatzes. Er 
^îuhx, tüic man aus Ahornsaft eine köstliche 
, ^welctöe bereitet, und er lernte die Pflan- 
slftz' U - lu ' ) îiere des Landes kennen. Kurze Auf- 
tzä Milderten ihm das Nomadenleben der 
mit ihren Nenntierherden. Es wurde 
Psì auseinandergesetzt, wie man in Finnland 
t ( 7 gewinnt und wie das gewonnene Ma- 
lj^al in abenteuerlicher Reise auf gebrech- 
ÄoftTT 1 Ķähnen durch kühne Schiffer über die 
Juofe» Wasserfälle geführt wird. Er erfuhr 
?!il. stUc ^ von den Helden des Kalevala, des 
in '^"ņgenlicdes der Finnen, kurz, er wurde 
ûaè geistige Leben seiner neuen Freunde 
eingeführt. Auf der letzten Seite der Zeitung 
standen dann sozusagen tausend Worte Schwe 
disch und Finnisch. Diese Seite hat aber ein 
deutscher Soldat im allgemeinen nicht ein 
gehend gewürdigt, denn der Krieg brachte 
so viel körperliche Anstrengung, daß ans gei 
stige gerne verzichtet wurde. 
Immer weiter ging's gen Norden. Schwere 
Tage kamen, denn immer wieder stieß man 
auf dem Marsche durch die unendlichen Wälder 
auf größere rote Abteilungen, die aber nie 
einem energischen Angriff mit aufgepflanztem 
Bajonett und Hurrarufen standhielten. Sie 
verschwanden meist rasch wieder im Dunkel 
des unwegsamen Waldes. Der Tag wurde da 
mals — es war schon Mai — immer länger. 
Die berühmten weißen Nächte begannen. Da 
durch kam auf diesem Vormarsch die Truppe 
nie mehr recht zur Ruhe. Zu allemhin merkten 
wir immer deutlicher, daß wir gegenüber den 
Massen der finnischen Aufständischen nur ein 
verschwindend kleines Häufchen waren. 
Aeußerste Zähigkeit und Anspannung aller 
Kräfte konnten allein zum Erfolg führen, ans 
Ruhe mußte man darum verzichten. Es hieß 
in. kürzester Zeit Tavastehus zu erreichen, 
denn dies war die Schlüsselstellung des Rück 
zuges unserer Feinde. In frühester Morgen 
stunde wurde aufgebrochen, und es war lustig, 
12. 1935 aufgestellte Pläne: 749 (13,15 vH), bis zum 
30. 4. 1936: 1439 (25,27 vH), bis zum 31. 12. 1935 be 
stätigte Pläne: 299 (6,25 vH), bis zum 30. 4. 1036: 
758 (13,31 vH). 
Im Berichtsjahr wurden 261 Pfandentlassungen 
und Unschüdlichkeitszengnisse über 1446,85.61 Hektar 
erteilt. In 34 Füllen wurden Darlehnö-Verteilun- 
gen auf insgesamt 111 Teilgrundstücke bewilligt. 
Der Gesamtbetrag der Zinsrückstände betrug am 
80. 6. 1935: 9,61, am 30. 9, 1935: 8,95, am 31, 12. 35: 
0.35 und am 81. 3. 1936: 8.88 Mill. 
Aus dem Jahre 1934 wurden 550 schwebende 
Zwangsversteigerungen übernommen. Im Jahre 
1935 wurden 18 neu eingeleitet. Von diesen ins 
gesamt 668 Verfahren sind auf Grund der Bestim 
mungen des ReichserbhosgesetzeS oder infolge Zah 
lung im Berichtsjahr aufgehoben; 152 Verfahren. 
Anhängig blieben am 31. 12. 35 „vch 410 Verfahren, 
von denen 849 auf Grund der vorgenannten Be 
stimmungen einstweilen eingestellt sind. Zur Dnrch- 
führnng sind im Berichtsjahr 10 Verfahren gelangt. 
Die Abrechnung der Schleswig - Holsteinischen 
Landschaft schließt mit einem Verlust von 155 480 
&M, die deS Landschaftlichen Kreditverbandes mit 
einem solchen von 68 599 JIM, 
Şsr Absatz von FrÄhkartoffeln 
im WirLschastsjahr 1Ä36 
Die Hauptvereinigung der deutschen Kartofsel- 
wirtschaft erläßt folgende Anordnung: 
Die Absatzregelung erstreckt sich auf Frühkartof 
feln, die vor dem 15. August d. I. in den Verkehr 
gebracht werden. Die Absatzregelung wird in den 
einzelnen Anbangebieten dem zuständigen Kar- 
tofsolwirtschaftSverband übertragen. Der Beginn 
der Absatzregelung wird in den einzlnen Anbau- 
gebietn nach den örtlichen Bedürfnissen nach An 
hören der Hauptvereinigung durch den Wirtschasis- 
verband festgesetzt. Dieser kann für den Bereich 
eines den jeivciligen Bedürfnissen entsprechend 
großen Gebietes Bezirksbeauftragte einsetzen. Er 
ist ferner berechtigt, im Einvernehmen mit der 
Hauptvereinigung einzelne Anbaugebiets zu ge 
schlossenen Anbangebieten zu erklären. Er kann auch 
im Bedarfsfall bestimmte Gebiete zu geschlossenen 
Verbrauchsgebieten erklären und in diesen im 
Nahmen der Satzung die zur geordneten Beliefe 
rung notwendigen Maßnahmen treffen Für den 
Absatz von deutschen Frühkartvsseln gelten unbe 
schadet dieser Bestimmungen noch Regelungen für 
geschlossene Anbangebiete und nicht geschlossene An 
bangebiete, die ausführlich dargelegt werden. Deut 
sche Frühkartoffeln sind stets bei der Uebernahme 
der War vom Erzeuger auf drö vorgeschriebene Be- 
schafsenheit in bezug auf Größe, Güte sowie Brutto 
gewicht zu prüfen. 
Die Preisfestsetzung für inländische Frühkartof 
feln geschieht nach folgenden drei Gruppen: a) 
weiße, rote und blaue Sorten, b) runde gelbe Sor 
ten und c) lange gelbe Sorten. Die Hauptvercini- 
gung allein ist berechtigt, mit Genehmigung des 
Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft 
besondere Maßnahmen für die Absatzregelung von 
ausländischen Frühkartoffeln in Deutschland zu 
treffen. Die Anordnung tritt am 5. Juni in Kraft. 
89 Jahre Sehestebter Pferöegilde. 
xy. Sehestedt, 5. Juni. Im Dorsgasthaus W. Sa 
ger hielt die Sehestedter Pfcrüegilde ihre 80. Jah- 
res-Generalversammlu»g ab. Nichts kann die Not- 
wendigkeit einer solchen landwirtschaftlichen Selbst- 
hilscorganisation eindrucksvoller unterstreichen, als 
die Tatsache, daß sie heute, nach beinahe einem 
Jahrhundert, noch jugendfrisch wie am ersten Tag 
ihrer Aufgabe dient, die in ihr zusammengeschlos 
senen Mitglieder vor schweren wirtschaftlichen 
Schäden zu schützen. Gegründet wurde die Gilde 
während der schleSivig-holsteinischen BefreiungSzcit 
im Juni 185g. Sie zählte damals schon 102 Mit 
glieder aus den Ortschaften Borgstedt, Lchmbek, 
Schirnau. Wentorf, Sehestedt, Haby und Holtsee 
mit 316 versicherten Pferden. Den damaligen Vor 
stand bildete» der Großvater des jetzigen Bauern 
Chr. Suhr-Wentorf als Präsident und der Vater 
des erst kürzlich aus Sehestedt verzogenen Alten- 
teilcrs Johannes Brammer. Seit jener alten Zeit 
hat die Gilde Jahrzehnt um Jahrzehnt und Jahr 
für Jahr znm Wohl ihrer Mitglieder gearbeitet. 
Sie hat ebensolange schon auch alljährlich einmal 
und immer zur selben Zeit ihre Mitglieder zu 
einem Gildetag versammelt, der heute zu einer fest 
in Blut und Boden verwurzelten Tradition gewor- 
den ist und auö dem Banernjahr nicht mehr her- 
ausgedacht werden kann. Die Gilde umfaßt heute 
284 Mitglieder aus dem weiten Bezirk von Krons 
hagen (Kiel) bis nach Bübelsdors und von Aschessel 
bis nach Bredenbck und gliedert sich in 21 Distrikte. 
Die Zahl der versicherten Pferde ist 808 und deren 
Gesamtversicherungswert beträgt 582 850 JIM. Im 
letzten Geschäftsjahre wurden Ersatzansprüche für 
60 Pferde gestellt. Es mußte dafür eine Umlage er 
hoben werden vvn 3,9 v. H. für 190 MJl Versiche 
rungssumme. Den augenblicklichen Vorstand bil 
den als Wortführer Bauer Chr. Snhr aus Ham 
mer und als Schriftführer Kaufmann E. Johann- 
sen aus Sehestedt. 
Nach Erledigung der eigentlichen Generalver- 
sammlung sah das JubilünmSfest ». a. noch Preis 
schietzen für die Mitglieder und ebensolches Glücks- 
raddrehen für die Frauen vor. Den Königspreis 
gewann int Schießen K. Krabbenhüft ans Holtsee 
mit 33 Ringen und Fra» Ramm ans Klcin-Witten- 
see mit 93 von 108 möglichen Punkten. 
zu sehen, wie auf den tauigen Waldwiesen, 
au denen wir vorbeizogen, balzende Birk 
hühner und Anerhähne in Scharen ihre Tanz 
spiele ausführten und sich dabei durch' die 
vorübermarschierende Truppe nicht störeil 
ließen. Immer näher — unter ständigen 
Kämpfen — rückten wir an unser Ziel heran. 
Der Feind machte verzweifelte Anstrengungen, 
itns aufzuhalten, und verfiel dabei mis gerade 
zu groteske Mittel. In einem Bahnhof in der 
Nähe von Turenki hatte sich ein deutscher Stab 
einquartiert. Unsere Gegner in dem schon 
nahen Tavastehus hatten dies in Erfahrung 
gebracht. Sie wußten, daß auf dem Bahnhof 
die Weichen in größter, in nächster Zeit kaum 
wieder zu behebender Unordnung waren, und 
darauf gründeten sie ihren Plan. Sie wollten 
eine Lokomotive mit einigen Wagen Spreng 
stoff führerlos absenden. Sie hofften, daß beim 
Entgleisen das Ganze explodieren und den 
Bahnhof nebst näherer Umgebung völlig zer 
stören würde. Gott sei Dank brauchten sie zu 
ihren Vorbereitungen etwas lange, so daß die 
ganze kleine deutsche Armee vorher genau 
darüber unterrichtet war, was sie vorhatten. 
Auch hier war, wie überall im finnischen 
Feldzug, das Telefon noch im Betrieb und für 
beide Teile benützbar. Der böse Plan tvurde 
zuln herrlichsten Schauspiel. In einer weiten 
Ebene, in der nirgends ein Haus zu sehen 
war, an einer Kurve, hatten unsere Pioniere 
mehrere starke Sprengladungen eingebaut, die 
sie aus angemessener Entfernung zur Explo 
sion bringen konnten. Außerdem hatten sie an 
dieser Stelle noch die Schienen entfernt, so daß 
Rom umjubelt den siegreichen Marschall. 
Ein Bildtelegramm von der Ankunft des Marschalls Badoglio in 
Rom. Seine Fahrt durch die Straßen der Stadt glich einem wahren 
Triumphzug. (Weltbilds K.) 
für den Bahnhof, der einen halben Kilo 
meter weiter südlich lag, keinerlei Gefahr be 
stand. Wir lagen in guter Deckung auf den 
umliegenden Höhen und sahen Mit Spannung 
dem Ende der Tragödie entgegen. Endlich kam 
der erwartete Zug angebraust, und es war ein 
großartiges Schauspiel, die erfolgreiche Wir 
kung unserer Vorbereitungen zu beobachten. 
Kerzengerade stieg die Lokomotive mit ihren 
paar Wagen in die Luft, und erst in beträcht 
licher Höhe explodierten die Sprengstoffe, die 
den Bahnhof zerstören sollten, wie eine Ra 
kete. Es tvar ein kurzes, für uns recht ein 
drucksvolles Feuerwerk, da ja niemand dabei 
verunglückt war. 
Der erste Tag von Tavastehus aber — noch 
am selben Abend kamen wir in die nächste 
Nähe dieses Ortes — wurde fürchterlich. Die 
Stadt liegt überaus malerisch zwischen zwei 
Seeit, überragt von einem alten Schloß. Ein 
Bahndamm und eine Straße überqueren den 
schmalen Arm des einen Sees. Um den Schiffen 
die Durchfahrt zu erleichtern, war an einer 
Stelle eine bewegliche Brücke angebracht. 
Gerade dieser Brücke gegenüber gingen wir 
in einem herrlichen Park hinter dem gemau 
erten Rest einer alten Windmühle in Stel 
lung. Im Park waren die Warmhäuser un 
versehrt erhalten geblieben, und in ihnen 
blühte eine Fülle üppigster Nelken und ande 
rer Blumen. Alle Nelken waren feuerrot, 
woraus wir entnehmen konnten, daß das Herz 
des Gärtners mehr für die Gegenpartei als 
für uns schlug. Die Häuser mit den Treib- 
hausgurken galten uns aber ungleich mehr 
als die Nelken. 
Die Bolschewiken hatten mit unserem über 
raschenden Eintreffen nicht gerechnet und den 
Kopf völlig verloren. Kaum brach der Tag an, 
so meldeten unsere Posten, daß der Feind mit 
Sack und Pack, mit Kind und Kegel auf dem 
langen Bahndamm gegen das Festland hin 
anszureißen versuchte. In aller Eile wurden 
die Brücken unter direktes Feuer genommen, 
und nach ein paar wohlgezielten Volltreffern 
tvar für die Aermsten da drüben jede Möglich 
keit zur Flucht vorüber. Sie konnten auch nicht 
mehr zurück, denn von hinten, her drängten 
immer weitere Massen nach, Wir haben das 
Schießen sofort eingestellt, denn es wäre nur 
ein zweckloses Morden von Frauen und Kin 
dern gewesen. DaS weitere Aufräumen über 
ließen wir den Finnen, die das weit besser 
verstanden. In die Stadt hinein kamen wir 
an diesem Tage nicht mehr, denn wir wurden 
in Eile nach. Nordosten in Marsch gesetzt, um 
bei Syrjäntaka die große Hauptstraße zu sper 
ren. Auf dieser Straße sollten die letzten ver 
sprengten Teile der Roten Armee ans ihrer 
Flucht nach Rußland aufgehalten werden. 
.(Fortsetzung folgt.)
	        
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