Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Besuch auf der HaMg Hsoge und im Vogelparadies Norderosg 
Keine Gegend unserer deutschen Heimat hat 
>o mannigfache Landschaftsformen aufzuweisen 
^ie gerade Schleswig-Holstein. Seien es die 
Hüttener Berge oder die Föhrden der Ost- 
chste, seien es die weiten Marschen des We 
sens oder die Moore und Heiden des Mit- 
^rückens, seien es die lieblichen Seen und 
Buchenwälder Ostholsteins oder die Dünen 
Estlands, jede dieser Landschaften unserer 
^eerumspülten Heimat hat ihren eigenen 
^eiz. Am eigenartigsten aber ist die Welt der 
Halligen, jener kleinen Inseln, die im Watten 
meer der nordfriesischen Küste vorgelagert 
şiud. Die ansehnlichsten unter ihnen sind 
Hooge und Langeneß, die kleinsten Habel, 
Ģrôde, Noröeroog, Süderoog, Oland, Süöfall 
Und Nordstrandischmoor. Die Hamburger Hal- 
ļig dagegen ist seit vielen Jahren durch einen 
Damm mit dem festen Wall verbunden. Eine 
Zweifache Bedeutung haben die Halligen. Ein 
mal sind sie Wellenbrecher für die hinter ihnen 
hegenden Seedeiche, und zum andern dienen 
sie als Stützpunkte bei der Zurückeroberung 
àer weiten Wattengefilöe. 
Hooge und Norderoog waren das Ziel einer 
Halligfahrt der Ortsgruppe Rendsburg im 
Erund für Vogelschutz. Von Bongsiel aus trägt 
ans ein Motorboot nach Hallig Hooge. Still 
Und glatt liegt die See da im Sonnenglanz. 
Ģrau und unermeßlich dehnt sich nach Westen 
èer blanke Hans. Hinter uns sind noch für 
^nge Zeit die hellen Häuser des Sönke-Nissen- 
!s sichtbar. In flotter Fahrt geht es vor- 
Zum Trockne» ausgestellte Ditten 
Lichtbild: Cl. Wulf. 
a>arts, vorbei an den Baken, jenen biegsamen 
Mirkenstämwchen, die im Wattenmeer den Weg 
ins Freie zeigen. Während die Festlandsküste 
>Nehr und mehr im Dunst entschwindet, er 
geben sich vor uns aus den Fluten kleine Hü 
lle! mit Häusergruppen, deren Umrisse schär- 
şer werden, je näher wir ihnen kommen. Links 
i'on uns liegt die nur mit einem einzigen 
Haus bestandene Hallig Habel, und nach kur 
ier Fahrt haben wir zur rechten Hand Gröde 
Vox uns. Dann taucht Langeneß-Nordmarsch- 
K'utwehl aus dem Meere auf, deren mehr als 
So Warften uns wie auf einer Schnur ausge 
seihte Perlen erscheinen. Nach 2^stündiger 
Fahrt durch die Süderau haben wir Hooge 
-rreicht und schreiten nun zur Backenswarft 
empor. 
Wie sieht es nun auf einer Hallig aus? 
Komm, lieber Leser, und folge mir bei einer 
Wanderung über die am weitesten in die See 
vorgeschobene Hallig, über Hooge, dieses herr 
sche Fleckchen deutscher Erde. Ringsum ist die 
^wa 800 Hektar große Insel mit einer Stein- 
böschung umgeben. Ehedem war das anders. 
Da siel die zerklüftete Kante einen Meter steil 
Rm Meere ab. Den fruchtbaren Boden bedeckt 
-in dichter Grasteppich, der heuer stark durch- 
Scevögcl im Wattenmeer 
Lichtbild: Archiv 
wirkt ist vom Gelb des in ganzen Breiten 
aufblühenden Klappertopfes. Rinder und 
Schafe dehnen sich wohlig im Grase, muntere 
Lämmer führen ihre Sprünge auf, über uns 
fliegen Regenpfeifer dahin und lassen ihre 
eigentümlichen Laute ertönen. Ein dichtes Netz 
von Prielen durchkreuzt das Eiland. Der 
Bahn der Prielen folgend dringt das Meer zur 
Flutzeit landeinwärts, um sich dann mit dem 
Ebbstrom wieder rückwärts zu wenden. Um 
den Verkehr von Warft zu Warft zu ermög 
lichen, führen über die Priele Stege, von 
denen die größeren mit einseitigem Geländer 
versehen sind. 
Um vor den Sturmfluten gesichert zu sein, 
haben die Halligleute ihre Häuser auf Warf 
ten errichtet. In den meisten Fällen steht auf 
einer Warft eine ganze Kolonie von kleinen, 
mit Ret gedeckten Häusern. Die Stuben sind 
mit blauen oder vio 
letten Delfter Kacheln 
ausgeschlagen, und 
unter der Decke befin 
den sich Eichenbalken. 
Auch die Beilegeröfen 
und Alkovenbetten, 
wie wir sie von den 
Interieurs des Frie 
senmalers Karl Lud 
wig Jessen her ken 
nen, fehlen nicht. Das 
berühmteste Haus 
Hooges, ja Fries 
lands, steht auf der 
Hanswarft. Es enthält 
den um 1760 gebauten 
sogenannten Köuigs- 
pescl, der mit seinen 
gekachelten Wänden 
und seiner gemalten 
Decke, mit seinem ein 
heimischen und frem 
den Schmuck und Hallig Habel 
Hausrat ein besonde 
rer Zeuge friesischer 
Kultur und ehemaligen Reichtums der Hallig 
friesen ist. In ihm wohnte der dänische König 
Friedrich VI., als er 1826 bei einer Besichti 
gungsfahrt wegen Sturmes drei Tage auf 
Hooge festgehalten wurde. 
Ein Schmuck der Warften sind die gewöhn 
lich nach Süden gelegenen Gärtchen. Ein tiefer 
Feding, so etwas wie ein kleiner Dorfteich, 
enthält Süßwasser für das Vieh. In gemau 
erten Zisternen wird das Traufwasser der 
Dächer aufgefangen. Sie liefern das Wasser 
für den Haushalt, aber auch für den Tee 
punsch, ohne den ein Halligbesnch kaum denk 
bar ist. Mit viel Humor werden die torfsoden 
artigen Ditten, das Brennmaterial der Hal 
ligbewohner, bestaunt, die aus mit Heu oder 
Stroh vermengtem — Kuhdung hergestellt 
werden. In langen Reihen werden sie im 
Sommer Wind und Wetter ausgesetzt, bis sie 
den ihnen anhaftenden 'Geruch völlig verloren 
haben. 
Auf neun Warften wohnen die 170 Einwoh 
ner Hooges, von denen 42 Schulkinder sind. 
Die größte Warft ist die bereits erwähnte 
Hanswarft. Auf der Kirchwarft befinden sich 
Die Kirchwarft auf Hallig Hooge 
Lichtbild: A. Clausen 
Jens Wand ist uns Führer auf einer Wan. 
dcrung rund um die Hallig herum. Barfüßig 
und mit einem dicken Knüppel bewaffnet, so 
schreitet er uns voraus, und wir folgen ihm 
im Gänsemarsch. Hier ist eilt Seeschwalbennesl 
und dort das Gelege des Austernfischers. 
Ucberall kriechen die Taunenjungen hermn. 
Bi an muß genau aus den Boden blicken, um 
nicht durch einen Fehltritt ein Gelege oder 
gar ein Junges zu zertreten. So zahlreich 
sind die Nester der vielen hier brütenden Sec- 
Lichtbild: Archiv Landesverkehrsverband Nordmark e. D 
neben dem schmucken Halligkirchlein Pastorat 
und Friedhof. Das Schulhaus steht auf der 
Ockelützwarft. Wir werfen einen Blick durch 
die Fenster in das Schulzimmer und bewun 
dern das von Kindern mit der Kirchwarft bunt 
bemalte Pult ihres Lehrers. Von der Schul 
warft aus genießen wir noch einen hübschen 
Ausblick auf die malerisch gelegenen vier west 
lichen Warftsiedlungen. 
Eine Sonderstellung unter den Halligen 
nimmt Norderoog ein. Dies kleine Eiland liegt 
vier Kilometer südlich von Hooge und ist seit 
1900 Eigentum des Vereins Jordsand und 
Vogelfreistätte. Von Hooge aus erreichen wir 
in einstündigem Marsche durch das Watt das 
ungefähr 15 Hektar umfassende Vogelparadies. 
Als wir das Watt hinter uns lassen, empfängt 
uns das laute Geschrei der vielen Seeschwal 
ben, die um ihre gesprenkelten Eier in dem 
kunstlosen Nest oder gar um ihre Jungen 
bangen. Norderoog ist in der Tat ein wahres 
Vogelparadies. Es brüten hier außer 6000 
Paaren Brandseeschwalben noch Tausende von 
Küstensee- und Flußseeschwalben, von Möven 
und Austernfischern. Die Zwergseeschwalbe ist 
mit 26 Gelegen vertreten, und für die wenigen 
Brandenten hat man besondere künstliche Höh 
len geschaffen. 
Inmitten der Tausende von Seevögeln führt 
der Vogelwärter Jens Wand hier auf Norder 
oog ein modernes Robinsonleben. Er wohnt 
hier während der Sommermonate in einem 
auf starken Eichenständern errichteten Bretter 
häuschen, das sich ausnimmt wie ein Pfahl 
bau vom Bodensee. 
Steg über einen Priel 
Lichtbild: A. Clausen 
vögel. Ter weißhaarige Alte ist ihnen ein 
treuer Beschützer ihrer Gelege und ihrer Brut, 
und mit den Worten „Achtung vör de Fööt!" 
mahnt er des öfteren zur Vorsicht. 
Hin und wieder sehen wir eine Nestmulde 
des Austernfischers, die hübsch mit Muschel- 
schalen ausgelegt ist. Wir werden gewahr, wie 
ein Junges aus dem Ei schlüpft,' wir sehen, 
wie zwei. zierliche Daunenjunge sich um einen 
Wurm streiten. Und auf dem Watt trippeln 
die schwarz-weiß-roten Austernfischer, uner 
müdlich der Nahrungssuche nachgehend. Un 
versehens nahen wir uns einem Ruheplatz 
der Seeschwalben. Zu vielen Hunderten er 
heben sie sich in die Lüfte und machen einen 
ohrenbetäubenden Lärm. Unter das laute 
„Kerick" der vielen Brandseeschwalben mischt 
sich das durchdringende „Kriüh" der Küsten, 
und Flußseeschwalben. 
Das kleine Eiland ist bald umquert. Wir 
aber haben einen überwältigenden Eindruck 
empfangen von der Vielgestaltigkeit des Vo 
gellebens, das sich allsommerlich auf Norder 
oog entwickelt. Bei der Koje des Alten wieder 
angelangt, nehmen wir Abschied von Norder 
oog, dieser schönen Vogelfreistätte, und aus 
dem gleichen Wege, auf dem wir kamen, keh 
ren wir wieder nach Hooge zurück. 
Noch einmal erfreuen wir uns der herben 
Schönheit der Insel, bis uns das Motorboot 
wieder dem Festlandc zuträgt. 
Wir sind um ein seltenes Naturerleben rei 
cher. Wir durften einen Sommertag in der 
Welt der Halligen erleben, hier in inniger Ge 
sellschaft mit Wasser und Wolken, Wind und 
Seevögeln, in einer großzügigen Natur. Wer 
Sinn hat für die Schönheiten und Eigenarten 
unseres Heimatlandes, der muß selber ein 
mal hinaus in die nordfriesische Inselwelt, 
denn keine noch so glänzende Schilderung ist 
imstande, eigenes Erleben zu ersetzen. 
Claus Wulf. 
Friesinnen der Hallig Langenetz 
auf dem Weg zur Kirche. 
Lichtbild: Archiv Lanöesverkehrsvcrband 
Nordmark e. B.
	        
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