Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

129. Jahrgang. 
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129. Jahrgang 
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Nr. 148 
SgMàà hm 27. Juni 
1836 
Gedanken zur Zeitgeschichte 
Rußlands Drang z«« Meer 
Vorbemerkung der Schristleîtung. Anläßlich 
der augenblicklich in Montreux tagenden Dar- 
danellen-Konferenz, welche die Frage der Frei 
heit dieser wichtigen Meerengenfrage im 
Jnteressenkampf der Weltmächte zu klären hat, 
veröffentlichen wir den nachfolgenden Artikel, 
der unseren Lesern einen Einblick in die 
Politik des größten kontinentalen Staates, 
nämlich Rußlands mit seinem großen asiati 
schen Hinterland, gibt und seinem Drang zum 
Meere um seiner Weltgeltung willen in seiner 
Geschichte aufzeigt. Die Ausführungen werden 
zugleich die russische und englische Stellung 
nahme in der Dardanellenfrage dem Urteil 
unserer Leser näherbringen. Denn um einen 
russisch-englischen Jnteressenkampf geht es in 
Montreux. ©+ 
I. 
„Es beginnt nämlich der Reichtum im 
Meere." (Hölderlin.) 
„Das Meer ist die Quelle der Völker 
größe." (Ratzel.) 
Das politische Schicksal jedes Staates, Wachs 
tum, Größe und Unabhängigkeit sind von be 
stimmten inneren und äußeren Voraussetzun 
gen abhängig. Acußere Freiheit und Unab 
hängigkeit können ans die Dauer nur erhalten 
oder überhaupt erst geschaffen werden durch 
die Nation selbst, d. h. durch die innere Kraft 
und den Willen des Volkes zur Macht. „Die 
Großmächte sterben wie die Naturvölker aus 
Mangel an Willen zum Leben seiner höchsten 
Steigerung." Die Lebensgeschichte der Staaten, 
namentlich der europäischen Staaten, beweist, 
daß dieser Ausspruch eines schwedischen Poli 
tikers keineswegs übertrieben ist. England 
und Japan sind Großmächte geworden nicht 
allein durch ihre günstige geographische Lage 
— Anschluß an die Weltmeere — sondern vor 
allem durch die staatspolitische Größe 
ihrer Völker, und Deutschland hat seine 
äußere Freiheit wiedergewonnen und ist wie 
der Großmacht geworden durch die ge 
schlossene Kraft der Nation, die in 
der Gegenwart unter einer einheitlichen 
disziplinierten Führung steht. Die politische 
Entwicklung der Staaten ist daneben aber 
weitgehendst durch geographische Einflüsse und 
Bedingungen bestimmt worden. Es ist klar, 
daß ein Staat — vor allem die Großmacht — 
auf die Dauer nur leben kann, wenn drei 
äußere — geographische — Voraussetzungen 
erfüllt sind, geniigend Ausdehnung, Zusam 
menhang zwischen den einzelnen Gebietsteilen 
und Bewegungsfreiheit. Fehlt es daran, dann 
muß dieser Staat, wenn er nicht ans seine 
Großmachtstellung verzichten will, versuchen, 
irgendwie diese Bedingungen zu erfüllen. 
Von jeher hat das Meer die Völker an 
gezogen. Je mehr die Staaten mit fort 
schreitender kultureller und wirtschaftlicher 
Entwicklung auf den gegenseitigen Güteraus 
tausch, den zwischenstaatlichen Handel an 
gewiesen waren, umso mehr mußte der ein 
zelne Staat nach dem uneingeschränkten Besitz 
geeigneter Meeresküsten streben. Denn das 
Meer trennt nicht die Völker, sondern verbin 
det sie. Durch die überragende wirtschaftliche 
Bedeutung der Meere als Völkerstraßen ist die 
Herrschaft über sie oder wenigstens der An 
schluß an sie zu einem politischen Faktor aller 
erster Ordnung geworden. Der Handel be 
stimmt den Wert der Meere. Im Mittelalter 
waren das Mittelmeer und die Ost-Nordsee 
die Hanöelsmcere, dann der Atlantische Ozean 
und mit der Entwicklung zur Weltwirtschaft 
der Stille Ozean. Um die Herrschaft über sie 
rangen die Staaten. Mit Recht unterscheidet 
man in der weltpolitischen Geschichte das Zeit 
alter des Mittelmeeres, der Nordsee, das Zeit 
alter des Atlantischen Ozeans und des Stillen 
Ozeans. Fehlt dem Staat der Anschluß an das 
Weltmeer, d. h. fehlen ihm geeignete, mit 
guten Häfen ausgestattete und das ganze Jahr 
hindurch benutzbare Meeresküsten, dann kann 
auf die Dauer von einer wirtschaftlichen und 
damit auch politischen Unabhängigkeit des 
Staates keine Rede mehr sein. Ist er z. B. 
auf die Einfuhr von Rohstoffen und die Aus 
fuhr von Fertigwaren angewiesen und ist 
dieser Zwischenhandel nur durch andere 
Staaten möglich, dann können diese jederzeit 
den Handel sperren oder wenigstens mit 
Durchgangszöllen unerträglich belasten und 
den abgeschnittenen Staat damit auch politisch 
gefährden — wenn nicht gar vernichten. „See 
küsten sind die wirtschaftlichen Lungen der 
Staaten." Der Grundsatz von der „Freiheit der 
Meere" wird für den Staat, der keinen Zu 
gang zu ihnen hat, eben nur ein Grundsatz 
bleiben, dessen Anerkennung und Durchfüh 
rung dann nicht in seiner Hand, sondern im 
Grunde genommen im freien Ermessen der 
anderen Staaten liegt. Das Ende des Welt 
krieges brachte drei ausgesprochene Binnen 
staaten, die Tschccho-Slowakei, Deutsch-Oester- 
reich und Ungarn. Diese Staaten sind damit 
wirtschaftlich gebunden. Daran ändert auch die 
Tatsache nichts, daß z. B. Deutsch-Oesterreich 
und Ungarn Anschluß an die Donau haben 
und Oesterreich weiter von Italien durch die 
römischen Protokolle eine Freizone am Aöria- 
tischen Meer (Triest) eingeräumt worden ist. 
In der Vorkriegszeit war Serbien ein reiner 
Binnenstaat. Diese geopolitische Schwäche war 
mit die Ursache, daß Serbien zu einem dauern 
den politischen Unruheherd in Europa wurde. 
Binnenstaaten werden nie Großmächte, und 
Großmächte ohne Anschluß an die Weltmeere 
sind eben keine Großmächte. 
Zwei Großmächte unterscheiden sich in ihrer 
Verbindung zum Weltmeer grundlegend — 
England und Rußland. England ist die 
„maritimste" Großmacht und Rußland der 
„festländischste" Staat. Rußland ist in seinem 
Verhältnis zum Meer in fast der gleichen Lage 
wie Serbien in der Vergangenheit. Auf dieser 
Ungleichheit beruht mit die Verschiedenheit der 
Entwicklung von England und Rußland. 
England eine wirtschaftliche und militärische 
Großmacht sondergleichen, Rußland in der 
Vorkriegszeit und der Gegenwart — durch den 
kommunistischen Wahnsinn noch gesteigert — 
ein Land ohne wirtschaftlichen Aufstieg. Eng 
land hat Anschluß an sämtliche Weltmeere und 
beherrscht sie z. T.; vgl. die englische Lebens 
ader Gibraltar — Mittelländisches Meer — 
Suez, Aden — Rotes Meer — Bombay — In 
discher Ozean — Singapore, Australien — 
Stiller Ozean. Rußland umfaßt ein Gebiet 
von etwa 2 Millionen Quadratkilometer, 
vierzigmal so groß wie Deutschland — ist also 
besonders raumbegünstigt, ist ein riesenhafter, 
in sich abgeschlossener, in allen Teilen zusam 
menhängender Körper. Er hat aber trotz 
größter Ausdehnung und vollständigen Zu 
sammenhangs keine Bewegungsfreiheit, keinen 
geeigneten Zugang zum Weltmeer, keinen 
Hafen, der das ganze Jahr über eisfrei ist. 
Rußland grenzt wohl an acht Meeresküsten — 
etwa 49 000 Kilometer Kontinentalküste. Diese 
verstreuten Oeffnungen sind aber unzu 
reichend) entweder sind diese angrenzenden 
Meere reine Binnenmeere oder von anderen 
Staaten sperrbar oder beschränkt schiffbar oder 
zu weit von dem Innern entfernt. „Durch 
Flaschenhälse nur blickt Rußland auf die 
Weltmeere." 
Das außenpolitische Ziel Rußlands in der 
Vergangenheit und auch noch heute — wenn 
es auch heute durch die mit allen Mitteln er 
strebte kommunistische Weltrevolution über 
schattet wird — kann daher unschwer aus 
seiner ungünstigen maritimen Lage abgelesen 
werden: Ueberwindung dieser Absperrung von 
den Weltmeeren und Erwerb eines Welt 
hafens. 
Es kann dahingestellt bleiben, ob ein Staat 
wie Rußland in Wahrheit einen solchen Hafen 
AwerMeihlèchê ŞelhsweMrteilrmg 
In der siebzehnjährigen Geschichte des soge 
nannten Völkerbundes ist die gegenwärtige 
Tagung vielleicht die blamabelste — und das 
will angesichts des üblen Rufes der Genfer 
Institution immerhin etwas heißen. Nachdem 
man sich trotz Bundessatzung und trotz Kellogg- 
pakt bei einem halben Dutzend Kriegen seit 
1919 einfach tot gestellt hat, sieht man sich jetzt 
in der unausweichlichen Zwangslage, erstens 
den völligen Zusammenbruch und die Wert 
losigkeit der eigenen Sanktionspolitik öffent 
lich zu bekennen. Und zweitens unmittelbar 
unter den Augen des Opfers dieser Politik 
diesem zu bestätigen, daß man es mindestens 
fahrlässig getäuscht und nach allen Regeln der 
Kunst übers Ohr gehauen hat. Vielleicht ist es 
eine absichtliche Ironie des Negus, daß er sei 
nen Wohnsitz in Genf unmittelbar neben dem 
Bölkerbunösgebäude und noch dazu in dem 
selben Hotel wie die Engländer genommen hat. 
Er wird sich hoffentlich über seine völlig hoff 
nungslose Situation nicht dadurch haben täu 
schen lassen, daß ihm ein paar tausend links 
organisierte Leute auf dem Bahnhof eine 
Zweckkundgebung bereiteten, die mit dem 
Schicksal seines Landes und seiner Person nicht 
das geringste zu tun hatte. Aber vermutlich 
denkt er in seinen Räumen darüber nach, wel 
che Existenzberechtigung noch dieser Rumpf- 
Völkerbund haben kann, der die Eroberung 
des Gebietes eines Mitgliedstaates nicht ver 
hindern konnte, weil er es nicht verhindern 
wollte. 
Diese Genfer Tagung, die von rechtswegen 
dem Bund der westlichen Siegerstaaten ein für 
alle Mal das Todesurteil sprechen müßte, er 
hält ihr sozusagen belebendes Moment durch 
die eindeutigen Forderungen Italiens hinsicht 
lich der Anerkennung des italienischen Kaiser 
reiches in Afrika und durch die offenen Gegen 
sätze auf der Konferenz von Montreux (Meer 
engenfrage), deren Entscheidung natürlich nicht 
in Montreux, sondern in Genf und danach in 
den westlichen Hauptstädten ausgehandelt 
wird. 
Drittens aber kann das Ergebnis dieser Ta 
gung von ausschlaggebender Bedeutung für 
das Verbleiben oder den Austritt der südame- 
rikanifchen Staaten sein. Die Tagung ist be 
kanntlich auf Forderung von Argentinien ein 
berufen. Der Antrag verlangt zudem die Nicht 
anerkennung jedes durch kriegerische Handlun 
gen erworbenen Besitzes. Hier muß also der 
Völkerbund offen Farbe bekennen. Tut er das 
nicht, dann besteht die Wahrscheinlichkeit, daß 
die südamerikanischen Staaten schon auf der 
panamerikanischen Konferenz im August Be 
schlüsse fassen, die unter Führung Argentini 
ens den Austritt weiterer südamerikanischer 
Mitglieder und dann vermutlich den längst 
fälligen und wohlverdienten Zusammenbruch 
der Genfer Institution zur Folge haben. Da 
die Kelloggsche Verurteilung kriegerischer Er 
oberungen schon seit mehr als einem Dutzend 
Jahren zu den Grundsätzen der panamerikani 
schen Bestrebungen gehört, ist im Fall eines 
(Fortsetzung siehe nächste Seite.) 
Leseiļigung des geistlichen Schul- 
unļerrichļs in Spanien. 
DNB. Madrid, 27. Juni. Der Ministerrat 
genehmigte einen außerordentlichen Kredit 
von 16 Millionen Peseten für die Beseitigung 
des geistlich geleiteten Schulunterrichts und 
für den Ausbau des weltlichen Unterrichts- 
wcsens. Ferner wurde ein Dekret angenom 
men, durch das die Einstellung von 5300 neuen 
weltlichen Lehrkräften vorgesehen wird. 
zu seiner Existenz überhaupt benötigt, wie das 
bei den europäischen Staaten der Fall ist. Vier 
Gründe sprechen dagegen: 
1. der Rohstoffreichtum, der es von der Ein 
fuhr unabhängig macht, 
2. der Oelreichtum und heute 
I 3. die skrupellose Ausnützung der Arbeits 
kraft sowie 
4. die Ausbeutung fremden geistigen Eigen 
tums. 
Jedenfalls hat Rußland von jeher dieses 
Ziel verfolgt und verfolgt es auch heute — 
wenn auch mit anderen Mitteln. 
Eingeleitet wurde diese Politik durch Peter 
den Großen (1689—1726). Bekannt sind die 
Reformen dieses Monarchen. Er versuchte, 
sein Volk wirtschaftlich, kulturell und militä 
risch Europa anzugleichen mit dem Ergebnis, 
daß seit dieser Zeit ein Zwiespalt zwischen 
russischer Art und dem westlichen Denken das 
Volk zerriß. Von nicht geringerer Bedeutung 
für die außenpolitische Entwicklung ist sein 
Ausspruch: „Ich suche nicht Land, ich suche 
Wasser". (Sog. „Testament Peters des 
Großen". Er erwarb die schwedisch-baltischen 
Ostsceprovinzen und den Zugang zum Schwar 
zen Meer. Das Reich war aber von den natür 
lichen Ausgängen an der Ostsee und am 
Schwarzen Meer abgeschlossen. Seine Politik 
gewann nur Ufer an Binnenmeeren, die jeder 
zeit von Schweden und der Türkei gesperrt 
werden konnten. 
Rußland grenzt mittelbar oder unmittelbar 
an vier Meere — Mittelmeer, Atlantik, In 
discher Ozean und Pazifik. Die russische Außen 
politik hat daher abwechselnd, nach dem Gesetz 
des geringsten Widerstandes, die Ausdehnung 
nach einem dieser Meere verfolgt. Man kann 
in der russischen Außenpolitik bis zum Welt 
krieg vier Abschnitte — Programme — unter 
scheiden: 
1. das Mittelmeerprogramm, 
2. das atlantische Programm, 
3. das indische Programm und 
4. das Pazifikprogramm. 
Diese vier Programme sind keinesfalls 
Gegensätze, gehören vielmehr durch das ihnen 
gemeinsame Ziel — Durchstoß zum Welt 
meer — zusammen. Sie unterscheiden sich von 
einander lediglich durch die Wahl der Mittel, 
den eingeschlagenen Weg. 
Peter der Große schuf die Grundlagen für 
das Mittelmeer- und das atlantische Pro 
gramm, als er zur Ostsee und an das Schwarze 
Meer vorstieß. Das 18. Jahrhundert brachte 
Rußland die ersten Meeresküsten, erreicht 
war jedoch nur ein Anschluß an Binnenmeere, 
deren Ausgänge — die dänischen Meerengen 
und die Dardanellen — von anderen Staaten 
beherrscht wurden und damit für Rußland 
jederzeit gesperrt werden konnten. 
Im 19. Jahrhundert verfolgte die russische 
Außenpolitik zunächst das Mittelmeer- 
programm. Es war der erste und älteste 
großangelegte Versuch, den äußeren Druck zu 
überwinden, um, bildlich gesprochen, „den zu 
eng geschnittenen Rock und die zugenähten 
Aermel zu lösen". Die Politik stand von An 
fang an im Zeichen einer sich steigernden 
russisch-englischen Spannung. England be 
fürchtete bei einem erfolgreichen russischen 
Vorstoß über die Dardanellen eine lebens 
gefährliche Bedrohung seiner Interessen im 
Mittelmccr. Der erste größere russische Vor 
stoß wurde im Krimkriege (1853-56) zurück 
geschlagen. Sein Ergebnis war für Rußland 
neben dem Verzicht der Herrschaft über die 
Dardanellen die Neutralisierung des Schwar 
zen Meeres (Pariser Friede 1856). Den 
zweiten Vorstoß unternahm Rußland im 
Balkankrieg (1878). Auch dieser Vorstoß schlug 
fehl, obwohl die russische Armee auf dem Land 
wege bis Konstantinopel vorgedrungen war. 
Die englische Flotte schob dem weiteren Vor 
dringen einen unüberwindlichen Riegel vor. 
Auf dem Berliner Kongreß (1878) verhinderte 
Bismarcks Staatskunst einen Krieg zwischen 
diesen beiden Mächten. Die Dardanellen und 
damit der Zugang zum Mittelmecr blieben 
Rußland wiederum verschlossen. 
Das atlantische Programm war dagegen 
während des 19. Jahrhunderts von geringerer 
Bedeutung. 
(Schluß folgt.)
	        
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