Bergenhusen, das Storchenparadîes
Sm storchenreichsten Dorf werden Jungstörche mit ï"ÄjSļ|ļ|| âm È
dem Futzring der Vogelwarte Helgoland versehen -Ģ ş ş4r
Gleißend liegt die Mittsommersonne über
den fruchtbaren Niederungen der Landschaft
Stapelholm, sengend brennt sie vom fast wol
kenlosen Himmel. Das ist die Zeit der Heu
ernte, die in diesem Jahre reichen Ertrag
bringt. Bei Fünfmühlen an der Sorge sehen
wir einen Bauern beim Heu. Ruhig sitzt er auf
seinem Heuwender, vor dem gemächlich eine
braune Stute geht. Neben dem Muttertier
tänzelt ein munteres Fohlen mit seinen noch
unbeholfen langen Beinen, und begleitet die
Stute in munteren Sprüngen. Ein paar
Schritte dahinter folgt mit gravitätischem
Ernst, den langen Schnabel suchend auf den
Boden gesenkt, ein Storch. Eine sommerliche
Idylle! Und ein paar hundert Meter weiter
Mit Leitern und Dachstuhl zum Storchennest.
Lichtbild: K. Müller.
ein anderes Bild: einige Stück Rindvieh grä-
sen behaglich auf der Weide, und auch zwischen
ihnen, ohne irgend welche Scheu, wieder ein
Storch.
So kann man in Stapelholm überall in den
Niederungen der Sorge, der Treene und der
Eider, auf den Feldern und Weiden Freund
Adebar sehen, der sich als tüchtiger Helfer des
Bauern erweist, und von ihm als solcher auch
geschätzt wird. Nicht nur Frösche und Mäuse
verzehrt er, sondern vor allem auch in großer
Menge Insekten, Heuschrecken und Käfer und
macht sich dadurch außerordentlich nützlich..
Und wenn sich die Grenzen zwischen Nützlich
und Schädlich dabei auch einmal verwischen
sollten, so darf man ihm das nicht übel neh
men. Dem Bauern und seinem Vieh folgt er
wie selbstverständlich auf Feld und Weide, doch
jedem Fremden geht er mit langen Schritten
vorsichtig aus dem Wege.
In allen Dörfern Stapelholws hört man
das laute Klappern der Störche, und findet
ihre Nester auf den Retöächern der Bauern
häuser. Stapelholm mit seinen Niederungen
wird von den Störchen sehr bevorzugt. Das
eigentliche Storchenparadies in Stapelholm
und in ganz Schleswig-Holstein ist jedoch das
anmutig auf einem Höhenzug liegende Dorf
Bergenhusen mit seinen winkeligen Straßen
und seinen stattlichen, meist mit Ret ge
deckten schönen Bauernhäusern. In seiner Um
gebung finden wir prachtvolle Buchenwaldun
gen, nach Nordosten und Südosten liegen
Börmerkoog und Meggerkoog, östlich vom
Dorf die Sorgeniederung, westlich das Treene-
tal. Von dem Höhenrücken hat man einen
schönen Blick weit ins Land. Gerade die Ver
schiedenheit der Landschaft wirkt ungemein an
sprechend. Zu alle dem verleiht der Storchen-
reichtum dem Dorf einen besonderen Reiz.
Bergenhusen kann mit seinen 203 Störchen
den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, nicht
nur das storchenreichste Dorf Schleswig-Hol
steins, sondern wahrscheinlich des ganzen
Reiches zu sein. Man könnte versucht sein
zu sagen, daß in Bergenhusen mit seinen 880
Einwohnern ungefähr jede Familie ihren
eigenen Storch hätte, was sich auch in bevölke
rungspolitischer Beziehung irgendwie auswir
ken müßte...
Ostpreußen hat an sich erheblich mehr Störche
wie Schleswig-Holstein — im Jahre 1934 nach
der Bestandsaufnahme der Regierung 16 688
Brutpaare, das sind 44,5 Brutpaare auf 100
Quadratkilomeetr, — während in Schleswig-
Holstein im gleichen Jahre 12 Brutpaare auf
100 Quadratkilometer kamen. Trotzdem dürfte
man in Ostpreußen kaum einen einzelnen Ort
finden, der mehr Störche aufzuweisen hätte
als Bergenhusen. In 59 Horsten leben hier
118 Altstörche und 86 Jungstörche. Das bedeu
tet gegenüber den letzten Jahren einen ziem
lichen Zuwachs, wie sich denn überhaupt die
Zahl der Störche seit dem Rückgang, der sich
bis 1930 fortsetzte und dessen Ursache in kli
matischen Verhältnissen zu suchen sein soll,
wieder erhöht hat. Ungefähr 10 vH Störche
zählt man im allgemeinen heute mehr als
damals. Während man in Bergenhusen noch
1934 46 Horste zählte, waren es 1935 schon 55
und in diesem Jahre 69.
Auch in den Dörfern der Umgegend ist der
Storch nicht gerade selten. So hat man in
Norderstapel im Jahre 1935 43 Horste gegen
über 38 im Jahre 1934 gezählt, und auch in
diesem Jahre dürfte die vorjährige Anzahl
erreicht, wenn nicht sogar überholt worden
sein. Außerdem sind rund 65 Jungstörche vor
handen. In Meggerdorf gab es 1934 14 Horste,
1935 11 und in diesem Jahre 15 bei zirka 24
Jungstörchen. In Hollingstcdt wurden 1934 27,
in Seeth 21, in Erfde 20 Horste festgestellt, und
auch in diesem Jahre dürften es dort nicht
weniger sein. Von den übrigen Orten sind uns
die Zahlen nicht bekannt.
Als Ende März und Anfang April die
Störche von ihrer langen Reise aus Südafrika
zurückkehrten und ihr Kommen mit lautem
Geklapper ankündigten, da war im Torf über
all die Wiedersehensfreude groß. Einige Male
wurden die leeren Horste überflogen, einige
Kreise um sie beschrieben, und dann suchte
jedes Storchenpaar sein altes Nest zu besetzen.
In vielen Fällen ging das allerdings nicht so
reibungslos vor sich, und um den Besitz der
Nester wurden erbitterte Kämpfe ausgetragen,
bei denen die Federn nur so stoben. Gerade
in diesem Jahre hörte man von harten Stor
chenkämpfen. Aber schließlich waren dann alle
Nester besetzt, und nur eine Anzahl von Ein
zelgängern männlichen und weiblichen Ge
schlechts suchten sich in den Waldungen eine
Unterkunft. Das waren die 1—2jährigen
Jungstörche, die noch nicht brutreif sind und
infolgedessen keine Familie gründen, sondern
als Junggesellen oder Junggesellinnen ihre
Tage ungebunden verbringen. Die älteren
Tiere aber führen ein sehr geregeltes Fami
lienleben. Nach einigen Wochen hat sich dann
in den Nestern junges Leben geregt. Die Eier
sind ausgebrütet, die Jungen ausgeschlüpft
und wachsen nun rasch heran, von den alten
Tieren eifrig und unermüdlich mit Nahrung
versorgt. Nur noch kurze Zeit wird es dauern,
dann werden sie ihre ersten Flugversuche un
ternehmen.
Diese Spanne Zeit wird zur Beringung der
Jungstörche ausgenutzt. Die Vogelwarte
Helgoland (im östlichen Teil Deutschlands die
Vogelwarte Rositten) führt ebenso wie die Be
ringung anderer Vögel auch die der Jung
störche durch. Mit Hilfe des Fußringes, den
die Jungstörche erhalten, werden Feststellun-
Anj manchen der schönen mit Ret gedeckten Bauernhäuser befinden sich zwei Storchennester.
Lichtbild: K. Müller.
Mittelschullehrer Möller
mit einem jungen Storch.
Lichtbild: König.
gen über die Route des Vogelfluges gemacht,
wird überhaupt das Vogelleben in jeder Be
ziehung erforscht. Man verschafft sich mit Hilfe
des Fußringes Aufschluß über die Ortstreue
der Vögel, die Wahl neuer Brutplütze, Gatten
treue, Verhalten von Vögeln verschiedenen
Alters, Brntreife, Lebensdauer, Nistgewohn
heiten usw. Die Aufschrift des Ringes ermög
licht Rückmeldung und Erkennung im Falle
des Wiederfindens. Durch die Beringung hat
man auch die Wanderwege festgestellt, die die
Störche im Herbst nach dem Süden Afrikas
und im Frühjahr zurück zu uns benutzen. Es
hat sich ergeben, daß die östlich der Weser le
benden Störche eine Südostroute einschlagen,
und über Oberschlesien, Balkan, Palästina,
Sudan nach Südafrika fliegen, während die
westlich der Weser lebenden Störche eine nach
Südwesten verlaufende Strecke benutzen. Sie
fliegen über Frankreich, Spanien, Gibraltar,
Westafrika nach Süden, wobei noch nicht fest
gestellt werden konnte, ob sie an der Küste
Afrikas entlang fliegen, oder den Weg weiter
östlich nehmen.
Und nun haben wir einen Nachmittag in
Bergenhusen der Beringung der Jungstörche
zugesehen. Es gibt seit einiger Zeit
eine eigene Zweigstelle der Vogelwarte Helgo
land für die Beringung mit dem Sitz in
Rendsburg, die die Bezeichnung „An der
Eider" führt, und die von Mittelschullehrer
Möller betreut wird. Mittelschullehrer Möller,
der Leiter der Rendsburger Ortsgruppe des
Bundes für Vogelschutz, führt schon seit eini
gen Jahren diese Beringung von Vögeln mit
großem Interesse und peinlicher Sorgfalt
dnrch. Mit besonderer Freude beringt er die
Jungstörche in Bergenhusen, seinem Heimat
dorf. Er weiß, daß man dort sehr storchen-
freundlich ist und daher dieser Arbeit beson
deres Verständnis entgegenbringt und ihm
in jeder Weise behilflich ist.
Schon seit dem frühen Morgen ist er am
Werk gewesen um den Jungstörchen ihre
Ein Fußring der Vogelwarte Helgoland.
Lichtbild: K. Müller.
Visitenkarte in Form des hellen Metallringes
am Fuß zu befestigen. Das ist eine Arbeit, die
verstanden sein muß, und die in solch heißen
Sommertagen Ströme von Schweiß kostet. Man
muß daran denken, daß sich die Storchennester
auf dem Dachfirst befinden, daß man also zu
nächst einmal dort oben hinauf mutz. Das ist
mitunter eine sehr mühsame Angelegenheit:
In einem Fall geht die Kletterpartie mit Hilfe
des Blitzableiters vor sich, was eine ziemliche
Fertigkeit voraussetzt, die an Fassadenkletterei
erinnert, in anderen Fällen müssen Leitern
geholt werden. Eine reicht meist nicht aus. Eine
zweite wird herangeschleppt, mitunter noch
eine dritte, und provisorisch aneinander befe
stigt. Und doch reicht auch das mitunter noch
nicht aus, so daß ein oder zwei Dachstühle, wie
sie beim Dachdecken mit Ret benutzt werden,
die letzten zwei Meter bis ans Nest über
brücken müssen. Aber schließlich ist es geschafft,
und der Beringer steht oben im Nest. Die alten
Störche haben mit langen Flügelschlügen ihren
Horst beim ersten Ansetzen der Leiter verlassen.
Von einer langen Schnur, die er um den Hals
gehängt hat, nimmt der Beringer einen der
Ringe, greift einen der Jungstörche und legt
ihm den hellen Metallstreifen um den Fuß.
Dann folgen die anderen „Nesthäkchen". Dabei
geht es zum Teil ohne recht heftige Schnabel-
hiebe nicht ab. Mit einer Gewandtheit, die
einem Schornsteinfeger alle Ehre machen
würde, läuft Möller dann auf der oberen
Dachkante zu dem zweiten Nest, das auf der
anderen Seite des Daches liegt, und nimmt
dort die gleiche Beringung vor. Mit der glei
chen Sicherheit verläßt er das Dach wieder,
und macht nun zunächst seine Eintragungen
über die genaue Bezeichnung der Beringung,
mit der gleichzeitig eine genaue Bestandsauf
nahme eines jeden einzelnen Nestes verbun
den ist.
Die Zahl der Jungen in den Nestern
ist sehr verschieden, sie schwankt zwischen 1 und
4. Immer wieder kommt es vor, daß junge
Störche, die die Alten als lebensuntüchtig an
sehen, aus dem Nest geworfen werden. In
diesem Jahre waren es in Bergenhusen 15
Jungstörche, die so ausgemerzt wurden. In
einem Horst wurde ein Junges sogar von den
Eltern aufgefressen. Das gleiche war im selben
Horst merkwürdigerweise auch im vorigen
Jahre der Fall. Es scheint sich hier um eine
Entartung zu handeln, für die Gründe nicht
bekannt sind.
Es mag vielleicht noch interessant sein zu
wissen, daß man in England, wo es keine
Störche gibt, jetzt den Versuch unternommen
hat, sie einzuführen. Zu diesem Zweck ließ
man aus Deutschland Storcheneier kommen,
die man m Reiherhorsten hat ausbrüten
lassen. In diesen Tagen ist der erste Jungstorch
in England ausgeschlüpft. Man will versuchen,
eine größere Anzahl von Störchen dort anzu
siedeln. Wir aber freuen uns, daß gerade bei
uns der Storch in so großer Zahl heimisch ist,
und daß jeder Bauer, der ein Storchennest aus
seinem Dache hat, sich darüber von Herzen
freut. Denn der Storch gehört zu den natür
lichen Schönheiten unserer Landschaft, zu der
Mannigfaltigkeit ihrer Tier- und Pflanzen
welt und verdient, daß er in jeder Weise ge
schützt wird. K. M.
Die Jugend interessiert sich
für die Anfzeichnung des Beringers.
Lichtbild: König.