129. Jahrgang
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Schleswig-HolsteurrsiHL
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RenösbruBer Tageblott
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Nr. 83
NenMg, den 7. April
1838
Me Weiterentwicklung der Lage
(Eigener Bericht.)
îìe zur Stunde vorliegenden Londoner, Pa
rier und Genfer Meldungen sind reichlich
widerspruchsvoll. Während die letzte Reuter-
Meldung von einem normalen Fortschreiten
ks Meinungsaustauschs der Locarnomächte
»u berichten weiß, meldet Havas, daß die über-
ichchende Einberufung des Dreizehnerrates
nach Genf dem Abessinienkonflikt den Vorrang
nor den „Locarnoverhandlungen" gebe. In der
davasnote heißt es weiter, die französische Ne
hrung sehe in der Weiterentwicklung der
äbessinischen Frage eine ernste Gefahr für die
Ģeeu des Völkerbundes und sei bereit, Jta-
wn den Weg zu einem Verbleiben im Völker-
und an der Seite Abessiniens zu ermöglichen,
^as läßt darauf schließen, daß Frankreich sich
ernstlich um den Frieden zwischen Abessinien
Und Italien bemühen will, daß aber anderer-
wits Frankreich auch daran festhält, daß es
^'Ule Dringlichkeit zu sofortigen „Lvcarno-
wachteverhandlungen" sieht.
Es ist also unverändert schiver, die Brücken
swischcu Deutschland und Frankreich zu schla
gen, obwohl selbst der Pariser Figaro in der
Conntagausgabe die Regierung dringend
wähnt, Hitlers Friedensvorschläge schnell zu
wüfen und sich über ihre Bedeutung klar zu
Werden. Denn cs sei nicht dem französischen
Holk länger vorzuenthalten, daß die öffentliche
Meinung Englands mit aller Macht Verhand
lungen mit Deutschland anstrebe.
Der Figaro stand immer abseits der allge
meinen Haltung der Pariser Presse, und wenn
w auch nie deutschfreundlich war, so hat er sich
üurner ein klares Urteil über den National
sozialismus in Deutschland bewahrt. Das be
wies schon der nach den deutschen Wahlen im
Platte erschienene Sonderbericht seines Ber
eiter Vertreters.
Jn^dcr Pariser „Information" konnte man
wn Sontag lesen, daß Hitlers „bedeutsame
ftriedensvorschläge" vor der Dringlichkeit so-
îortiger Handlungen der Ratsmüchte im ost-
chrikanischen Kriege zurücktreten müßten,
^eun in Abessinien werde eine Völkerbund-
wacht geopfert und damit die Grundlagen des
Völkerbundes selbst ernstlich erschüttert. Es
wbe jetzt nur eine Lösung: die sofortige Ver
ständigung zwischen Abessinien und Rom her
beizuführen. Bedenklich sei die Sprache des
italienischen halbamtlichen Organs, des Gior-
Uale de Italia, daß in wenigen Wochen Abes-
ünien von der Landkarte „weggewischt" sein
werde.
Es gehen somit im europäischen Mächtekon-
5ern zwei Dinge nebeneinander her, Abessinien
Uor der „Streichung" von der Landkarte zu
bewahren, weil damit der Völkerbund den
schwersten Stoß erfahre, aber auch die deutsche
üriedensanregung zu irgend einem Abschluß
M führen.
Der letzte Wille ist besonders in England
Deutlich bemerkbar, trotz der Edenschcn Unter-
hausrcde.
Wie der Rottcrdamsche Courant aus Lon-
o»n meldet, haben am Sonntag wieder in den
weiften englischen Städte» Kundgebungen für
w'n Frieden, für die Völkerverständigung, für
°ie Beseitigung der Kriegsgefahren stattge-
'Unden.
In den englischen Kirchen wurden Bittgebete
für Erhaltung des Friedens und für die Ge
rechtigkeit zwischen den einzelnen Völkern von
den Kanzeln verlesen,
Mit sarkastischem Ton bemerkt der Rotter-
oainsche Courant dazu: „Für den Völkerbund
wurde in England am Sonntag nicht demon
striert, für den Völkerbund wurden keine Bitt-
stebete von den Kanzeln der anglikanischen
Kirche verlesen."
In der Neuen Straßburger Zeitung wird
geschrieben, das Elsaß fühle sich von Deutsch-
tand nicht bedroht. Das Blatt gesteht ferner
freimütig, auf der deutschen Rhcinseite zeigen
sich keinerlei Maßnahmen, die gegen Frank
reich gerichtet sein könnten.
Mag also der Streit mit das formale Recht
in Paris und Genf fortgeführt werden, — um
das große deutsche Friedensprogramm wird
man letzten Endes nicht herumkommen, trotz
Abessinien, trotz aller Gegenströmungen. — —
Verdächüge Eile.
Die Entwicklung der diplomatischen Gegen
offensive Frankreichs nimmt genau den Ver
lauf, den wir hier aus unserer skeptischen Ein
stellung gegenüber dem englisch-französischen
Zusammenspiel bereits wiederholt aufgezeigt
haben. Zunächst einmal kann Frankreich es als
einen Erfolg verbuchen, daß die Diskussion im
Zusammenhang mit dem deutschen Friedens
plan aus der Londoner Atmosphäre nach Genf
verlegt worden ist, wo sie schon am morgigen
Mittwoch in zunächst unverbindlicher Form
beginnt. Dabei ist und bleibt das Ziel Frank
reichs, den nachhaltigen Eindruck sowohl der
Reichstagswahlen als auch des deutschen Frie
densplanes auf das Ausland nach Möglichkeit
zu neutralisieren und dem gegeniiber wieder
den abgedroschenen Begriff der Sicherheit so
wie die von Deutschland angeblich kommende
„Gefahr" zum Hauptgegenstand der Debatte
zu machen, die diesmal in Gestalt. etwaiger
deutscher Rheinbefestigung dargestellt werden
soll. Wenn der „Figaro" recht unterrichtet ist,
dann stellt Frankreich wiederum von vorn
herein bestimmte Vcrhandlungsbedingungen:
dazu soll u. a. eine Verpflichtung Deutschlands
gehören, jegliche Befestigungsarbeiten im
Rheingebiet zu unterlassen. Genau so selbst
verständlich wie der französischen Regierung
die Besetzung einer Rheinlandszone durch
englisch-italienische „Polizeitruppen" gewesen
wäre, und genau so selbstverständlich, wie sic
solche „neutralen" Streitkräfte auf eigenem
Gebiet selbst für kurze Zeit ablehnen zu
müssen glaubte, verlangt sie also indirekt ge
radezu ei» Hoheitsrecht auf deutschem Ge
biet, wenn sie darauf besteht, daß das Rhein
land schutzlose Aufmarschbasis für die fran
zösische Stoßarmee sowie freies Schußfeld für
die französischen Ostbefestigungen bleiben soll.
Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß
die wahrscheinlich ebenfalls morgen beginnen
den Generalstabsbesprechungen die von Eng
land offiziell gewünschte Begrenzung der The
men nach der Forderung Frankreichs auch auf
politische Fragen ausdehnen sollen. Wieweit
dieser Plan bereits Gestalt angenommen hat,
geht u. a. daraus hervor, daß man in Paris
bereits überlegt, welche Flugplätze in Nord
srankreich und Belgien für ein englisches Luft
heer zur Verfügung zu stellen wären! Damit
greift man also auf die Besprechungen vom
November-Dezember zurück: wie erinnerlich,
verzeichnete die Presse damals auch Meldun
gen, wonach britische Fliegeroffiziere solche
Plätze in den genannten Gebieten bereits vor
besichtigt Hütten.
Die englische Regierung ihrerseits versucht
gegenüber dem französischen Drängen zunächst
einmal Zeit zu gewinnen. Sie konnte diese
Bemühungen kaum unglücklicher einleiten als
durch ihre Zustimmung zu den militärischen
Verhandlungen mit Frankreich. Anscheinend
ist man sich in London noch immer nicht ganz
klar darüber, welche Verantwortung man seit
der Uebergabc des deutschen Friedensplanes
hat. hinter dem das volle Gewicht der Gesamt
heit des deutschen Volkes steht.
*
Der Wnisļerraļ in Vans.
DNB. Paris, 6. April. Der Ministerrat,
der am Mvntagnachmittag unter dem Vorsitz
des Präsidenten der Republik im Elysee zu
sammengetreten war, dauerte von 13 Uhr bis
19.15 Uhr. Zum Schluß wurde folgende amt
liche Mitteilung herausgegeben:
Außenminister Flandin trug seinen Mini
ste rkollegen
1. den Entwurf der französischen Denkschrift
als Antwort auf den deutschen Plan vom
31. März sowie
2. den ausbauenden Aktionsplan für den Frie
den vor, den die französische Regierung
dem Völkerbundsrat zu unterbreiten beab
sichtigt.
Beide Vorschläge wurden vom Ministerrat
gebilligt. Des weiteren setzte Außenminister
Flandin seinen Mintsterkollegen die Bedin
gungen auseinander, unter denen die bevor
stehende Zusammenkunft des Dreizehneraus
schusses und die Tagung der Locarno-Mächte
in Genf beginnen werden.
*
Eine neue Erklärung Baldwins.
Der Abgeordnete Day verlangte von dem
Ministerpräsidenten eine Versicherung, daß das
britische Reich in den bevorstehenden General-
stabsbesvrechungen während der Ostcrverta-
gung des Parlaments keine endgültigen Ent
scheidungen treffe oder Verpflichtungen ein
gehe. Baldwin iviederhvlte, daß die Gencral-
stabsbesprechungen die politischen Verpflich
tungen Englands nicht vermehren würden, so
daß die in diesem Zusammenhang geäußerten
Besorgnisse unbegründet seien.
*
Gcneralstabsbesprechuugcn am 15. April?
DNB. Paris, 6. April. Der „Jntransigcant"
meldet, daß die französisch-englischen General-
stabsbesprechungen, die eigentlich am Montag
in London beginnen sollten, auf den 15. Avril
verschoben worden seien. Dies sei geschehen,
weil sie durch das Osterfest doch hätten unter
brochen werden müssen, was für die Verhand
lungen von Nachteil gewesen wäre.
Eine deutsch-dänische Aussprache
z« dem Thema: Moderne Jugend und klassische Musik.
Ein Artikel unseres Kopenhagener Mit
arbeiters in der „Schleswig - Holsteinischen
Landeszeitung" vor einigen Wochen über
„Musikversäumnis und Musikpflege in Däne
mark" und über die Einstellung der heutigen
dänischen Jugend zur klassischen Musik hat auf
dänischer Seite ein Echo gefunden und, nach
Beseitigung einiger Irrtümer, eine jener klei
nen Diskussionen über die nationale Front
stellung hinweg hervorgerufen, die man auch
auf anderen Gebieten im Interesse eines ruhi
gen und fruchtbaren Gedankenaustausches
zwischen verwandten Völkern wünschen könnte.
Wie erinnerlich, schilderte unser Kopenhage
ner Mitarbeiter eine Rundfunkstunde des
Senders Kalundborg-Köbenhavn, in der zwei
Vertreter moderner dänischer Jugend nach
ihrer Meinung über die Werte der klassischen
Musik für die heutige dänische Jugend ausge-
fragt wurden. Das Ergebnis war nicht nur
prinzipiell negativ, da jegliche klassische Musik
zum Vorteil der hypermodernen Jazzmusik
abgelehnt wurde, sondern enthüllte gleichzeitig
einen bedauerlichen Mangel an Kenntnis über
die dänischen Komponisten, die im Laufe
zweier Jahrhunderte eine nationale dänische
Musik geschaffen haben, — eine wurzelechte,
aus Landschaft und Volksseele geborene Mu
sik, die sich in keiner Weise vor andern Musik
völkern zu verbergen braucht und die jetzt auf
dem Wege ist, sich auch in Europa und Amerika
Bahn zu brechen, nachdem Furtwängler und
andere große Dirigenten begonnen haben,
einem in seiner Heimat längst nicht genügend
geschützten Tonkünstler wie Carl Nielsen die
Wege zum internationalen Ruhm zu ebnen —
leider wie so oft erst nach seinem Tode . . . .
Das Blatt der dänischen Minderheit in
Deutschland, „Flensborg Avis", das sich —
durchaus begreiflich — als Vorposten des dä
nischen Geistesleben gen Süden ansieht und —
ebenso begreiflich — berufen fühlt, die dänische
Jugend gegen ungerechtfertigte Angriffe in
Schutz zu nehmen, gab eine etwas ungenaue
Inhaltsangabe unserer Schilderung, fand es
nicht richtig, die „spaßhafte" Rundfuukstunde
zum Ausgangspunkt einer Polemik gegen die
dänische Jugend im Allgemeinen zu benutzen
und meinte schließlich, daß bezüglich der Ein
stellung der Jugend zur ernsten Musik im
allgemeinen in Deutschland das gleiche Ver
hältnis vorliege wie in Dänemark.
Gegen diese Auffassung nahm unser Mitar
beiter in dem dänischen Blatte selbst das Wort,
da er nicht mißverstanden sein wollte, und
stellte richtig, daß nicht e r einen Angriff auf
die dänische Jugend entfesselt habe, sondern
daß dänische Kreise in der Kopenhagener Presse
sich über die auffallende Uninteressiertheit an
gehaltvoller Musik und Unkenntnis über dä
nische Meister der Tonkunst seitens der däni
schen Jugend beschwert hatten, — daß er viel
mehr, wie in seinem Artikel geschildert, aus
eigener Erfahrung und Anschauung wisse, daß
es auch in dem verjazzten Kopenhagen eine
große Minderheit musiksuchender Jugend gibt,
die die großen Orchesterkonzerte und ihre Ge
neralproben stürmt und die sich das Mittag
essen verkneift, um die Matthäuspassion zu
hören oder in das Mysterium einer Brahms-
symphvnie zu starren. Er hoffte, daß diese Ju
gend die Traditionen dänischen Musiklebens
hochhalten werde, die gerade der dänische
Rundfunk unter seiner tüchtigen Leitung be
wußt gefördert hat und zwar mit einer solchen
Energie, daß Kopenhagen heute wieder der
musikälische Knotenpunkt des Nordens gewesen
ist, — eine Feststellung, die im übrigen Nor
den allerdings nicht überall geteilt wird, die
aber ein Außenstehender aus der Kenntnis der
Dinge heraus gerechtcrweise der dänischen
Hauptstadt zugestehen muß. Deu Vergleich
zwischen der deutschen und der dänischen Ju
gend ivollte unser Mitarbeiter jedoch nicht un
terschreiben, sondern meinte, daß, wenn das
dänische Blatt hier eine Parallele ziehen wol
le, die gezogenen Folgerungen entschieden un
richtig seien.
Das dänische Blatt nahm die ersten Be
merkungen ad notam, stellte aber doch noch
einmal — als Kern der Sache — die direkte
Frage, ob unser Mitarbeiter meine, daß die
dänische Jugend der ernsten Musik ferner stehe
als die deutsche, wobei es gleichzeitig seiner
Befriedigung darüber Ausdruck gab, daß die
Sache zur Sprache gebrächt worden sei.
Auf diese direkte Frage erwiderte unser
Mitarbeiter, ebenfalls in dem dänischen Blatte,
unter Hinweis auf seinen Ausgangsartikel in
der „Landeszeitung", in dem die Frage im
Grunde schon ausführlich beantwortet war,
daß nach seiner Meinung der Anfnahmc-
fühigkeit und Musikalität der dänischen Ju
gend sicher nichts im Wege sei, daß es aus
schließlich die pädagogische Seite der
Sache sei, in der es in Dänemark fehle. Er
müsse einem dänischen Kenner wie dem Kom
ponisten Finn Höfsüing völlig recht geben,
wenn dieser deu Unterrichtsbehörden mehrerer
Generationen die Schuld an dem auffallenden
Mangel an Interesse und Kenntnis in Stadt
und Land gebe. Selbstverständlich ständen auch
große Teile der deutschen Jugend der ernsten
Musik fern, aber es könne kein Zweifel be
stehen, daß die deutsche Jugend viel größere
Möglichkeiten habe, gehaltvolle Musik zu
hören, zu erleben, sich anzueignen und zu ver
stehen durch geeignete Interpretation, In
struktion und eigene Ausübung in Schulen,
Jugendvcrbänden und im Heime als die dä
nische. Deshalb meine er, daß die dänische Ju
gend leider augenblicklich schlechter ausgerüstet
sei, die großen inneren Werte der Musik auf
zunehmen,^als die deutsche — aber das sei also
nicht die Schuld der Jugend. Er schloß seine
Erwiderung mit der Bemerkung, daß es wün
schenswert sei, das größere Teile der begab
ten dänischen Jugend dieser Generation ein
offenes Auge für die Werte der verhöhnten
„Opusmusik" bekommen und nicht ausschließ
lich sich an der modernen Musik begeistern,
von der Carl Nielsen kurz vor seinem Tode so
treffend sagte: „Ich finde, es sind keine Vita
mine darin!"