129. Jahrgang.
SchLeswLg-HolstàlschL
129. Jahrgange
Renösbumer Tàgeblutt
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Nr. 134
Dem lag, den 11. 3uni
1936
Die SS.-Frîhrerzeîtung über
Der Kampf gegen Phrase
und Gesinnungslosigkeit
Das „Schwarze Korps" schreibt in seiner
Nummer vom 4. Juni:
Weltanschauungen, die grundlegende Um
wälzungen unter den Völkern Hervorrufen,
stud immer einfach, klar und ohne jedes ver
zierende Beiwerk. Jene Menschen, die sie ver
wirklichen, sind bescheiden in ihrem Handeln,
zurückhaltend und sich bewußt, nichts anderes
SU sein als Werkzeug und Kämpfer der Idee.
Ihre vornehmste Aufgabe besteht darin, die
Reinheit ihres Gedankengutes zu bewahren
und ihr jede Schnörkelei fernzuhalten, die
ihnen von atemlos Herbeigeeilten aufzudrän
gen versucht wird, um sagen zu können, „wir
haben auch unser Teil dazugetan bei ihrer
Verwirklichung".
Es ist höchste Zeit, auf den Unfug dieser Be
strebungen hinzuweisen. Konjunkturtrachtig
drohen sie, päpstlicher als der Papst zu werden.
Gewaltsam bemächtigen sie sich der einfachen
Ausdrucksformen der Bewegung und würdi
gen sie zu Schlagworten herab, die sie immer
guatschend auf der Zunge führen, statt sie still
in ihr Herz zu versenken.
So entstand die „Gebrauchslyrik", gegen die
heute bereits offizielle Stellen in nicht mißzu-
verstehender Art zu Felde ziehen müssen.
Nicht der Nationalsozialismus hat diese Art
von Menschen hervorgebracht, es hat sie leider
schon immer gegeben. Es ist der „Spießer",
der im Kriege an den Stammtischen „durch
hielt" und sich mit martialischen Gebärden den
bierfeuchten Bart strich, wenn er der Helden
gedachte, die in den Schlammlöchern von Flan
dern lagen. Er war es, der seinen Patriotis
mus nicht anders zum Ausdruck bringen
konnte als in papiernen Transparenten mit
Sprüchen Bismarckschcr Prägung, der auf sei
nem Aschenbecher die Landesfarben flattern
sehen mußte.
In kritischen Augenblicken fanden wir ihn
nie im Vordergrund, nur in den sogenannten
ruhigen Zeiten. Dann aber drängte er sich
immer energisch in den Vordergrund und
brüllte es hinaus, damit auch jeder hören
kann, daß er schon immer dabei war und zu
den Unentwegten gehört.
Jede Handlung, die er vollzieht, verbringt
er „im Sinne des Führers". Der Absatz eines
Massenartikels steigt unter der Devise, daß
„Gemeinnutz vor Eigennutz" gehe, und in den
Schrebergärten versenkt er den Samen der
Radieschen in die Erde mit dem weihevollen
Bemerken, daß es ohne die Kraft nun einmal
nicht gehe, die uns aus „Blut und Boden" er
wächst.
Eine gewalttätige Konfektion hat sich der
heimischen Trachten bemächtigt und über
schwemmt den Kurfürstendamm mit neckischen
Bauernjankern und Schwarzwälder Tändel
schürzen. Heraldiker schießen aus dem Boden
Und verkaufen die Wappen der Maier mit
allen E- und ^-Verbindungen, das Stück zu
acht Mark, handkoloriert und auf Japanbüt
ten. Nichts ist vor ihnen sicher,' weder die
Sippenforschung noch der Gedanke der Volks
gemeinschaft.
Konnte man früher nicht oft genug betonen,
aaß der Herr Papa höherer Beamter gewesen,
sst es heute schick, darauf hinzuweisen, daß man
aus knorrigem Bauerngeschlecht stammt, und
trägt diesem Umstande Rechnung, indem man
sich von rührigen Kunstgewerblern Bauern
stuben einrichten läßt.
Aber auch gar nichts ist ihnen heilig. Sie
aalten lange Reden und versuchen mit bom
bastischen Hinweisen, andere von ihrer hehren
Aufgabe zu überzeugen, die ausgerechnet ihnen
°er Staat anvertraut habe. Ihre geschäftliche
Korrespondenz artet zu „Führerbriefen" aus.
in denen sie die Preise zu drücken versuchen
unter Verwendung von Zitaten aus Hitlers
„Mein Kampf". Die Bettvorlegergermanistik
feiert wilde Orgien und die edlen Namen aus
unserem Sagenschatz verwandeln sich unter
ihren Händen in Etiketten und Banderolen
für Gesundheitsbrote und Blutreinigungs
tees. Vermittels Lakritzen und anderen
schleimlösenden Brustbonbons wollen sie uns
neue Wege zur „Kraft durch Freude" er
schließen, und emsig schreibmaschinenklappern
de Finger schmieden Knüttelverse, ans daß wir
„erwachen", statt sie selbst, die es nötiger hät
ten.
Und erst ihre „Opserbereitschaft"! Bei allem
sind sie dabei, wo „zugunsten" irgend etwas
geboten und man dabei auch gesehen wird.
Denn das ist ja das Schöne am „Opfer", wenn
es tags darauf zur allgemeinen Kenntnis
nahme in der Zeitung steht.
Nicht umsonst hat man sich soeben entschlos
sen, bei Parteiveranstaltungen die Verwen
dung von Sprechchören zu verbieten. Das rich
tet sich nicht gegen den Sprecher an sich, wohl
aber gegen den Dilettantismus, der sich seiner
bemächtigt hatte. Mag die „öde Gebrauchs
lyrik" auch vielleicht hier und da lauteren
Motiven entsprungen sein, muß man sich gegen
die gerade hier grassierende Verkitschung wey-
ren, genau so entschieden, wie beispielsweise
gegen den Ansichtskartenrummel, bei dem
hinter Kirchtürmen Hakenkreuzsonnen auf
gehen oder SS.-Männer sich schelmisch zu
ihrem Liebchen niederneigen, ein artiges,
natürlich politisch treffendes Sprüchlein auf
sagend.
Wir wollen nichts gemein haben mit dem
Patriotismus aus der Kaiserzeit, bei dem
markige Trinksprüche und züchtig lächelnde
Ehrenjungfrauen unter chinesischen Lampions
der machtvollste Ausdruck für die Ergebenheit
der Anwesenden waren.
Wir brauchen unserem Führer nicht dadurch
unserer Treue zu versichern, daß wir sein
Bild in Kaffeeschalen brennen und am Bier
zipfel ein Hakenkreuz baumeln lassen. Es wäre
traurig um uns bestellt, könnten wir keinen
anderen Ausdruck für unsere Gesinnung
finden.
Nationalsozialist ist weder der, der es auf
Werbeprospekten jedermann unter die Nase
hält, noch jener, der sich das Parteiabzeichen
zu ganz besonderen Zwecken ins Knopfloch
steckt, bei einem Besuch in einem Ministerium
oder einer staatlichen Verwaltungsstelle. Na
tionalsozialismus zeigt man durch Haltung,
durch das strikte Vermeiden seiner ansdring
lichen Betonung. Gesinnung läßt sich nicht
allein zur Dachluke an der Fahne hinaushän
gen, Gesinnung hat man!
Der wahrhafte Ausdruck des National
sozialismus ist Schlichtheit im Reden und
Handeln. Schlicht und einfach, wie der Kampf
um die Durchsetzung unserer Weltanschauung
war, muß auch der Träger des Gedankens
sein. Nicht mit tollkühnen Gebärden haben
unsere Soldaten vier Jahre einer Welt von
Feinden standgehalten, sondern durch hin
gebungsvollsten Einsatz der eigenen Person.
Und wenn sie die Kraft zu ihrem sagenhaften
Mut aufbrachten, so nicht, weil im Hinter
lande Schnurrbartbinden „Es ist erreicht!"
in den Handel gebracht wurden, und man dort
Streichholzschachteln verwendete, die mit der
Kriegsflagge geziert waren.
Diesen Unfug, der sich hier auch heute wie
der breitzumachen droht, müssen wir mit aller
Schärfe zurückweisen, so sehr es auch „be
jahende" Gemüter verletzen mag. Deutsch sein
heißt nicht, aus ungeschriebenen Gesetzen Ka
pital schlagen zu müssen. Gestärkte Vorhem
den waren nie der Ausdruck für „Kraft durch
Freude", wie traditionsträchtige Reklamechefs
uns einreden wollen, noch Rückkehr zur boden
ständigen Selbstbesinnung.
Unser Ideengut haben wir rein zu halten
und zu wahren für die junge Generation, die
an unsere Stelle treten wird, wenn wir ein
mal nicht mehr sind. Es ist unsere Pflicht, sie
ihnen nicht in Form von abgegriffenen
Phrasen zu hinterlassen, die durch ihren allzu-
osten Gebrauch fadenscheinig und verschlissen
wurden. Vergessen wir nicht, daß es bei den
Juden eine beliebte Methode war, gefährliche
Wahrheiten dadurch zu entwerten, daß man
sie in den mannigfaltigsten Variationen im
mer und immer wieder verwandte, bis es
endlich zweideutige Schüttelreime waren.
Nationalsozialist sein ist so einfach, daß es
für viele Menschen fast unmöglich ist, es je
mals zu werden. Es gehört Herz dazu. Offen
heit und Bekennermut.
Außenpolitische Streiflichter
Streiflicher zur politischen Lage.
Gefahren am Rande:
Die Vorgänge In Tanger, à-nôlļ-rnng der
Stadt Tanger, die von einem internationalen
Komitee regiert wird, versuchten anarchisti
sche Arbeitergruppen nach spanischem Vorbild
einen Generalstreik zu organisieren und die
Macht an sich zu reißen. Sie stürmten das Ge
sandtschaftspalais, mißhandelten den spani
schen Gesandten beim Sultan von Tanger und
bedrohten zahlreiche Unternehmungen und
Geschäfte fremder Nationalität, die sich ihnen
widersetzten. Es heißt, daß der englische und
der italienische Beauftragte sehr energisch
gegen die Wiederholung derartiger Ereignisse
Front gemacht haben. Man wird in Zukunft
mit Waffengewalt gegen jeden kommunisti
schen Terror vorgehen. Viel beunruhigender
als diese Meldung scheint eine zweite zu sein,
wonach sich die Rifkabylen die allgemeine Un
ruhe in Spanien und die Lockerung der bis
her scharfen Ueberwachung zunutze gemacht
haben, um Waffentransporte von der schwer
zugänglichen Küste aus in das Innere des
Landes zu schmuggeln. Schon einmal ging
von den Waffenschmuggeltransporten in Tan
ger der Aufstand der Rifkabylen unter Füh
rung von Abö el Krim aus. Die Ereignisse in
Palästina sind ein warnendes Beispiel.
*
Nach der Zerschlagung
des Pilsuöskiblockes in
Polen hatte sich insofern
ein merkwürdiger Zustand herausgebildet, als
die alten Parteien weiterexistierten, und die
Regierung ohne einen organisatorisch festen
Rückhalt im Lande dastand. Wenn sie auch
nach der Durchführung der ständischen Volks
vertretung nicht mehr direkt einer eigenen
Partei im Parlament bedurfte, so brauchte sie
doch einen besser organisierten Rückhalt in den
breitesten Volksmassen. Unlängst wurde
Oberst Kocz mit der Organisation einer sol-
Der Kamps
um ein Grotzpolen.
chen Bewegung beauftragt. Sie wird im
Wesentlichen neben dem Verband der Pil-
sudskilegionäre eine Reihe anderer bereits
bestehender Organisationen zusammenfassen.
Unter diesen wieder nimmt der Verband
Zarzewiecz durch die Zugehörigkeit einer
Reihe von Regierungsmitgliedern eine beson
dere Stellung ein. Wie wir hören, hat einer
der prominentesten Abgeordneten auf der
Hauptversammlung dieses Verbandes eine
programmatische Rede gehalten, in der er sich
zum Erbe Pilsudskis, d. h. der Idee Polen
zwischen Ostsee und Schwarzem Meer bekann
te. Pilsudski als polnischer Litauer fühlte
sich immer als Verwalter des jagellonischen
Gedankens, der neben Litauen auch die
Ukraine als Gleiche unter Gleichen in den
polnischen Staatsvcrband rechnete. 1921
scheiterte nach der Besetzung von Kiew dieses
fast schon erreichte Ziel an dem bolschewisti
schen Vormarsch bis Warschau. Jetzt, nach der
Aussöhnung des Pilsudskiblockes mit der
ukrainischen Mehrheit, glaubt man sich diesem
Ziele wieder ein wenig näher. Bemerkens
wert bleibt, daß man gerade in diesem Augen
blick es für notwendig hält, darüber offen zu
sprechen.
Die Kleinen
an der Grenze Oesterreichs.
Die Zusammen
kunft der Staats
oberhäupter der
Kleinen Entente in Bukarest hat eine noch
vollständigere Gleichschaltung der drei süd
östlichen Staaten ergeben. Man hat angeblich
gemeinsame Aktionen für alle nur denkbaren
politischen Fälle beschlossen und ist sich an
scheinend auch schon über die gemeinsamen
militärischen Maßnahmen klar geworden, die
schlimmstenfalls von den drei Staaten zu tref
fen sind. Das soll vor allem für den Fall gel
ten, daß in Oesterreich die Habsburger
Monarchie wieder eingesetzt wird. Nach dem
Communique der Kleinen Entente sind mili
tärische Schritte gegen eine etwaige Restaura
tion sehr wahrscheinlich. Trotzdem wehten die
gelbweißen Fahnen bei der letzten Rede des
Bundeskanzlers auf dem Wiener Festplatz und
es wurden Rufe laut: „Es lebe die Monarchie
Habsburg." Rom und London sollen nicht
uninteressiert an Habsburgs Wiederkehr sein.
Eine aufsehenerregende Rede
des englischen Schatzkanzlers
England stellt sich ans das Imperium «m
Nur ein in fich starkes England mit seinen Dominions ist mächtig — Abkehr
von Genf, weil die alte Völkerbundspolitik scheiterte
Juni. (Eig. Funkmeld.) und erklärte, daß sich Großbritannien in die
sem Falle für eine Politik der kollektiven
Sicherheit statt für das alte Bündnissystem
entschlossen hätte, obwohl manche Staaten
dem Völkerbund nicht angehörten. Dieser Poli
tik wäre wohl ein Erfolg beschieden gewesen,
wenn die im Völkerbund verbliebenen Staa
ten die von ihnen übernommenen Verpflich
tungen erfüllt hätten. Tatsächlich hätte diese
Politik der kollektiven Sicherheit aus dem
DNB. London, 11. Juni. (Eig. Funkmeld.)
Auf einem gestern abend veranstalteten großen
Bankett des Klubs von 1900, an dem der
Finanzminister Neville Chamberlain, Lord
Londonderry, Winston Churchill u. a. teilnah
men, machte der Finanzminister bemerkens
werte Ausführungen zur britischen Politik
und zur gegenwärtigen Lage.
Nach einleitenden Worten ging der Redner
auf den italienisch-abessinischen Konflikt ein