ļm Unterhaltung
^29. Jahrgang Nr. 139
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt)
Mittwoch, den 17. Juni 1936
Tausendjähriges Reich
Im März 1933 legten Offiziere des Qued-1 Sinnzeichen sprechen über die Jahrhunderte
ttblîTrtf*!* trt iSo-v’ ß'winfrt SMV* s.o er* r ^ o ...
lmburger Jnfanterie-Batls. in der Krypta
oer Stiftskirche zu Quedlinburg einen schlich
en Tannenkranz nieder an der Stelle, an
öer Kaiser H e i n r i ch I., der erste deutsche
Volkskönig, einst beigesetzt wurde. Ein Blick
6t die Geschichte des Werdens des ersten Rei-
ches^ zeigt uns, daß wohl kaum ein Zeitab
schnitt der deutschen Geschichte unserer Zeit so
ähnlich gesehen ist, wie die Zeit, die vor tau
send Jahren mit dem Tode Heinrichs abschloß.
Nach dem Abgänge der Karolinger vom
Schauplätze der Weltgeschichte entstand in
Heinrich aus dem Hause der niedersächsi
schen Luöolfinger der Führer, der es
verstand, die deutschen Stämme vom Süden
vis hinauf nach dem Norden in seiner Hand
Lu vereinigen, obgleich er ein Erbe antrat, das
lediglich in einem innerlich zerrissenen und
ausgeplünderten Reiche bestand, das durch
äußere Feinde auf das härteste bedroht wur
de. Dieser Heinrich war am Nord- und Süd-
harz begütert, und er verstand es, dem jun
gen Reiche hier einen starken Rückhalt zu
schassen, der über Jahrhunderte hinweg den
Harz zum Kernlande des Reiches machen sollte.
den Hunnen, die jährlich das Land mit
shren Scharen mordend und brennend über
fluteten, schloß er ein Bündnis, das ihm ge
stattete, ein Heer aufzubauen, eine wahre völ
kische Wehrmacht zu schaffen, die es ihm ermög
lichte, 933 den Landesfeind vernichtend zu
schlagen, so daß seine Söhne das Reich weiter
festigen konnten. Und die starken Kräfte seines
Volkes wußte er zu wecken und auszurichten,
so daß das erste Reich, das er begründete, zur
wahren Grundlage späterer Entwicklung wer
den konnte.
Bewußt hat Heinrich sich nicht Imperator,
sondern König (Rex) genannt. Er hat es ab
gelehnt, sich vom Papste salben zu lassen und
damit bewiesen, daß er nicht der Nachfolger
der Kaiser von Roms Gnaden werden wollte,
sondern nichts weiter als der Deutschen König.
Die Grundlagen für die Entwicklung der deut
schen Städte, die er mit seiner Gesetzgebung
gab, haben ihm den Namen „Städtebauer"
eingebracht, und man hat ganz darüber verges
sn, daß er eigentlich der „R e i ch s g r ü n -
"ex" war. Heinrichs Reich ist für uns heute
ein Abschnitt der bedeutendsten Entwicklung,
die Grundlage des Dritten Reiches.
Zwei Bauwerke in der fachwerkbunten, echt
niedersächsischen Stadt erinnern uns noch an
den König. Einmal ist es auf dem Gelände
des späteren Klostergutes W i p e r t i, des
ehemaligen Königshofes, eine Krypta, die als
die einstige Hauskapelle der Ludolfinger ange
sehen wird, ein Bau, der 840 bereits erwähnt
wird, wahrscheinlich aber in seiner Ent
stehungszeit in die Wende des 8. zum 9. Jahr
hundert fallen wird. Dann aber ist es die
Krypta der Schloßkirche, die von Heinrich auf
ragendem Fels über der Stadt begründet
wurde. Das Bauwerk hat die verschiedensten
llmformungcn durchgemacht, es bietet aber in
seinem Formenschatze vielfältig germanisches
Kulturgut.
Eine Licblingsstätte Heinrichs I.
(Schloß und Stiftskirche zu Quedlinburg),
die ihm auch im Tode blieb.
Auch das im 12. Jahrhundert gebaute Schiff
der Oberkirche zeigt die Arbeit langobardischer
Steinmetzen, und germanische Sinnbilder spre
chen hier wie in der Krypta zum Beschauer.
Das ganze Wissen des Volkes ist hier in den
^tein gegraben, an der Stätte, an der sein
erster König zur ewigen Ruhe beigesetzt
svurde. Da steht der Lebensbaum zu Häupten
seiner Gruft, das Radkreuz, das uralte Son-
^nzcichen, findet sich neben dem Sonnen-
^strüetz BanöverMlingutrgen und andere
zu den Menschen des Volkes, und wir werden
gerade in diesem edlen Bauwerk verstehen
lernen, daß nicht „Ornamentik" die Säulen-
knänfe schmückt, sondern Symbolik, die durch
aus mit unserem Volke und unserer Rasse
verbunden ist. Es ist sicher kein Zufall, daß
gerade dieser Landstrich vor dem Harze eine
Kulturwiege ganz besonderer Art darstellt, aus
der heraus sich verschiedene Stufen der Stein
zeit entwickeln konnten. Immer wieder wurde
die Harzlandkchaft zur Kulturwiege oder zum
Kernland unserer Heimat.
Krypta der Stiftskirche zu Quedlinburg,
die Grabstätte Heinrichs I.
Auf altem Fels erhebt sich der Kirchenbau
der Schloßkirche, dessen Kernzelle die Krypta
ist. Die erste Kirchengründung, die Heinrich
angelegt hat, war dem Apostel Petrus geweiht.
Wir schließen daraus, daß hier einst eine
Donnererstütte war, eine Kulstätte unserer
Vorfahren. Durch verschiedene Grabungen
wurde die Benutzung des Berges bis in die
jüngere Steinzeit nachgewiesen, von der sich
sogar mehrere Kulturen nachweisen ließen.
So wissen wir, daß wir auf altem, heiligem
Boden der Väter stehen, und daß der Volks
könig Heinrich dem Vüterbrauche nach auf
einer alten Kultstätte beigesetzt wurde. Der
Lebensbaum an seiner Gruft drückt die Hoff
nung des Volkes aus, daß wieder einer kom
men möge, der gleich Heinrich ein einiges Volk
auf freier deutscher Erde schaffen könne. Der
Traum des Volkes vom ewigen Reiche hat sich
erfüllt!
Bunte Welt
Verkehrsregelung für Aale.
Seit längerer Zeit beschäftigt sich das „Na
tionale Physikalische Laboratorium" in Ted
dington mit der Suche nach einer Möglichkeit,
die Aalwanderung zu regulieren und vor al
lem im nördlichen Irland in bestimmte Bah
nen zu lenken.
So klug die Aale auf ihren Wanderungen
manchmal erscheinen, so „dumm" benehmen
sie sich unter Umständen, wenn sich ihnen ir
gendein Hindernis in den Weg stellt. Man
hat deshalb jetzt kleine elektrische „Fallen" in
jenen Flußgebieten aufgebaut, die von den
Aalen nicht passiert werden sollen.
Kommt ein Aal dennoch in die Nähe dieser
Falle, dann erhält er einen leichten elektri
schen Schlag, der ihm ein für alle Mal die Lust
vertreibt, von dem Wege abzuweichen, den die
Aalforscher in weiser Voraussicht für ihn vor
gesehen haben.
Die Zedern des Libanon.
Die Zedern des Libanon errangen vor ei
nigen tausend Jahren ihre Berühmtheit da
durch, daß der König Hiram von Tyre
mit ihrem Holz einen schwunghaften Handel
trieb. Das Zedernholz wurde vor allem zum
Bau von Palästen und Tempeln verwandt.
Allerdings scheint man damals ein wenig
kräftig an die Zedernbestände herangegangen
zu sein, denn sie haben sich seit den Zeiten des
Königs Hiram nicht mehr richtig erholen kön
nen.
Der Botaniker Dr. R. M. Warner, der jetzt
längere Zeit im Libanon weilte, steht sogar
auf dem Standpunkt, daß die Zedern des Li
banon sich im Aussterben befinden. Man
treffe nur noch in etwa 1800 Meter Höhe in
den westlichen Ausläufern des Libanon eini
ge überlebende Exemplare. Der jüngere Nach
wuchs erweise sich aber schon als so schwach,
daß man keine große Hoffnung auf ihn setzen
könne.
13 000 „Extras" warten . . .
Der Filmzauber, der von Hollywood aus
geht, ist noch immer nicht zum Abklingen ge
bracht. Das geht aus dem Klagelied hervor,
das die Filmdirektoren anstimmen.
Fast jedes größere Filmbüro muß ein eige
nes Sekretariat zur Zurückweisung lästiger
Frager oder vermeintlicher Talente unierhal-
EM Màî HêW / Von Georg Vüsing
An der Bahn gab es weiter keine Helden
taten zu verrichten. Da lief der Schienenstrang
kilometerweit durch das öde, verlassene Moor
ohne Baum und Strauch, und die schnurgerade
Reihe der Telephonstangen. „General Schie
beck" schritt einmal täglich von Schwelle zu
Schwelle den Bahndamm entlang, um Schrau
ben, Schienen und Signalmasten zu prüfen.
Das war sein Dienst seit beinahe zehn Jahren.
Er sagte, daß er Hauptmann der kaiserlich
russischen Armee gewesen sei. Der Umsturz
habe ihn nach Deutschland vertrieben, und ihn
zum Streckenarbeiter gemacht. Er war schweig
sam und hatte schwermütige Augen. Nur sel
ten taute er auf. Manchmal abends in der
Kneipe, wenn er getrunken hatte. Dann er
zählte er von seiner Heimat, von Rußland.
Dann begann er von seinen Heldentaten zu
prahlen, die er während des Weltkrieges mit
seiner Kompagnie verrichtete.
Im Dorf belächelte man seine Prahlereien.
Man nahm ihn nicht ernst, den General Schie
beck, wie er mit Spitznamen hieß. Er war ei
nes Tages vollkommen verlumpt angekom
men und jemand hatte ihn bei der Bahn un
tergebracht. Es gab also für General Schisbeck
keine Heldentaten zu verrichten. Der Dienst
an der Strecke verlief im eisernen Gleichmaß.
Abertausende von Schwellen auf und ab, jeden
Tag.
Der Winter war sehr kalt. Der Ostwind pfiff
schneidend über das kahle Moor und trieb den
Schnee zu Hügeln. Ein Schneepflug hatte die
Strecke passiert, um die Schienen für den Ver
kehr freizuhalten. In einer halben Stunde
würde der D-Zug nach Petersburg durch das
Moor donnern.
Es dämmerte, General Schiebeck war unter
wegs. Der D-Zug nach Petersburg war ein
besonderes Sorgenkind in diesen Tagen, er
prüfte alle Anlagen und Signale viel gewis
senhafter und war erheblich länger auf der
Strecke, als vorgesehen. Den Kragen hochge
schlagen, mit blaugefrorenem Gesicht, tastete
er sich von Schwelle zu Schwelle, bis er auf
einmal wie erstarrt stehen blieb. Bei der Te-
lepyonstange 163 hatte sich eine Schiene ge
lockert. Unter der Wucht des Schneepfluges,
der im rascheu Tempo vorübergebraust war,
mußten einige Bolzen gesprungen sein.
Es begann stärker zu schneien und dunkelte
rasch. General Schicbeck erwachte aus seiner
Versteinerung und versuchte fieberhaft, die
Schiene in ihre ursprüngliche Lage zurückzu
zwängen. Es gelang ihm nicht. Fassungslos
blickte er um sich. Die nächste Signalanlage lag
eine Viertelstunde entfernt, in fünf Minuten
mußte fahrplanmäßig der D-Zug diese Stelle
passieren. Es würde ein Unglück geben, wenn
er nicht vorher zum Halten gebracht würde.
General Schiebcck riß seinen Rock vom Leibe
und knotete ihn als Fahnentuch an seinen
Stock. Aber nach wenigen Sekunden erkannte
er schon, daß in diesem Schneegestöber und in
dieser Dunkelheit ein solches Zeichen vom Lo
komotivführer nicht entdeckt werden würde. Es
mußte ein Signal sein, das leuchtete. Eine
brennende Fackel.
In der Ferne begann es leise zu donnern,
die Schienen zitterten. General Schiebeck schrie
auf. Holz zu einer Fackel gab es weit und
breit nicht. Zwei glühende Lichter tauchten auf,
das Donnern wurde stärker. Und da kam dem
Streckenwärter der rettende Gedanke. Er zün
dete seinen Rock an, den er abgestreift hatte.
Die Flamme schlug rasch hoch. Johlend griff
der Wind in die Fackel, die General Schiebeck
über seinem Haupte schwenkte. Funken tanzten
um ihn her, die Flamme griff in sein Haar,
in seinen Bart, leckte schließlich an ihm her
ab bis zu den Füßen.
In
einer Minute
brannte der ganze General Schiebeck. Aber er
stand aufrecht, ohne einen Versuch, die Flam
men zu löschen. Unter rasendem Schmerz stand
er angesichts des herandonnernden Zuges und
brach erst besinnungslos zusammen, als die
Lokomotive vier Meter vor ihm mit kreischen
den Bremsen zum Stillstand kam.
General Schiebeck erwachte erst wieder im
Krankenhaus. Als er das erste Mal aufstehen
konnte und — mit schweren Brandwunden
im Gesicht — durch den Garten ging, sammel
ten sich viele Menschen um ihn. Keiner lächelte
mehr. Nun war Schiebeck doch noch General
geworden. General der Pflichterfüllung, vor
dem alle in stummer Ergriffenheit salutierten.
ten. Der Einfachheit halber hat man in Holly
wood eine Zentralkartothek angelegt, in der
die verschiedenen Bewerber und Bewerberin
nen mit ihren Photos und Angabe ihrer Fä
higkeiten registriert sind.
Jene, die ganz besonders befähigt erscheinen,
werden als „Extras" notiert. Solcher „Extras"
gibt es aber nun schon 13 000. Und seit rund
einem Jahr wurde aus Mangel an Platz in
diese Kartothek keine neue „Hoffnung" am
Filmhimmel" aufgenommen.
Eine Spritze Mut.
Im allgemeinen hält man den Mut für
eine rein seelische Eigenschaft, trotzdem man
seit langem weiß, daß der Mut auch physisch
zu beeinflussen ist. Mancher trinkt ihn sich
an durch ein Gläschen Wein, Bier oder
Schnaps. Das neueste Mittel zur Muterzeu
gung ist aber ein Alkaloid, das ein japanischer
Professor in Hadokate ermittelt hat. Er spritzt
es in die Blutbahn ein und macht auf diese
Weise den größten Feigling auf Tage hinaus
zu einem mutigen Mann.
Ein teurer Kamm.
Unter dem Nachlaß des berühmten amerika
nischen Millionärs Cornelius Vanderbilt be
finden sich Juwelen und Geschmeide im Werte
von 600 000 Dollars, darunter ein Kamm mit
einem großen Smaragden und 41 Brillanten,
der allein einen Wert von 8000 Dollar hat.
Ein „tüchtiger" Taschendieb.
Die zum Internationalen Kriminalisten
kongreß in Belgrad versammelten Teilnehmer
unternahmen einen Ausflug nach Sajarevo.
Dort kam ein Rechtsanwalt auf die Idee, ihnen
ein Beispiel zu geben von der Geschicklichkeit
der Taschendiebe auf dem Balkan. Er enga
gierte einen solchen „Künstler" und beauf
tragte ihn, den prominenten Kriminalisten,
unter denen sich auch der Stellvertreter des
Direktors der Londoner Polizeiöirektion in
Scottland Aard, Norman Kendel, befand, die
Uhren und die Börsen zu entwenden. Dies
gelang glänzend, und als die Herren nach der
Besichtigung in ihr Hotel zurückkehrten, da
erschien strahlend der Anwalt und überreichte
ihnen die gestohlenen Gegenstände zurück und
erklärte, daß er ihnen nur zeigen wollte, daß
auch sie gegen Taschendiebstähle nicht gefeit
seien.
Realistisches Theater.
Das realistischste Drama, das je aufgeführt
wurde, brachte man in Tournai in Belgien
im Jahre 1649 zu Ehren Philipps II. von
Spanien auf die Bühne. In diesem Stück war
die Hauptfigur ein Verbrecher, der zum Tode
verurteilt und hingerichtet wurde. Ein in
Wirklichkeit zum Tode verurteilter Verbre
cher willigte ein, die Hauptrolle zu spielen. Bei
den Proben benutzte der Henker nur ein Papp
schwert, bei der Premiere aber wurde die
Hinrichtung tatsächlich vollzogen.
Sie mW» zur LîWpiĶe raiffeit,...
daß das verbreitetste Ballspiel in England
nicht Fußball, sondern Kricket, ein mit Holz
keulen gespieltes Ballspiel ist,
daß in Amerika ein mit Keulen gespieltes
Nasenballspiel — der Baseball — sich größter
Beliebtheit erfreut,
daß der spanische König Alfons als Kapitän
eine Polomannschaft führte,
daß die ersten Ruderregatten von den Gon
delführern im 14. Jahrhundert ausgetragen
wurden. Die Gondelführer führten die Wett
fahrten stehend im Boot aus.
Wußten Sie schon, ♦..
daß das Saxophon in diesem Jahre 90 Jahre
alt wird? Erfunden wurde es im Jahre 1846
von dem belgischen Musiker und Instrumen
tenmacher Adolphe S a x, ist aber erst in
den letzten Jahren durch die moderne Tanz
musik allgemein bekannt geworden.
*
daß der Cinchona-Baum, der das Chinin lie
fert, ursprünglich ein südamerikanischer Baum
war? Heute werden 97 vH des Chinins von
Java erzeugt.
*
daß es in Babylon Sitte war, Geldverleihern
bei Zahlungsverzögerungen Sklaven oder Ar
beitstiere als Pfand zu überlassen? Sie muß
ten so lange für den Verleiher arbeiten, bis
sie ausgelöst wurden.
*
daß amerikanische Zoologen in Südamerika
eine tropische Motte gefangen haben, die eine
Flügelspannweite von 30 Zentimetern hat?
Man ist sich noch nicht im Klaren darüber, ob
sie auch in die = Kleider geht.