Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

^NJahrganq Nr. 135 
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) 
Freitag, den 12. Juni 
P. Jillivo / Spaniens Kirchen rauchen... 
Nati Morales, Spaniens große Tänzerin, spricht 
Anläßlich der Spanienschau der Buchhandlung 
Siecke bringen wir heute einen Beitrag eines 
Verfassers, der die Verhältnisse in Spanien 
gut kennt. 
»O Granada, wer deinen Himmel nicht sah, 
vllte lieber blind geboren sein", singt Zorilla. 
^ war unter Andalusiens Sternennachthim- 
jļ 1 ^, daß sie einander begegneten, der Nord- 
rutsche Friedrich Christiansen und die Spa- 
"serin Nati Morales, deren Vorname „Nati- 
^idad" Geburt heißt, Geburt Christi, Weih- 
echten. 
-Es ist eigenartig, daß gerade ihr Vorname 
Deutschlands innigstes Fest bedeutet. In 
Deutschland, wo man ihr auch wegen ihrer 
^umfassenden Kunst der Tangos flamencos, 
àruccas, Boleros, Jotas aragonesas, Sole- 
^^es zujubelte, fand sie zuerst das Verstand 
es für ihre Innerlichkeit, für ihr bewußtes 
schöpfen aus den Quellen der Volkskraft. 
-Als Friedrich Christiansen, der feinsinnige 
summier spanischer Sitten und Brauchtums, 
Spaniens Cicerone und zugleich prophetischer 
Münder, in dieser Nacht im Säulenhof des 
şi'aiserpalastes Karl V. auf dem Alhambrahügel 
,tl Granada Nati Morales tanzen sah, da 
^urde alles Symbol. Man feierte in Granada 
sie Feria, und die vornehme Welt hatte sich 
«Um Fest des Centro artistico im alten, un- 
^llendet gebliebenen Kaiserpalast eingesun 
gn. Nati Morales tanzte. Als Zugabe spendete 
Ne „La vida breve" (das kurze Leben) von 
Manuel de Falla. Einen Armvoll Andalusiens 
^îosen warf Christiansen ihr zu. 
Nati Morales, die er hier zum ersten Male 
>ah, hatte nur für ihn getanzt, sie war ihm 
ge Verkörperung Spaniens. Es war wohl kein 
gufall, daß gerade ein Deutscher im alten 
Ķuiserpalast dieser Spanierin begegnen sollte, 
Nr fein-innerlichen Frau trotz all ihres sprü- 
Nnden, lebensfunkelnden Ausdrucks. Ich will 
ssicht reden von dem nächsten Tage, an dessen 
Spätnachmittag die beiden, die Spanierin und 
Nr Deutsche, an der Stelle einer früheren 
-Noschee, der jetzigen Kirche Ş. Salvador, einem 
Wagen entstiegen, und die Nati vor dem Hin- 
urgrund des Märchenschlosses Alhambra mit 
öem Darro-Tal und dem Grün des Monte de 
Asabica im letzten Sonnenglühen ihre 
^änze tanzte, Spanien tanzte. Das wollen wir 
Friedrich Christiansen sagen lassen, der in 
leinem dritten Spanienbuch „Festliches Spa 
nien" ^Bibliographisches Institut) in der Be 
treibung dieses Tages und von Natis Tän 
zen zu dichterischer Offenbarung seinen Seher 
blick weitet. Wenn ein Mensch, Bürger eines 
anderen Staates, so tief in die Seele eines 
Volkes lauschte, dann hat er in unserem heu 
tigen Sinne ein Werk des Friedens vollbracht, 
eine Tat größten kulturellen Ausmaßes zur 
friedlichen geistigen Zusammenarbeit der 
Völker, auf die sein Land stolz sein kann. Wie 
ein Fanal schrieb Christiansen sein Werk an 
Europas Himmel: die Welt horchte auf, was 
dieses Land, auf das sich wegen der jüngsten 
Unruhen die Blicke der Länder richteten, ihr 
gab, und was es seinem alten Kulturgehalt 
nach ihr noch geben kann! 
„Wie ein Sternenhaufen flimmerte der Ort 
Santa Fe — Heiliger Glaube — aus der Ferne 
des untergehenden Tages zu uns", schreibt 
Christiansen. „Von hier hatte Isabel la Catö- 
lica die Belagerung Granadas geleitet. Im 
Gebüsch flüstert es: Der Glaube hat gesiegt." 
„Sie wissen, daß man spanische Kirchen anzün 
dete . . .", sagt mir Nati Morales, die gerade 
den Kontinent wieder verlassen will, „das ist 
über jegliche Politik hinaus tief traurig, denn 
sie sind wunderbare Denkmäler der Kunst spa 
nischen Ausdrucks, Monumentos muy artisti- 
cos." Doppelt schmerzlich klingt es aus dem 
Munde der Frau, die so feine Worte über den 
spanischen Volkstanz gefunden hat. Und so 
glauben wir ihr, wenn sie, die einmal nach dem 
Westen, dem Osten, dann wieder in den Süden 
und hinauf zum Norden der Well fährt, um 
die Menschen mit ihrer Kunst zu beglücken, 
von Herz und Gemüt der Deutschen spricht. 
Allerlei rms aller Welt 
Mückenplage auf Insel Urk. 
Die Mückenplage in den durch Trocken 
legung eines Teiles des Zuidersees gewon 
nenen Gebieten nimmt unglaubliche Formen 
an. Von der Insel Urk wird berichtet, daß 
Riesenschwärme von Milliarden von Mücken 
der Familie Gyronomus in dichten Wolken 
in der Luft hängen. Das Geräusch, das die 
Insekten erzeugten, sei dem Motorengerüusch 
von Flugzeugen ähnlich. 
Es sei unmöglich, der Plage zu entgehen, 
die eine ernste Gefährdung der Gesundheit 
bilde. Die Ursache für das Auftreten der 
Mückenplage liege darin, daß der Salzgehalt 
des Jjsclmeeres, des Restes des Zuidersees, 
nahezu völlig zurückgegangen sei, so daß die 
Gyronomus-Mücke, die ihre Eier nur in 
Süßwasser ablege, geradezu „ideale" Brut 
rung für die rätselhafte Erscheinung abzu 
geben. 
Pompejanische Goldschmiedekunst. 
Bei der Ausgrabung eines Wohnhauses in 
Pompeji wurden soeben einige Goldschmiede- 
arbeitcn gefunden, die als Prachtstücke antiker 
Kunst anzusprechen sind. In dem Schmuck 
kasten befanden sich Haarpfeile aus Gold- 
filigran, doppelhenkelige Schalen, Ohrringe 
und Bandstücke aus Goldgewebe. 
Käse gegen Kopfschmerzen. 
Einem holländischen Vertrauensarzt fiel es 
seit einiger Zeit auf, daß die von ihm in 
regelmäßigen Abständen untersuchten Arbeiter 
einer großen Käsefabrik so gut wie überhaupt 
nicht an Kopfschmerzen litten. Er untersuchte 
die Ursache dieses seltsamen Befundes und 
kam zu dem Ergebnis, daß der Käsegeruch in 
nerhalb der Fabrik als ein wirksames Vor 
beugungsmittel gegen Kopfschmerzen aller 
Art anzusehen sei. Zur Zeit arbeitet der 
Arzt noch daran, aus den verschiedenen Küse- 
düften diejenigen herauszufinden, die das 
Aufkommen von Kopfschmerzen verhindern. 
Ein rot-weißer Rehbock. 
In Württemberg, im Eulenbogental beob 
achtet man seit mehreren Monaten einen auf 
drei Jahre geschätzten Rehbock, der eine ab 
norme Färbung zeigt, und zwar rot und weiß. 
Seine weißen Flecke machen ihn von weither 
kenntlich. Man nimmt an, daß es sich um eine 
Degenerierungserscheinung handelt. Um fest 
zustellen, ob der Bock fortpflanzungsfähig ist, 
hat der Kreisjügermeister ein Schußverbot er 
lassen. 
WrާZr Şîs schon, ♦.. 
daß man in Los Angeles bei den verschiedenen 
Splittersektcn Doktor-Titel der Himmelswis 
senschaften schon zum Preise von 12 Dollar er 
werben kann? „Bischofs"-Titel kosten das 
Doppelte. 
* 
daß in Ohio im Pique-Gefängnis der Sträf 
ling Jack Reynolds es verstanden hatte, nach 
einem ganz neuen Verfahren für sich selbst ein 
vorzügliches Gebiß aus Aluminium herzu 
stellen? 
daß man in Amerika neuerdings Nägel, die 
durch ein hydraulisches Preßverfahren aus 
Papier hergestellt wurden, verwendet? Der 
Vorteil dieser Nägel liegt darin, daß sie auch 
bei elektrischen Anlagen Verwendung finden 
können, ohne einen Stromschluß herbeizufüh 
ren. 
* 
daß man die Zahl der in Betrieb befindlichen 
Motorfahrzeuge auf 35 Millionen schätzt? Da 
von entfallen 2 Millionen auf England. 
* 
daß, wie neuere Feststellungen ergaben, die 
Schlangen mit den Zungen hören? Die Spitzen 
der Zungen sind so empfindlich, daß sie auch die 
leisesten Geräusche, die schwächsten Vibratio 
nen wahrzunehmen vermögen. 
Sie müsse« zur SlWWde mW,... 
daß der Turnerwahlspruch „Frisch, frei, fröh 
lich, fromm" von Jahn stammt, 
* 
daß 1860 in Coburg das erste deutsche Turn 
fest stattfand, 
* 
daß in demselben Jahr in Berlin der erste 
deutsche Frauenturnverein unter dem Namen 
„Thusnelda" gegründet wurde, 
* 
daß im Aztekenreich es ein sogenanntes 
Steißballspiel gab,- der Ball durfte nur mit 
dem Gesäß befördert werden, 
daß das Turnabzeichen aus vier F in Kreuz 
form von dem Kupferstecher Felsing im Jahre 
1846 geschaffen wurde, 
* 
daß 1816 in Hamburg die Gründung des 
ältesten, jetzt noch bestehenden deutschen Turn 
vereins, der „II. Turnerschaft" stattfand. 
Heitere Ecke 
Applaus. 
„Gestern", sagt ein guter Freund zu dem 
Schauspieler Luigi Antonelli, „gestern abend 
war ich vor deiner Wohnung und habe dir ein 
Zeichen gegeben. Aber du hast dich nicht ge 
meldet, obgleich ich weiß, daß du zu Hause ge 
wesen bist." 
„Und wie hast du dich bemerkbar gemacht?" 
will Antonelli wissen. 
„Ich habe gepfiffen." 
„Und du denkst wirklich", erwiderte der 
Schauspieler, „ich werde mich zeigen, wenn je 
mand pfeift? Ja . . . hättest du geklatscht, 
daun wäre ich sofort herausgekommen." 
Kleine Nachtmusik 
Erzählung von K. R. Neubert. 
Seit einiger Zeit besaß sie ein Koffergram 
mophon. Sie hatte sich das Geld dafür Mark 
Ihr Mark zusammengespart. Wie für ihre 
Schneeschuhe zum Beispiel, oder für den Foto 
apparat. Das Koffergrammophon hatte ihr 
Noch gefehlt. Sie liebte es, sich die Abende, 
!Nnn sie allein war, zu kleinen Festen auszu- 
Nbnücken. Dazu gehörten gute Bücher und 
-Nrrsik. Nun hatte sie also das Koffergrammo 
phon und für den Anfang drei, vier gute 
Schallplatte». Mit der Zeit würde ihr Reper- 
Nire schon größer werden. Es war schön, dafür 
à sparen und dann in den Laden zu gehen, 
î'ch wieder etwas auszusuchen und mit dem 
Serien Besitz heimzueilen. Es war schön, dann 
îp den eigenen vier Wänden das Koffergram- 
^ophon hervorzuholen, die neue Platte anfzu- 
Mn und träumend dazusitzen. Ihre letzte 
Erwerbung war Mozarts „Kleine Nacht 
musik", aber sie hatte sich erst die eine Platte 
Mit dem ersten und zweiten Teil kaufen kön- 
pen. Ju drei Wochen, wenn es wieder Gehalt 
würde sie sich die noch fehlende zweite 
blatte besorgen. 
-Inzwischen spielte sie fleißig die eine Platte, 
^ie war ganz verliebt in ihre „Kleine Nacht- 
Musik". Es störte sie gar nicht, daß die beiden 
Mtzten Sätze fehlten. Sie merkte es gar nicht. 
E/r Reichtum der Melodien füllte ihr Herz. 
die Musik verklungen war, klang ihr 
^erz weiter. 
-Wieder einmal feierte sie ihr „kleines Fest". 
Es war die Stunde des Abends, in der man 
Mich unentschlossen zu überlegen pflegt, ob 
Man nicht doch fortgehen sollte. 
,.Ņîan sitzt immer in seinem Zimmer. Die 
"hr tickt. Die Zeit rinnt rastlos weiter, wäh- 
send wir zaudern. Man lauscht. Jemand geht 
Ze Flurtreppe hinunter. Wohin? Noch einmal 
der Abend in seine Lichtflut. Ob man 
Mcht doch lieber fortgeht? Warum ruft nie 
mand an? — Noch unentschlossen greift man 
N einem Buch oder zum Koffergrammophon. 
.Nan beginnt zu lesen oder Musik zu hören. 
î^Ud plötzlich denkt man: eigentlich ist es schön, 
^ Zu Haus! Wenn nur niemand anruft! — 
5uch Maria hatte so ihr Koffergrammophon 
hervorgeholt und wieder einmal ihre Mozart- 
şmttr aufgelegt. Sie bedauerte nicht mehr, 
nicht fortgegangen zu sein. Immer, wenn sie 
diese Musik hörte, wurde sie still, fast wunsch 
los; eine sanfte Heiterkeit erfüllte sie. Ganz 
in Gedanken zog sie das Grammophon wieder 
auf, und in diesem Augenblick fiel ihr ein, daß 
sie sich die zweite Platte nun aber bald besor 
gen müßte. So ließ sie die Walze leer wieder 
abrollen, und sie war eben im Begriff, das 
Grammophon wegzustellen, als es draußen 
klingelte. Da sie wußte, daß ihre Wirtin ins 
Kino gegangen war, ging sie öffnen. Ein 
Junge stand da und sagte: „Das soll ich hier 
abgeben!" Verwundert nahm Maria einen 
Brief und einen Karton in Empfang. Auf dem 
Brief stand: „An das Fräulein mit dem 
Grammophon." 
„Hallo!" rief sie dem Jungen nach, der rasch 
wieder hinuntergeeilt war. Der Junge meldete 
sich nicht mehr, im ersten Stock klappte eine 
Tür zu. „Seltsam!" dachte Maria und ging in 
ihr Zimmer. Dann las sie den Brief: „Nehmen 
Sie mir bitte nicht übel, mein verehrtes Fräu 
lein mit dem Grammophon, daß ich Ihnen 
anbei den zweiten Teil zu Mozarts „Kleiner 
Nachtmusik" übersende Ich habe das Ver 
gnügen, unter Ihnen zu wohnen. Vergnügen, 
sage ich mit Absicht, weil ich Musikliebhaber 
bin. Sie haben ein paar sehr schöne Schallplat 
ten, wie ich feststellen durfte, wenn ich abends 
allein war. Glauben Sie mir, daß ich manch 
mal fortgehen wollte und dann blieb, weil 
Sie Ihre schönen Platten spielten. Ich sitze 
dann so still und gedankenvoll im Sessel, wie 
Sie vermutlich auch. Vielleicht steht Ihr 
Sessel sogar auf demselben Platz. Vielleicht 
haben wir sogar ähnliche Gedanken, Gedan 
ken über Alleinsein, über Musik, über, na ja 
.. . über die Liebe. 
Seit einiger Zeit spielen Sie eine Mozart- 
platte. Ich muß Ihnen bekennen, daß ich ein 
glühender Mozartverehrer bin. Die „Kleine 
Nachtmusik" ist mir besonders lieb. Sie ist ein 
Juwel. Eben darum bin ich, seitdem Sie diese 
Platte spielen, aufgeregt und traurig. Sie 
haben Geschmack, sagte ich mir, Sie sind musi 
kalisch. Beim zweitenmal aber war ich erstaunt, 
denn Sie ließen es wieder beim Allegro und 
Adagio. Beim drittenmal war ich erschrocken. 
Jetzt werde ich nervös, so oft Sie mit der 
„Kleinen Nachtmusik" anfangen. Ich kann Sie 
richtig sehen, wie Sie die Platte auflegen. 
Wenn sie abgelaufen ist, zittere ich. Was 
kommt jetzt? Legt sie endlich die zweite Platte 
auf? Spielt sie endlich einmal das Stück zu 
Ende? Aber es bleibt oben still oder — nach 
einer Weile klingt etwas gauz anderes auf. 
Ich bin ein Mozartverehrer. So darf ich Sie 
wohl bitten, die noch fehlende zweite Mozart 
platte von mir annehmen zu wollen. 
Paul Bode, 
Untermieter bei Frau Schulz." 
„So eine Frechheit!" sagte Maria. Der 
Mensch da unten schickte ihr wirklich die zweite 
Mozartplatte. Er sollte hören, wie sie auf dem 
Fußboden zerschellte. — Nein, wie dumm! 
Was konnte Mozart oder die Schallplatte für 
die Keckheit dieses Herrn Bode? Zurückschicken 
mußte man die Platte. Wenn Frau Krause da 
wäre, müßte sie gleich hinuntergehen. Sie 
selber konnte es doch nicht tun. Na, morgen! 
Sie stellte nun energisch das Koffergrammo 
phon in die Ecke, verschloß die Platten, auch 
die von Herrn Bode, und vertiefte sich in ein 
Buch, das ihre Gedanken von Herrn Bode und 
seiner Schallplatte ablenkte. 
Aber als sie im Bett lag und nur noch die 
kleine Nachttischlampe brannte, griff sie noch 
einmal nach dem Brief, und nun fand sie ihn 
gar nicht mehr so ärgerlich, sie kicherte sogar 
vergnügt vor sich hin und schlief lächelnd ein. 
Sie ließ am nächsten Tage die Schallplatte 
nicht durch Frau Krause zurückbringen. Wohl 
verwahrt lag sie bei den anderen Schallplatten, 
doch hatte Maria seit jenem Abend eine ge 
wisse Scheu, ihre Mozartplatte zu spielen. Mit 
Herrn Bode war sie inzwischen ein paarmal 
im Flur zusammengetroffen, er hatte sie ge 
grüßt, und sie war rasch, kaum daß sie mit dem 
Kopf nickte, weitergegangen. Es schien ihr das 
Beste, Herrn Bode, seinen Brief und seine 
Schallplatte zu ignorieren. 
Vier Wochen hatte sie schon ihr Grammophon 
unbenutzt gelassen. Sie war abends öfter aus 
gegangen. Aber einmal hatte sie doch wieder 
das Bedürfnis, ihre Schallplatten zu spielen. 
Gleich als erste legte sie ihre Mozartplatte auf. 
Ob Herr Bode zuhörte? Vielleicht war er gar 
nicht zu Hause? Sie war unwillig, daß sie an 
Herrn Bode dachte. Was ging er sie an? Sie 
spielte doch für sich. Und überhaupt: was waren 
das für dumme Gedanken bei einer Musik von 
Mozart! Sie konzentrierte sich wieder auf die 
Musik. Schloß die Augen. Lauschte. Und doch 
konnte sie nicht verhindern, daß ihre Gedan 
ken zu Herrn Bode abirrten. Ja, die Musik 
verleitete sie gerade dazu. Sie sah ihn in sei 
nem Zimmer. Bei den ersten Takten der 
„Kleinen Nachtmusik" war er wie elektrisiert 
zusammengefahren. Jetzt lauschte er. Jetzt be 
gann er nervös mit den Fingern auf dem Tisch 
zu trommeln. Es zuckte in seinem Gesicht. Oh, 
die Platte war abgelaufen. Jetzt kam die Rück 
seite dran. Kleine Pause. Maria mußte die 
Kurbel drehen. Der zweite Satz begann. Herr 
Bode mochte nervöser werden. Bei dieser himm 
lischen Musik. Er mochte nervöser mit den 
Fingern auf den Tisch trommeln! Bei Mozart! 
Aber vielleicht war er gar nicht zu Hause? 
Schade! Warum schade? 
Auch die Rückseite war abgelaufen. Maria 
drehte wieder auf. Sah nicht Herr Bode durch 
die Decke? Hörte sie nicht seinen Atem herauf 
keuchen? Hörte sie nicht das Trommeln seiner 
Finger? Einen Augenblick, Herr Bode, einen 
Augenblick . . . 
Es war nur die Eingebung einer Sekunde. 
Es war nur der Instinkt der Finger, die nach 
den Schallplatten griffen. Ebensogut hätte sie 
die Haydnplatte ergreifen können. Aber nun 
war es die zweite Mozartplatte. Sind Sie zu 
frieden, Herr Bode? Ich wollte eigentlich nicht 
.. . aber ich mußte .. . plötzlich .. . Sie haben 
mich so an . . . Oder sind Sie gar nicht zu 
Hause? Schade! Maria dachte es zum zweiten 
mal. Die Schallplatte lief. Die Musik brach in 
die Stille. Das ganze Zimmer war voll Musik. 
Maria begann sich plötzlich zu bewegen, sich zu 
drehen. Sie tanzte. Es war ein graziöses 
Schreiten und Wiegen. Es war, als schritte sie 
über eine Wiese im Mondlicht. Die Zimmer- 
wände waren gefallen, man konnte rings über 
Wald und Feld sehen, und darüber stand der 
Sternenhimmel. 
Es gab ein Knacken im Apparat, die Platte 
war abgelaufen und automatisch abgestellt. 
Maria erwachte aus ihrem kleinen Rausch, 
eilte zum Grammophon und zog es rasch 
wieder auf. Still im Sessel sitzend, hörte sie 
dann das Finale. Eine große Heiterkeit war 
in ihr. Auch als die Musik verklungen war, 
blieb sie noch eine Weile wie gebannt sitzen. 
Sie lauschte. Sie war ganz blaß vor Span 
nung. Ja, jetzt . . . Herr Bode da unten . . . 
er hatte es gehört, jetzt klopfte er an die Decke, 
dreimal. Da klopfte sie wieder, auch dreimal. 
Es klang wie „Danke schön!" und „Bitte sehr!" 
Von da ab beschränkte sich ihre Unterhaltung 
nicht nur auf Klopfzeichen. In der Folge ge 
nügten zum Austausch ihrer Empfindungen 
nicht mal mehr die schönste» Mozartplatten...
	        
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