Jur Unter baltim
^29. Jahrgang f Nr. 138
Beilage der Schleswiq.Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt)
Dienstag, den 16. Juni 1936
Der Friesenhof «»artet ans die Olympia-
Kämpferinnen
450 Mädel im Kameradschaftsheim. — Brausebäder und Frisiersalon.
In diesen Wochen sind Tausende von
-Volksgenossen und Hunderte von Ausländern
Zum Olympischen Dorf nach D ö b e r i tz her
ausgepilgert, um sich anzusehen, wo die Sport
ler, die Berlin zur Olympiade beherbergen
wird, wohnen sollen. Immer wieder tauchte
oie Frage auf: „Das ist ja nur ein Männer-
oorf — wo werden denn unsere Olympiade-
Kämpferinnen wohnen?"
Ja, man braucht keine Angst zu haben:
auch für die Sportlerinnen ist zur Olym
piade auf das Beste gesorgt: der Friesenhof
wartet auf die Mädel!
Der Friesenhof: das erste Kameradschafts-
Heim für Sportlerinnen! Ein wunderschönes
Haus, das nach der Olympiade von der
Hochschule für Leibesübungen übernommen
werden soll, um es zu einem sportlichen
Internat auszubauen.
, Blitzblank sind die Fenster, funkelnagelneu
îst der ganze Bau, der nun darauf wartet,, die
450 aktiven Sportlerinnen zu beherbergen, die
aus aller Welt zu uns kommen. Wunderschön
werden die Frauen und Mädel es haben, der
Ģeist echter sportlicher Kameradschaft wird sie
Umweben.
Blickt man aus einem Fenster, so sieht man
zunächst einen großen Hof, dessen eine Seite
auf einen schön angelegten Garten geht. Licht
und Sonne fluten durch die Fenster, das merkt
Wan besonders in der großen Empfangshalle,
an die sich Säle und Vortragsräume anschlie
ßen, die Bibliothek, ein Lesesaal, ein großes be
hagliches Besuchszimmer, ein Musiksaal, ein
Rauchzimmer im Klubstil und Speiseräume.
lieber zwei Stockwerke erstrecken sich die
Schlafräume — d. h., es sind hier nicht etwa
gemeinschaftliche Schlafsäle — nein, jede Besu
cherin soll sich ja wie zu Hause fühlen, deshalb
hat jeder Schlafraum auch nur zwei Betten.
Hübsche bunte Gardinen, helle Möbel, für je
den einen geräumigen praktischen Schreibtisch
Und einen großen Schrank mit vielen Fächern,
Re alle zu verschließen sind — denn die Räume
aud ja für Frauen geschaffen, und Frauen
brauchen immer eine „Gemütskiste" zum Ab
schließen!
Wunderhübsch ist der Frisierraum im Par-
ierre, denn die Sportlerin legt ja auch beson
deren Wert auf ein gutes Aeußeres. Es er-
Haus ohne „Flirt".
frischt sehr, wenn man nach anstrengendem
Training sich von einem Fachmann die Haare
waschen lassen kann oder die ermüdeten Kopf
nerven mit einem Dampfbad stärken kann.
Alle modernen Apparate sind vorhanden, die
Amerikanerinnen mit ihren Dauerwellen oder
die Engländerin mit ihrer Lockenfrisur brau
chen nichts zu entbehren! Daß in einem
Sportheim ausgedehnte Massage- und Dusch
räume sind, ist ja selbstverständlich, im Frie
senhof ist aus diese Räume ganz besonderer
Wert gelegt worden.
„Gibt es hier auch so viele verschiedene Kü
chen wie im Olympischen Dorf?" fragt man
neugierig. Aber man erfährt, daß die Frauen
in dieser Beziehung nicht so anspruchsvoll sind
wie die Männer. Man hat nicht für jede Na
tion einen eigenen Speisezettel und Hne ei
gene Küche ausgearbeitet, sondern der Friesen
hof bezieht sein Essen aus zwei Zentralküchen,
die unter der Aufsicht des Norddeutschen Lloyd
stehen. Nach den neuesten Erfahrungen hat
man hier Speisezettel für die Sportlerinnen
ausgearbeitet, an nichts wird es fehlen, und
wenn irgendeiner Sonderwünsche hat, so
braucht er sie nur zu äußern — ans den Kü
chen des Friesenhofes wird alles hervorgezau
bert. Jeder soll sich zu zu Hause fühlen, und
wenn eine Sportlerin es gewohnt ist, zum er
sten Frühstück Pfannkuchen mit Ahornsyrup
zu essen oder heißen Haferbrei mit Karamel
sauce, so wird sie das bestimmt bekommen,
ebenso sicher wie etwa Milchkakao oder Ovo-
maltine. Biel Obst und Frischgemüse sind vor
gesehen, gebratenes Fleisch, Fische und zwei
mal in der Woche auch Geflügel. Will eine
Japanerin aber nur heimatliche Speisen essen,
Die Bretter, die die Welt bedeuten
Künstler-Anekdoten.
Die beiden Verschwörer.
Eine wandernde Schauspielertruppe führte
in dem Tanzsaal eines Dorfwirtshauses ein
handlungsreiches Spectaculum auf, das trotz
des zündenden Titels nur sehr mäßig besucht
war. Bei Beginn des zweiten Aktes mußten
zwei Verschwörer auftreten, zwischen denen sich
alsbald folgender Dialog entwickelte:
1. Verschwörer: „Sind wir allein?"
2. Verschwörer (nach einem Blick in den Zu
schauerraum): „So ziemlich."
Die Pawlowa und die Großfürstin.
Als die unvergeßliche Pawlowa wieder ein
mal in Italien war, erhielt sie von einer ih
rer treuesten Verehrerinnen, einer russischen
Großfürstin, die gerade am Lido den Frühling
verbrachte, die Einladung, au der Taufe ihres
jüngsten Sprößlings teilzunehmen.
„Ich bin wirklich beschämt", sagte die große
Tänzerin zu einem Bekannten, als sie über
die Einladung sprachen.
„Wieso?" wurde sie gefragt.
„Sehen Sie", erwiderte die Pawlowa. „Es
ist jetzt das dritte Mal, daß mich meine Freun
din zu der Taufe eines ihrer Kinder einlädt.
Und ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich solche
Freundlichkeit erwidern soll."
Die kleine Gage.
Eine fünfklassige Wanderbühne spielt in ir
gendeinem Dorf Schillers „Wilhelm Tell".
Nach der Aufführung haucht der Schmieren
direktor einen der Schauspieler, der den At
tinghausen spielte an: „Was sind Sie bloß für
ein Trottel", brüllt er. „In der Sterbeszene,
da haben Sie ja gelächelt." „Verzeihung", ant
wortet der Schauspieler. „Aber bei der Gage,
die Sie mir zahlen, da ist der Tod wahrhaftig
eine Erlösung."
Pech.
Maeterlinck trifft einen Freund. Er begrüßt
ihn lebhaft, doch der andere bleibt wortkarg
und verbissen.
„Nanu — warum so traurig?" wundert sich
Maeterlinck.
„Warum?", entgegnete der andere zornig,
„weil meine Braut ihre Verlobung mit mir
aufgelöst hat — und durch deine Schuld."
„Durch meine Schuld?" fragt der Dichter,
aufs höchste verwundert.
„Ja — durch deine Schuld. Ich war mit mei
ner Braut in dein letztes Stück, die Monna
Banna, gegangen, und seitdem will sie nichts
mehr von mir wissen. Sie sagt, sie wird nie
mals einen Mann heiraten, der beim Schlafen
schnarcht!"
so wird ihr ein fabelhaftes japanisches Menu
vorgesetzt! Alle sollen sich wie zu Hause fühlen.
„Wie werden sich denn die vielen Sportle
rinnen miteinander vertragen?" Gut — wenn
sie sich an die Vorschriften halten, die hier, wie
im Olympischen Dorf, ausgestellt werden,
Disziplin mutz sein, wenn alles reibungslos
verlaufen soll. Vor allen Dingen ist der Frie
senhof eine Stätte „ohne Flirt", denn Männer
sind hier nicht zugelassen — wie das Olympi
sche Dorf ja auch ohne Frauen bestehen soll.
So werden Eifersüchteleien von vornherein
ausgeschaltet und alles, was die Sportlerin
beunruhigen kann. Der Friesenhof soll ja die
Stätte sein, wo die Sportlerin Ruhe und Er
holung findet, wo sie sich auf die bevorstehen
den Kümpfe konzentrieren kann — und wo sie
fühlt, daß alle Olympiakämpferinnen eine
große kameradschaftliche Gemeinde sind, die
zusammengehört!
Besuche dürfen nur bis 6 Uhr abends nach
vorheriger Anmeldung empfangen werden,
damit die Ruhe völlig gewahrt wird. Aber
Vorträge, gesellige Beisammensein, um sich
kennenzulernen, kameradschaftliche Abende
werden gepflegt werden! Sich „zu Hause" füh
len — das ist die Hauptsache, deshalb sind dem
Friesenhof deutsche Frauen zugeteilt worden,
die im ehrenamtlichen Helferdienst die einzel
nen Sportlerinnen „bemuttern" sollen. Diese
Frauen, die die verschiedensten Sprachen spre
chen, werden geführt von Frau von Wan-
g e n h e i m, der geistigen Leiterin des Frie
senhofes.
Sie müssen zur 0!ii;;tpiafce wisse»,...
daß im 15. Jahrhundert die ersten neuzeit
lichen Schlittschuhe in Holland aufkamen,'
*
daß das erste klassische Rennen 1176 stattfand;
*
Sie müssen zur Olympiade wissen...
daß im Jahre 1921 eine internationale Orga
nisation gegründet wurde, die die Frauen
sportvereine der ganzen Welt umfaßt,
daß die Vorkämpferinnen für die Frauen
rechte in England — die Suffragetten — ver
suchten, den Sport für ihre Zwecke auszu
nutzen,
-î- ........... V...,,
daß der regierende schwedische König oft als
„Mr. G." an größeren Tennisturnieren teil
nimmt.
Anfangsunterricht
Humoreske von Liesbeth Dill.
Als Frau Mia aus Pommern zum ersten
Diale nach Berlin kam, gab ihr ihr Gatte Um
bricht, wie sie sich benehmen sollte, ohne von
Taschendieben ausgeplündert, oder auf der
Straße überfahren zu werden. Da Frau Mia
äu den Frauen gehörte, die nie zuhören, we
nigstens sah es so aus während dieses Unter
richts ihres Mannes, als ob sie sich für etwas
8anz anderes interessierte, als für seine Er
mahnungen, wiederholte er diese eindring-
iicher und fragte zum Schluß: „Hast du mich
verstanden, Mia? Du siehst immer aus, als ob
bu an andere Dinge dächtest."
„Doch, doch", sagte sie. „Ich habe zugehört
Und denke nicht an andere Dinge. Ich werde
Meine Handtasche immer fest unter den Arm
klemmen im Gedränge und nur über die
^traße gehen, wenn alle anderen gehen —"
„Da haben wir's!" rief er. „Du hast nicht
Angehört! Du sollst nicht auf die anderen ach
ten, sondern auf das rote Licht! Solange es
vicht erscheint, darfst du die Straße nicht über
schreiten. Wiederhole das."
Sie wiederholte gehorsam und sagte, die
Müderen Dinge wüßte sie nun, denn er hatte
îie ihr wohl hundertmal gesagt.
„Zum Beispiel darfst du nie in der Stadt
bahn den Kopf aus der Türe stecken, sonst wird
51 dir abgerissen."
. „Wie schrecklich!", sagte sie. „Was ist denn
Rs für eine Einrichtung?"
„Du darfst auch nie versuchen, wenn der Zug
M) in Bewegung setzt, hineinzuspringen wie
m eine Straßenbahn. Das ist mit Lebens
gefahr verbunden —"
„Das Einsteigen?", fragte sie entsetzt.
. „Nicht das Einsteigen. Aber das falsche Ein
zigen. Also, hör mir nur zu, und sieh nicht
ìbìmer aus dem Fenster!"
„Ich höre ja zu," sagte sie.
„Und dann gib acht auf deine Fahrkarte."
„Aber, lieber Fred, ich bin doch kein Kind
Rehr.«
. „Und wenn wir irgendwo ankommen, ich
Rhre nämlich „Raucher", muß du auf mich
Marten, und nicht herumlaufen und mich su-
Ren, dabei verfehlt man sich immer. Du bleibst
vehen wie ein Fels... bis ich komme. Hast
M das begriffefn?"
„Ich habe alles begriffen," versicherte sie
ihm. „Aber nun sprich nicht mehr von diesen
Dingen."
In Berlin stiegen sie zur Stadtbahn um.
„Gib acht auf deine Fahrkarte," sagte er,
als sie auf dem Stadtbahnhof standen, und er
drückte ihr eine Karte zweiter Klasse in die
Hand. „Ich fahre „Raucher". Und du hast
nichts weiter zu tun, als zu warten, bis wir
in Westkreuz sind. Dann steigst du aus"
„Werden die Stationen ausgerufen?" fragte
sie.
„Nein, niemand ruft hier aus. Gib auf
deine Fahrkarte acht", ermahnte er sie, als der
Stadtbahnzug heranrollte.... „Und setz dich
ans Fenster, damit du siehst, wo er hält. Es
geht hier alles sehr rasch, wir sind hier nicht in
Pasewalk, man hat gerade Zeit auszusteigcn.
Hast du die Karte noch? Nein? Du hast sie in
der Hand. Aber Kind! Steck sie doch in die
Tasche!"
Aber sie wehrte. „In den Handschuh werde
ich sie stecken."
„In den Handschuh!", rief er. „Da wirst du
sie bestimmt verlieren. Gib deine Tasche her."
Ein dicker Herr schob sich zwischen sie, zwäng
te sich zur Tür herein und trennte sie. Sie
hatte gerade noch Zeit, in den Zug zu springen,
und die Tür schlug zu. Fred war verschwun
den. Sie setzte sich ans Fenster und schaute
hinaus. Sie sah Berlin zum ersten Male.
Alles grünte und blühte an dem hellen Früh
lingstag, die Möwen flatterten aus den Spree
brücken, das Schloß leuchtete hell herüber, die
Dächer und Kuppeln der Kirchen glänzten wie
lackiert, und die Menschen hatten alle fröhliche
Gesichter, fand sie, und stiegen auf den Sta
tionen rasch aus und ein, es war ein fortwäh
render Wechsel, sie schienen es alle sehr eilig
zu haben.
Plötzlich dachte sie an ihre Fahrkarte... Sie
griff in den Handschuh, aber da war sie nicht,
richtig, in der Tasche, aber wo war die Hand
tasche? Sie suchte sie überall, aber sie war
fort.
Da plötzlich fiel ihr ein, daß er ihr ja diese
Tasche abgenommen hatte, als sie einstieg, er
hatte sie also behalten. Nun, ein Glück, dachte
sie erleichtert, und sie wandte ihre Aufmerk
samkeit der vorübergleitenden Frühli igs-
landschaft zu, die sich hinter Berlin auftat...
Der Zug hielt in Westkreuz.
Sie stieg aus und blieb auf dem Bahnsteig
stehen, „wie ein Fels", wie er ihr vorgeschrie
ben, und ließ die Menschen an sich vorüber
strömen, der Rolltreppe zu.
Da kam auch schon Fred an. Er winkte ihr.
„Hast du deine Karte?", war seine erste Frage.
„Die Karte hast du doch", rief sie. „Du hast
sie doch in meine Handtasche getan!"
Er sah sie entgeistert an. „Die Handtasche!?
Deine Tasche??... Ja, allerdings, da hab
ich... Du hattest doch die Tasche in der Hund,
als wir einstiegen... Hab ich sie dir denn
nicht —?"
„Nein", rief sie. „Du hast sie mir abgenom
men!"
„Dann muß ich sie in der Bahn liegen gelas
sen haben", sagte er zerknirscht.
Die Handtasche samt der Fahrkarte war
weitergefahren bis Spandau.
Aber ein ehrlicher Finder hatte sie im Fund
büro abgeliefert, und nach vielen Laufereien
bekamen sie sie wieder.
Von da ab gab Herr Fred seiner Frau kei
nen Anfangsunterricht mehr.
Aebeŗ den Fahrweg
Skizze von Annie Peine.
Bisweilen unterbricht die Mutter ihre Ar
beit und tritt hinter den Vorhang. Unter dem
offenen Fenster spielen Ilse und ihre Freun
din mit Marmeln. Ruhig und brav spielen sie.
Die Mutter hat ihre Freude daran. Wieder
ist ein Spiel zu Ende. Ilses Freundin stopft
befriedigt die gewonnenen Kugeln in ihren
Marmelsack. . .
Ilse ist an den Rand des Fußweges getre
ten. „Du, ob ich mal —?" hört die Mutter ihr
Kind fragen.
„Was denn?" fragt die Freundin.
„Da hinüber?" Ilse deutet über den Fahr
weg. Die Mutter erschrickt. Ihre Hand strebt
nach dem Vorhang. Das Kind wird doch nicht..
„Ich denke, du darfst nicht?" fragt das Nach
barkind.
„Nein, ich darf nicht", erwidert Ilse beküm
mert.
Sie steht immer noch am Fahrweg und schaut
hinüber. Jetzt tritt das eine Füßchen vom
Fußweg hinunter.
Angst packt die Mutter. Zorn ist auch dabei.
Wo sie es ausdrücklich verboten hat! Sie greift
nach dem Vorhang, aber sie läßt die Hand
wieder sinken. Ganz plötzlich — als ob doch
ein Vorhang vor ihren Augen beiseite wehe —
sieht sie sich selbst darunter stehen, ein kleines,
behütetes Mädchen an der großen Straße . . .
So wie ihre Ilse dort hat sie gestanden, öie
Straße hinaus und hinunter gesehen und ge
dacht: Ob ich es wage? Die Straße ist breit,
aber ich kann doch so flink laufen, und die
Straßenbahn ist noch ganz weit weg, und kein
Auto ist zu sehen, nicht einmal ein Radfahrer!
Aber wenn es Mutter sieht? Und die Straße
hat gelockt wie ein Abenteuer, das bestanden
sein wollte . . . trotz der drohenden Strafe, die
nur eine Gefahr mehr ist bei dem Wagnis.
Jetzt sieht sich Ilse nach dem offenen Fenster
um. Die Mutter steht unbeweglich hinter dem
Vorhang. Soll sie ihr Kind rufen? Nein, sie
ruft es nicht . . .
Nun verläßt auch das andere Füßchen den
sicheren Fußweg. Und jetzt — Mutters Herz
fängt plötzlich an, wie rasend zu klopfen —,
jetzt läuft sie, läuft . . . ach, Mutter kann die
Straße nicht übersehen, die Bäume versper
ren ihr den Blick, sie sieht eben das Stück, auf
dem Ilse läuft . . . geradeaus läuft sie, sieht
nicht mehr nach rechts, nicht mehr nach links,
und nun ist sie drüben!
Da steht sie auf der anderen Seite, eine
kleine, verlorene Gestalt. Ach, wie klein ist sie
noch! Die Straßenbahn kommt und verdeckt sie.
Autos sausen vorüber, eine Schar Radfahrer
klingelt vorbei — wie fern, wie fern ist doch
das Kind . . .
Soll sie es holen? Nein, sie holt es nicht.
Und nun kommt Ilse zurück, läuft, das
Blondhaar weht, das Kleidchen tanzt auf den
kleinen Knien. Näher und näher kommt sie
und erreicht den schützenden Fußweg.
Einen Augenblick bleibt sie bei der Freun
din stehen, dann läuft sie nach der Haustür.
Es klingelt, und als die Mutter die Korridor
tür öffnet, stürzt ihr Ilse entgegen, umschlingt
sie und jubelt, ihr heißes, strahlendes Gesicht
zur Mutter emporgewandt:
„Mutti, ich bin über den Fahrweg gelaufen!
Ganz allein!"
Soll die Mutter das Kind strafen? Nein, sie
tut es nicht! Sie muß gar an sich halten, die
kleine Person nicht an sich zu reißen. Sie sagt
nur — eindringlich sagt sie es:
„Aber das nächste Mal mußt du fragen,
hörst du?"