Full text: Newspaper volume (1867)

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den letzten Jahren gerade eine solche Kunst in 
der Vorbereitung von Gesetzen entfaltet zu 
haben, daß eine Versammlung etwa in gutem 
Glauben ein Gesetz annehmen kann, weil sie 
überzeugt ist, daß es in den vorbereitenden 
Stadien schon zu seiner Vollendung gelangt 
ist. Trotz der Schnelligkeit der Arbeit hat die 
Versammlung doch noch manche und große 
Veränderungen an den ihr gemachten Vor 
lagen vornehmen müssen. Wir beklagen des 
halb aufrichtig, daß eine Reihe von Gesetzen, 
die im Augenblick noch nicht dringend noth 
wendig waren, wie z. B. das über die Buu- 
desconsulate, über die Verpflichtung zum Mili 
tärdienst, nicht auf eine spätere Session ver 
schoben sind, zumal dieselbe so nahe bevor 
stehen soll. Fragen wir uns nun, was hat 
außer den organischen Gesetzen, die für die 
Einrichtung des Bundes gemacht sind, einen 
unmittelbaren Werth für das Volk, so fällt 
im Verhältniß zu der Masse der Gesetze die 
Ausbeute sehr gering aus. Sie beschränkt sich 
auf das Paßgesetz, durch welches die arbeiten 
den und die ärmeren Klassen jetzt ebenso ge 
stellt werden, wie die Wohlhabenderen schon 
seit langer Zeit gestellt sind, auf die Ein 
führung eines gleichmäßigen Portosatzes für 
die Briefe und auf die Aufhebung der Wucher 
gesetze. Das letztere Gesetz ist bekanntlich aus 
der Initiative des Hauses hervorgegangen. 
Das andere vom Hause beschlossene und aus 
seiner Initiative 'hervorgegangene, das sog. 
Coalitionsgesetz, hat, wie wir aus dem Schwei 
gen der Thronrede vermuthen, die Zustimmung 
des Bundesraths nicht gefunden. Der Unter 
schied zwischen den beiden ist der, daß das ge 
nehmigte von der nationalliberalen Partei, das 
nicht genehmigte dagegen von der Fortschritts 
partei ausgegangen ist. Beide Parteien haben 
für das eine wie für das andere gestimmt, 
aber der Ursprung des Coalitionsgesetz es scheint 
über sein Schicksal entschieden zu haben. Und 
doch wäre dies Gesetz eine der wenigen Wohl 
thaten gewesen, welche der erste Norddeutsche 
Reichstag den arbeitenden Klassen verschafft 
hätte. (L. C.) 
Berlin. Die bair. Neichsrathskammer und 
die württembergische Abgeordnetenkammer haben 
endlich die Zollvereinsverträge angenommen. 
Wien, 26. Oct. In der gestrigen Sitzung 
wurden nach lebhaften, zum Theil stürmischen 
Debatten die 7 ersten Paragraphen des Schul 
gesetzes angenommen. Die §§ 1 — 3 lauten: 
1. Die Leitung und Aufsicht über das ge- 
sammte Unterrichts- und Erziehungswesen steht 
ausschließlich dem Staate zu und wird durch 
die hierzu gesetzlich berufenen Organe aus 
geübt. — 
2. Unbeschadet dieses Aufsichtsrechtes bleibt 
die Besorgung, Leitung und unmittelbare Be 
aufsichtigung des Religions-Unterrichtes für 
die verschiedenen Glaubensgenossen in den 
Volks- und Mittelschulen der betreffenden Kirche 
oder Religions-Genossenschaft überlassen. Der 
Uutericht in den übrigen Lehrgegenständen in 
diesen Schulen ist unabhängig von dem Ein 
flüsse jeder Kirche oder Religions-Genossenschaft. 
3. Die vom Staate, von einem Laude oder 
von Ortsgenieinden ganz oder theilweise ge 
gründeten oder erhaltenen Schulen und Er 
ziehungsanstalten sind allen Staatsbürgern 
ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses zu 
gänglich. — 
Holstein. Zufolge Rescriptes vom 22. v. M. 
hat das Königliche Ministerium der geistlichen 
Unterrichts- und Medicinal-Angclegenhciten es gc- 
nchmigt, daß bis auf Weiteres dciijenige» Predi 
gern, welche sich für den Schleswig-Holsteinischen 
Hanptverein der Gnstav-Adolph-Stisinng interes- 
streu, gestattet werde, alljährlich am Reforma- 
tionsfcste Becken an den Kirchenthürcu zum Besten 
der gedachten Stiftung ausstellen zu lassen und 
zu Beiträgen für den Verein an dem bezeichneten 
Tage von den Kanzeln anfznforderii. Die Ergeb 
nisse der Sanimlnngcn sind zufolge desselben 
Miiüsterialrescriptes alsbald behufs deren Ver 
wendung nach Bestimmung des Ministeriums an 
die Königliche Regiermig abzuliefern. 
Heiligenhafen, 30. Oct. Der bisherige 
Polizei-Anwalt bei dem Amtsgerichte in Preetz, 
Herr Wettstein ist als Bürgermeister Hierselbst con- 
stitnirt. 
— Die Kreisrichter Mordhorst, Vogler und 
Groth in Altona, Cartheuser, Maös, Bach- 
mann, Schwer und Brodersen in Kiel, Brink 
mann, Bähr und Rave in Itzehoe, v. Fischer- 
Benzon und v. Ahlefeld in Schleswig, Callsen, 
Jasper, Claildius, und Detlefsen in Flensburg 
sind zu Kreisgerichtsräthen ernannt. 
Kiel, 30. Oct. In der heute hier stattgefnnde- 
ncii Wahl der Wahlmännner hat die liberale Partei 
trotz aller Anstrengungen der Gegner einen sehr 
glänzenden Sieg davon getragen. In den 12 Uc- 
wahlkreisen sind 5-l Wahlmänncr der liberalen 
Partei und nur 14 Wahlmänner der Regierungs 
partei gewählt. Wir haben nicht nur im Allge- 
meinen, sondern in allen 3 Classen gesiegt und 
zwar in der 1. mit 13 gegen 11, in der 2. mit 
17 gegen 3 und in der 3. mit 24 (hier hat 
also die Regierungspartei nicht einen einzigen 
Wahlmann durchsetzen können.) (K. Z.) 
Flensburg, 30. Oct. (Nachrichten.) Die 
heute hieselbst abgehaltene Wahl der Wahl 
männer für die Abgeordnetenhauswahlen hat 
sehr wenig Betheiligung gefunden. Es sind 
in mehreren Districten gar keine Stimmen ab 
gegeben. Das Militär sowie die dänischge 
sinnten Einwohner haben sich gar nicht be 
theiligt. Die Wahl in fast sämmtlichen Be 
zirken war schon vor Mittag beendigt. Nur 
sir einem oder in ein paar Bezirken fanb eine 
engere Wahl statt. 
Meldorf, 28. October. Der Obergerichts- 
advocat Dose hieselbst ist zum Bürgermeister 
in Segeberg ernannt. 
* Rendsburg, 1. Nov. Den Compagnie- 
Exercitien, zu denen vor mehreren Wochen 
dieLaudwehrmannschaften herangezogen morden, 
folgten in den letzten Tagen die Regiments 
exercitien des Lösten Regiments, zu welchen 
auch das Füsilierbataillon des genannten Regi 
ments am verflossenen Sonnabend von Eckern 
förde hier eingerückt war. Heute Vormittag 
11 Uhr traf der Höchstcommandirende des 9. 
Armeecorps Se. Exellenz Generallieutenant von 
Mau sie in, behufs Inspection der Truppen 
im Feuer, hier ein. Die Manöver auf dem 
sog. Camp wurden mit ausgezeichneter Präcision 
zur Zufriedenheit des Höchstcommandirenden 
ausgeführt, in dessen glänzender Suite wir 
Se. Exc. General-Lieutenant v. Rosenberg-Grus- 
zinsky, Generalmajor v. Wrangel, General 
major v. Bülow, Generalmajor v. Kaphengst, 
Oberst v. d. Osten, Oberst v. Zglinitzky, Ma 
jor v. Schlichting, Major v. Scribo, Haupt 
mann Vogel v. Falkenstein und noch mehrere 
höhere Stabsoffiziere bemerkten. Nach Beendi 
gung der Inspection war große Tafel bei dein 
Festungs-Commandanten Hrn. Generalmajor v. 
Kaphengst. Ihr Absteig quartier hatten die 
Herren im Hotel „Stadt Hamburg u. Lübeck" 
genommen. 
Heute Vormittag hat das Füsilierbataillon 
des 85. Regiments seinen Rückmarsch nach 
Eckernförde angetreten. Das Offiziercorps und 
die Regiments-Musik gaben dem Bataillon das 
Geleite. 
— Auch ist in Steuerangelegenheiten der 
Herr Regierungspräsident Elwanger aus Kiel 
hier anwesend. 
—, 31. Oct. Die am Mittwoch - Vormittag 
stattgehabte Wahl vo» Wahliiiäniier» zum Abge- 
ordiieteuhaus verlief unter »»gemein schwacher 
Betheiligung.^ Von ca. 2000 'Wahlberechtigten 
habe» ca. 170—180 ihre Stimmen abgegeben. 
I» Folge dieser äußerst schwachen Betheiligung 
seitens der großen Mehrzahl der Bürgerschaft ge 
lang es der regierungsfreundlich - con'stitiitioucllen 
Partei, die zur Erfüllung ihrer Wahlpflicht auf 
den, Kampfplätze sich zahlreich cingefunden hatte, 
16 von ihren Candidate» dnrchznbringc». Die 
Zahl der demokratischen Candidatcu beträgt 20. Hei 
terkeit erregte es, daß in mehreren Fällen die Ur 
wähler sich selbst wählten. 
Sonstige Wahlresultate liegen folgende vor: 
Hadersleben: 20 Deutsche, 14 Dänen. 
Apenrade: 9 Deutsche, 10 Dänischgesinnte. 
Sonderburg: 14 Dänen, 4 Deutsche. 
Tandem: von 640 Wählern hatten 124 ge 
stimmt, die Dänischgesülnten enthielten sich 
der Wahl. 
Tönning: 10 Liberale, 2 Nationale. 
Husum: 16 Liberale, 2 regierungsfreundlich. 
Schleswig: In der 3. Abtheilung siegten die 
Radicalen, in der 2. Classe die Nationalen. 
Heide: von 24 Wahlmännern 21 liberale. 
Wesselburen: 5 Liberale, 1 zweifelhaft. 
Lunden: 13 Liberale, 2 zur Regierungspartei 
gehörend. 
Elmshorn: 12 Liberale, 9 der Regierungspartei 
angehörig. 
Ploen: von 9 Wahlmünnern 6 liberal. 
Nortorf: vorherrschend liberal. 
Meldorf: 8 Liberale, 4 Gegner. 
Neumttnster: 17 Conservative, 13 Liberale. 
Amt Neumünster: 10 Liberale, 1 regierungs 
freundlich. 
Glückstadt: von 21 Wahlmännern 15 liberale. 
Crempe: liberal. 
Brunsbüttel und Umgegend: liberal. 
Altona: von 216 Wahlmännern 114 liberal 
(Freihafenpartei). 
Im südliche» Schleswig war die Betheiligung 
an den Wahlen gleichsaÜs eine äußerst geringe. 
So wurde» in dem Wahlbezirk Nübbcl-Elsdorf 
17 (Stimmen abgegeben, in Duvenstedt mußten 
die Wahlvorsteher, da Niemand zum Wählen er 
schien, unverrichteter Sache nach Hanse gehen. In 
Eckernsördc waren von 1100 Wählern 60 erschiene». 
Wien, 31. October. (H. N.) Der Kaiser 
begiebt sich morgen nach Compiegne. Seine 
Ankunft hier erfolgt am 7. November. Der 
Besuch in Stuttgart steht fest, Besuche in Karls 
ruhe und München sind wahrscheinlich. Von 
einem Besuche beim Berliner Hofe ist keine 
Rede, auch keine Einladung dazu ergangen.— 
Frh. v. Beust geht morgen nach London und 
trifft mit dem Kaiser erst wieder in München 
zusammen. 
Paris, den 29. October. Der „Moniteur" 
meldet: Dem Banket im Stadthause wohnten 
beide Kaiser, die Kaiserin, die österreichischen 
Erzherzöge, die Königin von Holland, der 
König von Baiern, Ludwig der Erste, bei. — 
Napoleon brachte folgenden Toast aus: „Ich 
trinke auf die Gesundheit des Kaisers von 
Oesterreich und der Kaiserin Elisabeth, deren 
Abwesenheit wir lebhaft bedauern. Ich bitte 
Sie, diesen Toast annehmen zu wollen als 
den Ausdruck unserer tiefgefühlten Sympathien 
für Ihre Person, Ihre Familie und Ihr Land/s 
— Der Kaiser von Oesterreich erwiderte: „Bei 
dem kürzlichen Besuche der Gruft meiner Ahnen 
in Nancy dachte ich daran, ob wir nicht in 
diese Gruft alle Uneinigkeiten versenken könnten, 
welche beide Länder, welche berufen sind, zu- 
smnmen die Wege des Fortschrittes und der 
Civilisation zu wandeln, getrennt haben. Soll 
ten wir nicht durch unsere Einigung dem Frie 
den, ohne welchen das Gedeihen der Völker 
unmöglich ist, ein neues Unterpfand bieten 
können?" 
„Ich danke der Stadt Paris für den mir 
bereiteten Empfang, denn die Beziehungen der 
Freundschaft und des guten Einvernehmens 
zwischen den Souoerainen haben heutzutage 
doppelten Werth, weil sie sich stützen auf die 
Sympathien und die Bestrebungen der Völker. 
Ich trinke die Gesundheit des Kaisers, der 
Kaiserin, des kaiserlichen Prinzen, Frankreichs 
und der Stadt Paris." 
Paris, den 29. October, Abends. Die 
„France", den Trinkspruch des Kaisers von 
Oesterreich besprechend, bemerkt: Oesterreich und 
Frankreich repräsentiren die Bedingungen des 
dauerhaften Friedens, gegründet auf das Gleich 
gewicht der Mächte und die Unabhängigkeit 
der Völker. Ein Frieden, welcher den unbe 
rechtigten Ehrgeiz triumphiren ließe, wäre des 
Zeitalters unwürdig. Eine wahrhafte Frie 
denspolitik giebt den Völkern wie den Regie 
rungen eine Garantie gegen Drohung und Un 
terdrückung. Diese Politik legte der Kaiser 
von Oesterreich unter allgemeinem Beifall dar. 
Die öffentliche Meinung wird darin den Aus 
druck ihrer eigenen Ideen und Hoffnungen 
finden. 
Der „Etendard" spricht sich gleichfalls höchst 
beifällig über den Trinkspruch aus. 
ParK, 31. October. Die „Liberte" sagt! 
Frankreich drückte Preußen seine Erkenntlich- 
kett aus für seine Haltung in der Kirchenstaats 
frage, welche mächtig zur Erhaltung des Frie 
dens beigetragen habe. Die Mehrzahl der 
Mächte nahm das Conferenzprojekt günstig ans, 
nur der Papst weigert sich. Die Conferenz 
würde daher ohne den Papst stattfinden. 
Florenz. Am 22. subr Garibaldi Nachts gegen 
die römische Grenze, übernahm Donnerstag den 
Befehl über die Legion Menoili's und ließ sie 
gleich vorwärts marschire», in der Stärke vo» 
etwa 3500 Man». Am 24. früh stieß er in 
Monterotondo auf eine starke Coloniie päpstlicher 
Truppen, die sich auf jener Anhöhe verschanzt hat 
ten, und die mit Anillcrie versehen die Garibal- 
dianer festen Fuße« erwartet,n. Garibaldi ließ 
zun, Angriffe blasen und schlug die Päpstlichen 
aufs Haupt, nahm ihnen drei Kanonen weg und 
machte eine Zahl Gefangene. Durch ein kühnes 
taktisches Manöver hatte er die Feinde umzingelt, 
so daß sie sich nicht mehr wehren konnten 
»nd in wilder Flucht unter Zurücklaffung von 
Waffen und Munition ihr Heil suchen mußten. 
Garibaldi ließ verfolgen, aber bei Torrctlo konn 
ten sich die Zuaven wieder sammeln und aus Rom 
in vergangener Nacht Verstärkung erhalten. Am 
25. früh griff sie der Jnsurgentengeneral wieder 
an und sprengte sie wieder auseinander. Von den 
Insurgenten wurden einige Führer schwer verwun 
det und getödtct; darunter der Major Salomone. 
Major Mosto ist schwer verwundet. Der Weg 
nach Rom war damit geöffnet und am 27. Mit 
tags langte Garibaldi vor Rom an. Letzteres ver 
sichern der .Italic' zufolge, auch Reisende, die 
von der Grenze eingetroffen sind. Au deinselbe» 
Schärliu verwandt, empfing von ihr auch seinen 
Morgenkaffee und aß zweimal wöchentlich am Tische 
seiner Wirthin. 
Fritz Sölger war bereits 21 Jahre alt und 
konnte erst im nächsten Semester daran denken, 
sein Abiturienten-Examen zu machen. 
Er war verwaist, voter- und mutterlos seit 
seinem zwölften Jahre, hatte im fünfzehnten be 
reits als Apothekerlchrling sein selbstverdientes 
Brot gegessen und dann vom brennenden Trieb 
zum Studium hingerissen, sich eine jener ärmli 
chen Existenzen gegründet, wo der Schüler durch 
Lehren sich das dürftige Brot schafft, um selbst 
lernen zu können. Fünf Freitische machten es ihm 
möglich, alle Tage in der Woche Mittag esse» zu 
können, den» am Sonnabend ließ er sich sein Essen 
aus einer billige» Restauration holen und Sonn 
tags lud ihn Tante Schärliu jedesmal ein, ihr 
Gast bei dem kleinen Brate» zu sein, den» Beru- 
hardine so wohlschmeckend zuzubereiten wußte. —• 
Das war ein Festtag für den einsam lebenden 
Jüngling. Im Zimmer der Tante war cs im 
Winter so gemüthlich warm. Die Ofenröhre lag 
schon, wenn er eintrat, voll schöner Borstorfer 
Aepfel, die gebraten und mit Zucker genossen später 
ein angeiiehines Dessert bildeten, zu dem Frau 
Schärliu noch schöne Haselnüsse und Honig zu 
fügen pflegte. Dann trank man vortrefflichen 
Kaffee und plauderte so fröhlich und so herzlich 
miteinander, und war die gütige Wirthin wohl 
genug, so blieb Fritz auch Abends bei den Da 
men und las ihnen beim Lampenlichte vor. 
Diese Lescabende waren nun besonders Bern- 
hardinen's Freude. Das junge vielbeschäftigte 
Mädchen hatte nicht Zeit, ihren Geist durch fleißi 
ges Lesen zu nähren. Romane kannte sie gar nicht, 
die Mutter liebte eine solche Lrctüre nicht, und 
die Bücher, welche diese ihr in die Hand gab, 
waren zwar alle nützlich aber kaum sehr unterhal 
tend für ein junges Mädchrn. 
Meistens waren cs Reisebcschrcibcruugen. 
»Du wirst mit eigenen Augen wenig von Got 
tes großer und schöner Welt sehen,' pflegte Frau 
Schärliu zu ihrer Tochter zu sagen, .lerne sie denn 
durch die Worte Anderer kennen,' und so las 
Becnhardine für sich allein die Nordpolexpeditio- 
neu des Capitaiu Roß und die Schilderungen der 
Sahara, sie war mit Io Vaillant am Eap der 
guten Hoffnung und mit Cook auf O'Tahiti. 
Manchmal war das ganz hübsch, aber schöner 
war es doch, wenn der junge Sölger mit seiner 
klangvollen Stimme die Dramen Schiller's vor 
las, und manches Thräuchen floß aus den Augen 
des junge» Mädchens, dem Abschiede von Max 
Piccolomini, und dem Tode der Gattin Fiesco's. 
^ Sölger, der selbst einen natürliche» Sinn für 
Poesie hatte, fand eine besondere Freude daran, 
für seine Frenndinnen die Odyssee zu übersetzen, 
und sie so in die ferne Vergangenheit des Men 
schengeschlechtes zurückzuführen. Das waren ge- 
nußreiche Stunden für alle Drei und Bcrnhardine 
freute sich im Winter noch mehr als im Sommer 
ans den Sonntag, obgleich auch die Soniniersouu- 
tagc ihren Reiz hatten, denn Frau Schärliu brachte 
dieselben mit ihrer Tochter und bisweilen auch von 
Fritz begleitet meist an der sechsten Schleuse zu. 
Der Herr Präsident batte der kränklichen Wittwe 
für jeden Sonntagnachmittag seinen Wagen zur 
Disposition gestellt, und wie heiter genossen Mut 
ter und Tochter das sonst so kostspielige Vergnü 
gen einer Spazierfahrt i» der schönen Sommerluft! 
Wahrlich, die verwaiste, von allen jugendlichen 
Be rgnügunge» ausgeschlossene Bernhardiue Schär- 
lin war glücklicher, als es viele Töchter reicher 
Eltern sind,, die, vo» einer Zerstreuung zur andern 
eilend, den Frieden der Häuslichkeit, das echte 
Glück heiterer Arbeitsamkeit nicht kennen. 
Als der junge Sölger nach glücklich vollendetem 
Abiturienten-Examen zur Universität abging, war 
Bernhardine siebcnzehn Jahre, ei» sanftes, fleißi 
ges Mädchen, nicht gerade schön, aber von ange 
nehmem Aeußercn und gewinnendem Wesen. 
Der Abschied vo» ihrem Jugendfreunde war 
gleichsam der Wendepunkt ihres Lebens An dem 
selben Tage ward die immer kränkelnde Mutter 
ernstlich krank und mußte sich legen, Bcrnhardine 
pflegte sie mit aller Liebe und Ausdauer. Olden 
dorf, seit dem Tode des Vaters fast ein väterli 
cher Freund Bcrnhatdinen's und stets voll Auf 
merksamkeit für die kränkelnde Wittwe, that was 
möglich war, das sinkende Leben zu stütze», aber 
sie selbst fühlte, daß ihre Tage gezählt seien, und 
wie herzlich und ernstlich auch ihr Vertrauen auf 
Ihn war, der der rechte Vater ist über alles was 
Kinder heißt, im Himmel und auf Erden, so lag 
doch große Angst auf ihrem Mutterherzcn. Nicht 
sowohl wegen Vernhardinen's Zukunft, sie ver- 
traute aufi ®ott,_ der dem Fleißige» Brot gibt, 
aber sie fühlte sich belastet von dem Geheimniß, 
das sie dem jungen Mädchen nach dem Wunsche 
des sterbenden Vaters »och immer nicht mitge 
theilt hatte. Durfte sie cs ihr auch jetzt verschwei 
gen. d urfte sie das sieben zehnjährige Mädchen in 
Unwissenheit darüber lassen, daß sie ganz in der 
Nähe eine Verwandte besaß, die gewiß die na 
türliche Berpflichtung, vielleicht, wahrscheinlich so 
gar, auch die Liebe und den guten Willen haben 
mochte, die verwaiste Jugend der einzigen Toch 
ter ihres Sohnes zu schützen? 
Sie kannte die Verhältnisse, die einst dem Fehl 
tritte der Frau vorangegangen waren, die, jetzt 
eine Matrone nnd in sehr'glänzenden Verhältnissen 
lebend, sich allgemeiner Achtung erfreuen konnte, 
nicht. Hatte sie das Recht, de» schwer errungenen 
Frieden ihres Greiscnalters zu stören und anS 
Rücksichten auf ihr Kind in jenem Familienkreise 
Erinnerungen an eine Vergangenheit anszufrischc», 
die jedenfalls traurig waren? 
Würde ihr theurer verstorbener Gatte, dem sie 
nun bald für ewig vereint zu finden hoffen durfte, sol 
chen Schritt billige» ? Würde er ihn für nothwendig 
wendig und seiner jugendlichenTochter heilsam halten? 
Alle diese Frage» bewegten die Kranke mit gro 
ßer Unruhe in ihrem Herzen, und die liebevolle 
Tochter erkannte wohl, das ihre Mutter von Ge 
danken gequält wurde, die sie ihr nicht mitzutheilen 
wagte, aber sie hielt es für Unrecht, diese Unruhe 
durch Fragen vielleicht noch zu vermehren und 
suchte nur die geliebte Mutter, die offenbar auch 
Sorgen für die Zukunft der Tochter hatte, nach 
Kräften zit beruhigen. (Forts, folg.) 
Vacant: 
Eleinentarlehrerstelle i» Hohenaspe. Gehalt 375 Ķ 
Elemcntarlehrerstclle in Garding. Gehalt 700 f re ie 
Wohnung, Garte» und 75 $ Feuerungsgeld. 
Die Stege eines Küsters und Lehrers an der Mittcl- 
knabenktaffe in Garding. Freie Wohnung und Feue 
rung nnd 800 Ŗ Gehalt. 
Das Rectorat in Preetz. Freie Dieustwohnuna und Gar 
te», Gehalt 1500 Ŗ Cour., IG Fade» Holz 
Obereleinentarktasseiilehrer-Stelle zu Preetz. Gehalt 600 M, 
FeuecungSgeld 90 $.
	        
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