129. Jahrgang.
Schleswig-tzolstLinilche
129. Jahrgange
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Gedanken zur Zeitgeschichte
Aegyptens SchlüffeMellUNg iw Empire
II.
Mit dem beginnenden Zerfall des Osmanen-
re-ches lockerten sich die staatsrechtlichen Bin
»ungen dieses Landes zur Türkei. Die gänz-
"che Losung konnte nur noch eine Frage der
Mohamed Ali erkämpfte dann auch
sä Aegyptens Unabhängigkeit. Es ist be
merkenswert, daß sich der Kampf auch schon
mimals gegen englische Truppen richten
Mußte.
Dieser Zweifrontenkrieg — gegen die Tur
ret und Europa, namentlich gegen England —
wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts durch
°en Kampf um Ueberwindung des sich stei
gernden europäischen Einflusses in Aegypten
abgelöst. Der aus diesem Grunde im Jahre
1681 ausgebrochene Aufstand zwang England
rum Vorstoß. Am 11. 7. 1882 wurde Alexan
drien bombardiert und dann von englischen
gruppen besetzt. Aegyptens Schicksalsstunde
war angebrochen.
Die Herrschaft über den Suezkanal hatte sich
England schon vorher durch den Erwerb der
Aktienmehrheit der Kanalgesellschaft gesichert
(1874). England erwarb diese Aktien von Is
mail Pascha, der durch den Kanalbau in Ber-
Mögensverfall geraten war. Selten hat ein
Geschäft größere politische Folgen nach sich ge
zogen, als der Kauf dieses Aktienpaketes. Da-
?sst war Aegyptens Schicksal endgültig be
schlossen und durch die Besetzung nach weite
ren 8 Jahren auch entschieden.
Zur Sicherung dieses Landes traf der wei-
wre Vorstoß Englands den Sudan, das ägyp-
ìsche Hinterland. Trotz des anfänglichen Sie
bes der Mahöisten über die Truppen Gor
ans wurde der Sudan in den Jahren 1896—
1898 erobert (Lord Kitchener) und dann vor
läufig in ein englisch-ägyptisches Konöomini-
umgewandelt, nachdem der französische
Gegenspieler ausgeschaltet worden war (Fa-
schoda).
England hatte damit festen Fuß in Aegyp-
: en gefaßt, namentlich durch die Herrschaft
A.er öen Sudan, dessen Wasser für Aegyptens
Wirtschaft unentbehrlich sind (Der Nil, der
heilige Strom" Aegyptens). 1899 wurde der
^udan dann einem englischen Generalgouver-
Neur — Sirdar — unterstellt.
^Der Ausbruch des Weltkrieges verstärkte den
Widerstand Aegyptens gegen die Vorherrschaft
Englands. Man erhoffte die Freiheit — und
stlor sie wiederum. Schon am 18. Dezember
.M erklärte England die Schutzherrschaft
bex dieses Land. Aegypten stand nunmehr
.Ater britischem Protektorat) es war „ein aus
?M Türkischen Reich ausgeschiedenes Schutz-
veoiet".
^.Scit dieser Zeit setzte nun der offene Kampf
Ägyptens um seine Freiheit ein. Der Führer
sZaglul Pascha, sein Schwert die von ihm
1918 gegründete Partei des Wafd, die Ver-
,.Mgttng der Nationalisten, sein Ziel: Besei-
.6ung des britischen Protektorats, Zurückzie-
Ag der britischen Besatzungsarmee und un
beschränkte Unabhängigkeit.
-Aach per Revolution von 1919, die sich übri-
^ As auch auf den Wilson'schen Grundsatz des
bm s^bestimmungsrechts der Völker berufen
,^"e, und zwei weiteren blutigen Jahren
arde Aegypten am 28. 2. 1922 als unabhün-
t ģEs konstitutionelles Königreich von Eng-
e Ad anerkannt. Der Sultan Fuad Achmed
xj^wß in Ergänzung dazu als König Fuad l
Mn Erlaß, der Aegypten zum unabhängigen
wat erklärte.
Unabhängigkeit war dadurch aber noch
aeswegs erreicht. Denn die ägyptische Re
gung muß „im Einvernehmen" mit dem
tz,'Äschen Vertreter arbeiten. Außerdem machte
bx?Mnd bei Aufgabe seines Protektorates die
v_.AHmten 4 Vorbehalte: „in Erwartung eines
best s"Aktes, der es möglich macht, diese Bor-
t./Alte neuerdings einer Abänderung zu un-
ziehen".
^ìe 4 Vorbehalte betreffen:
das Recht der Sicherung aller ägyptischen
Verkehrslinien, namentlich des Suez
kanals und damit die Sicherheit der bri
tischen überseeischen Reichsverbindungen,
2. Verteidigung Aegyptens gegen jeden
äußeren Angriff,
3. den Schutz der Fremöenrechte,
4. den Sudan.
Lrotz der Unabhängigkeitserklärung hatte
sich also an dem tatsächlichen Zustand nur we
nig geändert. Auch die Einführung der parla
mentarischen Verfassung (1923) verbesserte
Aegyptens Stellung nicht (von 1930—1935 war
sie durch die von England unterstützte Diktatur
König Fnads I. abgelöst worden).
,,Nom größten Einfluß auf die anglo-ägyp-
tischen Beziehungen war die Ermordung des
britischen General-Gouverneurs im Sudan
und Oberbefehlshabers der ägyptischen Armee
(1924). England trennte nunmehr den Sudan
von Aegypten, erzwang die Zurückziehung der
aegyptischen Truppen und verbot die Besied
lung des Sudans durch Aegypter.
Die Ziele des Wafd blieben die gleichen.
Seit 1920 bis heute sind insgesamt 0 Versuche
unternommen worden, die anglo-ägyptischen
Beziehungen entsprechend den Grundsätzen
der Wafö-Partei vertraglich zu regeln. 5 Ver
suche sind gescheitert. Die letzten Vertragsver-
handlungen sind noch nicht zum Abschluß ge
kommen. Von besonderer Bedeutung waren
die an der Sudan-Frage gescheiterten Ver
handlungen des Jahres 1930 zwischen Henöer-
son-Nahas Pascha. England war damals
ģEundsätzlich bereit, die Besatzungsarmee nach
Möglichkeit zurückzuziehen, lehnte aber im
übrigen jedes Nachgeben in der Sudan-Frage
ab, während durch den Wandel der politischen
Verhältnisse infolge der italienischen Ostafrika-
Politik England heute eher geneigt ist, in der
Sudan-Frage nachzugeben, aus militärischen
Gründen aber jede Verminderung der Be
satzungs-Armee ablehnen mutz.
Die ägyptische Krise hat damit ihren Höhe
punkt erreicht, zumal da seit Herbst 1935 sich
alle Parteien einschl. des Wafd zur „nationa
len Front" zusammengeschlossen haben. 2 For
derungen werden erhoben:
1. die Wiedereinführung der demokratischen
Verfassung,
2. völlige Freiheit von England.
Das erste Ziel ist inzwischen erreicht und der
Führer des Wafd Nahas Pascha zum ägyp
tischen Ministerpräsidenten ernannt worden.
Um die zweite Forderung geht jetzt der
Kampf. Das Problem erscheint unlösbar.
Denn die Sicherung der britischen Reichsinter
essen durch den ägyptischen Brückenkopf sind
mit Aegyptens völliger Freiheit — wie an
fangs ausgeführt — unvereinbar.
England muß irgendwie die Vorherrschaft
in Aegypten behalten — sonst würde morgen
eure andere Macht das Erbe antreten. Denn
die Herrschaft einer auswärtigen Macht über
Aegypten ist infolge seiner geopolitischen Lage
auf die Dauer unvermeidbar. Die Vergangen
heit beweist das hinreichend. Frankreich hatte
dieses Ziel dreimal zu erreichen versucht —
Ludwig IX., Napoleon 1 und durch den Bau
des Suez-Kanals — Ferdinand de Lesseps. Im
Weltkriege wurde der Suez-Kanal und damit
Aegypten durch den deutsch-türkischen Vorstoß
bedroht, der erst am Suez-Kanal selbst auf
gefangen werden konnte. In der Gegenwart
ist England in Italien der entscheidende Ge
genspieler entstanden.
Vom britischen Standpunkte aus sind 3 Wege
zur Lösung der ägyptischen Frage theoretisch
denkbar:
1. die Umwandlung zum britischen Domi
nion und dadurch Einräumung weitge
hendster Selbstverwaltung. — Eine solche
Lösung ist praktisch undurchführbar. Sie
würde allein schon am religiösen Gegen-
" — Islam — und weiter auch daran
scheitern, daß dadurch gerade das Gegen
teil von dem eintreten würde, was der
Wafd bisher und auch heute erstrebt,
2. die Zerspaltung Aegyptens in eine Viel
zahl selbständiger Staatengebilde, die sich
gegenseitig binden und dadurch England
die Vorherrschaft ermöglichen (Indien).
— Diese Lösung scheitert wiederum an der
einheitlichen religiösen Grundlage,
3. die sog. „Irak-Lösung", ö. h. eine weit
gehende Selbständigkeit unter militäri
scher Kontrolle.
Die politische Entwicklung zeigt, daß Eng
land diesen letzteren Weg beschreiten will —
b. h. Nachgeben in der Sudanfrage und in der
allgemeinen Verwaltung, aber Aufrechterhal
tung und Verstärkung der englischen Besat
zungstruppen. Die strategischen Vorbereitun
gen Englands gegenüber Libyen und im Su
dan sind jedenfalls dafür ein untrügliches
Kennzeichen.
Auch der Wafd muß zu einem Nachgeben ge
genüber England bereit sein. Denn es ist un
möglich, sich dem englischen Einfluß völlig zu
entziehen. Durch den Sudan beherrscht Eng
land den Nil und damit die ägyptische Wirt
schaft (% der ägyptischen Bevölkerung sind in
ihrer Existenz von den Fluten des Nils ab
hängig). Allein schon dadurch könnte England
Aegypten im Ernstfälle auf die Knie zwingen.
Außerdem kann sich Aegypten auf die Dauer
dem italienischen Druck nicht entziehen (Tana-
See), hat also insoweit gemeinsame Interessen
mit England. Bezeichnend fiir die ägyptische
Einstellung gegenüber Italien ist die Ableh
nung des von Italien angebotenen Nichtan
griffspaktes.
Aegypten ist für England unentbehrlich —
gerade heute und mehr denn je. Die italieni
sche Expansion in Ostafrika zwingt England
zur größtmöglichsten Sicherung dieses Eck
pfeilers, seiner Achillesferse. Dort ist es töd
lich verwundbar.
Aegypten im englischen Imperium, ein kur
zer Satz und welch' gewaltiger Inhalt.
Für die germanische Grundlage der Vorgeschichte
Die Tagung des Reichsbundes für Deutsche Vorgeschichte in Braunschweig
Die Tagung der Nord- und Westdeutschen
Arbeitsgemeinschaft im Reichsbunde für Deut
sche Vorgeschichte in Braunschweig hat mit der
Besichtigung der Großsteingräber in der Nähe
der alten Universitätsstadt Helmstedt, der so
genannten Lübbensteine, ihren Abschluß ge
funden. Gegenstand der Sitzungen in der
überfüllten Aula der Technischen Hochschule
zu Braunschweig waren die fachliche Bericht
erstattung über öen neuesten Stand der vor
geschichtlichen Forschung im Norden und We
sten des Reiches und die Auswertung ihrer
Ergebnisse für die weltanschauliche Erziehung.
Im Mittelpunkt der Tagung, auf der u. a.
die Vorgeschichtsforscher Matthes-Hamburg
und Stampfuß-Dortmund zusammenfassende
Fachberichte gaben, stand die Ansprache von
Ministerpräsident Klagges, der sich die grund
sätzlichen Ausführungen von Prof. Hans
Reinerth-Berlin anschlossen.
Beide Reden enthielten eine scharfe Abrech
nung der Forschungsrichtnng des Romanis
mus, der alle Kulturwerte aus dem Vorbild
vorderasiatischer und antiker Kulturen erklä
ren zu müssen glaube. Die Bekämpfung
dieser Geschichtsbetrachtung und die Erschlie
ßung aller bisher noch ungenügend erforsch
ten germanischen Grundlagen unserer Volks
geschichte bezeichnete Ministerpräsident Klagges
als eine der Hauptaufgaben der Vorgeschichts
forschung im Dritten Reich.
Der Leiter des Reichsbundes für Deutsche
Vorgeschichte, Prof. Reinerth, gab alsdann
wertvolle Anregungen für die praktische Ar
beit. Die Schulungstätigkeit müsse in der Zu
sammenarbeit mit dem Reichsbunde die ger-
manisch-deutsche Geschichtsentwicklnng klar
herausstellen. Im Volke sei z. B. die Tatsache,
daß die Rheinland«: schon acht Jahrhunderte
vor dem Erscheinen der Römer von Germanen
besiedelt worden seien, keineswegs genügend
bekannt. Die Heimatforschung, insbesondere
die Ausgestaltung der Heimatmuseen sei im
Zuge all dieser Erkenntnisse neu zu ordnen.
Im Reichsinstitut für Deutsche Vorgeschichte,
das im Sinne der Richtlinien der NSDAP,
zu gründen sei, müsse die Zentrale der Gra-
bungsplanung und organisatorischen Maßnah
men liegen.
Neue Forschungsergebnisse, insbesondere
reichhaltiges Fundmaterial, boten die Referate
von Prof. Schulz, Halle, über das Reich der
Thüringer, Dr. Wegewitz, Harburg, über
Langobardische Urnenfriedhöfe und Dr.
Stampfnß, Dortmund, der die erste germani
sche Besiedlung der Rheinlande, acht Jahr
hunderte vor der Zeitrechnung, an Hand neuen
Fundmaterials bewies. Prof. Andree, Mün
ster, gab in Braunschweig die ersten Berichte
über die neuen Grabungsergebnisse an öen
Externsteinen, die im letzten Jahre gewonnen
wurden.
* * *
Zeindliche Kundgebung gegen einen
poflminisļer.
DNB. Paris, 6. Juni. (Eig. Funkmeldg.)
Bei der Amtsübcrgabe im Postministerium
kam es zu feindseligen Kundgebungen der
Postbeamten gegen den ausscheidenden Post-
miniiter Mandel. Weibliche Postangestcllte
machten sich besonders bemerkbar und riefen
Mandel, als er das Postministerium verließ,
im Korridor nach: „Schlagt ihn tot! Raus mit
chm! Wir sind froh, Dich los zu werden!" Als
Mandel im Wagen saß, stimmten die vor dem
Ministerium versammelten Postbeamten und
Briefträger die Internationale an.
Dîe Kriegserklärung im fernen Osten
Südchina erklärt Japan den Krieg
Der politische Rat der chinesischen Südwest
Provinzen hat beschlossen, Japan den Krieg
zu erklären. Die „antijapanische Rettungs-
armee" der Provinzen Kwangsi und Kwan-
tung machen mobil, um den Marsch nach
Norden anzutreten und die „verlorenen Ge
biete" wiederzugewinnen.
Die letzten Nachrichten aus Kanton be
stätigen die Bewegung größerer südchinesischer
Truppenkontingente in nördlicher Richtung.
Die Militärbevollmächtigten der südchinesi-
schen Provinzen haben von sich aus die Mo
bilisierung angeordnet. Eine formelle Kriegs
erklärung der Kantoner Regierung an Japan
ist bisher nicht ergangen.
Schaughai, 5. Juni. Die japanischen Behör
den in Kanton haben Vorsorge für die Räu
mung der Stadt durch die japanischen Staats
angehörigen getroffen. Man erwartet de«
Ausbruch offener Feindseligkeiten.
Nach in Tokio eingetroffenen Nachrichten
aus Nanking wird dort kategorisch das Ge
rücht dementiert, daß die Nanking-Regierung
Truppen gegen Kanton mobilisiert habe. Man
betont, daß man nichts gegen den autijapa-
nischen Feldzug von Kanton unternehmen
wird.
Diese Erklärung wird hier mit großer Be-
fremdung aufgenommen. Man befürchtet, daß
Nanking gegebenenfalls dem antijapanischen
Feldzug Kantons Unterstützung gewährt.
Nach den letzten Telegrammen sind Vor
truppen der Kwantung- und Kwangsi-Ar-
meen bereits in die Hunan-Provinz einge
drungen nud setzen ihren Vormarsch auf
Heugyang und Changsha, der Hauptstadt der
Provinz Hunan, fort.