Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

ttaļļ^ ZNoorgebietes !>er Versammlung 
Heimatabend. 
Ş Ņņ volles Haus fand auch der vom „Heimat- 
^ No Angeln" im gleichen Lokal veranstaltete 
Heimatabend, der in seinem ersten Teil zwar 
was lang geriet- sonst aber in seiner Drei- 
euung Angeln — Schleswig-Holstein — 
^Ut,chland stilecht, sinnig und gehaltvoll 
s, str - Nach herzlichen Begrüßungsworten 
nrch den Bundesleiter Bauer Johanns An- 
, ">en-Kiesby und Liedervorträgen des Ge- 
ngvereins „Eintracht" wurde eine gcmütli- 
î Altangler Spinnstube mit behäbigem Hu- 
ìinl jugendlicher Fröhlichkeit dargestellt, 
. "E Pauk Selk-Sörup sprach über „Alte Feste 
. »» Feiern in Angeln", wobei er zwischen Le 
nzesten, Jahresfesten und Arbeitsfesten 
"verschied und aus jeder Gruppe einige her- 
^hob und schilderte so von den Arbeitsfesten 
Fockbier, das alte angler Erntefest. Eine 
k^tragsfolge „Schleswig-Holstein meerum- 
Ņmngen" wurde mit frischer Natürlichkeit 
verliebst vom BdM. Mohrkirch geboten, und 
"unengebräunte Männer vom Neichsarbeits- 
'enst 5/75 Süderbrarup gestalteten durch 
^"rt und Lied ein warmes, wuchtiges Be- 
enntnis zum großen deutschen Vaterlanöe. 
^ waren nach Form und Inhalt gleich ge- 
iültvolle und ausgeglichene Gaben, und die 
^lichte, feste, hingebungsvolle, den Geist der 
eilen Zeit atmende Art der beiden Jugend- 
Ņuppen machte einen tiefen Eindruck. Nach 
Mem Dankeswort an die Mitwirkenden und 
die gastfreie Süderbrarupcr Bevölkerung, 
der Vorsitzende der „Heimat" sprach, 
^snnte man sich um Mitternacht mit einem 
"Äiegheil" auf den Führer, 
aeldgottesdienst am Thorsberger Moor. 
Sonntag früh sammelte sich eine zahlreiche 
Gemeinde zu einem Feldgottesdienst an der 
'"en Kultstätte des Thorsberger Moores. 
Prediger, Pastor Jürgensen-Boren, ver- 
> and es vortrefflich, Zusammenhänge aufzu- 
Ģ"rsen zwischen der grauen Vorzeit und der 
sstkgenwart. Er verlas Schriftabschnitte aus 
"r Apostelgeschichte mit der Rede des Paulus 
u der Thingstätte in Athen und aus dem 
Z"ch der Könige, da erzählt wird, wie Gott 
zürnenden und zagenden Elias nicht im 
^turm, Erdbeben und Feuer, sondern im 
Obsten Säuseln des Windes sich offenbart. Der 
,stdner verglich damit die Gottesverehrung, 
sie im Thorsberger Heiligtum geübt 
ĢUrde, und schlug von da eine Brücke zur 
Gegenwart, wo wir uns an dieser Stelle vor 
lebendigen Gott beugen in der Gewißheit, 
er größer ist als Natur und Natur- 
vewalten. Wer Gott sucht, nicht in sich selbst, 
"ex im Geist und in der Wahrheit, dem wird 
. r sich als der Heilige und Allmächtige osten 
den, und den wird er frei und stark machen, 
^esc warmherzigen Ausführungen an heili- 
Stätte im Rahmen eines wunderbaren 
^ndschaftsbildes gestalteten die schöne Mor- 
^nstunde zu einem feinen Erlebnis. 
^Anschließend gab Dr. Jankuhn an der 
^teinsäule des nahen Hünengrabes einige 
Deutungen, und von da wurden Wanderun 
gen nach dem Wallberg und nach der idyllischen 
Rurupmühle unternommen, wobei Dr. 
Emeis-Flensburg, Möller-Schwensby und 
Röschmann-Flensburg als sachverständige 
Führer manches zur Erläuterung zu sagen 
wußten. 
Nach einem schmackhaften Mittagessen im 
Bahnhofshotel wurde nachmittags eine Fahrt 
durch Angeln unternommen, auf der man 
gleicherweise an der Schönheit der Landschaft 
wie an der Sauberkeit und Gepflegtheit der 
Häuser und Gärten seine Freude haben 
konnte. Am Montag ist eine Schleifahrt von 
Linöaunis nach Schleswig unter Leitung von 
Christian Kock, früher in Bohnert. 
Der nächstjährige Tagungsort steht noch 
nicht fest. Vielleicht genügt dieser Hinweis, 
daß ein Ort in Holstein sich entschließt, die 
„Heimat" als Gast in seine Mauern zu laden. 
Jacob Kiekut. 
Aus HoedfcUtland 
Mit der Kleinbahn zusammengestoßen, 
kr. Niebüll, 8. Juni. Am Freitagnachmittag 
ereignete sich bei Dagebüll-Kirche beim Bahn 
übergang ein Autozusammenstoß mit der 
Kleinbahn. Ein Niebüller Geschäftsmann und 
sein Abgestellter wollten kurz nach 18 Uhr den 
Bahnübergang bei Dagebüll-Kirche passieren 
und standen mit den Vorderrädern des Autos 
bereits auf den Schienen, als der von Niebüll 
kommende Schnellzug kam. Der Geschäfts 
mann versuchte angesichts der Gefahr vergeb 
lich den Wagen zu stoppen, auch der Zug 
bremste, doch konnte ein Zusammenstoß nicht 
mehr vermieden werden. Das Auto wurde er 
faßt und herumgeschlendert, so daß der hintere 
Teil gegen den Zug gedrückt und vollständig 
zertrümmert wurde. Die beiden Insassen 
blieben wie durch ein Wunder unverletzt, bis 
auf einige Abschürfungen des Angestellten. 
Der Zug hat vorschriftsmäßig sein Kommen 
durch Glockenzeichen angezeigt. 
sz. Brebstedt, 5. Juni. Freitod auf den 
Schienen. Ein hiesiger Einwohner hatte sich 
am heutigen Freitag vor dem Sondergericht in 
Heide in Holstein wegen einer Strafsache zu 
verantworten. Er bestieg den 14-Uyr-Mittags- 
zng in Bredstedt und fuhr bis kurz vor Heide, 
rvo er den Zug verließ und sich überfahren 
ließ. Der Verstorbene steht im 38. Lebensjahr, 
er hinterläßt Frau und unversorgte Kinder. 
sz. Bredstedt, 7. Juni. Festgenommen. Von 
der Polizei wurde am Freitag ein hiesiger 
junger Bursche festgenommen. Während der 
Pfingsttage hatte er ein 17jühriges Mädchen 
im Gehölz überfallen und zu vergewaltigen 
versucht. Auf die Hilferufe des jungen Mäd 
chens hin ließ der Unhold von seinem 
Opfer ab. Trotz seiner Jugendlichkeit ist der 
Täter bereits einmal wegen desselben Delik 
tes und ein anderes Mal wegen Fahrraddieb 
stahl vorbestraft. Man führte ihn dem 
Husumer Amtsgerichtsgefängnis zu. 
7«« Jahre Stadt Plö« 
Die Feierlichkeiten anlätzlich seiner 7v0°3ahrfeier 
Plön, 6. Juni. Vom 6. bis 8. Juni feierte 
Plön mit seinen über 4000 Einwohnern, das 
malerische Städtchen der wald- und seenreichen 
Holsteinischen Schweiz, die Stadt der National 
politischen Erziehungsanstalt und der Hydro- 
biologischen Anstalt, die ihren Namen weit 
über die Mauern des Städtchens in alle Welt 
trug, die 700jährige Wiederkehr des Tages 
der Verleihung des Lübschen Stadtrechts durch 
Graf Adolf iv, von Schauenburg. 
Ei» Rückblick. 
Die Geschichte der Stadt ist so wechselreich, 
daß man wohl mit Recht von ihr sagen kann, 
daß sie ein Stück deutscher Reichsgeschichte dar 
stellt. Die sächsischen Ureinwohner des Landes 
vermischten sich im sechsten Jahrhundert mit 
den in Holstein eindringenden Wenden. Aus 
dieser Zeit spricht die Chronik oft in sagen 
hafter Ausschmückung von blutigen Kämpfen 
der Wenden untereinander, ebenso wie gegen 
die benachbarten Deutschen. 1137 begann ein 
erbitterter Entscheidungskampf. Die Deutschen 
zogen mit ihrem großen Heer durch Wagrien, 
eroberten Schleswig, die Burg Plön und er 
schlugen alle sich zur Wehr setzenden Wenden. 
Damit war das Wendentum endgültig besiegt. 
Im Zuge dieser Aufrichtung der deutschen 
Herrschaft verlieh dann 1236 Graf Adolf iv. 
von Schauenburg den Plönern das Stadtrecht. 
Aber auch in der späteren deutschen Geschichte 
blieb Plön nicht von dem Wechsel verschont. 
Namentlich hat auch hier oben im Norden der 
Dreißigjährige Krieg seine Spuren hinter 
lassen. Im 19. Jahrhundert wurde Plön durch 
seine 1860 gegründete Kadettenschule, die bis 
1918 aufrechterhalten wurde, bekannt. Im 
Dritten Reich beherbergt Plön nunmehr die 
Nationalpolitische Erziehungsanstalt. Seit der 
Machtübernahme hat Plön, das als Kur- und 
Badeort vorwiegend auf den Fremdenverkehr 
angewiesen ist, eine erfreuliche Aufwärtsent 
wicklung genommen, die wesentlich dazu bei 
trug, daß die Arbeitslosigkeit in der Stadt ein 
rasches Ende fand. Zählte man 1933 noch 133 
Wohlfahrtserwerbslose, so ist diese Zahl heute 
bis auf zwei gesunken. 
Die Stadt im Festschmuck. 
So nimmt es nicht wunder, wenn am Tage 
des 700jährigen Bestehens die Stadt im fest 
lichen Gewände prangt. Von nah und fern 
bringen die Züge eine Unzahl Besucher, die 
sich in irgendeiner Weise mit dem Städtchen 
verbunden fühlen. Frohe und vergnügte Men 
schen füllen die engen, aber so reich mit den 
Fahnen des neuen Deutschlands und frischem 
Grün und Girlanden geschmückten Straßen. 
Einweihung der Vürgermeistcr- 
Kinder-Gedächtnistafel. 
Zahlreiche Volksgenossen und nicht zuletzt 
die Familie des früheren Plöner Bürgermei- , 
stcrs Kinder umstehen das schlichte Rathaus, 
an dessen Vorderseite eine Gedächtnistafel für 
den verstorbenen Bürgermeister Kinder der 
Einweihung harrt. Bürgermeister Dostal er 
greift das Wort zu seiner Erinnerungsan 
sprache, in der er die Verdienste des Bürger 
meisters Kinder um die Stadt schildert, der 
nicht weniger als 30 Jahre seines Amtes wal 
tete. Bürgermeister Kinders größtes Verdienst 
sei, so betonte Bürgermeister Dostal, die Be 
gründung der Hyörobiologischen Anstalt. An 
schließend übergab Bürgermeister Dostal die 
Gedächtnistafel dem Schutz der Einwohner. 
Nach der Einweihung wurde im Sitzungs 
saal des Rathauses 
eine Zinnfiguren-Ausstellnng 
durch den Bürgermeister Dostal eröffnet. Diese 
Ausstellung gibt in kleinen Zinnfiguren einen 
Ucberblick über die gesamte deutsche und antike 
Geschichte. 
Der Festakt im Holsteinischen Haus. 
Am Sonnabendabend fand im Holsteinischen 
Haus ein Festakt statt. Nach dem Einmarsch 
der Fahnen leitete das collegium musicum der 
Nationalpolitischen Erziehungsanstalt unter 
Leitung von Zugführer Schlüter den feier 
lichen Akt ein mit einem Musikvortrag von 
Gluck. Dann folgte die Festansprache des Bür 
germeisters Dostal. In seiner Rede gab er 
einen kurzen Ucberblick über die Stadtgeschichte 
Plöns und hob dabei hervor: 
„In dem Reiche Adolf Hitlers wird Gott sei 
Dank wieder Wert gelegt auf Geschichte und 
Ueberlieferung, und so wollen wir heute auch 
immer wieder zurückblicken auf das Werden 
und Leben unserer Heimatstadt." 
Der Vortragende stellte dann den Aufstieg 
Plöns im Dritten Reich m den Vordergrund. 
Der Bürgermeister verlas dann noch die 
Glückwunsch-Telegramme, die u. a. vom Füh 
rer und vom Fürsten Bismarck, dem deutschen 
Geschäftsträger in London und einstigem Schü 
ler des Gymnasiums in Plön, eingegangen 
waren. Weiter verlas er ein in plattdeutscher 
Sprache gehaltenes Telegramm der Stadt 
Husum. 
Landrat Werther-Plön überreichte die Frci- 
herr-vom-Stein-Portrüt-Plakette des Deut 
schen Gemeinöetages an die Stadt Plön, weiter 
einen vom Kreis- und von der Kreissparkasse 
gestifteten Betrag von 2500 JLJt zur Errich 
tung der neuen Turnhalle. 
Im Anschluß an Landrat Werther sprach 
noch als Vertreter des Oberpräsiöiums und 
auch im Namen des Oberlandesgerichtspräsi 
denten Dr. Martin, der persönlich erschienen 
war, Dr. Buchholz, ferner der Dichter Blunk, 
der die Grüße und Glückwünsche der Reichs- 
kulturkammer und des Reichskultursenats 
überbrachte. 
Oberstfeldmeister Waltsgott überbrachte als 
kommissarischer Leiter der Nationalpolitischen 
Erziehungsanstalt Plön die Glückwünsche der 
Anstalt und überreichte ein Buch aus dem 
Jahre 1850. 
Mit zwei Zentnern durch den Weltkrieg 
Erinnerungen eines Optimisten. 
Von Karl Borromäus Gröber. 
(35. Fortsetzung.) 
Zentner. 
an hatte ans gesagt, daß dies ein ganz 
^ jayrloses Unternehmen sei, daß sich dort 
boh** ^nehr bedeutende Kräfte befänden und 
ß der Tag von Tavastehus wohl unsere 
kriegerische Tätigkeit im finnischen 
?'"ozug sein werde. Es sollte aber anders 
türmen. 
-^ie Quartiere in Syrjäntaka waren einfach 
n ?ie Stimmung trotz des großen Sieges 
iinL ?t. Auch unser Batterieführer war 
tz^erst niedergeschlagen und erklärte uns, 
sie? e ! tt Bister Tag bevorstehe. Leider hatte er 
^ nicht geirrt! Schon bald darauf brachten 
Huf Ortskundige Finnländer die Nachricht, daß 
Ķ î einer kleineren Nebenstraße bei dem Hofe 
"tkila der Vortrab eines roten Heeresteiles 
^îEhen worden sei. In aller Eile wurde auf- 
^"rochen, und auf schmalen, verwahrlosten 
öwegen zog man dem Feinde entgegen. An 
t.î Spitze der Batterie ritt als Führerin die 
losere Tochter eines finnischen Försters, die 
^ c 9 und Steg ihrer Heimat genau kannte. 
ußerüem hatten sich ein paar Dutzend Jäger 
à ^ei Maschinengewehren angeschlossen, 
t^.^alde zu beiden Seiten war es schon un- 
geworden, und wir hatten sogar ein 
h.ņges Mädchen aus dem südlichen Finnland, 
silk ^ ihrem Bräutigam, einem roten Unter- 
n )ïc ï, angeschlossen und mit ihm in den Krieg 
Uita eit war, gefangen. Das Mädchen tat 
sei, ^ìd, und es teilte darum das Schicksal 
Bräutigams, der erschossen wurde, nicht, 
dj" Kokkila auf einer kleinen Anhöhe ging 
Hs-. Batterie, gedeckt durch mächtige Stein- 
hp in Stellung. In einem Gehöft, ein paar 
ifl) . * Meter hinter der Feuerstellung, lag 
I^wit den Munitionstragtieren. Eine Zeit- 
blieb alles ruhig, einzelne Reiter und 
i"hrer des roten Vortrabs wurden wieder 
je- "ckgescheilcht. Es griffen aber immer mehr 
"Gliche Abteilungen in das Gefecht ein. Die 
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rote Artillerie fing an, uns mit Granaten 
mittleren Kalibers zu beschießen, und ihr Ziel 
war hauptsächlich das Gehöft, in dem sich die 
Munitionstragtiere befanden. Die Geschosse 
platzten mitten auf dem Hof, und es war wie 
ein Wunder, daß kein Mensch und kein Tier 
verletzt wurde. Bei uns wurde die Munition 
immer spärlicher, und Nachschub war nicht zu 
erwarten. Die Uebermacht wurde dafür vorne 
immer stärker, und wir konnten fast auf die 
Minute genau ausrechnen, wann wir die letzte 
Granate und die Jäger die letzte Patrone 
verschossen haben würden. Weiterer Wider 
stand war zwecklos, und wir mußten alles 
daran wenden, die Batterie ohne allzugroße 
Verluste aus dem Feuer zu bringen. Der 
letzte Kasten mit Munition ging in die Feuer 
stellung. Die Toten und Verwundeten wur 
den bei dem Rückzug auf Bahren gelegt. Von 
vorne kam der Befehl, möglich bald das Gehöft 
zu verlassen und in größter Eile nach Syr 
jäntaka zurückzukehren, wo frische deutsche 
und finnische Truppen zu erwarten waren. 
Das war aber leichter befohlen als befolgt. 
Die kleine Straße, die wir gekommen waren, 
lag bis zum Waldrand unter starkem feind 
lichem Feuer. Wir hatten gemerkt, daß zwi 
schen den feindlichen Salven immer einige 
Minuten Zwischenraum lagen, und diese we 
nigen Minuten benützten wir, um im eilig 
sten Tempo die gefährdeten Stellen zu passie 
ren. Es gelang ohne Verluste, und als ich als 
letzter mit unserem tapferen Wachtmeister und 
dem gefangenen finnischen Mädchen in großen 
Sätzen endlich den Wald erreicht hatte, mar ich 
wirklich heilfroh. Der gräßliche Aufenthalt 
in dem Hofe mit den verängstigt herumrasen- 
öen Pferden und Eseln und mit den aufge 
regten Tierführern hätte mich fast zum ersten 
Male in diesem Kriege die Nerven verlieren 
lassen. Ich riß mich aber sofort wieder zusam 
men, der Rückmarsch wurde dann sehr eilig, 
er verlief aber Gott sei Dank in vollster Ord 
nung. In Syrjäntaka trafen wir allerdings 
nicht den ersehnten Munitionsnachschub, aber 
es war dort ein Häuflein frischer Jäger ein 
getroffen, die fürs erste die nachdrängenden 
Roten aufhalten konnten. Das Dörflein lag 
in einer weiten Waldlichtung an einem See, 
an dessen Ufern die große Hauptstraße ent 
lang führte. Die etwas erhöht liegende Straße 
bot Deckung gegen den im Walde schon vor 
dringenden Feind. Der Verkehr vollzog sich 
infolgedessen nicht auf der Straße, sondern 
im Graben. Schon pfiffen verdächtig viel 
einzelne Kugeln vom Walde her über unsere 
Köpfe weg,' von einer verirrten Kugel aber 
wurde unser Batterieführer getroffen. Er 
trug noch den Abschiedsbrief, den er am Mor 
gen an seine Lieben in der Heimat geschrieben 
hatte, in der Tasche, und seine Ahnungen hat 
ten ihn wirklich nicht getäuscht. 
Unsere schwere Bagage mit all ihren Wagen 
lag zwanzig Kilometer weiter südlich an der 
selben Straße, welche die Roten gezogen ka 
men, friedlich und ahnungslos im Quartier. 
Wenn sie nicht in die Hände des Feindes 
fallen sollte, mußte sie unverzüglich von der 
Straße weg und seitlich gegen die wohlge 
deckte Bahnlinie gezogen werden. Mir wurde 
der ehrenvolle Auftrag zuteil, die Leute in 
Marsch zu setzen und aus der Gefahrzone zu 
bringen. Ich bestieg mein „Sofa" und trabte 
mit meinem Burschen im Schutze der Straßen 
böschung gen Süden. An der Stelle aber, wo 
der Wald an den See stößt, lag ein einfaches 
Bauernhaus, an dem wir vorbeireiten muß 
ten. Plötzlich sahen wir, wie sich ein Dach 
fenster öffnete und wie mehrere verwegene 
Gesellen ein Maschinengewehr gegen uns in 
Stellung bringen wollten. Da tat höchste Eile 
not! Mein „Sofa", das eine phlegmatische Na 
tur besaß, begriff leider die Situation nicht 
sofort und schaute sich bloß etwas erstaunt 
um, als ich es mit dem Sporn antrieb. Erst 
als ich, einer blitzschnellen Eingebung fol 
gend, es mit meinem Schwcdendolche etwas 
unsanft in die Rippen stupste, sauste es wie 
ein Pfeil dahin und rettete so mein Leben. 
Es waren für uns nicht nur die Geschosse des 
Maschinengewehres, die uns vergebens nach 
gesandt wurden, gefährlich, auch weiter vor 
gedrungene Vorposten der Roten bedrängten 
uns hart. Dieser Ritt wurde der eiligste mei 
nes Lebens. Halbtot kamen wir bei unserer 
Bagage an. Kaum war eine Viertelstunde ver 
gangen, als ich schon mit den schweren Wagen 
auf der gleichen Straße wieder feinüwärts 
zo. Um die Nebenstraße zu erreichen, muß 
ten wir zuerst einige Kilometer zurückmar 
schieren. Es war höchste Zeit gewesen, denn 
als der erste Wagen in Sicherheit war, kamen 
auch schon die ersten Radfahrer und Reiter 
der Roten daher. In einem gut gewählten 
Versteck, von dem aus man den Abzug der 
Feinde beobachten konnte, blieb ich mit eini 
gen Unteroffizieren so lange zurück, bis der 
letzte Bolschewik verschwunden war. Nach 
einiger Zeit tauchten auch unsere eigenen 
Leute, für die wir schon das Aergste befürchtet 
hatten, wieder auf. Leider waren viele ver 
wundet worden, auch tote Kameraden hatten 
wir zu beklagen. 
Ermüdet und abgekämpft rückten wir in die 
Quartiere ein. Die Schrecken und Anstren 
gungen des Tages waren Kanonieren und 
Tierführern so in die Glieder gefahren, daß 
niemand mehr an Essen und Trinken dachte, 
sondern da, wo er gerade sein Tier anband, 
sein müdes Haupt zur Ruhe bettete. Bald lag 
alles in tiefstem Schlafe, nur die Posten 
patrouillierten draußen in der hellen nordi 
schen Nacht. Von der Hauptstraße her drang 
aus weiter Ferne noch der Schall einzelner 
Schüsse und das Rasseln der flüchtenden Wa 
gen. Alles atmete tiefste Ruhe,' da plötzlich 
zerriß der scharfe Knall eines Geschützabschus 
ses die tiefe Stille, und an der Wand eines 
Bauernhauses barst mit metallenem Krachen 
eine Granate. Die Schlafenden fuhren empor 
und griffen instinktiv zu den Waffen, aber kein 
Feind war zu sehen. Bald löste sich das Rätsel. 
Ein schlaftrunkener Tierführer hatte seinen 
Esel am Abzugriemen eines Geschützes ange 
bunden, und ausgerechnet dieses Geschütz hat 
ten die Kanoniere zu entladen und zu sichern 
vergessen. Als sich das Tier nachts bewegte, 
zog es den Schuß ab, und es war der letzte 
scharfe Schuß, den unsere Batterie im Welt 
krieg abgab. 
(Schluß folat.1
	        
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