Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

$uv tintevh altuna 
*29. Jahrgang 7 Nr. 82 
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) 
Montag, den 6. April 1936 
Kleine Eindrücke ssn der grotzen Fahrt. 
Von unserem an der Madeira-Fahrt teilnehmenden Sonderberichterstatter Robert Kroetz. 
Die zweite Arbeiter-Atlantik-Fahrt — von 
vielen hundert Herzen heiß ersehnt und von 
last ebenso vielen ungläubigen Gemütern skep- 
chch erwartet — ist zu Ende. Dinge, die von 
zu Tag zu sagen waren, wurden schon von 
"er Oeffentlichkeit gehört. Hinter diesen Ta- 
öesereignissen lebt die weite, reiche Welt einer 
öwßen, zauberhaften Fahrt. 
Hamburg ist ein versiegeltes Buch geblieben. 
^>lr kamen von überall her und wußten nicht 
v'el von der Waterkant. Und in flinken Wa 
ste« fuhren wir vorüber, hinaus zur Uebersee- 
vrücke und zum Fruchtmarkt. Ein Aufbruch der 
Ereuöe trug uns hinaus. 
Diese Dinge liegen nun unendlich weit zu- 
uck. Eine Welt hat sich eingeschoben zwischen 
ven festlichen Start und die reichbeladene 
Heimkehr. 
Eines ist nah und lebendig geblieben: die 
-Begegnung mit dem Kleinen Kreuzer „K ö l n" 
Abend der Ausfahrt. Wir zogen als Frie- 
^ņsfahrer hinaus in die unruhige Welt, 
und bei uns trugen wir dieses kleine Abbild 
deutscher Wehr und Zuversicht, die weiße Li- 
(£: 
ņìe grüßender Seeleute, den Donner des Sa 
luts, die guten Wünsche der einigen, deutschen 
Heimat. 
Stunden später blitzte über das schwarze 
Nasser das Blinklicht von Helgoland. Das 
war der letzte Gruß, dann stampften und roll 
en uns Schiffsmotoren zum ersten Male das 
Nachtlied ... 
Strahlend zieht der erste Tag auf hoher See 
gwf; er schenkt uns das Schiff und den 
Schlüssel zu den Freuden dieser 14 Tage. Wo 
Und Me tausend Gäste der „St. Louis" geblie- 
en? Sie stehen auf dem Vorschiff und sehen in 
en Wind und das Wasser, sie schreiben die 
Ersten Karten in den Salons, sie spielen ans 
vem Sportöeck und füttern die Möwen, die 
kreischend das Achterdeck umkreisen. 
Im Osten liegt die K ü st e Hollands wie 
ein grauer Strich. Ueber uns, vor uns steht die 
«onne. Ihr Licht spielt mit den windbeweg 
en kleinen Wellen, glänzt in den blitzsaube 
ren weißen und metallenen Geräten und Wän- 
vsn der Decks, lacht in den Augen der Arbeiter, 
vie langsam hinüberfinden in eine neue 
Gegenwart. Sie will ihnen 14 Tage lang Er 
holung und Freude sein. 
In den Mittagsstunden vor und nach den 
Mahlzeiten ordnen sich die Liegestühle zu svn- 
uentrunkcnen Reihen. Der hohe Nachmittag 
strhört dem Sport, und die Abendstunden blei- 
ven der Kultur und der Besinnung. 
Dieser äußere Gang der Tage, leicht und 
schwerer gestört von den Launen des Wetters, 
bei allen Fahrten erholungsnchender 
Menschen ein ähnlicher sein. Den Rhythmus 
^stimmen Magen und Sonne, Tag und Nacht. 
Inhalt sind Spiel, Sport, Tanz, Freude. Zweck 
Erholung. 
„ Es war imKanal. Links und rechts rückte 
3**d in die Nähe. Ueber dem Schiff lag noch 
Staunen eines überwältigenden Beginns. 
^ stieß ich oben auf einem Bootsdeck beim 
ölten Morgengrauen auf zwei Arbeitsmün- 
e vr, die fachmännisch und ernst Seefahrts- 
v l e b n i s s e austauschten. Einer war <See = 
j” ö tt n, der andere Schmied aus dem Koh- 
^Npott. Sie erzählten vom Mittelmeer, von 
g, n Olivenbäumen Siziliens, von See und 
^îhrm und Wundern der Welt. Der eine war 
Heinrich Lersch . .. 
Dieser Unterhaltung hatte ich nichts hinzu- 
jM*kston. Doch als es sich zu sagen ergab, daß 
3 ?krs dem Ruhrgebiet sei, da nahm Heinrich 
mich mit. 
Wir haben uns viel erzählt, und während 
^ vußen die Sonne langsam höher kroch und 
öen ^vcks und Säle laut und lebendig wur- 
,3>. erstand mir in der engen Kabine zwischen 
ffri Ņetten und einem einzigen Stuhl die Ge- 
fiiv* vines Menschen, der sein Leben lang 
j, 1 von Sozialismus gekämpft hat. Ich habe 
ftet Erlebnisse harter Tage gehört. In ihrer 
lei3 Kette leuchteten hier und da die Perlen 
^venschaftlicher Lieder und Gedichte aus den 
èi/ŗķstätten und Eisenhütten Westfalens auf 
^hellen Planken eines sonnigen Heute. 
Laufe der Fahrt habe ich noch einmal 
tzv*egenheit gehabt, Heinrich Lersch zu erleben, 
ş^ war das bei den Kindern der deut- 
rlstou Schule in Lissabon. Davon will 
st^vmrich Lersch war auf dieser Reise der gei- 
Al'e Verbindungsmann zwischen den deutschen 
G öschen aller Berufe und Schichten. In der 
t^.şklt des Arbeiterdichters vereinigte sich das 
grelle Programm der ganzen Fahrt. 
Dichter und Künstler sollten kulturfreudige 
°etter hinführen zu den Werten einer Welt, 
*uit Aktienpapieren, Löhnen und dinglichen 
Lebensansprüchen nichts zu tun hat: Hin zu 
den geistigen Genüssen der Musik und des 
wohlgesetzten Wortes. 
Am Abend des ersten Tages tat der Humor 
seine Pflicht. Hugo Fischer-Koeppe — Film- 
freunden ein Begriff — eroberte in einer 
Stunde die Herzen. Diese Abendveranstaltun 
gen wurden als Lese- und Vortragsreihe stän 
dige Einrichtung der Fahrt. 
Noch vor Lissabon las Jakob Schaffner. Alle 
diese Menschen der Arbeit hatten Gelegenheit, 
den ersten, feinen Schweizer Dichter kennen 
zulernen, dessen ganzes Werk als klarer, ge 
messener Stein eingelassen ist in das Mosaik 
der germanisch-deutschen Kultur. 
Und die Tage gingen. Die graue See wurde 
tiefblau und leuchtend. Die Ruhe und der 
kleine Gang der Wellen schlugen um in 
Sturm. Unser braves Schiff stampfte vorwärts 
im Takte der Motoren. Freundschaften ent 
standen. In stillen und lauten Zirkeln wurde 
abends das Erleben des Tages diskutiert und 
besprochen. In den Abendstunden standen die 
Ruhigen da und dort an der Reeling. Sie sahen 
hin über die weißen Wogenkämme und suchten 
Deutschland. 
In den Morgenstunden des 6. Tages lag die 
„St. Louis" weit draußen in der Bucht'von 
Lissabon vor Anker. Um 5 Uhr kletterten die 
ersten auf die Decks und suchten die Sonne. 
Drüben lag irgendeine Küste. Häuserkleckse 
klebten an den Höhen. An der Steilküste stie 
gen weiße Vrandungsstöße in ruhigem Rhyth 
mus empor. Der graue, schwere Himmel 
dämpfte die Farben. Und auch die scharfen 
Gläser, die das Land absuchten, konnten nicht 
viel finden. Die Sonne half uns nicht. 
Gegen 6 Uhr kam der Lotse an Bord. Dort 
drüben, da war eine Vorstadt von Lissabon. 
Die Stadt und der Hafen lagen hinter einer 
steinigen Landzunge, die wir um 7 Uhr umfah 
ren hatten. Vor uns lag das erste Ziel. 
Minutenlang durchbrach die Sonne das 
schwere Gewölk und zauberte das Bild hervor, 
von dem wir geträumt und geredet hatten. 
Farben, Linien, weiße Würfel, leuchtende 
Flecke und noch einmal Farben: das war die 
erste Flut der Eindrücke. Dann erlosch die 
Oonne wieder. 
Wir fuhren mit kleiner Fahrt den Tejo hin 
auf und trugen dieses Bild mit uns. Nach sei 
ner großen Konzeption sind wir Stunden spä 
ter eingedrungen in das neue Land. 
Jeder hat seine besondere Liebe 
entdeckt. Der eine blieb verzaubert sitzen in 
einem südlichen Case. Der andere suchte herum 
in der alten schmutzigen Oberstadt. Baudenk 
mäler fanden Freunde und Bewunderer. An- 
denkensammler belagerten alte staubige Lüden. 
Mir blieb am ersten Tage keine Zeit. Am Vor 
mittag war die deutsche Gesandtschaft an Bord, 
am Nachmittag rief die Arbeit. Blieb noch der 
zweite Tag. Auf meine Art habe ich ihn be 
nutzt. 
Zu zehnt trafen wir uns am Sonnabendvor 
mittag in der Deutschen Schule in Lissabon. 
Ihre langgestreckten einstöckigen Häuser liegen 
frei ans der Höhe über der Stadt. Kaum daß 
ein ordentlicher Weg sie mit der City verbin 
det. Was hätte diese Schule auch zu schaffen mit 
dem südlichen Hafen, mit dem Lärm und dem 
Pathos seiner sonnentollen Landschaft? 
Sie hütet deutsches Gut. Sie ist die feinfüh 
lige Akklimatisation, die täglich die jungen 
deutschen Herzen sorgsam hinüberführt aus 
der kühlen, tiefen, besonnenen Ruhe in den 
schnelleren Rhythmus einer anderen Welt. 
Auch junge Portugiesen besuchen die deutsche 
Schule. Wir haben in drei langen Stunden er 
lebt, daß sie sich wohl und glücklich fühlen. 
Dieser Morgen war einer der Höhepunkte 
der ganzen Fahrt: Heinrich Lersch erzählte den 
Kindern, mit warmen, unendlich einfachen 
Worten beschrieb er Bilder aus seiner Jugend. 
* 
Mit einem Lehrer der deutschen Schule ha 
ben wir dann in wenigen Stunden nachzuholen 
versucht, was die anderen schon hinter sich hat 
ten. In angsterregenöem südlichem Tempo 
durcheilte unser kleines Taxameter das Stra 
ßengewirr. Wir fuhren hinaus nach Belem. - 
Ein riesiger Dom, — wuchtig schwer und selbst 
verständlich — steht hier die große Geschichte 
Portugals. 
Belem — Kloster und Kircheist eines der 
zwei Denkmäler manuelischen Schaffens. Mit 
telmeerische Klarheit, gotische Ausdruckskraft 
und maureske Farbigkeit haben beinahe in 
Eintracht ein Werk gestaltet, das deutschen 
Augen und Gemütern tausend Rätsel auf ein 
mal aufgibt? Wir haben einen verständigen 
Führer gehabt, lind allmählich ordneten kon 
träre und gleichklingende Stilelemente das 
imposante Bild zu einer begreifbaren Schau. 
Dann erst sind wir zurückgekehrt in die Grä 
bernischen der großen Portugiesen. Wir dürfen 
glauben, sie verstanden zu haben. 
* 
Uns allen war ein froher Abschied von Lissa 
bon beschert. Kurz nach uns hatten „Der Deut 
sche" und die „Sierra Cordoba" am Kai von 
Alkantrara festgemacht, und erlebten 3000 Ar 
beiter und viele Ausländsdeutsche und portu 
giesische Gäste ein gelungenes deut 
sches Bordfest. 
Gegen 4 Uhr in der Frühe lavierte der Lotse 
unser Schiff den Tejo hinunter durch die Un 
tiefen der Bucht ins freie Meer. Ein Sturm 
hatte sich ausgetan und scheuchte die letzten 
Träumer und Bummler aus den stillen Win 
keln des Rauchsalons und vom Heck des Schif 
fes. An den Kopfenden der Kojen waren Pa 
piertüten zu unzweideutigen Zwecken festge 
macht. Die Mäntel und Kleider vollführten 
Geistertänze an den Wänden. Die Koffer 
rutschten wie wild durch die Kabinen und das 
Schiff begann in allen Fugen zu ächzen und zu 
stöhnen. Grobe See. 
So ging es zwei Nächte lang und einen vol- 
Käpten GrotķŞs Landaventener / 
Von Georg B ü s i n g. 
Käpten Grotjahn nahm einen tiefen Schluck 
und paffte ein paar kräftige Wolken aus der 
Pfeife. Wir verhielten uns still, denn nach die 
ser Einleitung war mit Sicherheit eine seiner 
aufregenden Geschichten zu erwarten. 
fchä", begann er dann auch nach einem zwei 
ten, tiefen Blick in das Grogglas. „Was soll 
ich euch sagen, Kinners, die „Maria Luise" war 
a schon immer ein alter Seelenverkäufer und 
äuge au der Reihe, mal aufzulaufen. Segeln 
wir da in der Gegend von Neu-Guinea rum 
und haben den Kasten voll Perlen, Spiegeln 
und all so'n Zeugs, wofür die Schwarzen alles 
rausrücken, was man haben will. Das ist 'n 
einer Tag, klare Sicht bis zum Südpol und 
bannig heiß. Mein Steuermann, der olle Kir 
sten, ihr kennt ihn ja, war eingeduselt, und da 
hatten wir dann die Bescherung. 
Ich hatte mich auch gerade 'n büschen in die 
Koje gehaut, da kreischt der olle Seelenverkäu 
fer auf, als wenn er 'n Ladung 42er lüngsseit 
gekriegt hat. Tschä, ich natürlich Volldampf 
voraus auf die Brücke, in der Eile schmeiße ich 
noch den Buddel um und der ganze, schöne Rum 
mang die Schiffspapiere, was weiter nix an 
sich gehabt hätte, wenn in den Buddel kein 
Rum gewesen wäre. Ich schreie also erst mal 
auf der Brücke nach neuer Flüssigkeit und sehe 
denn auch, daß wir böse Schlagseite habe». Der 
olle Kirsten ist von dem Krach auch aufgewacht 
und macht sein dösigstes Gesicht von der Welt. 
Nu, zum Glück war Ebbe und wir hatten 
Hoffnung, bei der Tide den Kasten wieder flott 
zu kriegen. Ich beruhige mich denn auch, weil 
das Schimpfen bei dem ollen Kirsten doch kei 
nen Zweck hat, und weil der Kasten ja auch gut 
versichert war. Wir liegen dicht an der Küsie, 
und ich lasse ein Boot flottmachen, um mich 
mal so'n büschen an Land umzugucken. Der 
olle Döskopp von Kirsten quasselt was von 
Menschenfressern und Tigern, ich lache ihn 
kräftig aus, bewaffne mich aber vorsichtshalber 
mit einem Schießprügel und einer guten 
Flasche, wißt ihr, die Marke zu 4,80 vom Frei 
lager, die ja in allen Lebenslagen richtig ist. 
Tschä, da war ich denn und lauf so'n büschen 
in der üppigen Vegetation rum. Die Leute sind 
beim Boot geblieben, kein Mensch läßt sich 
sehen, auch kein Menschenfresser und kein Ti 
ger. Als ich denn so'n gute halbe Stunde ge 
laufen bin, was für einen Seemann bannig 
viel ist, da wird mir, wißt ihr, die Kehle bannig 
trocken. Ich setze mich also gemütlich in den 
Schatten einer Kokospalme und greife nach 
dem Buddel. Der ist lose, ich ziehe ihn runter, 
setze an und tue erst mal einen kräftigen 
Schluck. Und da, Kinners, merke ich etwas, was 
einen furchtbaren Schreck durch meinen Kör 
per jagt . . ." 
„Ein Menschenfresser, Käpten?" schreit Fietje 
Ahlers auf, der immer ein vorlautes Mund 
werk hatte, was aber in diesem Augenblick zu 
entschuldigen war, weil alle Gäste des „Schwar 
zen Haifisches", die sich um unseren Tisch ge 
drängt hatten, genau so gespannt waren, wie 
er. Der einzige, der seelenruhig dasaß, war 
Grotjahn. Er nahm einen tiefen Schluck, wisch 
te sich mit der breiten Pranke bedächtig über die 
Mnndpartie und antwortete dann grinsend: 
„Nä, mein Jung, ein Menschenfresser war 
das nich. Nä, das war viel was Schlimmeres. 
Was soll ich euch sagen, ich merkte nämlich, daß 
dieser Döskopp von Koch mir in der Eile 'n 
Buddel voll Hnubeerjajt mitgegeben hatte." 
ş len Tag. Hinter den gischtigen Wellenbergen 
verschwand jede Erinnerung. In den festge 
machten Liegestühlen lagen die Mutigsten 
bleich und apathisch. Wenn die Kraft dazu 
reichte, dann erinnerte man sich an das Sprich 
wort von den Palmen, unter denen nicht un 
gestraft zu wandeln sei. Den einen und den 
anderen scheint das versöhnt zu haben. 
Am Ende dieser stürmischen Stunden aber 
lag Madeira. 
Bunte Welt 
Downing Street Nr. 10. 
In London steht ein Haus, unansehnlich fast, 
jedenfalls unbequem und doch das Ziel vieler 
Wünsche und Besuche. „Number 10", sagen die 
Engländer und meinen damit das Haus Dow 
ning Street Nr. 10. In politisch so bewegten 
Zeiten wie den gegenwärtigen findet manche 
Persönlichkeit von Rang den Weg in die kleine, 
nur 100 Meter lange und 20 Meter breite 
Sackgasse, die von White Hall, der breiten Ver 
kehrsstraße mit den Ministerien, abzweigt, und 
deren Namen die ganze Welt mit jenem ehr 
fürchtigen Erschauern nennt, das dem Mittel 
punkt eines Weltreiches zukommt. Vom Gou 
verneur der Bank von England bis zum Füh 
rer der^ Opposition durchschreiten sie alle Dow 
ning Street,' nur der König kann Downing 
Street zu sich kommen lassen. In Number 10 
wohnt der Premier, im Hause nebenan, in 
Nummer 11, der Schatzkanzler. Welche Erin 
nerungen haften an dieser Fassade, Erinne 
rungen aus drei Jahrhunderten, Reminiszen 
zen an die erlauchtesten Namen der englischen 
Geschichte. Und doch, wie langweilig und sauer 
töpfisch sieht dieses Haus mit seinen zwei Por 
talen und den Tüllvorhängen aus, welche die 
Fenster vom Erdgeschoß bis zum Speicher ver 
hüllen. Freundlicher erscheint die Rückfront, 
wo die mit Efeu bewachsenen Mauern einen 
reizvollen Garten umschließen. Das Gebäude 
geht auf Sir George Downing zurück, der Ge 
sandter der Niederlande war und dann Fi 
nanzminister wurde, und dem Cromwell das 
Terrain schenkte, das heute als Downing 
Street bekannt ist. Downing lebt in keiner gu 
ten Erinnerung. „Verräter, Geizhals, knechts 
selig" nennt ihn Pepys in seinem berühmten 
Tagebuch. Als Wohnung des Premierministers 
wurde das Haus Nr. 10 von Georg n. be 
stimmt, der es Sir Robert Walpole überließ. 
Seitdem sind dort vierzig leitende Staats 
männer einander gefolgt. Nr. 10 wird von der 
anderen Seite der Straße her durch die ge 
waltige Masse der Foreign Office erniedrigt, 
hinten von der Kaserne der Garde gestützt und 
links vom Schatzamt und White Hall flankiert. 
Welche Mieter haben hier gewohnt! — Ange 
fangen beim alten Pitt, der ein noch größerer 
chauspieler als Lord Beaconsfield war, und 
der sich stets in einem Helldunkel a la Rem 
brandt zeigte — bis zu Asquith, der Tränen 
vergoß, als der Krieg unvermeidlich geworden 
war. 
Ein Tunnel zwischen Alaska und Sibirien. 
In amerikanischen Bankkreisen plant man 
ein gewaltiges Verkehrsprojekt. Es handelt 
sich dabei um die Schaffung einer großen Ver 
kehrsstraße, die in einem 78 Kilometer langen 
unnel enden soll, der unter der Bering- 
traße hindurch gebaut werden und Alaska 
mit Sibirien verbinden soll. Der gewaltige 
Plan soll nach Fertigstellung einen Verbin 
dungsweg von Südamerika über Mexiko, die 
Vereinigten Staaten, Kanada und Alaska 
unter der Bering-Straße hindurch nach Ruß 
land schaffen. Eine Verkehrsstraße Kalifor 
nien-Mexiko wird, unabhängig von diesem 
neuen Projekt, bereits ernsthaft erwogen und 
würde, bei Ausführung des großen Verkehrs 
planes, mit diesem in Verbindung gebracht 
werden. Näheres über den gigantischen Plan 
ist noch nicht gesagt worden,' denn, wie der 
amerikanische Minister für öffentliche Arbei 
ten, dem die Pläne vorgelegt worden sind, 
'elbst äußerte, gilt es, vorher noch viele Hin 
dernisse zu überwinden, ehe man an die Aus- 
'ührung gehen kann. Der amerikanische Plan, 
)er sehr gut von einem Jules Verne hätte 
stammen können, ist nicht ganz so phantastisch, 
wie es im ersten Augenblick erscheint. Die 
Bering-See ist sehr seicht, und ihre größte 
Tiefe beträgt noch nicht 90 Meter. 
Heitere ELe 
Erdkunde. 
„Mutti, wie kommt es eigentlich, auf der 
Hinreise war das Meer rechts und auf der 
Rückreise links?" 
„Dummerchen, die Erde dreht sich doch." 
* 
Verständlicher Trennungsgrund. 
„Weshalb gehst du denn nicht mehr mit dem 
Trompeter von der Artillerie?" 
»Ach, er schmeckt immer jo jehr nach Mejjitrg."
	        
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