Besuch auf der HaMg Hsoge und im Vogelparadies Norderosg
Keine Gegend unserer deutschen Heimat hat
>o mannigfache Landschaftsformen aufzuweisen
^ie gerade Schleswig-Holstein. Seien es die
Hüttener Berge oder die Föhrden der Ost-
chste, seien es die weiten Marschen des We
sens oder die Moore und Heiden des Mit-
^rückens, seien es die lieblichen Seen und
Buchenwälder Ostholsteins oder die Dünen
Estlands, jede dieser Landschaften unserer
^eerumspülten Heimat hat ihren eigenen
^eiz. Am eigenartigsten aber ist die Welt der
Halligen, jener kleinen Inseln, die im Watten
meer der nordfriesischen Küste vorgelagert
şiud. Die ansehnlichsten unter ihnen sind
Hooge und Langeneß, die kleinsten Habel,
Ģrôde, Noröeroog, Süderoog, Oland, Süöfall
Und Nordstrandischmoor. Die Hamburger Hal-
ļig dagegen ist seit vielen Jahren durch einen
Damm mit dem festen Wall verbunden. Eine
Zweifache Bedeutung haben die Halligen. Ein
mal sind sie Wellenbrecher für die hinter ihnen
hegenden Seedeiche, und zum andern dienen
sie als Stützpunkte bei der Zurückeroberung
àer weiten Wattengefilöe.
Hooge und Norderoog waren das Ziel einer
Halligfahrt der Ortsgruppe Rendsburg im
Erund für Vogelschutz. Von Bongsiel aus trägt
ans ein Motorboot nach Hallig Hooge. Still
Und glatt liegt die See da im Sonnenglanz.
Ģrau und unermeßlich dehnt sich nach Westen
èer blanke Hans. Hinter uns sind noch für
^nge Zeit die hellen Häuser des Sönke-Nissen-
!s sichtbar. In flotter Fahrt geht es vor-
Zum Trockne» ausgestellte Ditten
Lichtbild: Cl. Wulf.
a>arts, vorbei an den Baken, jenen biegsamen
Mirkenstämwchen, die im Wattenmeer den Weg
ins Freie zeigen. Während die Festlandsküste
>Nehr und mehr im Dunst entschwindet, er
geben sich vor uns aus den Fluten kleine Hü
lle! mit Häusergruppen, deren Umrisse schär-
şer werden, je näher wir ihnen kommen. Links
i'on uns liegt die nur mit einem einzigen
Haus bestandene Hallig Habel, und nach kur
ier Fahrt haben wir zur rechten Hand Gröde
Vox uns. Dann taucht Langeneß-Nordmarsch-
K'utwehl aus dem Meere auf, deren mehr als
So Warften uns wie auf einer Schnur ausge
seihte Perlen erscheinen. Nach 2^stündiger
Fahrt durch die Süderau haben wir Hooge
-rreicht und schreiten nun zur Backenswarft
empor.
Wie sieht es nun auf einer Hallig aus?
Komm, lieber Leser, und folge mir bei einer
Wanderung über die am weitesten in die See
vorgeschobene Hallig, über Hooge, dieses herr
sche Fleckchen deutscher Erde. Ringsum ist die
^wa 800 Hektar große Insel mit einer Stein-
böschung umgeben. Ehedem war das anders.
Da siel die zerklüftete Kante einen Meter steil
Rm Meere ab. Den fruchtbaren Boden bedeckt
-in dichter Grasteppich, der heuer stark durch-
Scevögcl im Wattenmeer
Lichtbild: Archiv
wirkt ist vom Gelb des in ganzen Breiten
aufblühenden Klappertopfes. Rinder und
Schafe dehnen sich wohlig im Grase, muntere
Lämmer führen ihre Sprünge auf, über uns
fliegen Regenpfeifer dahin und lassen ihre
eigentümlichen Laute ertönen. Ein dichtes Netz
von Prielen durchkreuzt das Eiland. Der
Bahn der Prielen folgend dringt das Meer zur
Flutzeit landeinwärts, um sich dann mit dem
Ebbstrom wieder rückwärts zu wenden. Um
den Verkehr von Warft zu Warft zu ermög
lichen, führen über die Priele Stege, von
denen die größeren mit einseitigem Geländer
versehen sind.
Um vor den Sturmfluten gesichert zu sein,
haben die Halligleute ihre Häuser auf Warf
ten errichtet. In den meisten Fällen steht auf
einer Warft eine ganze Kolonie von kleinen,
mit Ret gedeckten Häusern. Die Stuben sind
mit blauen oder vio
letten Delfter Kacheln
ausgeschlagen, und
unter der Decke befin
den sich Eichenbalken.
Auch die Beilegeröfen
und Alkovenbetten,
wie wir sie von den
Interieurs des Frie
senmalers Karl Lud
wig Jessen her ken
nen, fehlen nicht. Das
berühmteste Haus
Hooges, ja Fries
lands, steht auf der
Hanswarft. Es enthält
den um 1760 gebauten
sogenannten Köuigs-
pescl, der mit seinen
gekachelten Wänden
und seiner gemalten
Decke, mit seinem ein
heimischen und frem
den Schmuck und Hallig Habel
Hausrat ein besonde
rer Zeuge friesischer
Kultur und ehemaligen Reichtums der Hallig
friesen ist. In ihm wohnte der dänische König
Friedrich VI., als er 1826 bei einer Besichti
gungsfahrt wegen Sturmes drei Tage auf
Hooge festgehalten wurde.
Ein Schmuck der Warften sind die gewöhn
lich nach Süden gelegenen Gärtchen. Ein tiefer
Feding, so etwas wie ein kleiner Dorfteich,
enthält Süßwasser für das Vieh. In gemau
erten Zisternen wird das Traufwasser der
Dächer aufgefangen. Sie liefern das Wasser
für den Haushalt, aber auch für den Tee
punsch, ohne den ein Halligbesnch kaum denk
bar ist. Mit viel Humor werden die torfsoden
artigen Ditten, das Brennmaterial der Hal
ligbewohner, bestaunt, die aus mit Heu oder
Stroh vermengtem — Kuhdung hergestellt
werden. In langen Reihen werden sie im
Sommer Wind und Wetter ausgesetzt, bis sie
den ihnen anhaftenden 'Geruch völlig verloren
haben.
Auf neun Warften wohnen die 170 Einwoh
ner Hooges, von denen 42 Schulkinder sind.
Die größte Warft ist die bereits erwähnte
Hanswarft. Auf der Kirchwarft befinden sich
Die Kirchwarft auf Hallig Hooge
Lichtbild: A. Clausen
Jens Wand ist uns Führer auf einer Wan.
dcrung rund um die Hallig herum. Barfüßig
und mit einem dicken Knüppel bewaffnet, so
schreitet er uns voraus, und wir folgen ihm
im Gänsemarsch. Hier ist eilt Seeschwalbennesl
und dort das Gelege des Austernfischers.
Ucberall kriechen die Taunenjungen hermn.
Bi an muß genau aus den Boden blicken, um
nicht durch einen Fehltritt ein Gelege oder
gar ein Junges zu zertreten. So zahlreich
sind die Nester der vielen hier brütenden Sec-
Lichtbild: Archiv Landesverkehrsverband Nordmark e. D
neben dem schmucken Halligkirchlein Pastorat
und Friedhof. Das Schulhaus steht auf der
Ockelützwarft. Wir werfen einen Blick durch
die Fenster in das Schulzimmer und bewun
dern das von Kindern mit der Kirchwarft bunt
bemalte Pult ihres Lehrers. Von der Schul
warft aus genießen wir noch einen hübschen
Ausblick auf die malerisch gelegenen vier west
lichen Warftsiedlungen.
Eine Sonderstellung unter den Halligen
nimmt Norderoog ein. Dies kleine Eiland liegt
vier Kilometer südlich von Hooge und ist seit
1900 Eigentum des Vereins Jordsand und
Vogelfreistätte. Von Hooge aus erreichen wir
in einstündigem Marsche durch das Watt das
ungefähr 15 Hektar umfassende Vogelparadies.
Als wir das Watt hinter uns lassen, empfängt
uns das laute Geschrei der vielen Seeschwal
ben, die um ihre gesprenkelten Eier in dem
kunstlosen Nest oder gar um ihre Jungen
bangen. Norderoog ist in der Tat ein wahres
Vogelparadies. Es brüten hier außer 6000
Paaren Brandseeschwalben noch Tausende von
Küstensee- und Flußseeschwalben, von Möven
und Austernfischern. Die Zwergseeschwalbe ist
mit 26 Gelegen vertreten, und für die wenigen
Brandenten hat man besondere künstliche Höh
len geschaffen.
Inmitten der Tausende von Seevögeln führt
der Vogelwärter Jens Wand hier auf Norder
oog ein modernes Robinsonleben. Er wohnt
hier während der Sommermonate in einem
auf starken Eichenständern errichteten Bretter
häuschen, das sich ausnimmt wie ein Pfahl
bau vom Bodensee.
Steg über einen Priel
Lichtbild: A. Clausen
vögel. Ter weißhaarige Alte ist ihnen ein
treuer Beschützer ihrer Gelege und ihrer Brut,
und mit den Worten „Achtung vör de Fööt!"
mahnt er des öfteren zur Vorsicht.
Hin und wieder sehen wir eine Nestmulde
des Austernfischers, die hübsch mit Muschel-
schalen ausgelegt ist. Wir werden gewahr, wie
ein Junges aus dem Ei schlüpft,' wir sehen,
wie zwei. zierliche Daunenjunge sich um einen
Wurm streiten. Und auf dem Watt trippeln
die schwarz-weiß-roten Austernfischer, uner
müdlich der Nahrungssuche nachgehend. Un
versehens nahen wir uns einem Ruheplatz
der Seeschwalben. Zu vielen Hunderten er
heben sie sich in die Lüfte und machen einen
ohrenbetäubenden Lärm. Unter das laute
„Kerick" der vielen Brandseeschwalben mischt
sich das durchdringende „Kriüh" der Küsten,
und Flußseeschwalben.
Das kleine Eiland ist bald umquert. Wir
aber haben einen überwältigenden Eindruck
empfangen von der Vielgestaltigkeit des Vo
gellebens, das sich allsommerlich auf Norder
oog entwickelt. Bei der Koje des Alten wieder
angelangt, nehmen wir Abschied von Norder
oog, dieser schönen Vogelfreistätte, und aus
dem gleichen Wege, auf dem wir kamen, keh
ren wir wieder nach Hooge zurück.
Noch einmal erfreuen wir uns der herben
Schönheit der Insel, bis uns das Motorboot
wieder dem Festlandc zuträgt.
Wir sind um ein seltenes Naturerleben rei
cher. Wir durften einen Sommertag in der
Welt der Halligen erleben, hier in inniger Ge
sellschaft mit Wasser und Wolken, Wind und
Seevögeln, in einer großzügigen Natur. Wer
Sinn hat für die Schönheiten und Eigenarten
unseres Heimatlandes, der muß selber ein
mal hinaus in die nordfriesische Inselwelt,
denn keine noch so glänzende Schilderung ist
imstande, eigenes Erleben zu ersetzen.
Claus Wulf.
Friesinnen der Hallig Langenetz
auf dem Weg zur Kirche.
Lichtbild: Archiv Lanöesverkehrsvcrband
Nordmark e. B.