Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Sanktionen Me frühere Lage Abessiniens wie 
derhergestellt werben könne, die nun einmal 
vernichtet worden sei. Sanktionen könnten nur 
zu klar definierten Zwecken aufrechterhalten 
werden, und der Zweck, Abessinien wiederher 
zustellen, sei ausgeschlossen. 
Falls die Völkerbundsversammlung sich da 
hin entscheiden sollte, die Sanktionen aufzu 
heben, werde England die Erklärung abgeben, 
die er eben dem Unterhause gemacht habe. 
England habe im Dezember gewissen Mittel- 
Nicermächten die Zusicherung gegeben, daß es 
ihnen zu Hilfe kommen werde, falls sie nach 
Artikel 16 angegriffen werden sollten. Diese 
Zusicherungen sollten in Kraft bleiben, solange 
nach Ansicht der britischen Regierung die be 
sonderen Umstände noch anwendbar seien. Die 
Regierung sei bereit, das in Genf zu bestäti 
gen. Im Lichte der in den letzten Monaten 
gemachten Erfahrungen jedoch habe die Regie 
rung die Notwendigkeit festgestellt, 
im Mittelmeer dauernd eine Verteidi 
gungsstellung aufrechtzuerhalten, die 
stärker sein müsse, als sie vor Ausbruch 
der Feindseligkeiten bestand. 
So wichtig auch diese Angelegenheiten seien, 
nichts sei gegenwärtig wichtiger als die Zu 
kunft des Völkerbundes. Die britische Regie 
rung sei überzeugt davon, daß der Völkerbund 
aufrechterhalten werden, aber unter Berücksich 
tigung der Lehren der letzten Monate neu or 
ganisiert werden müsse. Die Negierung sei des 
wegen bereits mit den Dominien in Fühlung 
getreten, und es sei ihre Absicht, im September 
einen äußerst konstruktiven und zeitgemäßen 
Vorschlag dem Völkerbund vorzulegen. 
Eden kam dann auf Deutschland und die 
Verhandlungen über die Rheinlandbesetzung 
zu sprechen und erklärte, daß die britische Re 
gierung nichts anderes wünsche, 
als mit Deutschland für die Befriedung 
Europas zusammenzuarbeiten. 
Das sei auch der Zweck, der den Locarno-Ver 
trägen zu Grunde liege. Die gemeinsame eng 
lisch-französische Erklärung vom Februar 1933 
habe ebenfalls die Absicht gehabt, der allgemei 
nen Beruhigung Europas zu dienen. Eden 
stellte dann ausführlich alle seine Versuche dar, 
mit Deutschland zu praktischen Vereinbarun 
gen zu gelangen, bis schließlich die Rheinland- 
besetzung in Belgien und Frankreich und an 
deren Ländern äußerste Besorgnis erregt habe. 
Angesichts des deutschen Vorgehens wünsche 
Europa nun genau zu wissen, welche Absich 
ten das Reich gegenüber den Ländern Zentral- 
und Osteuropas habe. Es sei für Großbritan 
nien und Europa wichtig, darüber sicher zu 
sein, daß Deutschland nun den Punkt erreicht 
sehe, wo es den bestehenden territorialen und 
politischen Status Europas anzuerkennen und 
zn respektieren beabsichtige, es sei denn, daß 
Veränderungen auf dem Wege der freien Ver 
handlungen und Abkommen zustande gebracht 
werden. Eine offene und versichernde Antwort 
auf diese Frage, so fuhr Edens ort, werde sicher 
lich das Signal für die Rückkehr zum Ver 
trauen in Europa sein. Nichts als die Rege 
lung und Befriedung Europas sei das eng 
lische Ziel, und das sei auch der Grund für 
die britischen Nachfragen vom 6. Mai gewesen. 
Eden schloß mit der Versicherung, daß er 
verstehe, wenn Leute über die gegenwärtigen 
Umstände des Völkerbundes enttäuscht seien. 
Aber er glaube fest daran, daß die heute nach 
mittag von ihm auseinandergesetzte Politik 
dazu angetan sei, in der gegenwärtigen sor 
genvollen, schwierigen und kritischen Lage den 
Frieden aufrechtzuerhalten und daß er diese 
Ausführungen mit der vollen Verantwortung 
gegenüber dem Parlament gemacht habe. 
Die Opposition spricht 
Nach Außenminister Eden ergriff 
Greenwood 
für die Arbeiterpartei das Wort. Er sagte, 
daß noch niemals eine Rede gehalten worden 
sei, die mehr zu bedauern sei, als die Edens. 
Millionen Menschen würden seine Rede mit 
Scham und Entsetzen lesen und tief bestürzt 
darüber sein, daß die Regierung den schlimm 
sten politischen Verrat begangen habe. Napo 
leons Rückzug aus Rußland sei historisch we 
niger bedeutungsvoll als der Rückzug Edens! 
Lloyd George, 
der hierauf für die liberale Opposition das 
Wort ergriff, erklärte, Eden gehe nach Genf, 
um den Völkerbund zu zerstören. Von diesem 
Augenblick an werde es nn.r noch internatio 
nale Anarchie geben. Es habe keinen Zweck, 
wenn Eden noch sage, daß er den Völkerbund 
wiederherstellen und reparieren wolle. Welche 
der Nationen weigere sich denn, die Sanktio 
nen beizubehalten. Nicht eine. Die Reihen des 
Völkerbundes seien nicht zerbrochen. Eden 
gehe vielmehr hin, um dies zu tun. 
Als man dre Sanktionen begonnen habe, sei 
die Flotte nicht bereit gewesen. Sie habe keine 
ausreichende Munition unter dieser patrioti 
schen Regierung gehabt. Er glaube es einfach 
nicht, wenn gesagt werde, daß die große briti 
sche Flotte den Italienern nicht hätte entgegen 
gestellt werden können. Jetzt aber sei die Flot 
te voll aufgerüstet. Die Kriegsgefahr habe sich 
vermindert, und die Haltung der beiden wich 
tigsten Mittelmeermüchte habe sich grundsätz 
lich geändert. Die Laval-Rcgierung sei gegen 
die Sanktionen gewesen. Jetzt aber sei eine Re 
gierung von gänzlich anderem Charakter 
vorhanden. Blum habe dem „Daily Telegraph" 
zufolge dem britischen Außenamt mehr als 
einmal mitgeteilt, daß Frankreich bereit sei, 
Großbritannien bei jedem Schritt zn unter 
stützen, den es zur Durchführung der Völker 
bundssatzungen ergreife. Ob das wahr sei? 
Eden 
erhob sich hierauf und stellte fest, die franzö 
sische Regierung habe erklärt, sie sei nicht be 
reit, die Initiative zur Aufhebung der Sank 
tionen zu ergreifen. Sie sei aber bereit, mit 
der britische» Regierung zusammen zu arbei 
ten. 
Lloyd George 
fuhr fort, daß auch Spanien seine Ansichten ge 
ändert habe. Die Gesamtheit der Mittelmeer 
mächte sei bereit, Großbritannien zu unter 
stützen, und die Regierung laufe fort. Der 
auswärtige Handel Italiens sei um die Hälfte 
zurückgegangen. Er sehe nicht ein, warum 
man aufgeben solle, nur weil Addis Abeba er 
obert worden sei. Lloyd George ging dann da 
zu über, die Regierung unter dem Beifall der 
Opposition lächerlich zu machen. 
Die heftigen Angriffe Lloyd Georges riefen 
eine so starke Erregung im Unterhaus hervor, 
daß als sich ein anderer konservativer Abge 
ordneter zum Wort meldete, stürmisch nach 
Baldwin auf den Bänken der Opposition ge 
rufen wurde. 
Der Ministerpräsident Baldwin 
erklärt unter dem Beifall seiner Anhänger 
und wies darauf hin, daß seit undenklichen 
Zeiten keine Aussprache stattgefunden habe, 
die größere Erregung hervorgerufen hätte. Der 
schwerste Angriff, den Greenwood gegen die 
Regierung unternommen habe, sei der Vor 
wurf, daß sie das Land irregeführt hätte. Auch 
Lloyd George habe in dieser Richtung gespro 
chen 
Wenn der Völkerbund im Herbst zusammen 
treten werde, so werde er nach seiner Meinung 
besonders ernsthaft die Frage der kollektiven 
Sicherheit beraten müssen. Nach Auffassung der 
Regierung sei die kollektive Sicherheit geschei 
tert, und die Regierung habe danach zu trach 
ten, die Nationen in Genf zusammenzuführen. 
Für die kollektive Sicherheit müßten die Voll 
machten des Völkerbundes zu jeder Zeit derart 
sein, daß eine Sicherung und sofortige Ueber- 
legenheit gegen die Angreifer gegeben wäre. 
Baldwin gab dann seiner Ueberzeugung 
Ausdruck, daß die Mehrheit der europäischen 
Bevölkerung eine Auffassung vom Kriege ha 
be, die mit Furcht oder Mangel an Mut nichts 
zu tun habe, sondern mit ihrer Kenntnis des 
wirkliche» Krieges, und daß er sich manchmal 
frage, ob diese Völker in den Krieg ziehe» 
würden, wenn sic nicht glaubten, daß ihre ei 
genen Grenzen bedroht seien. Wäre Großbri 
tannien bedroht, so würde jeder Brite zu den 
Waffen greifen. Aber es brauche noch ein gut 
Teil Erziehung, bis er sich zur Uebernahme 
aller der Verpflichtungen verstehen würde, die 
aus den Völkerbundssatzungen entstünden. 
Zur allgemeinen europäischen Lage erklärte 
Baldwin, 
es sei von außerordentlicher Bedeutung 
für Europa, wenn Deutschland, Frank 
reich und Großbritannien Seite an Seite 
in Europa für den Frieden arbeiten 
würden. 
Er sprach dann davon, daß Deutschland den 
Krieg verloren habe und in den Friedensver 
trägen einen großen Preis bezahlen mußte. 
Man habe Deutschland nur sehr geringfügige 
Rüstungen belassen und hätte gehofft, daß dies 
zu einer allgemeinen Abrüstung in Europa 
führen werde. Deutschland habe einen Blick in 
den Abgrund tun können, als der Kommunis 
mus in Deutschland sein Haupt erhoben habe. 
„Der Reichskanzler Adolf Hitler hat uns 
gesagt", so erklärte Baldwin wörtlich 
weiter, „daß er Frieden wünscht, und 
wenn mir das ein Mann sagt, so wün 
sche ich das auszuprobieren." 
Baldwin schloß mit der Feststellung, daß die 
Ansicht Edens von der Regierung einstimmig 
gebilligt werde. Man habe den eingeschlagenen 
Kurs gewühlt, weil man ehrlich glaube, daß 
er Mr klügere sei und daß er am ehesten zum 
Frieden führe. Er hoffe, daß es gelingen wer 
de, Franzosen, Deutsche und Briten i» einer 
Konferenz zur besseren Sicherung des Frie 
dens in Europa zusammenzubringen. „Die 
Rolle, die Deutschland in Europa spielen kann, 
ist ungeheuer. Wenn sich die Gelegenheit dafür 
ergibt, so laßt uns tun, was möglich ist, um 
die Dinge zum Guten zu wenden. Der Friede 
ganz Europas ist es, dem Tag und Nacht hin 
durch unsere Sorge gegolten/hat." 
Der Führer der Opposition, 
Attlee, 
brachte dann den Mißtrauensantrag gegen die 
Regierung Baldwin ein. Die weitere Aus 
sprache wurde auf Dienstag nächster Woche 
vertagt 
Zurückhaltende Aufnahme 
her Eden-Erklärung in Italien. 
DNB. Rom, 19. Juni. Die Rede Edens im 
Unterhaus war auch am späten Donnerstag 
abend in der italienischen Hauptstadt nur in 
einem kurzen Auszug bekannt, dessen Inhalt 
freilich in journalistischen und politischen Krei 
sen bei aller Anerkennung der einstimmigen 
Abkehr der englischen Regierung vom Sank 
tionskrieg mit einer fühlbaren Zurückhaltung 
aufgenommen wird. Der Anlaß dazu scheint 
vor allem das beabsichtigte Weiterbestehen der 
von England mit mehreren Mittelmeerstaaten 
getroffenen Flottenabmachungcn und die An 
kündigung zu sein, baß England im Mittel 
meer dauernd ein verstärktes Flottenaufgebot 
unterhalten will. In zuständigen Kreisen will 
man vor dem Vorliegen des vollständigen 
amtlichen Textes auf jede Stellungnahme ver 
zichten, da sich erst aus seiner genauen Prü 
fung ergeben könne, über welche Punkte Ita 
lien etwa weitere Aufklärung für nötig er 
achten werde. 
Die Eden-Rede 
im Spiegel der französischen Presse. 
DNB. Paris, 18. Juni. Der Beschluß der 
britischen Regierung, die Sanktionen gegen 
Italien aufzuheben, wird von der Abendpresse 
in langen Betrachtungen behandelt. „Temps" 
sagt, man könne sich zu diesem Entschluß nur 
beglückwünschen, da er zu einer dauerhaften 
Klärung der internationalen Lage beitragen 
werde. Für die Regierung eines großen Lan 
des sei es stets peinlich, öffentlich die Nieder 
lage einer Politik zuzugeben, in die sie sich zu 
tiefst verpflichtet habe. Aber es sei stets ver 
dienstvoll, diese Politik zu berichtigen, anstatt 
in einem Irrtum, der zu schwerwiegenden 
Folgen führen würde, weiter zu beharren. 
d'Ormesson erklärt im Figaro, Baldwin und 
Eden hätten es verstanden, aus der Lähmung 
der französischen Politik und aus ihren Miß 
griffen Nutzen zu ziehen. Die diplomatische 
Operation sei auf dem Rücken Frankreichs aus 
getragen worden, und zwar ausgerechnet auf 
dem Rücken derjenigen französischen Regie 
rung, die am stärksten nach England hinneige. 
Die Verantwortung trage französischerseits 
Leon Blum, der sich dem Vorschlag der Regie 
rung Sarraut widersetzt habe, mit Rom in un 
mittelbare Verhandlungen einzutreten. 
Genf ist bestürzt. 
DNB. London, 19. Juni. (Eig. Funkmeldg.). 
Nach einer Reutermeldung aus Genf wird der 
britische Beschluß, zugunsten einer Aufhebung 
der Sanktionen in Völkerbundskreisen als 
„unverständlich und beinahe unglaublich" be 
zeichnet. Es werde erklärt, daß England weit 
gehend unterstützt worden wäre, wenn es sich 
für die Aufrechterhaltung oder Verstärkung 
der Sanktionen entschieden hätte. Durch die 
Aufgabe der Sanktionen verliere der Völker 
bund seine einzige Waffe, und England werde 
durch seine Initiative an Ansehen verlieren. 
* * * 
vor den Slympischen Spielen. 
(Von unserer Berliner Schriftleitung.) 
Die drei ersten Tage der Woche haben wie 
der über 6000 Neuanmeldungen zu den olym 
pischen Spielen gebracht. Die Besucherzahl in 
den Tagen vom 1. bis 16. August wird vor 
aussichtlich in die Millionen gehen. 
Von Interesse ist die Tatsache, daß fast alle 
in Berlin beglaubigten Botschafter und Ge 
sandten ihren Sommerurlaub für Anfang Au 
gust uuterbrechen bzw. verschieben werden, um 
an der feierlichen Eröffnung der 12. olympi 
schen Spiele teilzunehmen. 
Wenn im übrigen der Strom der Anmel 
dungen aus dem Ausland wie bisher weiter 
geht, dann wird die Besucherzahl der olympi 
schen Spiele in Deutschland die der Olympiade 
von Los Angeles, der 10. Olympiade, um das 
vierfache überschreiten. 
Aus Paris wird heute gemeldet, daß die 
dortigen Reisebüros seit gestern die ersten 
Aufforderungen und Einladungen zu Gesell 
schaftsreisen nach Berlin ausgeben. 
Das italienische Radio hat am Mittwoch ei 
nen Vorbericht über die Berliner olympischen 
Spiele für seine Hörer gegeben. 
Mitteleuropäische Fragen. 
(Eigener Bericht.) 
Der alarmierende Artikel der „Wiener 
Reichspost" von der kommenden „monarchisti 
schen Restauration Oesterreichs" wird von der 
italienischen Presse ausnahmslos wörtlich ab 
gedruckt, aber ohne Kommentar. 
In den schweizerischen Zeitungen findet der 
Artikel eine lebhafte Kommentierung. 
Die „Neue Baseler Zeitung" erinnert in 
diesem Zusammenhang an die immer wieder 
in Paris betonte „Heiligkeit der Verträge". 
Anscheinend gelte diese nur immer ausschließ 
lich gegen Deutschland. Das Blatt fragt weiter, 
wieviel Oesterreicher wohl bei einer freien 
Abstimmung für die Wiederkehr der Habsbur 
ger stimmen würden? Ihre Zahl werde er 
schreckend gering sein. 
Von den englischen Zeitungen kündigt „Dai 
ly Herald" eine Anfrage im Unterhaus wegen 
der österreichischen Restaurationsbestrebungen 
an. 
An Leu Toren Ehmas. 
Japan und Rußland. 
DNB. Tokio, 18. Juni. (Ostasiendienst des 
DNB.) Nach einer Meldung der Agentur 
Domei hat das japanische Kriegsministerium 
die Parteien gewarnt, eine Kritik an der Lan 
desverteidigung zu üben, die den Eindruck 
erwecken könne, als sei die japanische Armee 
Selbstzweck. Die Parteien müßten vielmehr 
im Sinne einer Kräftigung der geistigen Ge 
schlossenheit zwischen Volk und Armee arber- 
ten, da sie die Voraussetzung der für den End 
erfolg dringenden notwendigen Heeresver 
mehrung sei. Die augenblickliche Lage erfor 
dere die Anpassung der japanischen Landes 
verteidigung an die Stärke derjenigen Kräfte, 
die Moskau für den Fernen Osten verfügbar 
machen könne. 
2 Tote bei Streikunruhen. 
Die SpMWug in Belgien. 
DNB. Brüssel, 19. Juni. Zu einem Feuer 
gefecht zwischen streikenden Arbeitern und 
Gendarmerie ist es am Donnerstagabend in 
Monsville im Bezirk Borinage gekommen- 
Die Arbeiter hatten die Zufahrtstraßen Zu 
dem Ort durch Barrikaden versperrt und zur 
Verhinderung der Gendarmerie Glasscherben 
ausgestreut. Am späten Nachmittag wurde ein 
größeres berittenes Gendarmerie-Aufgebot 
nach Monsville geschickt, um die Ordnung wie 
derherzustellen. Als die Truppen auf der 
Chaussee anrückten, wurden sie zunächst mit 
Steinwürfen empfangen. Dann fielen von 
Seiten der Arbeiter Schüsse. Es entwickelte 
sich ein regelrechtes Feuergefecht. Die Arbeiter 
mußten schließlich die Flucht ergreifen und 
liefen in das nahegelegene sozialdemokratische 
Volkshaus. Die Gendarmerie drang mit schuß 
bereiten Karabinern nach und verhaftete alle 
Insassen. Später wurde vor dem kommunisti 
schen Parteilokal ein 26jähriger Arbeiter tot 
aufgefunden. Er hatte einen Bauchschuß. Aus 
Erregung über die Vorfälle fiel auf der Straße 
kurz darauf eine 61jährige Frau tot nieder. 
Schwere Ausschreilungen 
und LarriķàMWse 
DNB. Kowno, 18. Juiri. Die Arbeiter sämt 
licher privaten Betriebe einschließlich der Zei- 
tungsdruckereien haben am Donnerstag die 
Arbeit für 24 Stunden niedergelegt. Damit 
soll ihrem Protest gegen das Verhalten der 
Polizei bei dem Begräbnis eines Arbeiters 
am Mittwoch, bei dem es, wie gemeldet, zu 
blutigen Zusammenstößen • gekommen war, 
Ausdruck gegeben werden. 
In der Kownoer Innenstadt kam es zu er 
heblichen Zusammenrottungen der Streiken 
den, die mit Gartenbänken und Müllkästen 
Barrikaden errichteten und den gesamten Ver 
kehr unterbanden. Der Autobusverkehr, der 
zunächst in die Nebenstraßen umgeleitet wurde, 
mußte später eingestellt werden. Die Polizei 
ging mit Maschinengewehren, Karabinern und 
Gummiknüppeln vor. Am Neubau des Offi 
zierskasinos bewarfen die Streikenden die Po 
lizei mit Steinen. Die Polizei nahm ständig 
Verhaftungen von Rädelsführern vor. Gegen 
Mittag war es ihr geglückt, die Hauptstraße zu 
räumen, doch hörte man gegen 14 Uhr noch 
immer Schießereien. Die Menge rottete sich 
immer wieder in den Nebenstraßen zusammen. 
Bei den Ausschreitungen handelt es sich of 
fensichtlich um kommunistische Einflüsse. Sow- 
jetrussischc Zeitungen sind in den letzten Tagen 
in Kowno sehr stark vertrieben worden. Die 
überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung 
scheint auf Seiten der Regierung zu stehen. 
Die Polizei verhaftet über 400 Personen. 
Zum Tode von Heinrich Lersch. 
DNB. Köln, 19. Juni. Die Nachricht von 
dem plötzlichen Tod Heinrich Lerschs, des Dich 
ters der Arbeit und Künders des neuen 
Deutschlands, hat überall tiefste Trauer aus 
gelöst. 
Heinrich Lerfch, der am 12. September 1889 
in München-Gladbach geboren wurde, brachte 
seine Jugend und Manneszeit in der Kessel 
schmiede zu. So kannte und liebte er schöpferi 
sche Arbeit. Er brachte den Schlag des Ham 
mers mit dem Schlag des Herzens in Ein 
klang. 1916 entstand der erste Band Gedichte 
„Herz ausglühe Dein Blut" und 1925 das Hel 
denlied der Arbeit „Mensch in Eisen". 
Doch Lersch wurde auch der aufrüttelnde 
Mahner. 1914 erscholl sein soldatischer Schwur 
durch die deutschen Lande „Deutschland muß 
leben, und wenn wir sterben müssen". Einige 
Jahre später erging sein Appell an die Millio 
nen schaffenden Deutschen: „Wir schmieden ein 
neues Deutschland zusammen". In die Äuf- 
gewühltheit und Zerrissenheit der damalige^ 
Zeit traf des Dichters Wort „Die Welt war 
faul, eine neue Fahne weht, eine neue Garde 
steht, sie gibt keinen Stein mehr von Deutsche 
land ab". 
Der deutschen Jugend schenkte er den mach^ 
vollen Spruch: „Feuer, die flammen, Räder, 
die rollen, Männer, die wollen, gehören 3 lt ' 
sammen". Den Liedern der Arbeit und de neu 
an Deutschland — es erschienen noch 1 9 |, 
„Deutschland" und 1930 der autobiographisch 
Roman „Hammerschläge" — fügte sich dann 
sein fünftes Prosawerk an: „Mannt", Kinder 
geschichten von wunderbarer Zartheit uno 
Innigkeit, in denen der Dichter ausruht voU 
seinem künstlerischen Werk. 
. 
das 1 
went 
es n 
Trot 
Tage 
vens 
Be 
begü 
dunk 
Nach 
die I 
äwe 
nis 
im z 
nahn 
Menì 
taub 
dern 
solch 
Bc 
schläj 
der i 
schilş 
gwisi 
Pflic 
Auf 
genst 
Unte 
gerco 
Ņtou 
Die 
lassen 
Dlaii 
Ur 
dem 
rote 
wem 
herv 
sonst 
Erde 
die ] 
ist e - 
®?0J1 
geho 
D 
Weit 
über 
weit 
flöte 
wie 
gew 
ten) 
Brü
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.