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Der Tod halt Vorlesung
Prosessoren, die Gifte schlucken. — Lebende
Arzneiflaschen.
Ein aufsehenerregendes medizinisches Experi
ment am eigenen Leibe hat dieser Tage der
polnische Professor Dr. Strzyzowski
während einer Vorlesung an der Universität
Warschau unternommen, indem er mehrfach
starke Dosen eines an sich unbedingt tödlichen
Giftes einnahm, dessen Wirkung er jeweils
im letzten Augenblick durch ein von ihm selbst
erfundenes Gegengift wiederaufzuheben ver
stand.
Eine interessante Vorlesung.
Professor Dr. Strzyzowski, der einen
Lehrstuhl für Chemie an der Universität Lau
sanne innehat, benutzte eine Reihe von Gast
vorlesungen an der Universität Warschau dazu,
um seine Unerschrockenheit und seinen todes-
verachtenden Forschungsdrang unter Beweis
zu stellen. Vor den Augen seiner Hörer ließ
der Gelehrte 0,1 Gramm Sublimat präpa
rieren, eine Menge, die bereits das Fünffache
der für Heilzwecke zulässigen Maximaldosis
darstellt. Ihr Genuß ist daher unter normalen
Umstünden absolut tödlich. Mit Grauen sahen
Fachtollegen und Studenten, wie Dr. Etrzy-
zowski das Gift einnahm und dann ruhig wei
tersprach, als sei nichts geschehen. Kurz bevor
die Wirkung des Sublimats voll einsetzte,
schluckte er dann eine entsprechende Menge des
von ihm selbst erfundenen „Universal-Gegen
giftes gegen schwere Metalle". Professor Dr.
Strzyzowski vermochte hierdurch die Vorlesung
bei bestem Wohlbefinden zu beenden.
Der „Vater" der Homöopathie.
Der polnische Gelehrte konnte sich zu seinem
bahnbrechenden Versuch nicht zuletzt deutsche
Forscher zum Vorbild nehmen. So hat schon
Hahnemann, der Begründer jener medi
zinischen Lehre, bei denen in ganz kleinen
Mengen oder starker Verdünnung Mittel ge
geben werden, die im gesunden Körper ein der
zu heilenden Krankheit ähnliches Leiden her
vorrufen würde, in Verwirklichung dieser
Theorien sich selbst wie seinen Jüngern die
Ausprobierung fast sämtlicher Arzneien, die es
damals gab, zugemutet. Er hat dabei unter
anderen Krankheiten mit Nießwurz Kolik und
mit Arsenik starke Hautausschläge am eigenen
Leibe hervorgerufen, mit Brechnuß aber sich
regelrechte Magenkrämpfe zugezogen. Zeigten
sich nach den ersten Arzneigaben keine Wir
kungen, so wurde das Experiment zwei- bis
dreimal wiederholt. Seine Erfahrungen und
die seiner Jünger, die auf diese Weise mit
hunderten von Arzneien gemacht wurden, hat
Hahnemann später dann in einem vierbändi
gen, dicken Werk „Reine Arzneimittellehre"
niedergelegt. Wissenschaftlichen Heroismus be
wiesen auch die Professoren Haldane und
Starken st ein, die mit Kohlenoxydgas
und der gleichfalls höchst giftigen Blausäure
Gang des Schicksals
Erzählung von Hans B e t h g e.
Es läutete.
Rudolf, der am Schreibtisch saß, legte die
Zigarette nieder, ging auf die Diele hinaus
und öffnete. Bor ihm stand ein junger, blonder
Mensch von sympathischem Aussehen, machte
eine leichte Verbeugung und fragte, ob An
sichtskarten willkommen seien, die er selbst ge
zeichnet habe, das Stück koste zwanzig Pfen
nige. Rudolf sah sich die Karten an, fand sie
reizend, wählte fünf davon aus: „Diese fünf
will ich nehmen."
Er reichte dem jungen Mann ein Zweimark
stück, auf das dieser nicht herausgeben konnte.
„Wenn Sie erlauben, wechsele ich unten in
einem Geschäft", sagte der Jüngling, machte
wieder eine leichte Verbeugung und eilte die
Treppe hinab, um das Geld zu wechseln.
Rudolf begab sich an den Schreibtisch zurück,
arbeitete eine Weile, sah nach der Uhr, schüt
telte leicht den Kopf, und als eine Stunde ver
strichen war, blickte er nachdenklich vor sich hin,
während ein ironisches Lächeln über seine
Züge ging. Verdorben durch die Nöte der Zeit,
dachte er, schade um ihn. Er sah sympathisch
aus.
Seine Betrachtung ging in die Irre, denn er
ahnte nichts von der Tragödie, die sich unter
dessen abgespielt hatte.
Alfred, der junge Maler, wollte, als er un
ten auf der Straße angelangt war, ein Geschäft
aufsuchen, das an der anderen Häuserfront
lag. Er überquerte allzu hastig den Fahr
damm, wich einem Kraftwagen aus und merkte
nicht, daß er dabei vor eine Elektrische geriet,
die ihn erfaßte und ein Stück mit sich schleifte.
Als sie anhielt, lag Alfred bewußtlos und mit
Versuche am eigenen Körper unternahmen,
die glücklicherweise ohne ernste Folgen blieben.
Wie man die Giftigkeit des Nikotins
entdeckte.
In der zweiten Hälfte des vorigen Jahr
hunderts nahmen im v. Schorffschen Institut
in Wien die Medizinstudenten Heinrich und
Dworzak je einige Milligramm Nikotin ein,
um die tatsächliche Giftigkeit dieses damals
noch unbekannten Pflanzenstoffes für den
Menschen erstmals praktisch zu erproben. Bald
stellten sich Herzklopfen, Beklemmung, Schwin
del, Uebelkeit, Erbrechen und Atembeschwerden
ein. Nach dreiviertel Stunden trat sogar Be
wußtlosigkeit ein. Bei dem einen gesellten sich
zu diesen Vergiftungserscheinungen nach zwei
Stunden sogar noch furchtbare Krämpfe und
zeitweise drohte die Atmung gänzlich auszu
setzen. Eine dreitägige Abgespanntheit und
niedergeschlagene Stimmung verblieben den
beiden Studenten als weitere Erinnerung an
ihren bahnbrechenden Versuch.
11 Tage bewußtes Sterben!
Einen weit tragischeren Verlauf nahm hin
gegen eine Vergiftung, die sich der französische
Forscher Professor Andre Pierre Marie
bei Untersuchungen über die Wirksamkeit des
Botulismus toxins, der höchst gefähr
lichen Substanz der Fleisch- und Fischvergif
tung, zuzog. Nachdem der Forscher den Extrakt
so weit verdickt hatte, daß bereits beim dritten
Teil eines Milligramms eine lebensgefährliche
Vergiftung einzutreten vermochte, brachte er
sich beim Umgießen, ohne es zu merken, ver
sehentlich einen Tropfen davon ins Auge. Nun
war der Gelehrte der furchtbaren Wirkung
des heimtückischen Giftes rettungslos ausge
liefert. Bei vollem Bewußtsein nahte sich ihm
der Tod in seiner schrecklichsten Gestalt. Schon
am Morgen nach der Vergiftung traten Seh
störungen ein, so daß der Forscher sein Auto
allein nicht mehr richtig zu steuern vermochte.
Trotzdem nahm er noch an einer großen ge
sellschaftlichen Veranstaltung teil. Vierzehn
Tage nach jener verhängnisvollen Untersu
chung verschied Professor Marie, bis zuletzt
bei Besinnung und in Erkenntnis des unver
meidlichen Endes, ein Opfer der Wissenschaft,
unter gräßlichen Schmerzen.
In Prag ist kürzlich ein Mussum zur Er
innerung an den Dichter Friedrich Smetana
eröffnet worden. Der Briefwechsel zwischen
Franz Liszt und Smetana um die spätere
Frau des Dichters, Katharina, bildet den
Hauptanziehungspunkt der Ausstellung.
Die erste Reichssiedlerschule.
In Erlangen wurde in Anwesenheit von Vertretern des Staates, der Partei und
der Wehrmacht die erste Reichssiedlerschule durch den Leiter der DAF., Dr. Ley,
eingeweiht. (Weltbild, K.)
blutüberströmtem Kopf neben den Schienen.
Man holte die nächste Droschke und brachte den
Schwerverletzten in ein Krankenhaus.
Dort lag er wochenlang zwischen Leben und
Tod. Er hatte einen Schenkelbruch erlitten,
eine Quetschung des Brustkastens, vor allem
aber eine schwere Verletzung der Schädeldecke,
die sein Aufkommen in Frage stellte. Seine
Schwester Anni pflegte ihn mit rührender
Hingabe. Sie war Krankenpflegerin von Be
ruf, zwar in einer anderen Klinik beschäftigt,
siedelte aber ganz zu dem Bruder über und
tat alles, was den Zustand des Verletzten hoff
nungsvoller gestalten konnte. Eine Zeitlang
schienen alle Bemühungen des Arztes ohne
Erfolg zu bleiben. Dann trat eine Besserung
des Allgemeinbefindens ein. Alfred erlangte
das Bewußtsein zurück und fing sogar an zu
sprechen, wenn auch erst langsam und mit
stockender Stimme.
Anni war selig über den so günstig verän
derten Zustand des Bruders. „Du wirst ge
sund", flüsterte sie Alfred heiter zu, „es wird
alles gut."
Er lächelte und schloß die Augen.
Einige Tage später — es war gegen Abend,
und die letzten Sonnenstrahlen glitten rotgol
den in das weißgetünchte Zimmer — flog ein
bekümmerter Ausdruck über das Gesicht des
Kranken. Er winkte seiner -Schwester, sie setzte
sich neben ihn. Er erzählte mühsam, mit abge
rissenen Worten, wie er zum Unfall gekom
men. Inständig bat er Anni, möglichst bald zu
dem Herrn zu gehen und ihm die Mark zurück
zubringen, die er ihm schulde. Anni versprach
es.
„Bisher hat er sicher geglaubt, ich sei ein Be
trüger", endete der Kranke seine Rede, die ihn
angestrengt hatte. Er schloß die flackernden
Augen und schlief dann langsam ein.
Am nächsten Vormittag verschlechterte sich
Alfreds Zustand wieder. Es setzte unerwartet
starkes Fieber ein, die Herztätigkeit ließ nach,
alle Gegenmaßnahmen blieben erfolglos, und
einige Tage später tat er in völliger Bewußt
losigkeit seinen letzten Atemzug.
Man begrub ihn. Anni war fassungslos.
Sie ließ sich auf einige Wochen vom Dienst be
urlauben, da sie der Erholung dringend be
durfte. Eines Tages nahm sie ein Markstück
und läutete an der Wohnungstür, die ihr
Alfred bezeichnet hatte.
Als Rudolf die junge Dame in Trauer vor
sich sah, erschrak er. Sie fragte, ob sie eintreten
dürfe, um ihm über eine Angelegenheit Bericht
zn erstatten, die ihn angehe,' Rudolf bejahte
und geriet in eine leichte Verwirrung. Er
ahnte sogleich Unheimliches.
In seinem Zimmer erzählte sie sodann alles,
was vorgefallen war. Sie legte still das Mark
stück auf den Schreibtisch und sagte, wie wich
tig es dem Bruder gewesen sei, daß sie es zu
rückbrächte. Es sei ihm schrecklich gewesen,
für einen Betrüger gehalten zu werden, auch
von jemand, der ihn sonst nicht kannte.
Rudolf war völlig fassungslos. Er griff sich
an die Stirn, und seine Augen verdunkelten
sich. „Ich bin an allem schuld", sagte er mit
schleppender Stimme, „warum habe ich ihn
das Geld wechseln lassen..."
Anni schüttelte abwehrend den Kopf. „Hier
gibt es keine Schuld", sagte sie ruhig, „es ist
der Gang des Schicksals."
„Welch einen Haß müssen Sie gegen mich
hegen..."
„Einen bitteren Haß gegen das Schicksal",
entgegnete Anni, „nicht gegen Sie. Sie sind
unschuldig."
Rudolf schritt eine Weile bedrückt im Zim
mer auf und ab und überließ sich seinen
schwermütigen Vorstellungen. „Wollen Sie
mir sein Grab zeigen?" fragte er, „ich möchte
Fremdes Haus im Mondeuscheiu.
Bon Heinrich A n a ck e r.
Blaß schimmern weiße Wände,
Von Kiefern überdacht,
Die greifen stumm wie Hände
Ins tiefe Blau der Nacht.
Der Mond steigt auf den Sprossen
Der Aeste groß empor.
Vom kühlen Licht umflossen,
Aufglänzt das Gittertor.
Betörend lockt die Schwelle,
Als ob dort Heimat sei —
Da schreckt mich ein Gebelle,
Und fremd geh ich vorbei . . .
%zitnz Erke
„Es war bloß Spatz".
Der alte Landgerichtsrat R. in einer nieder
deutschen Mittelstadt war eine überlebens
große martialische Erscheinung mit pracht
voller, gebogener, leicht rotblau angelaufener
Nase, der jahrzehntelang die Geschäfte des
Untersuchungsrichters mit bestem Erfolg ver
sehen hatte.
Furcht war ihm etwas Unbekanntes. Eines
Tages wurde ihm, schwer in Ketten gelegt, ein
Raubmörder vorgeführt, der, wie dabei gemel
det wurde, im Gefängnis geäußert habe, den
nächsten Beamten, den er erwische, werde er
aus dem Fenster werfen. Er befahl dem
Transportführer mit ingrimmigem Lächeln:
„Nehmen Sie dem Manne die Fesseln ab",
und dann: „Nun gehen Sie raus und schließen
Sie die Tür von außen ab." Dann erhob er
sich von seinem Sitze, ging langsam auf den
Delinquenten zu und rief: „Na, mein Junge,
was wolltest du mit dem ersten Beamten tun,
den du erwischtest?", worauf der Delinquent
mit dem sanftesten Lächeln erwiderte: „Ach,
Herr Geheimrat, das war bloß Spaß von mir."
Beifall und kein Ende.
Lloyd George ist bekanntlich ein Meister der
Redekunst und weiß seine Zuhörer immer zu
fesseln. Neuerdings erzählt man sich vom
einstigen britischen Premier eine Geschichte,
die den Vorzug hat, ebenso wahr wie lustig zu
sein. Lloyd George sprach unlängst vor einer
großen Zuhörerschaft, unter der sich zahlreiche
Iren befanden. „Wollen Sie Irland die Frei
heit wiedergeben?" rief man ihm aus der Ver
sammlung zu, sobald er sich am Rednerpult
zeigte. — „Das will ich", antwortete er lang
sam und löste damit einen Beifallssturm unter
den vielen Anhängern der irischen Freiheits
partei aus. Er wartete nun geduldig, bis sich
die Erregung etwas gelegt hatte, und fuhr
dann fort: „....nicht." Kunstpause. Wieder
brach orkanartig der Beifall aus. Diesmal aber
im gegnerischen Lager. Wieder wartete der
Premier, bis es mäuschenstill im Saal gewor
den war. Dann aber reckte er sich auf und
meinte lächelnd: „....zum Gegenstand meiner
heutigen Ausführungen machen." Und da
klatschten sic alle Beifall — Freunde und
Feinde.
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Zur Haustrinkkur: bei Nieren-, Blasen- und
Frauenleiden, Harnsäure, Eiweiß, Zucker.
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und die Kurverwaltung Bad Wildungen.
ihm wenigstens ein paar Blumen bringen."
„Gern", erwiderte sie, und es wurde eine
Stunde verabredet, zu der sie miteinander das
Grab besuchen wollten.
Es war ein milder Nachmittag, verklärt und
in einem feinen, goldenen Dunst, als sie sich
trafen. Sie kamen mit Blumen, traten an
den frischen Hügel und schmückten ihn, von
den sonderbarsten Gefühlen beseelt. Rudolf
war sich bewußt, er stand hier am Grabe eines
jungen Menschen, den er nur einmal flüchtig
gesehen hatte undd der noch am Leben wäre,
wenn er selbst damals zufällig ein Markstück
in seiner Börse gehabt hätte. Auch in Anni
stürmte es wild durcheinander. Als sie das
Grab verließen, drückte Rudolf schweigend
dem Mädchen die Hand.
Sie sahen sich wieder, auf Gängen durch den
Stadtpark, wo sie sich an dem weiöenumsäum-
ten See in einem kleinen, versteckten Kaffee
haus niederließen, den Schwänen zusahen und
plauderten. Und etwas Sonderbares geschah.
Als sie einige Male beisammen gewesen wa
ren, wußten sie, daß sie sich liebten. Erst traf
es sie wie ein Erschrecken, dann aber gaben sie
sich glücklich und bedenkenlos dem ganzen
Zauber ihres Erlebnisses hin.
Sie beschlossen, ihr Leben miteinander zu
verbinden.
Als sie eines Tages, vom Friedhof kom
mend, wieder einmal durch den Stadtpark
wandelten und am See stehenblieben, um dem
Feuer des Sonnenunterganges zuzuschauen,
sagte Rudolf aus seinen Gedanken heraus:
„Seltsam, er hat erst sterben müssen, damit
wir beide uns finden konnten. Wäre das Un
glück nicht geschehen, wir hätten nie vonein
ander erfahren. Wie rätselhaft ist alles."
„Es ist der Gang des Schicksals", sagte sie
leise, zog ihn zärtlich zu sich hinüber und küßte
ihn.
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