Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Nr. 84 
Mittwoch, dm 8. April 
1836 
Frankreichs ewig „bedrohte" Ostfront 
Bon Karl von Schoch, Generalleutnant a. D. 
, All die Jahre hindurch ist die entmilitari- 
şierte Zone eines meiner größten Sorgenkinder 
gewesen und immer wieder habe ich in Wort 
Und Schrift auf diese offen klaffende Wunde 
g» unserer Westgrenze hingewiesen. Fast hatte 
ich manchmal dabei das Gefühl des Predigers 
in der Wüste. Jetzt ist das Thema zum alles 
beherrschenden Weltgespräch geworden. Ange 
sichts der ganzen Einstellung der französischen 
Staatsmänner und ihrer Presse zu dieser Frage 
gewinnt es einen besonderen Reiz, die Mei 
uung eines Mannes zu hören, der sozusagen 
uns der Schule geplaudert hat. Emil Sari, der 
Berichterstatter für den Heereshaushalt im 
französischen Senat, hat nämlich vor einiger 
Zeit einem Schriftleiter der „France militaire" 
ein Interview gewährt, das freilich schon vor 
dem 7. März 1936 in dieser Zeitung veröffent 
licht wurde,' aber gerade dadurch gewinnen 
Saris Erklärungen besonders an sachlichem 
Wert. 
Sari beginnt mit der Feststellung, daß die 
sranzösischen Ostfestungen die Unverletzlichkeit 
des Landes gewährleisten und es gegen jeden 
Einfall und jede Ueberraschung sichern. Allge 
mein bekannt ist wohl, daß seit dem Weltkrieg 
Frankreich unter Aufwand unzähliger Mil 
liarden seine neue Ostfront mit allen tech 
nischen Errungenschaften der jüngsten Zeit 
Wirklich uneinnehmbar gestaltet hat. Ganz mit 
>"echt betont Sari den gewaltigen Unterschied, 
nb es sich darum handelt, nur ein einzelnes 
Festungswerk zum Schweigen zu bringen oder 
gber eine breite Lücke durch ein zusammen 
hangendes System von Befestigungen zu schla 
gen. Kann man öoch/cks Haupterfahrung des 
Weltkrieges auf dem Gebiet des Festungs- 
kawpfes feststellen: Alle einzelnen Festungen 
bhne Ausnahme sind dem vernichtenden Feuer 
der modernen schweren Artillerie erlegen. 
Umgekehrt zeigt der ganze Krieg auf der 
Westfront kein einziges Beispiel, wo es gelun 
gen wäre, durch den zusammenhängenden 
sranzösischen Festungsgürtel eine „breite Lücke" 
à schlagen. Der einzig praktische Versuch, das 
^rauerspiel von Verdun, beweist vollauf die 
Anschauungen Saris: schwere Verluste, riesiger 
Materialaufwand und lange Dauer des An 
griffs,' schon allein die Tatsache, das die Deut 
schen trotz aller Anstrengungen niemals im- 
slande waren, genügend Artillerie herbeizu 
schaffen, um den Angriff gleichzeitig auf bei 
den Maasufern vorzutragen, war eine der 
^anptursachen für das Mißlingen,' und dabei 
handelte es sich hier nicht sowohl um das Her 
ausschlagen einer genügend breiten Lücke (um 
einer Armee den strategischen Durchbruch zu 
ermöglichen) als vielmehr um das Heraus 
drechen einer einzelnen, allerdings besonders 
Marken Säule des Festungssystems. Das Her 
ausschlagen der Lücke aber hätte mindestens 
das Bekämpfen zweier feindlicher Festungen 
Erfordert, daher noch weit mehr Artillerie und 
sonstige Kampfmittel. Kein Wunder also, daß 
der einzige Plan hierfür ebenso rasch ver 
schwand, als er auftauchte. Ende August 1914 
hat die oberste Heeresleitung tatsächlich den 
Wuhnen Gedanken gefaßt, die in der Schlacht 
dan Lothringen siegreiche 6. Armee solle zwi 
schen Toul und Epinal durchstoßen. Da die 
Luftlinie zwischen diesen beiden Bestungen nur 
u Klm. betrügt, also fast in ihrer ganzen Brei- 
enansdehnung von der Artillerie dieser zwei 
Uarken Festungsgruppen beherrscht war, so 
^dar ein artilleristisches Niederhalten, um nicht 
AU sagen Niederkämpfen der beiden die erste 
Voraussetzung für das Gelingen,' schon die da- 
tUr nötigen schweren Batterien — besonders 
spannte -- waren aber nicht vorhanden. — 
-^en Franzosen konnte ein solcher Durchbruchs- 
orsuch nur hochwillkommen sein,' in der soge- 
Mnnten Lücke zwischen Toul und Epinal, die 
übrigens natürlich durch Feldbefestigungen ge 
sperrt war, brauchten sic nur schwachen Wider- 
tunü zu leisten- je weiter westlich sie die deut 
sche 6. Armee nach sich zogen, desto vernichten- 
er^mußte dann ihr konzentrischer Gegenan- 
»nter kräftiger Mitwirkung von Toul * 
und Epinal sich gestalten: ein Cannae schlimm 
ster Sorte wäre der 6. Armee sicher gewesen 
em wahres Glück, daß die O.H,L. schon nach 
wenigen Tagen den ganzen Plan wieder fal 
len ließ. 
Konnte man also den bisherigen Ausführun 
gen Saris gerade auf Grund kriegsgeschicht- 
kicher Erfahrung restlos beistimmen, so wird 
man seine letzten Folgerungen mit um so 
größeren Bedenken lesen müssen. Auf die 
Frage nämlich, ob die Festungen, wenn alles 
fertig ist, der Erhaltung des Friedens dienen, 
indem sie jeden feindlichen Einfall ausschlie 
ßen, antwortet er: niemand könne das bestrei 
ten. Gewiß, Befestigungen jeder Art dienen in 
erster Linie der Abwehr,' aber damit ist ihre 
Aufgabe doch keineswegs erschöpft, sie werden 
oft genug zu Ausfallspforten und ermöglichen 
es, an einem Teil der Front mit schwachen 
Kräften auszukommen, um an anderer Stelle 
desto stärker angreifen zu können. Ohne die 
Anlehnung an Königsberg hätte Hindenburg 
kaum die fast völlige Entblößung der deutschen 
Ostgrenze gegenüber Rennenkampf wagen kön 
nen, vielleicht wäre dann Tannenberg nicht 
aber, daß mit der Landesbefestigung ein Volk 
seine Achtung vor der Unverletzlichkeit des 
Nachbarlandes betone, hält geschichtlicher Nach 
prüfung doch nicht recht stand. Kein geringerer 
als Ludwig XIV. hat die Grenzen Frankreichs 
mit einem dreifachen Gürtel von 130 Festun 
gen gesichert, und dem Sonnenkönig wird selbst 
Herr Sari schwerlich andichten wollen, daß ihm 
die Nachbarländer (z. B. die Nheinpfalz) un 
verletzlich gewesen wären. Das gleiche Fe 
stungssystem hat auch Napoleon I. nicht daran 
verhindert, seine Adler bis nach Wien, Berlin 
und Moskau zu führen. Ebenso wenig hat der 
neue Festungsgürtel, den Frankreich sich nach 
1871 geschaffen, nicht verhindert, daß, wenn 
anch nicht die gesamte Nation, doch ihre maß 
gebenden Führer wie Poincare, Clêmenceau 
u. a. 44 Jahre den Rachegedanken mit allen 
Mitteln gepflegt haben,' er hat endlich nicht 
verhindert, sondern nur begünstigt, daß im 
August 1914 zwei starke französische Armeen in 
Elsaß-Lothringen eingefallen sind. 
Wenn wir aber mit Sari dem heutigen 
Frankreich friedliche Absichten unterstellen 
wollten, was angesichts des höchst verdächtigen 
Bündnisses mit Moskau nicht ganz leicht ist, 
geschlagen worden! Eine Behauptung Saris l wenn wir sogar glauben wollen, daß Frank 
reich durch die Befestigungen seiner Grenzen 
nur seine friedlichen Absichten und die Achtung 
von der Unverletzlichkeit des deutschen Nach 
barlandes bewiesen haben, dann türmen sich 
geradezu die Gegenfragen auf: Warum hat 
man Deutschland gezwungen, alle Westfestun 
gen bis 60 Klm. östlich des Rheines zu schlei 
fen? Sie hätten doch — immer nach Sari —t 
genau ebenso unsere Achtung vor der Unver 
letzlichkeit Frankreichs betont. Warum hat die 
interalliierte Militärkommission im Jahre 
19-22 wie ein Shylok darauf bestanden, daß 
selbst die harmlosesten wenigen Unterstände in 
Ostpreußen vernichtet werden mußten, obgleich 
sie ohne jede Artilleriebestückung waren? 
Oder endlich: glaubt Sari oder sonst ein Fran 
zose, daß die deutschen Truppen, die jetzt in 
ihre früheren Frieöensstandorte westlich des 
Rheines einmarschiert sind, eines Tages den 
wahnsinnigen Gedanken haben werden, sich die 
Schädel an der Maginotlinie zu zerschmettern, 
die gerade Sari selbst für uneinnehmbar er 
klärt hat? 
Clausewitz hat auf die Frage, wo die Fe 
stungen zu liegen haben, die klassische Antwort 
erteilt: „Die natürlichste Antwort ist, daß die 
Festungen an die Grenzen gehören,' denn sie 
sollen den Staat verteidigen, und der Staat ist 
verteidigt, solange die Grenzen es sind." An 
gefangen von der chinesischen Mauer und dem 
römischen Limes über das Festungsnetz Bau- 
bans bis zur Maginotlinie hat dieses Wort 
Ewigkeitswert- nicht nur für Frankreich allein. 
Die Geißler von Mexiko 
Während unseres Aufenthaltes im Staat 
New Mexico stellten wir fest, daß die Peniten- 
ten oder Büßer die mächtigste Körperschaft im 
Lande bildeten. Wir hörten von blutigen 
Geißelungen, furchtbaren Bußen und Karfrei- 
tagskrcnzignngen, die den Wunsch in uns 
wachriefen, mehr über diese seltsame Sekte zu 
erfahren. 
Fast jedes einzelne mexikanische Dorf in die 
sem Gebiet hat seine eigene selbständige Brü 
derschaft, die von dem Hermano-Gemeindevor- 
steher geleitet wird und ihre eigene Morada 
oder Kapelle besitzt. Da auf Verrat der Ordens- 
geyeimnisse der Tod durch Lebendig-Begraben- 
Werden steht, bilden die Mitglieder eine bei 
nahe unüberwindliche Schranke gegenüber je 
der Einmischung von außen. Stirbt ein Peni 
tent, so wird er des Nachts fortgeschafft und 
begraben. Nicht einmal seine Witwe kennt sein 
Grab. Aber die Penitenten bilden eine Brü 
derschaft im wahren Sinne des Wortes. Keiner 
von ihnen braucht, wenn er nur die Ordcus- 
vorschriften befolgt, zu fürchten, daß er jemals 
Unrecht oder Mangel leiden wird, wenn es in 
der Macht seiner Ordensbrüder liegt, ihm zu 
helfen. 
Abiquiu ist ein kleines Dorf am Ostabhang 
der Jcmezberge. — In der Nacht auf Grün 
donnerstag versteckten wir uns in den nahe 
gelegenen Sandhügeln in der Hoffnung, etwas 
von der Zeremonie der Dorfbewohner zu sehen. 
Anfangs war nur ein einsamer Mexikaner 
sichtbar, der mit der Flinte im Arm vor der 
Morada auf und ab schritt. Der Mond ging 
auf, und das Tal zu unseren Füßen füllte sich 
mit nebligem Glanz. In der Stille der Nacht 
war auch der leiseste Laut klar vernehmbar. 
Jetzt drang ein leises Pfeifen an unser lau 
schendes Ohr. Ein Licht flackerte in der Ent 
fernung auf und verlosch wieder. Dann er 
schien es aufs neue und schwankte uns ent 
gegen. Die Flötentöne wurden lauter, und mit 
ihnen vermischte sich ein Aechzen, das sich beim 
Herannahen zum kreischenden Geschrei nasaler 
Stimmen entwickelte, die einen Bußgesang an 
stimmten. Als die Prozession sichtbar wurde, 
duckten wir uns nieder. 
Der Zug wurde von einem Manne geführt, 
der eine Laterne trug. Hinter ihm ging der 
Flötenspieler, dann folgten, einer nach dein 
anderen, die Penitenten, deren einzige Klei 
dung aus blutgetränkten Hosen bestand. So 
stolperten sie vorwärts, jeder mit einer Geißel 
Blutige Karfreitagsszeuen religiöser Fanatiker 
zu lauschen. Wir befanden uns im Amerika des 
zwanzigsten Jahrhunderts, aber in der Rück 
schau erscheint diese Szene als Ausgeburt der 
in der Rechten. Bei jedem Schritt brachten sic 
den rechten Arm über die linke Schulter und 
zerfleischten sich den Rücken. Mit klatschendem 
Laut sausten die Geißeln auf das wunde Fleisch 
nieder. Bei jedem Schlag spritzte und rann ein 
Blutstrahl. Einer hatte sich einen Büschel Kak 
teen auf die Brust geschnürt. Und nicht einen 
Augenblick setzten sie mit ihrer eintönigen 
Litanei aus. 
Die Prozession betrat die Morada, die Tür 
schlug zu, und das Klagen drang nur noch ge 
dämpft an unser Ohr. Wir konnten nur ahnen, 
was im Innern vor sich ging. Die Geißelung 
muß ununterbrochen ihren Fortgang genom 
men haben, denn in gewissen Abständen gellten 
Verzweiflungsschreie durch die Nacht. Für uns, 
die wir regungslos im tiefen Schatten lagen, 
schien es, als ob die mondbeglänzte Erde rings 
um uns in Todesschweigen leide. Man hatte 
das Gefühl, sich am Rande der Hölle zu be 
finden und dem Wehgeschrei der Verdammten 
Phantasie Edgar Allan Poes. 
Nach langer Zeit öffnete sich die Tür, das 
Wehgeschrei drang durch die Nacht und die 
Geißler traten heraus. Sie formierten sich wie 
derum zum Zuge und schritten an uns vorbei 
den Hügeln zu. Wieder fielen die Schläge 
klatschend auf das blutige Fleisch, während die 
Füße den Weg des Heils sich mühsam entlang 
schleppten. 
Allmählich verhallte der Lärm und wir 
krochen aus unserem Versteck hervor, um einen 
anderen Ort zu suchen, von dem aus wir un 
gesehen Zeuge der Kreuzigung sein konnten. 
Die Morgendämmerung brach schon an, Vögel 
schossen durchs Gebüsch, der Himmel wurde 
licht und blau. Die Spuren, die wir kreuzten, 
waren blutgetränkt. Ein Wacholdergebüsch bot 
uns Unterschlupf. Der Tag schwand dahin, ohne 
Englands neves Kriegsarfeval in Södvmles 
Arbeit unter der Aufsicht von Scotland Yard 
London, im April. 
In aller Stille haben die Regierungs-Ex 
perten und die Fachleute des englischen Kriegs 
amtes ihre Entscheidung getroffen. Das ge 
plante große englische Riesenarsenal wird in 
eines der Täler von Südwales verlegt wer 
den. Allerdings darf die genaue Bezeichnung 
des ausersehenen Tales nicht an die Oeffent- 
lichkeit gelangen, um die Grundstücks-Haie da 
ran zu hindern, schon jetzt durch irgendwelche 
Schachzüge die Grundstückpreise in die Höhe zu 
jagen. Auch für die ganze Dauer des Baues 
und der Vorbereitungsarbeiten ist vom Kriegs 
amt größte Diskretion erbeten worden. Die 
für den Bau hinzugezogenen Spezialbehörden 
erhielten eine Sonderabteilung von Scotland 
Jard zur Ueberwachung des Personals zuge 
teilt, um jede unnötige Verlautbarung zu un- 
terdrücken. 
Das Arsenal wird fast ganz unterirdisch an 
gelegt werden. Es soll so weit wie möglich von 
allen größeren Städten und Ortschaften ent 
fernt liegen. Man erwartet, daß auf diese 
Weise das Arsenal gegen Fliegersicht fast 100- 
prozentig gedeckt ist. Es ist vorgesehen, daß 
6000 Leute, die jedoch sämtlich aus Südwales 
stammen müssen und einzeln durchgeprüft 
werden, die Bauarbeiten auszuführen haben. 
In die Hügel, die das Tal umgeben, werden 
jedoch zur Sicherheit große Luftabwehrgeschütze 
eingebaut, die natürlich nur im äußersten Not 
fall, also wenn das Arsenal ernstlich bedroht 
wäre, in den Luftkampf eingreifen dürfen. 
Die Straßenverbinöungen werden zum gro 
ßen Teil unterirdisch geführt werden. Auch die 
Eisenbahnlinien werden mit Hilfe von Tun 
neln herangebracht. Nach Fertigstellung des 
Arsenals wird hier nur eine auserlesene 
Mannschaft belassen, die jedoch auch dann unter 
ständigen Aufsicht der englischen Spionageab 
wehr stehen soll. 
Um die Herstellung des Arsenals in kürze 
ster Zeit und mit größter Sicherheit garan 
tieren zu können, werden alle Arbeiter eidlich 
verpflichtet, sich weder des Streiks noch irgend-? 
eines anderen Mittels zu bedienen, um rväh-? 
rend der Bauzeit einen anderen Lohn oder dgl. 
zu erzielen. Es ist das erste Mal, daß derartige 
Arbeitsbedingungen ausdrücklich vorher aus 
gemacht werden. 
129. Jahrgang. 
Arhleswig-Holsteinifche 
129. Jahrgang. 
Renösburger Tageblatt 
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