•ftt. 24 / 17. Jahrgang Unterhaltungsbeilage zur «Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung. Rendsburger Tageblatt" Rendsburg, den 22. ^jtnti l936
Taternvolk in Schleswig-Holstein /
Die fett Jahrhunderten int Lande umher
schweifenden Tatern oder Zigeuner suchen
heute die Städte auf und werden seßhaft. Noch
führen sie ein Sonderleben unter uns, noch
Sebrauchen sie eigene, anderen unverständliche
Sprache,' aber alle Romantik, die sie früher auf
ihren Wanderfahrten und bei ihrem Lager-
leben umgab, ist verflogen, und die Zeit dürfte
Nicht allzufern' sein, da sie ganz untertauchen
werden in dem Volk, das sich so lange scheu
von ihnen ferngehalten hat. Seit dem Auf
tauchen der Zigeuner in Mitteleuropa am
Ausgang des Mittelalters ruht ein geheimnis
volles Dunkel über dem Schicksal des unglück
lichen Volkes, das auch die Forschung nicht
ganz hat aufhellen können,' denn es ist eine
Unsichere Annahme, daß die Zigeuner im frü
hen Mittelalter aus Vorderindien ausgewan
dert und über Persien und Aegypten nach Eu
ropa gekommen sind. Da geschichtlicher Sinn
ihnen gänzlich abgeht, sie weder Aufzeichnun
gen noch eine Volksüberlieferung besitzen, so
erklärt sich leicht der Mangel an zuverlässigen
Nachrichten. Schon bei der Ableitung ihres
Namens, der in sehr mannigfacher Schreibung
Und latinisiert als Cicani, Ciani usw. erscheint,
lunchen Schwierigkeiten auf. Wahrscheinlich ist
er eine Entstellung aus lat. Aegyptiani, auf
das auch die englische Benennung „Gipst" zu
rückgeht. Denn als Aegypter gaben sie sich bei
ihrem ersten Auftreten in Europa zumeist aus.
Im Norden, Schleswig-Holstein, Dänemark
Und Skandinavien, wurden sie Tatern genannt,
wohl in Anlehnung an „Tartaren", welcher
Name zur Bezeichnung mittelasiatischer Völ
ker, die oft ein Schrecken für Europa gewesen
sind, überhaupt diente. Jedenfalls ist dieser
Name mit dem Volke selbst nach dem Norden
gewandert.
Der Zeitpunkt des ersten Auftretens der Zi
geuner in Deutschland steht nicht fest. Sichere
Nachricht über ihre Anwesenheit liegt aber vor
in dem Bericht des Chronisten Corner, eines
Lübecker Dominikanermönchs, aus dem Jahre
%7; denn bei ihm ist die Rede von fremden,
Uoch nie gesehenen wandernden Menschen aus
östlichen Gegenden, die das ganze Land bis
Zur Meeresküste durchstreiften und sich Zigeu-
Uer nannten. Ihr Erscheinen erregte die größte
Aufmerksamkeit. Ihr Aussehen unterschied sich
hoch gar zu sehr von dem, was man in der
Heimat zu sehen gewohnt war: die dunkle
Hautfarbe, das rabenschwarze Haar, die feuri
gen Augen, die unverständliche Sprache, dazu
diese Mischung von aufdringlicher Pracht und
elendester Dürftigkeit. In Haufen, bis zu 300
Personen rückten sie unter Anführung eines
sog. Königs, Herzogs oder Grafen ins Land.
Der Führer und einige „Ritter", in glänzen
den Flitter gekleidet, waren zu Pferde, das
Gefolge, Männer, Weiber und Kinder, zu Fuß,
Mit goldenen Ohrringen, sonst halbnackt und
schmutzig. Alle übernachteten unter freiem Him-
Mel und lebten von Almosen. Der erste Emp
fang der fremden Gäste war nicht unfreund
lich. Sie gaben sich nämlich für ägyptische Pil
ger aus, die zur Strafe für begangene Sunden
sieben Jahre heimatlos umherziehen mußten.
Ihre Vorfahren hätten, so erzählten sie dem
leichtgläubigen Volke, dem Jesuskinde, als es
Mit seinen Eltern nach Aegypten kam, einen
Drunk aus dem Nil verweigert. Zur Strafe
hatte der Herr sie heimgesucht durch das Schwert
der Sarazenen und Türken, und diese Strafe
sollte erst aufhören, wenn die Buße vollbracht
sei. Diese Fabel, gewiß dem Geiste jener Zeit
geschickt angepaßt, fand Glauben. Was anderes
als ein Gelübde, als eine religiöse Idee hätte
auch nach der Vorstellung der biederen und seß
haften Menschen einen ganzen Volksstamm zu
einer so weiten, ziellosen, mit Gefahren aller
Art verbundenen Wanderschaft veranlassen
können! So sah man sie vielfach geradezu als
heilige Leute au, denen man kein Leid zufügen
dürfe. Es gelang ihnen auch, sich sowohl kaiser
liche als päpstliche Schntzbriefe zu verschaffen,
die ihnen überall willige Hilfe sicherten. Wohl
vermißte man manches, beides an Geld und
Lebensmitteln, wo die Zigeuner zu Gast ^ge
wesen waren, wohl trieben manche alten Wei
der Wahrsagerei und dergl. Teufelskunst, und
die wilden Tänze der jungen Zigeunerinnen
waren nicht gerade sittsam zu nennen,' aber
von Pilgern war man nun einmal vieles ge
wohnt. Erst als die sieben Jahre längst um
waren und die Haufen, statt nach Aegypten zu-
vückzukehreu, ständig an Zahl zunahmen, wur
de man mißtrauisch, und nach und nach schlug
das anfängliche Wohlwollen um in Haß und
Verfolgung.
Ueber das erste Auftauchen der Zigeuner in
Schleswig-Holstein liegen keine Angaben vor.
Ane Horde, die 1417 schon vor Hamburgs To
ren gelagert hatte, Weint nicht weiter nach
dem Norden vorgedrungen zu sein. Aber zu
Anfang des 16. Jahrhunderts sind die uner
wünschten Gäste auch nördlich der Elbe,' denn
1511 empfing ein „Herzog Jürgen von Aegyp
ten" einen Geleitsbrief von Herzog Friedrich
von Schleswig-Holstein. Im folgenden Jahre
finden wir ihn in Schweden. Mit seinem Er
scheinen war der Damm gebrochen, und von
mm an dringt mit oder ohne Zustimmung der
Regierenden Haufe auf Haufe ins Land. Heim
reich berichtet in seiner „Nordfriesischen Chro
nik" aus dem Jahre 1583: „Den 10. Januar
sind zu Uelvesbüll 120 Tatern mit 24 Pferden
angekommen, deren König Andreas Holst ge
heißen, welche daselbst fünf Tage gelegen und
übel gehauset haben. Anno 1607 sind die von
„Herzog Johann Adolf" begleiteten Tatern in
großer Menge durch Nordstrand gezogen, ha
ben ihre Winterquartiere in Pellworm genom
men, wo dies zusammengelaufene Gesindel
den Leuten allenthalben große Beschwerung
zugefüget."
Als die immer zahlreicher auftretenden Hau-
rn mehr und mehr zu einer allgemeinen
Landplage wurden, schritten endlich die Be
hörden mit Ausweisungen ein, und da diese
nichts fruchteten, ging man nach und nach zu
immer strengeren Maßregeln über. Das ge
schah durch königliche und gemeinsame Ver
ordnungen, die bis gegen Ende des 18. Jahr
hunderts ständig wiederkehren, ein Zeichen,
daß auch die schärfsten Strafen keinen Erfolg
ijatten. Besonders rücksichtslos war man im
18. Jahrhundert. So drohte eine gemeinsame
Verordnung von 1724 noch mit Staupen und
Ausweisung, ja, in gewissen Fällen sollen die
Tatern „ohne einige zu erwartende Gnade
mit dem Strang vom Leben zum Tode gebracht
werden". Eine kurze Verordnung von 1735 er
klärt, daß diese Mittel sich als nicht kräftig ge
nug erwiesen haben, darum „von solchem
Raubgesindel die gesunden und starken Kerle
sollen in Eisen geschmiedet und in die Karre
ad operas publicas condemniert werden". Nach
einer königl. Verordnung von 1736 sollen die
bei einer allgemeinen Zigeunerjagd gefaßten
Männer in die Zucht- und Arbeitshäuser ge
bracht werden, um da nach einer ziemlich star
ken Bewillkommnung ihr Lebenlang zu schwer
ster Arbeit angehalten zu werden. Die Weiber
sollten über die Grenze gebracht, die Kinder
ihnen genommen, getauft und erzogen werden,
damit sie später ein Handwerk erlernen oder
einen Dienst antreten könnten. Auch in den
sog. Dorfbeliêbungen oder Willkürsbriefen
wurde gegen die Zigeuner Stellung genom
men. So verpflichteten sich die Bauern von
Grotz-Ouern in Angeln durch eine Dorfbelie-
bung von 1722, keine Tatern zu beherbergen
oder bei ihren Festen in den Häusern zu
dulden.
Mit den weltlichen Machthabern ging bei
der Bekämpfung der Zigeuner die Kirche Hand
in Hand. Wie konnte sie in damaliger Zeit auch
anders. Zeugte doch so vieles, was man von
den fremden Gästen hörte, von finsterem Hei
dentum. Wohl hielten sie sich nach der Refor
mation äußerlich an die Kirche ihres Gastlan
des, verehrten im Süden die Jungfrau Maria
und die Heiligen und besuchten im Norden die
Predigten und fluchten dem Papst,' aber von
wirklichem religiösem Bedürfnis haben selbst
neuere unvoreingenommene Forscher nicht
eine Spur bei ihnen entdecken können. Der
Storms Werke. Illustrierte Ausgabe in 9
Bänden. Mit einer Vorrede von Haus Fried
rich Blunck und Federzeichnungen von Karl
Wernicke. Nach der von Theodor Hertel besorg
ten, kritisch durchgesehenen und erläuterten
Ausgabe ueubcarbeitet und erweitert von Fritz
Böhme. Jeder Band, etwa 400 Seiten stark,
in Ganzleinen 1,90 fflJl, Verlag Bibliographi
sches Institut AG., Leipzig.
Diese neue Ausgabe von „Storms Werken"
soll einem großen, lebensnahen deutschen Dich
ter und Erzähler wieder den Weg zur Jugend
und ins Volk bahnen. Was die dichterische
Welt Storms im tiefsten erfüllt, sind Fragen,
Kämpfe, Träume, Seligkeiten und Aengste
deutscher Menschen, die genau so unser Inner
stes bewegen. Die Lebensschicksale, die der Dich
ter voll dramatischer Spannung schildert, und
seine unvergängliche Darstellung niederdeut
scher Landschaft im Spiegel der Mcnschenseele
lassen den Leser die Kleinlichkeiten des Alltags
vergessen und nehmen ihn ganz in ihren Bann.
Die schlanken, meergrauen Bünde in moder
nem Romanformat, der klare, große Druck in
Breitkopf-Fraktur auf blütenweißem Papier
erste feindselige Schritt seitens der Kirche
wurde 1560 in Schweden gemacht. Dänemark
folgte bald nach. Der Bischof von Fünen befahl
1578 seinen Geistlichen: „Wenn Tatern ins
Land kommen, soll kein Priester ihre Ehen
weihen, ihnen nicht die Sakramente reichen
und sie sterben lassen, als ob sic Türken wä
ren, und beerdigen draußen vor dem Kirchhofe
wie Heiden. Wollen sie ihre Kiilder getauft ha
ben, mögen sie es selbst tun." Durch das Vor
gehen der Kirche ivaren die Tatern nun auch
aus der Gemeinschaft mit Gott ausgeschlossen.
Mit Furcht und Abscheu kehrte sich jeder Chri
stenmensch von diesen Teufelskindern ab,
denen die ewige Pein gewiß war.
Ein Zug der geistlichen Physiognomie der
Zigeuner spiegelt sich in mehrfachen gleichzei
tigen Beobachtungen und in der Auffassung
des Volkes, die in Sagen ihren Ausdruck fin
det. So wird vielfach berichtet und erzählt von
ihrem Brauch, sich von der Last ihrer kraftlosen
Greise zu befreien, indem sie sie im Moore
ertränkten oder lebendig begruben. Den älte
sten Bericht dieser Art in Schleswig-Holstein
gibt Heimreich, der erzählt, daß die Zigeuner
vor ihrem Abzüge von Pellworm 1607 ein altes
Weib, das nicht länger vermochte mit ihnen zu
reisen, an dem alten Kirchhofe in Pellworm
lebendig begruben. Mit vielleicht noch größerer
Zuverlässigkeit drückt sich der Apenrader Propst
Arnkiel aus in seinem Buch über Cimbrische
Heidenbegräbnisse vom Jahre 1702, dessen An
gaben bis ungefähr 1650 zurückgehen: „Die um
laufenden Zigeuner, sonsten Tatern genannt,
sollen auch alte Leute lebendig begraben und
das Valet zugerufen haben: „Krup under, de
Welt is di gram". Ich erinnere mich, daß zu
meiner Zeit vor etlich und fünfzig Jahren
eine sehr alte Frau von den Zigeunern hier in
der Apenradischeu Hölzung bei dem Stegholz
lebendig begraben worden ist mit dem Valet:
Krup under usw., daraus bei uns ein Sprich
wort entstanden. Der Ort, wo die Zigeunerin
begraben ist, wird noch heutigen Tages daher
der Tateracker genannt. Mir ist berichtet von
einer zuverlässigen Person, die es mit anderen
angesehen, daß zu unserer Zeit die Zigeuner
eine alte Frau auf Fünen, nicht weit von der
Stadt Asiens, auch lebendig beerdigt. Der an
geführte Vers ist häufig an bestimmte Orts
sagen geknüpft. Ein Beispiel findet sich in
Schützes Schleswig-Holsteinischem Idiotikon
vom Jahre 1800. Hier ist die Begebenheit mit
dem Ort Kolmar in der Marsch verbunden.
Müllenhof erzählt: Bei Hollmoorskamp, einer
Erbpachtstelle bei Ascheberg, ist eine Wasser
grube, die man Taterkuhle nennt. Da haben
vor Zeiten die Tatern ihre altersschwachen
Leute, die sie nicht mehr fortschleppen konnten,
lebendig hineingetaucht und ertränkt, wobei
sie riefen: „Duck ünner, duck ünner, de Welt is
di gram, du kans nich länger läwen, du muß
dar jo van." Damit können die Angaben von
Liebich aus dem Jahre 1863 verglichen wer
den: Viele noch lebende Zigeuner erinnern sich
noch, vom Großvater oder der Großmutter,
ja sogar von Vater oder Mutter gehört zu ha
ben, daß sie zugegen gewesen seien, wo die
Alten mit ihrem Willen lebendig begraben
wurden. Nachdem sie ihre besten Kleider an
gelegt hatten und tief im Walde ein Grab auf
geworfen war, wurde die altersschwache Per
son hinabgesenkt, während die herumstehenden
Volksgenossen sangen: „Dscha, tele, dscha, tele,
o popolen baro wele", was wörtlich übersetzt
bedeutet: „Geh nieder, geh nieder, die Welt
und die feinfühligen Federzeichnungen Karl
Wernickes geben den Dichtungen einen Rah
men, der ihrem Stimmungsgehalt entspricht.
Kein gelehrtes Beiwerk beeinträchtigt den Ge
nuß des Dichterwortes. Wer tiefer in das
Wesen der Stormschen Kunst eindringen, sich
über das Leben des Dichters und die Ent
stehung seiner Werke unterrichten will, findet
in den Schlußbänden ausführliche literarhisto
rische Erläuterungen und Anmerkungen, die
Fritz Böhme auf Grund der bekannten Aus
gabe Theodor Hertels nach dem neuesten Stand
der Forschung besorgte. Besonderen Wert er
hält das Werk noch durch die mit dichterischer
Einfühlung geschriebene Vorrede Hans Fried
rich Bluncks.
Das Ziel, eine Storm-Ausgabe für alle zu
schaffen, wird nicht zuletzt durch den niedrigen
Bandpreis erreicht, der weit unter dem sonst
üblichen liegt. Da die Bände auch einzeln ab
gegeben werden, hat jeder die Möglichkeit, zu
nächst seine Lieblingsnovellen anzuschaffen
oder zu verschenken, und dann das Gesamtwerk
nach und nach zu vervollständigen.
Bon Franz Viereü
wird groß," d. h. du mußt Platz machen für das
jüngere Geschlecht. Endlich sei noch ein Beleg
aus Skandinavien angeführt. Der norwegische
Verfasser Sundt hörte 1847 von einem Fant
(ö. i. Tater), daß dessen Großvater im Alter
von über 100 Jahren „nach der Väter Weise"
seine Verwandten am Ufer eines Gebirgsees
hoch oben in Nordland versammelte und, nach
dem er von ihnen Abschied genommen hatte,
auf den See hinausruderte, sich einen Stein
um den Hals hängte und ins Wasser stürzte. —
Der Volksglaube, der in diesen Sagen und Be
richten sich ausdrückt, trägt durchaus das Ge
präge der Echtheit, und die Wahrscheinlichkeit
spricht dafür, daß ihm die historische Wirklich
keit zu Grunde liegt. Zieht man bei der Beur
teilung der Tatsache selbst die niedere Kultur
stufe des Volkes und seine harten Lebensbe
dingungen in Betracht, so wird es nicht schwer,
in dem Handeln der Ueberlebenden einen Akt
der bitteren Notwendigkeit gegenüber der Ge
samtheit der Horde und der Wohltätigkeit ge
genüber den Alten zu sehen. Diese aber gehen
in den Tod als freiwillige Opfer.
Es ist verständlich, daß der Volksglaube den
Fremden manches anhängte, wozu diese selbst
durch ihre betrügerischen Machenschaften die
Veranlassung gaben. So stehen sie bis auf den
heutigen Tag in dem Rufe der Wahrsagerei
und Zauberei. Das ging soweit, daß „Tater"
und „Wahrsager" oder „Zauberer" gleichbedeu
tend wurden. Kranke sollten sie heilen können,
indem sie den Taterknoten über ihnen schlu
gen,' die Weiber wahrsagten aus der Hand,
während die Kinder den Augenblick der abge
lenkten Aufmerksamkeit zum Stehlen benutz
ten,' sie konnten Stroh feuerfest machen, ja,
einige von ihnen konnten den gefährlichen
„Elfentanz" spielen, der alles, was nicht nagel
fest war, mit sich fortriß, so daß es tanzen
mußte, bis das Stück wieder zurückgespielt
wurde. Schauerlich ist die Vorstellung, daß sie
sich unsichtbar machen konnten, indem sie die
Herzen von neun neugeborenen Kindern aßerr.
Lauge hat sich auch der Volksglaube erhalten,
daß die Zigeuner fremde Kinder raubten,
denen sie durch Einreiben mit einer Salbe die
dunkle .Hctutfarbe ihres Volkes verschafften.
Vielleicht hängt diese Meinung zusammen mit
dem von Müllenhof berichteten Brauch der Zi
geuner, ihre Kinder der Wärme wegen mit
Schmutz einzuschmieren, wenn das nicht eine
durch ihre auffallende Unreinlichkeit entstan
dene Dichtung ist. Tagediebe und Herumtrei
ber, welche die Zigeuner nach A. Crantz (Dän.
Chronik) mitunter in ihre Gemeinschaft auf
genommen haben, sollen Hände und Gesicht mit
einer Speckschwarte oder dem Saft von Lyko-
pus europäus (Wolfstrapp) eingerieben haben,
das man darum Zigeunerkraut nennt. Dinge
von dunklem Aussehen verband das Volk viel
fach mit dem Taternamen, so in Taterkorn
(Buchweizen), in Nordschleswig Ladder oder
Tarre genannt, so in Taterpott, das sind die
früher in Jütland angefertigten schwarzen
Töpfe.
Einzelbilder düsterer Art sind es zumeist, die
sich den Zigeunern auf ihren ewigen Wande
rungen durch Wald und Heide in die Seele
prägen, kaum geeignet, sie innerlich zu för
dern. Nur ihr inniges Verhältnis zur Natur
und zum Stamm zeugt davon, daß die Ein
drücke dieser Art durch starke Fäden mit ihrem
gesamten Denken verbunden sind. Auch wenn
sie gute Tage verlebten, wollten sie nicht unter
einem Dach schlafen; im Freien umherzustrei
fen ohne Zweck und Ziel, aber in der Gemein
schaft mit der Natur, war ihnen Bedürfnis.
In ihrer Gemeinschaft offenbarte sich die Treue
gegenüber den Ihren in reiner und edler
Form. Nicht nur, daß die Mütter mit Liebe an
ihren Kindern hingen, für die kein Opfer zu
groß ist, auch das Verhältnis zwischen Mann
und Frau trug dieses Gepräge. Zwischen den
Tatern selbst war die Ehe heilig. Wehe dem,
der seine Ehehälfte hinterging. Ausstoßung
war die unumgängliche Strafe. Noch heute ist
die Haut der Tatern so dunkel wir vor 300
Jahren, da sie ins Land kamen, ein Zeugnis
dafür, daß ihre Weiber sich nicht haben locken
lassen von der weißen Bevölkerung. Schöner
noch äußert sich die Treue zwischen den Alten.
Man hat Beispiele davon, daß alternde Ehe
leute einander getragen haben jahraus, jahr
ein auf den endlosen Wanderungen, und wenn
der Versorger starb, übernahm der Stamm die
Pflicht. Wie der Gedanke an das Wohl der Ge
meinschaft mitunter auswuchs zu freiwilliger
Selbstaufopferung, ist bereits ausgeführt wor
den.
*
Außer den im Text angeführten Quellen
wurden benutzt: Dyrlund, Tatern og Natmänd
i Danmark, und Troels, Lund, Dagligt Liv i
Norden.
Vom Bücherttsch