Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Bergenhusen, das Storchenparadîes 
Sm storchenreichsten Dorf werden Jungstörche mit ï"ÄjSļ|ļ|| âm È 
dem Futzring der Vogelwarte Helgoland versehen -Ģ ş ş4r 
Gleißend liegt die Mittsommersonne über 
den fruchtbaren Niederungen der Landschaft 
Stapelholm, sengend brennt sie vom fast wol 
kenlosen Himmel. Das ist die Zeit der Heu 
ernte, die in diesem Jahre reichen Ertrag 
bringt. Bei Fünfmühlen an der Sorge sehen 
wir einen Bauern beim Heu. Ruhig sitzt er auf 
seinem Heuwender, vor dem gemächlich eine 
braune Stute geht. Neben dem Muttertier 
tänzelt ein munteres Fohlen mit seinen noch 
unbeholfen langen Beinen, und begleitet die 
Stute in munteren Sprüngen. Ein paar 
Schritte dahinter folgt mit gravitätischem 
Ernst, den langen Schnabel suchend auf den 
Boden gesenkt, ein Storch. Eine sommerliche 
Idylle! Und ein paar hundert Meter weiter 
Mit Leitern und Dachstuhl zum Storchennest. 
Lichtbild: K. Müller. 
ein anderes Bild: einige Stück Rindvieh grä- 
sen behaglich auf der Weide, und auch zwischen 
ihnen, ohne irgend welche Scheu, wieder ein 
Storch. 
So kann man in Stapelholm überall in den 
Niederungen der Sorge, der Treene und der 
Eider, auf den Feldern und Weiden Freund 
Adebar sehen, der sich als tüchtiger Helfer des 
Bauern erweist, und von ihm als solcher auch 
geschätzt wird. Nicht nur Frösche und Mäuse 
verzehrt er, sondern vor allem auch in großer 
Menge Insekten, Heuschrecken und Käfer und 
macht sich dadurch außerordentlich nützlich.. 
Und wenn sich die Grenzen zwischen Nützlich 
und Schädlich dabei auch einmal verwischen 
sollten, so darf man ihm das nicht übel neh 
men. Dem Bauern und seinem Vieh folgt er 
wie selbstverständlich auf Feld und Weide, doch 
jedem Fremden geht er mit langen Schritten 
vorsichtig aus dem Wege. 
In allen Dörfern Stapelholws hört man 
das laute Klappern der Störche, und findet 
ihre Nester auf den Retöächern der Bauern 
häuser. Stapelholm mit seinen Niederungen 
wird von den Störchen sehr bevorzugt. Das 
eigentliche Storchenparadies in Stapelholm 
und in ganz Schleswig-Holstein ist jedoch das 
anmutig auf einem Höhenzug liegende Dorf 
Bergenhusen mit seinen winkeligen Straßen 
und seinen stattlichen, meist mit Ret ge 
deckten schönen Bauernhäusern. In seiner Um 
gebung finden wir prachtvolle Buchenwaldun 
gen, nach Nordosten und Südosten liegen 
Börmerkoog und Meggerkoog, östlich vom 
Dorf die Sorgeniederung, westlich das Treene- 
tal. Von dem Höhenrücken hat man einen 
schönen Blick weit ins Land. Gerade die Ver 
schiedenheit der Landschaft wirkt ungemein an 
sprechend. Zu alle dem verleiht der Storchen- 
reichtum dem Dorf einen besonderen Reiz. 
Bergenhusen kann mit seinen 203 Störchen 
den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, nicht 
nur das storchenreichste Dorf Schleswig-Hol 
steins, sondern wahrscheinlich des ganzen 
Reiches zu sein. Man könnte versucht sein 
zu sagen, daß in Bergenhusen mit seinen 880 
Einwohnern ungefähr jede Familie ihren 
eigenen Storch hätte, was sich auch in bevölke 
rungspolitischer Beziehung irgendwie auswir 
ken müßte... 
Ostpreußen hat an sich erheblich mehr Störche 
wie Schleswig-Holstein — im Jahre 1934 nach 
der Bestandsaufnahme der Regierung 16 688 
Brutpaare, das sind 44,5 Brutpaare auf 100 
Quadratkilomeetr, — während in Schleswig- 
Holstein im gleichen Jahre 12 Brutpaare auf 
100 Quadratkilometer kamen. Trotzdem dürfte 
man in Ostpreußen kaum einen einzelnen Ort 
finden, der mehr Störche aufzuweisen hätte 
als Bergenhusen. In 59 Horsten leben hier 
118 Altstörche und 86 Jungstörche. Das bedeu 
tet gegenüber den letzten Jahren einen ziem 
lichen Zuwachs, wie sich denn überhaupt die 
Zahl der Störche seit dem Rückgang, der sich 
bis 1930 fortsetzte und dessen Ursache in kli 
matischen Verhältnissen zu suchen sein soll, 
wieder erhöht hat. Ungefähr 10 vH Störche 
zählt man im allgemeinen heute mehr als 
damals. Während man in Bergenhusen noch 
1934 46 Horste zählte, waren es 1935 schon 55 
und in diesem Jahre 69. 
Auch in den Dörfern der Umgegend ist der 
Storch nicht gerade selten. So hat man in 
Norderstapel im Jahre 1935 43 Horste gegen 
über 38 im Jahre 1934 gezählt, und auch in 
diesem Jahre dürfte die vorjährige Anzahl 
erreicht, wenn nicht sogar überholt worden 
sein. Außerdem sind rund 65 Jungstörche vor 
handen. In Meggerdorf gab es 1934 14 Horste, 
1935 11 und in diesem Jahre 15 bei zirka 24 
Jungstörchen. In Hollingstcdt wurden 1934 27, 
in Seeth 21, in Erfde 20 Horste festgestellt, und 
auch in diesem Jahre dürften es dort nicht 
weniger sein. Von den übrigen Orten sind uns 
die Zahlen nicht bekannt. 
Als Ende März und Anfang April die 
Störche von ihrer langen Reise aus Südafrika 
zurückkehrten und ihr Kommen mit lautem 
Geklapper ankündigten, da war im Torf über 
all die Wiedersehensfreude groß. Einige Male 
wurden die leeren Horste überflogen, einige 
Kreise um sie beschrieben, und dann suchte 
jedes Storchenpaar sein altes Nest zu besetzen. 
In vielen Fällen ging das allerdings nicht so 
reibungslos vor sich, und um den Besitz der 
Nester wurden erbitterte Kämpfe ausgetragen, 
bei denen die Federn nur so stoben. Gerade 
in diesem Jahre hörte man von harten Stor 
chenkämpfen. Aber schließlich waren dann alle 
Nester besetzt, und nur eine Anzahl von Ein 
zelgängern männlichen und weiblichen Ge 
schlechts suchten sich in den Waldungen eine 
Unterkunft. Das waren die 1—2jährigen 
Jungstörche, die noch nicht brutreif sind und 
infolgedessen keine Familie gründen, sondern 
als Junggesellen oder Junggesellinnen ihre 
Tage ungebunden verbringen. Die älteren 
Tiere aber führen ein sehr geregeltes Fami 
lienleben. Nach einigen Wochen hat sich dann 
in den Nestern junges Leben geregt. Die Eier 
sind ausgebrütet, die Jungen ausgeschlüpft 
und wachsen nun rasch heran, von den alten 
Tieren eifrig und unermüdlich mit Nahrung 
versorgt. Nur noch kurze Zeit wird es dauern, 
dann werden sie ihre ersten Flugversuche un 
ternehmen. 
Diese Spanne Zeit wird zur Beringung der 
Jungstörche ausgenutzt. Die Vogelwarte 
Helgoland (im östlichen Teil Deutschlands die 
Vogelwarte Rositten) führt ebenso wie die Be 
ringung anderer Vögel auch die der Jung 
störche durch. Mit Hilfe des Fußringes, den 
die Jungstörche erhalten, werden Feststellun- 
Anj manchen der schönen mit Ret gedeckten Bauernhäuser befinden sich zwei Storchennester. 
Lichtbild: K. Müller. 
Mittelschullehrer Möller 
mit einem jungen Storch. 
Lichtbild: König. 
gen über die Route des Vogelfluges gemacht, 
wird überhaupt das Vogelleben in jeder Be 
ziehung erforscht. Man verschafft sich mit Hilfe 
des Fußringes Aufschluß über die Ortstreue 
der Vögel, die Wahl neuer Brutplütze, Gatten 
treue, Verhalten von Vögeln verschiedenen 
Alters, Brntreife, Lebensdauer, Nistgewohn 
heiten usw. Die Aufschrift des Ringes ermög 
licht Rückmeldung und Erkennung im Falle 
des Wiederfindens. Durch die Beringung hat 
man auch die Wanderwege festgestellt, die die 
Störche im Herbst nach dem Süden Afrikas 
und im Frühjahr zurück zu uns benutzen. Es 
hat sich ergeben, daß die östlich der Weser le 
benden Störche eine Südostroute einschlagen, 
und über Oberschlesien, Balkan, Palästina, 
Sudan nach Südafrika fliegen, während die 
westlich der Weser lebenden Störche eine nach 
Südwesten verlaufende Strecke benutzen. Sie 
fliegen über Frankreich, Spanien, Gibraltar, 
Westafrika nach Süden, wobei noch nicht fest 
gestellt werden konnte, ob sie an der Küste 
Afrikas entlang fliegen, oder den Weg weiter 
östlich nehmen. 
Und nun haben wir einen Nachmittag in 
Bergenhusen der Beringung der Jungstörche 
zugesehen. Es gibt seit einiger Zeit 
eine eigene Zweigstelle der Vogelwarte Helgo 
land für die Beringung mit dem Sitz in 
Rendsburg, die die Bezeichnung „An der 
Eider" führt, und die von Mittelschullehrer 
Möller betreut wird. Mittelschullehrer Möller, 
der Leiter der Rendsburger Ortsgruppe des 
Bundes für Vogelschutz, führt schon seit eini 
gen Jahren diese Beringung von Vögeln mit 
großem Interesse und peinlicher Sorgfalt 
dnrch. Mit besonderer Freude beringt er die 
Jungstörche in Bergenhusen, seinem Heimat 
dorf. Er weiß, daß man dort sehr storchen- 
freundlich ist und daher dieser Arbeit beson 
deres Verständnis entgegenbringt und ihm 
in jeder Weise behilflich ist. 
Schon seit dem frühen Morgen ist er am 
Werk gewesen um den Jungstörchen ihre 
Ein Fußring der Vogelwarte Helgoland. 
Lichtbild: K. Müller. 
Visitenkarte in Form des hellen Metallringes 
am Fuß zu befestigen. Das ist eine Arbeit, die 
verstanden sein muß, und die in solch heißen 
Sommertagen Ströme von Schweiß kostet. Man 
muß daran denken, daß sich die Storchennester 
auf dem Dachfirst befinden, daß man also zu 
nächst einmal dort oben hinauf mutz. Das ist 
mitunter eine sehr mühsame Angelegenheit: 
In einem Fall geht die Kletterpartie mit Hilfe 
des Blitzableiters vor sich, was eine ziemliche 
Fertigkeit voraussetzt, die an Fassadenkletterei 
erinnert, in anderen Fällen müssen Leitern 
geholt werden. Eine reicht meist nicht aus. Eine 
zweite wird herangeschleppt, mitunter noch 
eine dritte, und provisorisch aneinander befe 
stigt. Und doch reicht auch das mitunter noch 
nicht aus, so daß ein oder zwei Dachstühle, wie 
sie beim Dachdecken mit Ret benutzt werden, 
die letzten zwei Meter bis ans Nest über 
brücken müssen. Aber schließlich ist es geschafft, 
und der Beringer steht oben im Nest. Die alten 
Störche haben mit langen Flügelschlügen ihren 
Horst beim ersten Ansetzen der Leiter verlassen. 
Von einer langen Schnur, die er um den Hals 
gehängt hat, nimmt der Beringer einen der 
Ringe, greift einen der Jungstörche und legt 
ihm den hellen Metallstreifen um den Fuß. 
Dann folgen die anderen „Nesthäkchen". Dabei 
geht es zum Teil ohne recht heftige Schnabel- 
hiebe nicht ab. Mit einer Gewandtheit, die 
einem Schornsteinfeger alle Ehre machen 
würde, läuft Möller dann auf der oberen 
Dachkante zu dem zweiten Nest, das auf der 
anderen Seite des Daches liegt, und nimmt 
dort die gleiche Beringung vor. Mit der glei 
chen Sicherheit verläßt er das Dach wieder, 
und macht nun zunächst seine Eintragungen 
über die genaue Bezeichnung der Beringung, 
mit der gleichzeitig eine genaue Bestandsauf 
nahme eines jeden einzelnen Nestes verbun 
den ist. 
Die Zahl der Jungen in den Nestern 
ist sehr verschieden, sie schwankt zwischen 1 und 
4. Immer wieder kommt es vor, daß junge 
Störche, die die Alten als lebensuntüchtig an 
sehen, aus dem Nest geworfen werden. In 
diesem Jahre waren es in Bergenhusen 15 
Jungstörche, die so ausgemerzt wurden. In 
einem Horst wurde ein Junges sogar von den 
Eltern aufgefressen. Das gleiche war im selben 
Horst merkwürdigerweise auch im vorigen 
Jahre der Fall. Es scheint sich hier um eine 
Entartung zu handeln, für die Gründe nicht 
bekannt sind. 
Es mag vielleicht noch interessant sein zu 
wissen, daß man in England, wo es keine 
Störche gibt, jetzt den Versuch unternommen 
hat, sie einzuführen. Zu diesem Zweck ließ 
man aus Deutschland Storcheneier kommen, 
die man m Reiherhorsten hat ausbrüten 
lassen. In diesen Tagen ist der erste Jungstorch 
in England ausgeschlüpft. Man will versuchen, 
eine größere Anzahl von Störchen dort anzu 
siedeln. Wir aber freuen uns, daß gerade bei 
uns der Storch in so großer Zahl heimisch ist, 
und daß jeder Bauer, der ein Storchennest aus 
seinem Dache hat, sich darüber von Herzen 
freut. Denn der Storch gehört zu den natür 
lichen Schönheiten unserer Landschaft, zu der 
Mannigfaltigkeit ihrer Tier- und Pflanzen 
welt und verdient, daß er in jeder Weise ge 
schützt wird. K. M. 
Die Jugend interessiert sich 
für die Anfzeichnung des Beringers. 
Lichtbild: König.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.