Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Der Neubau der Werft Blohm & Botz 
Das nette Segelschulschiff der Reichsmariue 
„Gorch Focks" Schwesterschifs 
(Atlantic, K.) 
Das neue Segelschulschiff „Horst Wessel" 
der Kriegsmarine, das, wie sein etwas kleine 
res Schwesterschiff „Gorch Fock" der Ausbil 
dung des seemännischen Nachwuchses der 
Kriegsmarine dient, ist hauptsächlich für Fahr 
ten in den heimischen Gewässern bestimmt. Die 
Hauptabmessungen sind: größte Länge des 
Schiffsrumpfes 81 Mir., größte Länge mit 
Bugspriet 90 Mtr., größte Breite 12 Mtr. Der 
Tiefgang betrügt 5 Mtr., die Wasserverdrän 
gung 1780 To. Das Schiff ist eine Dreimast 
bark mit einer größten Segelfläche von etwa 
2000 Quadratmeter. Die Höhe der Masten über 
der Wasserlinie beträgt etwa 43 Mtr. Ein 750- 
PS.-MAN-Hilfsmotor befähigt das Schiff, nur 
mit Motorkraft fahrend eine Geschwindigkeit 
von zehn Knoten zu erreichen. 
Etwa 200 Anwärter für die verschiedenen 
Laufbahnen der Marine können mitschiffs in 
zwei großen Räumen auf dem Zwischendeck 
untergebracht werden. Sie schlafen in Hänge 
matten, haben aber auch wcgklappbare Tische 
und Bänke in ihren Räumen. Außerdem ist 
eine ständige Besatzung von neun Offizieren, 
13 Feldwebeln, 26 Unteroffizieren und etwa 
30 Mann an Bord. Die Offiziere und Feld 
webel wohnen im Hinterschiff, die Unteroffi 
ziere und Mannschaften vorn. Im Unterschiff 
sind die erforderlichen Vorratsräume sowie 
der Maschinenraum untergebracht. 
Das neue Schulschiff ist durch wasserdichte 
Schotten unterteilt, daß es schwimmfhüig bleibt, 
wenn eine beliebige Abteilung voll Wasser 
läuft: an den Enden können zwei Abteilungen 
ohne Gefahr für das Schiff vollaufen. Auch 
sonst sind beim Bau des Schiffes, der unter der 
Aufsicht des Germanischen Lloyd erfolgt, neben 
den Vorschriften der Kriegsmarine die für 
Fahrgastschiffe gültigen Vorschriften eingehal 
ten. Für die Heizung der Wohnräume ist eine 
Warmwasserheizungsanlage vorgesehen. Auf 
gute Lüftung ist besonders Wert gelegt: das 
ganze Schiff wird durch ein Netz von Luftkanä 
len künstlich gelüftet. Alle Deckshilfsmaschinen 
wie Ankerwinde, Verholspille, Steuermaschi 
ne werden dem Zweck des Schiffes entsprechend 
von Hand betätigt. Eine Bewaffnung ist nicht 
vorgesehen. Elektrischer Strom, der durch drei 
Dieseldynamos und nachts durch eine Akku 
mulatorenbatterie erzeugt wird, dient zur 
Speisung des Lichtnetzes und zur Heizung der 
Küchenapparate wie Kochherd, Kochtöpfe, Back 
ofen. An Booten sind vorgesehen eine Motor 
jolle, drei Kutter und eine dem Segelsport die 
nende Sharpiejolle. Das Schiff erhält Funken 
telegraphie, Echolotanlage, einen kleinen Si 
gnalscheinwerfer und zwei Sirenen mit Druck 
luftbetätigung. 
Der Neubau ist das 33. von der Werft Blohm 
u. Voß gebaute Segelschiff. Das Schiff wurde 
am 1. November 1935 bestellt. Am 13. Februar 
d. I. wurde der Kiel gelegt: die Ablieferung 
wird im September erfolgen. 
Alles in allem wird die „Horst Wessel" also 
die neuesten Fortschritte und Erfahrungen im 
Segelschiffbau in sich vereinigen und damit die 
Gewähr bieten, daß sie sich dessen, der ihr sei 
nen Namen gab, auch in schiffbaumäßiger Hin 
sicht würdig erweisen wird. 
Der Klang von Skagerrak 
Von Oberstleutnant a. D. V e n a r y. 
Als wir heranwuchsen, da gehörte unser 
Herz der deutschen Flotte. Wir sahen sie auf 
blühen, erstarken. Sie schien uns der Aus 
druck der Macht, der Kraft des jungen Rei 
ches, ihr schien der Sieg gewiß, selbst über 
Englands alterstolze Geschwader. 
Dann kam der Krieg. Gespannt horchten 
wir gen Norden. Doch keine Siegeskunde flog 
zu uns vom Nord-, vom Ostmeer. Untätig 
lag die Hochseeflotte in den Häfen, nur Kreu 
zer und U-Boote hielten den Waffenruhm 
aufrecht auf kühner Fahrt. Verwundert frag 
ten wir: „Was plant man, warum setzt man 
sie nicht ein?" Wir armseligen Landratten 
ahnten ja nichts von den politischen, strategi 
schen, taktischen und technischen Bedenken in 
den Kanzleien und Stäben, für uns hieß es 
nur: „Drauf und durch!" Ob Feld, ob See, 
überall galt es zu fechten und zu sterben für 
Deutschland. 
Monate vergingen, Jahre! Wir stritten im 
Westen, im Osten. Wir dachten kaum noch an 
die dritte Front, dort oben im Norden. Nur 
allmählich begann die Blockade zu schnüren, 
nur hier und da zuckte es wie ein Wetter 
strahl aus dem Gewölk, hallten Namen wie 
Weddingen, Dohna an unser Ohr. 
Wieder ward es Frühling. In Galizien la 
gen wir. Eine seltsame Unruhe zitterte seit ein 
paar Tagen durch unsere sonst so ruhige 
Front. Die Brussilow-Offensive warf ihre 
Schatten voraus. Mich duldete es nicht in der 
Batterie. Zum Regiment ritt ich, Neues zu 
hören, Erfahrungen auszutauschen. Rings 
um Blühen und Grünen, Wachsen und Wer 
den, tiefer Frieden, kein Schuß von hüben und 
drüben, von Flieder, Kastanien verdeckt das 
Panjehaus. Auf der Schwelle der Oberstleut 
nant, die Mütze im Nacken, ein Blatt in der 
Hand. Schon von weitem winkt er: „Wissen 
Sie schon? Die Flotte schlug vor Jütland die 
Briten!" „Wirklich?" Ich sprang vom Pferde 
und griff nach dem Blatt. Da stand es 
Schwarz auf Weiß, der ersehnte, der große Er 
folg der Kameraden auf See! Und zum 
Schluß der Zusatz des Allerhöchsten Kriegs 
herrn: „Ist sofort allen Truppen bekannt zu 
geben." Ich eilte heimwärts, die Batterie trat 
an, ich verlas die Botschaft, die Gesichter 
strahlten, ein Hurra zerriß die Stille. Dann 
gingen wir auseinander. Der Dienst ruhte. 
Aber in den Unterständen hockten sie beiein 
ander die alten Landwchrleute aus Niöder- 
sachsen, die jungen Kriegsfreiwilligen aus 
Hamburg. Sie kannten die See, die Flotte- 
Sie tauschten Rede und Ansicht über Ausmaß 
und Wert des Sieges, sie schmunzelten in Ge 
danken an die Wut, an die Enttäuschung i rt 
England und kargten nicht mit Lob, mit An- 
erkennnng für Schiffe und Besatzung. Frei 
lich, gar mancher ward auch still, gedachte in 
Sorge des Bruders, des Freundes, der dabei. 
Manch Becher Wasser wurde in unsern Wein 
gegossen. Die erhofften politischen Folgen lie 
ßen auf sich warten, die Blockade blieb be 
stehen. Allmählich begann man zu ahnen, wie 
hart der Kampf war, wie schwer die Verluste- 
Da schüttelte mancher das Haupt. Der Land- 
soldat, dem Geländegewinn Erfolg bedeutet, 
kann schwer verstehen, daß zur See Sieger 
und Besiegte den Kampfplatz räumen, daß der 
moralische Gewinn meist den tatsächlichen 
übertrifft. Ich aber saß auf der Bank vor 
der Beobachtung auf der Höhe und sah träu 
mend in das Strypatal, in dem das Artille 
riefeuer der anhebenden Schlacht brodelte. Auf 
meinem Schoß lag das Buch Gorch Focks, des 
Mannes, der seine Liebe zum Meere, seine 
Treue zu Deutschland mit dem Tode besiegelte, 
der sein Seemannsgrab fand in jener Schlacht 
vom 31. Mai. Meine Hand strich drüber hin, 
mein Herz schlug voll Zuversicht: „Seefahrt 
ist not!" 
Allerlei arrs aller Welt 
Der Negus als Filmdarsteller? 
Dem Negus soll bei seiner Ankunft in 
Jerusalem von einem Vertreter einer großen 
amerikanischen Filmfirma angeboten worden 
sein, die Hauptrolle in einem speziell für ihn 
geschriebenen Film zu übernehmen. Man soll 
dem Negus das Angebot nicht nur durch ein 
außergewöhnlich hohes Honorar, sondern auch 
dadurch schmackhaft gemacht haben, daß man 
ihm im Nahmen der Spielhandlung weitge 
hendste Propaganda für seine Interessen zu 
gestanden hat. Weiter wird behauptet, daß auch 
ein amerikanisches Zirknsunternehmen dem 
Negus für eine Monatsgage von 150 000 Dol 
lar zu gewinnen versuchte. Der Negus soll 
jedoch über dieses Angebot derart empört ge 
wesen sein, daß er den Vertreter dieser Firma 
persönlich hinauswarf. 
* 
2vv Millionen Jahre alte Funde. 
Dem Museum in Kapstadt sind aus Rhode 
sien 30 Kisten mit Fossilien zur Begutachtung 
und Aufbewahrung übersandt worden. Eine 
Expedition hatte in einer fast unzugänglichen 
Gegend in Nordrhoöesien ein riesiges Fckd 
entdeckt, das unzählige Ueberreste an vorge 
schichtlichen Reptilien barg. Sachverständige 
schätzen das Alter der Funde auf 200 Millio 
nen Jahre. Die Reste waren in stark eisenhal 
tiges Gestein gebettet, und es wird noch Mo 
nate angestrengter Arbeit bedürfen, bis alle 
Funde geborgen sein werden. 
* 
„Queen Mary" ausgeplündert. 
„Queen Mary", das englische Riesenschiff, 
wurde in Newyork von 40 000 Besuchern be 
sichtigt. Trotz einer Spezialwache wurden Ga 
beln, Löffel, Uhren, Kalender, Aschbecher, Va 
sen und andere Gegenstände als Andenken 
gestohlen. 
Sie müsse« zur LlyWisde Wisse«.... 
daß Deutschlands erster Berussboxmeister 
der Hamburger Otto Fint war, der 1912 den 
Mittelgewichtstitel errang, 
* 
daß 1912 und 1913 im Hamburger Curio- 
Haus die ersten deutschen Amateurboxmeister 
schaften ausgetragen wurden, 
* 
daß der prominenteste Boxer, Jack Dempsey, 
im Jahre 1918 zehn beste Schwergewichte!! 
Amerikas k. o. schlug. 
* 
daß es Max Schmeling gelang, nach über 
fünfzig Jahren den Weltmcistertitel iw 
Schwergewicht nach Europa zu holen. 
Toni Zaggler / 
Urheberrechtsschutz durch Verlagsanstalt Manz, 
München. 
Nachdruck verboten.— 
Bruggstein lacht ein sonderbares 
Graf 
Lachen. 
„Sreht gut aus. Hat sich aber eine verrückte 
Idee in den Kopf gesetzt. Will nicht heiraten." 
„Nicht heiraten?" wiederholt Toni verständ 
nislos, und seine Gedanken machen einen 
großen Sprung rückwärts, bis zu jenem 
Abend, wo sie mit zitternden Fingern seine 
Wange gestreichelt hat. 
„Nein, sie will nicht heiraten", wiederholt 
der Graf und wendet das Gesicht seinem Jäger 
zu, als wolle er von diesem einen Rat hören. 
Es ist seltsam genug, daß ein Mann wie Graf 
Bruggstein einem jungen Jäger solche Dinge 
erzählt. Und er fragt ihn auch wirklich: 
„Was sagst du dazu, Toni?" 
„Ja, was kann man da sagen, Herr Graf? 
Sie wird schon ihre Gründe haben." 
„Du hast doch die Juta schon gekannt, als sie 
noch ein Kind war. Getollt und gesprungen ist 
sie den ganzen Tag wie ein Bub. Und jetzt ist 
sie ganz still geworden. Aus Schloß Wandeck 
will sie ein Blindenheim machen. Erst hab ich 
gemeint, ich kann es ihr ausreden. Aber sie 
bleibt fest bei ihrer Absicht. Arme, elternlose 
Kinder will sie um sich sammeln —" 
Graf Bruggstein schüttelt den weißen Kopf 
und schweigt. 
Auch Toni kann sich mit Jutas Idee nicht 
zurechtfinden. Was mag nur in dieses lebens 
frohe Mädchen geschossen sein. Wenn man mit 
ihr reden könnte, denkt er. 
Unwillkürlich wendet er den Kopf und blickt 
in die Tiefe. 
Da unten liegen Frühlingswiesen, weiter 
rechts ein dunkler Fichtenwald, aus dem wie 
ein weißes Wunder die Zinnen von Schloß 
Wandeck in den Abendhimmel ragen. Dort in 
diesem Park liegt ein Stück ihrer Kinderzeit. 
Ein Lachen klingt da herauf aus tiefer Versun- 
.enheit. Zehn, fünfzehn Jahre sollen nun da 
schon dazwischen liegen? Toni meint, es sei 
erst gewesen. Und drei Jahre sollen es nun 
schon sein, daß Juta fort ist? 
Hochlandsroma» tum Hans Ernst 
Grüße hat sie ihm sagen lassen. 
Sie denkt noch an ihn, den einfachen Vau- 
ernburschen. Plötzlich spürt er das Verlan 
gen, mit ihr wieder einmal einen Nachmittag 
zu verleben. Was gäb es da nicht alles zu er 
zählen! Von seinem Beruf allein schon und 
erst von seinem Glück mit Monika. Er wendet 
sich wieder um und will fragen, ob Juta schon 
unten sei im Schloß. Aber Graf Brnggstein 
hat sich inzwischen vor die Hütte begeben. Re 
gungslos steht er vor der Tür und blickt zu 
dem Frauenbildnis auf. Dann ein tiefer 
Atemzug, so laut, daß ihn Toni bis zu sich her 
hört, dann geht Graf Bruggstein in die 
Hütte. 
Bekümmert folgt ihm Toni und richtet sein 
Lager zurecht. 
Als sie am andern Vormittag von der Mor 
genpirsch heimkehren, füllt melodisches Herd- 
geläute die kleine Talsenkung um den Kiefern 
see. Die Sennerin vom Brandl bringt soeben 
ihre Herde vom Tal herauf. Allen voran der 
Preisstier Mylord. 
Bei der Jagdhütte verhält er einen Augen 
blick und reibt sich seinen wuchtigen Schädel 
an den Balken. 
Scherzhaft nimmt Graf Brnggstein einen. 
Stein und wirft nach ihm. 
„Renn mir nur die Hütte nicht um", sagt er 
dabei lachend. 
Der Stein ist nicht groß, aber er trifft den 
Stier scheinbar an einer empfindlichen Stelle. 
Mit einem dumpfen Laut macht er einen er 
schreckten Sprung zur Seite, steht dann mit 
gesenktem Kopf und schaut den Grafen an. 
Dann wendet er sich und trottet mit bimmeln 
der Schelle davon. 
Schicksalsschläge. 
Der Mai ist in diesem Jahre ein gewitter 
reicher Monat. Blitz- und Hagelschäden halten 
die Bauern in Aufregung. 
Beim Brandl hat auch ein Blitz eingeschla 
gen, aber nicht aus kupferroten Wolken, son 
dern in Form eines Schreibens, worin Wil 
helm Kerber dem Brandl die Hypothek kün 
digt. 
Kurzfristig bis zum ersten Juni hat er sie 
gekündigt. Schlechter Geschäftsgang würde ihn 
dazu zwingen, schreibt er. 
Der Brandl kennt aber den Grund besser 
und es trifft ihn wie ein Wetterstrahl. Seine 
Frau schreit es ihm ins Gesicht, daß er und 
Monika ganz allein die Schuld trügen, wenn 
es zur Versteigerung käme. 
Der Brandl antwortet darauf: 
„Anstatt mir Vorwürf zu machen, tatst du 
besser, mit mir beraten, wo ich das Geld her 
bring, um dem Kerber die Hypotheken heim 
zuzahlen." 
„Brauchst bloß dem Dirndl ihren Eigensinn 
brechen. Noch is sie net mündig und mutz sich 
fügen. Wenn sie den jungen Kerber heiratet, 
is alles gut. Ich kann dich gar net verstehn, 
Kaspar, was du ans einmal hast." 
„Was ich hab? Eingesehen hab ich, daß ich 
es dir zu leicht gemacht habe. Ich hätt dir die 
Zügel strenger halten sollen und net zuschau 
en, wie du das Geld zum Fenster hinaus 
wirfst." 
„Hätt ich knausern und sparen sollen? Dazu 
hätt ich dich net heiraten brauchen." 
Der Brandl steht mit aschfahlem Gesicht. 
Aber dann fliegt eine Blutwelle über sein 
Gesicht. Mit zwei wuchtigen Schritten tritt er 
vor seine Frau hin. 
„Jetzt geht bloß noch ab, daß du mir sagst, 
du hast überhaupt net mich, sondern den Hos 
g'heirat. Sag mir die Wahrheit!" 
Unwillkürlich duckt sich die Bäuerin vor die 
sen zornfunkelndcn Augen. Sie wendet ihren 
Blick zur Seite. 
„Antwort will ich!" schreit der Brandl wie 
von Sinnen und umklammert mit eisernem 
Griff ihr Handgelenk. 
Da reißt sie sich mit einem Ruck los und 
schlendert ihm ins Gesicht: 
„Ja, wenn du es wissen willst! Net dich hab 
ich g'heirat, sondern den Hof. Bäuerin hab ich 
werden wollen — die reichste Bäuerin im Tal. 
Leben hab ich einmal woll'n, wie es mir paßt." 
Der Brandt wird kalkweiß, dann wendet er 
sich langsam ab und geht mit müden Schritten 
hinaus. Draußen im Söller preßt er die Fäu 
ste an die hämmernden Schläfen. Von allem, 
was er bisher im Leben erfahren mußte, trifft 
ihn dies am schwersten. Er hat seine Frau bis 
heute noch genau so geliebt wie vor zwanzig 
Jahren, als er um sic geworben. Und er hat 
an ihre Liebe geglaubt, blindlings, unerschüt 
terlich und ahnungslos Nun ist alles vorbei, 
es gibt kein Zurück mehr zu ihr. 
Er bohrt seinen Blick in die dunkelste Ecke, 
des Hausflurs. Da ist ihm, als stünden seine 
Ahnen dort, stumm, mit ernsten, vorwurfsvol 
len Augen. Jetzt bewegen sie sich. Langsam, 
aber mit schwerem Schritt kommen sie auf ihn 
zu, Er sieht sie ganz deutlich: den Großvater, 
mit dem weißen Haar, dem schmalen Mund 
und darüber die scharfe Adlernase — der Va 
ter breit und wuchtig und noch gar nicht alt. 
Der Brandl wischt sich mit der Hand über 
die Augen, da ist die Vision weg. 
Er geht hinaus in den Garten. Dort blühen 
die Bäume, wie junge, prangende Bräute 
stehen sie im grünen Anger. Wie ein Traum- 
wandelnder geht der Bauer unter ihnen hin- 
Sonst ist er immer vor jedem Baum stehen 
geblieben, hat ihn bewundert in seiner weißen 
Blütenlast. Heute hat er für nichts Augen, 
alles erscheint ihm sinn- und bedeutungslos. 
Auf der Hub — das ist ein großer Buchen 
wald gegen Willing zu — sind die Mägde be 
schäftigt mit Laubrechen. Auch Monika ist da 
bei. Dorthin geht der Brandl. Lachen utt® 
Singen dringt schon von weitem an sein Ohr- 
Aber sie arbeiten, das sieht der Brandl von 
der Höhe ans, auf der er steht. Sie arbeiten 
sogar sehr fleißig, haben den ganzen Hang 
schon hinnntergerecht und türmen nun unten 
auf dem Fahrweg das Laub zu großen Haufen- 
Als der Bauer zu ihnen kommt, verstummt 
das Lachen und Singen. 
„Singt nur zu", sagt der Brandl. „Es kommt 
die Zeit noch früh g'nug, wo euch das Singen 
nimmer g'freut." 
Monika blickt ihren Vater an und erschrickt 
vor seinem vergrämten Gesicht. „Was ist denn 
los?" will sie fragen. Aber da sagt der Brandt 
schon: 
„Komm mit mir, Monika." 
Sie gehen eine Weile still nebeneinander bis 
zu einer Bank, wo sie sich niedersetzen. Da sķ 
der Brandl mit dumpfer Stimme in das 
Schweigen hinein: 
„Der Kerber hat mir die Hypothek 
kündigt." 
Monika zuckt wohl ein wenig zusammen, 
aber sie sagt ganz ruhig: 
„Damit hab ich gerechnet." 
„Wenn ich net zahl'n kann, wird der 
versteigert." 
„Es muß eine Hilf geben", sagt Monika fest- 
„Wo sollt ich denn ein Geld Herkriegen? 
(Fortsetzung 
r ,!»> Jy
	        
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